Vom Ressort zum Newsdesk: Konzepte der Redaktionsorganisation

Vom Verschwinden traditioneller Ressorts hin zum Postulat journalistischer Qualität trotz redaktioneller Umstukturierung


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Darstellung der Thematik

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Redaktion
2.2 Newsdesk
2.3 Newsroom

3. Theoretische Grundlagen
3.1 Wie aus Sparten die klassischen Ressorts wurden
3.2 Theoretische Überlegungen zur Zeitungsredaktion
3.2.1 Theorie und Empirie
3.2.2 Mikroebene: Die betriebswirtschaftliche Managementlehre

4. Praktische Umsetzung
4.1 Vergleich: Deutschland – England
4.2 Neue Formen: Newsdesk, Newsroom, crossmediales Arbeiten
4.2.1 Motive für den Newsdesk
4.2.2 In welchen Ressorts Deutschlands Journalisten arbeiten
4.2.3 Bandbreite neuer Redaktionsmodelle

5. Journalistische Qualität in jedem Fall

6. Literaturverzeichnis
Internetnachweise

7. Anhang

1. Darstellung der Thematik

In seinem Artikel „Über den Hochverrat“ schreibt Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung Heribert Prantl: „So kehrt der Journalismus zurück zu den marktschreierischen Ursprüngen auf den Marktplätzen des Mittelalters. Es besteht wie noch nie seit 1945 die Gefahr, dass der deutsche Journalismus verflacht und verdummt, weil der Renditedruck steigt, weil an die Stelle von sach- und fachkundigen Journalisten Produktionsassistenten für Multimedia gesetzt werden, wieselflinke Generalisten, die von allem wenig und von nichts richtig was verstehen.“[1] Damit verurteilt Prantl die zunehmende Affinität diverser deutscher Verleger in ihren Redaktionen Newsdesks zu installieren, an denen einstige Qualitätsjournalisten zu Multimedia-Fachmännern verkommen, weshalb die Qualität des Journalismus enorm leidet. Auch hält die „technische Innovation“[2] Newsdesk vornehmlich dort Einzug, wo Journalisten entlassen und durch Kollegen ersetzt werden, die keine tarifliche Bezahlung erhalten.[3] Die Skepsis gegenüber dieser Entwicklung ist groß und vor dem Hintergrund von Verlusten auf dem Anzeigen- und Lesermarkt bestimmt gerechtfertigt. In den Redaktionen müssen neue Redaktionsmodelle dafür sorgen, dass die Zeitung gegenüber den elektronischen Medien konkurrenzfähig bleibt und ihr Alleinstellungsmerkmal – den großen Vorteil Hintergründe ausführlich zu beleuchten sowie Überregionales, Regionales und Lokales miteinander zu verknüpfen – weiter stärkt.

Welche Gestalt können neue Redaktionsformen annehmen und müssen sie dabei zwangsweise dazu führen, dass massenweise Journalisten entlassen werden, wie im Fall Münstersche Zeitung, deren Vorgehen Heribert Prantl so scharf kritisiert? Ist die Innovation „Newsdesk“ tatsächlich zukunftsträchtig oder kommt sie nur im Deckmantel der Moderne daher, um zu verschleiern, dass Verleger Geld dort einsparen, wo sie es besser ließen? Fragen danach stellen sich Forscher erst in der jüngeren Zeit. Die ersten empirischen Studien zur Zeitungsredaktion entstanden jedoch in den 50er Jahren, hauptsächlich in den USA im Zuge der Gatekeeper-Studien bei denen die Nachrichtenselektion der Kommunikatoren, die sozusagen als Filter von Informationen fungieren, sozialwissenschaftlich untersucht wurde.[4] Kommunikationswissenschaftler wie Otto Groth, Karl Bücher, Emil Dovifat und besonders Manfred Rühl, der sich Ende der 60er Jahre mit der „Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System“[5] beschäftigte[6], arbeiteten zum Thema Zeitungsredaktion, allerdings kamen sie dabei „über vorempirische Beschreibungen nicht hinaus“.[7] Organisationsfragen werden dann wieder in den 90er Jahren von Siegfried Weischenberg und Klaus-Dieter Altmeppen behandelt, insgesamt wird das Thema allerdings eher vernachlässigt.[8] Worte zur modernen Redaktionsorganisation wie „Newsroom“ oder „Newsdesk“ sucht man in Fachlexika vergebens – lediglich beim Begriff der „Redaktion“ tauchen sie auf; sowie besonders in Publikationen Klaus Meiers. Es gibt hierzu weder flächendeckende Untersuchungen noch exakte Definitionen.

Voran soll geklärt werden, was unter dem Begriff der Redaktion verstanden wird und was die bereits gefallenen Anglizismen Newsdesk und Newsroom bedeuten. Ein geschichtlicher Abriss soll dann die Entstehung der Ressorts in den Zeitungsredaktionen vor Augen führen. Danach soll auf theoretische Grundlagen, besonders die Managementlehre, näher eingegangen werden. Ausgehend von den theoretischen Zusammenhängen soll eine kurze Betrachtung der konträren Arbeitsweise in deutschen und großbritannischen Redaktionen die praktische Seite von Redaktionsorganisation aufzeigen. Anschließend verdeutlichen verschiedene Beispiele wie Umstrukturierungen in den Redaktionen aussehen können.

2. Begriffsdefinitionen

2.1. Redaktion

Klaus Meier teilt dem Begriff „Redaktion“ folgende – im Wesentlichen sind es vier Dimensionen – Bedeutungen zu, die weitgehend konform mit der Definition des Brockhauses[9] geht: „Im Allgemeinen ist mit ‚Redaktion’ diejenige Abteilung eines Medienunternehmens gemeint, welche die journalistischen Leistungen erbringt (editorial department). Mitunter werden die Gesamtheit aller journalistischen Mitarbeiter als ‚Redaktion’ bezeichnet (editorial staff), die Räume bzw. die organisatorischen Strukturen, in denen sie arbeiten (newsroom), oder auch die Tätigkeit der Redakteure: Sie erledigen die ‚Redaktion’ eines publizistischen Werkes (editing).“[10] Laut Brockhaus ist das Ressort dabei ganz allgemein der Aufgaben- beziehungsweise Zuständigkeitsbereich der journalistischen Mitarbeiter. Seit ungefähr Anfang des 20. Jahrhunderts herrscht dabei eine bestimmte Ressortstruktur vor: „Die Einteilung der Welt in Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, und Lokales“.[11]

2.2. Newsdesk

Bisher herrscht kein Konsens darüber, wie der Begriff des „Newsdesk“ (zu Deutsch: Nachrichtentisch) eigentlich zu verstehen ist, denn weder Medienpraktiker noch Wissenschaftler sind sich über eine einheitliche Bedeutung im Klaren. Im Grunde meint man damit die Reorganisation der Arbeitsabläufe in Redaktionen. Klaus Meier beschreibt den Newsdesk als eine „Koordinations- und Produktionszentrale, in der alles zusammen läuft, was die Redaktion an Material zur Verfügung hat“.[12] Aber dennoch gibt es wesentliche Unterschiede darin, was in der Praxis alles als Newsdesk bezeichnet wird: „Manchmal wird am Newsdesk nur monomedial gearbeitet; oder es sitzen dort nur ein oder zwei Redaktionsmanager, die das Nachrichtenmaterial koordinieren (Beispiel: Süddeutsche Zeitung). In anderen Medienhäusern ist mit ‚Newsdesk’ oder ‚Newsroom’ ein zentraler großer Arbeitbereich gemeint, an dem mindestens ein halbes Dutzend Redakteure verschiedener Ressorts gemeinsam produzieren und verschieden Medien bedienen (Beispiele: Freie Presse und Mainpost). Ein weiteres Konzept sieht ein gemeinsames Newsdesk für mehrere Lokalredaktionen vor (Beispiel: Mainpost).“[13]

2.3. Newsroom

Der Newsdesk ist oftmals das zentrale Herzstück des großflächigen Newsrooms (zu Deutsch: Nachrichtenraum), der „architektonisch neue redaktionelle Konzepte des ressort- und medienübergreifenden Planens und Arbeitens [unterstützt]“.[14] Kleine Büros werden aufgelöst und weichen offenen Newsrooms: „Die Wände zwischen Ressorts und Medien werden eingerissen; alle Journalisten sitzen in einem gemeinsamen Redaktionsraum und sollen sich so besser absprechen und koordinieren.“[15] Besonders soll der Newsroom in seiner Konzeption auch bei der Verzahnung crossmedialer Strukturen innerhalb eines Medienunternehmens dienlich sein.

3. Theoretische Grundlagen

3.1. Wie aus Sparten die klassischen Ressorts wurden

In den vergangenen Jahren erprobten Chefredakteure neue Ressortmodelle, besonders auch Teamarbeit. Damit versuchen sie festgefahrene Strukturen, die sich durch eine Spezialisierung der Ressorts seit ihrer Entstehung vor rund 100 Jahren bildeten, nach und nach aufzulösen, um den gewonnen Raum für Innovatives zu nutzen.[16] Doch wie bildeten sich die klassischen Ressorts der Zeitungen in den vergangenen Jahrhunderten?

1605 erschien die erste europäische Zeitung: die Strassburger Relation. Nicht einmal 50 Jahre später erscheint die Leipziger Einkommende Zeitung sechs Mal die Woche als erste deutsche Tageszeitung. Damals erschien sie noch ohne redaktionellen Teil, sie war unstrukturiert, weder systematisch noch gegliedert, aber dennoch in gewisser Weise organisiert arbeitend.[17] Korrespondenten waren rar zu dieser Zeit. Die Redaktion von Postmeistern und Buchdruckern bestand in erster Linie darin verschiedenste Zeitungen auf ihre Nachrichten hin zu untersuchen, Artikel auszuschneiden und wieder in Druck zu geben. Über Jahrhunderte war die Zeitung in ihrer Aufmachung nicht leserfreundlich gestaltet, was wohl an technischen Gegebenheiten gelegen haben muss und es gab keinerlei Einteilung – die aufgrund der spärlichen Nachrichten auch nicht notwendig war. Ab dem 18. Jahrhundert lassen sich erste Sparten in Zeitungen finden. Die Beispiele dafür sind zahlreich. So erscheint das Wiener Diarium ab 1722 mit wiederkehrenden Überschriften („Ausländische Begebenheiten“ oder „Parlamentssachen“), in dem Nachrichten bereits selektiert und Meldungen aus der Heimat den ausländischen Nachrichten vorgezogen werden. Besonders geographische Gliederungen waren zu dieser Zeit beliebt. So zum Beispiel beim Nordischen Mercurius aus Hamburg um 1700: Angefangen mit Nachrichten aus „Deutschland und Ungarn“ schloss die Zeitung mit Nachrichten aus den Niederlanden. Unter der Bezeichnung „Gelehrte Artikel“ entstehen im Laufe des 18. Jahrhunderts dann erste feste Sparten, als Vorläufer des Wissenschafts- oder Kulturressorts aus dem später das heutige „Feuilleton“ erwuchs. „Der ‚gelehrte Artikel’ diente als Sammelbecken für wissenschaftliche und gesellschaftliche Nachrichten sowie Beiträge aus Kunst und Literatur“, beschreibt Klaus Meier die erste Sparte der Zeitung.

[...]


[1] Heribert Prantl: Über den Hochverrat. Sind wir Journalisten oder Trommelaffen? Früher war die Pressefreiheit vom Staat bedroht. Heute besorgen die Medien das selbst. In: Süddeutsche Zeitung, Wochenendbeilage 25./26.02.2007. Zitiert nach: Frank Biermann: Moosig im Abgang. Von Trommelaffen, Nachrichtentischen und Tarifverträgen. In: Publizistik, Heft 2, Juni 2007, 52. Jahrgang, S. 151 f.

[2] Frank Biermann: Moosig im Abgang. Von Trommelaffen, Nachrichtentischen und Tarifverträgen. In: Publizistik, Heft 2, Juni 2007, 52. Jahrgang, S. 151.

[3] vgl. ebd., S. 150.

[4] vgl. Klaus Meier: Redaktion. In: Siegfried Weischenberg/Hans J. Kleinsteuber/Bernhard Pörksen (Hg.): Handbuch Journalismus und Medien. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2005, S.395.

[5] Manfred Rühl: Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Überarbeitete und erweiterte 2. Auflage. Freiburg: Universitätsverlag, 1979.

[6] vgl. Klaus Meier: Ressort, Sparte, Team. Wahrnehmungsstrukturen und Redaktionsorganisation im Zeitungsjournalismus. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, Universitätsdissertation, 2002, S.19 ff.

[7] Meier 2005, In: Weischenberg/Kleinsteuber/Pörksen, a.a.O., S. 395.

[8] vgl. Otfried Jarren/Heinz Bonfadelli (Hg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt u.a., 2001, S. 141.

[9] vgl. http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de/be21_article.php, zuletzt aufgerufen am 18.02.2008.

[10] Meier 2005, In: Weischenberg/Kleinsteuber/Pörksen, a.a.O., S. 394.

[11] ebd., S. 395.

[12] Klaus Meier: Newsroom, Newsdesk, crossmediales Arbeiten. Neue Modelle der Redaktionsorganisation und ihre Auswirkungen auf die journalistische Qualität. In: Siegfried Weischenberg/Wiebke Loosen/Michael Beuthner (Hg.): Medien-Qualitäten. Öffentliche Kommunikation zwischen ökonomischem Kalkül und Sozialverantwortung. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, Schriftenreihe der DGPUK, Bd. 33, 2006, S. 209.

[13] Meier 2005, In: Weischenberg/Kleinsteuber/Pörksen, a.a.O., S. 398.

[14] Meier 2006, In: Weischenberg/Loosen/Beuthner, a.a.O., S. 210.

[15] ebd., S. 210.

[16] vgl. Meier 2002, a.a.O., S. 109.

[17] vgl. hier, sowie alle Zitate dieser Seite: ebd., S. 110-115.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Vom Ressort zum Newsdesk: Konzepte der Redaktionsorganisation
Untertitel
Vom Verschwinden traditioneller Ressorts hin zum Postulat journalistischer Qualität trotz redaktioneller Umstukturierung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Journalistik)
Veranstaltung
Medienlehre Presse
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V94637
ISBN (eBook)
9783640106943
ISBN (Buch)
9783640126002
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ressort, Newsdesk, Konzepte, Redaktionsorganisation, Medienlehre, Presse
Arbeit zitieren
Steffen Armbruster (Autor), 2008, Vom Ressort zum Newsdesk: Konzepte der Redaktionsorganisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94637

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