Barrieren im Gesundheitswesen für Menschen mit Migrationshintergrund. Modelle und Konzepte zur Ermöglichung einer Integration


Bachelorarbeit, 2020

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Problemdarstellung

Fragestellung und Ziel

1. Theoretischer Bezugsrahmen
1.1 Migration in Deutschland
1.2 Migration und Gesundheit
1.2.1 Die gesundheitliche Lage
1.2.2 Determinanten gegen die Integration ins Gesundheitswesen
1.3 Modelle und Konzepte

2. Methode

3. Ergebnisse

4. Diskussion
4.1 Interventionsvorschläge für Menschen mit Migrationshintergrund
4.2 Interventionsvorschläge für das Personal und die Institutionen im Gesundheitswesen
4.3 Weitere Interventionsvorschläge

5. Fazit

6. Reflexion

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

"We build too many walls and not enough bridges." - Isaac Newton Als Isaac Newton diesen bekannten Satz gesagt hatte, meinte er sicherlich nicht das Wohl der Migranten, dennoch ist die Aussage in diesem Kontext ziemlich zutreffend. Unterschiedliche Kulturen und Erfahrungen der Menschen fungieren oft als Hindernisse und Wände in der sozialen Kommunikation der Individuen. Im Zuge einer pluralistischen Gesellschaft muss das deutsche Gesundheitssystem unbedingt in der Lage sein, auch mit der gesellschaftlichen Vielfalt in Krankenhäuser und Praxen umzugehen. Die aus der Untersuchung gewonnen Erkenntnisse kann dem Gesundheitswesen dabei helfen, den Umgang mit Barrieren neu zu gestalten. Die Förderung des reflektierten Umgangs mit unterschiedlichen Werthaltungen, der Beziehungsgestaltung und interkulturellen Handlungskompetenz sind entscheidend und stellen Herausforderungen des gesamten Gesundheitswesens dar. Angesicht dieser Tatsache beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit den Menschen mit Migrationshintergrund und die Schaffung einer Integration ins Gesundheitswesen. Die Arbeit umfasst 6 Kapiteln. Zunächst wird der theoretische Bezugsrahmen beschrieben. Es werden zunächst die geschichtliche Migration in Deutschland dargestellt anschließend wird der Begriff Menschen mit Migrationshintergrund erläutert. Danach wird die Thematik Migration und Gesundheit vorgestellt. Nach dem theoretischen Bezugsrahmen wird die die Methode erläutert. Für die vorliegende Arbeit wurde eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Die aus der Methodik gewonnene Ergebnisse werden anschließend diskutiert und es folgt ein Fazit. Die Arbeit wird mit einer Reflexion abgeschlossen.

Problemdarstellung

Im Jahr 2019 lebten in Deutschland, laut dem statistischen Bundesamt, mit insgesamt 26,0 % der Bevölkerung 21,2 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt 2020). Im Vergleich zu autochthone Bevölkerung nehmen Menschen mit Migrationshintergrund Leistungen in der Gesundheitsversorgung geringer in Anspruch. Beispielsweise weisen die KIGGS-Daten der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey, welche bis 2006 den Gesundheitszustand von Kindern und Jugendlichen im Alter von 11- 17 Jahren untersuchten, eine geringere Inanspruchnahme der Grundimmunisierung wie z.B. gegen Tetanus und Diphterie auf (Bredehorst et al. 2008, 87). Neben der geringe Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen werden Fehlversorgungen wie Über- und Unterversorgung erfasst. Eine Form der Überversorgung ist die häufige Inanspruchnahme der Notfallambulanz. Die Studie von Kietzmann et al. beschreibt, dass Menschen mit Migrationshintergrund häufiger die Notfallambulanz aufsuchen wie die autochthone Bevölkerung. Gründe dafür sind Fehleinschätzung der Notsituation und Unsicherheiten (Kietzmann et al. 2017, 97). Die Migration wird als Risikofaktor für die Gesundheit wahrgenommen. Die Schwere der Migration und Flucht, die Diskriminierungserfahrungen sowie Sprachbarrieren können Gründe dafür sein (Dyck et al., 2019, 935). Diese Faktoren erschweren den Zugang zu Gesundheitsversorgung und führen zur einer ungleichen Chance für Menschen mit Migrationshintergrund (Dyck et al., 2019, 935).

Fragestellung und Ziel

In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, welche Modelle und Konzepte benötigt werden, um für Menschen mit Migrationshintergrund eine Integration ins Gesundheitswesen zu ermöglichen. Ziel der Arbeit ist die Darstellung von Modellen und Konzepten, welche eine Integration ins Gesundheitswesen ermöglichen.

1. Theoretischer Bezugsrahmen

1.1 Migration in Deutschland

Migration ist ein weltweit geschehenes Ereignis. Seit dem 2. Weltkrieg erhöhen sich in der gesamten Welt die Migrationsbewegungen stetig. Der Begriff Migration stammt vom lateinischen Wort „migratio“ ab und bedeutet Wanderung. In der Sozialwissenschaft versteht man unter dem Begriff die Wanderung von Personen und Personengruppen im Raum mit einem dauerhaften Wohnortwechsel (Han 2010, 5 f.). Eine Definition vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, besagt: "Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt.“(BAMF 2006, 12). Diese Definition ähnelt sehr dem sozialwissenschaftlichen Verständnis. In der Menschheitsgeschichte gibt es zahlreiche Migrationsformen, wie Arbeitsmigration, Entsendung, Sklaven- und Menschenhandel. Unter Entsendung versteht man eine temporäre Überschreitung der Grenzen im Auftrag einer Organisation bzw. eines Unternehmens, dazu können Soldaten, Missionaren und Beamten gehören. In Deutschland gehörten die Siedlungswanderung, Arbeitswanderung und Zwangswanderung zu den prägendsten Formen der Migration (Oltmer 2013, 31). Unter Siedlungsmigration versteht man die Wanderung zum Erwerb von Grundstück zur landwirtschaftliche Zwecke. In der Deutschen Geschichte sind seit 1950 über fünf Millionen Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert. Nach dem zweiten Weltkrieg lebten ungefähr vier Millionen Deutsche im Osten Europas, in der ehemaligen Sowjetunion, Tschechoslowakei, Rumänien und Polen. Nach den Grundgesetz wurden sie als „deutsche Volkszugehörige“ bezeichnet, dies ermöglichte Ihnen als Spätaussiedler die Einwanderung nach Deutschland mit den Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit sowie Unterstützung zur Integration (Schneider 2005). Petrus Han beschreibt Arbeitsmigration in seinem Werk „Soziologie der Migration“ als eine grenzüberschreitende Wanderung von Arbeitskräften, welche durch die wirtschaftliche Nachfrage bestimmt ist (Han 2010, 74). Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte die Bundesrepublik einen unerwarteten großen Aufschwung der Wirtschaft, welche als „Wirtschaftswunderzeit“ beschrieben wurde. Dies führte zu einer wirtschaftlichen Nachfrage an Arbeitskräften im Arbeitsmarkt. Im Zuge dieser erhöhten Nachfrage wurde im Jahre 1955 der erste Anwerbeankommen mit Italien abgeschlossen. Danach folgten der Abkommen mit Spanien und Griechenland im Jahre 1960, mit der Türkei im Jahre 1961, mit Portugal im Jahre 1964,mit dem ehemaligen Jugoslawien im Jahre 1967und mit Polen im Jahre 1970. Polen hat mit Deutschland eine lange Geschichte der Migration bereits vor 1970. Im Zuge der Arbeitsmigration wuchs die Vielfalt und Pluralität (Meier-Braun, Weber 2013). Auch in heutiger Zeit ist die Arbeitsmigration unabdingbar. Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat verkündete das in Kraft treten des Fachkräfteeinwanderungsgesetz zum 01.März 2020, welche die Migration für Fachkräfte ermöglichen und den Fachkräftemangel in Deutschland entgegensetzten soll (BMI 2020). Zwangswanderung beschreibt die Migration aufgrund von Krieg, Bürgerkrieg und aufgrund der Gegebenheiten durch diktatorische Regierungen, welche die Freiheit der Bevölkerung einschränkt. Diese Furcht vor Gewalt und Tötung, sowie Bedrohung aufgrund der religiösen, politischen, sexuellen Orientierung nötigen seit Jahrhunderten zahlreiche Menschen zur Flucht (Oltmer 2013, 33 f.). In der deutschen Geschichte nahm die Zwangswanderung nach Deutschland ab 1980 an Bedeutung. Der Militärputsch in der Türkei führte dazu, dass die Zahl der Asylsuchenden auf 100.000 Menschen anstieg. Bis 1991 nahm die Anzahl an Asylsuchenden stetig zu und erreichte im Jahr 1992 eine Höchstzahl von 438.000, dies entsprach 2/3 aller Asylbewerber in Europa. die Anzahl an Asylbewerber nahm jährlich ab bis im Jahre 2016 mit 745.545. Die Fluchtmigration ist bis heute nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit ein bedeutsames Anliegen (Feld et al., 2017). Im Zuge des Zuwanderungsgesetz, welche die Zuwanderung steuert und regelt und eine Integration schaffen soll, und des Mikrozensus im Jahre 2005, eine statistische Erhebung, welche genauestens die Bevölkerung in Deutschland erfasste, wird Deutschland als Einwanderungsland bezeichnet (Meier-Braun 2013, 18 f.).

Menschen mit Migrationshintergrund Das statistische Bundesamt führte im Jahre 2005 im Zuge des Mikrozensus den Begriff Migrationshintergrund ein. Es definiert den Begriff: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“ (Statistische Bundesamt 2020). Migrationshintergrund wird im engeren und im weiteren Sinne aufgefasst. Im engeren Sinne gehören zu den Menschen mit Migrationshintergrund, Ausländer, Deutsche mit Migrationshintergrund und nicht zugewanderte Deutsche mit Migrationshintergrund. Zu Deutsche mit Migrationshintergrund gehören Spätaussiedler und Eingebürgerte mit Migrationserfahrungen. Zu nicht zugewanderte Deutsche mit Migrationshintergrund Ausländer, Kinder von Spätaussiedler, Kinder eingebürgerten Deutschen mit Migrationserfahrungen, Kinder mit einseitigen Migrationshintergrund, die in Deutschland geboren sind. Im weiteren Sinne gehören zu den Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland geborene Deutsche mit Migrationshintergrund, welche nicht im Elternhaus leben (Meier-Braun 2013, 235 ff.). 21,2 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund lebten im Jahr 2019 in Deutschland. Zu größten Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund zählen mit rund 2,8 Millionen Personen mit türkischer Herkunft, danach folgt Polen mit 2,2 Millionen Menschen und die Russische Föderation mit 1,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt, 2020).

1.2 Migration und Gesundheit

Das Robert-Koch-Institut veröffentlichte erstmalig im Jahre 2008 eine Gesundheitsberichterstattung zur gesundheitlichen Lage und Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund. In der deutschen Gesundheitsversorgung nehmen Menschen mit Migrationshintergrund eine zunehmend wichtige Rolle ein, zum einem wegen der Gefahr von Gesundheitsrisiken sowie die Zunahme an jüngeren und älteren Menschen mit Migrationshintergrund. Zum Zeitpunkt der Zuwanderung, besonders bei der Arbeitszuwanderung, war keine permanente Einwanderung, sondern nur eine temporären Aufenthalt geplant. In der Gesundheits- und Versorgungsforschung kann keine einheitliche Aussage über die gesundheitlichen Lage und Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund getroffen werden, da sie aufgrund von unterschiedlichen Herkunftsländern, Alter und Lebenserfahrungen eine heterogene Gruppe darstellen (Dyck et al. 2019, 936). Der Schwerpunktbericht des Robert-Koch-Instituts ermöglicht eine Fokussierung des gesundheitlichen Bedürfnisse und Bedarfe von Menschen mit Migrationshintergrund im Hinblick auf die existierenden Barrieren wie Sprache und Kultur, mangelnde Nutzung von Gesundheitsleistungen sowie institutionelle Bedingungen (Bredehorst, et al., 2008, 7ff.). Diese Arbeit zielt auf die Förderung einer gleichen Inanspruchnahme von Leistungen im Gesundheitssystem für Menschen mit Migrationshintergrund. Obwohl Asylsuchende zur Personen mit Migrationshintergrund gehören, werden sie in dieses Arbeit nicht erfasst, da nach Paragraph 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes Asylsuchende Behandlungen bei akuter Erkrankung und Schmerz, sowie Medikamente und Gesundheitsleistungen zur Linderung von Krankheiten in Anspruch genommen werden können (AsylbLG o. J). Dieses Begrenzung der Inanspruchnahme ermöglicht keine Chancengleichheit. Integration beschreibt einen wechselseitigen Prozess zwischen der allochthone und autochthone Bevölkerung. Dieser Prozess zielt auf eine Angleichung der Lebensverhältnisse sowie auf die Chancengleichheit. Die Integration ins Gesundheitswesen beschreibt somit die Auflösung von Barrieren und die Erreichung der Chancengleichheit im Bezug auch die Nutzung von Gesundheitsleistung (Meier-Braun 2013, 16).

1.2.1 Die gesundheitliche Lage

Der Schwerpunktbericht des Robert-Koch-Instituts erfasste die gesundheitliche Lage von Menschen mit Migrationshintergrund und wie die Migration eine Belastung sein kann. Dabei wurde auch vermutet, dass ein Migrationshintergrund sowie Migrationserfahrungen die Gesundheit beeinflussen kann, insbesondere das Risiko zu Erkranken. Besonders auffällig war die schwierige Erfassung der Sterblichkeit. Es konnte nicht erfasst werden, wie die Migration die Lebenserwartung beeinflusst. Dies könnte den Schwierigkeiten bei der Datenerfassung zugrunde liegen. Infektionskrankheiten prägen häufig die Morbiditäts- und Mortalitätsrate von zugewanderten Menschen (Bredehorst, et al. 2008, 31ff.). In der Studie „Health Literacy Survey-Germany“, kurz HLS-GER, wurde im Jahre 2016 veröffentlicht, weist daraufhin, dass Migrant*innen eine geringe Gesundheitskompetenz haben, besonders im Verstehen und Umgehen mit Gesundheitsinformationen. Unter Gesundheitskompetenz, auch Health Literacy genannt, wird das Finden, Verstehen, Anwenden und Beurteilen von Gesundheitsinformationen verstanden (Berens et al. 2016, 41). Im Datenreport 2018 von der Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg. Statistisches Bundesamt und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) wird das Gesundheitsverhalten von Migrant*innen dargestellt. Dabei zeigen sich Unterschiede im Bereich des Gesundheitsverhalten. Migrant*innen leiden häufiger an Adipositas, welche sich besonders bei Frauen und ab dem Alter von 45 Jahren zeigen. Männer mit Migrationshintergrund (33%) rauchen häufiger wie Männer ohne Migrationshintergrund (28%). Frauen mit Migrationshintergrund (19%) rauchen etwas weniger wie Frauen ohne Migrationshintergrund (20%) (Hoebel, et al. 2018, 310). Dorothea Grieger beschreibt im Werk „Alter und Migration“, ein Tagungsband der 15. Gerontopsychiatrischen Arbeitstagung des Geriatrischen Zentrums an der Universitätsklinik Tübingen, die gesundheitliche Lage von älteren Migranten. Ältere Migrant*innen ab 60 Jahren gehören zu schnell wachsenden Bevölkerungsgruppe (Grieger 2009, 9). Sie erläutert, dass ältere Migrant*innen häufiger an geriatrischen Erkrankungen und chronischen Erkrankungen, als Deutsche leiden. Positiv zur erkennen sind die geringe Erkrankungsrate an schweren Krankheiten, wie Herzkreislauferkrankungen und Krebs. Demenzerkrankungen treten bei Menschen mit Migrationshintergrund gleichermaßen wie bei Deutschen auf (Razum 2005, zit. n. Grieger 2009, 14 f.) Zur gesundheitlichen Lage von Migranten mit türkischen Migrationshintergrund wird erfasst, dass sie im Vergleich zu Migrant*innen aus anderen Ländern häufiger an körperlichen Schmerzen leiden. Türkischstämmige Migrant*innen haben im Vergleich Menschen ohne Migrationshintergrund einen 2,9-fach erhöhtes Risiko, an körperliche Schmerzen zu leiden (Hoebel, et al. 2018, 310). Zur gesundheitlichen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund muss auch der „Healthy Migrant Effekt“ erwähnt werden. Dieser besagt, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur autochthone Bevölkerung in ähnlicher sozialen Lage oft gesünder sind (Dyck et al. 2019, 936). Ursachen für dieses Phänomen sind, dass überwiegend gesunde Menschen migrieren und dass die Gesundheitsversorgung im eingewanderten Land besser ist. Es wird angenommen, dass dieser Effekt im Laufe des permanenten Aufenthalt abnimmt (Wengler 2012, 89 ff.). Erwähnenswert sind auch die psychosoziale Belastungen, welche sich neben der Erfahrung durchs Auswandern auch durch die erschwerte Integration ergeben (Hoebel, et al. 2018, 309). Annelene Wengler beschreibt in ihrer Dissertation „Ungleiche Gesundheit. Zur Situation türkischer Migranten in Deutschland.“, dass mangelnde Bewältigungsstrategien und Ressourcen zu gesundheitlichen Belastungen führen. Im Umkehrschluss führen gesundheitliche Belastungen zu mangelnden Bewältigungsstrategien und Ressourcen (Wengler 2012, 89).

1.2.2 Determinanten gegen die Integration ins Gesundheitswesen

Der Begriff Determinante stammt vom lateinischen Wort „determinare“ und wird als „bestimmender Faktor“ übersetzt (Duden 2020). Im Bezug auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen wird die Determinante als bestimmender Faktor und Gründe verstanden. Determinanten stehen in diesem Zusammenhang auch für den Begriff Barriere. Die Gründe für die geringe Inanspruchnahmen wird einerseits aus der Sicht der Menschen mit Migrationshintergrund und andererseits aus der Sicht des Gesundheitswesen dargestellt. Zu den Determinanten für die geringe Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen seitens Migrant*innen gehören die Sprachbarriere, der soziale Status und das Nutzungsverhalten (Bredehorst, et al. 2008, 107). Die Sprache und die Fähigkeit zu Sprechen gehört zu den bedeutsamen Eigenschaften des sozialen Interaktion. Die Sprachbarriere wird bei der Interaktion zwischen Menschen mit unterschiedlicher Sprache und Sprachfähigkeit wahrgenommen (Röber 1993, 162). Kommunikationsproblem können Barrieren sein, wenn Gesundheitsleistungen nicht in einfache Sprache oder in verschieden Sprachen angeboten werden. Am Beispiel der Patientenaufklärung zeigte eine Studie Verständnisprobleme bei Patientinnen mit türkischen Migrationshintergrund, welcher dem Informationsverlust zugrunde liegt. Vor der Patientenaufklärung konnten 62% von 262 Patientinnen mit türkischen Migrationshintergrund die Diagnose und 71% die Therapie richtig angeben. Nach der Patientenaufklärung durch die Stationsärzt*innen konnten nur noch 55 % die Diagnose und 66 % die Therapie korrekt wiedergeben. Dies konnte bei deutschen Patientinnen nicht wahrgenommen werden. Sprachbarrieren haben zur Folge, dass die Selbstmanagementkompetenz, die Fähigkeit zur Selbstbestimmung und Mitbestimmung sowie zur Mitwirkung, eingeschränkt ist (Bredehorst, et al. 2008, 109). Ursachen für diese Barriere kann auch der sozioökonomische Status sein. Dieser beschreibt den Sozialstatus eines Menschen in der Gesellschaft. Bestimmt wird der Status durch Bildung, beruflicher Stellung und die finanzielle Situation (RKI 2015, 149). Es ist bewiesen, das Migrant*innen einen durchschnittlich niedrigeren sozioökonomischen Status haben im Vergleich zur autochthone Bevölkerung. Geringere Bildungsabschlüsse, die zu einem niedrigeren beruflichen Stellung um somit zur einer schwächeren Einkommensquelle führen wiesen auf den Sozialstatus. Jedoch lassen sich die gesundheitlichen Unterschiede nicht hauptsächlich durch den Sozialstatus erklären (Wengler 2012, 85 f.). Im Bezug zum Nutzungsverhalten weisen Studien auf unterschiedliche Inanspruchnahmen bei der allochthone Bevölkerung in Vergleich zu autochthone Bevölkerung. Migrant*innen suchen häufiger Notfallambulanzen auf, nehmen an seltener an gesundheitsfördernden und präventiven Maßnahmen teil und nutzen bei Pflegebedürftigkeit seltener ambulante Pflegedienste. Die Versorgungsforschung erkannte, dass Menschen mit Migrationshintergrund rehabilitative Maßnahmen seltener in Anspruch nehmen, die kann zu einer vorzeitigen Beendigung der Beschäftigung aufgrund von Krankheit sein (Hoebel, et al. 2018, 311). Diese Barriere bei der Inanspruchnahme kann wegen Ängsten, Hemmungen, Unsicherheiten und wegen einer geringen Gesundheitskompetenz zu Grunde liegen.

Zu den Determinanten für die geringe Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen aus Sicht des Gesundheitswesen gehören Mangel an Sprachenvielfalt, fehlende Beziehungsgestaltung und sowie die Fehlversorgung. Wenn Migrant*innen eine erhebliche Sprachbarriere haben, welche die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen verhindert, ist eine sprachliche Unterstützung durch einen Dolmetscher im Gesundheitswesen von Nöten. Jedoch gibt es finanzielle Einschränkungen, da die Krankenkassen keine Kosten für einen Dolmetscher in der ambulante Versorgung übernehmen. Bei fehlenden Sprachunterstützung können auch keine weitere Angebote im Gesundheitswesen genutzt werden. Am Bespiel der psychologischen Betreuung bei der gynäkologische Krebsnachsorge wird wahrgenommen, dass Migrantinnen mit Sprachbarrieren diese Leistungen nicht annehmen können (Bredehorst, et al. 2008, 109). Die Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit dem Arzt muss nicht immer der Sprachbarriere zugrunde liegen. Viele Migrant*innen mit guten Deutschkenntnissen haben Schwierigkeiten die Information zu verstehen (Bilgin, et al. 2009, 70). Das Recht des Patienten vom medizinische Fachpersonal verstanden zu werden sowie das Recht angemessen informiert zu werden spielt eine bedeutende Rolle in der Versorgung. Der Mangel an Sprachvielfalt und Verständlichkeit im Gesundheitswesen ist eine wichtige Determinante (Domenig 2003, 88). Eine Beziehungsgestaltung zwischen medizinischen Fachpersonal und Menschen mit Migrationshintergrund ist ein wichtiger Faktor bei der Inanspruchnahme von Leistungen im Gesundheitswesen. Dagmar Domenig beschreibt im Werk „Gut versorgt? Migrantinnen und Migranten im Gesundheits- und Sozialwesen“, dass Migrant*innen ihre Beziehungsgestaltung mit Fachpersonal familiär gestalten. Faktoren wie Freundlichkeit, Sicherheit und Vertrauen spielen dabei eine Rolle. Dahingegen haben gehört zur Beziehungsgestaltung vom Fachpersonal eine problemorientierte Professionalität mit einer gewissen Distanz (Domenig 2003, 88). Eine fehlende Beziehung zum Patienten kann zur einer ungleichen Nutzung von Gesundheitsleistungen führen, dies ist am Beispiel des Phänomen „doctor hopping“, der häufige Wechsel von Ärztinnen*Ärzten in der ambulanten Versorgung, ersichtlich. Diese Phänomen wurde am Beispiel von Migrantinnen beim Besuch der*des Frauenärztin* Frauenarztes verdeutlicht. Migrantinnen wechseln häufige die gynäkologische Praxis als deutsche Frauen ohne Migrationshintergrund. Die Gründe für den Wechsel unterscheiden sich gravierend. Migrantinnen wechseln die Praxis aufgrund von diskriminierenden, unfreundlichen Verhalten seitens der Praxis sowie eine unzureichende Aufklärung durch die*den Ärztin*Arzt. Dahingegen wechselten deutsche Frauen ohne Migrationshintergrund aufgrund von Umzug, unterschiedliche Vorstellung und um sich bei einem spezialisierten Fachärztin*Facharzt vorzustellen (Bredehorst et al. 2008, 111). Um Chancengleichheit anzustreben wäre seitens des Fachpersonal die Weiterentwicklung der Beziehungsgestaltung zu einer vertrauensvolle Beziehung wünschenswert (Domenig 2003,89). Zur Fehlversorgung bei Menschen mit Migrationshintergrund gehört die Über- und Unterversorgung. Eine Überversorgung von Migrant*innen führt zu einer Fehlversorgung, weil das Krankheitserlebnis verstärkt wird, beispielsweise die Gabe von Schmerzmittel ohne diagnostische Indikation, anstelle der Förderung von Maßnahmen zur Bewegung. Die Unterversorgung wird im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung ersichtlich. (Brucks, Wahl 2003, 15 ff.)

1.3 Modelle und Konzepte

Ein Modell ist die vereinfachte Form abgewandelte Darstellung eines Sachverhalts, dabei wird die Realität vereinfacht dargestellt. Schwer vorstellbare Phänomene und Erläuterungen können durch ein Modell einfacher gezeigt werden. In der Pflegewissenschaft werden Modelle genutzt und Pflegetheorien in simplerer Form zu erläutern. Mit Modellen können auch Zusammenhänge von Phänomenen aufgezeigt werden. Es gibt zwei Arten von Modellen, das theoretische und empirische Modell. Das Theoretische Modell stellt die Wirklichkeit in Konzepten dar, wobei das empirische Modell eine Vorrichtung für die Darstellung der Wirklichkeit ist wie beispielsweiße das menschliche Herz als Modell, welche eine wirklichkeitsgetreue Darstellung ist (Neumann-Ponesch 2017, 60).

Unter dem Begriff Konzept versteht man eine Idee beziehungsweise ein Plan (Neumann-Ponesch 2017, 57). Jacqueline Fawcett definiert in ihrem Werk „Pflegemodelle im Überblick“ Konzepte als „Worte, die geistige Vorstellungen von Phänomenen beschreiben.“(Fawcett 1996, 12) In Konzepte können die ideenhaft, vorgestellten Annahmen von Menschengruppen, Familien, Organisationen und Gesellschaften erfassen (Fawcett 1996, 12).Durch Konzepte können vor einer Empirie Kategorien und Klassen erfasst werden. Konzepte sind Ergebnisse von Gedankenarbeit und aus Annahmen entwickelt sich ein Konzept. Silvia Neumann-Ponesch definiert ein Konzept als die kleinste Einheit einer Theorie oder eines Modells. In der Pflegewissenschaft wird mit Konzepten gearbeitet. So werden Pflegsituationen nach einer Analyse in Konzepten für die Diagnostik erfasst (Neumann-Ponesch 2017, 57 ff.).

2. Methode

Für die vorliegende Arbeit wurde eine systematische Literaturrecherche als Methode gewählt, um den aktuellen Forschung in Bezug auf Migration und Gesundheit darzustellen. Die Systematisierung des bereits vorhandenen Forschungstand kann als Grundlage für weitere Forschungsarbeiten verwendet werden.

Systematische Literaturrecherche Die systematische Literaturrecherche dient der Beantwortung der Forschungsfrage: Welche Modelle und Konzepte werden benötigt, um für Menschen mit Migrationshintergrund eine Integration ins Gesundheitswesen zu ermöglichen? Das Manual von Cochrane „Systematische Recherche für Evidenzsynthesen und Leitlinien“ wurde für die Erarbeitung der Methode hinzugezogen. Die systematische Literaturrecherche ist eine wichtige Komponente beim wissenschaftlichen Arbeiten und ermöglicht die Darstellung des neuesten Forschungsstandes (Läzer et al. 2010, 5 ff.). Es stellt ein Prozess dar und umfasst folgende Schritte (Cochrane 2019):

- Definition der Fragestellung und der Zielsetzung
- Auswahl geeigneter Datenbanken
- Festlegung der Suchbegriffe und die Entwicklung einer Suchstrategie
- Durchführung der Suche in den Datenbanken
- Sichtung der Ergebnisse und Anpassung der Suchstrategie
- Erneute Durchführung der Suche
- Sichtung der Treffer auf Relevanz und Dopplung
- Dokumentation der Recherche (Cochrane, 2019)

Die systematische Literaturrecherche wurde in den Datenbanken PubMed, LIVIVO und CareLit in der Zeitperiode vom 20. Mai 2020 bis 02. Juli 2020 durchgeführt. Durch die systematische Literaturrecherche sollen veröffentliche Studien gefunden und hervorgebracht werden, dabei soll jeder Schritt verständlich und transparent sein (Cochrane, 2019). Es wurde ausschließlich nach deutschsprachlichen Studien in Deutschland gesucht, da das Aufzeigen von Modelle und Konzepte in Deutschland im Vordergrund standen.

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Barrieren im Gesundheitswesen für Menschen mit Migrationshintergrund. Modelle und Konzepte zur Ermöglichung einer Integration
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V947154
ISBN (eBook)
9783346292698
ISBN (Buch)
9783346292704
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Gesundheit, Zugangsbarrieren, Chancengleichheit, Integration
Arbeit zitieren
Hamdi Abdirahim (Autor:in), 2020, Barrieren im Gesundheitswesen für Menschen mit Migrationshintergrund. Modelle und Konzepte zur Ermöglichung einer Integration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947154

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