Logisches Denken oder Raterei? Eine Analyse der Schlussfolgerungen von Sherlock Holmes nach Pierce und deren Visualisierung in der BBC-Serie "Sherlock"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

23 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

1. Einleitung:

„Nein, Nein aufs Raten lasse ich mich nie ein. Das ist eine empörende Angelegenheit­verderblich für das logische Denken“1

Logisches Denken statt Raterei - das ist eines der Markenzeichen von Sherlock Holmes. Denn die fiktive Romangestalt Sherlock Holmes ist nicht nur eine literarische Legende, sondern auch die Personifizierung logischer sowie rationaler Aufklärung.

Gleichzeitig aber steht eben diese These des Meisterdetektivs zur Erstellung von Schlussfolgerungen in starkem Kontrast zur Äußerung des Philosophen und Semiotikers Charles Sanders Pierce, der seinerseits postuliert: „Doch müssen wir die Welt durch Raten erobern oder gar nicht.“2

Wer liegt nun richtiger? Fest steht, dass der Zusammenprall dieser beiden Aussagen das Spannungsverhältnis verdeutlicht, in dem Schlussfolgerungen sich bewegen.

Die vermeintlich einfach zu beantwortende Frage, wie Sherlock Holmes Methode denn nun im Konkreten aussieht, gestaltet sich dabei schwieriger als man auf den ersten Blick vermuten mag und muss daher differenzierter betrachtet werden. Entsprechend möchte ich den ersten Teil dieser Hausarbeit dem Thema Schlussfolgerungen auf theoretischer Ebene widmen. Dabei werde ich herausarbeiten, welche Arten von Schlussfolgerungen es gibt, wie diese konstituiert sind und inwiefern sie sich gegebenenfalls gegenseitig bedingen. Im Anschluss werde ich die Ergebnisse meiner Betrachtungen auf das praktische Beispiel Sherlock Holmes anwenden und so verdeutlichen, wie und anhand welcher Techniken Holmes schlussfolgert.

Der zweite Teil der Hausarbeit beschäftigt sich dann mit der Frage, wie nun die beachtlichen Gedanken- und Bewusstseinsvorgänge (z.B. Auffassungsgabe, Eingebungen und Imagination) von Sherlock Holmes in der modernen, adaptiven BBC Serie „Sherlock“ dargestellt werden. Diese neuartigen Inszenierungsversuche gehen inzwischen weit über das alte, aus den Sherlock Holmes Romanen bekannte und eher indirekte, retrospektiv- verbale Beschreiben des Helfers, Bewunderers und auch Chronisten Watsons, seines Zeichens promovierter Mediziner, hinaus. Konkret soll untersucht werden, wie in der ersten Episode der ersten Staffel der BBC-Serie „Sherlock“ versucht wird, Bewusstseinsprozesse, wie beispielsweise die Imagination oder mentale Vorgänge des Detektivs, zu visualisieren. Dabei ist natürlich anzumerken, dass Gedanken beispielsweise für Menschen nicht sichtbar und damit als solche auch nicht darstellbar sind. Ferner ist es naturgemäß ein Fakt, dass Gedanken sich nie sinnlich-konkret und komplett erfassen lassen, wir es also immer nur mit einem repräsentativen Ausschnitt einer Vorstellung von Gedanken zu tun haben. Zudem werden in unserem Fall alle Darstellungsversuche der Gedanken Holmes‘ medial vermittelt und unterliegen damit in ihrer Medialität spezifischen Limitationen, was letztendlich zur Folge hat, dass bei jedem Übersetzungsversuch von Bewusstseinsprozessen immer auch ein nicht darstellbarer Rest übrigbleibt.

Da Bewusstseinsvorgänge naturgemäß unsichtbar sind und das, wie sich später herausstellen wird, auch sein müssen, war es unvermeidbar, neue Darstellungsebenen einzuführen, die sich letztendlich lediglich auf unsere eigenen Vorstellungen von der Gestalt der Gedanken innerhalb eines bestimmten Zeichensystems stützen können. In der Serie Sherlock wird das Problem gelöst, indem in auffällig hohem Maße und entgegen gängiger filmischer Konventionen das Zeichensystem der Schrift eingesetzt wird, um dem Zuschauer etwas an sich extradiegetisch und eigentlich Unsichtbares zu vermitteln. Durch die Verwendung der Schrift wird im Zuge dessen zwar mit unseren Sehgewohnheiten gebrochen, gleichzeitig ermöglicht uns aber genau dieser Bruch mit dem Konventionellen Einblicke über Sherlocks Gedankenschlüsse anhand der Indizien an einem Tatort. Damit wird die Schrift zu einem wesentlichen Kernelement der Narration.

Diese Beobachtung bietet mir einen Ausgangspunkt, um im zweiten Teil dieser Arbeit konkret zu betrachten, welchen Stellenwert das filmische Stilmittel der Schrifteinblendung in Film und Fernsehen im Allgemeinen hat und wie dieses Stilmittel in der modernen Interpretation vom Holmes des 21.Jahrhunderts in der BBC-Serie Sherlock intentional zur Darstellung externalisierter Bewusstseinsprozesse genutzt wird.

Bevor wir uns aber den konkreten Fragstellungen und Zielsetzungen dieser Hausarbeit widmen, soll im nächsten Abschnitt eine einleitende, kurze Betrachtung der Figur des

Sherlock Homes folgen, auf deren Basis die Arbeitshypothesen ausgearbeitet wurden und die als Grundlage für die spätere Analyse der Serie dient.

2. Der Detektiv Sherlock Homes

Im ausgehenden 19. Jahrhundert erschuf der Brite Sir Arthur Conan Doyle den fiktiven Romanhelden Sherlock Holmes, seines Zeichens „Consulting Detective“3, welcher bekannt ist für sein unglaublich umfangreiches Wissen und seine sehr ausgeprägte Auffassungsgabe. Durch die Kombination seiner hohen Intelligenz mit seinem rationalen Verstand gelingt es ihm, selbst die schwersten, teilweise sogar die als unlösbar geltenden, Kriminalfälle aufzuklären und keinen Umstand des Tathergangs unbeantwortet zu lassen. Der britische Historiker Ian Ousby beschreibt Holmes als: “[... ] hero designed for the late Victorian and Edwardian period, and his triumphs reflect the age's belief in certain values: in the power of reason to control the environment and eliminate danger, and in the ability of the gentleman to enforce a sense of justice and fair play”. Seinen hohen moralischen Ansprüchen und ausgeprägten Gerechtigkeitssinn wird er dabei stets gerecht, indem er Wissenschaftlichkeit und analytische Deduktion koppelt und so auch die noch so komplexen und verworrenen Kriminalfälle löst.

2.1. Holmes und seine Methodik

Seine besondere Methodik des Schlussfolgerns erklärt Holmes selbst in seiner ersten fiktiven Geschichte „A Study in Scarlet“:

“Most people, if you describe a train of events to them, will tell you what the result would be. They can put those events together in their minds, and argue from them that something will come to pass. There are few people, however, who, if you told them a result, would be able to evolve from their own inner consciousness what steps were which led up to that result. This power is what I mean when I talk of reasoning backwards, or analytically.” Konkret ausgedrückt heißt das, dass Holmes Handlungsvorgänge der Vergangenheit imaginiert, die auf den jeweiligen Fall zutreffen und letztendlich auch sein Resultat erklärbar machen.

Schon bei Ginzburg findet ein derartiges Modell der „retrospektiven Wahrsagung“ Erwähnung und auch Doyle und Pierce nennen die Schlussart von Holmes „reasoning backward“ oder „retro-duction“4. Spricht Doyle also fälschlicherweise von Deduktion5 und wird auch in der modernen Serienneufassung, in der Sherlock eine Internetpräsenz mit dem Titel „The Science of Deduction“ betreibt, lediglich irrtümlicherweise von der Deduktion als Sherlocks Schlussfolgerungsart ausgegangen?

2.2. Schlussfolgerungsarten nach Peirce

Um diese Frage wissenschaftlich sachgerecht und differenziert zu beantworten, ist es unumgänglich, die Theorien von Charles Sanders Peirce6 heranzuziehen. Seiner Theorie zufolge lassen sich drei verschiedene Arten des Schlussfolgerns unterscheiden: Induktion, Deduktion und Abduktion.

Bei der Induktion wird nach wiederholten Tests eine wahrscheinliche Regel, beziehungsweise ein vermeintliches Gesetz aufgestellt. Es wird also von einer einzelnen Gegebenheit auf das Ganze geschlossen. Die Deduktion hingegen funktioniert genau andersherum: hier wird von einzelnen Gegebenheiten auf das Ganze geschlossen, heißt konkret, aus einem Fall oder einem Gesetz wird ein Resultat prognostiziert. Letztere, die Abduktion, beschreibt den Schluss von einem beobachteten Sachverhalt zurück auf seine Ursache7. Das Besondere der letzten Schlussformel ist also, dass sie einer Regel bedarf, die als Hypothese angenommen werden muss und erst durch die Annahme eben dieser Regel kann das beobachtete Ergebnis auf eine Ursache, einen Fall, zurückgeführt werden. Dazu Pierce:

Die Abduktion ist der Prozess, mit dem eine erklärende Hypothese gebildet wird. Sie ist die einzige logische Operation, die eine neue Idee einführt, denn die Induktion bestimmt nur einen Wert, während die Deduktion lediglich die notwendigen Konsequenzen auf Grund einer reinen Hypothese entwickelt. Die Deduktion liefert den Beweis, dass etwas sein muss; die Induktion zeigt, dass etwas wirklich wirkt; die Abduktion schließlich legt nahe, dass etwas sein kann8.

Lediglich die Abduktion dient Holmes also dazu, mittels Bildung einer Hypothese und somit hypothetischer Schließung zur Entdeckung von unbekannten kriminalistischen Ursachen zu gelangen. Allerdings ist diese Methode nur in Verbindung mit den anderen beiden Schlussarten erfolgreich. Die formale Struktur von Sherlock Holmes Schlüssen ist entsprechend nahezu immer identisch, denn es wird von Resultat und Regel auf den Fall geschlossen.

Am Anfang steht dabei die Wahrnehmung eines Resultats. Im zweiten Schritt folgt dann die Heranziehung eines Gesetzes, um in einem anschließenden letzten Schritt das Bobachtete als Fall des Gesetzes zu erklären. Holmes kann damit das Vergangene rekonstruieren, die Zukunft prognostizieren und letztendlich alle Schlussprozesse vollständig darlegen. Konkret übertragen auf Sherlocks Fall bedeutet dies zu Beginn die Beobachtung, sprich Aufzeichnung und Kombination verschiedener Wahrnehmungsdaten, also eine Art Bestandsaufnahme (Induktion); im nächsten Schritt wird dann eine Hypothese erstellt, die die beobachteten Sachverhalte begründen oder interpretieren soll, um so mögliche Ursachen für resultierende Ereignisse zu festzustellen (Abduktion); und im Anschluss daran fährt Holmes mit einer analytischen Darlegung der Konsequenzen fort, welche den formulierten Hypothesen notwendigerweise zukommen müssten (Deduktion). Hieraus könnte man nun ableiten, dass auch Sherlock bei der Abduktion nicht um das „Raten oder Wahrsagen“ herumkommt, wogegen er wahrscheinlich vehement protestieren würde. Neben der genauen Beobachtung und Kombination von Fakten einerseits, braucht man zur Erstellung von Hypothesen auch geltende Gesetze, eine bestimmte Ordnung des Lebens, in welche die Fakten implementiert werden. Holmes nimmt einen Tatort nicht unstrukturiert wahr, sondern beobachtet ihn und gleicht ihn anschließend mit seiner internen Ordnung ab. Aufgrund seiner zahlreichen, teilweise auch absurd wirkenden privaten Studien9, verfügt Holmes also über eine anscheinend unermessliche Vielzahl von Gesetzen - was ihn allerdings nie davon abhält, dieses Wissen beständig weiter auszubauen.

2.3. Fazit zu den Schlussfolgerungen von Sherlock Holmes

Die Aussage, dass sich Holmes nie der Methode des Ratens bedient, ist also meines Erachtens nicht ganz wahr; viel eher gilt, dass er nicht ins Blaue hinein rät, sondern auch das Raten und Mutmaßen sich bei Holmes in einem Rahmen von Ordnung, Regeln und Gesetzmäßigkeiten bewegt. Seine Treffsicherheit im Schlussfolgern ist also weniger auf seine Intuition, seinen sechsten Sinn oder zufälligen Mutmaßungen zurückzuführen. Vielmehr ist es Sherlock stets möglich, die wahrscheinlichste Hypothese aufzustellen, indem er sein über die Jahre erworbenes Kontextwissen, seine innere mentale Gedankenwelt, mitsamt ihrer ordnenden Struktur und die jeweilig geltenden Gesetzen (die in der Regel nur ihm bekannt sind) mit den Fakten des jeweiligen Kriminalfalls in einen sinnhaften Zusammenhang bringt. Hierbei ist allerdings anzumerken, dass Holmes in der Regel mehre Hypothesen aufgestellt, die dann anhand eines Ausschlussverfahrens eingegrenzt werden müssen, bis sie sowohl mit den Indizien als auch mit dem Resultat des Falls übereinstimmen. Dem kreativen Anteil der Abduktion, welcher sich bei Peirce kaum scharf trennen lässt von subjektiven Wahrnehmungsurteilen10 und der bei ihm eben keinen logischen Anteil besitzen muss, setzt Holmes konträr entgegen, dass gebildete Hypothesen immer auf genug Material und Fakten basieren müssen, um ihnen Relevanz zuzusprechen. Aus diesem Grund ist der kreative Anteil bei Holmes lediglich marginal.

In der folgenden Fußnote soll nun exemplarisch eine Szene der BBC Neuauflage erläutert werden, die verdeutlicht, dass Sherlocks Entdeckungszusammenhänge in der modernen Interpretation trotz ihres faktischen Fundaments fragil sein können und er eben teilweise auch nicht um das Raten, so unwillkürlich es auch sein mag, herumkommt. So sagt er in der Serie selbst sinnbildlich: „[.. ,]shot in the dark, good one though.“11

Sherlock unterscheidet sich also von den meisten anderen Menschen vor allem dadurch, dass er einerseits in der Lage ist, viel komplexere Faktenmengen zusammenzusetzen und zu rekombinieren und andererseits dadurch, dass er auf eine größere Bandbreite von Basiswissen, Regeln und Gesetzen zurückzugreifen kann als allgemein üblich. Nur so gelingt es ihm, schon beim Inspizieren des Tatorts Schlüsse aus dem vermeintlich Unwichtigem und Sekundären zu ziehen, was verdeutlicht, dass beim abduktiven Schluss schon die wahrgenommenen Details im Vorfeld, also schon konkret bei der Wahrnehmung und dem Filtern von Informationen des Tatorts, eine immens wichtige Rolle spielen, beziehungsweise konstitutiv sind. Deshalb fügt Sherlock selbst seinem berühmten „Sie kennen ja meine Methode“-Zitat an: „Sie gründet sich auf die Beobachtung von Belanglosigkeiten.“12

Am Ende dieses Abschnittes sei jedoch auch noch erwähnt, dass Holmes nur deswegen alles weiß, weil er einen direkten Draht zu seinem Autor hat. Nicht Holmes selbst versucht sich im Raten oder deckt kriminalistische Umstände auf. Er ist lediglich eine fiktive Figur und der Gründer seines fiktionalen Universums ist der Autor Doyle und dieser kannte bereits das Ende, als er anting, den Beginn des Kriminalromans zu schreiben13. Holmes errät oder schlussfolgert also dementsprechend nichts selbst, sondern weiß und wusste alles bereits vorher. Wahrscheinlich ist es eben genau diese Utopie, mitsamt ihrer literarischen Überformung, welche die Geschichten um den Meisterdetektiv Holmes und seinen Freund und Chronisten Watson so anziehend und faszinierend gestaltet.

Nachdem nun bestimme Differenzierungen und Ausformulierungen von Schlussfolgerungsarten aufgezeigt wurden, soll es im nächsten Kapitel um einige Überlegungen und Analysen von Schlüsselszenen aus der modernen Serie Sherlock und die besondere Darstellung eben derer gehen. Hierbei soll einerseits gezeigt werden, inwiefern es vor allem inhaltliche Parallelen und Überschneidungen zwischen dem neuzeitlichen Serienformat und anderen Darstellungsformen der Sherlock-Holmes Geschichten in Film und Literatur14 gibt. Andererseits wird konkretisiert, mit welchen Erneuerungen und Innovationen sich die BBC-Serie von multimedialen Vorgängerstoffen und dabei insbesondere in Bezug auf die Darstellung mentaler Operationen abhebt. Die Vergleichsebene soll hierbei also nicht per se zwischen der Serie als filmischem Medium und den anderen literarischen und filmischen Pendants als mediale Vermittler gezogen werden; Vielmehr geht es darum, zu zeigen, inwiefern sich die BBC-Serie durch das ungewöhnliche Einfügen von Schrift deutlich von ihnen abgrenzt, da die die Sehkonventionen durchbrechende Verwendung von Schrift sich hierbei als charakteristisches Distinktionsmerkmal der modernen Sherlock Holmes Interpretation festhalten lässt.

[...]


1 Doyle, A.C. (1985b). Im Zeichen der Vier. Frankfurt am Main, S.15.

2 Seboek/Umiker-Seboek (1985), S.28.

3 Doyle, A.C. (1892): A Study in Scarlet, Leipzig Interessanterweise wird dieser Umstand auch in der modernen Serieninterpretation erwähnt, allerdings noch mit der Betonung, dass es diesen Job eigentlich nicht geben würde und Sherlock ihn erfunden hätte, was man als Interpretation seiner Einzigartigkeit und seines hohen Intellekts sehen könnte . (00:18:41)

4 Vgl. Seboek / Umiker-Seboek 1980, S. 64f.

5 Vgl. Doyle 1892, S.38.

6 Charles Santiago Sanders Peirce war ein US-amerikanischer Mathematiker, Philosoph, Logiker und Semiotiker (1839-1914)

7 Richter 1995, dort nach: Burks, A.W.(Hrsg.): Collected Papers of Charles Sanders Peirce.Bd.VII-VIII. Amsterdam, Philadelphia 1983, Bd.7, Abschnitt 245: "[...] to give the name of abduction to the process of selecting a hypothesis to be tested”

8 Peirce, 1991, S.115.

9 Ein Beispiel hierfür ist zu Beginn der Serie zu finden, als Sherlock eine Leiche auspeitscht, um vermutlich Studien über Verletzungen welche Post mortem zugefügt wurden aufzustellen. (08:48)

10 Peirce 1991, S.123: „Die abduktive Vermutung kommt uns blitzartig. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl von außerordentlich trügerischer Einsicht."

11 Sherlock. Staffel1. Episode1: A Study in Pink. Regie PaulMcGuigan, GB 2011. (00:20:31).

12 Wie oben bereits erwähnt erläutert Sherlock an dieser Stelle einige seiner geistreichen Schlussfolgerungen. Im Kontext der Serie geschieht dies hier, da Watson und Holmes sich gerade erst begegnet sind und Holmes erfahren möchte, wie Sherlock über diverse Tatsachen seines Lebens Bescheid wissen kann, ohne je viel mit ihm gesprochen zu haben und ihn vermeintlich kaum zu kennen. Holmes artikuliert einige Schlussfolgerungen bezüglich Watsons familiären Verhältnisses, beziehungsweise konkret das zu seinem Bruder. Hierbei werden teilweise Hypothesen aus dem literarischen Vorgänger Doyles „Im Zeichen der Vier" adaptiert, bei dem Sherlock unter Beweis stellt, inwiefern Dinge des täglichen Gebrauchs den Stempel der Persönlichkeit ihrer Besitzer wiederspiegeln. In der Serie ist die Uhr nun einem Handy gewichen, doch die Fakten der Gegenstände, mitsamt den aus ihnen gezogenen Schlussfolgerung, überschneiden sich. Hier ist zum Beispiel die Gravierung zu nennen, anhand derer Sherlock feststellt, dass das Handy, beziehungsweise die Uhr vom Bruder sein müssen. Zudem erschließt er sich in beiden Fällen, dass die Gegenstände Watson erst kürzlich zugekommen sein können, das sie deutliche Kratzspuren und Verunreinigungen aufweisen, was auf mangelhafte Sauberkeit und Ordnung schließen lässt, die er Watson insbesondere bei solch wertvollen Gegenständen nicht unterstellt. Weiter schließt er auf gute finanzielle Verhältnisse, da die Gegenstände wie gesagt nicht günstig in ihrer Anschaffung sind. Ein besonders spannender Aspekt ist die jeweils letzte Schlussfolgerung in beiden Fällen, die sich auf das Trinkverhalten des Bruders bezieht. So erkennt Holmes in „Im Zeichen der Vier" anhand des Schlüssellochs, welches mit unzähligen Gebrauchspuren versehen ist, dass sich der Bruder dem Trunk ergab, da nur Trinker beim Aufziehen einer Uhr solche Spuren hinterlassen. In der Serie ist sind es nun Stellen an der Ladebuchse des Mobiltelefons, welche prädestiniert sind, um von Alkoholiker beim Aufladen des Gerätes zerkratzt zu werden. Und genau an dieser Stelle räumt Sherlock das oben erwähnte Zitat ein, dass diese These ein Schuss ins Blaue war, aber eben ein guter. Es kann sich eben nur um eine geratene Vermutung handeln, denn betrachtet man die Grundlage seiner Erklärungen genauer, dann kann deren Gültigkeit in Zweifel geraten. Zerkratzen wirklich nur Trinker die Ladebuchse am Handy? Was ist beispielsweise mit Nervenkranken oder Personen, die beim Anstecken des Ladekabels nicht mehr hinschauen, weil sie diese Tätigkeit bereits zigmal ausgeführt haben und sie nun bereits Routine ist? Auch wäre in diesem Zusammenhang an alte Menschen oder Kinder zu denken, deren Feinmotorik schlicht und einfach nicht mehr, bzw. noch nicht so gut ausgeprägt ist. All diese Regeln erscheinen in diesem Zusammenhang sinnvoll und Sherlock kann sich eben nur auf die wahrscheinlichste berufen, die demzufolge aber nicht zwingend immer die richtige sein muss. Und so liegt er in der modernen Serienadaption eben auch nicht in allem richtig und ihm unterläuft gleich zu Beginn seiner Abduktionskette ein im wahrsten Sinne des Wortes gravierender Fahler, da die Gravur Harry Watson für Harriot steht. Und sämtliche weitere Schlussfolgerungen, so genial und richtig sie auch sein mögen, sich eben auf Watsons Schwester und nicht auf seinen Bruder beziehen. Zitiert nach Truzzi 1985, S.101.

13 Doyle 1924, S.116 Doyle selbst schreibt dazu in seiner Biografie: „People have often asked me whether I knew the end of Holmes story before I started it. Of course I did. One could not possibly steer a course if one did not know one's destination. The first thing is to get your idea. [...] Holmes however, can see all the follows of the alternatives and arrives more or less dramatically at the true solution by steps he can describe and justify.”

14 An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass die fiktive Figur Sherlock Holmes aus meiner Sicht mittlerweile ein multimediales Phänomen darstellt, dass längst seinen Schaffer und den literarischen Ursprung überstrahlt und quasi ein autonomes „Leben" entwickelt hat. Die multimediale Vermarktung reicht von Verfilmungen, Literatur, Serienproduktionen und einem Sherlock Holmes Museum über Bronze Statuen, diverse Textilien, Pappaufstellern und Badeenten im Sherlock Holmes Design. Ich denke außerdem, dass insbesondere die frühzeitigen Verfilmungen des literarischen Stoffes, als eine Art Basis heutiger kriminalistischer Fernsehserien angesehen werden können.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Logisches Denken oder Raterei? Eine Analyse der Schlussfolgerungen von Sherlock Holmes nach Pierce und deren Visualisierung in der BBC-Serie "Sherlock"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Eine Analyse der Kunst detektivischer Interferenzen
Note
1,8
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V946268
ISBN (eBook)
9783346312679
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sherlock Holmes Peirce Schlussfolgerung Film Serie Analyse Medienwissenschaft
Arbeit zitieren
Felix Scheel (Autor), 2019, Logisches Denken oder Raterei? Eine Analyse der Schlussfolgerungen von Sherlock Holmes nach Pierce und deren Visualisierung in der BBC-Serie "Sherlock", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/946268

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