Die Funktion von Sexualität und Essen in Wolfgang Koeppens Roman "Der Tod in Rom"


Hausarbeit, 1997

12 Seiten


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INHALT

1.EINLEITUNG

2.DAS VERHÄLTNIS DER HAUPTFIGUREN ZU SEXUALITÄT UND ESSEN
2.1.Judejahn
2.2.Siegfried
2.3.Parallelen zwischen Siegfried und Judejahn

3.DIE BEDEUTUNG FÜR DEN ROMAN

4.LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

,,Wer Assoziationsketten verfolgt, landet freilich unter der Schwelle des Bewußtseins, und dort ist allerlei Schlamm zu Hause. Und daß der Mensch ein auch vom Sexuellen bestimmtes Wesen ist, läßt sich in der Assoziationsprosa seit Joyce nicht mehr verheimlichen. Trotzdem: Koeppen hätte es nicht nötig gehabt, in das an sich schon hochexplosive Spannungsfeld seiner Personen auch noch ein Sortiment von Perversitäten zu werfen und einen Schluß zu bauen, der sich der Sexualkolportage bedenklich nähert. (...) Tiefschläge, die sich Koeppen (...) nicht leisten dürfte. Hier wird die Zeitkritik durch Kolportage bedrängt und stellenweise entwertet. Das ist sehr schade: für die Wirkung des Buches und für Koeppen, an den höhere Ansprüche zu stellen sind."1

Orientiert man sich an einer zeitgenössischen Zeitungsrezension wie dieser, so könnte man meinen, daß eine tiefergehende Untersuchung des Bereichs der Sexualität in ,,Tod in Rom" überflüssig sei. Diese Arbeit versucht hingegen zu zeigen, daß dieser Bereich wesentliche Funktionen für den Roman übernimmt und in großem Maße zu seiner Vielschichtigkeit beiträgt.

Ein weiterer Aspekt, dessen Untersuchung sich lohnt, ist der des Essens, da sich wichtige Persönlichkeitsmerkmale der Romanfiguren an ihm zeigen lassen und da er auf vielfältige Weise mit dem der Sexualität und der Triebe der handelnden Personen verknüpft ist.

Zunächst soll daher das Verhältnis der beiden Hauptfiguren, Judejahn und Siegfried, zu Sexualität und Essen analysiert werden. Im sich daran anschließenden Teil werde ich untersuchen, welche Schlußfolgerungen sich aus diesen Ergebnissen ziehen lassen und welche Funktion oder Funktionen für den Roman sich daraus ergeben.

2. DAS VERHÄLTNIS DER HAUPTFIGUREN ZU SEXUALITÄT UND ESSEN

2.1. Judejahn

Judejahns Persönlichkeitsbild setzt sich aus verschiedenen Aspekten zusammen, die zueinander im Konflikt stehen.

Die Kindheit Judejahns wird im Roman durch Hinweise auf seinen ,,mächtigen, strengen und gewalttätigen Vater, der die Ausbildung einer gereiften Ich-Identität verhindert"2 beschrieben. Als Resultat dieser Behandlung steckt in ihm immer noch der ,,kleine Gottlieb", so daß er sich in ,,heiklen" Situationen, etwa bei der ersten Begegnung mit Laura, genauso unsicher wie in seiner Kindheit fühlt: ,,Aber er war wieder der kleine Gottlieb, (...). Er stand da, wie er einst in seines Vaters (...) Anzügen (...) gestanden hatte, (...)"3. Dieses Bild des ,,kleinen Gottlieb" taucht extrem gehäuft im Roman auf4. Mit seiner Erwähnung tritt häufig ein den Text prägendes Phänomen einher: der fließende Übergang von erlebter Rede zum Kommentar des auktorialen Erzählers. Ein Beispiel für diese Technik ist die erste explizite Erwähnung der kindlichen Persönlichkeitsseite Judejahns:

,,Was sollte er anziehen? Er war gut in Schale, (...), er war weltmännisch geworden, parfümierte sich sogar, bevor er ins Bordell ging, Kraft abzustoßen, das hatte er von den Scheichs gelernt, aber in jedem Tuch blieb er unverkennbar der alte Judejahn, ein infantiler Typ, ein düsterer Knabenheld, der nicht vergessen konnte, daß sein Vater, ein Volksschullehrer, ihn geprügelt hatte, weil er nichts lernen wollte."5

Dieser Abschnitt beginnt in erlebter Rede, was am assoziativen Stil und der einfachen Wortwahl zu erkennen ist; diese wird jedoch von der Analyse des auktorialen Erzählers abgelöst.

Judejahn ist ständig seiner ,,kleiner Gottlieb"-Persönlichkeit ausgeliefert. Auch seine ungeheure Aggressivität kann als Folge der Rachegelüste an seinem Vater interpretiertwerden 6. Diese Schwäche verträgt sich selbstverständlich nicht mit dem Bild, das er von sich selbst hat und das in der Vergangenheit, in seiner Zeit als Nazi-General, von ihm gefordert wurde (wenngleich auch die Ursache für seinen militärischen Erfolg, die Bereitschaft, andere zu unterdrücken und sich selbst bedingungslos Höhergestellten unterzuordnen, wahrscheinlich in der Unterdrückung durch seinen Vater liegt). Er verbirgt sie vor sich selbst und kaschiert sie vor der Außenwelt, indem er sich an Macht- und Potenzsymbolen orientiert. Von der Wüste, dem Ort seiner neuen Tätigkeit als militärischer Ausbilder, denkt er, sie erhalte ihn ,,mannbar" durch ,,ein[en] fortwährende[n] prickelnden Reiz"7. Phantasien und Erinnerungen Judejahns an die Wüste sind mit Erektionssymbolen gespickt:

,,Der Flaggenmast reckte sich hoch in den Sturm (...) Schreie schlugen wie elektrische Kontakte durch die Soldaten. Sie strafften sich noch straffer, und die Fahne ging wieder einmal hoch!"8

Den Gegenpol zu dieser militärisch-asketischen Haltung stellt Judejahns jetziger Lebensstil in Rom dar. Dessen offensichtlichstes Symbol, das seine Wirkung auch nicht verfehlt, ist das Auto:

,,(...) und das Lächeln umschloß auch den großen Wagen, wie allen Frauen war ihr die Stärke des Motors, das kräftige pantherleise Gleiten des Fahrzeuges ein Sexualsymbol, das leicht dem Besitzer des Wagens schmeichelt und dem man sich weiblich unterwirft, (...) weil er [der Besitzer] ein Mächtiger ist, (...)"9

Einerseits genießt er seine jetzige Lebenssituation (,,[er] konnte mitnehmen, was die Stadt bot an Klimadunst, an Geschichtsstätten, an raffinierten Huren und reicher Tafel")10, andererseits verachtet er den luxuriösen Lebensstil und fühlt sich von ihm und der ,,sinnlichen Anfechtung", die von Rom ausgeht, bedroht. Dies ist die zweite Angst (neben der Autoritätsfurcht des ,,kleinen Gottlieb"), der Judejahn ständig ausgesetzt ist. Da er in höchstem Maße von seinen Trieben beherrscht wird, gelingt es ihm nicht, sich den Verlockungen des Luxus zu widersetzen - so bezeichnet er in einem Atemzug dieGetränke der Pfaffraths als ,,welsches Gesöff", gleichzeitig gesteht er sich selbst ein, daß ,,auch er (...) das Gesöff ja [saufe]" 11 (zum Beispiel den Chianti oder den Champagner12 ). Die Hingabe Judejahns an das sinnlich-bedrohliche Rom erschöpft sich jedoch nicht in teuren Genüssen. Dies machen die beiden ,,Freßszenen" deutlich:

,,Judejahn spürte Gier, sich zu füllen. (...) Man brachte ihm (...) in Teig und Öl gebackene kleine Meertiere. Er schlang sie hinunter; sie schmeckten ihm wie gebratene Regenwürmer, und ihm grauste. Er fühlte, wie sein schwerer Leib sich in Würmer auflöste, er erlebte lebendigen Leibes seine Verwesung, aber um der Auflösung zu begegnen, schlang er gegen alles Grausen weiter hinunter, was auf dem Teller lag."13

,,(...) er stellte sich an das Büfett, er hätte alles in sich hineinschlingen mögen, ein wahnsinniger Hunger quälte ihn. Da waren dicke weiße Bohnen, ein deutsches Gericht, ein Schulhauskinderzeitgericht, er deutete drauf hin, aber die Bohnen waren kalte Speise, kein deutsches Gericht, sie glitschten glatt in Öl, schwammen scharf in Essig, und überdies schmeckten sie fischig, denn was er für Fleisch gehalten hatte auf seinem Teller, war traniger Fisch, aber er schlang alles hinunter und hinterher noch eine Pasta, Nudeln jetzt ganz italienisch, die Tomatensauce schmierte sich ihm weich und fettig um den Mund, ein welscher Kuß, die Spaghetti hingen die Lippen abwärts, man hatte ihm kein Messer gegeben, sie zu schneiden, nun schnaufte er sie hoch wie eine Kuh das lange Gras, und erst ein neuer halber Liter Chianti reinigte Judejahn und machte ihn wieder zum Menschen. Das glaubte er."14

Hier kann nicht mehr von Hingabe oder Genuß gesprochen werden. Judejahns unkontrollierbare Freßgier treibt ihn in eine Situation, die erniedrigend auf ihn wirken muß. Judejahn fühlt sich dem Essen völlig unterworfen: ,,die Tomatensauce schmierte sich ihm um den Mund", ,,er erlebte lebendigen Leibes seine Verwesung." Der Vergleich Judejahns mit einer Kuh und die expressiven Stilmittel wie die Alliteration ,,glitschten glatt - schwammen scharf" wirken wie karikaturhafte Überzeichnung; Judejahns völlige Hilflosigkeit erweckt fast das Mitleid des Lesers.

Aus seiner Freßgier und dem Hinunterschlingen ,,gegen alles Grausen" lassen sich sadistische Züge ableiten. ,,(...) Judejahns Freßgier ist zugleich eine Weise der Zerstörung und Vernichtung dessen, was ihn anzieht und wovor er sich ekelt. Es ist eine Form derVernichtung durch Einverleibung."15 Dieser ,,Einverleibung" ist aber auch Judejahn selbst ausgesetzt:

,,So trieb er ab, trieb in den Corso hinein, einen langen Darm, gefüllt mit Wagen und Menschen. Wie Mikroben, wie Maden, wie Stoffwechsel und Verdauung zog es durch den Längsdarm der Stadt. Judejahn schwemmte der Sog der Verkehrs (...)"16

Die trieborientierte, aber letztendlich masochistische Haltung Judejahns und sein Hang zur Selbsterniedrigung, die Judejahn wiederum durch die Erniedrigung anderer kompensiert, setzen sich auf der Ebene der Sexualität fort. Dies wird besonders an seinem ambivalenten Verhältnis zu Laura und dem Begehren gegenüber Ilse Kürenberg deutlich. Der treffendste Begriff für dieses Phänomen, ,,Lusthaß"17 wird im Roman selbst genannt und erläutert:

,,Das war es, er brauchte eine Frau, um sie zu hassen, er brauchte für seine Hände, für seinen Leib einen anderen Leib, ein anderes Leben, das zu hassen und zu vernichten war, nur wenn man tötete, lebte man (...)."18

So wie er das italienische Essen eigentlich verabscheut, aber sich trotzdem damit füllt, so erregt ihn auch die Vorstellung der ,,Rassenschande": ,,(...) eine deutsche Jüdin schlief mit seinem Sohn, der ein römischer Priester war, es erregte Judejahn (...)"19. Durch die Vorstellung, auch Laura sei eine Jüdin, und die Verwendung verschiedener diffamierender Bezeichnungen (,,Eine magere geile jüdische Hure."20 ) putscht Judejahn sich gleichzeitig an der ihm ideologisch ,,verbotenen", aber doch innewohnenden Gier auf und rechtfertigt sich durch die Abwertung des Objektes seines ,,Lusthasses". Dies verträgt sich wiederum mit seiner ,,Landsknechtsideologie", als deren Leitsatz er ,,Fressen, saufen, huren" betrachtet21. Judejahn schämt sich seiner Primitivität nicht, sondern er betrachtet sie als seiner militärischen Haltung angemessen: ,,Denken war nicht seine Art. Das war Treibsand, gefährliches verbotenes Territorium."22 Diese Primitivität äußert sich auch inder von Judejahn benutzten Vulgärsprache (,,Ihm war, als könne in dieser Stadt keiner mehr ficken."23 ) und in seiner teilweise kindlich-einfach wirkenden Wortwahl:

,,Der Kellner servierte Speisen. Die Männer hatten sie wohl bestellt.

Braungebrannte Zwiebeln brutzelten auf großen gehackten Steaks. Man aß. Man stopfte sich voll. Die Zwiebeln schmeckten den Männern. Die Zwiebeln schmeckten Judejahn. Man freundete sich an."24

An diesem Ausschnitt ist der enge Blickwinkel Judejahns, seine völlige Bestimmtheit von seinen Gefühlen und Trieben, besonders deutlich zu erkennen.

2.2. Siegfried

Siegfrieds Sexualverhalten ist dem Judejahns nahezu diametral entgegengesetzt. Während Judejahn von rasender Geilheit getrieben wird25, ist Siegfrieds Verhältnis zur Sexualität von angstvoller Distanzierung geprägt. Er empfindet Angst vor der Fortpflanzung, davor, ,,ein Leben zu verursachen, (...), Vater eines Kindes zu sein, diese[r] Herausforderung der Welt."26 Doch es ist nicht nur die Verantwortung, die ihn abschreckt; Siegfried fürchtet sich gleichzeitig vor jeglicher ,,fleischlicher Lust":

,,(...) wie auch die fleischliche Lust, die Verschmelzung im feucht Organischen mit Schweiß und Stöhnen, in Todesnähe lag und Erschöpfung sich mit Erschöpfung berührte, ja schließlich ein und dasselbe war, der warme Urschleim des Anfangs."27

So ruft in ihm jede Assoziation weiblicher Sexualität Ekel hervor:

,,(...) eine Reinmachefrau aß eine Semmel, und aus der Semmel hing eklig das in der Wärme zerlaufende Fett des Schinkens, und eklig hingen die Brüste der Frau ungehalten in der verschwitzten weitgeöffneten Bluse, und Siegfried dachte an den Schoß des Weibes und daß sie Kinder hatte, und es ekelte ihn vor dem feuchten und warmen Schoß, vor den feuchten und warmen Kindern, dem feuchten und warmen Leben, und unheimlich undeklig dünkte ihm die Lebensgier, zu der wir verdammt sind, die Fortpflanzungssucht, die noch die Ärmsten betört (...)"28

Eine enthusiastische ,,Liebeserklärung" wie die an Rom29 ist für ihn nur möglich, weil er dabei nicht mit einem menschlichen Gegenüber konfrontiert wird. Jegliche weitere Annäherung an das Objekt ist für Siegfried unmöglich und ruft sogar Ekel in ihm hervor. Dies zeigt sich an seiner Begegnung mit dem armen Römer in der Weinstube: ,,Aber gerade weil er den Mann nicht versteht, unterhält er sich gern mit ihm."30 Siegfried genießt den Kontakt mit dem Mann, da das Nichtverstehen eine gewisse Distanz zwischen den beiden herstellt. Größere ,,Intimität" löst dagegen Abscheu aus: ,,Siegfried graust es vor dem Glas des Mannes, dessen Zwiebelmund schon ölig und ätherisch den Rand beschmiert hat, aber er überwindet den Ekel (...)"31

Obwohl der Ich-Erzähler Siegfried in seinen ,,Hymnen" auf Rom ständig den Begriff ,,ich liebe" verwendet, kann von einer echten Liebesfähigkeit nicht gesprochen werden. Dies heißt jedoch nicht, daß Siegfried keine Sehnsucht nach dieser Fähigkeit verspürte: ,,Dachte er an die Ordensburg (...), an die Knaben (...) voll Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit?"32 Da Siegfried sich vor der Hingabe an das Leben, an das Lebendige fürchtet, sucht er als ,,Objekt seines Genusses und seines ästhetischen Vergnügens (...) all das, was nicht ,,warm und feucht" ist, sondern leblos und kalt"33. Den Gegensatz zu den ,,feuchten und warmen Kindern"34 stellen die römischen Straßenjungen dar, die er ästhetisierend mit Statuen vergleicht:

,,Die Schulschürzen sind hochgerutscht, die Hosen winzig, und die Beine sind anzusehen wie die Glieder gegossener Plastiken unter einer Patina von Sonne und Staub. Das ist die Schönheit Italiens."35

,,Siegfried war Päderast, (...) er liebte die herbe bittere Schönheit der Knaben (...). Sie waren unerreichbar und unverletzlich, und deshalb enttäuschten sie nicht, sie waren ein Anblicksbegehren und eine Phantasieliebe, eine geistig ästhetische Hingabe an die Schönheit, ein aufregendes Gefühl voll Lust und Traurigkeit (...)."36

Siegfrieds Einstellung zur Badeschiffszene (TiR S. 114-120) ist ambivalent. Einerseits fühlt er sich nachher euphorisiert (,,Das trübe Wasser des alten götterbefreundeten Flusses, (...) die feuchte, umschlingende Umarmung des mythischen Elements hatten mich euphorisch erquickt"37 ), andererseits wird die ,,Umarmung (...) auf dem Badeschiff" als ,,wahnsinniger Versuch, das Unberührbare zu berühren", als ,,die Tollheit, den Gott im Schmutz zu fassen" bezeichnet, das Glücksgefühl dagegen als ,,flüchtig, schnell wieder vergehend" 38. ,,Siegfrieds Erfahrung der Unmöglichkeit einer lustvollen körperlichen und sexuellen Beziehung ist nicht nur eine Bedingung, sondern auch eine Bestätigung seines kontemplativ- ästhetischen Lebensprogramms."39 Allerdings ist sein Verhalten auch von Selbsthaß und Masochismus bestimmt:

,,Doch der übelste der Burschen trat in die Zelle (...). Ich verabscheute ihn. Er war nackt und ich verabscheute ihn. Ich haßte mich. (...) Ich haßte mich. Der Ekel war mit mir allein in der Zelle. Ich haßte mich und preßte mich an seinen geschändeten Leib, ich legte meinen Arm um seinen nassen Nacken, ich drückte meinen Mund auf seinen gemeinen käuflichen Mund. Es war Lust und Vergangenheit, die ich empfand, es war Erinnerung und Schmerz, und ich haßte mich"40

Siegfried kann den schönen Knaben, wiederum ästhetisierend und mythologisierend als ,,Ganymed"41 bezeichnet, genausowenig berühren wie alle Objekte seiner Zuneigung. Da er seine geschlechtliche Begierde spürt und deshalb Schuld empfindet, bestraft er sich durch die Umarmung mit dem häßlichen Jungen.

Siegfried bewundert die natürliche Einstellung der Kürenbergs zur Sexualität:

,,Das Ehebett stand großmächtig im geräumigen Zimmer, es war sachlich und schamlos, es war aufgedeckt, kaltes und reines Linnen, und sprach kalt und rein von Gebrauch, den niemand verbergen wollte, von Umarmungen, deren niemand sich schämte (...)"42

,,(...) sie war ihm sympathisch, weil sie kinderlos war. Er dachte: Sie hat nicht geboren, sie hat sowenig geboren, wie die Statuen in den römischen Gärten geboren haben, und vielleicht ist sie doch die Göttin der Musik, die Muse Polyhymnia, erfahren und jungfräulich."43

Siegfried neigt dazu, etwas eigentlich banales wie die Kinderlosigkeit der Kürenbergs ,,ästhetisch zu verbrämen"44, da er Fortpflanzung und alles, was ,,warm und feucht" ist, ablehnt (im Gegensatz zum ,,kalten und reinen Linnen". Er bezeichnet sie deshalb als ,,sündelos", als ,,der Mensch, der ich sein möchte". In seiner Begeisterung über den ,,nomadischen" Lebensstil der Kürenbergs, derer, ,,die sich's in einer vielleicht unwirtlichen Welt wirtlich gemacht hatten und sich des Erdballs freuten"45 übersieht er jedoch zunächst den wahren Grund für ihre Reisefreudigkeit und besonders für ihre Hingabe an kulinarische Genüsse: Kürenbergs leben in ständiger Flucht vor der Vergan genheit, vor der Verfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Schilderung des Abendessens in ihrem Hotel46, eigentlich eine idyllische, ganz und gar nicht humorlose Szenerie47, wird durch die Erinnerungen an das Grauen in Siegfrieds und Ilses Heimatstadt durchbrochen, so daß Siegfried das Essen letztendlich nicht mehr genießen kann. Am Idealbild des ,,synthetischen Menschen"48, das Kürenbergs für Siegfried verkörpern und mit dem er sich am ehesten anfreunden könnte, kann er sich deshalb auch nicht orientieren. Siegfried steht somit unglücklich zwischen seiner Selbstverachtung und seiner künstlerisch-ästhetischen Haltung.

2.3. Parallelen zwischen Siegfried und Judejahn

Bei oberflächlicher Betrachtung wirken die Figuren Siegfried und Judejahn wie Personen, die gegensätzlicher gar nicht sein könnten und sich jeweils wie ein Spiegelbild des anderen darstellten: ,,Judejahn ist bloß Körper, Verzehren, Verschlingen, Schweiß, Ausscheidung, Lust-Ekel und Lust-Angst, seine ihn überwältigenden Begierden treiben ihn in den unaufhaltsamen Untergang; Siegfried ist ganz Ekel vor Wärme, Feuchtigkeit, Geschlechtlichkeit, vor Frauen, aber auch vor den Strichjungen, zu denen er wie `zu denToten' hinabsteigt"49. Gleichzeitig aber sind die beiden Figuren durch verschiedene Gemeinsamkeiten aufeinander bezogen: ,,durch den Affekt gegen Frauen, durch die Lebensangst, durch das ,,Dionysische", das sowohl die Welt des Romans im ganzen kennzeichnet als auch die Musik Siegfrieds und die Figur Judejahns"50. Beide leiden unter ausgeprägten Schuldkomplexen und neigen zu masochistischer Selbstbestrafung. Auch die Verehrung eines asketischen Ideales und der Wüste verbindet sie: Judejahn schöpft ,,Mannbarkeit" aus der Wüste, Siegfried will ,,nach Afrika reisen, (...) die Wüste sehen, und aus der Wüste Musik (...) empfangen"51.

3. DIE BEDEUTUNG FÜR DEN ROMAN

Bei einem so vielschichtigen Werk wie ,,Der Tod in Rom" läßt es sich nicht eindeutig festlegen, welche Bedeutung der Einzelaspekt von Sexualität und Essen hat. Sicher ist jedoch, daß es sich hier nicht um einen bloßen ,,Aufsatz" auf einen politisch-satirischen Roman handelt.

Siegfried tritt in ,,Der Tod in Rom" teilweise als Ich-Erzähler auf; der Übergang von der dritten zur ersten Person ist fließend52. Dadurch wirkt seine Beziehung zum Leser unmittelbar; er steht auf einer Ebene mit dem ebenfalls vorhandenen auktorialen Erzähler. 53 Eine Interpretation der Figur Siegfrieds als ,,Sprachrohr des Autors"54 erscheint daher nicht abwegig. Richner geht sogar so weit, die Psyche Siegfrieds mit der Koeppens gleichzusetzen und so ein Psychogramm nicht nur der Romanfigur, sondern auch Koeppens zu erstellen55. Er sieht den Roman also als eine Art versteckte psychologische Selbstdarstellung, als Selbstanalyse des Autors56.

Die Annäherung Siegfrieds an Judejahn, die durch die zahlreichen Parallelen und Querverweise und auch durch das harte Aufeinandertreffen von eigentlich unzusammenhängenden Handlungsabschnitten läßt keine Deutung zu, die Judejahnvereinfachend als ,,böse", Siegfried dagegen als ,,gut" ansieht (da es sich bei Siegfried sicherlich um den Sympathieträger des Lesers handelt). Die Identifikation mit Siegfried als dem Ich-Erzähler und der am ehesten ,,akzeptablen" Romanfigur ist stark erschwert. Er ist eben nicht nur ein moderner Komponist, der seinen Onkel, den Altnazi, verachtet, sondern auch - etwas überspitzt ausgedrückt - ein extrem verklemmter Päderast. Ein zu simples Gegenwartsbild57 wird durch diesen Mangel an Identifikation vermieden, auch wenn darunter vielleicht die ,,politische" Wirkung des Romans leidet (die ohnehin durch die ständige Entfernung von der im Roman gezeigten Epoche einem gewissen ,,Verfall" ausgesetzt ist).

Sexualität und Essen treten in ,,Der Tod in Rom" entweder in ihren negativen, ,,perversen" Facetten auf, oder eine eigentlich angenehme, positive Szenerie wird durch einen negativen Kontext entkräftet. Die psychoanalytische Untersuchung Richners stellt bei allen Romanfiguren ein klares Überwiegen des Todestriebes fest - ein deutlicher Bezug zum Titel. Der Roman ist von einer starken Atmosphäre der Desillusionierung geprägt; Koeppen geht nicht freundlich mit den Gefühlen und Erwartungen des Lesers um. Dieser darf sich letztendlich für keine der Romanfiguren ,,entscheiden", sondern er muß mit der brüchigen, perversen, ambivalenten Welt des Romans zurechtkommen.

4. LITERATURVERZEICHNIS

Primärtext

Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. Taschenbuchausgabe. Frankfurt am Main 1975.

Rezensionen

Georg Hensel: Zeitkritik und Kolportage (Darmstädter Echo, 19.11.1954). In: Über Wolfgang Koeppen. Hg. von Ulrich Greiner. Frankfurt am Main 1976

Interpretationen

Martin Hielscher: Wolfgang Koeppen. München 1988 (Beck'sche Reihe; 609: Autorenbücher)

Martin Hielscher: Zitierte Moderne: Poetische Erfahrung und Reflexion in Wolfgang Koeppens Nachkriegsromanen und in ,,Jugend". Heidelberg 1988. (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte; Folge 3, Bd. 75)

Thomas Richner: Der Tod in Rom. Eine existentialpsychologische Analyse von Wolfgang Koeppens Roman. Zürich/München 1982

Hans-Ulrich Treidel: Fragment ohne Ende. Eine Studie über Wolfgang Koeppen. Heidelberg 1984. (Reihe Siegen; Bd. 54: Germanistische Abt.)

[...]


1 Georg Hensel: Zeitkritik und Kolportage. Darmstädter Echo (19.11.1954.). In: Über Wolfgang Koeppen. Hg. von Ulrich Greiner. Frankfurt am Main 1976, S. 66.

2 Hans-Ulrich Treichel: Fragment ohne Ende: Eine Studie über Wolfgang Koeppen. Heidelberg 1984, S. 53. (I.F. abgekürzt als ,,Treichel: Fragment".)

3 Der Tod in Rom, S. 37. (Im Folgenden wird ,,Der Tod in Rom" der häufigen Nennung wegen als ,,TiR" abgekürzt.)

4 Zählungen in der Sekundärliteratur sprechen z.B. von 27 Erwähnungen (Treichel: Fragment, S.53 Anm. 7).

5 TiR, S. 22.

6 Vgl. Thomas Richner: Der Tod in Rom. Eine existentialpsychologische Analyse von Wolfgang Koeppens Roman. Zürich/München 1982, S. 62. (I.F. abgekürzt als ,,Richner: Tod in Rom".)

7 TiR, S. 23

8 TiR, S. 24. Vgl. auch Treichel: Fragment, S. 57-58.

9 TiR, S. 129.

10 TiR, S. 28-29.

11 TiR, S. 43.

12 TiR, S. 56 und S. 172.

13 TiR, S. 42.

14 TiR, S. 56.

15 Treichel: Fragment, S. 59.

16 TiR, S. 58. Mehr zum Sadismus Judejahns: Treichel, Fragment, S. 59-64; Richner: Tod in Rom, S. 67-68.

17 TiR, S. 157.

18 TiR, S. 86.

19 TiR, S. 157.

20 TiR, S. 86

21 TiR, S. 66; Richner: Tod in Rom, S. 68.

22 TiR, S. 66. An Stellen wie dieser wird auch die satirische Überzeichnung der Figur Judejahns deutlich.

23 TiR, S. 66.

24 TiR, S. 67.

25 Hielscher verwendet die Bezeichnung der ,,ohrenbetäubend gestalteten sexuellen Obsession" (Martin Hielscher: Zitierte Moderne: Poetische Erfahrung und Reflexion in Wolfgang Koeppens Nachkriegsromanen und in ,,Jugend". Heidelberg 1988, S. 153. I.F. abgekürzt als ,,Hielscher: Zitierte Moderne".)

26 TiR, S. 160.

27 TiR, S. 160.

28 TiR, S. 104.

29 TiR, S. 48-50.

30 TiR, S. 60.

31 TiR, S. 60. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich zu S. 67, Judejahns Besuch in der deutschen Kneipe. ,,Siegfried mag den Geschmack der Lauchgewächse nicht" (S. 60), aber ,,die Zwiebeln schmeckten Judejahn" (S.67). Da der Verzehr der Zwiebel durch den Armen als durchaus appetitlich dargestellt wird, wirkt Siegfrieds Distanzierung noch kümstlicher. Eventuell wird Judejahn hierdurch ein höherer Grad an ,,Normalität" zugeordnet als Siegfried, dem wohl am ehesten die Sympathie des Lesers gilt.

32 TiR, S. 164.

33 Treichel: Fragment, S. 72.

34 TiR, S. 104.

35 TiR, S. 11.

36 TiR, S. 159-160.

37 TiR, S. 120.

38 TiR, S. 160.

39 Treichel: Fragment, S. 77.

40 TiR, S. 118.

41 TiR, S. 117.

42 TiR, S. 43.

43 TiR, S. 104.

44 Hielscher: Zitierte Moderne, S. 151.

45 TiR, S. 44.

46 TiR, S. 44-48.

47 (Kürenbergs Angewohnheit, eine transportable Küche mitzunehmen, wirkt ein wenig kauzig.)

48 Vgl. Richner: Tod in Rom, S. 82-83.

49 Martin Hielscher: Wolfgang Koeppen. München 1988, S. 104. (I. F. abgekürzt als ,,Hielscher: Koeppen".)

50 Hielscher: Koeppen, S. 104.

51 TiR, S. 177. Hielscher weist außerdem auf die Ähnlichkeit zwischen Siegfrieds einfachem Hotelzimmer und Judejahns Militärbaracke hin (Hielscher: Koeppen, S. 106).

52 Siehe z.B. TiR, S. 43.

53 Richner: Tod in Rom, S. 37.

54 ebd.

55 Richner: Tod in Rom, S. 37-60.

56 (Dagegen war Koeppen ja in der Herausgabe autobiographischen Materials extrem ,,sparsam".)

57 Hier ist die ,,Gegenwart" zum Zeitpunkt des Erscheinens von ,,Tod in Rom" gemeint, also die ,,Fünfziger". In welchem Maße sich die dargestellte Situation und die Romanfiguren auf die ,,echte" Gegenwart eines heutigen Rezipienten beziehen lassen, wird stets dem geschichtlichen Wandel unterworfen sein.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Die Funktion von Sexualität und Essen in Wolfgang Koeppens Roman "Der Tod in Rom"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Einführung in das Studium der neueren deutschen Literatur, Dr. Dorothee Kimmich
Autor
Jahr
1997
Seiten
12
Katalognummer
V94734
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Funktion, Sexualität, Essen, Wolfgang, Koeppens, Roman, Einführung, Studium, Literatur, Dorothee, Kimmich
Arbeit zitieren
Rauhaus, Daniel Johannes (Autor), 1997, Die Funktion von Sexualität und Essen in Wolfgang Koeppens Roman "Der Tod in Rom", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94734

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