Die Vorgängerkirche St. Matthias in Rodgau Nieder-Roden

Eine historische Analyse


Forschungsarbeit, 2020

30 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtliche Entwicklung

3. Die Bevölkerungsentwicklung 800-1542

4. Gründe für den Bau der Kirche

5. Baugeschichte der St. Matthiaskirche Nieder-Roden

6. Der Bau der Kirche

7. Der Grundriss der Kirche

8. Materialbeschaffung

9. Transport

10. Rückschlüsse

11. Zukünftige Nachforschungen

Quellenverzeichnis

Verzeichnis der Bilder und Karten

1. Einleitung

Wenn Steine erzählen könnten! Das ist der Wunsch mancher Archäologen oder Heimatforschers, denn dann hätte es diese Menschengruppe viel einfacher, der historischen Wahrheit näher zu kommen. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als aufmerksam zu beobachten. Nein halt: Sie haben noch ein Hilfsmittel! Sie gehören zur selben Menschengattung des homo sapiens wie unsere Vorfahren. Und diese konnten genau so logisch denken wie wir. Und noch eins: Ein Grundprinzip herrschte damals genau so wie heute: Jeder wollte sich das Leben leichter machen. Das war letztlich der Antrieb für die Erfindungen und die Menschheitsentwicklung.

Vor der Vorgängerkirche, die etwa um 1250 erbaut wurde, wurde die kirchliche Versorgung von Nieder-Roden mit größter Wahrscheinlichkeit vom Kloster Rotaha ausgeführt.

Das niedergegangene Kloster Rotaha in Nieder-Roden bleibt trotz aller Mühen verschwunden und sein genauer Standort konnte noch nicht entdeckt werden, obwohl Urkunden von seiner Existenz Auskunft geben. Es hat ungefähr 550 Jahre existiert, war relativ begütert und konnte sich aus diesem Grunde leisten, seine Gebäude – wenn vielleicht nicht alle – aus Stein zu bauen. Um eine solche Zeitspanne zu überdauern, müssen in einer Feuchtwiesengegend die Holzbalken auf eine Fundamentsteinpackung gelegt werden. (Dies schlägt sich in späteren Jahren in der Satzung der Märker Genossenschaft nieder).

Und handelt es sich um einen Steinbau, wie es das Klosterkirchlein gewesen sein könnte, dann war das Gebäude nicht vor aufsteigender Mauerwerksfeuchte sicher. Es war kühl in den Gebäuden, die Mauern waren relativ dick. Selbst unter diesen Umständen war die Lebensdauer größer als bei einem Fachwerkbau. Neidvoll schauten die deutschen Baumeister des Mittelalters auf die großen Steinbauwerke Italiens. Die aufsteigende Nässe war ein Sonderfall und selbst wenn: die heißen Sommer stoppten die aufsteigende Feuchtigkeit und trockneten das Gebäude wieder aus.

Diese Untersuchung ist auch ein Versuch, dem Phänomen Rotaha näher zu kommen.

2. Geschichtliche Entwicklung

Um 650 wird das merowingische Königsgut Rotaha als Villa Rotaha zwischen den Dörfern Nieder- und Oberroden zur Versorgung des Reisekönigtums gegründet. Der Nivenhof als Verwaltungszentrale der marca raodora wird mit einem Königsbeamten besetzt. Der rechtliche Rahmen der villa, des Königsgutes, wird in der karolingischen Schrift „ Capitulare de villis et curtis imperialibus“ 1 beschrieben.1

Um 700 erfolgt die Gründung des Eigenklosters Rotaha auf dem Gebiet des Königsgutes als Versorgungsstätte für unverheiratete Töchter des königlichen Verwaltungsbeamten und des niederen Adels der Umgebung.2 Die kirchliche Versorgung erfolgt durch die Kirche Oberroden. Eine Kirche aus merowingischer Zeit ist dort nachgewiesen 2. 25.2.786 Das Kloster Rotaha wird dem Reichskloster Lorsch assoziiert 3. Es genießt damit die Vorzüge eines Reichsklosters. Das Kloster Lorsch wird der neue Eigenkirchenherr, muss also weiterhin für die kirchliche Versorgung des Klosters und seinen militärischen Schutz sorgen.3 Für 10 Solidi / Jahr wird das Kloster Rotaha samt Ländereien zurückgepachtet; es behält dadurch die Eigenverwaltung. 2.5.790 taucht villa Rotaher das erste Mal als feststehender Rechtsbegriff auf 4 22.4.791 Die Unterscheidung von Nieder- und Oberroden wir das erste Mal aktenkundig. 5 794 Synode von Frankfurt: Schaffung der Schrift „Capitulare de villis et curtis imperialibus“. Die bisher geltenden Vorschriften für Königsgüter werden zusammengefasst und schriftlich fixiert. 21.11.903 Weitere Ländereien werden durch die Äbtissin Kunigunde an das Kloster Lorsch übertragen. 6 Der Pachtpreis von 10 Solidi / Jahr bleibt erhalten. (Allerdings wird seit 794 der Denar mit einem größeren Silbergehalt geprägt). 24.2. 1232 Der Papst inkorporiert das Kloster Lorsch in den Erzstift Mainz. Die benediktinischen Mönche als Eigenkirchenherren des Klosters Rotaha werden aus Lorsch vertrieben. Durch Fehlen der kirchlichen Versorgung und des militärischen Schutzes ist der Niedergang des Klosters Rotaha zu verzeichnen. Damit ist auch die kirchliche Versorgung der Bevölkerung Nieder-Rodens nicht mehr gesichert. um 1250 Arnolt Bunre erhält das Vogteirecht in Roden für die Vogtei neben der „seligen Stätte“. 74 Man scheint sich noch an den Standort des Klosters zu erinnern. 85 1289 Mengotus von Rotaha 9 wird als Plebanus in Rotaha bezeichnet. Er verfügte über ein Dienstsiegel, war Wappen führend. Es zeigt ihn mit Richterstab. Somit war er Richter und Pfarrer in einer Person, also auch Vogtsherr. Ihm oblag also auch die Schutzfunktion für die Bevölkerung.

Der Standort der Vogtei lag „auf den Neuen Röttern.“ 106

Sie war durch das Falltor auf dem Dammweg über den rauen See gesichert.7 Im Krisenfall ist die Vogtei für die andere Bevölkerung unzugänglich. Von daher ist es logisch, dass Mengotus für eine Schutzeinrichtung des Dorfes Nieder-Roden sorgt. Um die Vogtei von Nieder-Roden aus zu erreichen, wäre ein Zeitaufwand von etwa einer halben Stunde erforderlich. Außerdem könnte der Weg dahin abgeschnitten sein. Da es die Obere und Untere Pforte in Nieder-Roden als Schutzeinrichtung noch nicht gab, wäre ein Schutzraum erforderlich gewesen.

Wahrscheinlich unter seiner Führung entsteht die erste Kirche Nieder-Rodens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Nieder-Roden um 780

Sie wurde in das Zentrum des damaligen Ortes gebaut. Da jedoch die Häuserzeile in der Hauptstraße geschlossen und keine Baulücke mehr vorhanden war, wurde die Kirche zwar in das Zentrum, aber hinter die Häuserzeile gebaut. 1298 Verlegung des Patroziniumfestes 11

3. Die Bevölkerungsentwicklung 800 -1542

Alle Pfarrer haben die Platznot in der Kirche beklagt. Deswegen ist es sinnvoll, einigermaßen plausibel zu ermitteln, mit welchen Bevölkerungszahlen in Nieder- Roden im Laufe der Zeit zu rechnen waren. Bei dieser idealisierten Form der Abschätzung sind unvorhergesehene und nicht belegbare Katastrophen wie Hungersnöte, Epidemien und Kriegereignisse ausgeklammert.

Im Folgenden wird errechnet, mit welcher theoretischen Bevölkerungszahl zu rechnen ist. Gemäß 12, Seite 15 und der Lorscher Hubenliste wird eine Bevölkerungszahl für das Jahr 900 in Höhe von 232 Personen ermittelt.

Die jährliche Bevölkerungszunahme wurde auf Grund der Veröffentlichung in 13 zu 0,17 %/J ermittelt.

Ermittlung der Bevölkerungszahl um 1250.

Etwa für dieses Jahr wird der Bau der ersten Kirche in Nieder –Roden angesetzt.

X = 232 (0,17/100 +1)n n = Jahre= 1250-900= 350

X = 232 x 1,0017350 = 420 E

Ermittlung der Bevölkerungszahl um 1349.

Es wäre falsch hier die Bevölkerungsentwicklung als kontinuierlich zu betrachten. 1349 hielt die Pest in Deutschland Einzug. Sie hatte zur Folge, dass etwa 30 % der Bevölkerung starb. 14. Die Angaben über die geschätzten Todesraten sind unterschiedlich. Die angenommenen 30 % für Nieder-Roden liegen im Mittelfeld.

Berechnung der Bevölkerungszahl

X = 420 (0,17/100 +1) n n= Jahre= 1349-1250= 99

X = 420 x 1,001799 = 497 E

Davon sind 30 % Pesttote abzuziehen 497 E – 0,3 x 497 = 348 E

Ermittlung der Bevölkerungszahl um 1542.

X = 348 (0,17/100 +1) n n= Jahre= 1542-1349= 193

X = 348 x 1,0017 193 = 483 E

Vergleicht man diese Zahl mit den Angaben von H. Simon [11, S.51] für das Jahr 1551, so sind sie zu hoch. Simon gibt für 79 Familien 350 -375 Personen an. Unklar ist, ob das Gesinde mit eingerechnet wurde, so wie es für die Ausgangszahl 232 im Jahr 900 getan wurde.

Nach 15 werden für 1576 66 Familien angegeben. Rechnet man eine Familie mit 6 Personen, so erhält man eine Bevölkerungszahl von 396 Einwohnern. Zählt man das Gesinde dazu, dann sind 450 E wahrscheinlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Darstellung der Bevölkerungsentwicklung in den Jahren 900- 1542

4. Gründe für den Bau der Kirche

Die kirchliche Versorgung des Klosters Rotaha wurde sicherlich von Oberroden aus vorgenommen. Für die Mönche als Eigenherren war es bequemer, einen Priester der Umgebung damit zu beauftragen als einen Mönch zu entsenden, der damit dem Klosterleben entwunden wäre. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass die Pfründe in Oberroden reichlich ausgestattet wurde, damit diese Pfarrerstelle eine hohe Attraktivität hatte. Damit garantierte man, dass die Stelle immer besetzt und die kirchliche Versorgung des Klosters Rotaha gesichert war. Wahrscheinlich aus Dankbarkeit für diese reichliche Ausstattung nahm man später das Patrozinium des Klosterheiligen von Lorsch an und nannte die Kirche in Oberroden St. Nazarius.

So betreute der Pfarrer von Oberroden nicht nur das Kloster, sondern auch die Pfarrmitglieder von Nieder-Roden, denn vom Weg her war das Kloster näher als die Kirche von Oberroden. Aus dieser Tatsache resultiert die Tatsache, dass sich der Pfarrer von Oberroden immer für die Gemeinde von Nieder-Roden verantwortlich sah, auch im Hinblick auf die damit verbundenen Nebeneinnahmen.

Wenn durch den Niedergang des Klosters Rotaha die kirchliche Versorgung ein jähes Ende nahm, dann gab es verschiedene Gründe für den Bau einer Kirche in Nieder-Roden.

Vom Grundsatz her bedurfte die Gemeinde eines Gotteshauses zur Aufrechterhaltung und Auffrischung der moralischen Ordnung. Der Bau einer Kirche in Nieder-Roden brächte eine erhebliche Zeitersparnis. Es wäre auch der Beginn einer Verselbständigung der kirchlichen Versorgung gegenüber Oberroden. Diese Entwicklung brauchte Jahrhunderte.

Die zunehmende Bevölkerung Nieder-Rodens erforderte einen eigenen Versammlungsort. Ein Besuch der Kirchgänger in Oberroden hätte in der dortigen Kirche bestimmt Ärger ausgelöst, denn in der Kirche dort hätte bestimmt Platzmangel erzeugt.

Auch im Falle der Bedrängnis wäre eine Steinkirche ein gewisser Schutzort, wo man auch gleich in seiner Not Gebete verrichten konnte.

5. Baugeschichte der St. Matthiaskirche Nieder-Roden

Der Bau eines Kirchenhauses wurde notwendig, als die kirchliche Versorgung durch das im Gebiet von Rollwald gelegene karolingische Kloster Rotaha nicht mehr möglich war. 1289 tritt uns ein Mengotus von Rotaha entgegen 9. Er tritt als Zeuge auf und wird in dem Zusammenhang als Plebanus, als Leutepriester, bezeichnet. Er führt ein Wappen und Siegel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 Siegel des Mengotus von Rotdaha

Auf dem Siegel ist eine männliche Figur zusehen (sitzend, mit offenem Schoß) und mit Richterstab zu erkennen. Daraus lässt sich folgern, dass er als Vogt auch das Richteramt ausübte.

Zu diesem Zeitpunkt müsste bereits eine Kirche vorhanden sein. Es ist nicht auszuschließen, dass Mengotus diesen Bau veranlasst hat.

Man kann mit Recht davon ausgehen, dass er dies mit einem geringsten Aufwand von finanziellen Mitteln durchgeführt hat. So hat er gewiss den Einsatz der Fronarbeiter gesteuert hat.

Wenn dabei die Ruinen des Klosters Rotaha abgetragen wurden, mussten diese am Nivenhof vorbei abtransportiert werden. Dabei war es notwendig, den zur Sicherung des Nivenhofes angelegten Dammweg über den rauen See zu benutzen.

Durch diese Maßnahme sicherte sich Megotus eine neue Wirkungsstätte und eine weitere Einnahmequelle, in dem er den Kirchenzehnt erheben konnte.

Die Nachricht über die Entstehung eines Gotteshauses wird bestätigt durch die Eintragung in einem Kirchenbuch, [11, S.82], dass 1298 das Patronatsfest des Matthias im Jahreszyklus verschoben wurde.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass zu diesem Zeitpunkt ein Gotteshaus in Nieder-Roden errichtet worden war.

An dieser Stelle erhebt sich die Frage, welche Situation in Nieder-Roden vorhanden war. Folgende Szenarien sind denkbar:

a.) Das Gotteshaus wird ohne Turm errichtet.
b.) Das Gotteshaus und der Turm werden gleichzeitig errichtet.
c.) Der Turm ist bereits vorhanden und wird in das Gesamtkonzept KIRCHE einbezogen.

Zu a.) Ein solches Szenario birgt wenig Wahrscheinlichkeit. Denn vom Turm aus wurde eine Wach - und Signalfunktion ausgeübt. Es war eine Möglichkeit dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung in der damaligen Zeit nachzukommen.

Zu b.) Wenn Gotteshaus und Turm gleichzeitig errichtet worden sind, dann kann vorausgesetzt werden, dass die gleichen Baumaterialien verwendet worden sind. Es darf weiter vorausgesetzt werden, dass man bemüht war, die Kosten für den Bau so gering wie möglich zu halten. Das bedeutet, dass für Turm und Gotteshaus z. B. Abbruchmaterialien des Klosters Rotaha verwendet wurden. Steinmaterial war dort in großer Menge vorhanden. Die Entfernung zu den Ruinen von Rotaha war geringer als die zu den nächsten Steinbrüchen: Urberach, Dietzenbach, Heusenstamm, Sporneiche, Dreieichenhain, Otzberg, Roßdorf.

Zu c.) Wenn der Turm – wenn vielleicht in geringerer Höhe – schon vorhanden war und in den Kirchenbau einbezogen wurde, dann könnte das bedeuten, dass im Ort Nieder-Roden eine hochgestellte Person bzw. Familie gelebt haben muss, die finanziell in der Lage war, sich einen solchen Wohn- und Fluchtturm leisten zu können.

Jedoch kann dieser Fluchtturm auch als Gemeinschaftswerk der Dorfgemeinschaft als Schutzeinrichtung entstanden sein.

Betrachtet man die Basis des Kirchturmes, so fallen die dicken Mauerstärken von 1,45 - 1,55 m auf.8 An einer Turmhöhe von 7 m verringern sich die Wandstärken auf 1,00 m. Auffallend ist, dass die Turmbasis keinen Zugang von außen hatte. Folglich konnte der Einstieg nur von oben erfolgen. Der heutige Eingang ist erst in späterer Zeit entstanden.

Das legt die Vermutung nahe, dass die Turmbasis als Verließ fungierte.

Hinzu kommt die schmale zugemauerte Pforte in der Außenwand des Turmes in 3,40 m Höhe über Erdoberfläche Diese hat eine Durchganghöhe von 1,40 m und eine Durchgangsbreitre von 0,70 m. Sie wird mit einem Sandsteingewände im gotischen Stil überwölbt. Man könnte die gotische Überwölbung als Hinweis auf die Entstehungszeit des Turmes deuten. Die Frühgotik begann Ende des 13. Jahrhundert, so dass die Entstehungszeit mit der Gründung der Kirche und den Zusammenbruch des Klosters Rotaha zusammenfiele.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Schnitt durch die Basis des Turmes

Es erhebt sich die Frage nach der Funktion der Pforte in der Außenwand. Es gibt zwei Deutungsmöglichkeiten:

War der Turm schon vor dem Kirchenbau als Fluchtturm separat existent, so war dies der Zugang im Gefahrenfalle. Mit einer Leiter, die dann hochgezogen wurde, konnten sich die Bedrängten sichern. Wegen der geringen lichten Höhe hatten Angreifer Probleme, in gebückter Haltung kämpfend in den Turm einzudringen.

Als das Gotteshaus in das Sicherungsobjekt einbezogen worden ist, wurde der Turm auf die gleiche Weise genutzt, nur, dass dies nun vom Kirchenschiff aus erfolgte.

In den Bauabschnitten, in denen in der Turmbasis der Turmzugang geschaffen worden ist, diente die Pforte einmal dem Glöckner oder den Messdienern, um im Turm die Glocke zu läuten. Zu diesem Zwecke dürfte eine fest installierte Holztreppe zur Pforte geführt haben. Nachfolgender Schnitt zeigt die Nutzung der Pforte in der Bauphase 1774 als Zugang zur Empore.

Der Absatz (Sims) in 7 m Höhe über der Erdoberfläche und die dann sich anschließende Mauerwerksverschlankung lässt es plausibel erscheinen, dass dort der erste Bauabschnitt des Turmes seine Grenze fand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Schnitt Durchgang Pforte Turm zum Kirchenraum

Wie die erste Kirche zu der Zeit ausgesehen hat, müsste durch eine archäologische Erkundung erschlossen werden. Hier wären geophysikalische Untersuchungen oder Sondierungsgrabungen denkbar. In [11, S. 93] wird erwähnt, dass um 1500 ein neuer Kirchenbau auf den Fundamenten der möglicherweise von Mengotus von Rotaha gegründeten alten Kirche erfolgt sei. Die Quelle dieser Nachricht wird nicht angegeben.

Bauphase 1542 Aus der Sakristei des Vorgängerbaus wurde ein Stein mit in den jetzigen Neubau integriert, der die Jahreszahl 1542 trägt. Für diesen Zeitpunkt werden erhebliche Umbauarbeiten angenommen. Wesentlich dürfte die Erhöhung des Turmes mit der Anlage der Schallfenster für die Glocke sein. Die erste Glocke ist die noch heute vorhandene Marienglocke, die einst als Zentglocke auf dem Nivenhof diente [10, S.79-81]. Nach dem Diebstahl der Glocke war offensichtlich die Aufbewahrung innerhalb des Ortsgebietes Nieder-Roden als sicherer angesehen worden, zumal sie dann noch die Funktion ausübte, auf Feuer und andere Gefahrensituationen aufmerksam zu machen. Der Umzug des Landgerichtes Nieder - Roden aus der Vogtei von den „neuen Röttern“ in das Ortsgebiet Nieder-Roden wird für das Ende des 16. Jahrhunderts angesetzt.

Die Signale für die Tagung des Zentgerichts wurden ebenfalls von der Glocke im Kirchturm übernommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Die Zentglocke in der heutigen Aufhängung im Kirchturm

(Das Läuten der Sterbeglocke bei Beerdigungen könnte auf die Tradition zurückgehen, dass das Todesurteil des Zentgerichtes mit der Glocke verkündet wurde.)

Auch der Bau einer kleinen Sakristei dürfte auf dieses Jahr zurückgehen.

Aus dem Jahre 1581 gibt es eine Ansicht von Nieder-Roden, gemalt von Elias Hofman, der nur den Turm darstellt. Das Kirchenschiff ragte nicht über die anderen Häuser. Der Turm trug schon eine kleine Spitzhaube. Diese dürfte für den Turm als Schutz geschaffen worden sein, nachdem die Zentglocke in dem Turm aufgehängt worden war.

Wie die Kirche zu der Zeit ausgesehen haben könnte, zeigt nachfolgende Abbildung. Es wird von einem kleinen Längsschiff ausgegangen. Es gibt keine Hinweise, dass tatsächlich eine halbrunde Apsis vorhanden war. Diese kann jedoch bei romanischen Kirchen nachgewiesen werden.

[...]


1 Durch die Urkunde vom 25.2.786 ist unumstritten, dass es einen Königsbeamten in Rotaha gab. Da diese Gegend kein Handelszentrum oder strategischer Ort war, kann die Anwesenheit eines Königsbeamten nur so erklärt werden, dass sich hier Königsgut befand, dessen Leitung in 1 durch eine solche Person vorgeschrieben wird. Die Anlage eines Königsgutes scheint auch sinnvoll, damit die Kaiserpfalzen Frankfurt, Ingelheim und Trebur versorgt werden können.

2 Da in vorgenannter Urkunde kein Areal in Rodgau als Allod der Äbtissin Aba in Rotaha aufgezählt wird, kann das Kloster Rotaha nur auf dem Gebiet des Königsgutes errichtet worden sein. Das Klostergebäude selbst war Eigentum der Aba

3 Es erscheint logisch, dass die kirchliche Versorgung des Klosters weiterhin von Oberroden aus vorgenommen wird. Einen Mönch und Priester dem Klosterleben Lorsch zu entziehen und nach Rotaha zu entsenden, ist zu aufwendig. Damit die kirchliche Versorgung von Rotaha ständig gewährleistet ist, erhöhte man die Pfründe Oberroden durch eine reiche Ausstattung, so dass die ständige Besetzung gewährleistet ist.

4 Der Flurname „das Seelig“ ist in der Gemarkung Nieder-Roden nachweisbar. „Selige Stätte“ den Begriff >Seligenstadt< gleichzusetzen ,ist irrig, da im Lehensverzeichnis auch Seligenstadt in einer ganz anderen Schreibweise erwähnt wird.

5 Der Standort des Klosters ist in der Schenkungsurkunde der Aba von 786, die in karolingischen Minuskeln geschrieben wurde, durch 3 Hinweise beschrieben, wobei ein Hinweis als Randbemerkung auf der Urkunde zu lesen ist. Karl Glöckner übersetzte die Urkunde in gängiges Latein, wobei er die Randbemerkung in den Gesamttext einbezog und dabei fleißig Kommata setzte. Durch die falsche Kommatasetzung stellte er einen falschen Ortsbezug her. Alle bisherigen Forscher glaubten deswegen, dass das Kloster Rotaha oberhalb der Rodau situiert war und nicht der Nivenhof. Wenn das Kloster Rotaha sich auf der Flur „das Selig“ befand, dann war das Kloster im Tal des Hörnersgraben gelegen. Die Anlage in diesem Tal hätte genau den Bauregeln eines benediktinischen Klosters entsprochen, wie es in den Ordensregeln der Benediktiner beschrieben wird.

6 In der Schenkungsurkunde wird als Ortsbezug der „wohlbekannte“ ( nuncupato) Nivenhof genannt, der z.Zt. der Aba das Verwaltungszentrum des Königsgutes war und später die Funktion der Vogtei übernahm. Wenn also das Kloster am Hörnersgraben gelegen war, dann muss der Nivenhof mehr zur Rodau hin situiert gewesen sein. Denn seine Lage wird „oberhalb der Rodau“ in der Urkunde angegeben. Auf der Verbindungslinie Kloster – Rodau stößt man auf die Flur „auf den Neuen Röttern“. Diese Flur ist begrenzt durch den damaligen rauen See und den Rollwald, so dass durch diese natürlichen Gegebenheiten ein gewisser Schutz der Verwaltung gegeben war.

7 Dammwege über einen See zu bauen stand zu dieser Zeit im Vermögen der Baumeister. Dass es einen solchen Dammweg gab, ergibt sich aus der Tatsache, dass der Rollweg im Kataster des Jahres 1856 seine Fortsetzung auf der Flur „ auf den Neuen Röttern“ fand und bis zum Rollwald führte . Durch diese Konstruktion wurde der Nivenhof quasi zu einer Wasserburg.

8 Da der Turm vorhanden und zugänglich ist, konnten die Außen- und Innenmaße des Turmes gemessen und so die Mauerstärken ermittelt werden. Die übrigen Außenmaße der Vorgängerkirche wurden durch den Vergleich mit Abmessungen des vorhandenen Turmes ermittelt. Es gibt ein Foto von der Vorgängerkirche, durch die der Vergleich gut möglich ist. Die Aufnahme geschah aus einem Blickwinkel fast senkrecht auf die Längsfront der Kirche. Die Fehlerquote durch die perspektivische Verzerrung dürfte die ermittelten Werte nur gering verändern.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Vorgängerkirche St. Matthias in Rodgau Nieder-Roden
Untertitel
Eine historische Analyse
Autor
Jahr
2020
Seiten
30
Katalognummer
V947352
ISBN (eBook)
9783346285003
ISBN (Buch)
9783346285010
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vorgängerkirche, matthias, rodgau, nieder-roden, eine, analyse
Arbeit zitieren
Karl Pohl (Autor), 2020, Die Vorgängerkirche St. Matthias in Rodgau Nieder-Roden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947352

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