Merkmale und Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache

Eine Untersuchung von Dialogen aus deutschen TV-Shows


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

33 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Merkmale und Unterschiede gesprochener und geschriebener Sprache

3. Syntaktische Phänomene der gesprochenen Sprache
3.1 Referenz-Aussage Struktur
3.2 Reparaturmechanismen
3.2.1 Selbstinitiierte Reparatur

4. Empirischer Teil
4.1. Methodische Vorgehensweise (Textanalyse)
4.2 Ergebnisse
4.2.1 Referenz-Aussage Struktur
4.2.2 Selbstinitiierte Reparatur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Die Sprache ist überall und wir begegnen ihr täglich in allen Lebensbereichen und Situationen. Der Gebrauch sowohl der gesprochenen als auch der geschriebenen Sprache gehört zu unserer Realität. Diese Arbeit erforscht die Unterschiede zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache mit besonderem Fokus auf die Interaktionen und die Prozesshaftigkeit in informellen Situationen, wobei die Besonderheiten der gesprochenen Sprache vorgehoben werden sollen. Als Grundlage für die Untersuchung dienen grundsätzlich die Theorien von Christa Dürscheid, Johannes Schwitalla und Wolfgang Klein.

Wenn man verschiedene Forschungsdisziplinen der Sprachwissenschaften vergleicht, stellt man fest, dass die Forschung im Fachgebiet der gesprochenen Sprache recht jung ist. Zum ersten Mal wagte sich Otto Behagel am Ende des 19-en Jahrhunderts an das Thema ran (Edgar 2009:23) und betrachtete es als einen eigenständigen Forschungszweig. Der wirkliche Forschungsprogress kam aber erst mit der Entwicklung der Möglichkeit vom technischen Aufzeichnen, was die Qualität der Analysen der gesprochenen Sprache grundlegend veränderte (Schwitalla 1997:24). Gleichzeitig lässt sich aber auch feststellen, dass das Verhältnis zwischen der gesprochenen und geschriebenen Sprache in der Forschung ziemlich ungleich ist: Meistens wird in der Forschung die geschriebene Sprache als Ableitung der gesprochenen Sprache angesehen (Klein 1985:9). Dabei erscheint es paradox, dass die meisten Grundthesen und Konstrukte, die man zur Untersuchung der gesprochenen Sprache anwendet, sich an die Standards der geschriebenen Sprache orientieren. Somit handelt es in dieser Arbeit um einen recht jungen Forschungsgegenstand, der durch den Einfluss von äußeren Faktoren wie Medien oder Globalisierung, ständig rasanten Entwicklungen unterworfen ist. Merken wir noch, wann es sich um Strukturen gesprochener und wann es sich um Strukturen geschriebener Sprache handelt? Wie unterscheidet sich also die gesprochene Sprache von der geschriebenen Sprache in der Syntaxis?

Um die interaktive Beziehung zwischen den zwei Sprachformen zu verstehen, werden in dieser Arbeit konkrete Beispiele aus dem Fernsehen gezeigt. Das gewählte Format für die Inhalte der Untersuchung sind Dialoge aus deutschen TV-Shows, um den Konflikt darzustellen, in dem sich die beiden Sprachformen befinden. Darüber hinaus erlaubt dieses Format eine informelle Begegnung der Beteiligten, in der die sprachliche Interaktion auf die für diese Arbeit wichtigen syntaktischen Aspekte untersucht werden kann. Im Zuge dessen konzentrieren wir uns neben sprachlichen auch auf grammatische Strukturen, mit besonderem Interesse für Aspekte wie Syntax und Sequenzialität, um die oben erwähnte Problematik in kommunikationsstrukturierenden Momenten zu erfassen.

Ebenfalls werden die Diskussionsausschnitte dazu verwendet, um die Sprache in spontanen Situationen auf das Vorhandensein der nicht vorgesehenen Fehler zu untersuchen. TV-Shows sind dazu sehr gut geeignet, zum Beispiel mehr als TV-Reality Formate oder Radiosequenzen, denn diese Formate gehen meistens nach einem Skript und werden im Voraus vorbereitet, sodass die Situation nicht mehr als spontan definiert werden kann. Dagegen verlaufen die Gespräche, die live im Fernsehen zu sehen sind, niemals so, wie man es plant.

Somit widmet sich diese Hausarbeit zunächst dem theoretischen Hintergrund, um ein wissenschaftliches Grundgerüst für die Analyse zu bilden. Als erstes wird auf die Abgrenzung der gesprochenen Sprache zur geschriebenen Sprache eingegangen. Dabei werden die syntaktischen Besonderheiten der gesprochenen Sprache dargestellt, in dem prototypische Charakteristika der beiden Sprachformen vorgeführt werden. Die detaillierte Betrachtung von Strukturen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache ist besonders wichtig für den praktischen Teil, da sich die Beispiele dadurch in die Theorie einbetten lassen, und somit deutlich einfacher miteinander zu vergleichen sind. Zwei Phänomene werden gesondert angeschaut, nämlich die Referenz-Aussage Struktur und selbstinitiierte und selbstdurchgeführte Reparaturen. Beide Phänomene kommen in fast jeder spontan initiierten Konversation vor. Die Referenz-Aussage Struktur tritt meistens in der gesprochenen Sprache auf und eignen sich sehr gut für das Untersuchen der freien Sprache in den TV-Show Diskussionen. Selbstreparaturen hingegen fokussieren sich auf die zufällig gemachten Fehler, die in der gesprochenen Sprache spontan vorkommen können.

Wie gehen der Sprecher und der Zuhörer mit diesen um? Werden sie verbessert, und wenn ja, durch den Sprecher oder durch den Dialogpartner bzw. jemanden anderen? Anhand der vorgeführten Beispiele werden die Diskussionen auf den Aspekt der Reparaturmechanismen, insbesondere der Selbstreparaturen, untersucht.

In dem empirischen Teil wird kurz auf die gewählte Untersuchungsmethode der linguistischen Konversationsanalyse (Egbert 2009:22ff.) eingegangen, die anschließend bei der Analyse der Diskussionen angewandt wird. Im praktischen Teil der Arbeit, werden an der Transkription der Diskussionen die in dem Theorieteil aufgeführten syntaktischen und sprachlichen Merkmale und Besonderheiten nachgewiesen. Die anhand der Analyse des Untersuchungsgegenstandes ermittelten Ergebnisse werden dann in den breiteren theoretischen Kontext eingebettet. In anderen Worten werden sie Konversationssequenzen werden auf das Phänomene der Selbstreparatur und der Aussage-Referenz-Struktur untersucht.

In dem abschließenden Teil werden die Befunde dieser Arbeit nochmals zusammengefasst und bewertet. Dabei wird ebenfalls kurz auf die Beschränkungen der Untersuchung und weitere Forschungsaussichten eingegangen.

2. Theoretischer Hintergrund

In diesem Teil der Arbeit wird die theoretische Grundlage für die weitere Analyse der Untersuchung geschaffen. Zunächst werden Merkmale der gesprochenen und der geschriebenen Sprache vorgestellt. Im Rahmen der Definitionsaufführung lassen sich dann Unterschiede und Abgrenzungen der gesprochenen von der geschriebenen Sprache herauskristallisieren. Diese Abgrenzungen sowie syntaktischen Spezifika der gesprochenen Sprache werden dann im empirischen Teil anhand der zwei syntaktischen Phänomena – Referenz-Aussage Struktur und Reparaturmechanismen – in der Praxis vorgeführt.

2.1 Merkmale und Unterschiede gesprochener und geschriebener Sprache

In diesem Kapitel wird es auf die Differenzen der geschriebenen Sprache gegenüber der gesprochenen Sprache in einem konkreten Fall, also beim Sprechen und Schreiben, eingegangen. Später im empirischen Teil werden bestimmte Kommunikationssituation vorgestellt, die die Merkmale der gesprochenen Sprache verdeutlichen sollen. Wichtig dabei ist, dass es sich in diesem Fall nicht um zugrundeliegenden Systeme handelt (vgl. Klein 1985:14).

Sowohl gesprochene als auch geschriebene Sprache können nicht einheitlich auf ihre Merkmale definiert werden und müssen im Kontext der Kommunikationsziele betrachtet werden (ebd.). Dieses führt auch Wolfgang Imo (2013) als ein fundamentales Prinzip der dialogischen Kommunikation, und zwar, dass die Sprache in einen breiteren Kontext eingebettet ist, was bei der Gesprächsanalyse eine wichtige Rolle spielt (vgl. Imo 2013:69). Christa Dürscheid (2006) unterscheidet die gesprochene von der geschriebenen Sprache in Merkmalen der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit:

„Die gesprochene Sprache ist phylogenetisch und ontogenetisch primär, die geschriebene Sprache in beiden Punkten nachgeordnet“ (vgl. Dürscheid 2006:30).

Die gesprochene Sprache ist somit oft viel komplizierter als die schriftliche und (vgl. Selting 2007:105f). Betten (1978:22) dagegen behauptet das Gegenteil aufgrund der komplexen Satzstruktur, der Satzlänge sowie der Anzahl von Nebensätzen in der schriftlichen Sprache. Ebenfalls führt Konrad Ehlich (1983:24) auf, dass die gesprochene Sprache im Vergleich zu der schriftlichen einfach und leicht nachvollziehbar ist und legitimiert somit den Forschungsfokus auf die Grammatik der geschriebenen Sprache.

Eine fundierte Aussage kann daher erst gemacht werden, wenn die allgemeinen Charakteristika der beiden Formen in denselben Kommunikationssituationen untersucht werden. Im Folgenden werden die Charakteristika erstmal ausgelegt.

Medium

Eins der offensichtlichen Unterschiede, welcher die schriftliche Kommunikation der mündlichen gegenüberstellt und definiert, liegt bei beiden Sprachformen in der Übertragung: während die geschriebene Sprache sich mit gezeichneten Zeichen auf dem Papier vermitteln lässt, handelt es sich bei der gesprochenen Sprache um eine Übertragung mit Schallwellen. Dieses Merkmal hängt nicht von der Kommunikationsart ab und bleibt immer gleich (vgl. Klein 1985:16). Darüber hinaus bedarf die geschriebene Sprache für die Übertragung Werkzeug und Hilfsmittel wie Stifte, Schreibgeräte, Schreibfläche usw. (vgl. Dürscheid 2006:31).

Flüchtigkeit

Während die geschriebene Sprache schriftlich manifestiert wird und somit als dauerhaft agiert, ist die gesprochene Sprache dagegen flüchtig, da sie eben nirgendwo vermerkt wird (vgl. Dürscheid 2006:27). Dauerhaft bedeutet in diesem Fall, dass das Geschriebene archiviert wird und somit jederzeit in der ursprünglichen Form aufgerufen werden kann (vgl. ebd.). Im mündlichen Sprachgebrauch wird dagegen frei erzählt und der Beständigkeitsgrad hängt von der dem Sprecher entgegen gebrachten Aufmerksamkeit gegenüber. Es wird also nichts archiviert, es sei denn man nimmt ein Gespräch auf. Aus diesem Grund ist das Flüchtigkeitsargument in der Zeit der technischen Tonaufnahmegeräte nicht immer relevant, da Tonaufnahmen rückholbar sind. „Die Flüchtigkeit bezieht sich also auf den Prozess der Äußerung, aber nicht auf das Produkt“ (vgl. ebd.).

Zeit und Raum

Ein weiteres Merkmal ist, dass die gesprochene Sprache den Bedingungen von Zeit und Raum unterliegt (vgl. ebd.:28). Zeitaspekte spielen eine wesentliche Rolle, da wir wesentlich schneller sprechen als wir schreiben. Demnach ist die Möglichkeit, das Gesprochene zu planen, sehr gering. In der schriftlichen Sprachform ist mehr Zeit gegeben, sodass der Schreibende sich Gedanken über die Wortwahl, Grammatik, die Satzstruktur etc. machen kann. Diese Sachbestände geben Aufschluss darüber, warum die Satzkonstruktionen in der gesprochenen Sprache mit denen der geschriebenen Sprache ganz unterschiedlich aufgebaut werden. Dieser Aspekt wird im empirischen Teil dieser Arbeit nochmals aufgegriffen.

Betrachtet man den Aspekt des Raumes, ist der Grad der Situationsgebundenheit nicht außer Acht zu lassen - im Gespräch fallen die Phänomene des Sprechens, der Hörzeit und des Hörortes zusammen, während sie im Geschriebenen getrennt auftreten können (vgl. Klein 1985:19). Jedoch ist dieses nicht immer prinzipiell zu deuten: Bei Videokonferenzen oder Telefonaten ist die räumliche Zusammenkunft nicht nötig. In diesem Fall ist das Vorkommen der Charakteristika der Raumgebundenheit nicht in allen Interaktionssituationen gültig, wobei die zeitliche Gebundenheit unabdingbar ist.

Diese Kategorisierungsmöglichkeit wird ebenfalls von Bader (2001) mit besonderem Fokus auf Distanz in den linguistischen Diskurs etabliert.

Da der Wahrnehmungsraum des Senders sich von dem des Empfängers unterscheidet, wird im Geschriebenen auf deiktische Ausdrücke verzichtet, was im Gesprochenen nicht der Fall ist (vgl. Dürscheid 2006:29). Im Gesprochenen kann auf einen gemeinsamen Äußerungsort und eine gemeinsame Äußerungszeit Bezug genommen werden (vgl. ebd.). Nonverbale Ausdrucksmittel wie Mimik und Gestik spielen bei der gesprochenen Sprache ebenfalls eine große Rolle (vgl. ebd.:30).

Bedeutungskonstitution

Ein weiterer fundamentaler Unterschied zwischen dem Schriftlichen und dem Mündlichen wird mit Hilfe des Merkmales der Bedeutungskonstitution dargelegt. In der gesprochenen Sprache kann man nachvollziehen, welchen Aspekten Bedeutung geschenkt wird und wie diese entsteht. Somit kann man diesen Prozess in einem Gespräch durch Korrekturen oder Einwände beeinflussen. Das bewirkt, dass das Ende des Gespräches anders ausfallen kann, als es am Anfang der Konversationen vorgesehen war. In der schriftlichen Sprache bleibt diese Möglichkeit aus. Des Weiteren kann der Sprecher seine Aussagen so formulieren, dass diese auf die Annahmen des Hintergrundwissens und der Weltvorstellungen des Zuhörers basieren, sodass auch manipulative Prozesse stattfinden können. Dem gegenübergestellt kann die Interpretation des Gesagten von dem Zuhörer aufgrund seines Wissens anders ausfallen, als der Sprecher es meint (vgl. Schäflein-Armbruster 1994:494).

Synchronisierung

Des Weiteren stellt die Synchronisierung eine weitere Eigenschaft der gesprochenen Sprache dar (vgl. ebd.:28). Die „Kommunikation in gesprochener Sprache verläuft synchron, in geschriebener Sprache [verläuft sie] asynchron“ (ebd.). Nach Fiehler erfolgt zum Beispiel die mündliche Verständigung, „indem zeitlich nacheinander bedeutungstragende Einheiten [auf verschiedenen Ebenen] produziert und in eben dieser zeitlichen Abfolge rezipiert werden.“ (Fiehler et al. 2004:85). Solche Einheiten liegen dann innere Vorgänge wie Gefühle, Gedanken, Einwände, Überzeugungen und Wissen.

Durch die technologische Entwicklung und die Einführung des Internets ist jedoch die Trennung zwischen synchroner und asynchroner Kommunikation nicht mehr so präzise (vgl. Dürscheid 2006:28). Die syntaktischen Besonderheiten der gesprochenen Sprache mit besonderem Bezug auf die Onlinekommunikation untersucht Peter Auer (2000) und entwickelt das Konzept von „ on-line-Emergenz “, welches sich auf die zeitliche Struktur und deren Unterschiede bei der Produktion der gesprochenen Sprache und der geschriebenen eingeht (vgl. Auer 2000:43). Die Synchronisierung bezieht sich laut Auer (2000) auf die Bewusstseinsströme des Sprechers und des Rezipienten, sodass der Zuhörer das Gesagte mit minimaler Verzögerung aufgrund des Aufnehmens vom Verhalten des Sprechers rezipiert, und vice versa (vgl. ebd:46). Ebenfalls beschreibt Klein (1985) dieses Merkmal als zwar weniger offensichtlich, dennoch relevant: die unterschiedliche Verarbeitungszeit zeigt sich sowohl bei der Produktion wie auch bei der Rezeption des Gesagten. Er geht sogar etwas weiter und untersucht die schriftliche Sprache auf diese Charakteristika, wobei er feststellt, dass man sowohl beim Verfassen mehr Zeit hat, das Geschriebene zu planen, als auch beim Rezipieren, um das Geschriebene zu verstehen (vgl. Klein 1985:22). In der geschriebenen Sprache, mit Ausnahme von Online-Formaten wie der Gruppenchats und E-Talks, ist es nicht der Fall, denn das Geschriebene wird von dem Rezipieren nur verzögert prozessiert (vgl. Auer 2000:43). Somit sieht man, dass die Entwicklungen der neuen Technologien die Formen und Strukturen der Linguistik beeinflussen und diese als ein interaktives Medium definieren.

Irreversibilität und Verarbeitungszeit

Ein weiteres Merkmal von Mündlichkeit ist die Irreversibilität. Die Irreversibilität bedeutet, „dass [das], was gesagt ist, nicht mehr rückgängig gemacht werden kann“ (Auer 2000:45). Lediglich ein weiterer Zusatz kann eine veränderte Form des Verständnisses des Gesagten gewährleisten. Im Produktionsprozess eines schriftlichen Textes gibt es dagegen die Möglichkeit Veränderungen vorzunehmen. In der Schriftsprache hat der Rezipient keine Möglichkeit in das Geschriebene einzugreifen, da in der Schriftsprache die Äußerung entkoppelt ist. Dagegen ist in einer mündlichen Kommunikation jederzeit eine Intervention des Gesagten möglich.

Kommunikationsformen

Die gesprochene Sprache zeichnet sich dadurch aus, dass sie in der Form eines Dialoges aufgebaut wird, wohingegen die geschriebene Sprache monologisch ausgerichtet ist (vgl. Dürscheid 2006:33). Ausnahme bilden dabei mündliche Äußerungssituationen, die eine monologische Grundstruktur aufweisen wie beispielsweise Vorlesungen, Predigten oder Vorträge (vgl. ebd.). Im Allgemeinen wird das Gespräch als dialogisch definiert, während das Geschriebene einen monologischen Charakter trägt (Klein 1985:19). Dabei ist das Gesprochene an eine gemeinsame Äußerungssituation gebunden, was in einer face-to-face-Interaktion von Bedeutung ist, denn gerade in der direkten Interaktionsform ist es wichtig, dass die Sprecher räumlich anwesend sind und zeitlich aufeinander reagieren (vgl. Dürscheid 2006:27). Schwitalla (1997) bezeichnet dieses Phänomen der gesprochenen Sprache, wenn die Person, mit der man spricht, nicht über räumliche Distanz getrennt ist, als „kopräsente Interaktion“ (vgl. Schwitalla 1997:26). Im Vergleich zu der geschriebenen Sprache, kann man dadurch den Konversationspartner direkt ansprechen oder syntaktische Teile auslassen, die jedoch durch den situationsbedingten Kontext für beide Sprecher verständlich sind, grammatikalisch jedoch falsch wären.

Normierung

Es ist wichtig anzumerken, dass ein Unterschied der gesprochenen Sprache zu der geschriebenen in den unterschiedlichen Unterwerfungen der beiden Formen der Normierungsregelnliegt. Orthographisch und syntaktisch ist die geschriebene Sprache stärker geregelt und jegliche Abweichung wird als grober Fehler verstanden. Dabei ist es unmöglich, die gesprochene Sprache zu normieren (vgl. Klein 1985:24). Die Variabilität ist in der gesprochenen Sprache viel weiter entwickelt, als in der geschriebenen, sodass die Normierung der gesprochenen Sprache geringer ausfällt (vgl. Schwitalla 1997:32).

Gedankenbildung

Zusammenhängend mit den Merkmalen der Kommunikationsform sowie der Zeit und des Raumes, lässt sich der Aspekt der Gedankenbildungbeschreiben. Denn wenn ein Dialog zwischen den Sprechern im selben Raum stattfindet, kann der Gedankenprozess des einen Sprechers von dem Zuhörer nachverfolgt werden (vgl. Schwitalla 1997:28). In der Praxis bedeutet das, dass syntaktisch Verbesserungen vorgenommen werden oder die Sätze nicht bis zum Ende ausgesprochen werden, was den Fluss der Konversation nicht unbedingt stören muss, aber nochmal zeigt, dass die Normierung in diesem Fall im Vergleich zu der geschriebenen Sprache, anders ausfällt.

Wichtige syntaktische Merkmale der mündlichen Sprachverwendung, die im Hinblick auf die vorliegende Arbeit von hoher Relevanz sind, sind der fehlerhafte Satzbau sowie Selbstkorrekturen. Diese werden im nächsten Kapitel vor dem Hintergrund des theoretischen Forschungsstandes näher erläutert.

3. Syntaktische Phänomene der gesprochenen Sprache

Wie bereits vorgeführt, unterscheidet sich die Syntax der gesprochenen Sprache auffallen von der geschriebenen aufgrund der definierten Charakteristika. Im Folgenden werden die Charakteristika untersucht, die in der gesprochenen Sprache oft vorkommen, in der geschriebenen aber kaum. Weitere Charakteristika und Merkmale werden ausgelassen, da eine komplette Untersuchung der syntaktischen Unterschiede den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

3.1 Referenz-Aussage Struktur

Referenz-Aussage Struktur gehört zu den syntaktischen Konstruktionsbesonderheiten, denn diese kommt ausschließlich in der gesprochenen Sprache vor oder höchstens in der Verschriftlichung der gesprochenen Sprache (vgl. Duden 2006:2010).

Laut Duden (ebd.) bestehen die Referenz-Aussage-Strukturen „[…] aus einem referierenden Element und einer Einheit, mit der dann eine Aussage über das Referenzobjekt gemacht wird.“ Scheutz (1997:46) fügt in diese Struktur ein zusätzliches Element ein, welches auf die Referenz zurückweist.

Beispiel: Und *die Mädels #die traf ich dann später in der Stadt beim Shoppen Die Mädels ist in diesem Beispiel die Referenz; die der rückweisende Ausdruck und traf ich dann später in der Stadt beim Shoppen die eigentliche Aussage. In der gesprochenen Sprache sind meist die Referenz und die Aussage noch stärker voneinander differenziert. Die formale Trennung wird in diesem Fall durch den rückweisenden Ausdruck vollzogen. Orientiert man sich an den Normierungen der geschriebenen Sprache, was meistens in der Forschung der gesprochenen Sprache vorkommt, lässt sich Referenz-Aussage-Struktur den syntaktischen Phänomenen wie Linksversetzungen1, Herausstellungen oder Freies Thema zugeordnet (Elsspaß 2002:217). In der gesprochenen Sprache müssen aber die Merkmale der Zeit und des Raumes sowie der Kommunikationsform mitberücksichtigt werden.

[...]


1 An dieser Stelle muss man anmerken, dass der Begriff Linksversetzung bei vielen Theoretikern umstritten ist, da es eine Normierung der geschriebenen Sprache, denn es ist strukturell und produktorientiert begründet (vgl. Fiehler 2001:31)

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Merkmale und Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache
Untertitel
Eine Untersuchung von Dialogen aus deutschen TV-Shows
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
33
Katalognummer
V946694
ISBN (eBook)
9783346280893
ISBN (Buch)
9783346280909
Sprache
Deutsch
Schlagworte
merkmale, unterschiede, sprache, eine, untersuchung, dialogen, tv-shows
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Merkmale und Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/946694

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Merkmale und Unterschiede zwischen gesprochener und geschriebener Sprache



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden