Charlotte Bronte`s Roman Jane Eyre und die gleichnamige Verfilmung von Orson Welles Robert Stevenson (1944)


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
17 Seiten, Note: 2+

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Inhaltsangabe

1. Die methodische Problematik

2. Die filmische Adaption im Vergleich mit ihrer literarischen Vorlage
2.1. Die Tiefenstruktur des Films
2.1.1. Raffung und Aussparen von Handlungselementen
2.1.2. Hinzufügen von Handlungselementen
2.2. Die Oberflächenstruktur des Films
2.2.1. Rollenbesetzung, Maske und Kostüme
2.2.2. Handlungsraum, Szenerie und Licht
2.2.3. Kinematographische Gestaltungstechniken
2.2.3.1. Kameraperspektive, -führung und Nähe-Distanz-Relation
2.2.3.2. Montage und Mischung
2.2.4. Nicht - kinematographische Gestaltungstechniken
2.2.4.1. On- und Off- Texte
2.2.4.2. Ton und Musik

3. Resumee

4. Bibliographie

1. Die methodische Problematik

Für die Beurteilung von Literaturverfilmungen bzw. vergleichende Analysen der filmischen Adaptionen mit ihrer literarischen Vorlage gibt es zahlreiche verschiedene Ansätze und dabei keine einheitlichen Kriterien. Das mag wohl vor allem darin begründet sein, daß der Vergleich zweier verschiedener Medien, die sich unter-schiedlicher Zeichensysteme bedienen, Probleme aufwirft. Es gilt, Vergleichs-kriterien zu schaffen, die beiden Medien gerecht werden.

Folgende Untersuchung stützt sich vor allem auf die von Klaus Kanzog1 formulierten Schritte der Filmanalyse und -interpretation sowie auf die von Matthias Hurst2 entwickelte Methodik für einen Vergleich von Text und Film auf der narrativen Ebene. Dabei wird die Übersetzung des einen Zeichensystems ,,literarischer Text" in das andere Zeichensystem ,,Film" immer auch als produktive Rezeption und somit auch als Interpretation verstanden. Deshalb ist der Begriff ,,Werktreue" als Meßinstrument für die Qualität einer Literaturverfilmung sicherlich problematisch. Wenn also im folgendem die Jane- Eyre- Verfilmung von Robert Stevenson vor allem hinsichtlich ihrer Abweichungen vom Roman untersucht wird, sollen die Unterschiede, welche die filmische Adaption kennzeichen, nicht automatisch als negativ bewertet werden. Das Ziel der folgenden Ausführungen ist viel mehr, die spezifische Interpretation der Textvorlage aufzuzeigen, die der Film liefert.

Da eine umfassende Analyse des Films im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde, kann hier nur seine allgemeine Tendenz festgestellt, und auf die auffälligsten Unterschiede auf der Handlungsebene sowie exemplarisch auf die Umsetzung dieser Handlung durch besondere filmische Techniken und Gestaltungsmittel eingegangen werden, wobei die unterschiedlichen Aspekte nur im Zusammenhang bewertet werden können, die Gliederungspunkte also nicht exakt getrennt werden können uns sich deshalb manches überschneidet.

2. Die filmische Adaption im Vergleich mit ihrer literarischen Vorlage

2.1. Die Tiefenstruktur des Films

Die Fabel des Films weicht manchmal von der des Romans ab, im Ganzen konzentriert sie sich weit mehr als im Roman auf die Beziehung zwischen Jane und Rochester. Einige Abweichungen entstehen sicher dadurch, daß der Film, der sich an einer durchschnittlichen Dauer von 120 Minuten orientieren muß, gezwungen ist, zu komprimieren, Unwichtigeres zu raffen oder gar auszusparen. Schon durch diese Auswahl interpretiert der Film die Vorlage zwangsläufig. Besonders einschneidend sind jedoch Veränderungen im Handlungsablauf, wenn Handlungselemente hinzugefügt werden, was hier bisweilen der Fall ist.

2.1.1. Raffung und Aussparung von Handlungselementen

Raffungen sind sicherlich die am wenigsten einschneidenden Veränderungen der Handlungsstruktur in einer filmischen Adaption und sie sind bei einer Verfilmung aus oben genanntem Grund immer nötig. In der zu Grunde liegenden Jane- Eyre-Verfilmung wird vor allem Janes Kindheit sehr komprimiert dargestellt, aber doch derart, daß die wichtigsten Fakten und Episoden zum Ausdruck kommen, so die Abneigung Mrs. Reed´ s gegen Jane, die positive Beziehung Janes zu Bessie, der Besuch von Mr. Brocklehurst in Gateshead, die Abreise Janes von Gateshead und die Ankunft in Lowood sowie das neue karge und strenge Leben dort, die Diskrimi-nierung durch Mr. Brocklehurst, die Freundschaft zu Helen, deren Tod und Janes Abreise zum Antritt ihrer Stelle in Thornfield.

Als extreme Form der Raffung gilt die Elipse, also das völlige Aussparen von Handlungselementen. Oft treten stattdessen andere Elemente hinzu. Bei der Darstellung von Janes Kindheit fallen einige im Roman bedeutende Elemente auf, die hier im Film ganz wegfallen: Janes Arreste im sogenannten ,,red-room" 3 welche die Grausamkeit von Mrs. Reed zum Ausdruck bringen, die Figur der Cousine Georgina, die das viktorianisches Ideal eines kleinen Mädchens verkörpert und somit solches als Gegenbild der kleinen Jane fungiert, die positive Beziehung Janes zu ihrer Lehrerin Miss Temple in Lowood und ihre Vorbildfunktion für Jane, die Typhusepedemie, welche die spartanischen Lebensbedingungen der Schülerinnen in Lowood illustriert, zum anderen aber auch die gute Gesundheit der überlebenden Jane unterstreichen, gewissermaßen als Referenz zu dem Gespräch mit Mr. Brocklehurst über die Hölle.4 Außerdem fällt auf, daß Jane nicht wie in der Buchvorlage zwei Jahre als Lehrerin an ihrer Schule bleibt. Im Film ist zu dem Zeitpunkt als sie ihre Schülerlaufbahn beendet, Mr. Brocklehurst immer noch Leiter der Schule. Er bietet Jane eine Stelle als Lehrerin an, was er vor einem Gremium damit begründet, daß eine ehemalige Schülerin weitaus billiger sei als eine externe Lehrkraft. Jane lehnt ab, beruft sich auf Strenge und Härte, die ihr in Lowood widerfahren sind und tut kund, daß sie über eine Zeitungsanzeige eine Stelle als Gouvernante suche. In dieser Szene wird zweierlei deutlich: zum einen Janes Selbstbewußtsein, indem sie es wagt, die Stelle, die ihr von Mr. Brocklehurst als Ehre verkauft wird, abzulehnen und auch indem sie seine Härte offen ausspricht, zum anderen die autoritäre Grausamkeit, Unterdrückungstaktik und Scheinheiligkeit Brocklehursts, dem es bei dem Stellenangebot nur um finanzielle Vorteile geht, der Jane einzureden versucht, sie sei nicht begabt genug als private Gouvernante zu arbeiten, weshalb er letzlich einen an sie adressierten Brief unterschlägt, von dem er annehmen muß, daß er eine Antwort auf ihre Annonce enthält. Diese neu erfundene Szene hat wohl die Funktion, Persönlichkeitsmerkmale, die den beiden Figuren zu eigen sind, besonders herauszuarbeiten.. Auch im weiteren Handlungsverlauf, von Janes Zeit als Gouvernante auf Thornfield bis zu der verhinderten Hochzeit mit Mr. Rochester, sind fast alle wesentlichen Elemente des Buches übernommen. Ausgespart wird Janes bewußte Rückkehr zu ihrer totkranken Tante nach Gateshead, als diese eigens um sie schickt. Im Roman zeigt hier die Szene, in der Jane Mr. Rochester bittet, diesem Wunsch nachkommen zu dürfen, zum ersten Mal sehr deutlich deutlich seine Symphatie für Jane. Er bleibt ihr absichtlich Geld schuldig, um ihre Rückkehr zu garantieren 5 und als diese schließlich später erfolgt als erwartet, spricht er von Thornfield als Janes Zuhause und deutet an, daß er Jane vermißt hat6. Die gravierendste Abweichung vom Buch ist, daß Janes zielloses Umherirren nach ihrer Flucht von Thornfield und die Zeit bei den Geschwister Rivers7 komplett wegfällt. Nicht einmal, daß sich Mary, Diana und John später als ihre Verwandte herausstellen und somit die Waise Jane zum ersten Mal die Erfahrung macht, eine Familie zu haben, wird angedeutet. Da Jane in dieser Zeit eine wichtige Station ihrer psychischen Entwicklung durchlebt, und in der Episode auch religiöse und moralische Fragen aufgeworfen werden, unter anderem die der Pflicht eines Christen usw., bedeutet diese Ellipse im Film wieder eindeutig eine Konzentration auf die Liebesbeziehung zwischen Jane und Rochester. Dabei ist Janes plötzliche Entscheidung für den Geliebten durchaus geprägt durch den Kontrast, den sie in ihrer Beziehung zu St. John erfährt. Durch St. Johns Antrag wird ihr erst bewußt, daß sie nur aus Liebe heiraten kann und daß sie trotz allem zu Rochester zurückkehren will. Seine Stimme, die ihren Namen ruft, und die tatsächlich wahrscheinlich ihre innere Stimme ist, hört Jane ja gerade in dem Moment als St. John ihr ein Ultimatum stellt. Jane erfährt auch hier von der Existenz eines Onkels auf Madeira, daß dieser sie suchen ließ und von Mrs. Reed fälschlicherweiße erfahren hat, daß Jane gestorben sei. Ausgespart wird aber die Tatsache, daß Jane ihn letzlich beerbt und so reich wird, daß sie nicht mehr arbeiten muß. Angesichts der Tatsache, daß Rochester durch den Brandanschlag auf Thornfield Besitz verliert, zeigt sich darin auch eine finanzielle Annäherung der beiden. Der Schluß ist sehr gerafft. Die Reise zu Rochester und das Wiedersehen und Widervereinen mit Jane geschieht fast überstürzt. Hier treibt der Film mit großen Schritten auf das imlizierte Happy End zu, während in der Textvorlage alles langsamer vonstatten geht. Jane muß erst Rochester, in seinem neuen Wohnsitz ausfindig machen und auch dauert es einen Tag bis es zum Heiratsantrag kommt. Die Retrospektive des letzten Kapitel beschließt stark komprimiert auch den Film, wobei dieser mit seinen vielleicht emotionsgeladensten Worten schließt:

,,When his first-born was put into his arms, he could see that the boy had inherited his own eyes, as they once were - large brilliant, and black" 8.

2.1.2. Hinzufügen von Handlungselementen

Wie oben schon erwähnt, fällt das Hinzufügen von Handlungselementen besonders ins Gewicht, weil sie sich nicht wie die Raffung im Sinne einer zeitökonomisch notwendigen Veränderung deuten lassen und für eine spezifische Interpretation der Vorlage deshalb sehr wichtig sind. Oft werden Elemente hinzugefügt, wo andere weggelassen werden, ersetzen also diese, weshalb ein Aussparen und Hinzufügen nicht immer getrennt voneinander gesehen werden kann.

So wird der im Film ganz unterschlagene St. John Rivers durch einen Dr. Rivers andeutungsweise ersetzt, der bei einer Schuluntersuchung auf die Unterernährung der Mädchen hinweist, was teilweise die Funktion der Typhus-Epedemie substituiert und die resignierende Jane nach Helens Tod in einem kurzen Gespräch auf ihre Pflichen als Christin hinweist. Zudem tritt Dr. Rivers später noch einmal kurz als Überbringer eines Briefes von Mr. Rochesters auf, welcher die geflohene Jane suchen läßt. Er bildet im Film auch das positive Gegenbild einer männlichen Autoritätsperon zu Mr. Brocklehurst, fast eine Vaterfigur, deren Vorlage im Buch höchstens durch Miss Temple als positives Gegenbild zu Mrs. Reed gegeben ist, und mit dem eher unnahbaren und verschlossenen9 Sir St. John Rivers des Romans ansonsten nicht viel gemein hat.

Auch im Film kommt es zu einem letzten Treffen zwischen Jane und ihrer Tante am Sterbebett, doch nicht weil diese sie wie in der literarischen Vorlage holen ließ, sondern zufällig, weil Jane hier nach der verhinderten Hochzeit ihrer Not zu Bessie flieht, wodurch die Moor - House - Passage substituiert und so gleichzeitig die Fabel gerafft wird. Auffallend ist dabei, daß Mrs. Reed im Roman zwar ihre Fehler zugibt, aber selbst am Sterbebett den Haß gegen Jane nicht ablegen kann10, während im Film eine Versöhnung angedeutet ist, indem die sterbende Mrs. Reed nach Janes Händen greift und sie anfleht: ,,Jane, please don ´ t leave me!", worauf Jane milde lächelnd antwortet: ,, I won ´ t leave you".

Die erwähnten Änderungen auf der Handlungsebene können noch durch einige, weniger bedeutsamere ergänzt werden, beispielsweise zeigt eine im Roman nicht erwähnte Sequenz - zeitlich eingeordnet einige Zeit nach der Ankunft in Thornfield, aber noch vor Mr. Rochesters erstem Erscheinen- Adele beim Abendgebet, das mit den Worten endet: ,,...and make Mr. Rochester polite to Madmoiselle. So she will stay with me for ever and ever". Diese Szene steigert zum einen zwar die Spannung des Zuschauers, diesen Mr. Rochester endlich zu sehen, soll aber wohl vor allem gefühlsmäßig ansprechen.

Die oben genannten Ausführungen haben deutlich gemacht, daß durch unter-schiedliche Veränderungen auf der Tiefenstruktur der Film eindeutig seine Betonung auf die Liebesgeschichte Jane und Rochester legt, insgesamt eine eher harmoni-sierende Tendenz aufweist und stark zum Sentimentalisieren neigt. Im folgendem soll untersucht werden wie diese spezifische Tiefenstruktur des Films durch seine Oberflächenstruktur ausgestaltet wird

2.2. Die Oberflächenstruktur des Films

2.2.1. Rollenbesetzung, Mimik, Maske und Kostüme

Bei der Besetzung der Hauptdarsteller wird auf zwei sehr bekannte Schauspieler zurückgegegriffen: Orson Welles als Edward Rochester und Joan Fontaine als Jane Eyre. Vor allem in Hinblick auf die Rezipienten der Erscheinungszeit des Films muß hierbei berücksichtigt werden, daß ihre Rollenbiographie, also das Wissen der Zuschauer um die Figuren, die sie in anderen Filmen bereits verkörpert haben, die Wahrnehmung und Beurteilung ihres Spiels beeinflussen. So mag die Tatsache, daß Joan Fontaine für die Rolle der Jane- Eyre doch zu hübsch erscheint - denn sie hat die regelmäßigen klassischen Gesichtszüge, die Jane-Eyre abgesprochen werden11 und ist auch keineswegs so zierlich, wie Jane uns im Roman erscheinen mag12 - noch dadurch unterstützt werden, daß sie auch in vorherigen Rollen meist die schöne Heldin spielte, so z. B. in Rebecca (1940 ), eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Daphne du Maurier, durch den die Schauspielerin einen hohen Bekantheitsgrad erwarb. Allerdings lassen kleine Abwandlungen in der Handlung des Films lassen darauf schließen, daß Jane Eyre hier zwar als einfache und bescheidene, jedoch durchaus aparte Figur gedacht ist. So wird nie eine Andeutung bezüglich ihrer mangelnden Schönheit gemacht, im Gegenteil: in der Szene, die Jane bei ihrer Reise nach Thornfield in einem Gasthof auf den Kutscher wartend zeigt, versucht ein Gast mit der durchaus damenhaft und gut gekleideten Jane zu flirten. Wahrscheinlich ist diese leichte Abänderung der Figur eine Reaktion auf den allgemeinen Publikumsgeschmack, weil man eher geneigt ist, mit einer schönen jungen Dame mitzufühlen und sich zu identifizieren. Die junge Jane, dargestellt von Peggy Ann Garner, kommt der Vorstellung, die das Buch vermittelt schon näher. Sie ist sehr klein und zierlich, hat dünnes Haar und ist ein eher unscheinbares Mädchen - vor allem im Vergleich mit Helen Burns, gespielt von Elizabeth Taylor.

Doch auch Orson Welles als Rochester ist durch seine früheren Rollen und seinen hohen Bekanntheitsgrad vorbelastet. Vor allem als Shakespeare-Darsteller von der Bühne, aber auch schon aus Filmen wie Citizien Kane bekannt, ist er für die Rolle des selbststbewußten, starken, etwas rüden Edward Rochester eine gute Besetzung. Seine tiefe sonore Stimme wirkt so plausibel wie sein Auftreten, doch scheinen auch seine Gesichtszüge für die Rolle des Rochesters etwas zu ebenmäßig. Der Roman beschreibt Rochester als sehr kantig und auf dem Portrait, das Jane von ihm malt, wird er gar als ,,an ugly man" 13 bezeichnet.

Stark von der literarischen Vorlage weicht das Kindermädchen Bessie ab. Diese wird im Buch als ein sehr hübsches, schlankes, temperamentvolles junges Mädchen beschrieben14. Wenn Jane sie später als junge Ehefrau wieder trifft, heiß es ,,Bessie had retained her quick temper as well as her light foot and good looks"15. Sara Allgood verkörpert Bessie in der Filmvision: eine korpulente, einfache, mütterlich wirkende Frau mittleren Alters, die nicht hübsch und eher schwerfällig als flink wirkt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch beim Wiedersehen mit der erwachsenen Jane. Jetzt hat Bessie graue Haare und ist eine alte Frau von mindestens 60 Jahren. Vielleicht soll diese Besetzung durch eine mütterlich wirkende Frau ihre liebevolle Beziehung zu der kleinen Jane Gewicht unterstreichen.

Die Schauspielerin, die Mrs. Fairfax verkörpert, bringt die Güte und distanzierte Freundlichkeit der Buchfigur sehr gut zum Ausdruck, doch wirkt die zierliche alte Frau schon fast etwas gebrechlich, was sich auch in ihren Bewegungen zeigt- und somit nicht so resolut und tatkräftig wie die Hausdame im Roman.

Auch Henry Daniel alias Mr. Brocklehurst entspicht mit seiner großen und schlanken Statur, dem kantigen Gesicht und den buschigen Augenbrauen der im Buch vorgegebenen ,,black pillar"16.

Hillary Brooke als Blanche Ingram verkörpert sicher das klassische Schönheitsideal: groß, blond, strahlende Augen und ebenmäßigen Gesichtszüge, jedoch wird diese klassische Erscheinung durch die Maske fast wieder etwas zurückgenommen, was später noch näher beleuchtet wird.

Natürlich wird im Film - wie auf der Bühne- durch Gestik und Mimik die Ebene der Sprache ergänzt. In der vorliegenden Verfilmung kommt diese non-verbale Kommunikation vor allem zum Einsatz, um die sich langsam entwickelnde, anfangs doch sehr subtile Zuneigung zwischen Jane und Rochester anzudeuten. Dies äußert sich z. B. in Blicken, körperlicher Nähe beim Gespräch usw., noch bevor erste verbale Anspielungen in diese Richtung gemacht werden. Repräsentativ für diesen non-verbalen Code im Film ist unter anderem die Sequenz, in der Rochester Jane zusichert, ihr eine neue Stelle zu suchen, wenn er heiratet. Als Jane den Raum verlassen hat, sieht man ihn einige Sekunden schmunzelnd in der Halbtotalen, womit also schon angedeutet wird, daß er die Heirat mit Blanche Ingram nur erfunden hat, um Jane eifersüchtig zu machen.

Auch Maske und Kostümierung untermalen die Figurencharakterisierung, wirken aber manchmal etwas übertrieben. Die puppenhafte Adele ist überladen mit Spitzen, Schleifchen und Rüschen. Mrs. Reed als wohlhabende und selbstgefällige Lady trägt ein sehr aufwendiges helles Kleid und eine kunstvolle Hochsteckfrisur, dazu einen Fächer. Einen solchen, aber viel kunstvolleren und größeren hat auch Lady Ingram, die mit Federn, Tüll und Spitzen sowie auffallendem Schmuck stets einheitlich in Weiß oder Schwarz herausgeputzt ist und deren -im Vergeich zu den übrigen Figuren übertriebenes Make- up- selbst in diesem Schwarz- Weiß- Film heraussticht. Diese pompöse Kostümierung unterstützt natürlich ihr affektiertes Auftreten, doch wirkt sie etwas übertrieben und erinnert eher an eine Barockdame als an eine Lady der viktorianischen Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist aber auch Janes Kleidung gar nicht so einfach und schlicht bzw. ,,Quaker - like"17 wie der Roman es impliziert. Jane hat Hut, Schal und Handschuhe, ihre Kleider haben teilweise -wenn auch dezente Rüschen und Schleifen- und sie trägt eine auch manchmal eine Bronche, wirkt also insgesamt zwar schlicht, aber edel gekleidet. Auffallend sind auch die Kostüme der Schülerinnen in Lowood. Im Roman wird von ,,wretched clothes"18 gesprochen. Doch die Tracht ist zwar sehr einfach, aber auch sauber und ordentlich, z. B. tragen die Mädchene blendend weiße Schürzen. Ansonsten wirken Maske und Kostümierung adäquat.

2.2.2. Handlungsraum, Szenerie und Licht

Wichtig sowohl für den Roman als auch den Film ist vor allem der umbaute Raum. Die Haupthandlungsräume des Romans Gateshead, Lowood, Thornfield, Moore House und Ferndean reduzieren sich im Film um die beiden letzten. Dabei entspicht die filmische Umsetzung sehr gut der Vorlage. Von Gateshead sieht man hauptsächlich den drawing room und zweimal eine Außenansicht des Hauses. Die Innen- und Außenarchitektur ist sehr hell, luxuriös und fast etwas überladen. Der drawing-room wirkt wie ein Ausstellungsraum, nahezu unbewohnt, was mit Janes Bezeichnung als ,,awful regions"19 im Buch korrespondiert. Wie schon unter 2.1.1. erwähnt wird der im der Vorlage am ausführlichsten beschriebene und für Janes Behandlung in Gateshead geradezu symbolische ,,red room" hier nicht erwähnt. Lowood, das im Roman eher allgemein und athmosphärisch als Ort der Kälte und Entbehrungen geschildert wird, erscheint im Film als baufälliges altes Häuschen, eher etwas klein für eine Schule. Die Inneneinrichtung ist minimal. Meist spielt sich das Geschehen in einem großen hallenartigen Raum mit maroden Holzbalken ab, der im Buch als solcher nicht erwähnt wird. Hier denunziert Mr. Brocklehurst Jane auf einem Stuhl stehend vor allen Schülerinnen und Lehrerinnen, und hier findet auch die schon oben erwähnte ärztliche Untersuchung und die Haarschneideszene statt.

Thornfield, das im Buch zunächst als sehr angenehm geschildert wird, wird in der Verfilmung gleich als verlassener, unheimlicher Ort eingeführt, untermalt durch Janes nächtliche Ankunft, bei der alles düster und gespenstisch unbewohnt wirkt. Von außen wirkt es mit seinen vielen Türmen und den baufälligen blanken Mauern fast wie ein Gespensterschloß. Die Innenarchitektur ist positiver, sehr stilvoll, aber antiquiert und nicht so luxuriös wie beispielsweise in Gateshead. Dafür wird z. B. durch viele Szenen am offenen Kamin usw. Behaglichkeit vermittelt.

Natur als Handlungsraum kommt hauptsächlich in der Umgebung von Thornfield und auf Janes Reisen zum Tragen. Wie auch schon im Roman wird sie hauptsächlich symbolisch eingesetzt, meist für Janes Gefühlszustand aber auch für die Beziehung zwischen ihr und Rochester. Die im Buch angedeutete romantische Mondsymbolik wird auch hier umgesetzt und unterstreicht vor allem Janes Spaziergänge mit Rochester. Das augenscheinigste Symbol, der Blitzeinschlag in den Kastanien-baum20, wird im Film übernommen, aber nur so kurz, daß die Spaltung und ihre Verweiskraft nicht so deutlich zum Ausdruck kommen. Andererseits unterstreicht das Wetter über das Maß der literarischen Vorlage hinaus psychische und zwischen-menschliche Vorgänge: Regen, Sturm, Gewitter, Schneefall paraphrasieren angedeutete Stimmungen. Vor allem durch einen starken Hell-Dunkel-Kontrast, den der Schwarz-Weiß-Film ermöglicht, werden diese teilweise bedrohlichen Wetterstimmungen ausgefeilt. Der Obstgarten in Thornfield, den Jane als ,,eden-like"21 bezeichnet, wird hier nur durch ein paar eher verwahrlost wirkende Laubbäume angedeutet. Der Garten um Thornfield wirkt hat fast wildromantischen Charakter und unterstützt die Atmosphäre des ,,verwunschenen Schlosses". Als Zentrum des Gespensterhaften wird bald in mehreren Sequenzen einer der Türme umschrieben, derjenige, welcher Bertha Rochester beherbergt. Wenn immer eine Gefahr von dieser Frau ausgeht, wird die Außenansicht dieses Turms eingeblendet: schwarz bis auf ein kleines Fenster, in dem Licht auffackelt, läßt er die von ihm ausgehende Gefahr vorherahnen.

2.2.3. Kinematographische Gestaltungstechniken

2.2.3.1 Kameraperspektive, -führung und Nähe - Distanz - Relation

Wechselnde Einstellungsgrößen und Perspektiven machen den Film an sich, seine Dynamik aus. Ein Verzicht auf Wechsel wird vom Rezipienten als nicht filmisch empfunden22. Generell ist durch die Wahl von Perspektive und Nähe-Distanz-Relation eine Haltung gegenüber dem Abgebildeten bzw. für den Zuschauer Sichtbaren ausgedrückt und impliziert somit eine Interpretation.

Wenn Thornfield als neuer Handlungsraum eingeführt wird, dann sieht man es in der Totale. Zur Totale wird außerdem bei der Darstellung von Naturszenerien gegriffen, die häufig, wie schon erwähnt, das Innenleben der Personen, vor allem Janes widerspiegeln, so z. B. bei dem Spaziergang Janes, auf dem sie ihre erste Bekannt-schaft mit Mr. Rochester macht, oder als sie nach Thornfield zurückkehrt und nur eine Ruine vor sich sieht. Typisch ist auch, daß die Retrospektive am Schluß des Films eine Naturaufnahme in Totale präsentiert. In weiter Entfernung geht das Paar spazieren. In dieser großen Distanz zu den Figuren spiegelt sich die Distanz des erzählenden Ichs wieder.

Wenn Figurenkonstellationen gezeigt werden, z. B. zwei Personen im Gespräch, so geschieht das meist in einem Medium Shot. Bei dieser Einstellung kann man die Reaktionen beider Gesprächspartner simultan sehen und es wird noch eine Aussage über die unmittelbare Umgebung ermöglicht. Eine solche Einstellung liegt beispielsweise in der Szene vor, in der Jane den verwundeten Mr. Mason pflegt. Man sieht beide Gesichter und noch die Tür im Hintergrund, hinter der sich Bertha befindet, und hinter der man in einer der folgenden Einstellungen ein Geräusch hört. Dieser Einstellung folgt ein Close-up. Als extreme Einschränkung der Sicht wird die Aufmerksamkeit auf ein Detail des vorherigen Bildausschnitts gelenkt. Man sieht die Tür bzw. den Riegel in Großaufnahme und erwartet, daß sie jeden Moment aufgeht. Das Close-up dient hier also zur Spannungssteigerung. Sehr oft werden Close-ups auch verwendet, um Gefühlszustände von Personen zu verdeut-lichen, hier beispielsweise bei der Ankunft Blanche Ingrams. Jane und Mrs. Fiarfax betrachten die Lady vom Fenster aus. Es folgt ein Close-up von Jane, in deren Mimik sich Verbitterung spiegelt.

Die Kameraperspektive weicht einige Male von der Normalsicht ab. Auffällig ist das z. B. , wenn Jane die Ruine von Thornfield Hall sieht und Mrs. Fairfax ihr erklärt, was geschehen ist. Sie erzählt davon, daß Bertha hoch oben auf den Zinnen gestanden habe, und man sieht in der nächsten Einstellung aus extremer Obersicht Mrs. Fairfax und Jane - es wird quasi die Sicht Berthas sugerriert. Dann berichtet Mrs. Fairfax weiter, daß Bertha gesprungen sei, woraufhin die nächste Einstellung eine extreme Untersicht auf den Turm ist. Hier wird also die Fallhöhe der Verunglückten eindrucksvoll nachvollzogen. Eine leichte Untersicht im Wechsel mit einer leichten Obersicht liegen bei der ersten Begegnug Janes mit Mr. Brocklehurst vor. Das zeichnet zum einen den körperlichen Größenunterschied der beiden nach, zeigt aber auch ein Machtverhältnis, die Unterlegenheit Janes bzw. die Überlegenheit Mr. Brocklehursts.

Auch durch spezielle Kameraführung werden besondere Effekte erzielt. Beispielsweise kann Spannungssteigerung erzielt werden, wie in folgendem Beispiel: Man sieht zunächst nur ein Beinpaar eine Treppe hinunter laufen. Jemand verläßt Thornfield Hall. Die Spannung wird gesteigert. Der Zuschauer möchte wissen, um wem es sich handelt. Da schwenkt die Kamera langsam nach oben und man erkennt das Gesicht Rochesters. Dies ist die Szene, in der er am Morgen nach dem Brandanschlag fluchtartig das Haus verläßt.

2.2.3.2. Montage und Mischung

Durch Schnitt und Monatge werden unterschiedliche Ansichten eines Objekts oder Ansichten verschiedener Objekte miteinander verbunden. So können dem Zuschauer Bedeutungen evoziert werden, die im tatsächlichem Abgebildeten keine Entsprechung haben. Der Rezipient bildet automatisch zwischen dem, was in zwei aufeinanderfolgenden Einstellungen zu sehen ist eine Brücke, stellt also einen Zusammenhang her.23

Die vorliegende Jane -Eyre- Verfilmung bedient sich meist der sogenannten decoupage clasique. Dieser Schnitt wird vom Zuschauer meist nicht bewußt wahrgenommen. Die Illusion des ununterbrochenen Geschehensflusses wird nicht gestört. An Stellen, an denen die Spannung gesteigert wird, werden viele kürzere Einstellungen an einander montiert. Das Geschehen gewinnt stark an Dynamik. Hier ist das beispielsweise der Fall, wenn der Mordanschlag Berthas auf Rochester und seine Rettung durch Jane umgesetzt wird. Entsprechende musikalische Untermalung paraphrasiert zudem diese Dynamik. Andererseits werden sehr lange Einstellungen aneinandergereiht, in denen sich das Objekt kaum verändert, wenn langsam verstreichende Zeit suggeriert werden soll, beispielsweise als Jane in Lowood zur Strafe auf einem Stuhl stehen muß. Die aufeinanderfolgenden Einstellungen unterscheiden sich nur durch unterschiedliche Perspektive und Schatten, die den sich verändernden Lichteinfall durchs Fenster, also die wandernde Sonne, umsetzen. Außerdem wird dies verstärkt, indem nicht die decoupage classique zum Einsatz kommt, sondern die Einstellungen weich ineinander übergeblendet werden. Für Dialogszenen wird zumeist das Schuß-Gegenschuß-Verfahren angewandt. Dies ist in fast allen wichtigen Dialogen zwischen Jane und Rochester der Fall. Durch die abwechselnde Darstellung der beiden Figuren in Nahaufnahme gewinnt der Zuschauer den Eindruck unmittelbar in den Dialog hineingezogen zu sein. Auch Mimik und Gestik der sprechenden Figur werden sehr deutlich. So kann man zum Beispiel die wachsende Zuneigung von Jane und Rochester auch an der Intensität ihrer Blicke beim Gespräch usw. ablesen.

2.2.4. Nicht-kinematographische Gestaltungstechniken

Nicht kinematographische Gestaltungstechniken, Sprache und Ton, vervollständigen, ergänzen und relativieren eventuell die Botschaft des Films und können ihm eine bstimmte Erzählperspektive verleihen. Der Film wird so von seiner visuellen Gebundenheit befreit.

2.2.4.1. On- und Off-Texte

Die Sprache als differenziertestes Verständigungsmittel des Menschen ermöglicht ein breites Spektrum von Mitteilungen und kann somit im Film oft vermitteln, was nicht visuell darstellbar ist oder aus Zeitgründen nicht dargestellt werden kann. Die On-Texte vervollständigen das Bild der Figuren durch Art der Stimme, emotionale Färbung und Sprechweise. In der vorliegenden Verfilmung wird das bildlich Dargestellte durchgehend durch die On-Texte unterstrichen, nicht etwa wie in modernen Filmen manchmal, relativiert. Die Charaktere werden fast pointiert herausgehoben. Janes Stimme ist zumeist klar, beherrscht, aber nachdrücklich. Ihre Artikulation ist klar und gepflegt, die Stimmlage angenehm, während z. B. Blanche Ingram sehr gekünstelt und überbetont spricht, und das mit einer stark alternierenden Sprachmelodie. Mr. Rochesters Stimme ist angenehm tief und bestimmt. Seine Launenhaftigkeit schlägt sich zuweilen aber auch im Tonfall nieder. Insgesamt unterstützen die On-Texte den Realitätseindruck. Den Schock der kleinen Jane als sie feststellt, das Helen ihr neben ihr liegt, erlebt der Zuschauer quasi mit als in die Stille der schlafenden Mädchen plötzlich ein greller Schrei des Entsetzens ertönt. Ein besonders interessantes Gestaltungsmittel liefern die Off-Texte, hier ausschließlich in der Gestalt von Janes Stimme. Ihre Hauptfunktion ist es, das erzählende Ich zu simulieren und so eine Transformation der Erzählsituation des Buches erst möglich zu machen. Das erlebende Ich, die bildlich dargestellte Jane, kann nämlich nicht gleichzeitig mit einem ebenfalls bildlich dargestellten erzählenden Ich umgesetzt werden. Betont wird diese Unterscheidung in erlebendes und erzählendes Ich noch dadurch, daß parallel zur Off-Stimme sehr häufig auf der Bildebene eine Buchpassage im Close-up, also lesbar, gezeigt wird. Gleichzeitig wird damit auch Mittelbarkeit hergestellt, weil der Rezipient sozusagen aus dem Sog des unmittelbar Geschehenden, herausgerissen wird, an Distanz gewinnt. Das erzählende Ich wird dabei allerdings viel häufiger zum Einsatz gebracht als in der Buchvorlage. Der Hauptgrund dafür ist wohl, daß die Handlung so ziemlich einfach gerafft werden bzw. Zeit gespart kann indem Geschehenes in wenigen Worten erklärt wird.

Die andere Funktion der Off-Stimme ist hier die eines inneren Monologs. Meist ist Jane dann mit unbewegten Gesicht zu sehen, wirkt nachdenklich. Der Zuschauer hat den Eindruck, sie bei ihren Gedanken zu belauschen.

Ein Sonderfall ist die Szene, in der Jane glaubt, Rochesters Stimme zu vernehmen. Dies ist das einzige mal, daß seine Stimme als Off-Text eingesetzt wird. Auch die Buchvorlage läßt ja offen, wie sich dieses Phänomen erklärt, es wird nicht eindeutig, ob es sich dabei lediglich um Janes innere Stimme handelt.

2.2.4.2. Ton und Musik

Ein tonloses Geschehen wirkt vollständig tot. Deshalb wird im Film eine akustische Atmosphäre erzeugt, der Wirklichkeitseindruck des Visuellen wird wesentlich gesteigert. Der Film macht sich zunutze, daß wir sensibel auf bestimmte Geräusche reagieren. So erzeugen z.B. abrupte und laut einsetzende Geräusche schockartige Wirkungen. Ein Beispiel in diesem Film ist der Donner, der den Blitzeinschlag im Kastanienbaum unterstreicht. Generell werden im Film häufig Naturgeräusche mit Beziehungskonstellationen zwischen den Figuren parallel geführt24, hier geschieht das aber viel häufiger durch Musikuntermalung,was typisch für die Entstehungszeit und vielleicht ein Relikt aus dem Stummfilm ist, der ja meist von einem LifeKlavierspiel begleitet vorgetragen wurde.

Die Musik tritt als selbständige Mitteilungsebene zu den Bildern. Das visuell gezeigte kann spezifisch interpretiert werden. Hier wird Musik, im Gegensatz zum modernen Spielfilm, ausschließlich asynchron eingesetzt, prägt also für den Zuschauer oft nicht bewußt das Geschehene. Meist wird das Visuelle durch Musik unterstützt, manchmal gewinnen auch neutrale Bilder durch Musikuntermalung erst ihre spezifische Bedeutung, im Film ist das zum Beispiel in der Szene sehr deutlich, als Jane einmal die Treppe zu dem Turmzimmer hinaufsteigt, in dem Bertha gefangen gehalten wird. Die Musik dazu wirkt fast gespenstisch. Tiefe Bässe unterstreichen die Bedrohung, das Unheil, das von diesem Zimmer ausgeht. Ein anderes Beispiel ist das Hochzeitszeremoniell. Auf der Bildebene ist in den ersten Einstellungen eine ganz gewöhnliche Hochzeit dargestellt. Doch die Musik ist disharmonisch und gruselig, ähnlich wie in der vorher genannten Szene, und deutet an, was bald enthüllt wird. Zuschauergefühle werden evoziert indem standardisierte musikalische Formen verwendet werden. So läßt sich auch die Ähnlichkeit der Musik der genannten Szenen erklären. Beide deuten auf Unheilvolles hin, und wie Helga de la Motte und Hans Emons25 herausgearbeitet haben wird drohende Gefahr, Angst und Unheil meist durch dissonante Intervalle und chromatisch sich verschiebende Figuren erzeugt, während Liebesszenen und Erfülltheit mit Streichmusik unterlegt werden. Im vorliegenden Film ist das ganz besonders bei Rochesters Liebeserklärung und Heiratsantrags der Fall, wobei die Musik bald durch disharmonische Bässe unterlegt wird, wodurch schon die Tragik dieser Verbindung vorausgedeutet wird. Generell ist die Filmmusik in ihrem Ausdruck hier meist so überdeutlich, daß der Zuschauer über sie einen Großteil an emotionaler Beteiligung erfährt. Oft dient Musik auch zur Spannungssteigerung. So wird z. B. Janes Fahrt nach Thornfield von immer dramatischer, lauterer und schneller werdender Musik begleitet, die die Spannung, ihr neues Umfeld zu sehen, unterstreicht.

Manchmal hat die Musik auch rein imitativen Charakter. So wird hier beispielsweise das Gewitter nach dem Heiratsantrag musikalisch simuliert. Vermutlich ist auch das ein Relikt aus der Stummfilmzeit.

Sehr interessant ist der Musikeinsatz in der Szene, in der man Jane am Morgen nach ihrer Ankunft friedlich im Bett schlummern sieht. Sonnenstrahlen fallen freundlich auf ihr Gesaicht. Es ertönt die lustig-beschwinte Musik einer Spieluhr. Die nächste Einstellung zeigt eine tatsächliche Spieluhr, die Adele mit einer tatsächlichen Spieluhr an Janes Bett. Die Musik unterstreicht also zum einen die erste Einstellung und dient gleichzeitig als Überleitung zur nächsten, indem sie deren Geräuschebene bereits vorwegnimmt.

3. Resumee

Generell läßt sich feststellen, daß die untersuchte Verfilmung des Romans Jane Eyre nur Teilaspekte der Textfassung umsetzt und sie spezifisch interpretiert. So liegt der Schwerpunkt des Films fast ausschließlich auf der Entwicklung der Liebesgeschichte zwischen Jane und Rochester, während Janes Lebenslauf und ihrer persönliche Entwicklung nur umrissen werden. Besonders deutlich wird das im Auslassen der gesamten Moore-House-Episode. Der Film neigt stark zum Sentimentalisieren, was wohl auf den Publikumsgeschmack zurückzuführen ist. Im Buch nicht vorkommende Elemente und hinzuerfundene Szenen tragen dazu bei. Manchmal werden in ihnen auch Zusammenhänge und Figurencharakteristika zusätzlich verdeutlicht. Ein weiterer Grund dafür könnte auch sein, daß der klassische Film im Gegensatz zum Roman nach einem dynamischen Handlungsablauf verlangt. Breite epische, handlungsarme Schilderungen können im Film nicht umgesetzt werden. Um den Zuschauer immer unmittelbar ins Geschehen miteinzubeziehen, muß durchgehend eine gewisse Spannung und Dynamik aufrecht erhalten werden. Auffällig an der vorliegenden Verfilmung ist auch eine allgemeine Tendenz zur Betonung, mitunter sogar Übertreibung. So sind die Charaktere als Prototypen herausgearbeitet und stark durch äußere wie innere Eigenschaften voneinander abgegrenzt. Maske und Kostümierung machen das noch eindringlicher. Ein sehr wichtiges Element ist in der Orson-Welles-Verfilmung auch die Filmmusik. Sie kommt fast ständig zum Einsatz, auch da wo natürliche Geräuschquellen ihre Funktion übernehmen könnten, z. B. zur der Imitation von Wetter oder galoppierenden Pferden. Die Musik ist hier ein wesentlicher Träger der Spannung, nur wenige Sequenzen des Films, z. B. Dialoge usw. sind ganz ohne Musikuntermalung. Als möglicher Grund dafür wurde bereits genannt, das diese des Musikeinsatzes vielleicht noch ein Relikt aus der Stumm-filmzeit ist. Gerade dieses Element ist aber auch wieder ein Gestaltungsmittel, dessen sich der Roman nicht bedienen kann und ist ein Beispiel für den Reichtum an Gestaltungsmitteln des Films und sein Potential, das er für die kreative Reproduktion des Romans liefert.

4. Bibliographie

4.1. Primärliterarur 1. Bronte, Charlotte, Jane Eyre (London 1996)

4.2. Sekundärliteratur

1. Hickethier Knut, Film und Fernsehanalyse, Sammlung Metzler, Band 277 (Stuttgart 1996)
2. Hurst, Matthias, Erzählsituationen in Literatur und Film (Tübingen 1996)
3. Kanzog, Klaus, Einführung in die Filmphilologie, Münchner Beiträge zur Filmphilologie, Band 4 (München 1997)
4. Paech, Joachim, Literatur und Film, Sammlung Metzler, Band 235(Stuttgart 1997)
5. Mundt, Michaela, Transformationsanalyse. Methodologische Probleme der Literaturverfilmung (Tübingen 1994)
6. De la Motte, Helga/ Emons, Hans, Filmmusik. Eine systematische Beschreibung (München 1980)
7. Schachtschnabel Gabi, Der Ambivalenzcharakter der Literaturverfilmung (Frankfurt am Main 1984)
8. Strautz, Evelyn, Probleme der Literaturverfilmung, Aufsätze zu Film und Fernsehen, Band 38 (Braunschweig 1996)

[...]


1 Kanzog, Klaus, Einführung in die Filmphilologie (München, 1997)

2 Hurst, Matthias, Erzählsituationen in Literatur und Film (Tübingen, 1996)

3 Bronte, Charlotte, Jane Eyre(London, 1996), S. 23

4 Ebd., S. 41

5 Ebd., S. 253

6 Ebd., S. 275

7 Ebd., S. S. 359 - 467

8 Ebd., S. 501

9 Ebd., S. 443

10 Ebd., S. 269

11 Ebd., S. 114

12 Ebd., S. 474

13 Ebd., S. 263

14 Ebd., S. 38

15 Ebd., S. 255

16 Ebd., S. 40

17 Ebd., S. 114

18 Ebd., S.97

19 Ebd., S. 24

20 Ebd., S. 309

21 Ebd., S. 279

22 Hickethier Knut, Film- und Fernsehanalyse (Stuttgart 1996), 56 ff

23 Ebd., S. 137 f

24 Ebd., S. 94

25 De la Motte Helga/ Emons Hans,Filmmusik. Eine systematische Beschreibung (München 1980), S. 140 ff

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Details

Titel
Charlotte Bronte`s Roman Jane Eyre und die gleichnamige Verfilmung von Orson Welles Robert Stevenson (1944)
Veranstaltung
Literaturverfilmung, Viktorianischer Roman; Hauptseminar: Austen - Dickens - Bronte. Ausgewählte Romane als Texte der kolonialen Metropole
Note
2+
Autor
Jahr
1998
Seiten
17
Katalognummer
V94701
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
im Bereich englische Literatur
Schlagworte
Charlotte, Bronte`s, Roman, Jane, Eyre, Verfilmung, Orson, Welles, Robert, Stevenson, Literaturverfilmung, Viktorianischer, Hauptseminar, Austen, Dickens, Bronte, Ausgewählte, Romane, Texte, Metropole
Arbeit zitieren
Barbara Schauer (Autor), 1998, Charlotte Bronte`s Roman Jane Eyre und die gleichnamige Verfilmung von Orson Welles Robert Stevenson (1944), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94701

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