Die ‚Diglossiehypothese‘ - also die Frage, ob man im modernen Französisch von einer Diglossie von gesprochenem und geschriebenen Französisch im Ferguson’schen Sinne sprechen kann, soll in dieser Arbeit diskutiert werden.
Zunächst werden die Begriffe sprachwissenschaftlich erläutert und abgegrenzt. Anschließend werden die Kriterien für Diglossie nach Ferguson (1959) am Beispiel des Französischen illustriert, Grammatik und Lexikon näher besprochen, um als Fazit eine vorläufige Antwort auf die Eingangsfrage zu geben.
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts war das Interesse der Linguistik trotz weitverbreiteter (partieller) Mehrsprachigkeit nahezu ausschließlich auf die Einzelsprache konzentriert. Etwa ab dem 20. Jahrhundert beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Beobachtung sprachlicher Phänomene des Französischen, die sich insbesondere im Gesprochenen manifestieren, stellt Abweichungen zum kodifizierten Standard dar und sucht sie mit diatopischen oder diastratischen Registern zu erfassen. Diese Phänomene werden meist als pejorativ konnotierte Normverstöße angesehen. „The bon usage is preached via the norm whilst other varieties are often dismissed as ‘faulty’ or vulgar’, and their speakers looked down upon”.
In der strukturalistischen Sprachbetrachtung der Nachkriegszeit wird die Varietät von Sprache weitgehend ausgeklammert - dem Untersuchungsobjekt „Schriftsprache“ der Vorzug gegeben. Mit dem wachsenden Interesse an der Soziolinguistik in den 1970er Jahren kommt es jedoch zu einem Paradigmenwechsel in der sprachwissenschaftlichen Forschung. Während bis dahin die idealisierte Homogenität und Einheit von Sprache betont wurden, liegt das Augenmerk nunmehr auf der Heterogenität sprachlicher Äußerungen. Präskription und Normierung werden abgelöst durch deskriptive Sprachbeschreibung. Damit ist auch der gesprochenen Sprache mehr Aufmerksamkeit gewidmet worden. In der Forschung hat Söll (31985) mit der doppelten Dichotomie von Medium und Konzeption eine wesentliche Grundlage geschaffen, die sich mit dem Nähe-Distanzkontinuum von Koch/Oesterreicher (1985) zu einem Gesamtbild des Konzepts von ‚geschriebener‘ und ‚gesprochener Sprache‘ ergänzt.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Ausgangssituation
- Forschungsgeschichte und -Stand
- Fragestellung und Aufbau
- Wesentliche Begriffsklärungen
- FP - français parlé und FE - français écrit als Konzept
- Die Diglossie nach Ferguson
- Anwendung der unstrittigen Diglossiekriterien auf die Situation des heutigen Französisch
- Die Diskussion des Abstands zwischen FP und FE
- Grammatischer Abstand
- Formal
- Funktional
- Lexikalischer Abstand
- Formal
- Funktional
- Fazit und Aussichten
- Fazit
- Aussichten
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der französischen Sprachsituation im heutigen Frankreich und untersucht, ob zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Französisch eine Diglossie im Sinne von Ferguson besteht. Dabei geht es um die Erforschung der Unterschiede zwischen den beiden Varietäten, insbesondere im Hinblick auf Grammatik und Lexikon.
- Entwicklung der französischen Sprache und deren normativer Status
- Analyse der Unterschiede zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Französisch
- Anwendung der Diglossie-Kriterien nach Ferguson auf die französische Sprachsituation
- Diskussion der grammatischen und lexikalischen Unterschiede zwischen FP und FE
- Bewertung der Frage, ob eine Diglossie im modernen Französisch vorliegt
Zusammenfassung der Kapitel
- Kapitel 1: Die Einleitung gibt einen Überblick über die Ausgangssituation der französischen Sprache, die Forschungsgeschichte und den Forschungsstand zum Thema Diglossie. Zudem werden Fragestellung und Aufbau der Arbeit erläutert.
- Kapitel 2: In diesem Kapitel werden die Begriffe FP, FE und Diglossie sprachwissenschaftlich erläutert und abgegrenzt. Hierbei wird auch auf die Arbeit von Söll und Ferguson eingegangen.
- Kapitel 3: Es werden die Diglossie-Kriterien nach Ferguson am Beispiel des Französischen illustriert, um zu überprüfen, ob diese auf die heutige Sprachsituation zutreffen.
- Kapitel 4: Hier werden Grammatik und Lexikon im Hinblick auf den Abstand zwischen FP und FE näher besprochen. Dabei werden sowohl formale als auch funktionale Unterschiede betrachtet.
Schlüsselwörter
Französische Sprache, Diglossie, FP (français parlé), FE (français écrit), Ferguson, Sprachvarietäten, Grammatik, Lexikon, Sprachzentralismus, Normierung, Sprachwandel, Forschungsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet "Diglossie" im Zusammenhang mit der französischen Sprache?
Diglossie bezeichnet das Nebeneinander von zwei Varietäten einer Sprache (hier: gesprochenes und geschriebenes Französisch), die jeweils unterschiedliche soziale Funktionen erfüllen.
Wer entwickelte die Kriterien für die Diglossie-Hypothese?
Die Arbeit bezieht sich maßgeblich auf die Kriterien von Charles Ferguson (1959) und wendet diese auf die heutige Situation in Frankreich an.
Wie unterscheiden sich "français parlé" (FP) und "français écrit" (FE)?
Die Unterschiede zeigen sich sowohl formal als auch funktional in der Grammatik und im Lexikon. Das gesprochene Französisch weicht oft stark vom kodifizierten Standard des geschriebenen Wortes ab.
Warum wurde gesprochene Sprache in der Linguistik lange Zeit vernachlässigt?
In der strukturalistischen Sprachbetrachtung galt die Schriftsprache als Ideal, während Abweichungen im Gesprochenen oft pejorativ als "Normverstöße" oder vulgär angesehen wurden.
Was ist das "Nähe-Distanz-Kontinuum" von Koch/Oesterreicher?
Es ist ein Modell, das Sprache nicht nur nach Medium (grafisch/phonisch), sondern nach Konzeption (Nähesprache/Distanzsprache) einteilt, um die Heterogenität sprachlicher Äußerungen besser zu erfassen.
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- Andreas Glaab (Author), 2020, Die französische Sprachsituation heute. Diglossie zwischen geschriebenem und gesprochenem Französisch?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945543