Melancholie und ihre Therapeutika in "Faust. Erster Teil" von Johann Wolfgang von Goethe


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 8


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Gliederung

1. Abstrakt

2. Einleitung
2.1 Melancholie in Werken Goethes
2.2. Zielsetzung
2.3 Herangehensweise

3. Hauptteil
3.1. Allgemeine Geschichte und Philosophie der Melancholie
3.2. Goethe als Melancholiker
3.3. Gelehrtenmelancholie bei Faust in ,Faust. Der Tragödie erster Teil'
3.4. Therapieversuche

4. Fazit

5. Bibliografie
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Abstrakt

In der vorliegenden Arbeit wird es untersucht, in welchen Formen die Melancholie bei dem Protagonisten ‚Faust‘ in ,Faust‘. Der Tragödie erster Teil' verbildlicht wird. Außerdem wird es auch diskutiert, welche Art der Melancholie und Therapeutika Goethe bei Faust entstehen lässt. Dazu wird der autobiographische Geschichtspunkt Goethes genau betrachtet d.h. Goethe als ein Melancholiker oder seine melancholischen Stimmungen werden anhand seiner autobiographischen Zeugnisse erforscht.

2. Einleitung

2.1 Melancholie in Werken Goethes

Seit der Antike zieht das Konzept der Melancholie die Aufmerksamkeit der medizinischen, wissenschaftlichen, philosophischen, theologischen, künstlerischen und literarischen Diskursen auf sich, wobei dieses seelische Phänomen zwischen Patholisierung und Idealisierung schwankt. Das bedeutet, manche sehen sie als eine seelische Krankheit an, die zur Verzweiflung, Selbstzweifel, Depression, Erschöpfung und sogar zu erstarrten Seele und Handlungshemmungen zu Folgen haben kann, aber manchen stilisierten sie als ein Tugendbegriff, der maßgeblich ein schöpferisches Potenzial und Kreativität erregen kann. Die Grunderfahrung der Melancholie ist mit ,,Schwermut'' ausgeprägt, die mit schmerzlichem Leiden verbunden ist, wobei die Aufmerksamkeit der Melancholiker von den Regelmäßigkeiten der Welt abfällt und gegen das eigene Selbst richtet.

In Goethes Dichtungen kommt immer wieder eine melancholische Stimmung vor. Die Protagonisten seiner Dichtungen wie Werther, Tasso, Faust, Wilhelm, Eduard usw. sind durch unterschiedliche Melancholie- Konzeptionen charakterisiert. In ‚Leiden des Jungen Werthers' sieht man eine psychopathologische Art der Melancholie, die Werther eine vernichtende Seelenkrankheit zufügt. Diese Art der Melancholie verursacht ihm eine seelische Erstarrung, und deshalb untergrabt seinen jeden Lebenswillen. Seine alle Therapieversuche scheitern, und allmählich bereitet diese Schwermut ihm die Todesgedanken, den zufolge er sich das Leben nimmt. In einigen Werken thematisiert Goethe die existentielle Krise.

In dem Drama ‚Faust erster Teil' setzt Goethe von Rufus, ein griechischer Art, etabliertes Konzept der , Gelehrtenmelancholie' ins Bild (Valker 2002: 4). Ein Wissenschaftler, der ständig sich überlegt, über komplexe Zusammenhänge reflektiert, wodurch er auf seine unerlässlichen Bedürfnisse keine Acht gibt, verfällt dem melancholischen Temperament. Aber das ist genauso auch, wie er seine Schwermut überwältigt. Wenn er sich seinen Forschungen hingibt, und die absolute Erkenntnis anstrebt, die ihm immer verschlossen bliebt, gelangt er zur Zufriedenheit, und seine Schwermut wird auch geheilt. Der Protagonist ‚Faust' ist ein angesehener Gelehrte, der Philosophie, Jura, Medizin und auch Theologie studiert hat. Außerdem hat er sich auch der Magie gewidmet. Trotz alledem ist er innerlich nicht zufrieden, und ihn deprimiert die Tatsache, dass man nicht alles wissen kann. Die bis dahin erlangte Erkenntnis scheint ihm, nicht genug zu sein. Er verfolgt eine Sehnsucht nach Tiefgründigkeit, die ihm ungeahnte Einsichten und Wahrheiten vermitteln kann. Aus diesem Grund gerät Goethe in Selbstvorwürfe und nihilistische Lebenseinstellung.

Durch eine solche Schilderung der Gelehrtenmelancholie- Tradition bei Faust rekonstruiert Goethe die verzweifelte Situation der modernen Gelehrten, die unter der Unfruchtbarkeit ihres Forscherdaseins leidet, und in eine schmerzliche Entfremdung von der Natur geraten. Zu dieser melancholischen Stimmung gehören die folgenden Eigenschaften und Verhaltensweise: die Unfähigkeit, Phantasie und Realität, reiche Innerlichkeit und mangelhafte Außenwelt miteinander zu vermitteln, Hypertrophe Einbildungskraft und eskapistische Flucht in einen weltlosen Subjektivismus; fortwährende Introspektion und steriler Narzißmus, Rückzug in einsame Gegende und weltverneinde Entgrenzungssehnsucht, persönliche Traumata, die in sexuellen Konflikten gründen und zu obsessiver Triebabwehr führen; existentieller Orientierungsverlust, der Lebensüberdruß und Todessehnsucht.

2.2. Zielsetzung

In dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf das melancholische Gemüt Fausts gelegt. Es ist eigentlich die Gelehrtenmelancholie Fausts, die als die Eröffnungsszene der Geschichte zum Vorschein kommt, und den Anlass für das ganze Geschehen gibt. Seine Enttäuschung mit der Wissenschaft, die nihilistische Lebenseinstellung, das Streben nach der absoluten Erkenntnis des Lebens, die Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit usw. werden anscheinend durch sein melancholisches Temperament hervorgerufen, was abschließend ihn dazu bringt, den Pakt mit dem Teufel , Mephistopheles' zu schließen, und dieser Pakt erweist sich als der Kern der Geschichte und ist die Triebskraft der ganzen Handlung des Dramas. In dieser Arbeit ist der Forschungsfrage nachzugehen ,,Wie zeichnet sich diese Gelehrtmelancholie bei Faust und welche therapeutischen Zwischenspiele werden im Drama angeboten?'' Es wird hier also ein Versuch anstellt, auf die Symptome und Therapien der Melancholie Fausts näher und ausführlich einzugehen.

2.3 Herangehensweise

Grundlage für diese Arbeit ist die Publikation des Goethes originellen Werkes ‚Faust‘. Der Tragödie erster Teil'. Außerdem sind die geschichtsphilosophischen und pathologischen Beiträge über die Tradition der Melancholie , die autobiographische Anspielung auf den melancholischen Geist Goethes anhand der englischen Übersetzung seiner Autobiografie , Dichtung und Wahrheit', dem zufolge der Charakter Fausts eigentlich modelliert ist, herangezogen worden.

Im einleitenden Kapitel wird ein Überblick über die allgemeine Tradition der Melancholie in Werken Goethes gegeben. Dann wird das Ziel der Arbeit gesetzt, wobei die Forschungsfrage klar formuliert wird. Weiterhin wird die Herangehensweise erklärt. Der Hauptteil der Arbeit ist in vier Teilen eingeteilt: erstens wird die allgemeine Geschichte und Philosophie der Melancholie diskutiert, zweitens wird Goethe als Melancholiker anhand seiner Autobiografie ‚Truth and Fiction' beobachtet, drittens wird die Melancholie Fausts bzw. seine Gelehrtenmelancholie anhand des primären Textes ,Faust‘. Der Tragödie erster Teil' untersucht, wobei es auf die Forschungsfrage eingegangen wird. Dazu werden vier Symptome seiner Gelehrtenmelancholie: Absage an Wissenschaften, Flucht in die Natur, Depression und Euphorie und Nihilismus angepackt. Fünftens wird im Hauptteil der zweite Teil der Forschungsfrage d.h. therapeutische Zwischenspiele beantwortet. Darauffolgend kommt die Arbeit zu einem Fazit.

3. Hauptteil

3.1. Allgemeine Geschichte und Philosophie der Melancholie

Im 20. Jahrhundert wurde ein großes Interesse an der Melancholie erweckt. Von dem traurigen Lebensüberdruß oder der depressiven Angst geprägte Verhaltensform ‚Melancholie' schien, vor allem in der modernen Leistung- und Konsumgesellschaft auszubreiten. Die Modernisierung führte zum wachsenden Wohlstand aber zugleich auch zu persönlicher Vereinsamung und existentiellem Orientierungsverlust. Die Gesellschaftskritiker haben immer wieder mit Nachdruck behauptet, dass die Melancholie der zahlende Preis für den beschleunigten Fortschritt der Zivilisation ist. Eine kriechende Krankheit ist die Melancholie für die moderne Gesellschaft. Das gegenwärtige Interesse an der Melancholie ist zwar größer als je zuvor, aber die kritische Auseinandersetzung mit ihr reicht bis in die Antike zurück. Das Werk von Angus Gowland 'The Problem of Early Modern Melancholy in Past und Present (2006) stellt drei überwiegende Gründe für das gestiegene Interesse an der Melancholie auf:

(i) allgemeines gesellschaftliches Chaos der damaligen Zeit, in ganz Europa.
(ii) das verstärkte Interesse an den okkulten Aspekten der Naturphilosophie und Medizin ,die insbesondere mit Hexerei und Dämonologie verbunden waren, erregte das Interesse an der Melancholie.
(iii) Da die melancholische Krankheit vor allem als ein emotionaler Zustand verstanden wurde, trug sie sowohl eine spirituelle und ethische als auch medizinische Bedeutung und nahm einen herausragende Platz in den religiösen, moralisch-philosophischen und politischen Diskursen über die Leidenschaften der Seele (Toohey 2008: 229).

Die Melancholie hat ihren Ursprung in der griechischen Medizin vor Hippokrates. Der Hippokrates charakterisierte die Melancholie durch andauernde Angst oder Verzweiflung. Er charakterisierte sie auch durch eine bedrückende Art der Angst und Geistesstörung. Neben der Angst vor Verzweiflung zeugte ein hippokratischer Aphorismus von einer bestimmten Form des durch Sprachstörungen oder Lähmung eines Körperteils geprägten Deliriums als das dritte Symptom (Jouanna 2012: 235). In der hippokratischen Medizin wurde die Erklärung der Melancholie aufgrund der galenischen humorale Theorie( Galenic Humoral theory) basiert: jeder der vier Körpersäfte (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim) wurde mit einer Jahreszeit (Frühling, Sommer, Herbst und Winter) und mit einem Gegensatzpaar (Blut mit warm und feucht, gelbe Galle mit warm und trocken, schwarze Galle mit kalt und trocken, Schleim mit kalt und feucht) verbunden .Melancholie galt als Produkt eines Überschusses von schwarzer Galle, die sich durch Kälte und Trockenheit auszeichnet, die besonders im Herbst vorkommt (Toohey 1990: 144).

Im Gegensatz zur hippokratischen Analyse der Melancholie als schädigende Körpersaft, die die Gesundheit der Menschen gefährdet, wurde in die Aristotle-Schule die Frage aufgegriffen: ,,Warum haben die Menschen, die sich in Philosophie, Politik, Poesie und Kunst auszeichnen, ein melancholisches Temperament?'' Dieses aristotelische Problem wurde als revolutionär bezeichnet (Jouanna 2012: 232) .Dabei bewertet der bekannte Aristotles Schüler ,Theophrast' im 4. v. Chr. die Melancholie als konstitutive Voraussetzung für ingeniöse Schöpferkraft , außerordentliche intellektuelle Leistungen, Kreativität und künstlerische Produktivität (Valker 2002 :2). Dies spielt also auf die Tradition der „poetischen Melancholie“ an, die durch die Flucht aus der bürgerlichen Gesellschaft und die Wertschätzung der Einsamkeit den Weg für die Selbsterfahrung bahnt. Zwar betrachtet sogar Theophrast die Melancholie als eine Gefahr für das seelische Gleichgewicht des Menschen, aber er übersieht auch die inspirierende Kraft der Melancholie, die den Bereich des Empirischen überschreitende Einsichten zu ermöglichen, nicht.

Die wissenschaftliche und künstlerische Deutung der Melancholie ist also bis in die Neuzeit hinein von dieser Dialektik geprägt. Während des 19. Jahrhunderts kam es zu einer scharfen polarisierten Aufspaltung der Auseinandersetzung mit der Melancholie: während die Aufklärer die Melancholie kritisierten, und sie als unvernünftige Schwärmerei oder weltabgewandte Traurigkeit in schlechten Ruf brachten, verehrten die Anhänger der Empfindsamkeit sie als eine edle Seelenstimmung, die nur den sensiblen Gefühlsmenschen auszeichnet. Ein Melancholiker wendet sich von den gesellschaftlichen Ansprüchen ab, und erträumt von einem jenseitigen erfüllten Dasein. Jedoch hängt es nicht davon ab, ob die Melancholie als eine Krankheit moderner Gesellschaft oder als ein künstlerisches Genie angesehen wird, lässt es sich nicht leugnen, dass es bei Melancholie immer etwas Dunkles und Bizarr, etwas Geheimnisvolles und Mysteriöses ist, was ein Interesse an der Auseinandersetzung mit ihr entfacht.

3.2. Goethe als Melancholiker

Die Entwicklung der Literatur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde durch die Überlappung der antagonistischen Epochen d.h. Aufklärung und Sturm und Drang geprägt. Eine solche kategorisierende Literaturbetrachtung erliegt häufig der Gefahr, einzelne Autoren dem übergeordneten Paradigma entsprechend zu klassifizieren, und damit sowohl die wesentlichen Charakterzüge der Persönlichkeit als auch das markante Kennenzeichen eines Werkes zu ignorieren. Goethe galt aber als über Generationen hinweg als klassisch- vorbildlicher Autor, der vermochte, die Lücke zwischen Kunst und Leben zu überbrücken.

Goethe litt häufig unter schweren Depressionen, wovon auch seine Autobiographie zeugt. Autobiografie zufolge litt Goethe bereits als 15jähriger unter melancholischen Verstimmungen. Im Zusammenhang mit einer Verwicklung in „schlechte Gesellschaft“ sowie einer prekären Liebesbeziehung ist erstmals von länger anhaltenden Depressionen die Rede:

'' I now experienced no satisfaction except ruminating on my misery, and in a thousand-fold imaginary multiplication of it. My whole inventive faculty, my poetry, my rhetoric, had pitched on this diseased spot, and threatened, precisely by means of this vitality, to involve body and soul into an incurable disorder. In this melancholic condition nothing more seemed to me worth a desire, nothing worth a wish. An infinite yearning, indeed seized me at times to know how it had gone with my friends and my beloved'' (Goethe 1882: 177).

Im Oktober 1765 verlässt Goethe seine Heimatstadt Frankfurt, um in Leipzig auf Wunsch des Vaters Jura zu studieren. Die Rechtswissenschaft interessiert ihn nur wenig. Umso mehr fesselt ihn das literarische Leben in der sächsischen Kulturmetropole , die nach den verheerenden Katastrophen des Siebenjährigen Krieges einen rasanten Modernisierungsschub erlebt. Anfänglich war er seiner künstlerischen Fähigkeit sicher. Aber der optimistische Ton verliert sich rasch. Bereits im Frühjahr 1766 leidet Goethe erneut unter depressiven Verstimmungen, die sich auf unterschiedliche Ursachen zurückführen lässt. Der wachsende Zweifel an eigener dichterischen Begabung war der Hauptgrund. In seinen Leipziger Briefen erwähnt Goethe immer wieder melancholische Verstimmungen. Von einsamen Spaziergängen, von elegischen Naturimpressionen und Dunklegemütsstimmumgen ist die Rede:

''My predilection was again directed towards landscape, which, while it amused me in my solitary walks, seemed in itself more attainable and more comprehensible for works of art than the human figure, which discouraged me'' (Goethe 1882: 271).

Er suchte also die Flucht und Trost in der Natur. Vor allem stürzten ihn die krisenhaften in melancholischen Krankheiten, von denen er sich zögerlich erholte. Das Verhältnis zu Charolette Buff, die Beziehung zu Lilli Schönemann, Seelenfreundschaft mit Charolette von Stein- alle diese Bekanntschaften mündeten in existentiellen Krisensituationen ein, die Goethe nur mithilfe zweier Therapeutika zu überwinden vermag: der literarischen Verarbeitung und räumliche Trennung durch Reisen. Einmal musste er auch zur medizinischen Hilfe greifen, von seiner melancholischen Bekümmerung geheilt zu werden.

3.3. Gelehrtenmelancholie bei Faust in ,Faust. Der Tragödie erster Teil'

Rufus behauptet in seinem Buch 'On Melancholy', dass zu viel Denken einen Menschen anfällig für Melancholie macht (Toohey 2008: 221). Jedoch war er nicht der erste, der darauf einen Anspruch erhob, aber diese Tradition wurde mit Rufus verbunden. Rufus verbindet übermäßiges Denken mit Melancholie, während Aristoteles Genie mit Melancholie verbindet. Die von Rufus vorgetragene Melancholie ist eine Art der Depression. Im Gegensatz dazu verstand Aristotles Melancholie als bipolar bzw. manisch-depressiv: manchmal sind diese Melancholiker wütend und schwärmend, zu anderen Zeiten sind sie aber ängstlich und verzweifelt (Toohey 2008: 221). Darüber hinaus geht die aristotelische Idee der Melancholie die Dichter, Staatsmänner, Generäle und Philosophen an, also die Menschen der Tat oder Schöpfung, nicht aber die intellektuellen Interpreten oder scholastische Philosophen. Es ist jedoch nicht ganz klar, ob Rufus mit "diejenigen, die übermäßig denken'' die "Interpreten" und ,,Gelehrten'' meinte. Diese Verbindung von Melancholie mit zu viel Denken lässt sich auf die Schriften des neoplatonischen Philosophen ‚Amad ibn Muammad Miskawaih‘ zurückgreifen (Toohey 2008: 225). Er vertrat die Meinung, dass die Gedankengängen über einen langen Zeitraum eine starke Krankheit [d.h. Melancholie] ergibt. Eine solche Art der Melancholie wurde als ‚Gelehrtenmelancholie‘ bezeichnet, genau worauf Goethe in seiner Autobiografie vielleicht hinweist:

''But, could they have looked into my heart, they would have discovered no waggery there; for the truth of that old proverb, ''He that increaseth knowledge increaseth sorrow'', had struck me all its force: and the more I struggled to arrange and appropriate to myself what I had seen, the less I succeeded''( Goethe 1882: 269).

In diesem Zusammenhang wurde die Kontemplative Haltung des Melancholikers nicht auf niederes und materialistisches Denken zurückgeführt, sondern auf ein tiefes Bewusstsein für die Weltjenseitigkeit des Absoluten, dessen Unerreichbarkeit die schwermütige Stimmung des grübelnden Genies auslöst. Diese Umwertung der Melancholie breitete über die Epochengrenzen der Renaissance und des Humanismus in der Moderne aus. Die durch die Gelerntenmelancholie verursachten Zerrissenheit und Verzweiflung von der nach Goethe konzipierten Figur ‚Faust‘ wegen des Widerspruchs zwischen der Innenwelt und der Außenwirklichkeit dienen als ein Paradebeispiel für die dunklen Leiden eines unglücklichen Wissenschaftlers. Faust in der Leidenschaft will für die umfassende Erkenntnis das Gelehrtendasein überschreiten und zum Absoluten (Makrokosmos) gelangen. Unter dem Staub seiner Gelehrtenexistenz findet Faust nicht das ersehnte Leben, sondern der Tod. Bei dem Versuch des Selbstmordes scheint Faust, von einer Depression in eine manische Aktivität umzuschlagen.

Diese Gelehrtenmelancholie bei Faust zeichnet sich an vielen Stellen durch verschiedene Gemüte und Bestrebungen, die im Folgenden untersucht werden.

3.3.1 Absage an die Wissenschaften

Schon bei dem Auftrittsmonolog des Dramas leuchtet die melancholische Gesinnung Fausts dadurch ein, dass er sich dem Leben bzw. dem Gelehrtendasein entfremdet fühlt. Ihm kommen die Unsicherheit und Vergeblichkeit der Wissenschaften zum Bewusstsein. Zur Folge davon will er sich von diesem eingeengte Gelehrtdasein und von den aus zweiter Hand gelieferten Wissenschaften abwenden, und sich seiner Sinnen selbst bedienen. Er sehnt sich nach universal orientierender Sinnerfahrung, die der Mensch in die Üppigkeit verstreuter Einzelerkenntnisse und Einzelwissenschaften verliert. Dabei kommt die Befindlichkeit der Hingabe Goethes an Sturm und Drang im frühen Leben, bevor er sich dem klassischen Ideal widmet, zum Ausdruck. Ihm (Faust) ernüchtert die Begrenztheit der Wissenschaften und ihre Unfähigkeit, die Existenz der Gelehrten zu genügen, und ihnen die lebendige Erfahrung zu verleihen. Faust vergegenwärtigt sich, dass die Wissenschaften nur eine Anhäufung von Einzelwissen und keine Erkenntnis des Ganzen vermitteln:

Faust: ,,Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie, Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh' ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!'' (Goethe 1808:161).

Ihm befriedigt also die Wörter der Wissenschaften nicht mehr. Er schildert die Last der Wissenschaften als bedrückend, wobei er die Mittel der Wissenschaften wie ,,Trödel'' und ,,Schädel'' als nutzlos wegwirft:

Faust: ,,Ist es nicht Staub, was diese hohe Wand Aus hundert Fächern mir verenget, Der Trödel, der mit tausendfachem Tand In dieser Mottenwelt mich dränget? Hier soll ich finden, was mir fehlt? Soll ich vielleicht in tausend Büchern lesen, Daß überall die Menschen sich gequält? Daß hie und da ein Glücklicher gewesen?- Was grinsest du mir, hohler Schädel, her?''(Goethe 1808: 170).

Er will vom Theoretischen zur lebendigen Erfahrung übergehen ,,was die Welt im Innersten zusammenhält''(Goethe 1808: 163).Durch die Absage Fausts an Wissenschaften übt Goethe eine Kritik an der modernen Krise der gebildeten Schicht. Mit dem Fortschritt des Zivilisations- , Verwissenschaftlichungs- und Spezialiserungsprozesses steigen die Erfahrung der Entfremdung und somit die Sehnsucht nach natürlichem und unmittelbarem Leben an( Schmidt 1999: 71).

3.3.2. Flucht in die Natur

Die Enttäuschung Fausts von den Wissenschaften bringt ihn dazu, sich die Flucht in die Natur zu gönnen. Abweichend von dem Einzelwissen der Wissenschaften will Faust in die Natur aufgehen und ein Gesamtwissen des Lebens erlangen. Dieses Gesamtwissen findet er in Makrokosmos und Erdgeist. Das vor ihm erschienener Zeichen des Makrokosmos erkennt er als das Wesen der All-Natur:

„Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen! Mit segenduftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen, Harmonisch all das All durchklingen!'' (Goethe 1808: 164)

Doch tut er ihn ab, da die die Erkenntnis des Lebens und der Natur nur mittelbar ist, während Faust Lebens und Natur unmittelbar erfahren will:

Faust: „Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur! Wo faß ich dich, unendliche Natur? Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens, An denen Himmel und Erde hängt, Dahin die welke Brust sich drängt- Ihr quellt, ihd tränkt, und schmacht ich so vergebens''(Goethe 1808:164).

Deshalb wendet er sich dem Erdgeist zu, der unmittelbares Leben als Handeln, Schaffen, Tätigsein schildert (Schmidt 1999: 72). Der Erdgeist erscheint in Feuergestalt, und seine unmittelbaren Elemente werden durch die Metapher wie ,,Fluten'' und ,,Sturm'' angedeutet. Der Erdgeist gilt als der ,,Geist der Erde'', also das Innere Wesen der irdischen Natur:

Faust: „Du, Geist der Erde, bist mir näher; Schon fühl ich meine Kräfte höher, Schon glüh ich wie von neuem Wein, Ich fühl Mut, mich in die Welt zu wagen, Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen, Mit Stürmen mich herumschlagen Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen''(Goethe 1808: 164).

Allerdings is Faust außerstande, wegen der menschlichen Grenzen das Ganze des Makrokosmos und die Intensität des Erdgeists zu erfassen. Verzweifelt will er die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten, indem er mit dem ,,Geist'' des Makrokosmos und dem Erdgeist kommuniziert, und alle Geheimnisse und Wirkungskräfte der lebendigen Natur verstehen, in Ermangelung wovon er sich in den Todesgedanken versenkt, was sich als Charaktertisch für das melancholische Temperament erweist.

Der melancholischen Krankheit verfallen gibt Faust sich dem zur Zeit des Sturm und Drangs hervorgerufenen Irrationalismus hin, wobei er den Ausweg in der Magie findet, sich von seiner Verzweiflung zu befreien , und seine Sehnsucht nach der lebendigen Erfahrung und der Erkenntnis des Wesentlichen zu erreichen. Der Grund seiner Hingabe an die Magie liegt darin, dass in der Antike bzw. in der griechischen Naturphilosophie Magie als Kenntnis der gesamtkosmischen Kräfteverhältnisse galt. Außerdem umfasste Magie die verschiedenen Einzelwissenschaften z.B. Theologie, Astronomie und Medizin, dessentwegen sie eine Einsicht in das innerste Wesen und in die Einheit des Alles bzw. in ein Universalwissen gewährte. (Schmidt 1999: 74).

3.3.3 Depression und Euphorie

Im Gegensatz zu Wagner, wer als ein selbstzufriedener Gelehrtentypus modelliert worden ist, repräsentiert der Gelehrtentypus von Faust die melancholischen Leiden der Gelehrten, und diese Stilisierung wurde von dem Geist des Sturm und Drangs entnommen, der sich auf die Tendenz richtete, die Melancholie mit dem Genie gleichzusetzen. Dies deutet auf die aristotelische Zwei-Dimensionalität der Melancholie hin: einerseits bewirkt die Melancholie Depression, anderseits ruft sie aber auch ,,Hochgefühle'' oder ,,Euphorie'' und eine Disposition der gesteigerten schöpferischer Tätigkeit. Diese Gegenüberstellung der ,,Niedergeschlagenheit'' und ,,Hochgefühl'' findet den stärksten Ausdruck bei der Gelehrtenmelancholie Fausts von der Anfangsszene (Studierzimmerszene) zu den späteren Studierzimmer-Szenen. Ganz anfänglich lähmt die Melancholie Fausts seinen Lebenswillen, die er als Sorge bezeichnet, und aus Depression will er sich umbringen, was als ein hervorstechendes Merkmal der Melancholie-Tradition gilt (Schmidt 1999:96):

Faust: „Die Sorge nistet gleich im tiefen Herzen, Dort wirket sie geheime Schmerzen, Unruhig wiegt sie sich und störet Lust und Ruh; Du bebst vor allem, was nicht trifft, Und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen''( Goethe 1808:170).

In dem zweiten Teil seiner Melancholie-Rede schlägt Faust aber von einer niederdrückenden in eine ,,festliche'' Stimmung um. Wenn er sich von dem Scheitern seines Bestrebens, die menschlichen Grenzen zu sprengen, um die Erdgeist-Vision zu beschwören, erdrückt fühlt, so begeistert er sich auch für einen großen Aufbruch zum Neuen (Schmidt 1999: 99):

Faust: ,,Ich fühle mich bereit, Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen, Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.

Dies hohe Leben, diese Götterwonne!''(Goethe 1808: 171).

Einerseits fühlt Faust sich durch seine unerfüllte Sehnsucht nach absoluter Erkenntnis zum ,,Staube'' niedergedrückt (Schmidt 1999: 97), anderseits erweckt aber sein Gelehrtenlos auch die Notwendigkeit des Strebens nach Höherem (Schmidt 1999:101). Aus seiner Stimmung von dem melancholischen Selbst- und Überdruß wünscht er sich danach, über diese irdische Welt hinauszugehen, und sich zum Ewigen oder zum Jenseitigen zu erheben, worauf durch das Leitmotiv des ,,Flügels'' hingewiesen wird:

Faust: „O daß kein Flügel mich vom Boden hebt, Ihr nach und immer nach zu streben! Ich säh im ewigen Abendstrahl Die Stille Welt zu meinem Füßsn Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal, Den Silberbach in goldne Ströme fließen'' (Goethe 1808:183).

3.3.4 Nihilismus- Pakt mit Mephistopheles

Die vorübergehenden Heilsmittel durch den Chorgesang, den Osterspaziergang und die Bibelübersetzung nach der ersten Melancholie-Rede Fausts in der ersten Studierzimmer- Szene münden in den durch Melancholie ausgelösten Nihilismus in der zweiten Studierzimmer- Szene ein. Für Faust verlieren alle Lebensmöglichkeiten an Wert. Er sieht keine Möglichkeit, sich zu befriedigen. Er verflucht sowohl diesseitige als auch jenseitige Heilsversprechungen (Schmidt 1999:105):

Faust: So fluch ich allem, was die Seele Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt Und sie in diese Trauerhöhle Mit Blend- und Schmeichelkraften bannt! Verflucht voraus die hohe Meinung, Womit der Geist sich selbst umfängt! Verflucht das Blenden der Erscheinung, Die sich an unsre Sinne drängt! Verflucht, was uns in Träumen heuchelt, Des Ruhms, der Namensdauer Trug! Verflucht was, als Besitz uns schmeichelt, Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug! Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen Er uns zu kühnen Taten regt, Wenn er zu müßigem Ergetzen Die Polster uns zurechte legt! Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben! Fluch jener höchsten Liebeshuld! Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, Und Fluch vor allem der Geduld! (Goethe 1808:198)

Sein Melancholie steigert zur universalen Negation, zum Fluch auf alles Leben, auf alle Güter der Erde, sogar auf Gottes ,,höchste Liebeshuld'' und die Tugenden der ,,Hoffnung'', des ,,Glaubens'' und der ,,Geduld''; er wertet alle Erdeerfahrungen und sinnliche Freuden ab, was maßgeblich Nihilismus charakterisiert.

Seine Innerlichkeit und die Außenwirklichkeit, seine Sehnsucht und die Realität stehen im Gegensatz zu einander. Er erkennt die Unmöglichkeit dieser Welt, die wahre Erkenntnis und transzendenzfähigen Genuss zu verschaffen. Dieser Ausbruch der Verzweiflung und Verneinung der Heilsmöglichkeiten lässt Faust in den Pakt mit dem Teufel zu geraten. Vom Weltgang mit Mephistopheles hat Faust nicht zu fürchten. Mit der Wette hat er auch nichts zu verlieren. Er schließt den Pakt mit Mephistopheles, nur weil er sich dessen sicher ist, dass die Bedingung der Wette d.h. Faust das Glück des Lebens zu bringen nie erfüllt werden kann. Er empfindet seine Existenz als Nichts. Psychologisch kann die Figur des Mephistopheles als eine Erscheinung des inneren Vorgangs von Faust selbst angesehen (Schimdt 1999:107). Da er alles verneint, entsteht in ihm ,,der Geist, der stets verneint''. Dem Wesen des Mephistopheles entspricht in großem Ausmaß der nihilistischen Faust.

3.4. Therapieversuche

Als Heilsmittel oder Therapeutika gegen die Melancholie läßt Goethe der Ostergesang, der Spaziergang in der Szene ‚Vor dem Tor' und die Bibelübersetzung zur Geltung kommen. In der Melancholie-Tradition wird die Musik als eine geläufiges Heilsmittel angesehen (Schmidt 1999:103). Wenn Faust versunken in den Todesgedanken versucht, den Selbstmord zu begehen, wird der Ostergesang angestimmt, der dazu dient, Faust den Todeswunsch zu entlocken:

Faust: „die Erde hat mich wieder!'' (Goethe 1808:174)

Faust: „Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt, Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.'' (Goethe 1808: 173)

Dies verweist darauf, dass der Ostergesang den Schmerz seines Gelehrtendaseins lindert, und seine Aufmerksamkeit von jenseitiger Sehnsucht wieder auf das irdische Leben lenkt; er ruft ihn ins Leben zurück. Der Chorgesang der Jünger entspricht der inneren Stimmung Fausts, indem auch der Chorgesang sich auf die Befreiung von allem Irdischen bezieht, was sich an die Sehnsucht Fausts nach ,,Höherem'' („oben“, „Erhabene“, ,,erhoben“) anpasst:

Chor der Jünger: Hat der Begrabene Schon sich nach oben Lebend Erhabene, Herrlich erhoben; Ist er in Werdelust Schaffender Freude nah; Ach! an der Erde Brust Sind wir zum Leide da. Ließ er die Seinen Schmachtend uns hier zurück; Ach! wir beweinen, Meister, dein Glück! (Goethe 1808: 174)

Dazu wird der Chor der Engel als eine Entgegensetzung stilisiert, die zum Diesseits ,,Da'' aufmuntert (Schmidt 1999: 104):

Chor der Engel: Christ ist entstanden, Aus der Verwesung Schoß; Reißet von Banden Freudig euch los! Tätig ihn Preisenden, Liebe Beweisenden, Brüderlich Speisenden, Predigend Reisenden, Wonne Verheißenden, Euch ist der Meister nah, Euch ist er da! (Goethe 1808: 174)

Psychologisch könnte der Chorgesang der Jünger und Engel als eine Projektion der Innenwelt Fausts angesehen, indem auch Faust durch seine melancholische Sehnsucht nach Jenseits zerrissen nach der Heilung sucht. Weiterhin erholt Faust sich von seiner Melancholie durch den Spaziergang vor dem Tor. In der offenen Natur gönnt Faust sich auch eine erneute Offenheit d.h. eine erneute Weltzuwendung. Er gewinnt eine neue Lust an der Lebenserfahrung und wünscht sich ein neues freudiges Leben; die heilende Wirkung der Musik und des Spaziergangs versetzt ihn in Begeisterung für die Weltfahrt:

Faust: ,,so steigert nieder aus dem goldenen Duft Und führt mich weg, zu neuem, buntem Leben! Ja, wäre nur ein Zaubermantel mein! Und trüg er mich in fremde Länder''(Goethe 1808:184).

Diese Heilung dauert aber nicht länger. Das melancholische Gemüt Fausts tritt wieder auf in der zweiten Studierzimmer- Szene, wobei er sich auf den Nihilismus einlässt und erliegt der Verfluchung von alles. Dieses Mal versucht aber Faust in der Bibelübersetzung Trost zu finden. Jedoch ist die Übersetzung der Bibel ambivalent in dem Sinne, dass einerseits wegen seines Ekels vor Wissenschaften er sich von ihnen abwenden will, anderseits er genauso auf sie zurückgreift, um seinen Schmerz auszurotten. Allerdings räumt er immer noch die Sinnlosigkeit der Wissenschaften ein, und wendet sich der Wichtigkeit der lebendigen Welterfahrung im Gegensatz zum nutzlosen wörtlichen oder theoretischen Wissen zu (Schmidt 1999:119):

Faust: ,, Geschrieben steht: ,,Im Anfang war das Wort!'' Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?'' Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen, Ich muß es anders übersetzen, Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin. Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. Bedenke wohl die erste Zeile, Daß dein Feder sich nicht übereile! Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft! Doch, auch indem ich dieses niederschriebe, Schon warnt mich was, daß ich nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat! ''(Goethe 1808:187)

So hilft nichts seiner schmerzlichen Gelehrtenexistenz ab, was schließlich zum Pakt mit dem Teufel führt, der bei der Entwerfung seines tragischen Lebens eine ausschlaggebende Rolle spielt.

4. Fazit

An den geschichtsphilosophischen Zeugnissen von den Ursachen, Typen und Wirkungen der Melancholie im Allgemeinen und der Konzipierung Fausts nach dem melancholischen Geist des Sturm und Drangs, an dem Goethe selbst als ein Melancholiker in seinem frühen Leben widmete, lässt es sich ablesen, dass bei Faust die Gelehrtenmelancholie zu finden ist, die sich durch seine Absage an Wissenschaften, Flucht in die Natur, Depression und Euphorie und Nihilismus zeichnet. Allerdings lässt es sich nicht leugnen, dass die Gelehrtenmelancholie Fausts durch die Ambivalenz geprägt ist, indem einerseits sie Faust Depression und nihilistische Stimmung bereitet, anderseits sie seinem Streben nach Erhebung zur sinnlichen Lebenserfahrung und die Grenzen der Wissenschaften überstreitend nach absoluter und wahrer Erkenntnis der Welt einen Auftrieb gibt. Die Gelehrtenmelancholie Fausts zeigt also auf, wie die Melancholie gefährlich und trübsinnig aber zugleich auch regulativ und schöpferisch sein kann. Für die Heilung der Melancholie Fausts lässt Goethe die Zwischenspiele wie der Ostergesang, der Spaziergang und die Bibelübersetzung zum Vorschein kommen.

5. Bibliografie

5.1. Primärliteratur

Goethe, Johann Wolfgang (1808). Faust. Der Tragödie erster Teil.; 1. Band. J.G. Cottaschen Buchhandlung.

5.2. Sekundärliteratur

5.2.1.Bücher

(i) Goethe, Johann Wolfgang (1882). Truth and Fiction: Relating to my life (John Oxenford, Übersetzer; 1. Band). Lovell, Coryell & Company.(Originelles Werk veröffentlicht 1811)
(ii) Schmidt, Jochen (1999). Goethes Faust, Erster und Zweiter Teil: Grundlagen-Werk-Wirkung (Wilfred Barner und Günter E. Grimm, Hg.). Oscar Beck
(iii) Valk, Thorsten (2002). Melancholie im Werk Goethes: Genese- Symptomatik- Therapie (Wilfred Barner, Georg Braungart, Richard Brinkmann und Conrad Wiedemann, Hg.). Max Niemeyer Verlag

5.2.2. Artikel in Bücher

(i) Toohey, Peter (2008). Rufus of Ephesus and the Tradition of the Melancholy Thinker, in: Peter E Pormann (Hg.), On Melancholy: Rufus of Ephesus (S. 221-243) . Mohr Siebeck GmbH and Co. KG
(ii) Eijk, Philip J Van (2008). Rufus’ On Melancholy and Its Philosophical Background, in: Peter E Pormann (Hg.), On Melancholy: Rufus of Ephesus (S. 159-178). Mohr Siebeck Gmbh and Co.
(iii) Jacques Jouanna (2012). At the Roots of Melancholy: Is Greek Medicine melancholic?, in: Philip van der Eijk (Hg.), Greek Medicine from Hippocrates to Galen (S.229-258).Brill

5.2.3. Zeitschriftenaufsätze

(i)Ann Holly, Michael (2007). The Melancholy Art. The Art Bulletin, 89(1), S.7-17. CAA
(ii) Hajduk, Stefan (2010). Goethes Gnostiker: Fausts vergessener Nihilismus und sein Streben nach Erlösungswissen. Goethe Yearbook, 17, S.89-116. North American Goethe Society.

[...]

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Melancholie und ihre Therapeutika in "Faust. Erster Teil" von Johann Wolfgang von Goethe
Hochschule
Jawaharlal Nehru University  (School of Languages)
Veranstaltung
German Studies
Note
8
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V944778
ISBN (Buch)
9783346284044
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fausts Melancholie und ihrer Therapeutik
Arbeit zitieren
Rituja Pathak (Autor), 2020, Melancholie und ihre Therapeutika in "Faust. Erster Teil" von Johann Wolfgang von Goethe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944778

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