Katalonien und Spanien. Geschichtliche, kulturelle und politische Dimension des Konflikts


Hausarbeit, 2020

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Katalonien: Region oder Nation? Grunddimensionen eines Separatismus

3. Historische Einordnung des Katalonien-Konflikts

4. Zuspitzung und Eskalation des Katalonien­Konflikts

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Wollen Sie, dass Katalonien zu einem unabhängigen Staat in Form einer Republik wird?“. Diese Frage wurden im Oktober 2017 schließlich die Bürger der nordöstlichen Autonomen Gemeinschaft Spaniens, Katalonien, im Rahmen eines plebiszitären Referendums gefragt. Der folgende Sezessionsversuch Kataloniens sorgte weltweit für Schlagzeilen und machte auf einen bisher größtenteils ignorierten Konflikt aufmerksam. Spätestens mit der Festnahme des katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont in Deutschland hat der Katalonien­Konflikt auch das deutsche Bewusstsein erreicht und die Frage hervorgerufen, warum eine hoch industrialisierte, europäische Region, die über beachtliche Autonomierechte verfügt, mit solchem Nachdruck für ihre Unabhängigkeit kämpft (vgl. Mose, 2014). Es handelt sich um einen Konflikt der weitreichend historisch verankert ist und dessen Anfänge spätestens zu Beginn des 18. Jahrhunderts eingeordnet werden können. Katalonien befindet sich seither in einer Achterbahnfahrt um den Kampf und Erhalt seines Autonomiestatuts angesichts der spanischen Zentralregierung. Diese Separatistenbewegung hat innerhalb der letzten Jahre einen neuen Höhepunkt erreicht.

Spanien ist nach seiner Verfassung von 1978 ein „Staat der Autonomien“ mit 17 Autonomen Gemeinschaften, darunter Katalonien. Die Einheit der Nation gilt nach dieser jedoch als unauflöslich und sieht die Abspaltung der Autonomen Gemeinschaften nicht vor (vgl. Mose 2014, Seidel 2018). Gleichzeitig „wird [...] den historisch gewachsenen Regionen mit eigener Sprache und Kultur, das Recht auf Autonomie garantiert. Ein Tauziehen zwischen Regionen und Zentralstaat war damit programmiert.“ (Macher, 2016). Die Zentralregierung verfechtet daher das Argument der territorialen Souveränität Spaniens (vgl. Guibernau et. al, 2013, S.2), wohingegen die Katalanen sich in einem unaufhörlichen Verfechten ihrer Autonomierechte und ihres nationalen Selbstverständnis befinden, das sie von der Zentralregierung und der Nation Spaniens als nicht respektiert empfinden und sich in ihren Bestrebungen zur Verwirklichung einer Unabhängigkeit verhindert sehen (vgl. Löffler, 2018).

Die vorliegende Hausarbeit soll den Versuch darstellen die entscheidenden historischen Entwicklungen der Seperatistenbewegungen in Katalonien widerzuspiegeln und in ihren unterschiedlichen dimensionalen Ansätzen (sozial, kulturell, politisch, wirtschaftlich) zu beleuchten. Dazu soll in einem ersten Schritt eine Begriffsdefinition erfolgen, die zur klaren Abgrenzung der Begriffe Regionalismus, Nationalismus und Separation beitragen soll, zum Grundverständnis dieser Arbeit dienen sollen.

2. Katalonien: Region oder Nation? Grunddimensionen eines Separatismus

Zunächst gilt Katalonien nach der spanischen Verfassung offiziell als eine Autonome Region (comunidad autonoma) innerhalb Spaniens und wird somit auf einen geographischen Raum reduziert. Diese Definition reicht nach Russett (1967) jedoch nicht aus; denn eine Region sei kulturell und sozial homogen, verfüge über eigene politische Institutionen und zeige deutliche ökonomische Interdependenzen (vgl. Mansfield & Solingen, 2010, S.146). Regionalismus kann daher als „politischer und ökonomischer Prozess“ bezeichnet werden, „der sich auf das Bestreben einer Schaffung politischer Institutionen und einer Vertiefung ökonomischer Beziehungen innerhalb einer Region bezieht“, die eine verstärkte Entscheidungsfreiheit und Autonomie gegenüber der nationalen Institutionen zum Ziel haben (vgl. Kühnel, 2017). Sozialpsychologisch gesehen ist Regionalismus auch mit einem starken Zugehörigkeitsgefühl zu einer Region verknüpft. Dies kann ein Auslöser für separatistische Tendenzen sein, wie es in Katalonien der Fall ist (vgl. Kühnel, 2017). Regionalismus ist zu einer entscheidenden politischen Kraft in Katalonien geworden (vgl. Löffler, 2018). Der Begriff ist jedoch von jenem der Regionalisierung abzugrenzen, welcher sich nämlich vielmehr auf einen ökonomischen Prozess bezieht, der es erlaubt, innerhalb der Regionen eines Nationalstaats eigene Handelseinheiten zu konstituieren (vgl. Mansfield & Solingen, 2010, S.147). Dies ist innerhalb der EU möglich, denn somit sollen Selbstverwaltung und Demokratie gefördert werden. Wie Mose (2014, S.217) herausstellt wird Katalonien aus einer katalanisch­nationalistischen Sprecherposition häufig als Nation zugeordnet. Eine Nation kann nach Guibernau (2014) als eine menschliche Gruppierung, die sich der Bildung einer Gemeinschaft bewusst ist, die eine gemeinsame Kultur teilt, die an ein klar abgegrenztes Territorium gebunden ist, die eine gemeinsame Vergangenheit und ein gemeinsames Projekt für die Zukunft hat und die das Recht beansprucht, sich selbst zu regieren (S.4) verstanden werden. Katalonien wäre in diesem Sinne eine Nation innerhalb der Nation Spaniens. Da der Begriff der Nation jedoch ein Recht auf Souveränität evoziert, resultiert aus dieser Position ein konkurrierender Souveränitätsanspruch zu dem, der in der spanischen Verfassung formuliert wird. Aus diesem Grund ist die Bezeichnung von Katalonien Nation sehr umstritten (Mose, 2014, S.217). Guibernau (2014 )beschreibt weiterhin Nationalismus als „eine politische Ideologie und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, deren Mitglieder sich durch einer Reihe von Symbolen [...] auszeichnet“ (S.6). Die Symbolik ist in Katalonien von bedeutender Rolle im Bezug auf die Berufung auf eine kollektive Identität. So hat sich beispielsweise die Flagge „L’Estelada Blava“, sowie die offizielle Flagge Kataloniens und die katalanische Nationalhymne zu wichtigen Symbolen der Unabhängigkeitsbewegung etabliert, die bei Demonstrationen und Protesten stets präsent sind (vgl. Kühnel, 2017).

Die beiden vorgestellten Definitionen leiten zu der Konklusion, dass Katalonien sowohl eine Region, als auch eine Nation darstellt. Kataloniens Politik und Kollektivbewusstsein zeichnet sich einerseits durch eine starke Fokussierung auf regionale Wirtschaftsbeziehungen und eine Ausdehnung der politischen Institutionen aus, die zu mehr Autonomie führen sollen. Somit kann man von Regionalismus sprechen. Andererseits liegt der Fokus der Katalanen sehr stark auf einem Nationalbewusstsein und der Berufung auf eine gemeinsame Kultur, Geschichte und Sprache die sie für ihr Recht auf freie Selbstbestimmung eintreten lassen (vgl. Kühnel, 2017). Dabei ist für die deutsch-sozialisierte Perspektive wichtig zu erwähnen, dass es sich bei dem Nationalismus in Katalonien nicht ausschließlich um ein bürgerlich-konservatives oder gar faschistisches Weltbild (vgl. Mose, 2014, S.1) handelt, sondern viele Akteure aus dem antikapitalistischem linksextremen Spektrum stammen. Man könnte von einem regionalen Nationalismus sprechen, welcher im Gegensatz zum Regionalismus den Nationenbegriff stärker fokussiert. Hierbei versuchen Akteure, ihre Interessen im Gesamtkomplex einer nationalen Gemeinschaft geltend zu machen. Eine solche Einstellung kann, wie im Falle Kataloniens, in der Forderung nach Emanzipation und politisch-territorialer Separation (vgl. Löffler, 2018).

Separatismus oder eine Separatistenbewegung bedeutet schließlich die politische Absicht einer sozialen Gruppe, einer Region, bzw. eines Landesteils, die sich als organisierte Vereinigung vom Nationalstaat, oder einer größeren sozialen Gruppe abzuspalten und eine Unabhängigkeit in Form der vollständigen Souveränität herzustellen versucht (vgl. Piparo 2015 zitiert nach Kühnel, 2017). Er kann die Maximalforderung in Folge eines extremen Nationalismus sein (vgl. Löffler, 2018). In Katalonien tragen mehrere Dimensionen dazu bei die Separatistenbewegung erstarken zu lassen. Darunter befinden sich sprachliche, kulturelle ökonomische und politische. Doch auch das Verhältnis zur spanischen Zentralregierung und die durch sie verursachten Hindernisse zur Etablierung vollständiger Autonomie spielen eine entscheidende Rolle. Anhand eines geschichtlichen Abriss sollen nun einige dieser Dimensionen näher dargestellt werden.

3. Historische Einordnung des Katalonien-Konflikts

Katalonien (offiziell Catalunya ab dem 12. Jahrhundert) ist eine „historische Nation, die auf eine lange Phase der Unabhängigkeit zurück[schauen]“ konnte, bevor sie in den Spanischen Staat integriert wurde (PH Ludwigsburg, 2018). Bereits Mitte des 13. Jahrhunderts wurden die Generalität (Diputacio del General), eine der ersten parlamentarisch verantwortlichen Regierungen der Welt und die Cortes, die erste ständische Vertretung der über Selbstverwaltungsrechte verfügenden Städte, gegründet (vgl. Klein, 2012, S.96). Diese bilden noch heute eine wichtige Komponente in der Bewahrung einer nationalen Identität Kataloniens (vgl. Schmidt-Felzmann, 2001). Im 13. und 14. Jahrhundert expandierte Katalonien in den Bereichen der Wirtschaft, des Militärs, der Politik und der Kultur, wurde sogar zur vorherrschenden Macht im Mittelmeerraum. Im 14. Jahrhundert ebnete die Krone Aragonien (die zuvor in Föderation mit Katalonien und Valencia war) den Weg zu einem modernen konstitutionellen Staat. Das führte dazu, dass sich die Machtkonstellationen änderten und sich in Katalonien ein tiefgehendes Zugehörigkeitsgefühl mit dem Principat (Grafschaft Barcelonas) als Bezugspunkt bildete (vgl. Klein, 2012, S.96). Katalonien erlebte (verursacht durch die Matrimonialunion 1469) einen wirtschaftlichen Einbruch und kulturelle Marginalisierung. So kam es 1640 zum ersten Bruch mit der kastilischen Monarchie, welcher als wichtiges Symbol des katalanischen Nationalismus gilt. Aus dem Aufstand ging auch die Els Segadors („das Schnitterlied“) hervor, welches bis heute die Nationalhymne Kataloniens ist (ebd., S.97).

Die katalanischen Autonomiebestrebungen erlitten die wohl schwerwiegendste Erfahrung nach dem spanischen Erbfolgekrieg und der Besetzung des Throns durch Felipe V, welcher das Principat mit dem vollständigen Entzug der (bisher erhaltenen) Selbstverwaltungsrechte strafte und somit die katalanische Identität zu unterdrücken begann (vgl. Klein, 2012, S.97). Die politischen Sonderverfassungen wurden eliminiert und die Landesteile Katalonien und Aragnonien zu „Provinzen“ degradiert (ebd.). Diese Amtshandlungen, die auch die Belegung des Katalanischen als Amtssprache mit Vorrechten nach sich zog, bedeuteten das Ende der Autonomie in Katalonien und schließlich die Eingliederung in den spanischen Einheitsstaat, mit zentralisierter Verwaltung in Madrid und dem Kastilischen als einzig offiziell anerkannte Sprache (vgl. PH Ludwigsburg, 2018). Diese unterdrückenden Maßnahmen der spanischen Zentralregierung führten dazu, dass sich zwischen 1714-1716 ein solider katalanischer Unabhängigkeits- und Widerstandsgedanke zu formen begann (vgl. Brinck, 1995). Trotz Repression erlebte Kataloniens Textilindustrie durch die fruchtende maschinelle Herstellung einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung, der die Differenz zwischen „dem politisch machtlosen Wirtschaftszentrum an der Peripherie zu dem wirtschaftlich unterentwickelten Machtzentrum Madrid immer größer“ werden ließ (vgl. Schmidt-Felzmann, 2001). Die wirtschaftlichen Gründe schürten auch den katalanischen Willen zur Selbstverwaltung, da die Monarchie die wirtschaftliche Entwicklung durch ihre Orientierung zur Freihandelspolitik und die damit verbundene ausländische Konkurrenz lähmte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Katalonien und Spanien. Geschichtliche, kulturelle und politische Dimension des Konflikts
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Einführung in die Hispanistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V944874
ISBN (eBook)
9783346283184
ISBN (Buch)
9783346283191
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katalonien, Unabhängigkeit, politisch, geschichtlich, region, nation, separatismus
Arbeit zitieren
Lea Weimert (Autor), 2020, Katalonien und Spanien. Geschichtliche, kulturelle und politische Dimension des Konflikts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/944874

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