Diese Arbeit befasst sich mit inventio und dispositio als Kernbereiche der Rhetorik. Zunächst soll die inventio vorgestellt werden. Die folgenden Unterpunkte des Kapitels behandeln den für die inventio relevanten Bereich der Topik, wobei die antike Sichtweise anhand der Einteilungen nach Cicero und Quintilian wiedergegeben wird. Schließlich wird ein typischer Einsatzbereich der loci communes, die amplificatio, kurz angerissen.
Die argumentatio als Hauptteil der Rede und ursprünglichster Wirkungsbereich der inventio wird im folgenden Abschnitt thematisiert. Hier wird auch ein kurzer Überblick über die Einteilung in künstliche und natürliche Beweise (probationes artificiales/inartificiales) gegeben.
Das zweite größere Kapitel behandelt die dispositio. Die natürliche und die künstliche Ordnung (ordo naturalis/artificialis) werden beschrieben sowie die Anordnungsschemata der dispositio, ausgehend von der Grundform des zweigliedrigen (antithetischen) Aufbaus bis zur mehrgliedrigen dispositio. Im letzten Teil werden die Verbindungen von inventio, dispositio und elocutio aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung:
2. Inventio:
2.1 Die Topik:
2.1.1 Einteilung der Topoi nach Cicero und Quintilian
2.1.2 Amplificatio
2.2 Argumentatio
2.3 Die Einteilung der Beweise
2.3.1 Künstliche Beweise (probationes artificiales)
2.3.2 Natürliche Beweise (Probationes inartificiales/
3. Dispositio
3.1 Die natürliche und die künstliche Ordnung
(ordo naturalis/ordo artificialis)
3.2 Anordnungsschemata
3.2.1 Die zweigliedrige (antithetische) dispositio
3.2.2 Die drei-, vier-, fünf- und mehrgliedrige dispositio
4. Verbindungen von inventio, dispositio und elocutio
4.1 Inventio und dispositio
4.2 Inventio und elocutio
4.3 Dispositio und elocutio
5. Zusammenfassung/Schlußbemerkung:
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Kernbereiche der klassischen Rhetorik, speziell die inventio als Findungsprozess für Argumente und die dispositio als Strukturierungsprinzip einer Rede. Ziel ist es, die antiken Konzepte zu erläutern, ihre enge Verflechtung darzustellen und die moderne wissenschaftliche Einordnung dieser Rhetorik-Operationen zu beleuchten.
- Methodische Grundlagen der inventio und Topik
- Einteilung der Beweise in natürliche und künstliche Formen
- Strukturierungsprinzipien der dispositio (natürliche vs. künstliche Ordnung)
- Verbindungen und Interdependenzen zwischen inventio, dispositio und elocutio
- Historische Einordnung und Rezeption rhetorischer Lehren
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Topik:
Die Auffindung sinnvoller und passender Argumente erfolgt mit Hilfe der ó (Topoi/loci communes), wobei aus der ungeheuren Fülle denkbarer Argumente eine Auswahl getroffen werden soll. (KL 561) Zum Begriff des Topos gibt es laut L. Bornscheuer keine genaue historische Definition; auch bei Aristoteles bleibe die Beschreibung der topisch-dialektischen Methode ‚umrißhaft‘, und diese ‚Umrisshaftigkeit‘ bestehe noch heute (vgl. Bornscheuer, 206). Eggs hingegen sieht das Prinzip des Topos bei Aristoteles klar definiert; es ist verankert im enzyklopädischen Wissen jeder „communauté argumentative“ (Eggs 1994, 29): „les choses qu’on a vues de ses propres yeux ou qui sont, dans une communauté argumentative reconnues comme faits, constituent le savoir encyclopédique de cette communauté. Toutefois, Aristote appelle ce principe topos.“ (Eggs 1994, 29). Bei Aristoteles wird der Begriff des Topos als „allgemeiner Hauptgesichtspunkt dialektischer und rhetorischer Argumentation“ (Rhetorika II, 23,1) definiert.
Topoi bzw. loci communes sind wörtlich übersetzt Orte/Gemeinplätze. Quintilian greift die Definition der loci aus Ciceros <Topica> auf und beschreibt sie als „sedes argumentorum“ (Quint., V 10, 20), wobei man sich nach Lausberg in der Antike das Gedächtnis als „räumliches Ganzes“ vorstellte: „in dessen einzelnen Raumteilen […] die einzelnen Gedanken verteilt sind“ (Lausberg 1963, §40). Will man sich an Dinge erinnern, so genüge es, den Ort wiederzuerkennen, an dem sie sich befinden; „le lieu est donc l’élément d’une association d’idées, d’un conditionnement, d’un dressage, d’une mnémonique“ (Barthes, 206). In der Findungslehre (heúresis) sind sie wichtige Komponenten (KL 563). Diese Form der Argumentfindung geht auf Aristoteles zurück, der in seiner Topik ca. 300-400 Topoi auflistet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Rhetorik wird als Lehre von der Befähigung zur Rede definiert, wobei die inventio und dispositio als zentrale Akte einer fortschreitenden Strukturierung hervorgehoben werden.
2. Inventio: Dieses Kapitel behandelt die „Lehre von der Findung plausibler Argumente“ und untersucht die verschiedenen Ansätze der antiken Rhetorik zur Stofffindung.
2.1 Die Topik: Hier werden die Topoi als Suchformeln für Argumente analysiert und die Unterschiede zwischen allgemeinen und spezifischen Topoi nach Cicero und Quintilian dargelegt.
2.1.1 Einteilung der Topoi nach Cicero und Quintilian: Diese Unterkapitel detailliert die Kategorisierung der loci in personen- und sachbezogene Fundstellen.
2.1.2 Amplificatio: Es wird die Technik der Ausschmückung und Erweiterung eines Gegenstands zur Wirkungssteigerung der Argumentation beschrieben.
2.2 Argumentatio: Der Hauptteil der Rede wird als Ort der Beweisführung analysiert, wobei besonders das Enthymem als verkürzter Syllogismus im Fokus steht.
2.3 Die Einteilung der Beweise: Das Kapitel differenziert zwischen den Beweisarten und ihrer rhetorischen Funktion bei der Überzeugungsarbeit.
2.3.1 Künstliche Beweise (probationes artificiales): Fokus auf die technischen Beweismittel, die der Redner selbst durch Argumentation generiert.
2.3.2 Natürliche Beweise (Probationes inartificiales/): Behandlung der bereits vorgegebenen Fakten wie Zeugnisse oder Verträge.
3. Dispositio: Die Aufgabe der intentionalen Gewichtung und Anordnung von Argumenten zur Erreichung der Redeabsicht wird erläutert.
3.1 Die natürliche und die künstliche Ordnung (ordo naturalis/ordo artificialis): Analyse der beiden Ordnungsprinzipien, die entweder der Sachlogik folgen oder strategisch vom Redner konstruiert werden.
3.2 Anordnungsschemata: Beschreibung verschiedener Modelle für den Aufbau einer Rede, vom zweigliedrigen Kontrast bis zur mehrgliedrigen Struktur.
3.2.1 Die zweigliedrige (antithetische) dispositio: Untersuchung der polarisierenden Anordnung, die auf Spannung und Effekt setzt.
3.2.2 Die drei-, vier-, fünf- und mehrgliedrige dispositio: Erläuterung der verschiedenen stofflichen Gliederungsmöglichkeiten für komplexe Reden.
4. Verbindungen von inventio, dispositio und elocutio: Darstellung der engen Wechselwirkungen zwischen den rhetorischen Arbeitsphasen bei der Vorbereitung einer Rede.
4.1 Inventio und dispositio: Erörterung der fließenden Übergänge zwischen der Argumentfindung und ihrer anschließenden Anordnung.
4.2 Inventio und elocutio: Betrachtung der Verbindung von Inhalt (Argumenten) und sprachlicher Ausgestaltung.
4.3 Dispositio und elocutio: Untersuchung, wie die Anordnung den sprachlichen Ausdruck und die Struktur des Diskurses beeinflusst.
5. Zusammenfassung/Schlußbemerkung: Ein Resümee der rhetorischen Bearbeitung und ihrer historischen Tradition bis in das 18. Jahrhundert.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen zur rhetorischen Theorie.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Inventio, Dispositio, Elocutio, Topik, Argumentatio, Topoi, Beweise, Ordo naturalis, Ordo artificialis, Enthymem, loci communes, Rhetorische Operationen, Überzeugungsmittel, Redestruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der klassischen Rhetorik, insbesondere mit den zwei zentralen Arbeitsschritten inventio (Stofffindung) und dispositio (Anordnung), und untersucht deren theoretische Grundlagen sowie praktische Anwendung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Lehre von der Argumentfindung durch Topoi, die Klassifizierung von Beweismitteln, die unterschiedlichen Ordnungsprinzipien einer Rede sowie die Verknüpfung dieser Teilbereiche innerhalb der klassischen Rhetorik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein tiefgreifendes Verständnis für die antiken rhetorischen Kernbereiche zu vermitteln und aufzuzeigen, wie Stofffindung und Anordnung methodisch zusammenwirken, um eine wirksame Rede zu konzipieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologisch-theoretische Analyse, die auf antiken Standardwerken (wie von Aristoteles, Cicero und Quintilian) sowie moderner rhetorischer Forschung (wie von Barthes, Lausberg und Ueding) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der inventio (einschließlich der Topik), der dispositio mit ihren verschiedenen Anordnungsschemata sowie eine Untersuchung der Interdependenzen zwischen diesen Phasen und der elocutio.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind inventio, dispositio, Topik, Topoi, ordo naturalis/artificialis, Enthymem, Beweisführung und loci communes.
Wie unterscheidet sich die inventio von der dispositio?
Während die inventio den Prozess der Auffindung von Argumenten und Inhalten beschreibt, befasst sich die dispositio mit der anschließenden, zielgerichteten Strukturierung und Anordnung dieses Materials innerhalb der Rede.
Warum sind Topoi keine fertigen Argumente?
Topoi sind lediglich „Orte“ oder Suchformeln, die als abstraktes Gerüst dienen. Erst durch ihre Anwendung auf einen konkreten Einzelfall entstehen daraus spezifische, inhaltliche Argumente.
Was besagt die Unterscheidung von ordo naturalis und ordo artificialis?
Der ordo naturalis folgt einer logischen oder chronologischen Normallage, während der ordo artificialis bewusst davon abweicht, um durch eine strategische Anordnung der Argumente eine stärkere Wirkung auf das Publikum zu erzielen.
- Arbeit zitieren
- Christopher Schulz (Autor:in), 2013, Inventio und Dispositio in der klassischen Rhetorik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947125