Sollten einmal deutsche Verbände aufgestellt werden, so dürften diese keine deutsche Truppe sein, sondern eine „europäische Truppe, in der Deutsche sind, [denn] eine europäische Truppe würde gleichzeitig bedeuten den Anfang eines wirklichen Europas, einer europäischen Macht.“ So Konrad Adenauer, der Präsident des Parlamentarischen Rates, Anfang Januar 1949 in einer Ansprache vor CDU-Spitzen in Königswinter. Kaum anderthalb Jahre später sollte der französische Ministerpräsident René Pleven den Plan zur Schaffung europäischer Streitkräfte vorlegen. Europäische Streitkräfte, an denen die Bundesrepublik Deutschland zu beteiligen war .
Obwohl Adenauer immer jegliche militärischen Einflüsse auf die Politik abgelehnt hatte, war er der festen Überzeugung, dass es für die Bundesrepublik absolut notwendig sei, zu einer bewaffneten Macht zu kommen. Ein außenpolitischer Aufstieg des neuen Staates konnte nur unter der Voraussetzung gelingen, dass die Westalliierten, allen voran die USA, erkannten, dass ein starkes Westdeutschland in ihrem Interesse lag. Die alliierten Sieger hatten die besiegten Deutschen die gegebenen Machtverhältnisse deutlich spüren lassen. Es war Adenauer stets vor Augen geführt worden, wie machtlos die noch junge Bundesrepublik war; von den Absichten und Entscheidungen der Westmächte vollkommen abhängig. So sah Adenauer es als dringend notwendig an, die Bundesrepublik zu stärken, denn: „ wenn man keine Kraft besitzt, kann man keine Politik machen. Ohne Kraft wird unser Wort nicht beachtet.“ Und mit Kraft meinte er wohl letztlich auch militärische Stärke.
Warum sollte man nun, da mit Frankreich der ärgste Widersacher einer Aufrüstung Westdeutschlands quasi zugestimmt hatte, die Bundesrepublik Deutschland nicht im Rahmen einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft aufrüsten und so einen außenpolitischen Aufstieg erreichen? Weiß man um das historisch bedingte schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und der Deutschland, wird deutlich, dass der französische Ministerpräsident niemals ungezwungen und von sich aus Adenauer die Chance für die Bewaffnung der Bundesrepublik Deutschland geliefert hätte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Aufrüstung Westdeutschlands
2.1. Überlegungen der Westalliierten
2.2. Überlegungen Adenauers
3. Das erste Angebot einer militärischen Beteiligung
3.1. Das Speidelmemorandum
3.2. Bedrohungsanalyse und notwendige Konsequenzen
3.3. Erste Ideen einer Europa-Armee
3.3.1. Churchills Idee einer Europa-Armee
3.3.2. Adenauers Vorstellungen und Bestrebungen
3.4. Die Memoranden Adenauers vom August 1950
3.5. New Yorker Außenministerkonferenz und NATO-Ratstagung
3.6. Adenauers Reaktion auf die New Yorker Konferenzen
3.7. Zwischenfazit I
4. Der Pleven-Plan
4.1. Konzept
4.2. Der Pleven-Plan aus der Sicht Adenauers
4.3. Zwischenlösung: Spofford-Kompromiss
4.4. Petersberg oder Paris?- Die Brüsseler Beschlüsse
4.5. Petersberg-Gespräche
5. Die Pleven-Plan-Verhandlungen
5.1. Adenauers Ausgangslage
5.2. Verhandlungen bis Juni 1951
5.3. Ausweg aus festgefahrenen Verhandlungen: EVG
5.3.1. Amerikanisches und britisches Einlenken
5.3.2. Umdenken bei Adenauer
5.4. Verhandlungen bis zum Zwischenbericht
5.5. Zwischenbericht
5.6. Adenauer schwenkt auf EVG-Kurs
5.7. Sicherheitsvertrag und Zwischenlösung
5.8. Überlegungen über den politischen Rahmen der EVG
5.9. Zwischenfazit II
6. Das Drängen Adenauers auf Gleichberechtigung
6.1. Junktim zwischen EVG- und Generalvertrag
6.2. Schwierige Verhandlungspunkte
6.2.1. Verknüpfung von EVG und NATO
6.2.2. Rüstungskontrolle
6.2.3. Problem der Finanzierung
7. Störfeuer
7.1. Saarfrage als Hemmfaktor
7.2. Stalin-Note
8. Die Unterzeichnung der Verträge
8.1. Schwierigkeiten kurz vor der Unterzeichnung
8.2. EVG-Vertrag samt Zusatzverträgen
9. Ratifizierung in der Bundesrepublik
9.1. Innenpolitische Wertung
9.2. Ratifizierungsvorhaben
9.3. Verlauf der Ratifizierung
9.3.1. Klage vor dem Bundesverfassungsgericht
9.3.2. Gutachten für den Bundespräsidenten
9.3.3. Zweite Lesung und Feststellungsklage
9.3.4. Dritte Lesung der Verträge und Ratifizierung
10. Die Europäische Politische Gemeinschaft
11. Der Todeskampf der EVG
11.1. Warten auf die Ratifizierung durch Frankreich
11.2. Berliner Außenministerkonferenz
11.3. Regierungswechsel in Frankreich
11.4. Brüsseler Außenministerkonferenz
12. Das Scheitern der EVG
13. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den ersten Versuch der militärischen Integration Westdeutschlands durch die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Das zentrale Ziel besteht darin, die Strategie von Konrad Adenauer zu analysieren, durch einen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik politische Souveränität und internationale Anerkennung zu gewinnen, sowie die Rolle der Westalliierten und die komplexen Verhandlungsprozesse vor dem Hintergrund des Kalten Krieges aufzuarbeiten.
- Adenauers außenpolitische Strategie zur Wiederbewaffnung und Integration.
- Der Einfluss des Koreakrieges auf die westliche Sicherheitspolitik.
- Die Genese und das Scheitern des Pleven-Plans und der EVG.
- Die Rolle der NATO im Kontext des europäischen Verteidigungsbeitrags.
- Die innenpolitische Debatte zur Ratifizierung der EVG-Verträge in der Bundesrepublik.
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Speidelmemorandum
Aufgrund der Zurückhaltung der Hohen Kommission fasste Adenauer den Entschluss, nicht weiter abzuwarten, ob die Westmächte bereit seien, die Besatzungs- und Entwaffnungspolitik der Bundesrepublik neu zu überdenken. Er ergriff abermals seinerseits die Initiative, auf die fälligen Entscheidungen einzuwirken. Er wollte den Westmächten eine Westdeutsche Beteiligung an den militärischen Anstrengungen anbieten.
Um zu klären, in welchem Umfang eine solche Unterstützung möglich sei, wurden die Generalleutnante a.D. Dr. Hans Speidel und Adolf Heusinger und der General der Infanterie a.D. Hermann Foertsch um die Ausarbeitung einer Denkschrift zur Frage der äußeren Sicherheit der Bundesrepublik gebeten. In dieser Denkschrift, die am 7. 8. 1950 dem Bundeskanzler vorlag, wurde einerseits Bezug auf die Sicherheitslage der Bundesrepublik genommen, andererseits ging man direkt auf die Struktur einer deutschen Armee und die Voraussetzungen für einen deutschen Verteidigungsbeitrag ein. Festgestellt wurde, dass die Lage Westdeutschlands so kritisch wie noch nie sei. Die Bundesrepublik habe sich für den Westen entschieden. Eine Gegenentscheidung der Westmächte, die Bundesrepublik fest dem Westen anzugliedern, läge aber nicht vor. Die Besatzungstruppen seien zu schwach, um der Bundesrepublik den nötigen Schutz gewährleisten zu können. Als Vorrausetzungen für einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag nannten die Autoren Gleichberechtigung und Sicherheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Ausgangslage Adenauers und der Forschungsfragen bezüglich der militärischen Integration Westdeutschlands im Kontext des Kalten Krieges.
2. Die Aufrüstung Westdeutschlands: Analyse der sicherheitspolitischen Überlegungen der Westalliierten und der sicherheitspolitischen Motivation Adenauers unter dem Druck des Koreakrieges.
3. Das erste Angebot einer militärischen Beteiligung: Untersuchung der deutschen Initiativen zur Wiederbewaffnung, insbesondere durch das Speidel-Memorandum und die ersten Europa-Armee-Konzepte.
4. Der Pleven-Plan: Analyse des französischen Plans einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft und Adenauers taktischer Umgang damit sowie der Spofford-Kompromiss.
5. Die Pleven-Plan-Verhandlungen: Dokumentation der langwierigen Verhandlungen bis zum Zwischenbericht und der schließlichen Akzeptanz des EVG-Kurses durch Adenauer.
6. Das Drängen Adenauers auf Gleichberechtigung: Untersuchung der Bemühungen um militärische Gleichstellung durch das Junktim mit dem Generalvertrag, NATO-Verknüpfung und Rüstungskontrolle.
7. Störfeuer: Analyse externer Belastungsfaktoren wie der Saarfrage und der sowjetischen Stalin-Note.
8. Die Unterzeichnung der Verträge: Schilderung der letzten Hürden kurz vor dem Vertragsabschluss und der Struktur des EVG-Vertragswerks.
9. Ratifizierung in der Bundesrepublik: Darstellung des innenpolitischen Kampfes, der Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht und der parlamentarischen Lesungen.
10. Die Europäische Politische Gemeinschaft: Untersuchung der Versuche, die militärische Integration durch eine politische Föderation zu ergänzen.
11. Der Todeskampf der EVG: Analyse der französischen Zögerlichkeit, der internationalen Konferenzen und der letztendlichen politischen Blockade in Frankreich.
12. Das Scheitern der EVG: Dokumentation des endgültigen Scheiterns durch das französische Parlament und Adenauers Reaktion darauf.
13. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Adenauerschen Strategie zwischen militärischer Sicherheit und europäischer Integration sowie der Bedeutung der Pariser Verträge.
Schlüsselwörter
Konrad Adenauer, Europäische Verteidigungsgemeinschaft, EVG, Pleven-Plan, Wiederbewaffnung, NATO, Souveränität, Westintegration, Kalter Krieg, Sicherheitspolitik, Stalin-Note, Ratifizierung, Gleichberechtigung, Rüstungskontrolle, Saarfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit behandelt die Bemühungen Konrad Adenauers zur militärischen Integration der Bundesrepublik Deutschland in den Westen zwischen 1949 und 1954, speziell den Prozess um die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG).
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die sicherheitspolitische Konstellation des Kalten Krieges, die französisch-deutschen Beziehungen, die Frage der Gleichberechtigung Westdeutschlands sowie die organisatorischen und innenpolitischen Aspekte der EVG-Ratifizierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, wie Adenauer durch die militärische Integration als Hebel die volle Souveränität der Bundesrepublik zu erreichen versuchte und welche Rolle dabei die Europäische Verteidigungsgemeinschaft als Bindeglied zur Westintegration spielte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine fundierte historische Analyse unter Verwendung zeitgenössischer Dokumente, Denkschriften, Kabinettsprotokolle und relevanter geschichtswissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den ersten Überlegungen nach 1945 über den Pleven-Plan und die zähen Verhandlungen bis hin zum Ratifizierungsprozess im Bundestag und dem Scheitern der EVG im französischen Parlament.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Adenauer-Ära, EVG, Wiederbewaffnung, Souveränität, transatlantische Sicherheit und europäische Einigung charakterisieren.
Welche Rolle spielte die "Stalin-Note" für den Prozess der Westintegration?
Die Stalin-Note diente als Test der deutschen Politik; Adenauer sah in ihr ein Störmanöver, das durch Festhalten an der militärischen Westintegration entlarvt werden musste, um die Westbindung nicht zu gefährden.
Warum scheiterte die EVG trotz Adenauers Bemühungen?
Das Scheitern lag primär in der innenpolitischen Instabilität und den Sicherheitsbedenken Frankreichs begründet, wo das Parlament dem supranationalen Projekt 1954 die Zustimmung verweigerte.
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- Florian Ebert (Author), 2007, Konrad Adenauer und die EVG, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94675