Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Störungen. Grundlagen der klinischen Psychologie


Einsendeaufgabe, 2020

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Aufgabenstellung

1 Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Störungen
1.1 Risikofaktoren für die Entstehung psychischer Störungen
1.2 Schutzfaktoren für die Entstehung psychischer Störungen

2 Soziale Unterstützung und dysfunktionale Kognitionen und deren Verbindung zu psychischen Störungen
2.1 Einfluss sozialer Unterstützung auf die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen
2.2 Einfluss dysfunktionaler Kognitionen auf die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen

3 Schritte des diagnostischen Prozesses im Rahmen einer psychotherapeutischen Intervention am Beispiel Substanzgebrauchsstörung
3.1 Fallbeispiel: alkoholbezogene Substanzgebrauchsstörung
3.2 Der diagnostische Prozess

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wirkung sozialer Unterstützung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Kriterien für eine Substanzgebrauchsstörung am Fallbeispiel Paula

Aufgabenstellung

Die Aufgabenstellung wurde aus urheberrechtlichen Gründen durch das Lektorat entfernt

1 Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Störungen

Die Forschung rund um die klinische Psychologie konnte bis heute nicht eindeutig die Frage beantworten, warum manche Personen an einer psychischen Störung erkranken und andere mit gleichen Umständen nicht. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen in den persönlichen Risiko- und Schutzfaktoren einer Person (Heinrichs & Lohaus, 2011, S. 19). Risikofaktoren werden aus den destabilisierenden Bestandteilen hervorgebracht und sta­bilisierende Umstände gestalten die Schutzfaktoren (protektive Faktoren) (Oerter, Altgassen & Kliegel, 2011, S. 302). Im folgenden Text werden die Faktoren unter Bezug­nahme von empirischen Befunden erläutert.

1.1 Risikofaktoren für die Entstehung psychischer Störungen

Nach Wittchen und Jacobi (2011) wird der Begriff Risikofaktor in der epidemiologischen Forschung als ein Faktor bzw. eine Variable angesehen, die die Einflusswahrscheinlich­keit einer Erkrankung beeinflusst (S. 63). Kraemer und Co-Autoren (1997) beschreiben das Konstrukt Risikofaktor in ihrer Arbeit etwas genauer. Laut diesen Wissenschaftlern ist ein Risikofaktor eine messbare Charakterisierung einer Gegebenheit in einer definier­ten Population, die dem Ergebnis (Outcome) des Interesses vorausgeht (Kraemer et al., 1997, S. 388), also ein innerer (personenbezogener) oder äußerer (umgebungsbezogener) Einfluss, der der psychischen Störung vorausgeht. Die äußeren Risikofaktoren können weiter in distale und proximale Risikofaktoren differenziert werden. Distale Risikofakto­ren (z. B. unvorteilhafte Lebens- und Arbeitsbedingungen) wirken sich nicht direkt auf die Entwicklung des Kindes aus, aber können trotzdem einen Einfluss haben. Hingegen haben die proximalen Risikofaktoren (z. B. schlechte soziale Beziehungen) in der Regel einen direkten Einfluss auf den Entwicklungsablauf (Petermann, 2018, S. 98-99). Wei­terhin schreiben Kraemer und Kollegen (1997), dass diese messbare Charakterisierung dazu verwendet werden kann, die Population in zwei Gruppen einzuteilen. Die zwei Gruppen, Hoch- und Niedrig-Risikogruppe, ergeben zusammen die gesamte Population, jedoch muss das Outcome bei der Hoch-Risikogruppe mit einer deutlich höheren Wahr­scheinlichkeit eintreten. Weiterhin definieren die Forscher, dass das Ergebnis mit einer gewissen Stärke auftreten muss, damit in einer großen Stichprobe nichtjedes Ereignis als Risikofaktor eingestuft wird (Kraemer etal., 1997, S. 388).

Für die klinisch-psychologische und die psychiatrische Forschung empfehlen Kraemer und Kollegen (1997) verschiedene Risikofaktoren und Outcomes zu trennen. Es wird empfohlen, (1) die Risikofaktoren für das Erstauftreten bzw. den Beginn einer Störung, (2) die Risikofaktoren für die Remission einer Störung und (3) die Risikofaktoren für den Rückfall nach einer Remission zu unterscheiden (Kraemer et al., 1997, S. 339).

Nach Heinrichs und Lohaus (2011) können Risikofaktoren anhand des Entwicklungsver­laufs eines Menschen, beginnend mit der Zeugung, betrachtet werden. In diesem Blick­winkel werden die Risikofaktoren in pränatale, perinatale und postnatale Risikofaktoren eingeteilt. Zu den pränatalen Risikofaktoren zählen neben genetischen Defekten soge­nannte Teratogene. Unter Teratogene versteht die Wissenschaft schädliche äußere Ein­flüsse, die durch die Mutter auf das Kind übertragen werden, wie zum Beispiel Alkohol, Drogen, Medikamente, Umweltgift, aber auch Infektionskrankheiten, wie HIV. Perina­tale Risikofaktoren beziehen sich auf Ereignisse, die während der Geburt stattfinden. Hierunter fallen die Frühgeburt und Geburtskomplikationen. Bei den Geburtskomplika­tionen sind insbesondere ein Sauerstoffmangel zu nennen, der zu Hirnschädigungen in unterschiedlichem Ausmaß führen kann. Die postnatalen Risikofaktoren beziehen sich auf die Entwicklung des Kindes nach der Geburt. Es werden an dieser Stelle vor allem psychosoziale Einflüsse betrachtet (Heinrichs & Lohaus, 2011, S. 19-22).

Eine weitere Unterscheidung nimmt Petermann (2018) vor. Petermann unterscheidet zwi­schen bezeichnenden Charakteristika (z. B. Frühgeburt, psychische Störung bei der Mut­ter), individuellen Erfahrungen (z. B. körperliche Beeinträchtigung, sozialer Zurückge­zogenheit, Substanzmissbrauch) und tiefgreifenden Vorfällen (z. B. Tod einer Bezugs­person, schwere körperliche Beeinträchtigung) als Risikofaktor (Petermann, 2018, S. 97­98).

Einer der am frühesten entdeckten Risikofaktoren ist das Temperament (Petermann, 2018, S. 98). Nach Berk (2005) kann das Temperament eines Kindes bereits im Säug­lingsalter erkannt werden. Grundsätzlich kann das Temperament in drei Cluster eingeteilt werden: (1) das pflegeleichte Kind, (2) das schwierige Kind und (3) das nur langsam aktiv werdende Kind (Berk, 2005, S. 244-245). Kinder, die eher ängstlich und zurückhaltend in sozialen Interaktionen sind, haben nach einer Meta-Analyse von Clauss und Blackford (2012) ein siebenfach höheres Risiko an einer sozialen Angststörung zu erkranken, als Kinder, die eine andere Temperamentsausprägung besitzen (S. 1072-1073). In einer Stu­die von Forbes, Rapee, Camberis und McMahon (2017) wurde ebenfalls zu Temperament als Risikofaktor geforscht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die weiter oben ge­nannten Cluster des Temperaments einen Einfluss auf psychische Störungen, wie Depres­sion, Angstzustände, Verhaltensstörungen und ADHS-Symptomen im Kindes- und Ju­gendalter unterschiedlich vorhersagten (Forbes et al., 2017, S. 1229).

In den Isle of Wight Studien (Rutter, Tizard, Yule, Graham & Whitemore, 1976) aus den Jahren 1964-1974 konnte bereits zu Beginn festgestellt werden, dass Kinder, bei denen es zu Geburtskomplikationen kam, im Alter von acht bis zehn Jahren zu intellektuellen Verzögerungen unter anderem beim Lesen und Schreiben kommt. Des Weiteren war diese Beeinträchtigung häufig bei Kindern aus ärmeren Verhältnissen zu beobachten. Bei Kindern mit einer intellektuellen Verzögerung konnte außerdem ein gehäuft klinisch sig­nifikantes asoziales Verhalten festgestellt werden, ebenso wie emotionale Störungen und Verhaltensstörungen (Rutter et al., 1976, S. 313-314).

1.2 Schutzfaktoren für die Entstehung psychischer Störungen

Neben Risikofaktoren bestehen auch Schutzfaktoren. Laut Petermann (2018) bilden sich Schutzfaktoren ähnlich aus, wie die Risikofaktoren. Damit von Schutzfaktoren gespro­chen werden kann, müssen diese ebenfalls bereits vor dem Eintreten einer psychischen Störung vorhanden sein (Petermann, 2018, S. 100). Da Schutzfaktoren erst beim Hervor­treten von Risikofaktoren angeschaltet werden, gelten Schutzfaktoren in ihrem Effekt ab­schwächend auf den Risikofaktor (Heinrichs & Lohaus, 2011, S. 24; Petermann, 2018, S. 100). Heinrichs und Lohaus (2011) beschreiben die Wirkung des Schutzfaktors auf den Risikofaktor als einen sogenannten Puffereffekt (S. 24).

Wie auch bei den Risikofaktoren können die protektiven Faktoren in innere und äußere Faktoren gegliedert werden (Oerter et al., 2011, S. 303). Zu den inneren Schutzfaktoren werden zum Beispiel eine überdurchschnittliche Intelligenz oder ein günstiges Tempera­ment gezählt, aber auch eine gute Problemlösefähigkeit, eine hohe Selbstwirksamkeit und eine gute Anpassungsfähigkeit (Khanlou & Wray, 2014; Masten, Cutuli & Gabrielle- Reed, 2009; beide zitiert nach Martin & Schieber, 2016, S. 61; Petermann, 2018, S. 100). Die äußeren Schutzfaktoren teilen sich, entsprechend nach Oerter und Co-Autoren (2011), in distale Randbedingungen und proximale Beziehungseinflüsse auf (S. 303). Nach Röper (2004) zählen zu den distalen Randbedingungen unter anderem das Woh­numfeld und der sozioökonomische Status der Familie, aber auch Dinge, wie das Be­schäftigungsverhältnis und der Gesundheitszustand der Eltern. Der Übergang zu den proximalen Beziehungseinflüssen ist dabei recht fließend, da der Gesundheitszustand ei­nes Elternteils natürlich auch einen direkten Einfluss auf die Eltem-Kind-Interaktion hat. Darunter fällt zum Beispiel die direkte Erfahrung des Erziehungsstils des Elternteils, den das Kind direkt spürt (Röper, 2004, S. 240).

Wie die Risikofaktoren können Schutzfaktoren ebenfalls in unterschiedliche Merkmale untergliedert werden. Dazu gehören, nach Noeker und Petermann (2008), individuelle Merkmale eines Kindes (z. B. hohe Selbstwirksamkeit, günstiges Temperament, gute Emotionsregulation), Merkmale, die sich auf die familiäre Umgebung beziehen (z. B. we­nige Konflikte innerhalb der Familie, das kann zwischen den Eltern sein, aber ebenso zwischen den Geschwisterkindern, ein sich positiv auswirkender Erziehungsstil der El­tern, finanzielle Absicherung), netzwerkbezogene Merkmale (z. B. gute Beziehungen zu gleichaltrigen und erwachsenen Bezugspersonen außerhalb der Familie, Zugang zu Frei­zeitaktivität, wie Sport oder Kultur) und kulturell-gesellschaftliche Merkmale (z. B. An­erkennung von Kinderrechten, keine Gewalt gegen Kinder) (S. 258).

Die Lundby-Studie von Cederblad, Hagnell & Hansson (1994) untersuchte zu drei unter­schiedlichen Zeitpunkten die Ursache für Gesundheit und konzentrierte sich dabei auf Faktoren, die für eine gute psychische Gesundheit bei den Probanden sprachen. Die Pro­banden waren während ihrer Kindheit mindestens drei verschiedenen Risikofaktoren aus­gesetzt. Im Alter von 42 bis 56 Jahren wurden diese im Rahmen der dritten Welle zu ihren Lebenserfahrungen befragt, um Faktoren identifizieren zu können, die die Stressresistenz von Kindern und Jugendlichen erhöhen können (Cederblad et al., 1994, S. 1). Dabei wur­den in der Längsschnitt- und Querschnittstudie mehrere Schutzfaktoren gefunden, die in individuelle Dispositionen und Umweltfaktoren aufgeteilt wurden (Cederblad, Dahlin, Hagnell & Hansson, 1995, S. 11). Nach Cederblad und Co-Autoren (1994) zählen zu den individuellen Schutzfaktoren ein positives Selbstwertgefühl in der Kindheit, Erfolgser­füllung sowie intellektuelle Kapazität. Faktoren, die der Umwelt zurechenbar sind bzw. in der Familie vorkamen, sind das Vertrauen in die Beziehung zu einem Elternteil und gemeinsame Werte in der Familie (Cederblad etal., 1994, S.l).

In einem ähnlichen Zeitraum wurde durch die Wissenschaftlerin Werner auf der hawaii- anischen Insel Kauai ebenfalls eine Längsschnittstudie zu dieser Thematik durchgeführt. Werner (1993) hat alle Babys aus dem Jahr 1955, die auf der hawaiianischen Insel Kauai geboren wurden, von der Geburt bis zum Alter von 32 Jahren verfolgt (S. 503). Zu Beginn der Studie wurden die Risikofaktoren der einzelnen Kinder erhoben (Werner & Smith, 1977; zitiert nach Werner, 1993, S. 503). Anschließend wurde untersucht, welche Schutz­faktoren dieKinderhaben (Werner, 1993, S. 503).

Insgesamt wurden 201 Kinder in die Hochrisiko-Gruppe eingestuft, weil sie in Armut geboren wurden, mäßigen bis schweren Stress in der Schwangerschaft erlebt haben und in einem familiären Umfeld lebten, in dem es Zwietracht, Scheidung, elterlichen Alkoho- lismus oder psychische Erkrankungen gab (Werner, 1996, S. 47-48). Werner (1996) schreibt, dass es jedoch bei diesen Kindern aus der Hochrisiko-Gruppe auch 72 Kinder gab, die all diese Probleme nicht entwickelten und bis insjunge Erwachsenenalter keine Lern- oder Verhaltensprobleme aufwiesen. Es konnte festgestellt werden, dass diese 72 Kinder bereits im Säuglingsalter bei anderen Familienmitgliedern wie auch bei fremden Personen positive Aufmerksamkeit erregt haben. Im Alter von einem Jahr wurden sie häufig von ihren Betreuern als sehr aktiv beschrieben. Die Mädchen wurden als liebevoll und kuschelbedürftig bezeichnet, die Jungs eher als gutmütig und leicht zu handhaben. Im Gegensatz zu den anderen Kindern der Hochrisiko-Gruppe hatten diese Kinder ein Ess- und Schlafverhalten, was die Eltern weniger belastete (Werner, 1996, S. 48).

Werner (1996) beschreibt weiterhin, dass diese Kinder im Kleinkindalter der Welt mit ihren eigenen Bedingungen entgegentraten und dabei wachsam und autonom reagierten. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Kleinkinder in Bezug auf die Kommuni­kation, die Fortbewegung und die Selbsthilfe deutlich vorgeschrittener waren, als die an­deren Kinder der Hochrisiko-Gruppe. Im Alter von zehn Jahren berichteten die Lehrer, dass diese Gruppe von Kindern nicht übermäßig begabt ist, aber sich zu helfen weiß und einen sozialen Umgang mit den Klassenkammeraden hatten. Außerdem hatten die Kinder mit den ausgeprägten Schutzfaktoren viele Interessen und beschäftigten sich mit ge­schlechtsspezifischen Aktivitäten (Werner, 1996, S. 48).

Ebenfalls konnte durch die Wissenschaftler festgestellt werden, dass die Kinder in den ersten Jahren eine gute Beziehung zu einen ihrer „Pflegekräfte“ aufbauen konnten, von der sie im Säuglingsalter positive Aufmerksamkeit erfahren haben. Weiterhin fanden diese Kinder aber auch außerhalb ihrer eigenen Familie Bezugspersonen, die ihnen emo­tional beistanden (Werner, 1996, S. 48). Wie zu lesen ist, konnten mithilfe der Kauai- Studie einige Schutzfaktoren aufgedeckt werden.

Abschließend ist zu sagen, dass die Bewertung eines Risiko- oder Schutzfaktors immer davon abhängig ist, in welcher Situation sich eine Person gerade befindet und welche Entwicklungsaufgaben diese Person gerade zu bewältigen hat (Petermann, 2018, S. 100).

2 Soziale Unterstützung und dysfunktionale Kognitionen und deren Verbindung zu psychischen Störungen

In der vorherigen Teilaufgabe ging es unter anderem um Schutzfaktoren und deren Be­deutung für die Entstehung von psychischen Störungen. In diesem Teil der Arbeit wird auf eine besondere Form der Schutzfaktoren eingegangen, die soziale Unterstützung. Es gibt im Leben eines Menschen viele Stressoren, bei der eine Unterstützung von außen hilfreich sein kann. Der schlimmste Fall ist vermutlich der Tod des eigenen Kindes oder des Ehepartners. Es gibtjedoch auch andere belastende Situationen, die eine psychische Störung begünstigen können, oder dazu führen, dass eine bestehende psychische Störung aufrechterhalten bleibt.

Ein zweiter Punkt in dieser Aufgabe ist die Bedeutung von dysfunktionalen Kognitionen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen. Hierbei geht es um Risikofaktoren, die innen liegend sind. Explizit sind hier das Grübeln und sich Sorgen zu nennen. Dieses Thema wird im zweiten Teil dieser Aufgabe besprochen.

2.1 Einfluss sozialer Unterstützung auf die Entstehung und Aufrechterhal­tung psychischer Störungen

Das Konstrukt der sozialen Unterstützung wirdje nach Konzept unterschiedlich definiert (Jäger & Franke, 2010, S. 428). Als Grundlagen dienen unter anderem die Bindungsthe­orie, die Bedürfnis- und Ressourcentheorien und die Stress- und Bewältigungstheorien (Laireiter, 1993, S. 25). Im Weiteren Sinne wird unter sozialer Unterstützung eine Menge an sozialen Begebenheiten, wie zum Beispiel das soziale Netzwerk oder die soziale In­tegrität, verstanden (Knoll, Scholz & Rieckmann, 2017, S. 140). Im engeren Sinne wird die soziale Unterstützung, als eine qualitative Betrachtungsweise einer Unterstützungssi­tuation zwischen einem Menschen der Hilfe anbietet und einer Person, die Hilfe empfängt betrachtet (Kienle, Knoll & Renneberg, 2006, S. 108).

Nach der Definition von Cobb (1976) besteht die soziale Unterstützung aus verschiede­nen Informationen. Zum einen haben die Menschen die Überzeugung, von anderen ge­pflegt und geliebt zu werden, weiterhin werden sie geachtet und geschätzt. Im dritten Punkt steht, dass die Menschen einem Netzwerk angehören, das miteinander kommuni- ziertund sich unterstützt (Cobb, 1976, S. 300).

Schwarzer (2004) unterscheidet in seiner Definition die wahrgenommene Unterstützung von der erhaltenen Unterstützung. Die wahrgenommene Unterstützung ist demnach ein kognitiver Ansatz. Hingegen zeigt der Ansatz der erhaltenen Unterstützung die tatsächli­che Unterstützung an, die eine hilfsbedürftige Person erfahren hat. Dabei geht es um die Häufigkeit und die Wirksamkeit der erhaltenen Unterstützung (Schwarzer, 2004, S. 177). Wie aus den Definitionen bereits hervorgeht, ist die soziale Unterstützung vielschichtig. Laireiter (1993) beschreibt deshalb die soziale Unterstützung als ein mehrdimensionales Konstrukt. Nach Niemann (2019) greifen die meisten Autoren auf die Klassifikationen von Unterstützungsformen nach House (1981) zurück (Niemann, 2019, S. 58). So auch Kienle und Co-Autoren (2006, S. 108) sowie Schwarzer (2004, S. 178), die sich auf die drei wichtigsten Dimensionen beziehen: emotionale Unterstützung (Trost, Wärme, Zu­spruch), instrumentelle Unterstützung (Erledigung alltäglicher Aufgaben, Besorgungen) und informelle Unterstützung (hilfreiche Ratschläge, Bewältigungsangebote). Knoll und Kollegen (2017) erweitern diese Dimensionen noch um die Bewertungsunterstützung (Kommunikation über den Gehalt der Unterstützung) und das Kriterium der Zufrieden­heit mit der Unterstützung (S. 143).

Wie nun die soziale Unterstützung auf die Gesundheit einer Person wirkt, wird mit ver­schiedenen Modellen und empirischen Befunden erklärt. Laut Kienle und Kollegen (2006) können drei verschiedene Modelle voneinander unterschieden werden: (S. 114): (1) Moderatormodell, (2) Haupteffektmodell und (3) Mediatormodell. Die drei Modelle werden in der Abbildung 1 dargestellt und im nachfolgenden Text erläutert.

Nach Petermann und Stangier (2018) beschreibt das Moderatormodell oder die Pufferhy­pothese, dass Menschen in Konstellationen mit hoher Belastung die Unterstützung von anderen Personen benötigen. Dies führt zu einer Verminderung von negativen Folgen des erfahrenen Stresses oder bietet gar einen Schutz vor diesen negativen Folgen. Der Grund hierfür liegt darin, dass Individuen diese Stress auslösenden Situationen als weniger be­lastend empfinden und die soziale Unterstützung hilft, die Ereignisse besser zu verarbei­ten (Petermann & Stangier, 2018, S. 56). Die empirische Lage zu diesem Modell ist je­doch recht heterogen (Kienle et al., 2006, S. 115).

Saltzman und Holahan (2002) untersuchten den Zusammenhang zwischen sozialer Un­terstützung und psychologischer Anpassung. In der Studie wurden 300 Studierende über einen Zeitraum von fünf Wochen zu mehreren Zeitpunkten getestet. In der Studie konnte gezeigt werden, dass soziale Unterstützung von Eltern und Gleichaltrigen mit verminder­ten depressiven Symptomen einhergeht und teilweise die Selbstwirksamkeit durch adap­tiven Bewältigungsstrategien gestärkt wird (Saltzman & Holahan, 2002, S. 309, 318).

In einer Studie über Nachbarschaftsprobleme und deren Auswirkungen auf die Gesund­heit konnten Schieman und Meersman (2004) unterschiede in den Geschlechtern zeigen. Bei Männern wirkt sich die soziale Unterstützung positiv auf die Wahrnehmung von Är­ger aus. Bei Frauen fördert die soziale Unterstützung den Ärger zwischen den Nachbarn hingegen (Schieman & Meersman, 2004, S. 89).

Bei dem Haupteffektmodell wird, entsprechend nach Kienle und Co-Autoren (2006), da­von ausgegangen, dass bereits das Wissen um soziale Unterstützung eine positive Aus­wirkung auf die psychische Gesundheit einer Person hat. Nach diesem Modell ist es nicht notwendig, dass erst ein Stressor oder eine starke Belastung vorliegt, wie dies bei dem Moderatormodell der Fall ist (Kienle et al., 2006, S. 115).

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Störungen. Grundlagen der klinischen Psychologie
Hochschule
SRH Fernhochschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V947195
ISBN (eBook)
9783346287878
ISBN (Buch)
9783346287885
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Risikofaktoren, Schutzfaktoren, Soziale Unterstützung, Klinische Psychologie, Psychotherapie, Substanzgebrauchsstörung
Arbeit zitieren
Madeleine Hartleff (Autor), 2020, Risiko- und Schutzfaktoren psychischer Störungen. Grundlagen der klinischen Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947195

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