Roman und Realität; Die Inquisition in Umberto Ecos´ "Der Name der Rose"


Hausarbeit, 1999

14 Seiten, Note: gut


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Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Die Inquisition im Mittelalter

3.Der historische Spielfilm ,,Der Name der Rose
3.1.Die filmische Handlung
3.1.1.Die historische Figur Bernard Gui
3.1.2.Die historische Figur William von Baskerville ((1) Wilhelm von Ockham/(2)Roger Bacon
3.2.Die Darstellung Bernard Guis und William von Baskerville im historischen Roman und Spielfilm ,,Der Name der Rose"

4.Abschließender Kommentar - Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

,,Der Name der Rose" - bei Roman und Film handelt es sich um weit mehr als um einen einfachen Klosterkrimi. Es geht nicht nur um sieben Morde im Jahre 1327, sondern ,,um Geschichte und Politik, um Theologie, Philosophie und die Theorie der Zeichen, um Zitatengläubigkeit und vieles mehr."1

Alleine in Deutschland wurden mehr als eine Million Exemplare des Romans von Umberto Eco verkauft, und er wurde in 25 Sprachen übersetzt, wobei sich bei den Übersetzungen der Erfolg wiederholte. Am 16. Oktober 1986 kam der gleichnamige Film in die deutschen Kinos und lockte in den ersten vier Wochen knapp drei Millionen Besucher an. Eine sechsstündige Hörspielfassung wurde im Dezember 1986 und Januar 1987 im Südwestfunk ausgestrahlt. Nachdem sich die Medien so erfolgreich eingeschaltet hatten und teils drastische Schnitte und Veränderungen des Originals vornahmen, verstärkte sich der Verkaufserfolg des Buches abermals. In kurzer Zeit erschien auch eine große Auswahl an Sekundärliteratur, und auch Umberto Eco liess es sich nicht nehmen, eine Nachschrift zu seinem Buch zu verfassen. In dieser Nachschrift schaffte er allerdings schnell klare Verhältnisse und grenzte sich von den anderen Autoren ab: ,,Ein Erzähler darf das eigene Werk nicht interpretieren, andernfalls hätte er keinen Roman geschrieben, denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen."2 Hinzukommend nahmen viele Geschichtswissenschaftler öffentlich Stellung zu Ecos Roman. Max Kerner brachte das Sammelwerk ,,...eine finstere und fast unglaubliche Geschichte?" heraus, da der wissenschaftlichen Mittelalterforschung eine solche Entwicklung von Einfluss und Wirkung nicht gleichgültig sein konnte. Ein Großteil aller Veröffentlichungen befasste sich mit dem Thema Inquisition, welches ein zentraler Punkt des Romans ist.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird eine kurze Einführung zum Thema Inquisition gegeben. Mit dieser Sachanalyse soll dem Leser ein Einblick in die damaligen Verhältnisse gewährt werden.

Bevor die filmische Handlung wiedergegeben wird, behandelt Punkt 3 kurz das Prinzip von Fiktion und Wirklichkeit in Umberto Ecos Roman.

Anschliessend wird das Leben dreier historischer Figuren skizziert, die Eco u.a. als Vorbilder für zwei seiner Protagonisten des Romans, nämlich Bernard Gui und William von Baskerville, dienten.

Hiernach werden die historischen Personen und deren Leben mit der Darstellung von Gui und Baskerville im Roman verglichen.

Das Schlußkapitel wird durch ein Fazit zu der vorliegenden Arbeit und einer möglichst kurzen Erläuterung gebildet, in welchen Punkten Bernard und William tatsächlich der realen Vorlage entsprechen.

2. Die Inquisition im Mittelalter

Die Inquisition - genauer formuliert - die inquisitio haereticae pravitatis (Untersuchung von häretischer Schlechtigkeit) existiert, glaubt man den Historikern, schon seit Anbeginn aller Zeit.

Luis Paramo, der Inquisitor von Sizilien, schrieb im Jahre 1598 das Buch ,,Über die Entstehung und Entwicklung der heiligen Inquisition" (De origine et progressu Officii Sanctae Inquisitionis), in dem er behauptet, dass der erste Inquisitor Gott selbst war und die ersten Häretiker Adam und Eva. Diese waren vor Gott sündig geworden, weshalb er sie aus dem Paradies vertrieb, nachdem er sie vorher seinem Verhör und Gericht unterworfen hatte. Paramo sagt weiterhin, dass der erste neutestamentarische Inquisitor Jesus Christus war, der schon am dritten Tage nach seiner Geburt seinen "Inquisitorpflichten" nachging, indem er ausrichten ließ, dass er erschienen sei; diese "Inquisitorpflichten" führte er fort, als er Herodes tötete.3

Neben diesen von Paramo genannten Beispielen lässt sich feststellen, dass die klerikalen Verfechter der Kirche sich immer wieder auf unterschiedliche Bibelstellen beriefen, um ihr Wirken zu begründen und sich anderen gegenüber zu rechtfertigen. Die härteste Strafe, die Verbrennung der Verurteilten, begründeten sie unter anderem mit folgenden Worten aus dem Johannes-Evangelium:

Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie in das Feuer, und sie muss brennen.

(Johannes-Evangelium XV, 6)

Hieraus ersieht man, dass der Schaffung der "heiligen Tribunale" der katholischen Kirche ein jahrhundertelanger Kampf gegen die Häresie vorausging. In diesem Zeitraum konnten theoretische Begründungen für die Anwendung von Gewalt ausgearbeitet werden. Im Jahre 1184 wurde durch Papst Lucius III. die gesetzliche Grundlage der christlichen Inquisition geschaffen. Damals hatte er monatelang in Verona auf Kaiser Friedrich Barbarossa warten müssen und nutzte diese Zeit, um einen Text vorzubereiten, der die beiden Spitzen von Kirche und Staat zum gemeinsamen Kampf gegen die ,,Ketzer" verpflichten sollte. Dieses Gesetz wurde nach dem Eintreffen Barbarossas gebilligt und im November vom Papst verkündet. Die Bulle ,,Ad abolendam", wie sie nach ihren ersten beiden Wörtern heißt, richtete sich nicht nur gegen die Katharer4, sondern auch gegen die Waldenser5 u.a.

Man sieht also, dass die konsequente Nachstellung und Ermittlung von Abweichlern erst mit der Inquisition in der nun institutionalisierten Zusammenarbeit von Kirche und Staat begann. ,,Ad abolendam" formulierte entsprechend der Tradition kirchlicher Ketzerbekämpfung eine bischöfliche Visitationspflicht, die entgegen der Routine früherer, einmal im Jahr durchzuführender Visitationen, nun auf Verdacht hin wahrgenommen werden musste6 bzw.

konnte. ,,Ehrbare" Bürger wurden bei Ankunft des Bischofs zu ,,Synodalzeugen" berufen und mussten ihm Auskunft über alle Abweichungen von Glauben und Sittlichkeit geben; ihre Belastungen galten dann als Anklage. Anfänglich zeigten die weltlichen Herrscher und Bischöfe jedoch kein großes Engagement bei der Verfolgung von Abweichlern, da die ,,Entdeckung" von ,,Ketzern" letztlich von Anzeigen der Bevölkerung abhängig war. Innozenz III. unternahm angesichts dieser Verhältnisse zu Beginn seines Pontifikats einen Vorstoß gegen die Häretikergesetzgebung. Er erhob in seiner Bulle ,,Vergentis in senium" von 1199 den Anspruch, "oberster Richter" über die gesamte Christenheit zu sein, und versuchte diesen mittels der ,,Konstruktion der Häresie als crimen laesae maiestatis" durchzusetzen:

Innozenz schreibt: Nach den Gesetzen werden Majestätsverbrecher mit dem Tode bestraft, deren Söhne das Leben nur das Mitleid geschenkt. Da es aber viel schwerer wiegt, die göttliche als die weltliche Majestät zu beleidigen, muss der, der im Glauben abirrt und so Christus beleidigt, mit den entsprechenden kirchlichen Strafen belegt und seiner weltlichen Besitzungen beraubt werden.7

,,Vergentis in senium" deutet Bezug nehmend auf römisches Recht die Todesstrafe als angemessene Form der Bestrafung für Majestätsverbrechen bereits an. Jedoch erst Kaiser Friedrich II. bestimmte 1224 für alle Ketzer, nach spätantikem Vorbild, den Feuertod als Strafe. Im Laufe der Zeit wurden auch die strafrechtlichen Bestimmungen auf Unterstützer, Sympathisanten und Dulder ausgeweitet. Von nun an konnten auch Familienmitglieder als Zeugen vernommen werden, da die inkriminierten Taten oft nur im privaten Bereich begangen wurden. Doch auch die Ausweitung auf diesen Zeugenkreises reichte nicht immer, weshalb Papst Innozenz IV. im Jahre 1252 offiziell den Einsatz der Folter legitimierte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es im Kirchenrecht keine Folter gegeben. Als Folterknechte betätigten sich ausschließlich weltliche Amtsdiener, da der Rechtssatz ,,Die Kirche dürstet nicht nach Blut" (,,ecclesia non sitit sanguinem") die Anwesenheit von Geistlichen bei Handlungen, die den Körper schädigten, ausschloss. Derjenige, der das Geständnis aufschrieb, war entweder Laie oder saß - wenn er Kleriker war - hinter einer Tür, so dass er als nicht anwesend galt. Solche erzwungenen Geständnisse wurden meist erst einen Tag später dem Richter vorgetragen; man stellte das Geständnis als freiwillig - also ohne Folter - hin, denn diese war ja vorher erfolgt. Bei dem Bestehen auf seine Unschuld durfte der Angeklagte einen Verteidiger haben, dieser jedoch wurde vom Inquisitor bestimmt. Da der Angeklagte jedoch vor dem peinlichen Verhör bereits schwören musste, über den Inhalt der Verhöre zu schweigen, waren begründete Regressansprüche kaum möglich. Die geistlichen Richter baten, bei Übergabe eines Verurteilten an einen weltlichen Richter, diesen an Leib und Leben zu schonen. Da wie oben bereits erwähnt der Feuertod von Kaiser Friedrich II. und anderen weltlichen Herrschern verfügt war und der Geistliche der Hinrichtung aufgrund des Rechtssatzes ,,Die Kirche dürstet nicht nach Blut" gewöhnlich nicht beiwohnte, konnte er diese Bitte, ohne seine Hände zu beflecken, äußern. Gelang es einem Geistlichen nach 1260 nicht, einer Hinrichtung fernzubleiben, war es kein Problem mehr, da Papst Alexander IV. in diesem Jahr verfügt hatte ,,das sich Inquisitoren gegenseitig von Irregularitäten absolvieren dürfen"; und zu diesen gehörte auch die Verletzung des genannten Rechtssatzes.8 Wie zu Anfang dieses Kapitels bereits erwähnt, arbeiteten die vom Papst ernannten Inquisitoren, meist Bischöfe oder deren Archidiakone, nicht immer zufriedenstellend. Erst unter Papst Gregor IX. kam der Gedanke einer Verfolgung der Ketzer durch einen ausschließlich für diese Aufgabe ausgestatteten Apparat auf. Gregor übertrug das Geschäft Mitgliedern der neuen Bettelorden9, den Franziskanern, vor allem jedoch den ,,Hunden des Herrn" (Domini canes), den Dominikanern. Während dieser Zeit begründet er die Inquisition allerdings auch als besonderes Gerichtsverfahren. Dominikaner sowie Franziskaner erwirkten von Papst Gregor IX. Privilegien, die die Bestellung von Inquisitoren dem jeweiligen Ordensprovinzial übertrugen. In seiner Bulle ,,Ille humani generis" vom 20. April 1233 begründete Gregor IX. diesen Schritt vordergründig mit der Nachlässigkeit der Bischöfe als Inquisitoren:

Wir sehen euch [ die Bischöfe ] verstrickt in einem Wirrwarr von Sorgen und kaum instande, unter dem Druck der überwältigenden Beunruhigungen zu atmen, wir halten es deshalb für gut, eure Lasten zu teilen, damit sie leichter getragen werden können. Wir haben daher beschlossen, Predigermönche gegen die Ketzer Frankreichs und der benachbarten Provinzen auszusenden, und wir bitten, warnen, ermahnen und befehlen euch, sie im Namen der Verehrung, die ihr für den heiligen Stuhl empfindet, freundlich aufzunehmen, sie gut zu behandeln und ihnen in diesem und allem anderen eure Gunst, euren Rat und eure Hilfe zuteil werden zu lassen, damit sie ihr Amt erfüllen können.10

Jedoch konnte auch der Papst weiterhin Inquisitoren bestimmen, und auch die Bischöfe nahmen im 14. Jh., vor allem wenn sie dem Bettelorden angehörten, ihnen zustehende Aufgaben häufiger wahr.

Die Päpste und Bischöfe betonten gleichermaßen immer wieder zwei Absichten der Inquisition: Ausrottung der Feinde und Schutz des rechten Glaubens der Christen vor Ansteckung. An dieser Stelle sei jedoch gesagt, dass die Inquisitoren ,,keine Zyniker der Macht waren"11, sondern von ihrem Handeln durchaus überzeugt waren. Diese Überzeugung machte eine vorurteilslose Gegenposition fast unmöglich.

Im Jahre 1335 schrieb Papst Benedikt XII. vor, dass alle Pfründenbewerber Latein lesen, schreiben und singen können müssten, was von nun an als Reform galt und beim Gros der Weltgeistlichen nicht vermutet wurde. Wissen war bei den meisten "normalen" Christen recht gering, und es wurde von Inquisitoren nachdrücklich betont, dass man dem Kirchenvolk in jedem Falle beibringen sollte, das "Paternoster", "Ave Maria" und das "Credo" auswendig zu lernen. Dies war jedoch eher eine Maximal- denn eine Minimalanforderung, so dass die Inquisitoren schon froh waren, wenn die von ihnen Verhörten die ersten beiden Gebete aufsagen konnten. Mit diesen Maßnahmen wollte die Amtskirche sich die Laien in Abhängigkeit halten, indem sie ihnen den Zugang zu Glaubensinhalten verwehrte. Mit dieser Unwissenheit der Laien wurde die Stärke des Klerus noch mehr verfestigt. Schon Papst Lucius III. hat in der Bulle ,,Ad abolendam" aus dem Jahre 1184 die Laienpredigt verdammt, und auch Innozenz III. zeigte in seiner Bulle ,,Vergentis in senium" von 1199 kein Einsehen mit ihr. In demselben Maße eiferten spätere Päpste und Bischöfe diesen Vorbildern nach, und auf dem Konzil von Toulouse, das im Jahre 1229 nach Beendigung des Ketzerkreuzzuges einberufen wurde, wurde den Laien jeglicher Besitz einer Handschrift des Alten oder Neuen Testaments verboten. Das Lesen von Psalterien oder Stundenbüchern hingegen war erlaubt; diese galten als Bet- und Erbauungsliteratur. Abgesehen von dem Verbot, das Alte oder Neue Testament zu besitzen, wurde den Laien hierüber hinaus untersagt, Streitgespräche über Glaubensdinge zu führen. Spätere Synoden oder Päpste wiederholten diese Anordnungen, und wer nicht Kleriker oder Mitglied einer anerkannten Kirche war, und eine Bibel bzw. eine Übersetzung davon besaß, wurde schon deshalb der Ketzerei verdächtigt und in den meisten Fällen auch angeklagt. Das gesamte Vorgehen hatte zur Folge, dass die Inquisitoren immer wieder neue Opfer fanden. Das Konzil von Toulouse formulierte neben dem Verbot der Laienpredigt und dem Lesen von übersetzten Bibeltexten weitgehende Untersuchungsmaßnahmen, die von den Send- bzw. Synodalzeugen ausgeführt werden mussten: Sie waren verpflichtet, unabhängig von einer Synode oder einer bischöflichen Untersuchung nach Häretikern zu forschen (inquirere) und ihre Untersuchungsergebnisse auf direktem Wege den zuständigen Jurisdiktionsorganen weiterzuleiten. Hier ist zu ersehen das sich aus den ehemals passiven Sendzeugen, die ihr Amt nur einmal im Jahr im Rahmen einer bischöflichen Visitation ausübten, ein eigenständiges Kontrollorgan entwickelte.12

Wie Inquisitoren bereits bei der erstmaligen Errichtung von Untersuchungs- und Strafgefängnissen der Menschheit den Weg des "Fortschritts" gewiesen hatten, so auch bei der Aufspürung neuer Opfer. Nur diejenigen, die sich in der damaligen Zeit voll und ganz der Kirche und der Gesellschaft anpassten, lebten ungeschoren. Allerdings konnten auch diese Personen in die Fänge der Inquisition geraten, falls sie von anderen denunziert wurden. Wurde ein Angeklagter trotz aller Beschuldigungen freigesprochen, so machte er sich bereits bei der geringsten Auffälligkeit wieder "strafbar" und konnte erneut angeklagt werden, auch wenn er zu diesem Zeitpunkt in einem anderen Wohnort lebte. Ein derartiges Vorgehen war möglich, da in geheimen Protokollen und Registern alle Namen von vormals Verdächtigen festgehalten und den Inquisitoren mitgeteilt wurden.

Neben den Ketzern nahmen auch orthodoxe Christen am Tun der Inquisitoren Anstoß, wobei der Widerstand gegen diese selten möglich war. Organisierter Widerstand führte nur dann zum Erfolg, wenn er von weltlichen Machthabern und einflussreichen Geistlichen unterstützt wurde. Dieser "Gegenterror" führte in manchen Städten in der Mitte des 13. Jhs. zur einstweiligen Einstellung der Inquisition. Der Widerstand brach jedoch schnell zusammen, wenn die weltlichen Machthaber und Geistlichen ihre Hilfe entzogen, wie es sich in Albi und Caracassone gezeigt hatte.13

Im 14. Jh. hatte die Inquisition endgültig den Kampf gegen die Ketzer für sich gewinnen können. Die erfolgreiche Niederschlagung der Häresien bewirkte jedoch keine Einstellung der Inquisition, sondern erfuhr - im Gegenteil - eine Erweiterung auf universaler Ebene: Als im 16. Jh. der Protestantismus, als dessen Präfigurationen die verschiedenen Ketzerbewegungen durchaus verstanden werden dürfen, auch nach Italien drang, richtete Papst Paul III. im Jahr 1542 die ,,Congregatio Romanae et universalis inquisitionis" - kurz: ,,Heiliges Offizium" - ein, die erst auf dem zweiten Vatikanischen Konzil des Jahres 1965 in die ,,Glaubenskongregation" umgewandelt wurde. Erst damit war - stillschweigend - die Inquisition aufgehoben worden.

3. Der historische Spielfilm ,,Der Name der Rose"

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Umberto Eco, der 1982 auf dem deutschen Markt erschien und kraft des weltweit großen Erfolges nur einige Jahre später verfilmt sowie durch eine deutschsprachige sechsstündige Hörspielfassung vertieft wurde. Der Roman verdankt seinen Erfolg einer Mischung aus Kriminalroman und historischem Roman.

In seiner Nachschrift bezeichnet Eco sein Werk selbst als ,,wahren historischen Roman"14, in dessen »wahrheitsgemäßes« Tableau von ihm Ereignisse und Phantasiegestalten eingefügt wurden, zur genaueren Schilderung ihres ,,Handeln[s] und Denken[s] [...] zum besseren Verständnis der Geschichte"15 - ,,die Fiktion also als Ergänzung und Erleuchtung der Geschichtsbücher, die in der Vergangenheit nicht gesprochen haben: ob das nun die "Illiterati" sind, die Ungebildeten, die Armen, die verbrannten Ketzer oder das geschichtslose Geschlecht: die Frauen: Der historische Roman kann auch sie, die Stummen zu Wort kommen lassen."16 Entsprechend definiert Umberto Eco sein Verständnis des ,,wahren historischen Romans" weiter:

In diesem Sinne wollte ich einen historischen Roman schreiben: ,,historisch" nicht, weil Ubertin von Casale und Michael von Cesena (oder Bernard Gui und Kardinal del Poggetto) wirklich existiert haben und mehr oder weniger das sagen sollten, was sie wirklich gesagt haben, sondern weil alles, was fiktive Personen wie William sagen, in jener Epoche sagbar sein sollte.17

In der Verfilmung des Romans vermischen sich, ebenso wie im Buch, fiktive Geschehnisse mit wahren Ereignissen, und manche Personen sind nahezu authentisch (Ubertin von Casale, der Ordensgeneral der Franziskaner Michael von Cesena, der Inquisitor Bernard Gui, Kardinal Bertrand del Poggetto), andere sind mit erstaunlicher Genauigkeit nachweisbaren Figuren anderen Namens nachgebildet (William von Baskerville); die übrigen sind zumindest historisch wahrscheinlich und tragen dazu bei, ein möglichst genaues Bild der geschilderten Epoche entstehen zu lassen (bspw. Salvatore, das Bauernmädchen).

Bevor in einem der nächsten Kapitel genauer auf die Darstellung zweier Figuren im historischen - das Buch sowie den Film betreffenden Sinne eingegangen werden soll (Bernard Gui und William von Baskerville (Wilhelm von Ockham)), wird an dieser Stelle zuerst eine kurze Zusammenfassung der filmischen Handlung gegeben.

3.1. Die filmische Handlung

Im Jahre 1327 treffen der Franziskanermönch William von Baskerville und sein junger Begleiter Adson in einem norditalienischen Benediktinerkloster ein, um dort eine Konferenz vorzubereiten. Bei dieser Konferenz handelt es sich um ein Treffen zwischen Vertretern des Franziskanerordens und Abgesandten von Papst Johannes XXII., die klären wollen, ob Christus Eigentum hatte oder in Armut lebte. Von dieser Antwort ist es abhängig, ob die Kirche arm sein soll, wie es die Franziskaner fordern, oder ob sie Reichtum und Macht braucht.

Bevor es allerdings zu einer genaueren Planung des Treffens kommt, wird der ehemalige Inquisitor William von Baskerville vom Abt gebeten, bei der Klärung eines Todesfalles zu helfen, dem möglicherweise ein Mord zugrunde liegt. Bei dem Toten handelt es sich um Adelmus, der im Schreibsaal der Klosterbibliothek gearbeitet hat. Bei ersten Nachforschungen trifft William in der besagten Bibliothek den blinden Jorge von Burgos, der weniger sagt, als er zu wissen scheint.

Während William mehreren Spuren folgt, geschehen weitere Morde, die alle etwas mit der Bibliothek zu tun haben und dem Muster der apokalyptischen Prophezeiungen folgen. Die Spurensuche erweist sich jedoch als äußerst schwierig, da der Bibliothekar Malachias jedes Betreten der Bibliothek untersagt.

William und Adson setzen sich über das Verbot, die Bibliothek zu betreten, hinweg und dringen eines Nachts in diese ein, da sie dort die Lösung des Rätsels vermuten. In dieser Nacht verlaufen sie sich im Labyrinth der Bibliothek und finden nur mit Mühen wieder hinaus. Im Laufe der Zeit geschehen weitere Morde.

Zwischenzeitlich sind auch die Abgesandten des Papstes im Kloster eingetroffen und die Konferenz kann stattfinden. Diese endet allerdings in einem Streit und führt zu keinem Ergebnis.

Einer der Abgesandten, der Inquisitor Bernard Gui, entlarvt während seines Aufenthaltes die ehemaligen Kirchenrebellen Remigius und Salvatore als Ketzer. Mit dieser Verhaftung glaubt er auch die Mörder gefasst zu haben, was sich allerdings später als falsch erweisen wird. Gleichzeitig nimmt er auch ein Mädchen fest, in das sich der Novize Adson vorher verliebt hat.

Nach und nach entschlüsseln William und Adson das Geheimnis der Bibliothek und entlarven den Greis Jorge als den Urheber der Morde. Während die drei in der Bibliothek sind, werden die Angeklagten vor dem Kloster auf den Scheiterhaufen gebracht. Jorge wollte ein Manuskript von Aristoteles über das Lachen vor der Menschheit verborgen halten, da er in diesem den Keim des Zweifels an Gott und das Ende der kirchlichen Herrschaft erahnt. Am Ende setzt er die Bibliothek in Flammen, und mit dieser brennt das gesamte Kloster nieder. William und Adson entkommen im letzten Moment den Flammen.

Der gefürchtete Inquisitor Bernard Gui wird auf seiner Flucht gelyncht und das Mädchen, welches er als Hexe verurteilen ließ, wird vor dem Scheiterhaufen gerettet. William und Adson verlassen zu Pferde das Gelände und treffen eben dieses Mädchen am Wegesrand, das dort auf ihren Geliebten wartet. Adson jedoch entscheidet sich zu einem Leben als Mönch und reitet mit seinem Meister davon.

In Ecos Roman ist einiges anders, wobei die prägnanten Unterschiede wohl darin liegen, dass William hier ein Treffen vorbereiten soll, bei dem es neben der Armutsfrage auch um das Verhältnis zwischen dem Papst und dem deutschen König geht. Außerdem nimmt der Roman ein anderes Ende: Der Inquisitor Bernard Gui nimmt die drei Angeklagten mit sich nach Avignon. Hier kann demnach keine Situation entstehen, in der er gelyncht und das Bauernmädchen befreit wird. Auch Adson kommt somit um seine Entscheidung herum, ob er bei seiner Geliebten bleiben möchte oder seinem Lehrer folgt.

3.1.1. Die historische Figur Bernard Gui

Bernard Gui wurde im Jahre 1261/1262 in der Nähe von Limoges als Sohn eines kleinen Adligen geboren. Sehr früh fühlte er sich zum Orden der Dominikaner hingezogen und der Eintritt in den Klerus erfolgte bereits vor 1275 im Predigerkonvent von Limoges. Am 16. September 1279 nahm er dort den Ordenshabit an und legte ein Jahr später das Gelübde ab. Bis 1290 betrieb Gui seine Studien (Trivium und Theologie) in südfranzösischen Ordenskonventen und fungierte bis ca. 1294 als Lektor. Zwischen 1294 und 1307 war er Theologieprofessor und Konventsprior in Albi, Carcassonne, Castres und Limoges. Im Jahre 1307 wurde er vom Ordensprovinzial zum Inquisitor bestimmt und war als solcher von 1308 bis 1323 in Toulouse, Carcassonne, Albi und Pamiers tätig. Als nomineller Bischof des galizischen Tuy wirkte er von August 1323 bis Juli 1324 als Inquisitor in Südfrankreich weiter und erst ab dem 20. 07. 1324, als Bischof von Lodève, gab er diese Tätigkeit auf und widmete sich bis zu seinem Tod am 30. 12. 1331 der Verwaltung seiner Diozöse sowie der Überarbeitung historiographischer Werke. Gänzlich gab er die Bekämpfung von Ketzern allerdings nicht auf, denn auch in Lodève gab es ein Gefängnis der Inquisition. Im Jahre 1327 war ein von Bernard beauftragter Kommissar an einem Urteil über Ketzer beteiligt, und ein Jahr später befahl Gui, gemeinsam mit anderen Bischöfen die Leiche eines Ketzers zu exhumieren. Hierin zeigt sich die gute Zusammenarbeit zwischen Ortsbischof und Inquisitor, einem Anliegen Bernards. Bernard verfasste gegen Ende seiner Tätigkeit als Inquisitor ein Handbuch für Inquisitoren, die ,,Practica inquisitionis heretice pravitatis". Dieses Werk enthält neben Protokollen auch Traktate über die dem Autor am gefährlichsten scheinenden Häresien (Waldenser, Apostoliker) sowie über Juden und Hexerei. In seinem Buch forderte er, dass ein Inquisitor der Beichtvater eines Verhörten sein müsse und versuchen sollte ihn zur wahren Gesinnung zurückzuführen. Weiterhin sagt er, dass nur die Unbußfertigen verbrannt werden sollten, da es besser sei, der sterbende Körper falle dem irdischen Feuer anheim als die unsterbliche Seele dem der Hölle. Über Folter hat Bernard in seinem Handbuch nie etwas erwähnt, und er glaubte vielleicht sogar als Inquisitor seinem Postulat entsprochen zu haben: In der Zeit zwischen 1308 und 1323 urteilte er insgesamt über 930 Personen, von denen sich zwei als falsche Zeugen erwiesen, 89 schon tot und 40 flüchtig waren. Von den verstorbenen definierte er 72 als hinzurichtende Straftäter; von den Lebenden verurteilte er 42 zum Tod. 307 wurden zu einem langsamen Sterben, d.h. zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurteilt. Aufgrund solcher Urteile könnte Gui sich selbst als milden Richter betrachtet haben, da er schließlich auch 152 Personen nur zum Kreuztragen oder zu Pilgerfahrten verurteilte. Eine genaue Aussage über die Freigesprochenen lässt sich nicht machen, es dürfte sich hier jedoch um etwa ein Drittel der Angeklagten handeln. Nach seinem Tod im Jahre 1331 war Bernard im 14. Jh. als Inquisitor schnell vergessen: Seine Handschrift ,,Liber sententiarium", die von ihm geleitete Verhöre und Gerichtssitzungen festhielt ruhte im Konventsarchiv von Toulouse, und die ,,Practica" wurde nur noch selten kopiert. Seine ca. dreißig anderen Werke, vorallem seine Arbeiten über Heilige und über den Dominikanerorden, fanden durchaus mehr Verbreitung. Sogar der französische König Karl V. ließ einige ins Französische übersetzen. Bernard war immer wieder bemüht, seine Handschriften zu überarbeiten, zu ergänzen und zu aktualisieren.18

3.1.2. Die historische Figur William von Baskerville ((1)Wilhelm von Ockham/(2) Roger Bacon)

(1) Wilhelm vom Ockham wurde um 1285 in Ockham (Surrey) geboren. Von 1309 bis 1319 studierte und unterrichtete er an der Universität Oxford. Der Oxforder Lutterell klagte Ockham der Häresie an und Papst Johannes XXII. stellte ihn wegen dieser angeblichen Ketzerei von 1324 bis 1328 in seinem Palast in Avignon unter Hausarrest. Im Jahre 1328 floh er zu Ludwig IV., dem Bayern, nach Pisa und ging später mit ihm nach München. Wilhelm wurde Ludwigs Beistand im Kampf mit den Päpsten; während dieser Zeit entstanden seine Schriften über Kirche und Staat. Während er sich noch um Aussöhnung mit Papst Klemens VI. bemühte, fiel Ockham im Jahre 1285 in München der Pest zum Opfer. Wilhelm von Ockham war Oberhaupt der ,,via moderna", die Glauben und Wissen zu trennen suchte, und die Fähigkeit der Vernunft, Übersinnliches zu erkennen, leugnete. Philosophiegeschichtlich entwickelte er die formale Logik weiter und vertrat auch die Theorie von der Zufälligkeit der Weltgesetze, über der allein die Notwendigkeit göttlicher Allmacht steht: Selbst Gott aber ist den Prinzipien des Satzes vom Widerspruch unterworfen. Ockhams eigentliche Leistung liegt allerdings im erkenntnistheoretischen (nominalistischen) Bereich. Das Wilhelm zugeschriebene Ökonomieprinzip der formalen Logik, demzufolge einfache Denkmodelle den komplizierten vorzuziehen seien, wird ,,Ockhams Rasiermesser" genannt. Die ,,via moderna" wurde durch die Trennung von Theologie und Philosophie der Ausgangsort der modernen Philosophie.19
(2) Der englische Philosoph, Theologe und Gelehrte Roger Bacon wurde zwischen 1214-1219 in Ilchester geboren und verstarb um 1294 in Oxford. Von 1241-1246 lehrte er in Paris aristotelische Naturphilosophie und beschäftigte sich nebenher mit Sprachen, Mathematik, Astronomie und Astrologie. Er prägte den Begriff des Naturgesetzes und ging davon aus, erst eine Experimentalwissenschaft könne die in theoretischen Wissenschaften deduzierten Ergebnisse bestätigen sowie neue Wissensgebiete eröffnen.20

3.2. Die Darstellung Bernard Guis und William von Baskerville im historischen Roman und Spielfilm ,,Der Name der Rose"

Im Roman, aber auch im Spielfilm ,,Der Name der Rose" sind viele Abweichungen von der Historie zu konstatieren, die sich sehr gut an den Personen Bernard Gui und William von Baskerville belegen lassen.

Mit Bernard Gui hat Eco in seinem Roman eine der bekanntesten historischen Figuren aus der Geschichte der hochmittelalterlichen Inquisition ausgewählt; Gui gilt als ,,der erfahrenste Inquisitor der Zeit um das Jahr 1320"21. Das von Umberto Eco gezeichnete Bild dieses Mannes entspricht jedoch in vielem nicht den originalen Überlieferungen. Im Roman, aber auch im Film wird Bernard ausnahmslos als hart strafender Inquisitor dargestellt, obwohl er im Jahre 1327 schon nicht mehr als solcher tätig war. Seine Tätigkeit als päpstlicher Diplomat oder Handschriftenleser, die er in Norditalien und Flandern (1317/18) innehatte, wird von Eco gar nicht erst erwähnt. Bernard verfolgt im Roman, aber auch im Film ,,Ketzer" - wie die Fratizellen - die erst nach 1327 eine größere Rolle spielten. Zwar hatte Bernard diese in ,,der >Practica< angegriffen, aber in der Realität nicht verhört und verurteilt"22. Diese Veränderung der historischen Faktizität fällt jedoch nicht so stark ins Gewicht bei der Bearbeitung des Themas ,,Inquisition", da diese Veränderung für das eigentliche historische Phänomen keine weitreichende Bedeutung beanspruchen kann. Schwerwiegender ist, dass Bernard Gui bei Eco als Personifikation des Bösen ist. Dies wird dem historischen Inquisitor, wie er in einem vorangegangenen Kapitel beschrieben ist, in keinem Falle gerecht. Dem Betrachter wird ein von Vorurteilen behaftetes Bild repräsentiert. Im Buch bzw. im Film unterlaufen Bernard einige ,,Formfehler" während des Prozessverfahrens gegen Salvatore, Remigius und dem Bauernmädchen, die allerdings allein durch die Konzeption dieser Figur begründet sind. Für den historischen Bernard Gui wäre es recht ungewöhnlich gewesen, Salvatore - wie im Film - nicht die Gelegenheit zur Reue zu gegeben zu haben, die zu seiner Begnadigung, d.h. zu lebenslanger Kerkerhaft geführt hätte, denn Gui nahm, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen - die formalen Bestimmungen der Inquisitionsgesetze sehr genau. Ebenso hätte der historische Inquisitor das Bauernmädchen verhören müssen.23 An dieser Stelle muss gesagt sein, dass der historische Gui (und mit ihm eine Vielzahl der Inquisitoren) durchaus um gerechte Urteile bemüht war, die Todesstrafe ,,selten" zu verhängen und dass all dies von der Sorge um die ,,Herde Gottes" motiviert war.

Bernard ist einer der gefährlichsten Feinde Williams. Dieses wird an einigen Textstellen des Buches sehr deutlich, so z. B. auf Seite 385:

[...] Dann stand er vor William, und als er erfuhr, wer sein Gegenüber war, betrachtete er meinen Meister mit erlesener Feindseligkeit; aber nicht etwa, weil sein Blick unwillkürlich seine geheimen Gefühle verraten hätte, dessen war ich mir ganz sicher [...], sondern weil er ohne Zweifel wollte, daß William seine Feindseligkeit verspürte. [...]

Dieser ,,Hass" William gegenüber ist begründet in den unterschiedlichen Persönlichkeiten mit ihren Anschauungen und in ihrer Affinität als angeblich ehemaliger bzw. noch tätiger Inquisitor.

Gui versucht ständig Personen und deren Lebensbedingungen auszukundschaften, und er ist von seinem Inquisitorenamt und der dadurch zu schützenden Glaubenswahrheit stark überzeugt. Die Entdeckung von Glaubensfeinden steht bei ihm an erster Stelle, obwohl er mit seiner Tätigkeit auch einige kriminalistische Fähigkeiten an den Tag legt, wie es z. B. auf Seite 527 deutlich wird:

[...] ,,Herr Bernard", wandte er sich an diesen, ,,wer hat den hier getötet, nachdem ihr doch den Mörder so trefflich gefunden und in gewahrsam genommen habt?" - "Fragt mich nicht", erwiderte der Inquisitor. ,,Ich habe niemals behauptet, alle Übeltäter überführt zu haben, die in dieser Abtei ihr Unwesen treiben. Ich hätte es gern getan, wenn ich gekonnt hätte..."

Allgemein kann gesagt werden, dass seine von Eco geschilderten Anschauungen sich mit denen der päpstlichen Gesetzgeber des 14. Jh. decken und somit glaubwürdig sind. Gänzlich unhistorisch ist allerdings der Tod Bernard Guis: Er verstarb erst im Jahre 1331 und dies auf eine friedliche Weise.

Anders als die Darstellung Guis stützt sich die des William von Baskerville im Buch und im Film nicht auf eine einzige historische Figur: William ist eine Kunstfigur, die sich aus vielen unterschiedlichen Vorbildern zusammensetzt. Eco legt ihm Zitate in den Mund, die teilweise sogar aus dem 20. Jahrhundert stammen.24 Den Vornamen hat er von Wilhelm von Ockham erhalten, während er seinen Beinamen Sherlock Holmes` berühmten Fall ,,Der Hund von Baskerville" verdankt. Der Theologe und Philosoph Wilhelm von Ockham prägt jedoch nicht nur den Vornamen, sondern erst recht das Denken des Eco` schen Helden, der von seinem franziskanischen Bruder philosophische Ansichten, vor allem die des Nominalismus übernommen hat. Gerade weil Ockham das Denken Williams so sehr prägt wurden er, aber auch Roger Bacon, in Punkt 3.3. als historisches Vorbild für diese Arbeit ausgewählt. Williams Skepsis gegenüber ,,Wahrheit" und "Recht" trennt ihn deutlich von den Vorstellungen Guis, ein Beispiel dafür findet man im Roman auf Seite 195:

[...] ,,Sagt mir doch bitte, Bruder William, ihr, die ihr alles über die Ketzer wißt, so daß man meinen möchte, ihr wäret selber einer: Wo liegt die Wahrheit?"- ,,Manchmal nirgendwo", antwortete William traurig. - ,,Seht ihr, auch ihr wißt nicht mehr zwischen Ketzern und Ketzern zu unterscheiden! Ich habe da wenigstens eine Regel."

Zu dieser Trennung haben natürlich auch Williams Erfahrungen als vorgeblich ehemaligem Inquisitor in England und Italien beigetragen. Im Roman sowie im Film hat William aus seiner Tätigkeit als Inquisitor ausschliesslich negative Lehren gezogen, vor allem mit Blick auf die Folter und der immer wiederholten, starren Denkmuster. Er reagiert deshalb auch oft negativ auf Bernard Gui und dessen Tätigkeit. Er wendet sich gegen die Gerichtsbarkeit über ,,Ketzer", ja sogar gegen die Gerichtsbarkeit der Kirche in weltlichen Belangen. Diese staatspolitischen Ansichten teilt er mit Marsilius von Padua, was sich deutlich zeigt, wenn William den Legaten seine Konzeption der weltlichen Herrschaft erläutert und dafür aus Marsilius` Traktat ,,Defensor pacis" zitiert. Trotz aller Abneigungen gegen die Gerichtsbarkeit fühlte er sich als Inquisitor und hält sich in dieser Funktion besser als Bernard Gui, was er in einem Gespräch mit dem Novizen Adson auf Seite 503 zum Ausdruck bringt:

[...] ,,Bernard will gar nicht unbedingt den wahren Schuldigen finden, er will nur den Angeklagten brennen sehen. Mir dagegen macht es Freude, ein richtig schön verwickeltes Knäuel zu entwirren."

Ebenso wie der Abt und Adson kritisiert William immer wieder die Inquisition: Er ist der Meinung, dass diese nur blinden Terror hervorrufe und die Inquisitoren oftmals nur aus Eigennutz handeln und selbst neue Häretiker schaffen.

Von Roger Bacon hat William das Interesse an wundersamen Maschinen geerbt (Brille, eigene Konstruktion des Kompasses) und wie Bacon und dessen Lehrer Robert Grosseteste glaubt William an die Vernunft und (lange Zeit) an die Erklärbarkeit der Welt mittels logischer Experimente.25 Auf Seite 25 des Romans nennt William Bacon seinen Lehrer:

[...] ,,Roger Bacon, den ich als meinen Meister verehre, hat uns gelehrt, daß der göttliche Plan sich eines Tages durch die Wissenschaft der Maschinen verwirklichen wird, die eine magia naturalis et sancta ist."

Das Bacon der Lehrer Williams war, kann durchaus möglich sein, da er in den frühen siebziger Jahren des 13. Jh. geboren wurde. Offensichtlich hatte er das große Glück, Bacons Vorlesungen lauschen zu können.

Eco formuliert in seiner >Nachschrift< diesbezüglich auf Seite 34 das er das 14. Jh. als Zeitrahmen gewählt hat, da er einen Detektiv brauchte, ,,der nach Möglichkeit ein Engländer sowie von Bacon und Ockham geprägt sein müsse (Vgl. auch im Roman z. B. S. 24ff., S. 44)."26

4. Abschließender Kommentar - Fazit

Das Mittelalter und die Inquisition - zwei Themen die eng miteinander verknüpft sind und denen sich nicht nur Umberto Eco in seinem Roman bedient hat, sondern die immer wieder von unterschiedlichen Personen aufgegriffen und dokumentiert bzw. beschrieben werden. Aus der vorliegenden Arbeit geht deutlich hervor, besonders im ersten Teil über die Inquisition im Mittelalter, dass es ohne die damalige Weltanschauung kirchlicher Vertreter keine Inquisition, zumindest nicht in einem solchen Umfang, gegeben hätte. Das erste Kapitel zeigt ausserdem unverkennbar, dass fast alle Gesetze, die die selbige betreffen, von Klerikern verfügt wurden. Jedoch sollte man nicht ausschliesslich den Geistlichen die Schuld zusprechen, vermeintlichen Schismatikern das Leben schwer gemacht zu haben, denn auch weltliche Herrscher (z. B. Friedrich II.) haben Bestimmungen in der Inquisi- tionsgesetzgebung hervorgebracht.

Die kurze Erläuterung zu Fiktion und Wirklichkeit im historischen Roman und Spielfilm ,,Der Name der Rose", zu Beginn des zweiten Teils dieser Arbeit, veranschaulicht dem Leser das Eco sehr darauf bedacht war, dass die Romanfiguren nicht nur dem mittelalterlichen Leben gerecht werden, sondern auch einer moderneren Gesellschaft.

Ganz besonders trifft dies auf die Darstellungsweise William von Baskerville zu, der im Gegensatz zu Bernard Gui, in Roman und Film, eine ,,Mischung" aus mittelalterlichem Philosophen und Theologen ist. Zudem verkörpert er aber auch Persönlichkeiten aus neuerer Zeit. Unter anderem zählt dazu Sherlock Holmes, von dem William seine detektivischen Fähigkeiten hat. Holmes ist seinerseits aber auch eine Phantasiegestalt und der Feder Arthur Conan Doyles entsprungen, weswegen auf ihn in dieser Arbeit nicht genauer eingegangen wurde. Genau wie er hat William einen treuen Gefolgen, der mit Watson, dem Gehilfen von Holmes, vergleichbar ist.

Bei der Darstellungsweise von Bernard Gui verhält es sich hiergegen ganz anders: Dieser war tatsächlich als Inquisitor tätig und Eco hat ihm, wie es in dem Kapitel über Gui bereits beschrieben wurde, lediglich einige Sachen angedichtet oder auch hier und da etwas weggelassen.

Alles in allem läßt sich zu Uberto Ecos Roman und seiner Vorgehensweise sagen, dass er seinen Roman perfekt auf historische Tatsachen bezogen hat. Er hat die Historie geschickt mit Elementen der Neuzeit verbunden. Dem Rezipienten dieser Arbeit wird dies, insbesondere in den Passagen über Bernard Gui und William von Baskerville, näher gebracht: Er erhält mit der Schilderung der wahren Figuren, die den Protagonisten zugrunde liegen, und der darauffolgenden Beschreibung der Figuren im Roman einen kleinen Einblick, wie Eco Wirklichkeit und Fiktion hat ineinander übergehen lassen.

Literaturverzeichnis

BAUMANN, Hans D.; SAHIHI, Arman: Der Film: Der Name der Rose. Eine Dokumentation, Einheim und Basel 1986

BACHORSKI, Hans-Jürgen: Klägliche Allegorie der Ohnmacht, in: DERS (Hrsg.), Lektüren, Aufsätze zu Ecos "Der Name der Rose", Göppingen 1985

ECO, Umberto: Der Name der Rose, Carl Hanser Verlag München Wien 1982 ECO, Umberto: Nachschrift zum >Namen der Rose<, dtv 1984

ERBSTÖßER, Martin: Ketzer im Mittelalter, Stuttgart 1984

GRIGULEVIC, J.R.: Ketzer - Hexen - Inquisitoren. Geschichte der Inquisition (13.-20. Jh.), Teil 1, Akademie-Verlag Berlin, 1980

GRUNDMANN, Herbert: Ketzergeschichte des Mittelalters, 2. Auflage, Göttingen 1967 HAVERKAMP, Alfred; HEIT, Alfred: Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium, München 1987

KOLMER, Lothar: Ad capiendas vulpes, in: SEGL, Peter (Hrsg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter

LEA, Henry Charles: Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Band 1: Ursprung und Organisation der Inquisition, revidiert und herausgegeben von HANSEN, Joseph, Nördlingen 1987

Meyer Grosses Taschenlexikon in 24 Bänden, Band 2 und 16, Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich 1981

SCHIMMELPFENNIG, Bernhard: Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville, in: KERNER, Max: ,,...eine finstere und fast unglaubliche Geschichte?", Darmstadt 1987

[...]


1 Vgl. dazu Hans D. Baumann/Arman Sahihi, Der Film: Der Name der Rose. Eine Dokumentation. Einheim und Basel 1986, S. 4.

2 Umberto Eco, Nachschrift zum "Namen der Rose", Deutscher Taschenbuch Verlag München 1984, S. 9 f.

3 Vgl. dazu J. R. Grigulevic, Ketzer - Hexen - Inquisitoren. Geschichte der Inquisition (13. - 20. Jahrhundert), S. 22 f., Teil 1, Berlin 1980.

4 Die Katharer - diese neue religiöse Bewegung entstand gegen Mitte des 12. Jh. hauptsächlich im südlichen Frankreich. Der Name bedeutet Reinheit oder Rückkehr zur rechten Lehre Jesu. Das deutsche Wort "Ketzer" ist von "Katharer" abgeleitet.

5 Die Waldenser traten zum ersten Mal um 1170 auf, ihre Wurzeln gehen allerdings zurück bis ins frühe Mittelalter. Sie verfolgten ein radikales Armutsideal, weshalb man sie auch die "Armen von Lyon" nannte.

6 Vgl. Herbert Grundmann: Ketzergeschichte des Mittelalters, 2. Auflage, Göttingen 1967, S. 35.

7 Lothar Kolmer, Ad capiendas vulpes, S. 38. In: Peter Segl (Hrsg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993.

8 Vgl. hierzu Bernhard Schimmelpfennig, Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville. In: ,,...eine finstere und fast unglaubliche Geschichte"?, herausgegeben von Max Kerner, Darmstadt 1987, S. 198.

9 Bettelorden (auch Medikanten, lateinisch mendicare = ,,betteln"), Mitglieder religiöser Orden der katholischen Kirche, die einen Armutseid ablegen und somit auf persönliche und gemeinschaftliche Besitztümer verzichten. Nachdem der etablierte Klerus seinen anfänglichen Widerstand aufgegeben hatte, wurden die wichtigsten dieser Ordensgemeinschaften im 13. Jh. anerkannt. Definition aus: Microsoft Encarta 1998 Enzyklopädie. 1993-1997 Microsoft Corporation.

10 Zitiert nach: Henry Charles Lea, Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Band 1: Ursprung und Organisation der Inquisition. Revidiert und herausgegeben von Joseph Hansen, Nördlingen 1987, S. 368.

11 Vgl. hierzu Bernhard Schimmelpfennig, Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville, S. 198.

12 Vgl. zu den Ketzerkreuzzügen die Ausführungen Kolmers, Ad capiendas vulpes, S. 31 ff.

13 Vgl. dazu die Ausführungen von Martin Erbstößer, Ketzer im Mittelalter, Stuttgart 1984, S. 147 ff.

14 Umberto Eco, Nachschrift zum "Namen der Rose", S. 87 f. Eco unterscheidet in dieser Nachschrift drei Typen des historischen Romans: die Romanze, den Mantel- und DegenRoman und den wahren historischen Roman.

15 Ebenda.

16 Hans-Jürgen Bachorski, Klägliche Allegorie der Ohnmacht. In: Ders (Hrsg.), Lektüren. Aufsätze zu Umberto Ecos "Der Name der Rose", Göppingen 1985, S. 61.

17 Eco, Nachschrift zum "Namen der Rose", S. 87 f.

18 Vgl. hierzu Bernhard Schimmelpfennig, Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville, S. 206 ff.

19 Vgl. hierzu Meyers grosses Taschenlexikon in 24 Bänden, Band 16, Bibliographisches Institut Mannheim/Wien/Zürich 1981, S. 38.

20 Ebenda, Band 2, S. 338.

21 Lea, Geschichte der Inquisition im Mittelalter, Band 1, S. 411.

22 Vgl. hierzu den Aufsatz von Bernhard Schimmelpfennig, Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville. S. 206

23 Vgl. dazu Hans D. Baumann/Arman Sahihi, S. 82

24 Vgl. dazu den Aufsatz von Jörn Gruber, Spiel-Arten der Intertextualität im >Namen der Rose<. Aus der Werkstatt eines literarischen Falschmünzers oder Über die Kunst, aus fremden Texten neue Bücher zu machen. In: Alfred Haverkamp / Alfred Heit: Ecos Rosenroman. Ein Kolloquium,. München 1987, S. 60-97.

25 Vgl. Hans D. Baumann/Arman Sahihi, S. 50-58.

26 Vgl. hierzu Bernhard Schimmelpfennig, Intoleranz und Repression. Die Inquisition, Bernard Gui und William von Baskerville, S. 2

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Roman und Realität; Die Inquisition in Umberto Ecos´ "Der Name der Rose"
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
gut
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V94733
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roman, Realität, Inquisition, Umberto, Ecos´, Name, Rose
Arbeit zitieren
Angela Neumann (Autor), 1999, Roman und Realität; Die Inquisition in Umberto Ecos´ "Der Name der Rose", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94733

Kommentare

  • Gast am 18.4.2003

    fiel Ockham im Jahre 1285 in München der Pest zum Opfer.

    hm, echt ne klasse arbeit, hat mir echt gut gefallen und weitergeholfen.falls du es noch nicht mitbekommen hast:dein tippfehler (siehe überschrift)hinsichtlich der jahreszahl 1285 is noch nicht verbessert.richtig ist entweder 1349 oder 1350.
    mfg martin

  • Plakkativ und unangemessen argumentiert.

    Da ich mich ausgiebig mit der dem Thema der Entwicklung der Inquisition beschäftigt habe möchte ich zu dieser Arbeit festhalten, dass der Teil über die mittelalterliche Inquisition viel zu pauschal und plakkativ gehalten ist. Die einschlägige Konsultation verschiedener Veröffentlichungen von Trusen, Schild, Breitsching, sowie eingängige Artikel im Lexikon des Mittelalters, der theologischen Realenzyklopädie, des Lexikons für Theologie und Kirche und das Handwörterbuch für deutsche Rechtsgeschichte hätte hier sicherlich ein tieferes Eindringen und damit Verstehen der Materie ermöglicht.
    Nicht das die Verbrechen der Inquisition gerechtfertigt werden sollen, aber es wäre doch interessant gewesen, wenn erwähnt worden wäre, dass das Inquisitionsverfahren Innozenz III. ein rein Disziplinarisches Verfahren für die Aufdeckung und Bestrafung von Vergehen war, welche von Klerikern begangen wurden. Erst später wurde es dann zu dem Dargestellten Ketzer-Inquisitionsverfahren ausgebildet.

    MfG
    M. Harperscheidt

  • Gast am 25.10.2004

    Fehlende Teile.

    Es fehlt leider noch einige Informationen zum Autor/Regisseur. Ansonsten aber nicht schlecht.

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