Inventio und Dispositio in der klassischen Rhetorik


Hausarbeit, 2013

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Inventio:
2.1 Die Topik:
2.1.1 Einteilung der Topoi nach Cicero und Quintilian
2.1.2 Amplificatio
2.2 Argumentatio
2.3 Die Einteilung der Beweise
2.3.1 Künstliche Beweise (probationes artificiales) (Preuves dans-la-technique/pisteis entechnoi)
2.3.2 Natürliche Beweise (Probationes inartificiales/ Preuves hors-de-la-technique /pisteis atechnoi)

3. Dispositio
3.1 Die natürliche und die künstliche Ordnung (ordo naturalis/ordo artificialis)
3.2 Anordnungsschemata
3.2.1 Die zweigliedrige (antithetische) dispositio
3.2.2 Die drei-, vier-, fünf- und mehrgliedrige dispositio

5. Verbindungen von inventio, dispositio und elocutio
5.1 Inventio und dispositio
5.2 Inventio und elocutio
5.3 Dispositio und elocutio

5. Zusammenfassung/Schlußbemerkung:

6. Literaturverzeichnis

Thema: Inventio und Dispositio in der klassischen Rhetorik

Autor: Christopher Schulz

Einleitung:

Die Rhetorik, (lat. ars rhetorica nach gr. ( ). ist die Lehre von der Befähigung zur Rede oder Beredsamkeit und in Griechenland seit dem 5. Jh. v. Chr. bekannt (vgl. (Hess/Siebenmann 1989, 366). Wie aus der lateinischen Bezeichnung hervorgeht, wurde die Rhetorik einerseits als Kunst angesehen, gleichzeitig aber auch als ‘Fähigkeit, Fertigkeit’ ( ). Rhetorik wurde als ars bene dicendi (‘Kunst gut zu reden’) verstanden, wobei ‘Kunst’ sich sowohl aus angeborenen Fähigkeiten (ingenium) als auch aus technischer Fertigkeit. Aristoteles definiert die Rhetorik als „das Vermögen […], bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen.“ (Rhetorik I, 2.1)

„»Reden« im Sinne der Rhetorik bedeutet soviel wie »überreden«. »Rhetorisch« ist nur die auf praktische Wirkung, d. h. die auf Auslösung einer Handlung gerichtete Rede. Rhetorik dient weniger der Information als der Suggestion“ (Schlüter 1985, 22). Für Aristoteles (384-322 v. Chr.) ist sie ein Teilgebiet der Dialektik und gehört bis zu einem gewissen Maß dem Gemeingut an: Alle Menschen seien bis zu einem bestimmten Grad Rhetoren und Dialektiker, die die Auffassungen und Motive ihrer Mitmenschen zu analysieren und zu beeinflussen suchten, die bei verschiedenen Gelegenheiten ihren Standpunkt vertreten, sich verteidigen und andere anklagen. Da sich erkunden lasse, wodurch Reden überzeugend seien, müsse es nach Aristoteles möglich sein, eine Anleitung zum Verfassen ‘wirksamer’ Reden zu erstellen. Seine Rhetorik war eines der ersten Standardwerke, auf das sich viele spätere Rhetoriker, z. B. Cicero und Quintilian, beriefen (vgl. Eisenhut 1977, 3).

Nach Aristoteles besteht die techné rhétoriké aus fünf grundlegenden Operationen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese sollen nicht als Elemente einer Struktur, sondern als Akte einer fortschreitenden Strukturierung verstanden werden, wobei die ersten drei Operationen die wichtigsten sind. In der klassischen Rhetorik steht die inventio an der ersten Stelle des Aufgabenbereichs der Rhetorik, ihr folgen die Anordnung der Argumente (dispositio), ihre Ausformulierung (elocutio), das Auswendiglernen der Rede (memoria) und schließlich die Handlung des Vortragens (actio).

Die inventio wird von der nachfolgenden dispositio in der klassischen Rhetorik streng getrennt. Demnach dauert der Prozess der inventio an, bis der Sprecher alle zu verwendenden Argumente gefunden hat; erst danach folgt die dispositio zum Ordnen der anderen Teile der Rede. Diese strikte Abgrenzung zeugt nach R. Barthes von einer „obsession de classement“ (Barthes 1970, 195) insbesondere der post-aristotelischen Abhandlungen der Antike und wird heute in Frage gestellt: Nach Lausberg lassen inventio und dispositio sich nicht von vornherein trennen (vgl. Lausberg 1963 §43).

Diese Arbeit befasst sich mit inventio und dispositio als Kernbereiche der Rhetorik. Zunächst soll die inventio vorgestellt werden. Die folgenden Unterpunkte des Kapitels behandeln den für die inventio relevanten Bereich der Topik, wobei die antike Sichtweise anhand der Einteilungen nach Cicero und Quintilian wiedergegeben wird. Schließlich wird ein typischer ‚Einsatzbereich‘ der loci communes, die amplificatio, kurz angerissen.

Die argumentatio als Hauptteil der Rede und ursprünglichster Wirkungsbereich der inventio wird im folgenden Abschnitt thematisiert. Hier wird auch ein kurzer Überblick über die Einteilung in künstliche und natürliche Beweise (probationes artificiales/inartificiales) gegeben.

Das zweite größere Kapitel behandelt die dispositio. Die natürliche und die künstliche Ordnung (ordo naturalis/artificialis) werden beschrieben sowie die Anordnungsschemata der dispositio, ausgehend von der Grundform des zweigliedrigen (antithetischen) Aufbaus bis zur mehrgliedrigen dispositio. Im letzten Teil werden die Verbindungen von inventio, dispositio und elocutio aufgezeigt.

2. Inventio:

Die inventio wird in der klassischen Rhetorik definiert als die „Lehre von der Findung plausibler Argumente“ (KL 561), „l’établissement des « preuves »“ (Barthes, 195). Doch schon in der Antike wird inventio allgemeiner bezogen auf die „Findung von Stoffen und Inhalten in allen Teilen der Rede“ (KL 561). Bereits in der Antike fällt der Anwendungsbereich der Inventio nicht nur auf die argumentatio, den argumentativen Teil der Gerichtsrede, sondern auch auf die anderen Redeteile: „die Auffindung des Stoffes erstreckt sich auf sechs Teile der Rede: die Einleitung, die Darlegung des Sachverhaltes, die Gliederung des Stoffes, die Begründung, die Widerlegung, den Schluß“ (Rhetorica ad Herennium, übersetzt von T. Nüßlein.)

Im Mittelalter ist das Verständnis von der inventio noch weitläufiger; sie wird auf die Auffindung relevanter Gedanken in anderen, auch nicht-argumentativen Textgattungen bezogen, in denen sie der Materialfindung und -sammlung dient.

Heute versteht man unter inventio „das Auffinden der Gedanken und Möglichkeiten, die sich aus einem Thema bzw. aus einer Fragestellung entwickeln lassen“ (Ueding 1976, 196). Bei der Stofffindung geht man von der Annahme aus, dass jedes Ereignis/Geschehen ein „Konstrukt aus typischen Möglichkeiten“ (Göttert 1991, 26) ist. In jedem Einzelfall gibt es immer etwas Allgemeines, Typisches, das sich mit Vorhergegangenem vergleichen lässt. Beispielsweise gibt es bei einem Mord immer Täter, Opfer, einen Zeitpunkt und Ort der Handlung und Motive; das Einzigartige daran ist die jeweilige Zusammensetzung, die nicht immer offensichtlich ist. Die Kunst besteht nun darin, sie zu finden (vgl. Göttert 1991, 26). Dabei muß der Redner vor allem wissen, wo er zu suchen hat. Quintilian beschreibt dies sehr anschaulich: „Denn wie nicht in jedem Land alles gedeiht und man wohl Vögel oder Wild kaum auffinden wird, wenn man nicht weiß, wo sie gewöhnlich vorkommen und sich aufhalten, […] so kommt auch nicht jeder Beweis von jeder beliebigen Stelle, und man darf ihn deshalb nicht überall suchen“ (Quin, V 10, 21, Übersetzung von Helmut Rahn). Man könnte die Gedankenfindung auch als ein ‚Ans-Licht-Ziehen‘ oder als Auswickeln verstehen, wodurch klar wird, dass es immer um die Auffindung von etwas schon Vorhandenem geht, nicht um einen kreativen Vorgang einer Neuschöpfung (vgl. Göttert 1991, 27).

Die für die Rede verwendbaren Gedanken sind im Unter- oder Halbbewußtsein des Redners als copia rerum gespeichert und müssen durch Erinnerungstechniken gefunden und wachgehalten werden (vgl. Lausberg 1963, § 40). „L’ inventio renvoie moins à une invention (des arguments) qu’à une découverte : tout existe déjà, il faut seulement le retrouver : c’est une notion plus « extractive » que « créative » (Barthes 1970, 198). Inventio bedeutet also Finden durch Erinnerung (vgl. Lausberg 1963, § 40).

Der Begriff inventio findet sich erstmals in Ciceros Jugendwerk De inventione und wird dort folgendermaßen definiert: „Die Findungskunst besteht in der Ersinnung von wahren oder wahrscheinlichen Inhalten, die den eigenen Standpunkt plausibel machen.“ (KL 563).

Der erste Schritt zur Auffindung der Gedanken ist das Erkennen des Redegegenstandes (intellectio), womit das Erfassen, Verstehen und Beurteilen des mit der Thematik Zusammenhängenden gemeint sind (vgl. Ueding 1976, 196). Wichtige Voraussetzungen für die inventio können nicht von der Rhetorik vermittelt werden, sondern müssen nach Cicero im Redner selbst liegen; sie gehören zu dessen Naturanlage (natura) (vgl. Ueding 1976, 197). Dazu zählen: große Sachkenntnis, Redebegabung, Scharfsinn (acumen), Phantasie und Einbildungskraft (ingenium), geistige Beweglichkeit und Fleiß (diligentia), und nicht zuletzt ein kritisches Urteilsvermögen (iudicium) hinsichtlich der Qualität und Brauchbarkeit der Argumente. Eng damit verknüpft ist die Fähigkeit, die für einen bestimmten Redezusammenhang geeigneten (aptum) Argumente herauszusuchen (vgl. KL 562). Eine wichtige Überlegung des Sprechers muss sein, welche Reaktion er bei seinem Publikum hervorrufen und, gegebenenfalls, wovon er es überzeugen möchte. Nach Cicero sollen die in der inventio gefundenen Gedanken und Argumente den drei Überzeugungsmitteln docere, delectare und movere dienen (vgl. Ueding 1976, 196).

2.1 Die Topik:

Die Auffindung sinnvoller und passender Argumente erfolgt mit Hilfe der ó (Topoi/loci communes), wobei aus der ungeheuren Fülle denkbarer Argumente eine Auswahl getroffen werden soll. (KL 561) Zum Begriff des Topos gibt es laut L. Bornscheuer keine genaue historische Definition; auch bei Aristoteles bleibe die Beschreibung der topisch-dialektischen Methode ‚umrißhaft‘, und diese ‚Umrisshaftigkeit‘ bestehe noch heute (vgl. Bornscheuer, 206). Eggs hingegen sieht das Prinzip des Topos bei Aristoteles klar definiert; es ist verankert im enzyklopädischen Wissen jeder „communauté argumentative“ (Eggs 1994, 29): „les choses qu’on a vues de ses propres yeux ou qui sont, dans une communauté argumentative reconnues comme faits, constituent le savoir encyclopédique de cette communauté. Toutefois, Aristote appelle ce principe topos.“ (Eggs 1994, 29). Bei Aristoteles wird der Begriff des Topos als „allgemeiner Hauptgesichtspunkt dialektischer und rhetorischer Argumentation“ (Rhetorika II, 23,1) definiert.

Topoi bzw. loci communes sind wörtlich übersetzt Orte/Gemeinplätze. Quintilian greift die Definition der loci aus Ciceros <Topica> auf und beschreibt sie als „sedes argumentorum“ (Quint., V 10, 20), wobei man sich nach Lausberg in der Antike das Gedächtnis als „räumliches Ganzes“ vorstellte: „in dessen einzelnen Raumteilen […] die einzelnen Gedanken verteilt sind“ (Lausberg 1963, §40). Will man sich an Dinge erinnern, so genüge es, den Ort wiederzuerkennen, an dem sie sich befinden; „le lieu est donc l’élément d’une association d’idées, d’un conditionnement, d’un dressage, d’une mnémonique“ (Barthes, 206). In der Findungslehre (heúresis) sind sie wichtige Komponenten (KL 563). Diese Form der Argumentfindung geht auf Aristoteles zurück, der in seiner Topik ca. 300-400 Topoi auflistet. In seiner <Rhetorik> ist die Liste der Topoi auf 28 beschränkt. In der Antike und der Klassik entstehen mehrere Topiken, die entweder nach ähnlichen Plätzen oder Themen gruppiert sind (vgl. Barthes 1970, 209). Aristoteles unterscheidet zwischen allgemeinen und spezifischen Topoi:

Der allgemeine Topos ist ein wichtiger Bestandteil rhetorischer Schlußfolgerungen, er ist „un garant du passage des prémisses à la conclusion […] de toutes les prémisses, donc des prémisses génériques et singulières “ (Eggs 1994, 32).

Die spezifischen Topoi bringen das Typische und Generische zum Ausdruck. Eggs unterscheidet vier Subtypen:

1. Meinungen, absolute und graduelle Topoi, wie z. B. der des Mehr und Minder, der zur Untergruppe der graduellen Topoi gehört (vgl. Aristoteles II, 23.4; Eggs 1994, 38).
2. Typisierungen; beispielsweise die charakteristischen Verhaltensweisen und Neigungen, die jeweils die drei Altersgruppen des Menschen kennzeichnen (vgl. Eggs 1994, 30; 117). Diese Typisierungen stellen eine der wichtigsten Untergruppen dieser Topoi dar; sie werden auch zu den absoluten Topoi gezählt (vgl. Eggs 1994, 39).
3. Definitionen, z. B. „Le vin est une boisson fermentée obtenue par le jus de raisin“ (Eggs 1994, 117).
4. Einschätzungen, Beurteilungen; z. B. „Plus c’est loin, moins on a envie d’y aller“ (Eggs 1994, 117).

Spezifische Topoi beziehen sich immer auf etwas Konkretes, auf die Realität, „leur ensemble dans une communauté argumentative constitue le système d’hypothèses et de plausibilités de clle-ci.“ (Eggs 1994, 33). Darin unterscheiden sie sich von den allgemeinen Topoi „qui expriment des principes ou règles d’argumentation permettant de construire le savoir encyclopédique dans ce jeu complémentaire entre les modèles de réalité et les faits, avec des plausibilités plus ou moins grandes.“ (Eggs 1994, 33).

Eggs setzt die beiden Arten von Topoi miteinander in Beziehung: Die spezifischen Topoi erlauben, generische Prämissen zu formulieren, während die allgemeinen Topoi von diesen generischen Prämissen ausgehend den logischen Schluss ermöglichen (vgl. Eggs 1994, 32).

Eggs unterscheidet noch eine weitere Variante: „les topoi préférentiels“ ( Eggs 1994, 69. Sie basieren auf der ethisch-ästhetischen Argumentationsweise, d. h. sie setzen eine generelle Prämisse wertenden Charakters voraus. Außerdem wird ein allgemeiner Topos des modus ponens angewendet (vgl. Eggs 1994, 69). Schon Aristoteles erwähnt diese Form des Topos, doch ohne eindeutige Zuordnung: Er führt sie sowohl bei den spezifischen als auch bei den allgemeinen Topoi auf. Eggs nennt u. a. folgende Beispiel für präferenzielle Topoi:

– si une chose est utile en toute ou presque toute occasion, elle est préférable à une chose qui ne l’est qu’en certaines occasions
– si une chose A est plus rare qu’une chose B, A est préférable à B. (Eggs 1994, 117).)

Es ist plausibel, die ‚präferenziellen Topoi‘ als dritte Obergruppe neben die beiden anderen zu stellen, da es einen klaren Unterschied hinsichtlich des Funktions- und Wirkungsbereichs gibt: „Etant donné que ces derniers englobent en dernière instance toutes les pratiques sociales et communicatives de l’homme, on doit même dire que ces topoi préférentiels dirigent et légitiment les choix pratiques de l’homme dans toute leur étendue“ (Eggs 1994, 69). Demnach bringen sie das zum Ausdruck, was gemeinhin als ‚der gesunde Menschenverstand‘ bezeichnet wird.

Die Topik kann im aristotelischen Sinne als Methode bezeichnet werden, „celle qui « nous met en état, sur tout projet proposé, de fournir des conclusions tirées de raisons vraisemblables. »“ (Barthes 1970, 206). Daneben läßt sie sich auch als ‚Formennetz‘ („réseau de formes“) (Barthes 1970, 207) definieren. Barthes veranschaulicht diesen Ansatz wie folgt: „un sujet (quaestio) est donné à l‘orateur ; pour trouver des arguments, l’orateur « promène » son sujet le long d’une grille de formes vides : du contact du sujet et de chaque case (chaque « lieu ») de la grille (de la Topique) surgit une idée possible, une prémisse d’enthymème.“ Im 18. Jahrhundert entwickelt Lamy nach dem Vorbild antiker Topiken einen Katalog solcher Raster. Dazu gehören z. B. Gattung, Unterschied, Definition, Aufzählung der Teile, Etymologie, Konjugate (damit ist das Assoziationsfeld des Wortstamms gemeint), Vergleich, Abstoßung, Wirkungen und Ursachen (vgl. Barthes 1970, 207). Es gilt nun, den Redegegenstand mit jedem dieser ‚Raster‘ zu konfrontieren und dadurch die Topik als „accoucheuse de latent “ (Barthes 1970, 207) einzusetzen, die die verborgenen Argumente ans Licht holt.

Neben diesen genannten Definitionsmöglichkeiten von Topoi gibt es laut Barthes noch eine dritte: die Topik als „réserve“ (Barthes 1970, 207), als Speicher von Stereotypen und abgedroschenen Phrasen. Diese Bedeutung des Ausdrucks Gemeinplätze schwingt auch im lateinischen loci communes mit. An dieser Stelle muß betont werden, dass keine generelle begriffssystematische Unterscheidung des Topos- bzw. locus -Begriffs gegenüber dem Begriff locus communis existiert (vgl. Bornscheuer 1977, 207). Leere Formen, („formes vides“) (Barthes 1970, 207), die die topoi darstellen, lassen sich schnell mit immer den gleichen Inhalten füllen; sie werden zu „« morceaux » pleins que l’on place presque obligatoirement dans le traitement de tout sujet“ (Barthes 1970, 207). Diese „réification de la topique“ (Barthes 208) geht nicht auf Artistoteles zurück, sondern schon auf die Sophisten und gehörte im Mittelalter zum Allgemeingut. Zu diesen verdinglichten Plätzen gehörten im Mittelalter z. B.

1.) der Topos der affektierten Bescheidenheit: Jeder Redner muss behaupten, sein Redegegenstand erdrücke ihn, er sei nicht kompetent genug und dass er dies nicht aus Koketterie sage;
2.) Topos des puer senilis, das ‚magische Thema‘ des mit vollkommener Weisheit begabten Jünglings;
3.) Topus des locus amoenus, der idealen Landschaft;
4.) Die adunata (impossibilia): etwas Gegensätzliches wird plötzlich als vereinbar beschrieben, was als beunruhigendes Zeichen für eine ‚verkehrte Welt‘ gedeutet wird, beispielsweise bei Vergil der Wolf, der Schafe flieht (vgl. Barthes 1970, 208).

Topoi sind für sich genommen noch keine Argumente, die zwingend zu einer bestimmten Schlußfolgerung führen. Vielmehr lassen sich mit jedem Topos sehr unterschiedliche und sogar gegensätzliche Argumentationen aufbauen. Sie dienen der Allgemeinverständlichkeit und sind ‚vielseitig einsetzbar‘: je nach Art des Problems läßt sich jeder Topos, auch in beliebiger Verbindung mit anderen Topoi als Ausgangspunkt oder Stütze einer Argumentation verwenden (vgl. Bornscheuer 1977, 209). „Jeder Topos zeichnet sich daher durch eine erhebliche Allgemeinheit und Unbestimmtheit aus, die zugleich seine Interpretationsfähigkeit und seine Interpretationsbedürftigkeit ausmacht“ (vgl. Bornscheuer 1977, 209). Topoi fußen auf Alltagsbeobachtungen und ermöglichen es dem Redner, an die Vorstellungen seiner Zuhörer anzuknüpfen und die Basis einer gemeinsamen Welt herzustellen (vgl. Göttert 89).

Die Lehre von der inventio ist im Grunde genommen vor allem eine Lehre vom Finden typischer Argumente, die man sich zur Erhärtung einer These zunutze macht, weshalb man sie als topische inventio bezeichnen könnte (vgl. Göttert 1991, 35). Die Topik als „systematisierte Lehre von den Fundstätten der Beweise“ (Ueding 1976, 197) fällt in den Bereich der Kunst (ars); sie kann nur dem Redner nützen, „der in den Sachen bewandert ist, entweder durch eigene Erfahrung […] oder durch Hören und Nachdenken, […] Eifer und Fleiß“ (Cicero zitiert in Ueding 1976, 197).

2.1.1 Einteilung der Topoi nach Cicero und Quintilian

Auch Cicero arbeitet mit loci communes und bietet in <De inventione> neben einer sehr situationsspezifischen Auswahl auch eine Liste argumentativer loci an, die sich in personenbezogene und sachbezogene loci unterteilen lassen. Hier werden Topoi als Suchformeln für das Auffinden von Beweisgründen angesehen, die auf den Gattungsbegriff und das allgemeine Wesen der Sache zurückführen (vgl. Cicero zitiert in Ueding 1976, 198). Sie erlauben es, im Detail nach den verschiedenen Aspekten und Umständen zu fragen, die eine Situation oder einen Sachverhalt begründen, wie z. B. Personen, Sachen, Ort, Zeit, Anlaß, Ursachen, Ziele, Hilfsmittel, Begleitumstände und Folgen (vgl. KL 565). Eine ähnliche Einteilung findet man auch bei Quintilian, der ebenfalls seine Hauptdifferenzierung nach loci a persona und loci a re vornimmt:

Denn es gibt keine Untersuchung, die es nicht entweder mit einer Sache zu tun hat oder mit einer Person; […] und so können auch Beweise nur bei Vorgängen ihre Stelle finden, die Sachen oder Personen betreffen“ (Quin., V 8, 4-5, Übersetzung von Helmut Rahn, S. 541).

Im Gegensatz zu Quintilian hält Cicero die Anzahl der möglichen Fundstellen für begrenzt, weil jeder Einzelfall sich in einem allgemeinen wiederfinden läßt. Quintilian argumentiert jedoch, dass es nicht genüge, Beweise „nur gattungsweise weiterzugeben, da aus jeder beliebigen Stelle eine unzählbare Fülle von Beweisen entspringt“ (Quin, V, 10, 100, Übersetzung von H. Rahn). Aus diesem Grund ist eine vollständige Klassifikation unmöglich, zumal ja die meisten Beweisformen sich nur so, im ganzen Gefüge der Fälle verflochten, finden lassen, dass sie mit gar keinem anderen Rechtsstreit gemeinsam sind und dieses gar die durchschlagendsten und am wenigsten geläufigen Beweise sind, weil wir das, was allgemein gilt, aus den Regeln gelernt haben, das Eigentümliche aber im Einzelfall selbst finden müssen. ( Quin, V, 10, 103, Übersetzung von H. Rahn).

[...]

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Details

Titel
Inventio und Dispositio in der klassischen Rhetorik
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V947125
ISBN (eBook)
9783346285638
ISBN (Buch)
9783346285645
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Inventio, Dispositio, Rhetorik, Reden, Rhetoriktheorie
Arbeit zitieren
Christopher Schulz (Autor:in), 2013, Inventio und Dispositio in der klassischen Rhetorik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947125

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