Mit Grenzgängern der mittelalterlichen Literatur assoziiert man in Anlehnung an die
Theorie Jurij Lotmanns, meist männliche Helden, Ritter, die um Ehre und Minne
kämpfen. Sie sind die beweglichen und aktiven Parts, sie treiben die maeren voran.
Die Frau wird auf den ersten Blick seltener mit der Eigenschaft der Grenzgängerin in
Verbindung gebracht. Ihre passive Rolle dient dazu den Entwicklungszustand der
ritterlichen Helden aufzuzeigen. Sie ist reines Werkzeug, Mittel und Inspiration für
den Reifungsprozess und die Selbstverwirklichung des Mannes. Ihre Darstellung
erfolgt nicht um ihrer selbst willen, sondern in Funktion für den Mann.1 Als farblose
Randfiguren reagieren sie lediglich auf Handlungsimpulse des anderen Geschlechts
und nehmen keinen großen Anteil am Werdegang der Erzählung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Zur Rolle der Frau in der höfischen Kultur des Mittelalters
1.2 Problemstellung, Auswahl und Ziel der Arbeit
2. Frauenfiguren im Parzival
2.1 Cundrie
2.2 Orgeluse
3. Vergleich der beiden Figuren nach der Theorie Lotmans
3.1 Sujets – Ereignis – Grenze: Zur Theorie Jurij Lotmans
3.2. Vergleich
3.2.1 Cundrie – die Grenzgängerin
3.2.2 Orgeluse – Der Fluss, die Erlebnisgrenze
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Grenzgänger-Fähigkeiten der Figuren Cundrie und Orgeluse in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ unter Anwendung der literaturtheoretischen Ansätze von Jurij Lotman. Das Ziel der Arbeit besteht darin, zu analysieren, ob und inwiefern diese beiden Frauenfiguren die für ein „Sujet“ notwendige „grenzgängerische Beweglichkeit“ innerhalb der strukturellen und semantischen Felder des Romans aufweisen und inwieweit diese durch ihr Äußeres sowie den höfischen Minnedienst bedingt sind.
- Analyse weiblicher Rollenbilder in der höfischen Literatur des Mittelalters.
- Anwendung der Lotmanschen Theorie von Sujet, Ereignis und räumlicher Grenze.
- Untersuchung der Widersprüchlichkeit von Cundries Hässlichkeit und intellektueller Rolle.
- Untersuchung der Divergenz zwischen Orgeluses äußerer Schönheit und ihrem anmaßenden Verhalten.
- Kontrastierung der individuellen Entwicklung beider Frauen innerhalb des Erzählverlaufs.
Auszug aus dem Buch
3.1 Sujets – Ereignis – Grenze: Zur Theorie Jurij Lotmans
In diesem Kapitel wird die Theorie der Grenze nach Jurij Lotman erläutert. Lotman entwickelte ein Raummodell ausgehend von der Annahme, dass menschliche Vorstellungsinhalte aufgrund der Dominanz visueller Erfahrungen überwiegend topologisch organisiert sind. Die Entscheidung den Gesamttopos mit dem „Ort der Handlung“ und nicht mit ihrer zeitlichen Struktur gleichzusetzen, rührt von dem menschlichen Unvermögen Nicht-Gegenständliches (Zeit) zu erfassen. Erst ein mit gegenständlichen, wirklichen Erfahrungswerten gefüllter Raum wird vermittelbar. Hinter diesen Gegenständlichkeiten wird die räumliche Struktur des Topos sichtbar, die einerseits als Organisationsprinzip und der Verteilung der Figuren dient. Andererseits fungiert sie als Sprache für den Ausdruck nicht-räumlicher Relationen im Textgebilde.
Der nicht-räumliche Inhalt topologischer Oppositionspaare wird mit räumlichen Merkmalen ausgestattet, z.B. das Oppositionspaar „arm-reich“ wird mit visuellen Assoziationen ausgestattet: Die Welt der Armen umfasst Slums und Vorstädte, die Reichen bewegen sich dagegen in den glamourösen Hauptstraßen im Stadtzentrum oder wohnen in Villen am Seeufer.
Im Zentrum von Lotmans erzähltheoretischen Überlegungen stehen die Begriffe Sujets und Ereignis. Das Ereignis ist seiner semantischen Bedeutung nach die kleinste unzerlegbare Einheit. Die Aneinanderreihung verschiedener Ereignisse führt zu einem Sujet. Innerhalb des Sujets wird der Schwerpunkt auf die Präsentation der Ereignisse, d.h. auf ihre Situierung und ihre Verknüpfungen innerhalb des Werkes gelegt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet das traditionelle Frauenbild in der mittelalterlichen Literatur und führt in die theoretische Problematik ein, dass Frauenfiguren selten als eigenständige Grenzgängerinnen wahrgenommen werden.
1.1 Zur Rolle der Frau in der höfischen Kultur des Mittelalters: Dieser Abschnitt beschreibt die soziokulturelle Aufwertung der Frau durch den Minnekult, während gleichzeitig ihre rechtliche und soziale Unterordnung im eheherrlichen Kontext bestehen bleibt.
1.2 Problemstellung, Auswahl und Ziel der Arbeit: Die Autorin begründet die Wahl von Cundrie und Orgeluse als Fallbeispiele, da diese durch ihre Abweichungen vom höfischen Verhaltenskodex einen größeren Handlungsspielraum als andere Nebenfiguren besitzen.
2. Frauenfiguren im Parzival: Hier erfolgt eine detaillierte Charakterisierung der beiden Figuren, wobei insbesondere die Kontraste zwischen ihrem Äußeren und ihrem gesellschaftlichen Status im Vordergrund stehen.
2.1 Cundrie: Das Kapitel analysiert Cundries Erscheinungsbild als Gralsbotin, das durch massive Hässlichkeit und gleichzeitig hohe Gelehrsamkeit geprägt ist, wodurch sie als Mittlerin fungiert.
2.2 Orgeluse: Die Herzogin Orgeluse wird als widersprüchliche Figur eingeführt, deren Schönheit in einem markanten Gegensatz zu ihrem stolzen, rachegetriebenen und herrschaftlichen Auftreten steht.
3. Vergleich der beiden Figuren nach der Theorie Lotmans: In diesem Hauptteil wird der theoretische Rahmen von Jurij Lotman angewandt, um die Beweglichkeit der Figuren zwischen den semantischen Teilfeldern des Romans zu prüfen.
3.1 Sujets – Ereignis – Grenze: Zur Theorie Jurij Lotmans: Die theoretischen Grundlagen zu den Begriffen Sujet, Ereignis und räumliche Grenze werden erläutert, um das Modell der „Grenzüberschreitung“ zu definieren.
3.2. Vergleich: Dieser Abschnitt führt die Analyse der beiden Frauenfiguren im Lichte der erarbeiteten Theorie zusammen.
3.2.1 Cundrie – die Grenzgängerin: Es wird dargelegt, warum Cundrie aufgrund ihrer einzigartigen Stellung als gelehrte Hässliche die Freiheit besitzt, Grenzen zwischen Gral und Artuswelt zu überschreiten.
3.2.2 Orgeluse – Der Fluss, die Erlebnisgrenze: Orgeluse wird nicht primär als räumliche Grenzfigur, sondern als eine durch emotionale Ereignisse wandelbare Person analysiert, deren Handlungsspielraum letztlich durch das konventionelle Ideal der Ehe eingeschränkt wird.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Cundrie ihre Rolle als Grenzgängerin dauerhaft behaupten kann, während Orgeluse durch ihre emotionale Bindung an Gawan ihre Individualität in konventionellen Rollenmustern verliert.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Jurij Lotman, Grenzgängerin, Mittelalter, höfische Literatur, Cundrie, Orgeluse, Minnedienst, Sujet, Ereignis, Frauenbild, Individualität, Geschlechterbeziehungen, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Frauenfiguren Cundrie und Orgeluse in Wolframs „Parzival“ als „Grenzgängerinnen“ im Sinne der Theorie von Jurij Lotman fungieren können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Struktur des höfischen Romans, die Darstellung des Weiblichen im Mittelalter und die Anwendung der erzähltheoretischen Konzepte von Raum, Grenze und Sujet.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, ob die beiden gewählten Figuren durch ihre besonderen Eigenschaften – Hässlichkeit bei Cundrie, Schönheit bei Orgeluse – eine Beweglichkeit erlangen, die es ihnen ermöglicht, die festen Grenzen der erzählerischen Welten (Gral vs. Artus) zu überschreiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die literaturtheoretische Methode von Jurij Lotman, insbesondere dessen Konzept des „Sujetaufbaus“ und die Definition des „Ereignisses“ als Grenzüberschreitung innerhalb eines semantischen Feldes.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Figurenanalyse, eine fundierte theoretische Herleitung der Lotmanschen Terminologie und den anschließenden Vergleich, bei dem die Figuren an den theoretischen Modellen gemessen werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Grenzgängerin, Parzival, Lotmansche Theorie, Minnedienst und die spezifische Charakterisierung von Cundrie und Orgeluse.
Warum wird Cundrie als erfolgreiche Grenzgängerin gesehen?
Cundrie entzieht sich durch ihre Hässlichkeit den Erwartungen an eine Minnedame. Dies ermöglicht ihr eine Sonderrolle als gelehrte Mittlerin, die sich frei zwischen der Gralswelt und der Artuswelt bewegen kann.
Was führt im Fall von Orgeluse zur Einschränkung ihres Status?
Orgeluse ist zwar eine charakterstarke und souveräne Herrscherin, doch ihre emotionale Bindung an Gawan und die darauf folgende Heirat zwingen sie zurück in die konventionellen Stereotypen der höfischen Ehefrau, wodurch ihre individuelle Beweglichkeit verloren geht.
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- Fleur Cannas (Author), 2007, Grenzgängerinnen im Parzival, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94618