Oft wird von den Kreuzfahrerstaaten als multikultureller Gesellschaft gesprochen. Diese Arbeit wollte jedoch ein differenzierteres Bild schaffen, indem sie der Frage nachging, ob die von Fulcher von Chartres gepriesenen Orientalen nicht viel eher als ein Beispiel für Transkulturalität gelten.
Im vorherigen Kapitel konnten verschiedene Merkmale einer Assimilation der Orientalen in die einheimische Gesellschaft nachgewiesen werden. Der finale Schritt zur vollkommenen Assimilation eines Vollbürgers ließ sich jedoch nicht nachweisen. Eine Anpassung der Orientalen an die einheimische Kultur ist unstrittig, doch von einer vollkommenen Integration, unter der Aufgabe eigener Kulturgüter, kann anhand der vorliegenden Quellen nicht gesprochen werden. Die Orientalen haben sich weiterhin auch auf ihre europäischen Wurzeln bezogen, sprachen neben den einheimischen Sprachen weiterhin die Sprache ihrer Väter und blieben lateinische Christen. Sie lebten somit als ‚kulturelle Mischlinge‘ – und damit als personifizierte Transkulturalität – die „in ihrer kulturellen Formation durch mehrere kulturelle Herkünfte und Verbindungen bestimmt“77 waren. Wie bereits zuvor beschrieben, ermöglichte ihnen diese innere Hybridität langfristig höchstwahrscheinlich ein leichteres Wandeln in einer so vielschichtigen Gesellschaft wie der des Königreichs Jerusalem.
Aufgrund der dünnen Quellenlage, sowie des begrenzten Umfangs dieser Arbeit, kann diese Frage nicht eindeutig beantwortet werden. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass es sich auch bei den Orientalen um eine heterogene Gruppe handelte und man bestenfalls verallgemeinernde Aussagen treffen kann. Dennoch scheinen sowohl Selbstwahrnehmung als auch Fremdwahrnehmung der Orientale die Theorie der Transkulturalität, im Gegensatz zur Multikulturalität, zumindest zu unterstützen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Gesellschaft im frühen Königreich Jerusalem
3. Multikulturalität, Interkulturalität und Transkulturalität
3.1. Historiographische Bewertungslage
3.2. Die Orientalen
4. Die Orientalen im Spiegel zeitgenössischer Quellen
4.1. Fulcher von Chatres
4.2. Jakob von Vitry
4.3. Usama Ibn Munqidh
4.4. Zusammenfassung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die gesellschaftliche Rolle der sogenannten „Orientalen“ im Königreich Jerusalem unter der Fragestellung, ob diese Gruppe eher als Beispiel für Transkulturalität anstatt für eine bloße Multikulturalität begriffen werden kann. Dabei wird analysiert, wie sich die Identität der Franken im Heiligen Land durch Assimilationsprozesse wandelte und wie sich dies in den Diskursen zeitgenössischer Chronisten widerspiegelt.
- Analyse der Begriffe Multikulturalität, Interkulturalität und Transkulturalität nach Wolfgang Welsch.
- Aufarbeitung der historiographischen Debatte zur Gesellschaft im Königreich Jerusalem.
- Untersuchung der Identität und Lebensweise der „Orientalen“ oder „Pullanen“.
- Multiperspektivische Analyse durch Quellen von Fulcher von Chatres, Jakob von Vitry und Usama ibn Munqidh.
- Anwendung der Assimilationstheorie von Milton Gordon auf die historischen Befunde.
Auszug aus dem Buch
4.1. Fulcher von Chatres
“For we who were Occidentals have now become Orientals. He who was a Roman or a Frank has in this land been made into a Galilean or a Palestinian. He who was of Rheims or Chartres has now become a citizen of Tyre or Antioch. We have already forgotten the places of our birth; already these are unknown to many of us or not mentioned anymore.”
Laut Fulcher haben die Franken sich in ihrer Identität von ihren ursprünglichen Heimatländern gelöst und fühlen sich nun einer neuen Gruppe, den Orientalen, verbunden. Auch seine Wortwahl des ‘Vergessens der alten Heimat’ kann, so Hiestand, als eine „innere Bindung primär an die neue Umgebung“ gedeutet werden. Diese ‚identifikationale Assimilation‘ beschreibt der amerikanische Soziologe Milton Gordon als einen integralen Schritt auf dem Weg zu vollkommener Assimilation in eine Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Integration im Königreich Jerusalem ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Einordnung der „Orientalen“ als Beispiel für Transkulturalität.
2. Die Gesellschaft im frühen Königreich Jerusalem: Dieses Kapitel skizziert die komplexe soziale Struktur des Heiligen Landes, in der diverse christliche Konfessionen, Muslime und Juden unter einer fränkischen Elite lebten.
3. Multikulturalität, Interkulturalität und Transkulturalität: Hier werden theoretische Kulturkonzepte erläutert und die historiographische Bewertung des Zusammenlebens im Heiligen Land kritisch betrachtet.
4. Die Orientalen im Spiegel zeitgenössischer Quellen: Anhand ausgewählter zeitgenössischer Berichte wird die Identität der Orientalen und ihr Verhältnis zu den europäischen Neuankömmlingen sowie der einheimischen Bevölkerung analysiert.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Orientalen als „kulturelle Mischlinge“ ein Beispiel für Transkulturalität darstellen, wobei eine endgültige Assimilation aufgrund der Quellenlage nicht zweifelsfrei belegbar bleibt.
Schlüsselwörter
Königreich Jerusalem, Orientalen, Pullanen, Transkulturalität, Multikulturalität, Interkulturalität, Fulcher von Chatres, Usama ibn Munqidh, Jakob von Vitry, Assimilation, Kreuzfahrerstaaten, Identität, Heiliges Land, Kulturtransfer, Sozialgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Zusammenleben und die Identitätsbildung der Franken im Königreich Jerusalem im 12. und 13. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Assimilationsprozesse von Einwanderern, die soziale Ordnung des Königreichs Jerusalem sowie die theoretische Einordnung kultureller Austauschprozesse.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, ob die als „Orientalen“ bekannten Franken eher als Beispiel für das Konzept der Transkulturalität anstatt einer bloßen multikulturellen Koexistenz verstanden werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Analyse historischer Texte im Abgleich mit soziologischen Assimilationstheorien, insbesondere nach Milton Gordon.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsklärung, einen historiographischen Überblick und eine detaillierte Quellenanalyse von Fulcher von Chatres, Jakob von Vitry und Usama ibn Munqidh.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Transkulturalität, Orientalen, Pullanen, Assimilation und das Königreich Jerusalem.
Wer waren die „Orientalen“ oder „Pullanen“?
Dies waren Franken, die sich dauerhaft im Heiligen Land niedergelassen hatten, sich kulturell an die einheimische Bevölkerung anpassten und teils eigene, hybride Identitäten entwickelten.
Warum betrachten zeitgenössische Quellen diese Gruppe unterschiedlich?
Während Fulcher von Chatres die Anpassung als positiven Prozess der Identifikation mit der neuen Heimat sah, bewerteten andere wie Jakob von Vitry dieselbe Assimilation aufgrund europäischer Vorurteile als moralischen Verfall.
Welche Rolle spielte Usama ibn Munqidh in der Argumentation?
Als arabischer Zeitgenosse dient er als eine einzigartige Quelle, die von außen auf die Franken blickt und differenziert zwischen den „heimisch gewordenen“ Franken und den neu eingetroffenen Kreuzrittern unterscheidet.
Zu welchem Schluss kommt die Autorin im Fazit?
Die Autorin schließt, dass die Orientalen als personifizierte Transkulturalität gelten können, wobei sie trotz Anpassung ihre lateinisch-christliche Identität bewahrten und somit eine hybride Zwischenstellung einnahmen.
- Arbeit zitieren
- Kristina von Kölln (Autor:in), 2019, Die 'Orientalen' im Königreich Jerusalem. Zwischen Multikulturalität, Interkulturalität und Transkulturalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/945744