Margaret Atwood`s The Handmaid`s Tale: Das autoritäre System der Republik Gilead und seine Parallelen im puritanen Neuengland


Hausarbeit, 1996
12 Seiten, Note: 1-

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The Handmaid ’ s Tale: Das autoritäre System der Republik Gilead und seine Parallelen im puritanen Neuengland

1. Einleitung

Im 20. Jahrhundert vollzog sich in der westlichen Gesellschaft in bezug auf die Rolle der Frau und ihrer Stellung in der Gesellschaft ein fortschreitender Emanzipationsprozess. Nachdem Frauen zunächst vor dem Gesetz mit dem Mann gleichgestellt wurden, Wahlrecht bekamen und ins Berufsleben integriert wurden, sorgte insbesondere die Frauenbewegung der siebziger Jahre für die gesellschaftliche Akzeptanz einer vom Manne unabhängigen Frauenrolle und für die politische Umsetzung zahlreicher Maßnahmen, die halfen, die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft zu durchbrechen. Dementsprechend hat sich auch das Frauenbild der Gesellschaft gewandelt: Die Frau wird nicht mehr auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau festgelegt, die Frau von heute ist in der Regel unabhängig, berufstätig und bestimmt ihr Leben selbst.

Dennoch gibt es auch zur Jahrtausendwende noch gesellschaftliche Gruppen, die mit dieser Entwicklung nicht einverstanden sind und eine Rückbesinnung auf die traditionelle, patriarchal geprägte Gesellschaftsform fordern, wie es zum Beispiel durch die christlich-fundamentalistische "Moral Majority" in den Vereinigten Staaten propagiert wird. In ihrem 1986 veröffentlichten Roman The Handmaid ’ s Tale hat Margaret Atwood einmal versucht darzustellen, welche Konsequenzen die Restauration patriarchaler Wertvorstellungen in Form eines autoritären Regimes in den Vereinigten Staaten für die Gesellschaft und insbesondere für die Rolle der Frau hätte.

Margaret Atwood’s futuristischer Roman spielt Ende der neunziger Jahre dieses Jahrhunderts1 im Zentrum einer, bezogen auf das Erscheinungsjahr, zukünftigen theokratisch-autoritären Republik Gilead ("Republic of Gilead"), die im heutigen Massachusetts der Vereinigten Staaten von Amerika liege würde. Der Roman selber gliedert sich in zwei Teile auf, den Hauptteil "The Handmaid’s Tale" und einen fiktiven Appendix "Historical Notes". Der Hauptteil wird von einer Leibmagd ("Handmaid") namens Offred erzählt, die in dieser Republik ihrer Freiheitsrechte beraubt ist und dem sterilen Commander Fred und seiner Ehefrau vom System als Leihmutter zur Verfügung gestellt wird. Die fiktiven "Historical Notes" am Ende des Romans enthalten die Rede eines Professor Pieixoto vor einem "Symposium on Gileadean Studies" im Jahre 2195, in der die vorliegende Erzählung der Leibmagd, die laut Pieixoto eine Rekonstruktion aus Tonbandaufnahmen von der Erzählerin ist, analysiert wird und Hintergrundinformationen über die offenbar zu dem Zeitpunkt nicht mehr bestehende Republik Gilead enthält. Die Erzählungen der Leibmagd Offred, die sich an einen imaginären Zuhörer in der Zukunft richten, handeln von ihrem Gefühlen als "Handmaid" des Commander Fred, ihre Erinnerungen an die Zeiten vor der Machtübernahme durch das gileadanische Regime und von ihrem geistigen Widerstand gegen die Werte des religiös- patriarchal geprägten Systems.

Im folgenden möchte ich mich nun näher mit dem autoritären System der "Republik Gilead", wie es im Roman von den beiden Erzählinstanzen Offred und Professor Pieixoto beschrieben wird2, auseinandersetzen und im Anschluss die Parallelen des Systems mit dem neuenglischen Puritanismus aufzeigen.

2. Das System der Republik Gilead

2.1. Grundzüge

Zum Zeitpunkt der Erzählung existieren die Vereinigten Staaten von Amerika nicht mehr. Durch einen Staatsstreich wurde von einer christlich-fundamentalistischen Rechte die parlamentarische Demokratie der USA abgeschafft und durch die totalitäre, theokratische Republik Gilead ersetzt, dessen System und Gesetze auf einer wörtlichen Auslegung der Bibel beruhen und einen patriarchalen, repressiven Charakter besitzen.

In Gilead herrscht eine strikte Geschlechtertrennung nach traditionellen Werten, in der Frauen und Männer in jeweils separierten sozialen Bereichen der Gesellschaft agieren, und in der Frauen gegenüber den Männern eine untergeordnete Rolle einnehmen. Die untergeordnete Rolle der Frau wird dabei mit der Ersterschaffung Adams durch Gott und dem Sündenfall in der Bibel begründet, wie es sich aus der Predigt eines gileadanischen Commanders auf einen Massenhochzeit schließen lässt:

"Let the woman learn in silence with all subjection." [...] "All," he repeats.

"But I suffer not a woman to teach, nor to ursurp authority over the man, but to be in silence. "For Adam was first formed, then Eve.

"And Adam was not deceived, but the woman being deceived was in the transgression."3

Dementsprechend übernehmen Männer in der Republik Gilead politische wie militärische Aufgaben, während sich die Aufgabenbereiche der Frauen auf den Haushalt und das Gebären reduzieren. Frauen ist materieller Besitz und Bildung verboten - nur die für die Erziehung der "Handmaids" zuständigen "Aunts" dürfen lesen und schreiben - auch vom Arbeitsleben sind sie bis auf die Erziehung der "Handmaids" und in der Funktion der Haushälterin, in Gilead als "Martha" bezeichnet, ausgeschlossen. Ein keuscher Lebensstil wird von den Frauen erwartet, durch die Geburt eines Kindes erfahren sie Gottes Gnade von der Schuld des paradiesischen Sündenfalls: "Notwithstanding she shall be saved by childbearing, if they continue in faith and charity and holiness with sobriety" (S. 233). Sexueller Kontakt ist beiden Geschlechtern außer zu Fortpflanzungszwecken auch innerhalb der Ehe strengstens verboten und wird in der Regel mit dem Tode bestraft. Sozialkontakte sind durch eine streng hierarchisierte Gesellschaftsstruktur, in der das Regime die Rolle des Einzelnen festlegt, stark eingeschränkt und durch formelhafte, ritualisierte Umgangsformen eng reglementiert. Eheschließungen werden von den verheirateten Müttern arrangiert und in großen öffentlichen Veranstaltungen, den sogenannten "Women’s Prayvaganza", in Gruppen vorgenommen und massenabgefertigt. Liebe als Motor für eine solche Ehe wird nicht akzeptiert, ja sogar verboten:

[Commander Fred] Was it really worth it, falling in love ? Arranged marriages have always worked out as well, if not better.

Love, said Aunt Lydia with distaste. Don’t let me catch you at it. No mooning and June-ing around here girls. [...] Love is not the point. (S. 232)

Die Bevölkerung der Republik Gilead steht unter ständiger Überwachung durch den Staat und sich selbst. Durch zahlreiche bewachte Kontrollpunkte ("checkpoints") ist es in Gilead nicht möglich, sich frei und unbeobachtet zu bewegen. Ein geheim im Hintergrund agierender Überwachungsapparat, die "Eyes", spioniert die eigene Bevölkerung nach Gesetzesuntreuen aus. Zudem steht jeder unter der ständigen Gefahr, von einer anderen Person verraten zu werden, wie es Professor Pieixoto in den "Historical Notes" feststellt: "Gilead society was Byzantine in the extreme, and any transgression might be used against one by one·s undeclared enemies within the regime" (S. 323).

Öffentliche Hinrichtungen, in denen Gesetzesbrecher und Staatsfeinde hingerichtet werden, dienen dazu, die Bevölkerung in Schach zu halten. In den sogenannten "Salvagings" werden in aller Öffentlichkeit die Feinde des Systems zur Abschreckung hingerichtet, zu denen das Regime neben Anhängern des im Untergrund agierenden Widerstandes auch Ehebrecher, Abtreibungsbefürworter und Homosexuelle zählt. Nach erfolgter Hinrichtung werden die Leichen mit weißen Säcken auf den Köpfen, die Auskunft über die Art ihres Verbrechen geben, zur weiteren Abschreckung noch für einige Tage an einer Mauer ("The Wall", S. 41) hängend zur Schau gestellt. Republikfeinde, die nicht durch den Strick getötet werden, werden in die sogenannten "Colonies" geschickt, in denen sie im Härtefall zur Reinigung chemisch und atomar verseuchter Landstriche eingesetzt werden - eine Aufgabe, der einer Todesstrafe auf Raten entspricht - oder im besten Fall Kriegsschauplätze räumen müssen oder zu landwirtschaftlichen Zwecken herangezogen werden. Entsprechend attraktiv aussehenden Frauen wird es eventuell zur Wahl gestellt, im offiziell nicht erlaubten, republikeigenen Bordell als Prostituierte zu arbeiten.

2.2. Die hierarchische Struktur von Gilead

Die hierarchische Struktur der gileadanischen Gesellschaft ist strikt nach Funktion und Geschlechtern getrennt. An der Spitze der sozialen Hierarchie stehen die "Commanders of the Faithful", so ihr voller Titel. Ihnen unterstehen die Soldaten und andere Funktionsträger des Systems, die sogenannten "Angels", ein Name, der als Euphemismus auf ihre meist brutalen Aufgaben zu verstehen ist, und die "Eyes" und "Guardians of the Faith" (kurz auch "Guardians"), die als Spione und Agenten für die Aufrechterhaltung und innere Sicherheit des Systems sorgen.

Dem untergeordnet steht die soziale Hierarchie der Frauen, die sich an ihrer Zeugungsfähigkeit und ihrem Heiratsstatus, also in Abhängigkeit vom Patriarchat, orientiert. Eine verheiratete Frau wird je nach sozialem Status ihres Mannes als "Commander·s Wife" (kurz "wife") oder "Econowife" betitlet. Nicht verheiratete, unfruchtbare Frauen können im Haushalt eines Commanders als "Martha" tätig werden, oder als "Aunt" für die Ausbildung unverheirateter, fruchtbarer Frauen, den "Handmaids" zuständig werden. Das höchste gesellschaftliche Ansehen kommt dabei den "Wives" und den "Aunts" zu, während die "Econowives" aufgrund ihrer sozial am Rande stehenden Männer das niedrigste Ansehen genießen, und im Gegensatz zu den "Commander’s Wives" nicht nur die Funktion der Repräsentantin des Haushaltes übernehmen müssen, sondern auch die Funktion einer Martha und einer Handmaid übernehmen.

Nach Ansicht von Reingard M. Nischik läßt die Art und Weise der Benennung der einzelnen Schichten Gileads Rückschlüsse "auf bestimmte soziale Strukturen und kollektive Einstellungen [...] der Herrschenden den jeweiligen Gruppierungen gegenüber"4 schließen, wie sie es in ihrem Buch "Mentalstilistik" erläutert. Bezüglich dessen stellt sie darin folgende fünf Thesen auf.

I) Der Wert der einzelnen Person ergibt sich aus ihrem berufsbezogenen bzw. geschlechtsbezogenen, d.h. sozialem Wert, nicht aus ihrem individuellen Wert (Unterlexikalisierung von Eigen- und Familiennamen).
II) Die Bezeichnung der männlichen Berufsgruppen sind positiver konnotiert als die der weiblichen (z.B. "Angel" vs. "Martha"); männliche Tätigkeiten erscheinen so als geachteter bzw. bedeutender.
III) Frauen erscheinen als "the second sex", als Menschen zweiter Klasse: Sie werden entweder über den Ehemann/Vorgesetzten bzw. über die Familie definiert (Reduzierung), erscheinen bereits in der Gruppenbezeichnung als Dienende bzw. Subalternde (Trivialisierung), oder werden gar mit Pejorativausdrücken ("Unwoman") belegt (Dämonisierung), über deren Anwendung die Patriarchen entscheiden.
IV) Bei den Bezeichnungen für männliche Domänen werden euphemistische Ausdrücke verwendet, bei den Benennungen für Frauen im Gegenteil eher degorative Bezeichnungen (z.B. "Guardian of the Faith" vs. "Handmaid").
V) Die Namensgebung ist geschlechts-exklusiv und asymmetrisch: Keine Frau kann "Commander" werden, kein Mann eine "Martha" (mit den entsprechenden beruflichen Funktionen und entsprechendem sozialen Status). Die patronymischen Bezeichnungen für die Handmaids wie z.B. "Ofglen" haben keine Entsprechung auf Männerseite in Gilead.5

Nach Nischik zeigt sich daher bereits im klassendifferenzierenden Bezeichnungssystem Gileads die patriarchalische Orientierung des Systems, in der die Frau durch Trivialisierung und Kategorisierung als Individuum entpersonalisiert und verdinglicht wird.

Die strikt nach Geschlechtern und Machtbereich funktionalisierte Hierarchiestruktur der Republik Gilead und die damit verbundene Konformität der einzelnen Gesellschaftsgruppen und - ebenen wird zusätzlich durch eine Uniformierung nach Farben auch optisch herausgehoben. So läßt zum Beispiel die Kleidung der Frauen über ihre Gesellschaftsfunktion Rückschlüsse zu. Die Kleidung der zu Fortpflanzungszwecken bestimmten "Handmaids" ist rot, die für den Haushalt zuständigen Marthas tragen grün und die Ehefrauen blau. Die sogenannten "Econowives" tragen, da sie ja alle drei Funktionen, also auch Haushalt und Kinderkriegen, erfüllen müssen, dementsprechend eine gestreifte Kleidung aus allen drei Farben. Die männliche Bevölkerung trägt schwarze ("Commander" und "Angels") und grüne ("Guardians") Uniformen. Ähnliche Farbunterscheidungen gibt es auch bei den Autos der Republik. Die Lieferwagen, in denen politische Gefangene und Verurteilte transportiert werden, sind schwarz ("black van"), während die sogenannten "Birthmobiles", mit denen Ehefrauen und ihre Leibmägde zu den Geburten in den benachbarten Haushalten gefahren werden, rot sind.

2.3. Infertilität in der Republik Gilead

Entgegen ihrem eigenen Wertesystem ist das Regime der Republik aufgrund äußerer Umstände gezwungen, zur Erhaltung der eigenen Bevölkerungszahlen auf die religiös- unorthodoxe Fortpflanzungsmethode der Leihmutterschaft zurückzugreifen. Aufgrund übermäßiger Umweltverschmutzung und atomarer Verstrahlung durch Unfälle in Kernreaktoren ist nicht nur die Anzahl der Missgeburten, vom Regime "unbabies" genannt, auf 25% anstiegen (vgl. S. 122), es werden zudem mehr und mehr Frauen und Männer in der Republik Gilead zeugungsunfähig, so dass die gileadanische Bevölkerung unter einer schwindenden Geburtenrate leidet. Um einer sinkenden Bevölkerungszahl entgegenzusteuern, wird es daher kinderlosen verheirateten Paaren erlaubt, im Sinne Rachels in Genesis 30:1-3 sich einer Dienerin als Leihmutter zur familiären Fortpflanzung zu bedienen:

And when Rachel saw that she bare Jacob no children, Rachel envied her sister; and said unto Jacob, Give me children, or else I die. And Jacob’s anger was kindled against Rachel; and he said, Am I in God’s stead, who has withheld from thee fruit of the womb? And she said, Behold my maid Bilhah, go in unto her; and she shall bear upon my knees, that I may also have children by her.

Liegt also Kinderlosigkeit in einer Ehe vor, so obliegt es der Ehefrau gemäß dem biblischen Vorbild, sich eine vom Regime speziell für diesen Zweck ausgebildete "Handmaid" auszuwählen, die dann ebenfalls nach biblischen Vorbild in der sogenannten "Ceremony" einmal im Monat nach einem festgelegten Ritual im Beisein der Ehefrau von ihrem Ehemann begattet wird. Auffallend ist hierbei, dass das patriarchal-christliche Dogma der Republik Gilead die Kinderlosigkeit eines Ehepaares wie im alttestamentarischen Präzedenzfall ebenfalls nur auf eine offenbar gottgewollte Sterilität der Frau zurückführt, während es dagegen unter Strafe gestellt wird, einem Mann selbiges Symptom zu attestieren: "I almost gasp. He’s said a forbidden word. Sterile. There is no such thing as a sterile man any more, not officially. There are only women who are fruitful and barren, that’s the law" (S 70/71). Hier besteht folglich ein Tatsachenkonflikt zwischen weltlich-wissenschaftlicher Erkenntnis und religiösem Dogma, der wider besseren Wissens vom Regime aufrechterhalten wird, und in den Offred im Verlauf des Romans durch ihren impotenten Commander Fred im Roman gerät.

2.4. Fruchtbare Frauen als nationale Ressource: die "Handmaids"

Aufgrund der sinkenden Geburtenrate stellen mit gesundem Erbgut ausgestattete, fruchtbare Frauen für die Republik Gilead eine wichtige nationale Ressource dar, weshalb jene Frauen, sofern sie nicht verheiratet sind (und dazu zählen nach gileadanischer Auffassung auch Ehefrauen geschiedener Männer), vom Regime zur "Handmaid" ausgebildet werden.

Die Ausbildung findet im Falle der Erzählerin Offred im "Rachel and Leah Re-Education Center" statt und zielt dabei auf die einzige Daseinsberechtigung der "Handmaids" ab, nämlich ihrer Aufgabe, Kinder zu gebären:

We are all for breeding purposes: We aren’t concubines, geisha girls, courtesans. On the contrary: everything possible has been done to remove us from that category. There is supposed to be nothing entertaining about us. [...] We are two-legged wombs, that’s all: sacred vassels, ambulatory chalices. (S. 146)

Die Erziehung der "Handmaids" wird dabei von den "Aunts" übernommen, die ihre Wechseljahre bereits hinter sich haben oder zeugungsunfähig und unverheiratet sind, und die zu den Werten der Republik stehen, bzw. dies zumindestens vorgeben. Das Regime von Gilead macht es sich insofern einfach, und läßt damit jene bereitwilligen Kollaborateure für die patriarchalen Wertvorstellungen des Regimes gegen das eigene Geschlecht agieren: "Control of the indigenous by members of their own group" (S. 320), wie der fiktive Professor Pieixoto dazu in den "Historical Notes" bemerkt, und wie es für autoritäre Systeme charakteristisch ist.

Das Erziehungsprogramm für die "Handmaids" ist jedoch nicht nur ausschließlich auf ihre spätere Aufgabe als Leihmutter und ihren sozialen Status als "Handmaid" ausgerichtet, sondern beinhaltet auch eine ideologische Gehirnwäsche, die sie zu treuen Anhängern des Regime machen soll. Hierzu dienen insbesondere die sogenannten "Testifying-lessons", in denen im Beisein von zwei "Aunts" jede einzelne "Handmaid" vor der versammelten Gruppe ihre Sünden aus der Vergangenheit beichten muss. Neben einer Demoralisierung des Beichtenden für seine Sünden wird so auch gleichzeitig eine Art regimekonformes Schuldbewusstsein antrainiert. Die "Aunts" schrecken dabei nicht vor der Anwendung von Gewalt als pädagogische Maßnahme zurück, so dass bei groben Regelverstößen und bei Autoritätsverweigerung mit Schlägen und Folter seitens der "Aunts" geantwortet wird.

Die Lebensroutine einer "Handmaid" ist auf gesunde Ernährung und körperliche Fitness angelegt. Im Gegensatz zu höhergestellten Frauen darf eine "Handmaid" weder Zigaretten rauchen noch Tee, Kaffee oder Alkohol trinken. Um Unterleibsmuskeln zu trainieren, unternimmt sie neben ihren Schwangerschaftsübungen zusammen mit einer anderen "Handmaid" tägliche Spaziergänge, wobei diese Spaziergänge nach der Ausbildung in der Regel mit einer "Handmaid" aus dem benachbarten Haushalt eines anderen Commanders unternommen werden. Des weiteren wird sie einmal im Monat gynäkologisch untersucht.

Erfüllt sie, ungeachtet einer vermeintlichen Impotenz ihrer Commander, ihre Aufgabe als Leihmutter in drei aufeinanderfolgenden Haushalten nicht, so wird sie mit dem Tode bestraft. Erfolgt jedoch die Geburt eines gesunden Babies, darf sie dieses dann noch für einige Monate mit ihrer Muttermilch stillen, bevor sie für eine weitere Geburt zum nächsten Commander weitergereicht wird.

"Handmaids" sind ihrer eigenen Identität beraubt. Dazu trägt nicht nur die rotfarbige, Keuschheit suggerierende Uniformierung bei, auch die vom Commander abhängige patronymische Namensgebung, bestehend aus der possessiven englischen Präposition "of" und dem Vornamen des jeweiligen Commanders, macht den Austauschbarkeitscharakter der "Handmaids" deutlich. Wechselt eine "Handmaid" in einen anderen Haushalt, so nimmt sie dort den entsprechenden Namen an, der für alle Mitglieder des dortigen Haushaltes immer derselbe bleibt. Wie auch die Vorgängerinnen der Erzählerin ebenfalls "Offred" hießen, so muss auch Offred für sich selbst erfahren, dass bei ihrer Einkaufsbegleitung "Ofglen", zu der sie Kontakte zur regimeopponierenden Untergrundorganisation "Mayday" unterhält, ebenfalls nur die Haushaltszugehörigkeit zählt und nicht das Individuum, als sich im letzten Drittel des Romans eine andere Person bei ihr wie selbstverständlich als "Ofglen" vorstellt.

2.5. Repressivität vs. Menschlichkeit

In ihrem Essays "Sufi Mysticism in Margaret Atwood’s The Handmaid · s Tale" weist Nancy Workman auf einen Widerspruch des gileadanischen Systems hin, der darin besteht, dass gerade die vom System verlangte Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche ein Einhalten eben gerade dieser Regel konterkariert, denn so Workman: "By its constant deprivation of human desire, institutional Christianity actually encourages all the cardinal sins itself."6 Workman spricht hier von einer "corrupting force of institutional Christianity", der die Legitimität natürlicher menschlicher Bedürfnisse wie Emotionalität, Appetit, Sozialkontakte ignoriert, sie durch eine der menschlichen Natur widersprechenden Forderung nach Enthaltsamkeit und Selbstkontrolle ersetzt, die somit die angeborenen, natürlichen Bedürfnisse des Menschen zur Sünde erklärt, und so den Menschen in seiner Natürlichkeit in eine Falle lockt, aus die das Individuum sich nur durch Selbstbetrug oder Verzweiflung retten kann.7 Selbst letztere Lösung, in Extremform durch Selbstmord, wird durch das System korrumpiert, denn sowohl im Ausbildungszentrum wie in Offreds Zimmer wurde darauf geachtet, dass keine Gegenstände oder Instrumente unkontrolliert zugänglich sind, mit denen ein Freitod ermöglicht würde.

Die Konstrukteure des gileadanischen Regime waren sich dieser "corrupting force" ihres Systems, die die menschlichen Schwächen zum Sündenfall erhebt, durchaus bewusst. So erklärt Commander Fred, als er einer verwunderten Offred das inoffizielle, republikeigene Bordell zeigt, dessen Existenz mit dem Argument, dass man die Natur nicht austricksen könne:

"But everyone’s human after all." [...] "It means you can’t cheat Nature," he says. "Nature demands variety, for men. It stands to reason, it’s part of the procreational strategy. It’s natures plan." [...] "Women know that instinctively. Why did they buy so many clothes, in the old days? To trick the men into thinking they were several different women. A new one each day." (S. 249)

Jedoch bleibt dieses natürliche Recht auf "variety", wie sich Commander Fred hier zu rechtfertigen versucht, nur den Offizieren der Republik und den Handelsdelegationen offen, also jener Klasse, die in der Republik über die meiste Macht verfügt. Es zeigt sich somit auch hier ein Muster, wie es in den meisten autoritären System wiederzufinden ist, dass sich nämlich die Führungselite genau jene Rechte herausnimmt, die es der unterdrückten Bevölkerung unter Androhung der härtesten Strafen verbietet. Oder, wie es Commander Fred angesichts seiner verbotenen Bücher- und Zeitschriftensammlung aus der Vergangenheit gegenüber Offred ausdrückt: What’s dangerous in the hands of the multitudes, he said, [...] is safe enough for those whose motives are... Beyond reproach, I said. (S. 166)

3.The Handmaid’s Taleals dystopischer Roman

In The Handmaid ’ s Tale wird der Leser mit einem totalitären System konfrontiert, das seinen absoluten Machtanspurch ohne Rücksicht auf die freiheitlichen Grundrechte des Menschen durchzusetzen trachtet und die ihr untergebene Bevölkerung nach ihren in diesem Falle christlichfundamentalistischen Werten gleichschalten und kontrollieren will. Die Mittel, auf die das Regime der Republik Gilead zurückgreift, wie Abschreckung durch öffentliche Hinrichtungen von Regimegegnern und Gesetzesbrechern ("Salvagings"), Überwachung durch einen gegen die eigene Bevölkerung gerichteten und im Hintergrund agierenden Überwachungsapparat ("Eyes"), die ständige Infiltration durch pro-staatliche Propaganda in den Medien und die Normierung und Regelung sämtlicher Bereiche des Lebens, erzeugen dabei eine repressive, erdrückende Atmosphäre, wie sie für dystopische Romane typisch ist.

Im Vergleich zu Klassikern des Genres wie Orwells 1984 und Zamyatins We weist jedoch Atwoods Anti-Utopie zwei Besonderheiten auf. Die erste Besonderheit liegt im feministischen Anliegen Atwoods, die Frauenfeindlichkeit eines totalitären fundamentalistischen Religionsstaates der Zukunft zu thematisieren und darzustellen. Die zweite Besonderheit liegt in der genre- untypischen Andeutung, dass es sich bei der Republik Gilead nur um eine zeitweilige Gesellschaftsform handeln wird, wie es sich am Ende des Romans aus den "Historical Notes" ergibt. Atwood beabsichtigt somit nicht, Gilead im Sinne Orwells als ein "boot stamping a human face - forever"8 darzustellen, die Folge einer linearen Gesellschaftsentwicklung ist und somit unumkehrbar. Vielmehr scheint Atwood hier von einem zyklischen Geschichtsprozess auszugehen, in der die Republik Gilead als eine Art reaktionäres "pendulum swing" zu den vorherig existierenden Verhältnissen anzusehen ist.9 Diese Besonderheit erachtet auch David Ketterer in seinem Essay "The Handmaid ’ s Tale: A Contextual Dystopia" als wichtig und bemerkt hierzu:

Unlike the traditional dystopia, Atwood is concerned not just with the preceding context, the historical development - continuous or discontinuous - that led to the establishment of dystopia, but also with a suceeding discontinuous context, and historical development [...] that led, over time or abruptly, away from dystopia.10

Aufgrund dieser für die traditionelle dystopische Literatur untypischen Kontextualisierung einer Gesellschaft danach sieht Ketterer in The Handmaid ’ s Tale eine Variante des utopischen Romans, die er mit dem Term "contextual dystopia" zu klassifizieren sucht.

4. Puritanismus in The Handmai ’· s Tale

4.1. Intertextuelle Referenzen

Das totalitäre System von Gilead mag auf den ersten Blick ungewöhnlich und fantastisch erscheinen, tatsächlich liegt die Besonderheit nur in der Art der Kombination bereits bestehender Ideologien und vergangener Ereignisse. Wie Margaret Atwood selbst über ihr Buch aussagt: "There is nothing in the book that hasn’t already happened. All the things described in the book, people already have done to one another."11 Und dementsprechend vielfältig sind daher auch die intertextuellen Referenzen zu den einzelnen im Roman dargestellten Ereignissen und formulierten Ideologien.

So erinnert die gileadanische Geburtenpolitik an das Rumänien Ceausescus, das, um seine sinkende Geburtenrate zu bekämpfen, ebenfalls monatliche gynäkologische Tests für die weibliche Bevölkerung eingeführt hatte und Verhütungsmittel sowie Abtreibung verboten hatte. Die im Roman geschilderten Bücherverbrennungen haben ihre Parallelen mit der durch die katholische Kirche ausgeübten Inquisitionen oder den Bücherverbrennungen "entarteter" Literatur durch die Nationalsozialisten. Das System der Republik Gilead selber spiegelt extreme Tendenzen des christlichen Fundamentalismus wieder, wie es sich zum Beispiel in seiner Ablehnung der Frauenbewegung, der Pornographie und der Abtreibung zeigt.

Aufgrund zahlreicher ritueller und ideologischer Parallelen stellt der wichtigste intertextuelle Einfluss auf The Handmaid ’ s Tale stellt jedoch das puritane Neuengland des 17. Jahrhunderts dar, wie es auch Margaret Atwood in einem Interview über ihr Buch selbstreflektierend feststellt.12 Diese Parallelen sind von Mark Evans in seinem Essay "Versions of History: The Handmaid ’ s Tale and its Dedicatees", dass ich nun im folgenden zusammengefasst wiedergeben möchte, einmal näher untersucht worden.

4.2. Parallelen zwischen dem Puritan New England und der Republik Gilead

Evans stellt zunächst einmal fest, dass bezüglich der Geburtenrate und Kindersterblichkeit beide Gesellschaften, das puritane Neuengland und die fiktive Republik Gilead, einander genau entgegengesetzt sind. Während aufgrund einer zunehmenden Impotenz in Gilead die Geburtenrate sinkt, verfügte das puritane Neuengland über eine hohe Geburtenrate, die bis zur Urbanisierung der Gesellschaft durch die Industrielle Revolution durch eine hohe Kindersterblichkeitsrate jedoch wieder aufgefangen wurde.13 Dennoch ist es beiden Gesellschaften gemein, eine möglichst gottergebene Demutshaltung der werdenden Mutter zu propagieren, in der Annahme, dass durch diese Haltung dem Überleben, bzw. Entstehen des neuen Lebens durch Gott bessere Chancen eingeräumt werden. Evans führt dazu ein Zitat aus dem Buch A Search For Power von Koehler an:

Of course, childbirth was associated with age-old, biblically ordained risks and difficulties. John Oliver’s Present for Teeming Women, the standard pregnancy guide in England and America, directed women to prepare diligently before their delivery for their own possible death. If they did not do so, Oliver warned, God would deliver them "in anger not in favour", making death even more probable. Mather considered severe delivery pains a divine sign that a woman needed to cleanse her soul.14

Eine ähnliche Haltung wird den "Handmaids" während der Ausbildung von den "Aunts" ebenfalls propagiert:

Once they drugged women, induced labour, cut them open, sewed them up. No more. No anaesthetics, even. Aunt Elizabeth said it was better for the baby, but also: I will greatly multiply thy sorrow and thy conception; in sorrow thou shalt bring forth children. (S. 124)

Kindergeburten stellen, wie oben bereits angedeutet, in der Republik Gilead ein wichtiges soziales Ereignis dar. Findet in der Nachbarschaft eine Geburt statt, so werden mit den roten "Birthmobiles" die "Wives" und "Handmaids" der benachbarten Haushalte zum jeweiligen Haus gebracht, um dort der Geburt beiwohnen zu können. Laut einer von Evans zitierten Quelle von Laurel Thatcher Ulrich gab es diesen Brauch bereits schon in England, sowie im puritanen Neuengland:

Labor and delivery were central events not only for the mother and baby but for the community of women. Depositions in an Essex County case of 1657 reported a dozen women present at a Gloucester birth [...] But Sarah Smith, the wife of the first minister of Portland, Maine may have set the record for neighbourly participation of birth. According to family tradition, all of the married women living in the tiny settlement of Falmouth Neck in June of 1731 were present when she gave birth to her second son.15

In ihren weiteren Ausführungen über die Geburtszeremonie bei Ofwarren beschreibt Offred einen doppelsitzigen "Birthing Stool", bei dem der hintere Sitz gegenüber dem vorderen Sitz leicht erhöht ist, so dass eine andere Frau, in der Regel die jeweilige "Wife", hinter der gebärenden "Handmaid" sitzen kann und sie unterstützend umklammern kann. Eine ähnliche Vorrichtung namens "midwife’s stool" existierte bereits schon im puritanen Neuengland, wie ein weiteres Ulrich-Zitat von Evans belegt: "A mother might give birth held by another woman’s lap or leaning against her attendants as she squatted on the low, open-seated ·midwife’s stool·."16

Wie in Atwood’s futuristischer Vision wird auch im puritanen Neuengland von der Gesamtbevölkerung ein Leben in Einklang mit den jeweils herrschenden religiösen Wertvorstellungen des Systems erwartet. In der Republik Gilead fällt diese Aufgabe dem Wachpersonal, den Soldaten ("Guardians" und "Angels") sowie den geheim agierende Spionen ("Eyes") zu, der Regierung jegliche Abweichung vom religiösen Dogma innerhalb der Bevölkerung zu melden und für entsprechende Bestrafung zu sorgen. Eine ähnliche Aufgabe hatten im puritanen Neuengland die von den jeweiligen Gemeinden beauftragten "Select-Men". Ihre Aufgabe war es, das Leben jeder ortsansässigen Familie genauestens zu überwachen, um jene zu belohnen und zu unterstützen, die sich durch "diligence" und "obedience" um das Ansehen in der Gemeinde verdient machten, und um jene zu bestrafen, die den Vorstellungen der Gesellschaft nicht entsprachen. Wurde zum Beispiel nach Ansicht der "Select-Man" der Nachwuchs nicht entsprechend religiös erzogen, oblag es ihnen, die Kinder in einer frommeren Familie zu platzieren.17

In der Erziehung der "Handmaids" durch die Republik Gilead spiegeln sich nach Evans im großen Maße auch die Wertvorstellungen des puritanen Neuengland über die Frauenrolle wieder. So wird in beiden Gesellschaften über die Namen der Frauen auch gleichzeitig etwas über ihren gesellschaftlichen Status, bzw. ihre Rolle ausgesagt. Während bei Atwood die "Handmaids" durch ihre patronymische Betitelung praktisch zum Eigentum des jeweiligen Commanders degradiert werden, so wurden den Töchtern im puritanen Neuengland in der Regel Namen gegeben, die sie, wie Evans von Lyle Koehler zitiert, an ihre weiblichen Tugenden erinnerten: "Silence, Fear, Patience, Prudence, Mindwell, Comfort, Hopestill and Be Fruitful"18.

Über die Wertvorstellungen ihrer Erziehung sagt Koehler weiter: "Their upbringing was marked by plenty of ·freedoms from·, being taught to avoid the blandishments of vanity brought on by combs, mirrors and fancy clothes, and encouraged to read no lust-inducing material, only the bible."19 Ebenso wurde den jungen Töchter früh vermittelt, ihre eigene Meinung und ihre eigenen Wünsche stets den über sie stehenden Personen unterzuordnen. So fasst Evans die Erziehung eines jungen Mädchens namens Hetty Shepard, dessen Tagebuch Koehler wiedergibt, durch ihre Tante wie folgt zusammen: "Hetty’s aunt believes not only in restraining her [Hetty·s] youthful urges, but in also making her believe that her own thoughts and wishes are generally inferior, and properly derserving of subordination to those of others in her society."20

Ähnliche Tendenzen lassen sich auch in der Erziehung der "Handmaids" durch die "Aunts" ausmachen. Auch Aunt Lydia spricht von "freedoms from":

There is more than one kind of freedom, said Aunt Lydia. Freedom to and freedom from. In the days of anarchy, it was freedom to. Now you are being given freedom from. Don’t underrate it. (S. 34)

We were a society dying, said Aunt Lydia, of too much choice. (S. 35)

Wie ihren puritanischen Vorfahren wird auch den "Handmaids" vermittelt, dass das Streben nach Schönheit im Sinne von erotischer Attraktivität keine Tugend ist, wie folgende Stellen belegen. Während eines Spazierganges außerhalb des Erziehungszentrums erboßt sich Aunt Lydia zum Beispiel über sonnenbadende Frauen in der Zeit vor der Machtübernahme:

No worry about sunburn though, said Aunt Lydia. The spectacles women used to make of themselves. Oiling themselves like roast meat on a spit, and bare backs and shoulders, on the street, in public, and legs, not even stockings on them, no wonder those things used to happen. Things, the word she used when whatever it stood for was too distasteful or filthy to pass her lips. (S. 65)

Insofern ist Schönheitspflege für "Handmaids" in Gilead nicht gestattet, aber nicht nur allein aus moralischer Erwägung, sondern auch mit Rücksicht auf die "Wives": "There’s no longer any hand lotion or face cream, not for us. [...] This was a decree of the Wives, this absence of hand lotion. They don’t want us to look attractive (S. 107)".

Margaret Atwood selbst hat den Puritanismus in Neu England als ein frühes totalitäres System auf amerikanischem Boden bezeichnet21, und betrachtet man John Winthrop’s Vorstellungen in seinem Buch A Modell of Christian Charity über eine christliche Regierungsform einmal näher, wird der autoritäre Charakter puritanischer Systemvorstellungen deutlich. Perry Miller fasst Winthrops Ideen wie folgt zusammen:

There was no doubt whatsoever as to what Winthrop meant by a due form of ecclesiastical government: he meant the pure Biblical polity set forth in full detail by the New Testament [...] . What a due form of government meant, therefore, became crystal clear: a political regime, possessing power, which would consider its main function to be the setting up, the protecting and preserving of this form of polity. This due form would have, at the very beginning of its list of responsebilities, the duty of supressing heresy, of subduing or somehow getting rid of dissenters - of being, in short, deliberately, vigorously, and consistently intolerant. [...] What it set out to do was the sufficient reason for its setting out.22

Diese Art von Regierungsform, die zu Winthrops Zeiten nie voll verwirklicht werden konnte, scheint hier in Atwood·s futuristischem Amerika ihre Verwirklichung erfahren zu haben. Besonders deutlich wird im Regime Gileads die "duty of surpressing heresy", wie Winthrop es fordert: "Sünder" des Systems werden gefoltert, zu den "Colonies" geschickt oder öffentlich hingerichtet.

Religionsfreiheit wird abgeschafft. Christen werden zum Glauben an die vom Regime geförderten Religionsdogmen angehalten, wer nicht zum christlichen Glauben übertritt, wird deportiert, oder bekommt, wie im Ausnahmefall der Juden, die Option auf eine freiwillige Ausreise. Es besteht in der Republik Gilead daher mehr als deutlich die Absicht nach Gleichschaltung und Konformierung der Gesellschaft zum Zweck der Stabilisierung des Systems nach den von dem Regime propagierten Werten, wie oben von Winthrop als Ideal gepriesen.

5. Fazit

Zu den Motiven für ihren Roman The Handmaid ’ s Tale gefragt, äußerte sich Margaret Atwood in einem Interview wie folgt:

This is a collective nightmare, and the thing about writing it out is that you can see it. You can see where this or that might lead. I think that’s the reason why we write such books. This is a pretty crucial time, and the way women are treated in society determines the shape of the society. It determines to a great extent what choices are available to men as well.23

Mit ihrer dystopischen Vision eines autoritären Gottesstaates will Margaret Atwood also vermitteln, wie es aussehen könnte, wenn eine christlich-fundamentalistische Rechte in den Vereinigten Staaten eine Staatsform nach ihren ideologischen Vorstellungen installiert, und welche Folgen dies insbesondere für die Rolle der Frau hätte.

Ihr Roman erlangt dabei eine besonders hohe Glaubwürdigkeit, da sie im Gegensatz zu anderen Autoren des dystopischen Genres nicht eine durch eine neue Technologien oder wissenschaftliche Erkenntnisse veränderte Gesellschaftsform präsentiert, sondern ihre Republik Gilead nur aus existierenden und historischen Elementen zusammensetzt. Den Bogen, den Maragret Atwood dabei zum Puritanismus Neuenglands schlägt, lässt die Gefahr besonders mittelbar erscheinen; denn Gilead ist keine reine Neuerfindung der Zukunft sondern ein in die Zukunft adaptiertes Gesellschaftssystem der Vergangenheit, das in den Vereinigten Staaten in Grundzügen bereits schon existiert hatte. Atwood verhindert somit beim amerikanischen Leser von vornherein die beruhigende Erkenntnis, so etwas könne auf amerikanischem Boden nicht passieren, und weist ihn mit aller Deutlichkeit darauf hin, wohin jene politisch-moralischen, neopuritanen Kräfte führen können, die eine Besinnung auf die alten, traditionellen Werte fordern, wie es z.B. die amerikanischen Fundamentalisten mit ihrer "Moral Majority" artikulieren, wenn man ihnen nicht rechtzeitig Einhalt gebietet. The Handmaid ’ s Tale ist somit eine Warnung an all jene Menschen, die an eine Verbesserung der Gesellschaft durch eine autoritär-religiöse Regierung glauben.

Carsten Brettschneider

Christian-Albrechts-Universit ä t, Kiel

15. Oktober 1996

Literaturnachweis

Primärliteratur

Atwood, Margaret. The Handmaid ’ s Tale. London, 1987. Orwell, George. Nineteen Eighty-Four. Berlin, 1983.

Sekundärliteratur

Evans, Mark. "Versions of History: The Handmai ’· s Tale and Its Dedicatees."Margaret Atwood: Writing and Subjectivity. Ed. Nicholson/Colin. New York, 1994. 177-88.

Ingersoll, Earl G. (Ed.). Margaret Atwood: Conversations. Ontario Review Press, 1990.

Kaufman, Linda. "Special Delivery: Twenty-First Century Epistolarity in The Handmaid ’ s Tale."Writing the Female Voice: Essays on Epistolary Literature. Ed. Elizabeth Goldsmith. Northeastern University Press, 1989. 221-244.

Ketterer, David. "Margaret Atwood’s The Handmaid ’ s Tale: A Contextual Dystopia." Science Fiction Studies 48 (1989): 209-217.

Korte, Barbara. "Textuelle Interdependenzen in Margaret Atwood’s The Handmaid ’ s Tale"Zeitschrift der Gesellschaft f ü r Kanada-Studien 17 (1990): 15-25.

Malak, Amin. "Margaret Atwood’s The Handmaid ’ s Tale and the Dystopian Tradition."Canadian Literature 112 (1987): 9-16.

Nischik, Reingard M. "Back to the Future: Margaret Atwood’s Anti-Utopian Vision in ·The Handmaid’s Tale·."Englisch-amerikanische Studien 1 (1987): 139-148.

. Mentalstilistik: Beitrag zur Stiltheorie und Narrativik: Dargestellt am Erz ä hlwerk Margaret Atwoods. Tübingen, 1991.

Rao, Eleonora. Strategies for Identity: The Fiction of Margaret Atwood. New York, 1993.

Workman, Nancy V. "Sufi Mysticism in Margaret Atwood’s The Handmaid ’ s Tale."Studies in Canadian Literature: Etude en Litterature Canadienne 14.2 (1989): 10-26.

[...]


1 Darauf lassen zumindestens die Kindheitserinnerungen der Erzählerin Offred, die sich um die Zeit der Frauenbewegung, also Anfang der siebziger Jahre, drehen, und die kaum fortgeschrittene technische Entwicklung der Republik Gilead schließen.

2 Margaret Atwood verzichtet in ihrem Buch auf eine explizite, detaillierte Extrapolierung einer Ideologie, und daher ergeben sich aus diesen begrenzten Erzählperspektiven eventuelle Ungenauigkeiten.

3 Margaret Atwood, The Handmaid · s Tale (London, 1987), 233. Alle weiteren Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

4 Reingard M. Nischik, Mentalstilistik: Beitrag zur Stiltheorie und Narrativik: Dargestellt am Erz ä hlwerk Margaret Atwoods (Tübingen, 1991), 202.

5 Nischik, 202-203.

6 Nancy V. Workman, "Sufi Mysticism in Margaret Atwood·s The Handmaid · s Tale,"Studies in Canadian Literature: Etude en Litterature Canadienne 14.2 (1989): 10-26, 23.

7 vgl. Workman, 23.

8 George Orwell, Nineteen Eighty-Four (Berlin, 1983), 270.

9 vgl. David Ketterer, "Margaret Atwood·s The Handmaid · s Tale: A Contextual Dystopia,"Science Fiction Studies 48 (1989): 209-217, 213.

10 Ketterer, 213.

11 wie zitiert in Nischik, 201.

12 "[...] the mind-set of Gilead is really close to that of the seventeenth-century Puritans." Margaret Atwood in einem Interview in Bonny Lyons, "Using Other People·s Dreadful Childhoods,"Conversations, ed. Earl G. Ingersoll (Ontario Review Press, 1990) 221 - 233, 223.

13 vgl. Mark Evans, "Versions of History: The Handmaid · s Tale and Its Dedicatees,"Margaret Atwood: Writing and Subjectivity, ed. Nicholson/Colin (New York, 1994) 177-88, 182.

14 Lyle Koehler zitiert in Evans, 183.

15 Laurel Thatcher Ulrich zitiert in Evans, 183.

16 Laurel Thatcher Ulrich zitiert in Evans, 184.

17 vgl. Evans, 185.

18 Lyle Koehler zitiert in Evans, 186.

19 Lyle Koehler zitiert in Evans, 186.

20 Evans, 185.

21 so Barbara Korte in "Textuelle Interdependenzen in Margaret Atwood·s The Handmaid · s Tale,"Zeitschrift der Gesellschaft f ü r Kanada-Studien 17 (1990): 15-25, 21.

22 Perry Miller zitiert in Evans, 186-187.

23 wie zitiert in Nischik, 201.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Margaret Atwood`s The Handmaid`s Tale: Das autoritäre System der Republik Gilead und seine Parallelen im puritanen Neuengland
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Proseminar "Canadian Women Writers", Christian-Albrechts-Universität, Kiel
Note
1-
Autor
Jahr
1996
Seiten
12
Katalognummer
V94683
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuengland, Margaret Atwood, The Handmaid's Tale, Republik Gilead, Puritanismus, Dystopie, Canadian Women Writers, Kanadistik, Kanadische Autorinnen, Feminismus
Arbeit zitieren
Carsten Brettschneider (Autor), 1996, Margaret Atwood`s The Handmaid`s Tale: Das autoritäre System der Republik Gilead und seine Parallelen im puritanen Neuengland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94683

Kommentare

  • Gast am 6.12.2001

    Danke!.

    Klare Analyse, die schlüssig und effektiv beschreibt, informiert, aufklärt und kontextualisiert. Danke, werde ich für meine morgige English-LK Klausur gut gebrauchen können!

  • Gast am 11.1.2002

    Auch danke!.

    Ich war wirklich froh über deine Arbeit, um sicher zu gehen, dass ich den englischen Text einigermassen richtig verstanden habe.
    Danke!!

  • Gast am 3.12.2004

    Sehr schön!.

    Ein richtig gut erarbeiteter Text!! SEHR GUTE ARBEIT GELEISTET!!! :)

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