Neue Ansätze der geographischen Migrationsforschung. Fallbeispiel Deutschland und die globale Flüchtlingsfrage


Hausarbeit, 2019

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neue Ansätze geographischer Migrationsforschung
2.1 Mobilität und Migration
2.2 Netzwerkansätze
2.3 Kettenmigration und Familiennachzug
2.4 Transnationale Migration

4. Deutschland und die globale Flüchtlingsfrage

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Internationale Migration werde seit den 1980er Jahren nicht mehr als einmaliger und unidirek- tionaler Ortswechsel wahrgenommen, sondern in den neueren Ansätzen der geographischen Migrationsforschung viel mehr als dauerhafter Zustand betrachtet (Gans und Glorius 2014, S. 22). Vor allem transnationale Migration wird „als ein Fall von Globalisierung interpretiert“ (Faist 2007, S. 365) und spielt neben weiteren Ansätzen in der internationalen Migration eine immer größer werdende Rolle. Aufgrund der Vielseitigkeit innerhalb der Migrationsformen seien seit den 1990er Jahren neben die klassischen auch neuere Ansätze der geographischen Migrationsforschung getreten, in deren Betrachtungszentrum vor allem „die Frage nach der Bewegung und Positionierung von Migranten in sozialen Räumen steht" (Bade 2018, S. 211). In Hinblick auf Deutschland und die vor allem im Jahr 2015 präsente globale Flüchtlingsfrage soll in der folgenden Hausarbeit mit Hilfe der neueren Ansätze der Migrationsforschung be­trachtet werden, inwiefern diese auf die Fluchtbewegungen in die Bundesrepublik Deutschland und auch innerhalb des globalen Südens angewendet werden können. Hierzu werden zunächst die Begriffe der Mobilität und Migration sowie die Theorien des Netzwerkansatzes, der Ketten­migration und der transnationalen Migration betrachtet, da primär diese Theorien in der Mig­rationsforschung diskutiert werden und auf die untersuchungen der internationale Migration einwirken. Anschließend wird anhand des Fallbeispiels Deutschland und der globalen Flücht­lingsfrage analysiert, welche neueren Ansätze anwendbar sind und inwiefern die Fluchtbewe­gungen aus dem globalen Süden mit Hilfe der Theorien analysiert werden können.

2. Neue Ansätze geographischer Migrationsforschung

Mit Blick auf die Globalisierung und der damit zusammenhängenden stetigen Verbesserung von Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten kann von einer „globalisation of migration“ (de Haas et al 2018, S.8) gesprochen werden, die sich in erster Linie auf die internationale Migration und die neueren Ansätze auswirkt. Diese Auswirkungen sowie einige der neuen An­sätze sollen in den folgenden Kapiteln thematisiert und untersucht werden.

2.1 Mobilität und Migration

Aufgrund der Vielfalt von Wanderungen ist eine Unterscheidung der Begriffe Mobilität und Migration notwendig. Die Mobilität bezeichnet vor allem „jegliche Positionsveränderung von Personen in einem System“ (Gans und Glorius 2014, S. 12), wobei zwischen räumlicher und sozialer Mobilität unterschieden werde. Räumliche Mobilität kann nach Gans und Glorius in Alltagsmobilität, temporäre Mobilität und längerfristige oder dauerhafte Wohnsitzverlagerung unterteilt werden, wobei die dauerhafte Wohnsitzverlagerung als Migration bezeichnet werde (ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Schematische Darstellung unterschiedlicher Formen von Mobilität und Migration (Gans und Glorius 2014, S. 13)

Die Formen der Mobilität beziehungsweise Migration, dargestellt in der Abbildung 1, reichen von einer Pendelmobilität innerhalb eines Staates bis hin zu der transnationalen Migration über Staatsgrenzen hinaus, die in Kapitel 2.4 noch genauer untersucht wird. Bei der internationalen Wanderung über Staatsgrenzen hinaus wird die Mobilität genauer unter dem Begriff der Mig­ration gefasst. Entscheidend für die Wanderungsdefinition sei also, „dass sich der Lebensmit­telpunkt einer Person oder eines Haushaltes über eine administrative Grenze hinweg verlagert“ (ebd.). Sofern diese administrative Grenze eine Staatsgrenze darstelle, handle es sich um inter­nationale Migration (ebd.), die mit den neueren Ansätzen der geographischen Migrationsfor­schung untersucht werden kann.

2.2 Netzwerkansätze

Um das soziale Netzwerk von Migrant*innen näher untersuchen zu können, werde das Analy­sekonzept des sozialen Netzwerks herangezogen, so Freiherr von Schorlemer (Freiherr von Schorlemer 1997, S. 108). Hierbei „wird das soziale Umfeld des Migranten in die Analyse des Migrationsprozesses einbezogen“ (ebd.), wodurch sich vor allem auf die sozialen Migrati­onsgründe innerhalb der Netzwerke bezogen werde (Kathmann 2015, S. 18). Haug definiert Netzwerke „als eine Menge von Individuen, Institutionen oder organisationen und Beziehun­gen zwischen diesen Elementen“ (Haug 2000, S. 22). Die Netzwerke seien entscheidend für die Herstellung von formellen sowie informellen Kommunikationsstrukturen zwischen den Migrant*innen im Herkunfts- und Zielland. Durch sie können sich Migrant*innen, ehemalige Migrant*innen und Nicht-Migrant*innen vernetzen und austauschen (ebd.).

Zaslavskaya unterscheidet Netzwerke außerdem in „social networks“ (Zaslavskaya 2015, S. 24) und „social migration networks“ (ebd.), wobei die sozialen Netzwerke die Basis für die Bildung von ethnischen migrantischen sozialen Gemeinschaften bilden und soziale Migrations­netzwerke die sozialen Kontakte und Verbindungen zwischen Herkunfts- und Zielland anzei­gen (ebd.). Die sozialen Kontakte seien für die Aufrechterhaltung der Migrationsströme not­wendig, konstatieren Gans und Glorius (Gans und Glorius 2014, S. 19) und seien nach Zaslavskaya vor allem durch familiäre Institutionen geformt (Zaslavskaya 2015, S. 24). In erster Linie seien soziale Netzwerke familiärer institutionen ein wichtiger Bestimmungsfaktor der Migration (Freiherr von Schorlemer 1997, S. 108). Ein Migrationsnetzwerk ist somit „a complex formation that includes systems of social relationships and transactions between migrants, their forms of organization“ (Zaslavskaya 2015, S. 24) sowie weiteren beeinflus­senden Instanzen.

Aus den sozialen Netzwerken der Migrant*innen entstehen mögliche Netzwerkeffekte. Diese Effekte äußern sich im Einfluss der Migrant*innen auf Personen im Herkunftsland, aus dem sie migriert sind, indem Beziehungen zu ihnen aufrechterhalten werden und „durch den hieraus resultierenden Informationsaustausch die Wanderungsentscheidung Zurückgebliebener beein­flusst wird“ (Haug 2000, S. 22). Aufgrund der Kenntnisse der Migrant*innen können Informa­tionen über Ziele und Routen ausgetauscht werden, wodurch das erwartete Risiko der Migration durch die Personen im Herkunftsland minimiert werde (ebd.), ergo die „Wirkung von Migrati­onsbarrieren“ (Kathmann 2015, S. 19) wird, primär in Bezug auf Ängste der Betroffenen, minimiert. Sofern diese sozialen Netzwerke zwischen den Migrant*innen bestehen und ein Austausch stattfindet, kann es zur Kettenmigration kommen.

2.3 Kettenmigration und Familiennachzug

Die Kettenmigration sei eine „durch soziale Netzwerke gesteuerte Wanderung“ (Kathmann 2015, S. 20). Hierbei komme es zur Nutzbarmachung von Erfahrungen und Informationen der Migrant*innen, die schon ins Zielland migriert sind (ebd.). Kathmann unterscheidet zwei Vari­anten der Kettenmigration: Eine befasst sich mit der Gleichsetzung dieser mit dem Netzwerk­ansatz und die zweite mit der Gleichsetzung der Kettenmigration mit dem Familiennachzug. Die erste Variante umfasse somit „alle sozialen Beziehungen der Wanderer“ (ebd.). Da die so­zialen Netzwerke jedoch mehr als nur die familiären Netzwerke umfassen, sei die Gleichset­zung von Kettenmigration und Familiennachzug problematisch. Aber auch bei dem Familien­nachzug seien die sozialen Migrationsgründe ausschlaggebend. Er lasse sich insofern von der Kettenmigration unterscheiden, dass eine legale Zuwanderung meist nicht möglich ist, sodass es zu einem Nachzug von Familienmitgliedern aus dem Herkunfts- in das Zielland kommt (ebd.).

Gans und Glorius zufolge lasse sich die Kettenmigration in mehrere Phasen gliedern. Zu Beginn seien es einzelne Personen, sogenannte Pioniere, die eine Migration in das Zielland vornehmen, um dort einen befristeten Arbeitsplatz wahrzunehmen. Aufgrund der sozialen Netzwerke und Aufrechterhaltung des Kontaktes zu Familie, Verwandten und Bekannten wird „Wissen zu Op­tionen im Zielland“ (Gans und Glorius 2014, S. 23) weitergegeben. Somit werde wiederum das Risiko einer Migration und mögliche „Unsicherheiten über Nutzen und Kosten der Migra­tion“ (ebd.) geringer. Durch die Entstehung von sozialen Netzwerken im Zielland erweitern sich die Kenntnisse der Migrant*innen, wodurch Migrationswillige im Herkunftsland mobili­siert werden (ebd.).

Es wird sichtbar, dass durch das Entstehen von sozialen Netzwerken Informationen aus dem Zielland durch Migrant*innen in das Herkunftsland diffundieren können, sodass es zu Ketten­migrationen oder einem Familiennachzug kommt. Mit Hilfe von informellem und formellem Informationsaustausch steigt die Migrationsbereitschaft der Migrationswilligen im Herkunfts­land, da sich mögliche Risiken, sei es bezüglich der Arbeitsplatz- oder Wohnungssuche, mini­mieren. Nach erfolgreichen Kettenmigrationen können transnationale Migrationen entstehen, welche im folgenden Kapitel näher untersucht werden.

2.4 Transnationale Migration

Nach Faist habe die „transnationale Migration in den letzten Jahren kontinuierlich zugenom­men“ (Faist 2007, S. 365). Die transnationalen Strukturen, die mit der transnationalen Migra­tion einhergehen, ergeben sich vor allem aus der voranschreitenden Globalisierung, die diese beschleunigt haben solle (Bade 2018, S. 212 und ebd., S. 367). Die Ansätze der transnationalen Migration zu Beginn der 1990er Jahre „were used to identify and focus on an entirely new reality, based on the new, global format of interactions“ (Zaslavskaya 2015, S. 22). Um die transnationale Migration näher betrachten zu können, ist eine Unterscheidung von Migration und Remigration in Bezug auf die transnationale Migration notwendig.

Kolb verstehe unter Migration den „geplante[n] Transfer von Personen an einen anderen Ort oder soziokulturellen Raum mit anschließender Niederlassungsperspektive“ (Kolb 2006, S. 168 zit. in Schmitz 2013, S. 26). Abgrenzend hierzu verstehe Kings die Remigration als einen Prozess, bei dem Menschen zu ihrem Herkunftsland oder -ort nach einer signifikanten Periode in einem anderen Land oder einer anderen Region zurückkehren (Schmitz 2013, S. 26). Die Remigration umfasst also einen „einmaligen, langfristigen Ortswechsel“ (ebd.), der mit einer Rückkehr verbunden ist, während Transmigration aufgrund der räumlichen Mobilität „auch die kurzfristigen Verlagerungen des Wohnortes als Migration“ (ebd.) umfasst.

Um die räumliche Mobilität in die Betrachtung der Migration mit einzubeziehen, entsteht der Ansatz der transnationalen Migration. Die Migration wird nicht mehr „als einmaliger Prozess verstanden, sondern durch mehrmalige Pendelbewegungen zwischen Herkunfts- und Ziellän­dern“ (Schmitz 2013, S. 28) charakterisiert, wodurch es sich um einen zirkulären Prozess han­delt. Gans und Glorius bezeichnen dies als „mehrfache und multidirektionale internationale Wanderungsform“ (Gans und Glorius 2014, S. 23). Durch diesen Prozess hebe sich der An­satz der transnationalen Migration von den bestehenden Remigrationstheorien ab (Schmitz 2013, S. 29). Zaslavskaya definiert Transnationalismus als ein System von wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Verbindungen, die über die territorialen Grenzen eines einzelnen Staates hinaus gehen. Diese Verbindungen werden vor allem durch die sozialen Be­ziehungen der Migrant*innen hergestellt, die ihr Herkunfts- und zielland miteinander verknüp­fen (Zaslavskaya 2015, S. 23). Charakteristisch für die transnationale Migration sind bei­spielsweise Bilingualität, grenzüberschreitende soziale Netzwerke, transnationale identitäten und damit verbunden auch multinationale Verortungen der Migrant*innen (Schmitz 2013, S. 28). Im Gegensatz zur Transnationalität steht die Translokalität. Diese verbindet wiederum Lo­kalitäten, sodass Regionen oder Städte - und nicht Nationen - als Orte der Zugehörigkeit wahr­genommen werden (ebd., S. 31).

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Neue Ansätze der geographischen Migrationsforschung. Fallbeispiel Deutschland und die globale Flüchtlingsfrage
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V944702
ISBN (eBook)
9783346286130
ISBN (Buch)
9783346286147
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Migrationsforschung, Neuere Ansätze, geographische, globale Flüchtlingsfrage, Netzwerkansätze, Mobilität, Kettenmigration, Familiennachzug, Transnationale
Arbeit zitieren
Felix Dirsat (Autor), 2019, Neue Ansätze der geographischen Migrationsforschung. Fallbeispiel Deutschland und die globale Flüchtlingsfrage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944702

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