Fanverhalten und Fanprojekte im Vergleich Fußball und Eishockey

Zielgruppen, Problemverhalten, Interventionsstrategien


Diplomarbeit, 2008

73 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung
1.2. Vorgehensweise

2. Definitionen
2.1. Fans
2.2. Subkulturen von Fans
2.2.1. Hooligans
2.2.2. Ultras
2.2.3. Groundhopper
2.3. Fanprojekte

3. Zielgruppen, Problemverhalten und Interventionsstrategien
3.1. Zielgruppen
3.1.1. Sportzuschauer allgemein
3.1.2. Der Fußball- und der Eishockeyzuschauer
3.1.3. Zielgruppen der Fanprojekte
3.1.3.1. Zielgruppen der Fußballfanprojekte
3.1.3.2. Zielgruppen der Eishockeyfanprojekte
3.2. Problemverhalten
3.3. Interventionsstrategien
3.3.1. Intervention der Polizei
3.3.2. Intervention der Verbände und Vereine
3.3.3. Intervention der Fanprojekte
3.3.4. Zusammenspiel der verschiedenen Institutionen
3.4. Zusammenfassung des Kapitels

4. Fanprojekte in der Praxis - Ein Vergleich
4.1. Das Fußballfanprojekt „Fanprojekt Leverkusen e.V.“
4.2. Das Eishockeyfanprojekt „Haie-Fanprojekt“
4.3. Berlin - Das Fanprojekt für Fußball- und Eishockeyfans
4.4. Zusammenfassung des Kapitels

5. Ausblick und Fazit

Anhang I - E-Mail der ZIS

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

„Arminen-Ordner schwer verletzt“, „Randale: Begegnung kurz vor dem Abbruch“, „Randale und 13 Verletzte“, „Nach Fan-Randale drohen harte Strafen“ - solche und ähnliche Schlagzeilen kann man immer häufiger in den Medien in Deutschland finden1. Auflagenstarke Berichte über unerfreuliche Ereignisse wie sie im Rahmen von Fußballspielen immer häufiger vorkommen und immerzu spricht man von den Fans, die doch keine seien, und man distanziert sich von solchen sogenannten Fans. Sie prügeln, zünden Rauchbomben und schmeißen Leuchtraketen auf das Spielfeld - das ist das Bild, das die Medien gerne zeichnen, wenn es um Fußballfans geht. Dieses Bild setzt sich in den Köpfen der Menschen fest. Es kommt zu verallgemeinernden Aussagen über tausende von Menschen, die Woche für Woche in die Fußballstadien pilgern und sich das Spiel ihrer Mannschaft, ihres Vereins, anschauen, dafür bezahlen und ihre Mannschaft unterstützen. Es kommt auf Grund solcher Vorfälle immer wieder die Forderung nach vermehrten und härteren Strafen gegenüber den sogenannten Problemfans, die sich im Fußballstadion aufhalten. Sie sollen verbannt werden, ausgeschlossen werden, da sie mit dem Fußball nichts zu tun haben und schon gar nicht Fans im herkömmlichen Sinne seien. Neuerdings stehen auch immer vermehrt die Fanprojekte der Vereine, im Hinblick auf ihre Arbeit, unter Beobachtung und auch von diesen werden immer häufiger Erfolge in ihrer Arbeit erwartet.

Schaut man hingegen zu anderen Mannschaftssportarten wie dem Eishockey, das ebenso Fangruppen beherbergt, so stößt man in den wenigsten Fällen auf Medienberichte, die eine Gewaltthematik haben oder über Ausschreitungen unter den Fans berichten. Auch bei Besuchen wird man feststellen können, dass im Vorfeld beispielsweise weniger Polizei anwesend ist als bei Fußballspielen. Auch hört man keine Forderungen danach, dass man bestimmte Fans ausschließen oder aus den Stadien vertreiben will. Ein recht hoher und markanter Unterschied, der einem direkt auffallen wird, wenn man die beiden Sportarten miteinander vergleicht.

Dies wirft natürlich offensichtliche Fragen auf. Arbeiten die Fanprojekte beispielsweise besser oder liegt es vielleicht auch daran, dass es im Eishockey generell ein anderes Fanverhalten gibt? Gehen die Vereine, Fanprojekte oder die Polizei anders mit den Fans um, wenn sie versuchen gegen das Problemverhalten vorzugehen, also wenn sie intervenieren? Auf diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit Antworten gefunden werden, damit am Ende ein Vergleich der beiden Sportarten gezogen werden kann in punkto Fanverhalten und Fanprojekte.

1.2. Vorgehensweise

Zu Beginn soll und muss ein kurzer Einblick in die Fanszene und -kultur gegeben werden, der anhand verschiedener Definitionen deutlich machen soll, um welche Art von Zuschauern es sich beim Vergleich der beiden Sportarten handeln wird.

Um einen Vergleich ziehen zu können, was das Fanverhalten und die Fanprojekte im Eishockey sowie im Fußball betrifft, müssen zunächst einmal die beiden Publika untersucht werden im Hinblick darauf mit welchen Motiven sie zu einem Spiel gehen. Anschließend sollen noch die Zielgruppen der Fanprojekte der jeweiligen Sportart beschrieben werden, die sich zum Teil aus der Publikumszusammensetzung generieren, aber natürlich auch durch das Problemverhalten der Zuschauer bzw. der Fans. Dieses Problemverhalten soll anschließend genauer betrachtet werden. Hier gilt es dann Gründe zu nennen, die das Problemverhalten in der jeweiligen Sportart bedingen, aber es soll auch geklärt werden welches Problemverhalten, wenn vorhanden, in welcher Sportart auftaucht.

Hat man nun das Problemverhalten näher betrachtet, so sollen verschiedene Interventionsstrategien beschrieben werden, die angewendet werden, um diesem Verhalten Einhalt zu gebieten. Hier wird es wichtig sein, verschiede- ne Ebenen anzuschauen, die sich auf Institutionen wie Polizei, Vereine und Verbände und auch Fanprojekte konzentrieren. Es muss geklärt werden wie die Interventionsstrategien der verschiedenen Institutionen sind, damit auch hier ebenso ein Vergleich gezogen werden kann.

Zum Abschluss sollen nochmals Fanprojekte in ihrer praktischen Arbeit miteinander verglichen werden, um die gewonnenen theoretischen Erkenntnisse zu verdeutlichen.

2. Definitionen

In diesem Kapitel sollen kurz die Grundbegriffe definiert werden, die zum Verständnis wichtig sind, aber auch einen kleinen Einblick in die Fanszene und -kultur geben. Als erstes soll der Fan2 definiert werden und die verschiedenen Arten von Fans. Die verschiedenen Arten sind im Fußball sowie im Eishockey gleichermaßen vorhanden, so dass eine einmalige Definition zu Beginn der Arbeit ausreicht.

Ebenso werden drei Subkulturen von Fans näher beschrieben, wovon zwei, Ultras und Hooligans, für die Arbeit von größerer Bedeutung sind als die dritte, die Groundhopper, da diese nur der Vollständigkeit wegen erwähnt wird.

Im letzten Teil der Definitionen wird noch auf die Fanprojekte und deren Definition eingegangen.

2.1. Fans

Da jeder unter dem Wort Fan und dessen Verbindung zur Mannschaft etwas anderes versteht, soll in diesem Kapitel nun der Fan näher definiert werden.

Wie im Fußball so auch im Eishockey lassen sich mehrere Arten von Fans unterscheiden. Dies beginnt schon bei der Platzwahl im jeweiligen Stadion. Nimmt man einen Sitzplatz oder nimmt man einen Stehplatz3, auf welcher Tribüne wählt man seinen Platz, dies sind schon Faktoren, die die jeweiligen Fans voneinander abgrenzen. Die Platzwahl hat natürlich nicht nur mit Geld zu tun, da ein Platz auf der Haupttribüne natürlich immer teurer ist, als ein Stehplatz in der Kurve, sondern auch mit der Annehmlichkeit wie man als

Zuschauer ein Spiel verfolgt. Auf der Haupttribüne ist die Sicht auf das Spielfeld meist weitaus besser als aus der Fankurve. Auch ist die Unterstützung der Mannschaft eine andere. Somit zeigt sich hier schon, dass Fan nicht gleich Fan ist und dass Fans nicht aus einer einheitlichen, homogenen Grup- pe bestehen.

Dies stellt auch Hüther schon fest, wenn er im Buch „Fußball, Medien und Gewalt“ auf Seite 9 schreibt: „Allerdings bleibt in diesem Zusammenhang festzuhalten, daß das Publikum eines Vereins nie eine homogene Menge von Zuschauern darstellt, sondern vielmehr immer aus mehreren Gruppierungen besteht“.4 Er definiert im weiteren Verlauf vier verschiedene Formen von Fans bzw. Gruppierungen innerhalb eines Sportpublikums:

1. Der distanziert-passive Zuschauer, der mit der reinen Erwartung zu einem Spiel geht, dass dieses interessant für ihn sein wird. Er hat kaum Identifikation zu einer der beiden Mannschaften.
2. Der engagiert-kontrollierte Zuschauer, der eine deutliche Identifikation mit der Mannschaft aufweist, eine parteiliche Beurteilung des Spielgeschehens hat und wenn möglich gerne immer einen Sieg seiner Mannschaft sehen möchte.
3. Der fanatisch-parteiliche Zuschauer, der eine totale Identifikation mit der Mannschaft und dem Verein aufweist, der den Gegner gezielt niedermacht, der seine Vereinsfarben trägt und seine Mannschaft siegen sehen will, egal mit welchen Mitteln.
4. Der konfliktsuchend-aggressive Zuschauer, nach dessen Ansicht nicht die Gastmannschaft den Gegner darstellt, sondern ihre Fans, der ganz klar immer in Gruppen im Stadion auftritt, und dessen Umfeld ihn in aggressive Stimmung bringt.

Heitmeyer unterscheidet hingegen in seinem Buch „Jugendliche Fußballfans“ nur noch drei Arten von Fans. Zum einen nennt er die konsumorientierten Fans, für die steht „das Erleben von Spannungssituationen, die von anderen dargeboten werden, im engen Zusammenhang mit Leistungsgesichtspunkten, während die soziale Relevanz weitgehend unbedeutend ist“5. Hieraus wird ersichtlich, dass für diese Art von Fans der Sport, hier der Fußball als Sport, austauschbar ist und nur ein Hobby neben mehreren anderen dar- stellt. Auch wechselt des Öfteren die Begleitung, also die Gruppe, mit der man ins Stadion geht.

Eine weitere Art stellt der fußballzentrierte Fan dar. Im Unterschied zum konsumorientierten Fan ist für den fußballzentrierten Fan außer der Leistung noch ein weiteres Merkmal entscheidend, nämlich „die ( fast ) absolute Treue, selbst bei sportlichem Mißerfolg“.6 Hierbei wird ganz klar ersichtlich, dass im Gegensatz zum konsumorientierten Fan der Sport, also der Fußball, nicht austauschbar ist und er besitzt somit eine hohe soziale Relevanz. Der einzelne Fan sucht somit in diesem Feld Anerkennung in der Gruppe und durch die Gruppe. Für ihn ist Fußball das Hobby schlechthin und spielt die zentrale Rolle in der Freizeitgestaltung.

Als dritte Art von Fan nennt Heitmeyer den erlebnisorientierten Fan. Er sieht das Spiel bzw. den Fußball als Spektakel und für ihn sind spannende Situationen sowie der Kontakt zu anderen wichtig. Ebenso wie beim konsumorientierten Fan ist der Sport austauschbar. Zwar stellt der Fußball eine hohe soziale Relevanz dar, allerdings nur solange sich keine anderen Felder auftun, die ein höheres Anerkennungspotential bieten in der Gruppe. Sie könnten ebenso zum Eishockey oder zum Basketball gehen. Die Hauptsache ist für diese Fans der Kontakt zur Gruppe und dass etwas los ist.7

Die Fans selbst haben sich andere Namen zu den Arten von Heitmeyer einfallen lassen. Konsumorientierte Fans sind hierbei „Normalos“, fußballzentrierte Fans nennen sich „Kutten“8 und zu den erlebnisorientierten Fans zählen häufig die Subkulturen wie Hooligans oder Ultras. Allerdings bilden diese sicher nur einen Teil der erlebnisorientierten Fans.9

International wie auch polizeilich werden die Fans in drei Kategorien unterschieden. Zum Einen gibt es die Fans der Kategorie A, die ein Spiel des Interesses wegen anschauen, sich friedlich verhalten, ein gutes Spiel und, wenn möglich, ihre Mannschaft gewinnen sehen wollen. Die Fans der Kate- gorie B sind teilweise gewaltbereite Fans, die zwar keine gewalttätigen Aus- einandersetzungen provozieren, ihnen aber auch nicht aus dem Weg gehen, sollte es zu einer solchen Situation kommen. Als letzte der drei Kategorien gibt es noch die Kategorie C Fans, für die das Spiel eher die Nebensache darstellt und es nur als Plattform für ihre Auseinandersetzungen nutzen. Zu dieser Gruppe zählen häufig die Hooligans, die im nächsten Abschnitt näher beschrieben werden.10

2.2. Subkulturen von Fans

Im weiteren Verlauf sollen noch drei weitere Arten von Fans dargestellt werden. Zum Einen eine schon lange bestehende Art, die sich immer mehr auf dem Rückzug aus den Stadien befindet, die Hooligans, zum Anderen eine Gruppe, die erst in den letzten 10 - 1511 Jahren wirklich in Erscheinung getreten und bei den meisten großen Vereinen zu finden ist, die Ultras. Als letzte der drei Gruppen werden der Vollständigkeit wegen noch die Groundhopper vorgestellt.

2.2.1. Hooligans

Seit der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2002 in Frankreich kennt man wohl, vor allem durch die Ereignisse in Lens12, den Begriff der Hooligans.

Über die Entstehung des Begriffes Hooligan gibt es keine einheitliche Meinung. Eine Variante geht davon aus, dass es ein englischer Kunstbegriff für das Wort Straßenrowdy sei. Eine weitere Version ist, dass das irische Wort „Hooley’s Gang“, eine Bande Straßenkrimineller, zum Wort Hooligan wurde. Eine dritte und letzte Variante: Es gab eine irische Familie, namens Houlihan, „die landesweit wegen ihrer gewalttätigen und trinkfesten Mitglieder bekannt war“13.

Weitläufig werden Hooligans, von Medien und offiziellen Stellen, als brutale Schläger, rechtsextreme Jugendliche und vor allem Menschen gesehen, die keinerlei Bezug zu ihrem Verein mehr haben und nur auf Randale und Prügeleien aus sind.14 Sicher mag das zu einem gewissen Grad auch stimmen, allerdings steckt hinter der Gewalt, die bei Hooligans die zentrale Rolle einnimmt, viel mehr als nur blinde Prügelei oder ein rechtsextremer Hintergrund. Meier schreibt hierzu: „Hooliganismus wird als eine gewalttätige Subkultur verstanden, deren innersubkulturellphysisch gewalttätiger Aktionismus auf keiner ideologischen oder theoretischen Grundlage basiert.“15 Somit wird die Subkultur der Hooligans versucht von dem Vorurteil zu lösen, dass Hooligans politischen oder rechtsradikalen Interessen unterliegen.

Wie im vorigen Abschnitt erwähnt zählt man die Hooligans zu den erlebnis- orientierten Fans oder auch zu den konfliktsuchend-aggressiven Zuschauern, was auch sehr gut an ihrem Verhalten deutlich wird. Bei den Hooligans zeigt sich ein Ablösungsprozess vom Spielverlauf. Sie finden ihre Anerkennung zum Beispiel in gewaltsamen Ausschreitungen vor, während oder nach dem Spiel. Ebenso grenzen sie sich von anderen Fans, hauptsächlich von den fußballzentrierten, in der Weise ab, dass sie ihre Kutten abgelegt und auch keinen festen Standort im Stadion haben. Hooligans gehen ihrem eigenen Sport nach16.

Oft verabreden sie sich schon Tage vor dem angesetzten Spiel, wobei Ort und Zeit auch oft sehr kurzfristig noch während dem Spiel per Mobiltelefon abgesprochen werden. Die Anreise erfolgt auch nicht mehr mit den anderen Fans in Fanzügen, sondern eher mit dem eigenen PKW, damit sie nicht von der Polizei und anderen Einsatzkräften am Bahnhof des Spielortes abgefangen werden können. Nach dem Spiel kommt es sehr oft vor, dass die Hooligans einzeln das Stadion verlassen, um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Nun begeben sie sich recht zügig zum vereinbarten Treffpunkt. Sollte die gegnerische Gruppe anwesend sein, so wird schnellstmöglich die Gruppenstärke ausgelotet und gegebenenfalls angeglichen. Dann kommt es unverzüglich zum Kampf, der meist recht schnell wieder zu Ende ist, da die Polizei einschreitet. Nachdem die Hooligans wieder zu Hause angekommen sind, wird der Kampf systematisch ausgewertet, nach Gesichtspunkten wie Fairness der Gegner, Stärke der Gegner usw. Danach wird der Kampf so häufig wie möglich publik gemacht.17

Oftmals geht man davon aus, dass Hooligans Menschen aus sozial unteren Schichten der Gesellschaft kommen, häufig arbeitslos sind und deshalb zur Gewalt neigen. Dem ist aber nicht so. Es gibt anteilig bei den Hooligans nicht mehr und nicht weniger Arbeitslose wie in der Gesellschaft allgemein. Hooligans sehen sich selbst als die Fan-Elite ihres Vereins an, da sie alles für ihren Verein tun würden, sogar noch mehr als die fußballzentrierten Fans.

Nicht zuletzt deswegen tragen viele Hooligans etwas teurere und schickere Kleidung. Sie haben meist nur einen kleinen Vereinsanstecker an ihrer Kleidung, um ihre Zugehörigkeit zum Verein zu zeigen. Auch deshalb wäre es falsch zu sagen, dass Hooligans nichts mehr mit ihrem Verein zu tun haben und nicht dazugehören.18

Nachdem die Hooligan-Gruppierungen in den 80er und 90er Jahren regen Zulauf von heranwachsenden Fans hatten, orientieren sich diese heutzutage eher zu den Ultragruppierungen eines Vereins, was zum Einen auch dafür spricht, dass es immer weniger „Jung-Hools“ gibt und die Hooligans nur noch relativ selten in Erscheinung treten. Allerdings darf hier auch die immer besser werdende Arbeit von Polizei und Ordnungskräften nicht außer Acht gelassen werden, die mittlerweile die Stadien und deren Umgebung sehr gut abschotten und absperren, so dass kaum noch Ausschreitungen von Hooligans dort möglich sind.

2.2.2. Ultras

In diesem Abschnitt soll nun ein kurzer Einblick über eine noch recht junge Subkultur an Fans gegeben werden, die Ultras.

Nimmt man ein deutsches Lexikon zur Hilfe, so versteht sich der Begriff „Ultra“ zunächst als entweder politischer Extremist oder als Vorsilbe für „über das Maß hinaus“. Diese beiden Definitionen werden aber mit Sicherheit der Bewegung der Ultras nicht gerecht, da die Ultras keine politischen Extremisten sind. Innerhalb einer Ultra-Gruppe „kann es unterschiedliche Ansichten und Einstellungen z.B. gegenüber Politik geben.“19

Schaut man nun in ein italienisches Lexikon, so findet man unter dem Begriff „Ultra“ die Bedeutung „fanatischer Fan“, welche dem Ultra an sich am Gerechtesten wird. Viele Ultra-Gruppen orientieren sich sehr stark an ihren italienischen Vorbildern. In Italien kamen die Ultras in den 60er Jahren auf und gründeten sich aus den damaligen Studentenprotesten heraus. Hier lässt sich allerdings schon ein Unterschied zu den deutschen Ultras erkennen. In Italien haben die Ultra-Gruppierungen ganz klar politische Orientierungen. Als Beispiele kann man linke Gruppen vom AC Mailand nennen oder aber auch rechte Gruppen von den Vereinen Inter Mailand oder Hellas Verona. Im Gegensatz dazu gibt es in Deutschland nur kleinere Ultra-Gruppierungen, die sich klar politisch orientieren. Als Beispiele seien hier erwähnt die „Ultra Sankt Pauli“20 oder das „Filmstadtinferno Babelsberg“21. Die meist unpolitischen Orientierungen der Ultras dürften daher rühren, dass sie nicht aus einer politischen Bewegung entstanden, sondern sich aus der Motivation des Anfeuerns und der besseren Stimmung im Stadion heraus gegründet haben.22

Die ersten Ultra-Gruppierungen entstanden in Deutschland in den 90er Jahren. Als älteste Gruppen seien hier die „Ultras Frankfurt“ und das „Comman- do Cannstatt“ zu erwähnen, die sich beide im Jahr 1997 gründeten23. Ein großer Unterschied zu früheren Fangenerationen ist, dass die Ultras sich nicht mehr an den englischen Fans orientieren, wie es noch die Hooligans oder Kutten taten, sondern an den italienischen Ultras, die wie weiter oben beschrieben, sich schon in den 60er Jahren bildeten. Außerdem scheinen die verschiedenen Ultra-Gruppierungen nicht mehr viel gemeinsam zu haben, wie es damals noch Hooligans oder Kutten hatten. Jede Gruppe definiert für sich die Bedeutung des Ultras anders, hat andere gruppeninterne Strukturen oder auch Regeln. Was allerdings alle Gruppen an Ultras gemeinsam haben, ist der unbedingte Wille ihre eigene Mannschaft zu unterstützen, sie 90 Minuten lang anzufeuern, sowohl mit optischen als auch akustischen Mitteln.24

Ein weiterer gemeinsamer Nenner bei den verschiedenen Ultra-Gruppen stellt die Ablehnung gegen die immer zunehmendere Professionalisierung des Fußballsports dar. Sie verstehen sich als ein kritischer Gegenpol zu Funktionären, sie wollen die traditionelle Fankultur erhalten, was zum Einen Stehplatzkurven innerhalb des Stadions bedeutet, aber auch ein Mitspracherecht innerhalb des Vereins. Auch wehren sich Ultras immer wieder gegen zu viel Ordner- und Polizeiwillkür innerhalb des Stadions und bei Stadionverboten. Sie kritisieren nicht selten offizielle Schriften der Dachverbände DFB und DFL25. Auch kritisieren sie immer wieder offizielle Maßnahmen der Polizei, des Bundesgrenzschutzes oder anderer Ordnungsdienste und wehren sich vehement gegen zunehmende Repressionen, die den Willen der Betroffenen einschränken26.

Ultras zeigen sich im Stadion als eine treibende Kraft, wenn es um die Un- terstützung der Mannschaft geht, sei es bei Heim- oder Auswärtsspielen. Viele Ultras verpassen kein einziges Spiel ihrer Mannschaft. Sie bereiten sich schon unter der Woche auf das Spiel am Wochenende vor, indem sie ihre Aktionen oder Choreographien27 planen. Ultras platzieren sich im Stadion generell in der Fankurve, allerdings gibt es hier auch von Gruppe zu Gruppe kleinere Unterschiede. Manche Ultra-Gruppierungen platzieren sich häufig in einem Block neben der eigentlichen Fankurve, um ihre Aktionen besser zu planen oder die Reaktionen darauf erkennen zu können.

Ultras grenzen sich im Übrigen stark von der Hooligankultur ab. Es gibt zwar ebenso gewalttätige Gruppen, die sich „Hooltras“ nennen, in der Ultrakultur, allerdings entsteht die Gewalt hier vor allem durch Gruppenprozesse und Solidarisierungseffekte28. Generell tragen Ultras ihren Kampf mit den gegnerischen Fans in den Fankurven, im Internet oder bei der Anreise zu Auswärtsspielen aus. Ultras geht es nicht darum durch Gewalt gegen den Gegner zu gewinnen, sondern durch Selbstdarstellung und Abgrenzung zu anderen Gruppen. Sollten Ultras doch Gewalt anwenden, dann ist diese anders gelagert als die der Hooligans. Gewalt von Ultras richtet sich meist gegen staatliche Interventionen oder sie wird zur Verteidigung ihres „Reviers“ angewendet. Ultras sehen auch die Polizei aus einem anderen Blickwinkel als zum Beispiel Hooligans. Die Polizei stellt, neben den Medien und den Dachverbänden, eines der großen Feindbilder dar. Die Polizeipräsenz wird von Ultras häufig mit Repressionen assoziiert. Im Gegensatz dazu fühlen sich zum Beispiel Hooligans bei vermehrter Polizeipräsenz in ihrem Handeln aufgewertet.29

Die Polizei als eines von drei großen Feindbildern scheint klar zu sein, warum aber haben die Medien und die Dachverbände30 inklusive der Vereine ebenso einen Feindbildstatus bei Ultras? Ultras geben den Medien die Hauptverantwortung an einer mangelnden Differenzierung der Fanszene, aber auch an der Eventisierung des Sports. Im gleichen Zug geben sie den Dachverbänden und Vereinen die Schuld der Kommerzialisierung. Allerdings werfen sie Vereinen und Verbänden noch vor, dass sie Ultras immer nur als Störenfriede sehen und somit oft Opfer von Stadionverboten werden.31

Trotz aller Heterogenität der Ultraszene haben sich diese drei großen Feindbilder deutschlandweit festgesetzt und führen teilweise zu einer Solidarisie- rung verfeindeter Ultra-Gruppierungen, wie es in diversen Ultra- Demonstrationen zum Ausdruck kommt.

Ein letzter wichtiger Punkt zur Einordnung und Erläuterung der Subkultur Ultras stellt die allgemeine Distanz zur Nationalmannschaft dar. Ultras sind zwar lokal mit ihrer Mannschaft sehr stark emotional verbunden, aber diese Verbundenheit lässt sich keineswegs auf die Nationalmannschaft übertragen. Hier gehen Ultras zwar auch zu den Spielen, aber sie erscheinen meist nicht als Ultra-Gruppe, sondern als Einzelpersonen, die interessiert an der Nationalmannschaft ist. Ebenso zeigen sie daher kein ultraspezifisches Verhalten, wie Planung von Choreographien. Sie schauen sich ein Spiel der Nationalmannschaft rein aus ihrem Fußballinteresse heraus an. Eher anzutreffen bei Spielen der Nationalmannschaft sind dann wieder Hooligans, die sich international mit ihren Gegner messen möchten.32

Zusammenfassend lässt sich über die Ultras sagen, dass sie sich in keine der Gruppen, wie sie Heitmeyer definiert hat, konkret einordnen lassen. Sie scheinen eine Mischung aus fußballzentriertem und erlebnisorientiertem Fan zu sein, dessen Lebensmittelpunkt der Sport, und da speziell eine Mannschaft, ist. Bei Hüther hingegen kann man die Ultras sehr gut dem fanatischparteilichen Zuschauer zuordnen, da sie „eine totale Identifikation mit Verein und Mannschaft“33 aufweisen.

Viele Ultras werden allerdings von der Polizei in die Kategorie B eingestuft bzw. finden sich in dieser Kategorie wieder, das heißt, sie provozieren nicht unbedingt gewalttätige Auseinandersetzungen, gehen ihnen aber auch nicht aus dem Weg.34

2.2.3. Groundhopper

Die Groundhopper sollen hier nur der Vollständigkeit wegen Beachtung finden und nur kurz definiert werden.35

Das Wort Groundhopper kommt aus dem Englischen und man würde es wohl frei mit „Stadionhüpfer“ übersetzen. Der Wortteil „Ground“ bezieht sich auf das jeweilige Stadion, das besucht wurde.

Die Groundhopperbewegung hat ihren Ursprung in England und entstand in den 70er Jahren, als dort der sogenannte „Club 92“ gegründet wurde. Dort konnte man nur Mitglied werden, wenn man alle englischen Stadien der vier höchsten Ligen besucht hatte.

Groundhopper reisen von Stadion zu Stadion und von Land zu Land, um „Grounds“ zu sammeln. Pro Ground und Land bekommen sie Punkte. Bei ihnen geht es ausschließlich um das Punktesammeln und nicht darum, ob sie eine Verbundenheit zu den spielenden Vereinen haben oder ob die Spiele hochklassig sind. Die Groundhopper unterscheiden dann nach den gesammelten Punkten drei Typen von Hoppern: Juniorhopper, Groundhopper und Profihopper. Außerdem gibt es noch regionale Unterscheidungen. So bezeichnet man zum Beispiel einen Hopper, der sich vornehmlich im europäischen Raum aufhält Eurohopper.36

2.3. Fanprojekte

Die Geschichte der Fanprojekte im Fußball in Deutschland ist noch eine relativ junge. Ende der 70er Jahre begann die Stadt München mit einer ersten Fanbetreuung durch Streetworker. Zu ungefähr der gleichen Zeit begann die hessische Sportjugend damit, Frankfurter Fußballfans einen Bildungsurlaub anzubieten, aus dessen Erfahrungen dann in den Jahren von 1984 bis 1986 eine Projektkonzeption für das erste Frankfurter Fanprojekt entstand.37

Das erste wirkliche Fanprojekt entstand allerdings in Bremen. Dort näherte sich eine Studentengruppe jugendlichen Fußballfans und trug ihre Ergebnisse später dann in sozialpädagogische Projekte. Im Gutachten „Sport und Gewalt“38, das 1982 veröffentlicht wurde und vom Innenministerium 1979 in Auftrag gegeben wurde, kam zum ersten Mal die Forderungen nach einem zielgruppenorientierten Einsatz von Sozialpädagogen in der Fanszene auf.

Die Geschichte der Fanprojekte im Eishockey ist eine noch jüngere als die des Fußballs. Fanprojekte beim Eishockey entstanden fast allesamt erst gut 20 Jahre später als im Fußball. Das erste Fanprojekt, das versuchte alle Fans zu vereinen und zu betreuen durch Fanarbeit, wie man sie aus dem Fußball kennt, entstand im Jahr 2001 bei den Kölner Haien.39 Auf Grund dessen bestehen auch bei Fanprojekten aus dem Eishockey noch nicht solche Strukturen wie beim Fußball. Bei Fanprojekten im Eishockey geht es mehr darum, dass gemeinsame Aktionen der verschiedenen Fanclubs geplant und vereint werden. Ebenso gibt es keine Dachverbände wie die BAG40 oder die KOS41. Beim Eishockey hat man lediglich den VDEFC e.V.,42 in dem viele Eishockey Fanclubs Mitglied sind und sich somit an eine sogenannte Fair-Play-Charta halten, die acht Punkte umfasst.43

[...]


1 Vgl. hierzu Artikel aus Kicker online und Sport1.de: http://www.sport1.de/de/sport/artikel_2214242.html, http://www.kicker.de/news/fussball/2bundesliga/startseite/artikel/365285, http://www.kicker.de/news/fussball/regionalliga/startseite/artikel/166398, http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/artikel/378112

2 Wegen der besseren Lesbarkeit wird in der gesamten Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet.

3 Stadien haben immer weniger Stehplätze oder zum Teil schon gar keine mehr.

4 Kübert, et al. 1994: S. 9

5 Heitmeyer und Peter 1988: S. 33

6 Heitmeyer und Peter 1988: S. 33

7 Vgl. Heitmeyer und Peter 1988: S. 33 oder auch Aschenbeck 1998: S. 89 - 93

8 Eine Kutte ist ein Kleidungsstück. Meist eine Jeansweste bestickt mit Aufnähern des Vereins.

9 Vgl. Weigelt, 2004: S. 29

10 Vgl. Lichtenberg und Paesen 2008: S. 19/20 oder auch Deusch 2005: S. 49/50

11 Die älteste und erste Ultragruppe in Deutschland sollen die Ultras Frankfurt sein, die sich 1997 offiziell gegründet haben. Siehe auch http://www.ultras-frankfurt.de

12 Hier haben deutsche Hooligans einen französischen Polizisten schwer verletzt.

13 Meier, 2001: S.9

14 Vgl. Weigelt, 2004: S. 11

15 Meier, 2001: S. 12

16 Vgl. Weigelt, 2004: S. 33

17 Vgl. Weigelt 2004: S. 102 - 104

18 Vgl. Meier 2001: S. 59/60 oder vgl. auch Weigelt 2004: S 32/33

19 Pilz, et al. 2006: S. 12

20 http://www.ultra-stpauli.de

21 http://www.filmstadtinferno.de

22 Vgl. Pilz, et al. 2006: S. 11 - 15 oder auch Lichtenberg und Paesen 2008: S. 25/26

23 Vgl. http://www.ultras-frankfurt.de und http://www.cc97.de

24 Vgl. Pilz, et al. 2006: S. 12

25 Deutscher Fußball Bund und Deutsche Fußball Liga

26 Vgl. Website: PROFans - OHNE UNS KEIN KICK!: http://www.pro1530.de

27 Choreographien werden beim Einlaufen der Mannschaften gezeigt. Beispiele gibt es auf http://www.stadionwelt.de zu sehen

28 Vgl. Pilz, et al. 2006: S. 13

29 Vgl. Pilz, et al. 2006: S. 14/15

30 Mit Dachverbände sind DFB und DFL, auf Seiten des Fußballs, und DEL und DEB, auf Seiten des Eishockeys, gemeint

31 Vgl. Lichtenberg und Paesen 2008: S. 31/32 oder auch Pilz, et al. 2006: S. 14/15

32 Vgl. Pilz, et al. 2006: S. 15 oder auch Lichtenberg und Paesen 2008: S. 33/34

33 Kübert, et al. 1994: S. 9

34 Vgl. Lichtenberg und Paesen 2008: S. 19/20

35 Groundhopper spielen für diese Arbeit nur eine untergeordnete Rolle, da sie nicht durch Problemverhalten in den Stadien auffallen.

36 Vgl. Lichtenberg und Paesen 2008: S. 38/39

37 Vgl. Lichtenberg und Paesen 2008: S. 40

38 Siehe hierzu Pilz, Sport und Gewalt 1982: S. 9 - 22

39 Vgl. Das Fanprojekt - Kölner Eishockey Club "Die Haie" Traditionsmannschaft e.V. - KEC http://www.kecdiehaie.de/165.html

40 Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte

41 Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend

42 Verband deutscher Eishockey Fanclubs e.V. siehe auch http://www.vdefc.de

43 Vgl. Klein 1988: S. 146

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Fanverhalten und Fanprojekte im Vergleich Fußball und Eishockey
Untertitel
Zielgruppen, Problemverhalten, Interventionsstrategien
Hochschule
Universität Siegen
Note
2,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
73
Katalognummer
V94484
ISBN (eBook)
9783640097234
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fanverhalten, Fanprojekte, Vergleich, Fußball, Eishockey
Arbeit zitieren
Diplom Sozialarbeiter Daniel Metz (Autor), 2008, Fanverhalten und Fanprojekte im Vergleich Fußball und Eishockey, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94484

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