„Frau Müller muss weg“. Eine Kritik an Drama und Film


Essay, 2020

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

„Die Filme einer Nation reflektieren ihre Mentalität unvermittelter als andere künstlerische Medien, und das aus zwei Gründen: Erstens sind Filme niemals das Produkt eines Individuums, [...], Zweitens richten sich Filme an eine anonyme Menge und sprechen sie an. Von populären filmen - oder genauer gesagt, von populären Motiven der Leinwand - ist daher anzunehmen, dass sie die herrschende Massenbedürfnisse befriedigen.“ (Kracauer 1947)

Dieses Zitat trifft für mich nach wie vor den Zeitgeist, auch und insbesondere mit Blick auf die Verfilmung des Buches von Lutz Hübner, „Frau Müller muss weg.“ In seinem Buch greift er auf eine zeitlose, ansatzweise pointierte Weise Charaktere auf, wie sie, wenn auch in abgewandelter Form schon seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten die Zusammensetzung der Elternschaft in verschiedenen Schulformen, insbesondere aber wohl in Grundschulen, repräsentieren. Der Klassiker eines Elternabends, viele Meinungen, viele verschiedene Ziele, zunächst kein eigentliches Ergebnis. Eine überraschend kluge Lehrerin, die sich den Wünschen der Eltern nicht offen entgegenstemmt, sondern sie subtil geradezu auflaufen lässt, für mich ohne erkenntliche Absicht, die Eltern gegeneinander auszuspielen, das ergibt sich quasi von selbst. Von daher für alle Eltern von Kindern im Laufe des Schullebens eine vertraute Situation, von Hübner dargestellt in allen Facetten menschlicher Missgunst und kontroverser Ausgangspositionen der Eltern, seien sie sozial, emotional aber auch intellektuell. Er setzt in seinem Buch auf Klischees, Ossis, Wessis, Mittelstand, dynamisch neureich, im Leben gestrandet, depressiv. Sie alle scheinen ihre Lebensentwürfe aus unterschiedlichen Gründen auf ihre Kinder übertragen zu wollen, zum einen, weil sie es nicht geschafft haben ihre eigenen Wünsche zu realisieren, zum anderen aber auch, weil ihre Kinder nolens volens ihre Träume weiter zu leben haben. Denn wofür tun sie das denn schließlich alles? Ein Drama. Geschrieben von einem Autor, mittleren Alters, der sich an der Aufarbeitung gesellschaftlicher Engpässe mit Blick auf die Zukunft der nachfolgenden Generationen durch die Überzeichnung von Repräsentanten der Gesellschaft versucht. Die Frage bleibt beim Lesen, warum? Der Film könnte Antworten liefern. Ein gesellschaftliches Drama wurde verwandelt. Mit öffentlich rechtlicher Hilfe, mit bekannten, durchaus talentierten Fernsehschauspielern aus einem dramatischen Kammerspiel, das bereits 2010 in Leipzig aufgeführt worden ist, wurde eine „deutsche Filmkomödie“, mit wenig filmspezifischen Mitteln. Ein Kritiker schreibt dazu: Lutz Hübner habe das „Privatfernsehen im Theaterformat neu erfunden.“ (Kaever 2015: o.S.) Und weiter: „Vielleicht es das ein wenig zu stark, aber wahr ist, dass seine Dramatik auf den Erregungswellen des gesellschaftlichen Diskurses surft, ohne ihnen irgendetwas Neues hinzuzufügen. Das ist in Sönke Wortmanns Film nicht anders.“ (ebd.).

Der Film beginnt mit den Worten, dass das Leben beginnt, wenn der Hund tot und die Kinder aus dem Haus sind.. Das ist ein altes deutsches Sprichwort, die Frage nach dem Kontext ist schwer bis gar nicht zu beantworten. Das hat der Film mit dem Buch gemeinsam, genauso wie die Charaktere der Akteure. Für mich steht jedoch fest, dass alle Charaktere, die von Hübner in seinem Buch schon überspitzt, aber immerhin zeitlos und irgendwie in ihrer Art nahbar dargestellt wurden, in der Verfilmung zu Karikaturen ihrer selbst werden und ihnen somit jeglicher Ernsthaftigkeit und Würde beraubt. Das was von einem ohnehin schon sehr in die Theorie hineingeschriebenen gesellschaftskritischen Drama übergeblieben ist, hält nicht mal dem Begriff Komödie im eigentlichen Sinne stand: „Komödie ist eine dramatische Gattung, in der menschliche Schwächen dargestellt und „scheinbare“ Konflikte heiter überlegen gelöst werden.“( Literaturhandbuch.de o.J.: Fachbegriff: Komödie.)

Das Drama ist ein undurchschaubarer Versuch einen pädagogischen Ansatz nachzuzeichnen und ihn den gesellschaftlichen Erwartungen entgegen zu stellen, der Film verfolgt wohl einem ähnlichen Ansatz. Allerdings mit einem, um im Bild zu bleiben, Weichzeichner der ursprünglichen Handlung, oder um es anders auszudrücken, mit einem konsumfreundlichen Handlungsaufbau. Dieser ist nachvollziehbar, offensichtlich situativ betrachtet lustig und am Ende lässt er den Betrachter zumindest mit angestrengten Lachmuskeln zurück. Allein die Besetzung der Rollen weist hierbei darauf hin, dass es dem „Macher des Films“ weniger um den durchaus, wenn auch nur selbst im Buch nur im Ansatz nachvollziehbaren Konflikt zwischen Generationen und unterschiedlichen Perspektiven im Bereich Bildungswesen, gelegen ist. Ich möchte eine kritische Äußerung von Kaever zitieren, der die Meinung vertritt, dass in Verbindung mit Lutz Hübner immer gerne darauf hingewiesen wird, dass er nach Goethe und Shakespeare der meist gespielte Bühnenautor der Gegenwart sei. Jedoch schreibt er weiter: „Nicht zu erwarten ist aber, dass seine Stücke in 200 Jahren immer noch aufgeführt werden. Dazu ist ihr ästhetischer Reiz und ihr Erkenntnisgewinn, und da macht „Frau Müller muss weg“ keine Ausnahme - doch zu gering“. (Kaever 2015: o.S.)

Die Grundlage meiner Kritik bezieht sich auf die Beliebigkeit der Akteure, hinsichtlich ihrer individuellen Ausgestaltung. Es fehlt ihnen an menschlicher Nachvollziehbarkeit und damit der Möglichkeit, an der Szene mehr als nur betrachtend und/oder lachend teilzunehmen. Sie treten nur in ihrer Funktion in der filmischen Szenerie auf, als agierende Mahnmale einer gesellschaftspolitischen Diversität, mit denen die Schüler und Lehrer im Schulalltag täglich konfrontiert werden. Zum anderen aber werden sie als Mittel zum Zweck missbraucht, den Zuschauer zum Lachen zu bringen. Zunächst schien der Film den Versuch wert zu sein, schwere Kost leicht verdaulich darzustellen. Das fehlt dem Drama gänzlich und wo im Film Klamauk und Action die oberflächlichen Handlungsstränge zusammenführt, zieht sich der gesellschaftspolitische Tenor im Drama wie ein Kaugummi und lässt den Leser ermüdet zurück. Hübner hat seine Geschichte im Gegensatz zum Film im Drama nicht genau verortet, der Konflikt Ossi gegen Wessi wird im Film durch den Schriftzug zu Beginn des Films „Juri Gagarin Grundschule“ dem Zuschauer schon mal mit auf den Weg gegeben, ohne dass dies im Film von weiterführender Relevanz ist. Ein weiterer Deutungsrahmen des Films ergibt sich aus dem Lied „Lass doch der Jugend ihren Lauf‘, was wahrscheinlich als Stilmittel dienen soll von vornherein den komödiantischen Anstrich des Films heraus zustellen. Damit hält der Film zumindest an seiner Vorlage fest, geht es ja um nichts weniger als das. Sondern vielmehr darum, dass die Lehrerin als nicht professionell geeignet scheint und somit „weg soll“, um den Eltern die Kontrolle über ihre Kinder und damit ihre Karrieren zurückzugeben. Ob sie jemals dazu im Stande gewesen sind oder auch irgendwann sein werden, ergibt sich aus dem weiteren Verlauf, zumindest teilweise. Überdies arbeitet der Film mit Stilmitteln, die der dramatischen Grundlage in keiner Weise gerecht werden. Der Effekt der Verfremdung, der die Eltern in Zeitlupe wie Westernhelden auf das Schulgebäude zugehen lässt, ergibt im weiteren Kontext ebenfalls keinen Sinn und ist reine Effekthascherei, ebenso wie die Tatsache, dass Anke Engelke in ihrer Rolle als Jessica Hövel ihrem Blackberry ins Wasser folgt. Gemeinsam haben der Film und das Drama nur die grundlegenden Charakteristika der fünf abgebildeten Versionen von Eltern, Karierefrau, Weichei, Alleinerziehende, streitendes Ehepaar und Mittelklassemutti. Die Dialoge im Film sind banal, so wird aus Hübners Vorlage: „Das nächste Zeugnis entscheidet“ ein „Nüchtern betrachtet sägen wir die viel zu spät ab. In drei Monaten gibt’s Übergangszeugnisse und dann hat diese unfähige Kuh unseren Kindern die Zukunft endgültig versaut.“ Wenn dies ein Versuch des Autors sein sollte, das Stück zeitgenössischer zu gestalten, ist dieser Versuch, wie vieles andere nicht gelungen. Ich schließe mich den Kritikern an. Dieser Film ist ein misslungener Versuch ein ohnehin mittelmäßiges Drama zu verfilmen, das über dies gesellschaftspolitisch über keinen Mehrwert verfügt. Dieser Film ist nicht einmal eine im ursprünglichen Sinn gelungene Komödie, dieser Film schwimmt auf dem Kurs „deutscher Humor“, und der ist bekanntlich oft nur sehr schwer nachvollziehbar.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
„Frau Müller muss weg“. Eine Kritik an Drama und Film
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
6
Katalognummer
V945013
ISBN (eBook)
9783346303547
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frau, müller, eine, kritik, drama, film
Arbeit zitieren
Anastasia Grubnik (Autor), 2020, „Frau Müller muss weg“. Eine Kritik an Drama und Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945013

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