Die Theorie-Praxis-Relation bei Adorno. Ein Fokus auf seinen Vorlesungen über Probleme der Moralphilosophie


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemsituation der Kritischen Theorie

3. Wofür Moralphilosophie?

4. Wofür Theorie-Praxis-Relation?

5. Ethik und Emotionen

6. Reflexionsarbeit und Dialektik

7. Der Zweck der Theorie-Praxis-Relation

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Theorie und Praxis nicht identisch sind, ist kein großes Geheimnis. Und doch ist eine Relation beider Tätigkeitsformen nicht zu leugnen. Wenngleich es spezifische Differenzen zwischen dem Betrachten, Beobachten, Theoretisieren und dem Handeln, Arbeiten und Produzieren gibt, so sind doch ebenso Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten ersichtlich beziehungsweise konstituierbar. Mit Adorno gedacht, können wir sogar schreiben, dass eine unzertrennbare Relation zwischen Theorie und Praxis existiert: „weil sie ja schließlich doch in der Einheit desselben Lebens entspringen, nicht ohne einander sein können.“1

Gewöhnlich wird das sich gegenseitig Aufeinanderbeziehen von Theorie und Praxis in der Erkenntnistheorie beziehungsweise in wissenschaftstheoretischen Abhandlungen thematisiert.

Es ist eine Art Reflexion auf die spezifische Beziehung der wissenschaftlichen oder philosophischen Erkenntnistätigkeit und dem praktischem Handeln beziehungsweise dem nicht nur theoretischem Tätigsein in der wirklichen Lebenswelt. Die Theorie-Praxis-Relation als eine Art Bündel von Fragen dargestellt, könnten in etwa so formuliert werden: Welchen Wert haben theoretische Reflexionen und Erkenntnisse für den praktischen Lebensprozess? Was nützen die theoretischen Einsichten in das Sein und Werden der Natur, der Gesellschaft und des Kosmos für unser alltägliches Handeln, Praktizieren und Produzieren? Wofür bedürfen wir der Theorie? Und könnten wir die praktische Lebensrealität überhaupt ohne theoretische Reflexion verstehen oder erkennen? Diese Fragen sind Fragen, die ich hier in dieser Arbeit nicht vollständig beantworten werde, doch versuche ich speziell das Thema der Moralphilosophie dafür zu nutzen, um die theoretischen Sätze, welche Adorno in seiner Vorlesung kundgetan hat, in mein philosophisches Verständnis zu integrieren, um das spezifische Verhältnis von Theorie und Praxis in moralphilosophischer Hinsicht zu explizieren. Moralphilosophie, als ein spezifischer Teil von Gesellschaftstheorie kombiniert mit handlungstheoretischen Reflexionen, eignet sich gut für die Ergründung der Theorie-Praxis-Relation, weil Moralphilosophie als theoretische Disziplin mit praktischen bzw. praxisrelevanten Inhalten zu tun hat. Etymologisch leitet sich Praxis von πραττειν ab, was so viel wie „handeln, tun“ bedeutet. Und so lautet auch die zentralen Fragen der Moralphilosophie: Was sollen wir tun? Wie können wir vernünftig handeln? Für wen handeln? Und Warum? Welche Gründe sind legitim und welche verwerflich? Was sind die Zwecke für unsere konkreten Handlungen und unser praktisches Miteinanderleben und Wirken? Und warum ist gutes, moralisches oder nützliches Handeln wünschenswerter und dem schädlichen oder grausamen Handeln vorzuziehen, zu präferieren bzw. als Gebote zu verwirklichen? Wie ist eine moralische Praxis zu verstehen, wie sind Moral und Freiheit miteinander vereinbar und was sind Hindernisse in der Gesellschaft für eine Kontinuität von der Variation von nicht amoralischer Praxis?

Und doch müssen wir sagen, dass Moralphilosophie selbst noch keine moralisches Handeln ist, sondern ein theoretisches Reflektieren über moralphilosophische Probleme darstellt, welche sich in dem Miteinanderleber verschiedener Individuen und Gemeinschaften, bzw. Gruppen oder Gesellschaften als Konflikte oder Missverhältnisse zeigen. Moralphilosophie ist gleichsam als Reaktion auf unmoralisches, grausames und barbarisches Handeln der Menschen zu betrachten, und in gewissem Sinne die Bewusstmachung und Kritik von gesellschaftlicher Moralität oder Amoralität mit reflexiven Mitteln: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“2

2. Problemsituation der Kritischen Theorie

Adorno thematisiert das Irrationale in dem kulturellen und ökonomischen Rationalisierungsprozess. Allgemein ist das Projekt der Kritischen Theorie das Aufspüren der immanenten Fehler der Zivilisationsgeschichte, sowie die Ergründung der Ursachen und der Konsequenzen. Der kapitalistische Produktionsprozess zeitigte eine fatale Verdinglichung und zweckrationale Funktionalisierungen der Lebewesen, wodurch eine Vielzahl an Fähigkeiten, Potentialen und intersubjektiven Möglichkeiten verkümmerten. Diese Verkümmerungen werden durch psychologische, kulturphilosophische, soziologische und literarische Anschauungen und Beschreibungsweisen exemplifiziert, sodass eine teils detaillierte, teils artistisch gewagte, teils philosophisch scharfsinnige Analyse der Überbauphänomene ins Sprachliche formuliert wurde. Die menschlichen Seelen wurden zu instrumentalisierten Objekten verdinglicht, wodurch die bürgerliche Kälte in der Gesellschaft das vernünftige menschliche Miteinanderleben auf gesamtgesellschaftlicher Ebene erschwerte. Sie kritisierten die Fragmatisierung der Menschen, die repressiven Verhaltensweisen zwischen den Menschen, die tradierten ökonomischen und politischen Machtverhältnisse, die etablierte und reproduzierte soziale Ungleichheit, die intendierten Ablenkungen durch die Produktion von trivialisierter Kunst für die Unterhaltung, zum Konsum, zum Nichtreflektieren. Sie kritisierten die mechanisierenden Funktionalisierungen der Seelen, die Fremdbestimmungen, die gesellschaftliche Praxis der funktionalistischen Entmündigungen, das kulturelle, ökonomische und soziale Kleinhalten der Kleinen, das absichtliche Schwächen der Schwachen, die egoistische Vorteils- und Reichtumsaneignung durch bürgerlich praktizierte, jedoch unmoralische Herrschaftstechniken. Die aufklärerische Hoffnung den allgemeinen Frieden zu sichern, andere Lebewesen nicht nur als Mittel sondern zugleich auch immer als Selbstzweck wertzuschätzen, die Negation von Ausbeutung, Erniedrigung und Vorteilsaneignung auf Kosten Anderer wurde durch nationalistische Konflikte und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Menschen verschiedener Nationen nicht begünstigt. Zudem sind gewisse Interessen in der ökonomischen und kulturellen Entwicklung am Werk, welche eine sozial balancierte, vernünftig eingerichtete und gesunde Konstitution der Gesellschaft behindern. Die Kulturindustrie z.B. gibt in einer angeblich chaotischen Welt Maßstäbe zur Orientierung. Sie ist die Führerin der Ratlosen, weil durch ein Vorgaukeln von Konflikten, mit danach folgenden Scheinlösungen, das Gesehende oder Reziperte mit dem eigenem Leben verwechselt werden.3 Eingehämmerte Ordnungsbegriffe werden unbefragt, unanalysiert, undialektisch unterstellt und hingenommen.4 Somit ist der Kategorischer Imperativ der Kulturindustrie: „Du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken.“5 An Stelle des mündigen Bewusstseins tritt die Anpassung und Konformität. Jedoch was objektiv unwahr ist, kann subjektiv nicht gut und wahr sein. Propagiertes Einverständnis verstärkt blinde, unerhellte Autorität einiger Weniger, somit auch die eigenwillige Machtausübung. Es passiert eine Beförderung und Ausbeutung der Ich-Schwäche, um die Zusammenballung von Macht zu maximieren. Das allgemeine Bewusstsein der Rezipienten wird somit weiter zurückgebildet. Das Imago wird geschwächt, „da das System der Kulturindustrie die Massen umstellt, kaum ein Ausweichen duldet und unablässig die gleichen Verhaltensschemata einübt.“6 Die Kulturindustrie fungiert als Ersatzbefriedigung, um den Schein, die Illusion einer ordentlichen Welt zu wahren. Fanatischer Prominentenkult dient ihr als hingebungsvolle Aufopferung der eigenen Persönlichkeit. Der Gesamteffekt der Kulturindustrie ist der einer Anti-Aufklärung, nämlich die fortschreitende technische Naturbeherrschung, zum Massenbetrug, zum Mittel der Fesselung des Bewusstseins.7 Die Massen werden von ihr zu Massen gemacht; Verhinderung autonomer, selbstständiger, bewusst urteilender und sich entscheidender Individuen, die mittels ihrer Mündigkeit erst Voraussetzung einer jeden Demokratie sind oder sein sollten. „Das Brot, mit dem Kulturindustrie die Menschen speist, bleibt der Stein der Stereotypie.“8 Es ist eine Art profitorientierte Zweckmanipulation.

„Wer denkt, setzt Widerstand; ….“9, Denken sorgt für praktische Impulse.10

Diesbezüglich ist es auch die Aufgabe jedes Individuums durch reflektierte Selbstbesinnung Widerstand gegen das gesellschaftlich, ökonomisch, kulturell und moralisch Falsche in der Gesellschaftsentwicklung zu leisten. Der Widerstand gegen das Falsche, gegen die Reproduktion des Falschen, gegen das Irrationale und die allgemeinen und konkreten Verblendungszusammenhänge könnten wir, im Sinne Adornos, auch als implizite Tugend von aufgeklärten Lebewesen betrachten. Adorno präferiert den Widerstand gegen das Falsche und Irrationale, bevor wir das gesellschaftlich und moralisch Falsche konformistisch und verdinglicht einfach nur reproduzieren, uns unkritisch an das Falsche anpassen oder unreflektiert bei der mechanisierenden Funktionalisierung der kapitalistischen Produktionsweise mitspielen.

3. Wofür Moralphilosophie?

Die semantischen Wurzeln der Moralphilosophie sind im Lateinischen Wort „morus“ zu finden. Morus bedeutet Sitte und wir können Moralphilosophie als Sittenlehre oder als reflektierte Anschauung der Sitten übersetzen. Moralphilosophie ist selbst kein moralisches Handeln, sondern eine theoretische Denkdisziplin mit praktisch sozialen Inhalten. Wir können sie als Teil einer größeren Gesellschaftstheorie verstehen und als eine theoretische Denkdisziplin, welche sich auf praktisch soziale Inhalte verweist, fokussiert sie mikro-, meso-, und makrosoziologische Prozesse und Interaktionen. Sie ist ein philosophisches Reflektieren auf moralische und amoralische, auf gerechte und ungerechte Interaktionsformen der Menschen untereinander und ist bestrebt, gute Gründe für gutes oder schlechtes, für wertvolles oder wertloses Handeln und Praktizieren zu finden. Adorno formuliert die Frage der moralphilosophischen Probleme so: „Wie sind individuelle Interessen und Glücksansprüche mit irgendwelchen objektiven, für die Gattung verbindlichen Normen in Übereinstimmung zu bringen?“11 Denn selbst „das Politische hängt mit der Sphäre des Moralischen sehr tief zusammen.“12, und es machte keinen Sinn über Moral und Unmoral zu reflektieren, wenn wir nicht über gesellschaftliche, politische, ökonomische, handlungstheoretische, juristische, kulturelle und religiöse Thematiken und Lebensbereiche mitreflektierten, weil ein Reflektieren auf die Handlungsweisen und das moralische Miteinanderleben der Menschen nicht eindimensional ist oder auf einen fachspezifischen Bereich reduziert werden kann. Das Grundproblem des vernünftigen Miteinanderlebens als auch der Moralphilosophie ist das Problem der „Freiheit oder Unfreiheit.“13 Menschen leben in vielseitigen Interaktionsformen und Relationen miteinander, sodass die Erscheinungsformen, wie Menschen miteinander in Beziehung existieren und interagieren können auf vielfältigste Art divergieren, nicht eineindeutig sind und zwischenmenschliche Dynamiken zeitigen, welche nur schwer in starren Kategorisierungen oder zeitinvarianten Handlungsstrukturen, welche vom Verstand erdacht oder erfunden worden, fassbar sind.

4. Wofür Theorie-Praxis-Relation?

Die Verbindung von Theorie und Praxis ist essentiell. Theoretisches Reflektieren in moralischer Absicht ist das „neue Durchdenken der Möglichkeit eines richtigen Verhaltens.“14 Denn die „Krise der Praxis“ kulminiert in dem Nichtwissen, was man tun soll.15 Beim Nichtwissen fängt die theoretische Arbeit an, weil die Ungewissheit ein für den Verstehensdrang quälender Zustand ist. Durch den Willen zum Verstehen, der verbunden ist mit dem Willen zum Erkennen sowie mit dem Willen zum Wissen wie auch mit dem Willen zu Wahrheit, wollen sich die Lebewesen, welche mit Verstand begabt sind, sich die Lebensverhältnisse verständlich machen, erkennen, Wahres erleben und beschreiben. Jede theoretische Arbeit ist gleichsam reflexive Arbeit und als solche ein theoretisches Tätigsein, bzw. eine theoretische Praxis mit Anbindung an die realpraktischen Verhältnisse, Handlungen und Verhaltungen der konkreten Menschen in den konkreten Situationen und lebensrelevanten Konstellationen. „Praxis ist entstanden aus der Arbeit.“16 Und ein Verständnis von Praxis generieren wir durch theoretische Reflexionen und eine gute Gesellschafts-, Sozial- und Moralphilosophie wurzelt in der sozialen Praxis. Denn wir Menschen sind nicht nur theoretische, d.h. beobachtende oder nur praktische, d.h. handelnde Lebewesen. Wir sind gleichsam Misch- oder Hybridwesen, welche sowohl theoretisch- reflektierende als auch praktische Fähigkeiten nutzen, um als beobachtende und als vernünftig handelnde Lebewesen unserem Leben Sinn zu geben. Somit existiert ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis von Theorie und Praxis für die Bewusstmachung von realwirksamen Handlungen. Adorno macht ebenso die Bedeutung der Selbstbesinnung stark, indem er sie definiert als: „die Unterbrechung der blinden nach außen zielenden Aktion; Unnaivität als Übergang zum Humanen.“17 Durch die reflexive Bewusstmachung und Erkenntnisgenerierung mit Bezug auf praktisch relevante Lebensbereiche, wird gleichzeitig durch die reflexive Wissensgenerierung, durch Selbstbesinnung und der weiteren Wissensumsetzung, die durch Reflexion bewusst gemachten Einsichten in soziale Interaktionen angewandt und Theorie somit in Praxis übersetzt, da das praktische Handeln durch Theorie vermittelt gleichsam wie verbessert, veredelt, optimiert und perfektioniert wird. „Denn die Praxis ist ja immer auch Praxis empirischer Menschen und Praxis, die sich auf empirische Gegebenheiten bezieht.“18

In seinen Vorlesungen konstatiert Adorno eine konkrete Problemsituation seiner Zeit. Er moniert die Praxisüberzogenheit und die damit einhergehende Vernachlässigung der theoretischen Reflexionen. Ebenso kritisiert er die Vereinzelung der Individuen, die Fragmatisierung, die Isoliertheit von anderen Mitmenschen und Mitlebewesen, und die zweckrationale Funktionalisierung für zumeist ökonomische Privatinteressen. Er kritisiert die ökonomische Verdinglichung der Individuen genauso wie die darauffolgende Pseudo-Aktivität einiger Verzweifelter oder naiver Ideallisten. Er präferiert eine Transzendierung dieser Ökonomisierung der Menschen. Er bevorzugt die Überwindung bloß funktionalisierender Praxis, die physische und psychische Gewalt anwendet, um irgendwelche Interessen zu erlangen. „Wohl ließe sich fragen, ob nicht bis heute alle naturbeherrschende Praxis in ihrer Indifferenz gegens Objekt Scheinpraxis sei? Ihren Scheincharakter erbt sie fort auch an all die Aktionen, die den alten gewalttätigen Gestus von Praxis ungebrochen übernehmen.“19 Denn Praxisprobleme sind, so die Anschauung von Adorno, mit Erkenntnisproblemen verflochten.20 Die Kunst im Sinne der Aufklärung für die Erziehung zur Mündigkeit ist die Erzeugung von Balance zwischen Theorie und Praxis. Denn wir können das Praktische nur durch unsere Anschauungen und Theoretisierungen verstehen, und das Theoretische hätte keine Basis, wenn wir keine Praxis hätten. Genauso wie es keine Erkenntnis von Objekten ohne Subjekte und keine objektiven Erkenntnisse vermittelt durch Subjekte ohne objektive Inhalte oder Gegenstände gäbe, welche von den Subjekten betrachtet, geschaut, wahrgenommen und durchreflektiert werden.

Dieses Spannungsverhältnis, in dem sich Beobachten und Handeln gegenseitig beeinflussen, kann auch durch eine Höher- oder Minderbewertung der einen oder der anderen Sphäre nicht aufgelöst werden. Adorno schreibt sogar, dass „nur durch Theorie hindurch, überhaupt so etwas wie richtige Praxis möglich ist.“21 Das impliziert ebenso, dass wir für eine gute und moralisch unverwerfliche Praxis, theoretische Reflexionen und Einsichten in unser alltägliches Handeln und Tätigsein mit einfließen lassen müssen, damit wir den lebensrelevanten Wert moralphilosophischer Überlegungen in der Praxis verwirklichen können. Denn Praxis ist die Bedingung für die Theorie und Theorie ist die Bedingung für eine gute, das heißt aufgeklärte, das heißt sich bewusst gemachte Praxis.

Als Vorraussetzung von politischer Praxis bestimmt Adorno die „vernünftige Analyse der Situation.“22 Dafür bedarf es Zeit, analytisches Können, präzise Beobachtungen und angemessene Beurteilungen, sowie politischen, ökonomischen, soziologischen und kulturellen Sachverstand. Allerdings erschöpft sich die „Analyse der Situation“ „nicht in der Anpassung an diese.“23 Das jedoch ist reflexive, das heißt theoretische Arbeit und zweifelsohne relevant für die allgemeine Theorie-Praxis-Relation. „Indem sie darüber reflektiert, hebt sie Momente hervor, welche über die Situationszwänge hinausführen mögen.“24 Somit wird Theorie, normativ verstanden, d.h. die Bewusstmachung der Tatsächlichkeit, dessen was ist, im soziologischen Sinne die Konstitution der Gesellschaft, zugleich zu einer verändernden Kraft, verändernd zudem, was sein soll. Theorie erhält damit einen instrumentellen Charakter als „praktische Produktivkraft“25. Weiterhin können wir den Wert von Theorien darin bestimmen, dass sie einen teleologischen Impetus besitzen, welcher darin wurzelt, dass jede Theorie ein gewisses Erklärungsziel innehat, um durch die Beschreibung der Phänomene sich und Anderen etwas bewusst zu machen. Theorien sind Theorien, um durch Einsichten, Erkenntnisse und Reflexionen Wissen zu generieren, welches uns hilft, nicht mehr in Unwissenheit oder ungebildeter Naivität zu verharren. Diese Zielgerichtetheit von Theorien im Sinne der verständigungsorientierten Aufklärung und der Verfeinerung unseres Wissens ist zugleich die Möglichkeit für die Weiterentwicklung unseres allgemeinen Verstehens von Wahrheit und Wirklichkeit. Praxis, als praktisches und produzierendes Tätigsein und Miteinanderleben, impliziert ebenso eine Zielgerichtetheit. Der teleologische Impetus von Praxis ist speziell den verschiedenen Praxisformen immanent, doch allgemein können wir schreiben, dass praktisches Tätigsein nicht nur der Bewusstmachung von Erkenntnissen dient, sondern dass Erkenntnisse und Einsichten, dass sich bewusst gemachte Werte, Ideen und allgemeine oder konkrete Ziele verwirklicht, beziehungsweise manifestiert werden sollen. Praxis ist Praxis, weil durch aktives Tätigsein und konkretes Handeln etwas realisiert wird, was ohne dieses oder jenes konkrete Tätigsein nicht hätte realisiert werden können. Und dieses Tätigsein ist nicht unverbunden mit der Relation von Mitteln und Zwecken. Für die Verwirklichung von moralischen Zwecken, bedürfen wir der Mittel, damit die moralischen Zwecke in der Praxis auch realisiert werden können. Ein wichtiges Mittel dafür ist die Theorie, als auch, die Aufklärung, Erziehung, das Rechtssystem, sowie moralische Sozialisierungen, naivitätsabbauende Wissensaneignungen und das selbstständige und gemeinsame Reflektieren über eine gute oder schlechte Praxis.

[...]


1 „Probleme der Moralphilosophie“ von Theodor W. Adorno, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 1983, Vorlesungen Band 10, s.17

2 Karl Marx Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385, 1844

3 siehe: Résumé über Kulturindustrie, T.W. Adorno GS 10.1, s. 337ff. Resümee

4 Dialektik der Aufklärung. T.W. Adorno/ M. Horkheimer, , Querido Verlag N.V. Amsterdam 1947 s. 165

5 siehe: Résumé über Kulturindustrie, T.W. Adorno GS 10.1, s. 337ff. Resümee s.4

6 ebenda s. 4

7 siehe ebenda. s. 5

8 Dialektik der Aufklärung, T.W. Adorno/ M. Horkheimer, Querido Verlag N.V. Amsterdam 1947 s 177

9 Marginalien zu Theorie und Praxis. Adorno http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/adorno02.html

10 ebenda. s. 4

11 „Probleme der Moralphilosophie“ von Theodor W. Adorno, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 1983, Vorlesungen Band 10, s. 27

12 ebenda. s. 9

13 ebenda. s. 51

14 ebenda. s. 13

15 Marginalien zu Theorie und Praxis, Adorno. http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/adorno02.html

16 ebenda.

17 ebenda.

18 „Probleme der Moralphilosophie“ von Theodor W. Adorno, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 1983, Vorlesungen Band 10, s. 82

19 Marginalien zu Theorie und Praxis, Adorno. http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/adorno02.html

20 ebenda. s. 1

21 „Probleme der Moralphilosophie“ von Theodor W. Adorno, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main, 1983, Vorlesungen Band 10, s. 16

22 Marginalien zu Theorie und Praxis, Adorno. http://www.copyriot.com/sinistra/reading/agnado/adorno02.html

23 ebenda. s. 4

24 ebenda. s. 4

25 ebenda. s. 4

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Theorie-Praxis-Relation bei Adorno. Ein Fokus auf seinen Vorlesungen über Probleme der Moralphilosophie
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V946526
ISBN (eBook)
9783346286413
ISBN (Buch)
9783346286420
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Moralphilosophie, Praxis, Theorie-Praxis-Relation, Ethik der Gegenwart, Reflexionen, und weiteres, in Sprache
Arbeit zitieren
Alexej Licharew (Autor), 2018, Die Theorie-Praxis-Relation bei Adorno. Ein Fokus auf seinen Vorlesungen über Probleme der Moralphilosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/946526

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