"Halt`s Maul und mach was!!!" Das satirische Gesellschaftsbild in "Das Zweite Programm" von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter


Seminararbeit, 1997

13 Seiten


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Inhalt

1 Einleitung

2 Entstehungsgeschichte

3 Das Zweite Programm als satirisches Gesellschaftsbild
3.1 Die dreigeteilte Gesellschaft und das leviathanische Prinzip
3.1.1 Die Zuschauer: das Volk
3.1.2 Die Komödianten: die Herrschenden
3.1.3 Das technische Personal: die Intellektuellen

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

,,Halt's Maul und mach' was!!!"# Durch den letzten Satz der Anfang 1961 entstandenen Gemeinschaftsarbeit Das Zweite Programm von Arno Schmidt und dem Maler Eberhard Schlotter darf und soll sich der Leser provoziert fühlen. Er ist im Text als Aufforderung zu politischem Handeln an den Leser adressiert, sei er Künstlerkollege, Verleger, Reporter oder eben einfach der undefinierbare »Leser« (Vgl. S. 31). Mit der vorliegenden Arbeit soll das Gesellschaftsbild in Das Zweite Programm untersucht werden, das diesem Appell zugrunde liegt.

In einem Brief vom 28.3.1961 schreibt Arno Schmidt an Eberhard Schlotter über ihr Werk: ,,Die politische Satire war schon bei=Dir präformiert; ich habe lediglich Einiges >ausgesprochen< : der Sinn der gramvollen Groß=Anklage bleibt. Bei Dir, wie bei mir.-"# Diese Arbeit wird sich zwar immer wieder auf das Bild beziehen, sich aber in der Hauptsache mit dem Text auseinandersetzen, dessen satirische Qualitäten durch Übertreibung, Sarkasmus und Komik deutlich hervortreten. Die angesprochene ,,Groß=Anklage" zielt konkret auf das Deutschland der Nachkriegszeit, aber auch auf die menschliche Gesellschaft an allen Orten und zu jeder Zeit. In der Einleitung des Textes schreibt Arno Schmidt: ,,Ort: Im Beschauer" und ,,Zeit: Das Stück spielt zu der Zeit, wo es gelesen wird" (S. 7). Das konkrete und allgemeingültige Weltbild, das als Motivation dieser Kritik zu vermuten ist, wird im Hauptteil der Arbeit analysiert, im Anschluß an die knappe Schilderung der Umstände, unter denen sich Schmidt und Schlotter kennengelernt haben, und der Entstehungsgeschichte ihres umfangreichsten gemeinsamen Projektes.

Zu diesem Gemeinschaftsprojekt von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter gibt es nur wenig Literatur. Die Ausführungen über die Entstehungsgeschichte stützen sich hauptsächlich auf den Briefwechsel der beiden Künstler und als Basis des Hauptteils dient Joachim Kleins Untersuchung Arno Schmidt als politischer Schriftsteller.# Klein hat aus Arno Schmidts frühen Texten das pessimistische Bild einer Gesellschaft herausgearbeitet, die sich aus Volk, Herrschenden und Intellektuellen zusammensetzt und von einer destruktiven Gesetzmäßigkeit, dem leviathanischen Prinzip, in den Untergang getrieben wird. Die Hauptaussagen Kleins zu diesem Weltbild und seinen Konstituenten werden zu Beginn des Hauptteils dieser Arbeit zusammengefaßt und die Aussagen zu jeder der drei Gesellschaftsgruppen werden jeweils in einem eigenen Kapitel auf Das Zweite Programm projiziert. Das Ziel dieser Arbeit ist festzustellen, ob und wie sich dieses Gesellschaftsbild auf Das Zweite Programm anwenden läßt.

Das Zweite Programm besteht aus dem Ölgemälde von Eberhard Schlotter und Arno Schmidts Bühnentext, mit dem er den Figuren auf dem Triptychon in zehn kurzen Szenen Dialoge in den Mund legt. Nicht alle Figuren des Triptychons und des Textes können hier berücksichtigt werden; als Orientierungshilfe sollen sie aber zum Schluß dieser Einleitung in einer kurzen Beschreibung des Bildes vorgestellt werden.

Das Gemälde zeigt eine Theaterszene. Auf der, vom Betrachter aus, linken Tafel ist der Zuschauerraum mit Publikum dargestellt und ein Teil der Bühne. Hinter dem Vorhang verbirgt sich die Mestizin, auf einer Stange über dem Bühnenrand sitzen zwei Kakadus. Die mittlere Tafel zeigt die eigentliche Bühne, auf der die Komödianten dargestellt sind. Als erstes fällt hier der Starke Mann auf, eine Karikatur Konrad Adenauers. Im Hintergrund stehen Bänkelbock und Präserlotte neben dem Getümmel auf Goldgrund, einem Schlachtengemälde. Zu ihren Füßen sitzt die Gruppe Muskelmann, Atomschulmeister und Dackel Michel und am linken Rand schielt der Souffleur um die Ecke. Die rechte Tafel zeigt den Blick in die Kulissen, wo das technische Personal sich aufhält. Im Hintergrund stemmt der Künstler, der große Ähnlichkeit mit Eberhard Schlotter aufweist, die Jalousie, im Vordergrund sitzt die Neunfach=Muse an ihrer Harfe und zwischen den beiden sind Schwesterchen Pandemos und eine Harlekinfigur dargestellt.

Diese Arbeit hebt aus der Gruppe der Zuschauer den Soldaten, rechts im Hintergrund, den Schlaukopf, unmittelbar vor dem Soldaten, und den Geistlichen, in der Mitte mit weißem Kragen, hervor. Desweiteren konzentriert sie sich auf den Starken Mann, den Bänkelbock und den Künstler. Andere Figuren werden auch erwähnt, aber nicht so genau betrachtet, wie die gena nnten.

2 Entstehungsgeschichte

Arno Schmidt und Eberhard Schlotter lernten sich 1955 durch die Vermittlung des Schriftstellers Ernst Kreuder kennen. Kreuder hatte dem in Darmstadt lebenden Maler von der gegen Schmidt erstatteten Anzeige wegen Pornographie und Gotteslästerung in dessen Erzählung Seelandschaft mit Pocahontas und dem drohenden Gerichtsverfahren erzählt. Das war eine ernste Situation für Schmidt, in der er dringend Unterstützung brauchte.# Schlotter half dem Ehepaar Schmidt beim Umzug nach Darmstadt, wo mehr Hoffnung auf Einstellung des Verfahrens bestand als an ihrem bisherigen Wohnort, dem ,,konservativen Gerichtsbezirk Trier"#. Diese Bekanntschaft entwickelte sich zu einer engen Freundschaft, aus der sich selbstredend wechselseitige Beeinflussung und Anregung ergab, aber auch künstlerische Zusammenarbeit. Über die gemeinsame Zeit in Darmstadt schreibt Schlotter: ,,Wir trafen uns 2 x in der Woche, jeder mit seinem Paket, da floß so viel zusammen."#

Erstes Zeugnis gemeinsamer Arbeit sind drei Bildbeschreibungen, die Arno Schmidt für den Katalog der Schlotter-Ausstellung von 1957 im Aachener Suermondt-Museum verfaßte: Aufgang der weißen Tafel, Bugwelt und Drinnen und Draußen.# Für diese Ausstellung lieferte Schmidt nicht nur die genannten Bildbeschreibungen; auch die Titel aller übrigen dort gezeigten Bilder stammten von ihm.#

Die Arbeit an Das Zweite Programm wurde von Eberhard Schlotter angeregt. Am 27.12.1960 schrieb er an Arno Schmidt: ,,Wollen wir mal was gemeinsam machen? Sprich der Texter und der Maler. Ganz aus unserer Ecke, voll mit den Würmern, sprich Menschen die uns umgaukeln."# Dem Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Eberhard Schlotter und den dort beigefügten Tagebuchauszügen läßt sich entnehmen, daß Das Zweite Programm in den folgenden drei Monaten Gestalt annahm. In einem Brief vom 20.3. 1961 schreibt Schlotter an Schmidt, er sei noch mit dem Triptychon beschäftigt, das seien allerdings nur ,,unwichtige Feilereien"#, am 28.3. 1961 schickte Arno Schmidt den fertigen Text an Eberhard Schlotter# und in einem Schreiben vom 8.4.61 bemerkt Schlotter, er sei ,,seit der großen Arbeit ... völlig ausgepumpt"#. Die Arbeiten an Text und Gemälde waren also ungefähr zur gleichen Zeit beendet.

Das Triptychon hatte Schlotter zunächst als Radierung angefertigt, diese lag Arno Schmidt in einer frühen Fassung zu Beginn seiner Arbeit am Text vor. Die Radierung# unterscheidet sich in einigen Details vom Gemälde; diese Veränderungen sind zum Teil auf Vorschläge Arno Schmidts zurückzuführen. In den von Januar bis April 1961 datierenden Briefen, in denen sich Schmidt Einzelheiten des Bildes von Schlotter erläutern läßt, sich gewissermaßen das Einverständnis des Malers mit seiner Deutung des Gemäldes holt, finden sich auch einige Vorschläge, die Schmidt für die Gestaltung des Triptychons macht und solche, die auf die Ausgewogenheit des Verhältnisses zwischen Bild und Text in der fertigen Arbeit zielen. Beispielsweise stammt von ihm die Idee, dem Muskelmann im mittleren Teil den Schatten zu nehmen und dem Starken Mann dafür zwei zu geben. Anscheinend dachte Schlotter daran, dem Muskelmann abweichend von der Radierung ein Gesicht zu geben; auch hier akzeptierte er den Vorschlag Schmidts, ihn gesichtslos zu lassen.#

Vermutlich fanden zwischen den beiden Künstlern noch weitere Besprechungen der Arbeiten an Gemälde und Text statt; in den Briefen finden sich Hinweise darauf, dokumentiert sind diese Diskussionen allerdings nicht.

Um die Veröffentlichung der Arbeit gab es in den folgenden Jahren langwierige Verhandlungen, die aber nie zur Zufriedenheit der beiden Künstler ausfielen. Einem Auszug aus Eberhard Schlotters Tagebuch ist zu entnehmen, daß Schmidt zunächst an eine Veröffentlichung der gemeinsamen Arbeit in der Wochenzeitschrift Die Zeit oder bei seinem Verleger Ernst Krawehl dachte.# Mit Krawehl wurde lange Zeit darüber verhandelt, es kam jedoch zu keiner Einigung bezüglich der Honorare und Ende Mai 1962 teilten Schmidt und Schlotter dem Verleger Krawehl mit, daß für sie eine Veröffentlichung dieser Arbeit in seinem Verlag nicht mehr in Frage käme.# In der Zwischenzeit hatte Eberhard Schlotter einen Düsseldorfer Verleger kennengelernt, der Interesse daran zeigte, Das Zweite Programm herauszugeben. Schmidt war jedoch von dieser Idee wenig begeistert. Sein Haupteinwand lautete: ,,es muß ein ganz rennommierter Verlag >dahinter< stehen; sodaß das Unternehmen von vornherein als >seriös< gekennzeichnet ist."#; ein Umstand, den er aus Angst vor juristischen Folgen für notwendig hielt und bei dem von Schlotter akquirierten Verlag nicht erfüllt sah.

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde Das Zweite Programm schließlich 1967 in der Zeitschrift Akzente#, mit einer verkleinerten Reproduktion der Radierung, und später in protokolle 76/1. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, Bildende Kunst und Musik#; dort wurde das Tryptichon zwar farbig reproduziert, aber spiegelverkehrt abgebildet. Im Briefwechsel zwischen Schmidt und Schlotter finden sich keine Bemerkungen zu diesen Publikationen.# Im Mai 1971 fand in Kaiserslautern die Uraufführung als szenische Lesung vor dem auf der Bühne aufgestellten Triptychon statt.#

In der Zeit nach der Fertigstellung der Gemeinschaftsarbeit Das Zweite Programm gab es noch einige Anläufe zu ähnlichen Projekten, von denen aber keines realisiert wurde. Die Initiative ging immer von Eberhard Schlotter aus, Arno Schmidt sagte zunächst zu und nahm später aus Zeitmangel wieder Abstand davon.#

3 Das Zweite Programm als satirisches Gesellschaftsbild

Der von Arno Schmidt angeregte Titel der Gemeinschaftsarbeit - Schlotter hatte sein Triptychon Das große Welttheater betitelt -#, läßt verschiedene Lesarten zu. Er kann auf eine neue Phase der künstlerischen Entwicklung Eberhard Schlotters bezogen werden, die er selbst als ,,die bildkünstlerische Auseinandersetzung mit der Spezies Mensch im Raum des 20. Jahrhunderts", als sein ,,II. Programm" beschreibt.# Ebenso könnte man hinter diesem Text den Beginn eines neuen Abschnittes im literarischen Schaffen Arno Schmidts vermuten. Eine weitere Fährte, die die vorliegende Arbeit aufnimmt, liefert Günther Flemming, der den Titel mit Schlotters Wahrnehmung der politischen Lage Deutschlands Ende der fünfziger Jahre in Verbindung bringt.# Zu diesem Zeitpunkt, als der Maler nach einem mehrjährigen Spanienaufenthalt wieder nach Deutschland zurückkehrte, besaß die Bundesrepublik wieder eine Armee und war infolge der Eingliederung in die NATO politisch an die Westmächte gebunden. Diese Entwicklung, von Adenauer begrüßt und gefördert, habe Schlotter als das zweite Programm für das Deutschland der Nachkriegszeit angesehen. Das damit implizierte erste, und auch von Schlotter favorisierte Programm sei die politische Neutralität Deutschlands und die Besinnung auf seine geistigen und kulturellen Leistungen und Traditionen gewesen. In Neutralität und Weiterbestehen als Kulturnation bestand unmittelbar nach dem Krieg für viele Intellektuelle die einzige Perspektive, eine Hoffnung, die durch die politische Realität allerdings sehr schnell zunichte gemacht wurde.#

Ein konkreter Bezug des Titels, auf den Eberhard Schlotter selbst hingewiesen hat,# besteht zu dem Versuch Konrad Adenauers, sich mit der Gründung einer zweiten deutschen Senderkette neben der ARD das Fernsehen als Medium politischer Einflußnahme dienstbar zu machen. Besonders mit Blick auf den Wahlkampf im Jahre 1961 versuchte er gegen den Widerstand der Länderregierungen die Einrichtung dieser zweiten Senderkette durch Bundesrecht durchzusetzen und gründete nach dem Scheitern einer entsprechenden Gesetzesvorlage im Juli 1957 die Deutschland Fernsehen GmbH, die nach Verfassungsklage der SPD-regierten Länder Hamburg, Bremen, Hessen und Niedersachsen und einer einstweiligen Verfügung gegen die Ausstrahlung ihres Programms im Februar 1961 als verfassungswidrig eingestuft wurde.# Im März 1961 beschlossen die Länder, per Staatsvertrag das ,,Zweite Deutsche Fernsehen" zu gründen, das von einem Fernsehrat überwacht wird, in dem die Vertreter der SPD bezüglich der Spitzenpositionen nach wie vor in der zweiten Reihe sitzen.#

Die durch dieses Kratzen an der Oberfläche zutage getretene gesellschafts-politische Ebene des Textes soll nun etwas gründlicher freigelegt werden. Das Ziel ist dabei aber nicht die Entschlüsselung der zahlreichen Anspielungen auf konkrete Geschehnisse in Gesellschaft und Politik in der konstituierenden Phase der BRD, sondern vielmehr eine Darstellung, wie sich, so schreibt Eberhard Schlotter in der bereits erwähnten Zeitschrift protokolle, ,,die Summe der Ereignisse der 50er Jahre zwischen Maas und Memel, zwischen Etsch und Belt"# als Gesellschaftsbild in Das Zweite Programm niedergeschlagen hat. Als Fundament dieser Analyse dient Joachim Kleins Arbeit Arno Schmidt als politischer Schriftsteller, deren wichtigste Ergebnisse im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen.

Klein untersucht Arno Schmidts Frühwerk, die zwischen 1945 und 1960 entstandenen Texte, auf politische Stellungnahmen und legt ihnen das Raster eines Weltbildes auf, das er aus Arno Schmidts erster Erzählung Leviathan oder Die beste der Welten# herausarbeitet. Das Zweite Programm wird in dieser Analyse nicht mehr berücksichtigt, da es aus dem zeitlichen Rahmen fällt. Klein kommt zu dem Schluß, daß Arno Schmidt aufgrund seines Frühwerks als politischer Schriftsteller bezeichnet werden kann, der sich durch ein starkes Sendungsbewußtsein auszeichnet und in seinen Texten ständig aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftlich relevante Themen der Zeit verarbeitet. Im Zentrum von Kleins Analyse steht die Weltanschauung, die Arno Schmidt in der Erzählung Leviathan entwickelt und dargelegt habe. Ihr zufolge liege jeglichem menschlichen Handeln eine destruktive Gesetzmäßigkeit, das ,,leviathanische Prinzip", zugrunde. Dies sei allerdings nicht im religiösen Sinn zu verstehen, sondern als Metapher für eine aus dem Verlauf der Menschheitsgeschichte herausgelesene Norm, nach der sich die Menschheit letztendlich in die eigene Vernichtung treiben muß. Dieses Prinzip erkennt Klein als eine Art Leitlinie in Schmidts literarischer Bearbeitung der Themenkomplexe Vergangenheitsbewältigung, Wiederaufbau, politisches Bewußtsein und Antikommunismus an, die für die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger Jahren besonders bedeutend waren. Von hohem Stellenwert ist in diesem Zusammenhang das Bild und die Aufgabe der Intellektuellen, die Klein aus den frühen Texten Arno Schmidts herausarbeitet. Der Ausweg aus dem Teufelskreis des leviathanischen Prinzips bestehe in der Besinnung auf nicht näher beschriebene, diesem aber entgegengesetzte, positive und »ewige« Werte. Deren Vermittlung sei Aufgabe der Intellektuellen. Kleins Erläuterungen zum Begriff der `Intellektuellen' sollen hier nicht vollständig dargestellt werden. In diesem Zusammenhang soll nur wiederholt werden, was nach Kleins Ansicht einen Intellektuellen nach Arno Schmidts Geschmack auszeichnet. Zu diesem Personenkreis können nur Künstler und Wissenschaftler gezählt werden, und von denen nur diejenigen, die ,,bereit sind, ihre Arbeit in den Dienst für den Frieden zu stellen".# Vor diesem Hintergrund werden die Ausdrücke `Künstler' und `Intellektuelle' in dieser Arbeit von nun an synonym gebraucht. Die Künstler sind nach Kleins Interpretation in die Pflicht genommen, ihr Medium für die Beförderung der ,,antileviathanischen" Werte zu nutzen. Den Intellektuellen stehe in Schmidts Weltbild die Rolle der obersten moralischen Instanz und damit der gesellschaftlichen Elite zu. Ihre Gegenspieler, die Herrschenden, suchen die Erfüllung dieser Aufgabe und die Einnahme einer herausgehobenen Position zu verhindern. Durch ihren Machtanspruch befördern die Politiker das leviathanische Prinzip und können das Volk, das keinerlei Wissen über die geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten besitzt und dem die abstrakten Wertvorstellungen der Intellektuellen nicht attraktiv erscheinen, auf ihre Seite ziehen. Das Scheitern der Bemühungen der Intellektuellen, schreibt Klein, sei innerhalb des Weltbildes in Arno Schmidts frühen Texten bereits vorprogrammiert, da sie dort naturgemäß in der Minderheit seien und ihnen von Seiten des Volkes keine oder nur äußerst geringe Aufmerksamkeit zuteil werde. Diese Aussichtslosigkeit dürfe, so interpretiert er Schmidt, aber kein Grund sein, die künstlerische Arbeit einzustellen.

Über das Verhältnis der drei Gruppen, aus denen sich in Schmidts Weltbild die Gesellschaft zusammensetze - Volk, Herrschende und Intellektuelle - schreibt Klein:

Unter der Ägide des leviathanischen Prinzips definieren sich in Schmidts Verständnis `gute Staatsbürger' nach Auffassung der Machthaber als Bewohner, die sich kritiklos der Politik anpassen. Intellektuelle hingegen denken aufgrund ihrer Orientierung quer zu der herrschenden gesellschaftlichen Ausrichtung. Das führt zu einer extragesellschaftlichen Position der Intellektuellen.#

In den folgenden Kapiteln wird untersucht, inwieweit sich Kleins Deutungen auf Das Zweite Programm projizieren lassen.

3.1 Die dreigeteilte Gesellschaft und das leviathanische Prinzip

Das vereinfachte Schema der Dreiteilung der Gesellschaft läßt sich in erster Näherung adäquat auf Das Zweite Programm übertragen. Daß die beiden Künstler politisch und gesellschaftlich relevante Inhalte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen wollten, deutet der bereits erwähnte Arbeitstitel Das große Welttheater an, der an Shakespeares ,,The world is but a stage" erinnert. In Arno Schmidts Einleitung der ersten Szene taucht der ursprüngliche Titel noch einmal auf: ,,...das Publikum, 9 Mann & Weib stark, vollzählig versammelt - jenun, es ist ja nur I kleiner Teil des Welttheaters" (S. 9). Rein äußerlich kann bereits in der Anlage des Gemäldes als Triptychon ein Hinweis auf die Teilung dieser Gesellschaft in drei Gruppen gesehen werden. Zwar ist diese Aufteilung im Bild nicht plakativ eindeutig vorgenommen, indem jede Tafel einer gesellschaftlichen Gruppe gewidmet wäre, die Liste der dramatis personae vor Arno Schmidts Text ordnet die Figuren aber in drei Abteilungen ein. Benannt sind diese mit ,,Links: Die Zuschauer", ,,Mitte: Die Komödianten" und ,,Rechts: Das technische Personal" (S.7). Schmidt verweist damit zwar noch auf die drei Tafeln des Gemäldes, folgt aber bei seiner Gruppierung der Figuren nicht genau den Vorgaben von Schlotters Bild. Die Mestizin, die auf der linken Tafel des Triptychons hinter dem Vorhang steht, ordnet Schmidt, ebenso wie die beiden Kakadus, der Mitte und damit den Komödianten zu.

Schwesterchen Pandemos, die im Text zu Wort kommt (S. 29), wird in der Liste der dramatis personae überhaupt nicht genannt und der Reporter, der in der Szene ,,Interview mit einer Neunfach=Muse" (S. 26ff) auftaucht, ist eine Erfindung Arno Schmidts. In den folgenden drei Unterkapiteln werden die drei Gruppen, die Zuschauer, die Komödianten und das technische Personal, unter Zuhilfenahme des Bildes und anhand genauer Betrachtung des Textes unter die Lupe genommen und mit den drei Gruppen aus dem oben zusammengefaßten Weltbild verglichen. Wenn dabei die Ausdrücke `Volk', `Herrschende', `Künstler' und `Intellektuelle' gebraucht werden, dann immer im Sinne dieses vereinfachenden Weltbilds.

3.1.1 Die Zuschauer: das Volk

Bereits eine oberflächliche Betrachtung läßt es zu, die Zuschauer im Bild als Darstellung des Volkes aufzufassen. Sie sind grau und schlecht beleuchtet gemalt, was den Eindruck der Dumpfheit noch verstärkt, den ihre Gesichter erzeugen. Im Parkett stehend, und damit schon rein räumlich auf einer tieferen Ebene als die anderen Figuren, haben sie weder Einfluß auf das Geschehen auf der Bühne noch Einblick in die Vorgänge hinter den Kulissen. Diese Deutungen nach dem Augenschein korrespondieren bereits mit der Unwissenheit, dem Desinteresse und der Unterdrücktheit des Volkes.

Die Suche nach Entsprechungen im Text fördert weitere Zusammenhänge zutage. In den Äußerungen der Zuschauer zeigt sich das mangelnde Interesse an der Erkenntnis von Zusammenhängen, die Einsicht in das dahinterstehende leviathanische Prinzip ermöglichen könnte. Auf die Äußerung des Schlaukopfes ,,Warum eigentlich ? - Ich frage immer gern >Warum<." (S. 9) erwidert der Soldat: ,,Sie immer mit Ihrem >Warum<. Daß man Sie nur nich ma auf die Wache bringt, mit Ihren anstößigen Fragen." Den Soldat, im Bild rechts hinter den übrigen Zuschauern stehend, hat Schmidt als ,,unverkennbar Stahlhelmer" (S.7) eingeführt. Durch den Helm hat ihn Schlotter als Soldat gekennzeichnet, `Stahlhelm' war aber auch der Name einer Wehrmachtsorganisation in der Nazizeit. Mit dieser Doppeldeutigkeit und mit der Drohung des Soldaten an den Schlaukopf, er würde ,,auf die Wache" gebracht, wenn er weiter nach Begründungen verlangt, ist eine Beziehung zwischen der neugegründeten Bundeswehr und der Wehrmacht als Instrument eines autoritären Staates hergestellt. Der Status des Soldaten als Befehlsempfänger niederen Dienstgrades - anderenfalls wäre er als Offizier dargestellt - ordnet ihn der Sphäre der Beherrschten, also des Volkes, zu und zeigt dessen kritiklose Haltung gegenüber den Herrschenden. Zu einem späteren Zeitpunkt wird noch die Rede von kritischen Äußerungen der Zuschauer sein, an dieser Stelle ist das `Warum' des Schlaukopfes aber als banale Leerformel aufzufassen, denn es folgt genauso an der Oberfläche bleibend auf die Erzählung der Greisin, daß ihre Tochter im Sommer immer Schweißfüße bekäme. Diese Banalität verstärkt wiederum die Kritik an der Wiederbewaffnung Deutschlands, die mit dem Vergleich der Bundeswehr mit der Wehrmacht ausgesprochen ist.

Ein weiteres Beispiel für die kritiklose Anpassung des Volkes an die Politik bietet ebenfalls der Soldat: ,,... Wenn nachher der Starke Mann auftritt, da könn'Se was sehen : der biegt Ihnen das Grundgesetz, als wär's `n Ring Warme !" (S. 9). Der Starke Mann ist eine Karikatur Konrad Adenauers; daß er das Grundgesetz nach Belieben umformen kann, als wäre es eine warme Wurst, deutet auf die beschriebene Affäre um die Gründung des ZDF hin, aber auch ganz allgemein auf seinen autoritären Regierungsstil. Die von den Regierenden gewünschte, sich unterordnende Haltung des Volkes drückt sich sehr klar aus im ,,Chor (der meisten Zuschauer): Dir dienen wir / Und zu Dir rufen um Hülfe wir / leite uns den rechten Pfad / Den Pfad Derer, Denen Du gnädig bist / nicht Derer Denen Du zürnest / und nicht den der irrenden Antipoden" (S. 13). Dieser gebetsartige Vortrag korrespondiert mit der einer Predigt ähnelnden Ansprache des Starken Mannes, auf die im nächsten Kapitel hingewiesen wird. Vom autoritären Staat wird später noch die Rede sein.

Auch der Geistliche, stellvertretend für die Institution der Kirche, tut sich nicht durch Weitsicht oder wenigstens ein Interesse an ihr hervor: ,,... ich kümmere mich nie ums Ganze; wenn I schöne Stelle kommt, ruf ich mein >Hallelujah<, und damit Gottbefohlen" (S. 9). Das mangelnde Interesse an den Wertvorstellungen der Intellektuellen zeigt sich in den bevorzugten Kunsterlebnissen, von denen der Postbeamte, im Bild links mit der Schirmmütze auf dem Kopf, spricht: ,,Sie heut früh, beim Gastwirt, >Balduins Hochzeit<, im Fernsehen, das war was : diese Kostüme ! Und dabei Sittlichkeit & Gesinnung - wenn's jetzt=hier nur halb so schön wird, bin ich schon zufrieden" (S. 9). Der Titel Balduins Hochzeit - mir ist nicht bekannt, ob dieses Stück tatsächlich existiert - ist hier Platzhalter für die Vielzahl von

Schwänken und Heimatfilmen, die das Publikum der fünfziger Jahre nicht mit der unverarbeiteten jüngsten Vergangenheit konfrontierten oder sie zur Auseinandersetzung mit ihren alltäglichen Problemen und gesellschaftsrelevanten Fragen drängten, sondern diese ,,Realität illusionistisch verzerrten oder traumbildartig auflösten, [und damit] über das Zeitgeschehen einen »verunklarenden Schleier« breiteten."# Die Unvereinbarkeit solcher Formen der Unterhaltung, die anstelle von Vergangenheitsbewältigung eine heile Welt vorgaukeln, mit dem Kunstverständnis der Intellektuellen und somit auch die Distanz zwischen ihnen und dem Volk, wird besonders deutlich im übernächsten Kapitel, in dem es um den Künstler geht. Im folgenden Kapitel wird untersucht, was die Zuschauer im ,,Welttheater" von den Komödianten geboten bekommen.

Die Haupteigenschaften des Volkes, seine Unwissenheit und seine mangelnde Initiative, etwas an diesem Umstand zu ändern, seine damit verbundene Distanz zu den Intellektuellen und den von ihnen zu vermittelnden Moralvorstellungen und seine unkritische Haltung gegenüber den Herrschenden sind auch auf Das Zweite Programm übertragbar. Allerdings muß angemerkt werden, daß es aus den Reihen der Zuschauer auch durchaus Äußerungen gibt, die eine allzu strenge Auslegung dieses Weltbildes ins Wanken bringen könnten. Nur zwei davon sollen hier zitiert werden. Wissensdrang und Neugier spiegeln sich im Text der Kleinen, des Mädchens, das links vor der Gruppe der Zuschauer steht: ,,Du=Omi. : iss'nn hinner dem Vorhank=hier ?" (S.10). Sie wird von Schmidt auch einigermaßen hoffnungsvoll beschrieben: ,,... ganz Pony : die Nase wird vieles riechen..." (S.7). Im Jungarbeiter regt sich leiser Widerstand gegen die Verunglimpfung aller Künstler, die der Atomschulmeister anstimmt (S. 24f.) und die die Zuschauer mit Begeisterung aufnehmen. Er erwidert: ,,Wenn aber nun doch einmal I=Einzelner Recht hätte : wie dann?! -". Eine mögliche Antwort verhindert der ,,Gong (spöttisch): Nu bong. Nu bong." (S. 25).

3.1.2 Die Komödianten: die Herrschenden

Die Komödianten, dargestellt auf der mittleren Tafel des Triptychons, lassen sich als die Gruppe der Herrschenden auffassen. Hier ist die auffälligste Figur der Starke Mann, dessen unzweifelhafte Ähnlichkeit mit Konrad Adenauer dieser Deutung die erste Berechtigung gibt. Der Bänkelbock, die mit Offiziersuniform und Kapitalistenzylinder bekleidete Teufelsfigur, steht für die militärische Befehlsgewalt und die Wirtschaftsmacht, über die die Herrschenden verfügen. Er preist vor dem Schlachtengemälde den Krieg und versucht aus dem Publikum Soldaten zu rekrutieren. Die Darstellung der Herrschenden als Komödianten kann als Anspielung auf die bereits angesprochene verschleiernde und einlullende Wirkung der Schwänke nach Art von Balduins Hochzeit verstanden werden, aber auch als ironischer Kommentar, auf die unfreiwillige Komik der Herrschenden.

Am Beispiel des Starken Mannes und des Bänkelbocks kann auch die Verbindung der Herrschenden mit dem leviathanischen Prinzip belegt werden. In seiner ersten Erzählung Leviathan oder die beste der Welten läßt Arno Schmidt seinen Protagonisten den Leviathan als einen Teufel bezeichnen.# Auf Eberhard Schlotters Triptychon sind auf Anhieb zwei Teufelsfiguren zu entdecken: der Bänkelbock, dessen Bocksbeine den Betrachter an den Teufel denken lassen und auf den ich später eingehen werde, und der Starke Mann, der zwei Schatten besitzt. Die zwei Schatten mögen im Bild als Andeutung schon genügen, im Text wird der beabsichtigte Zusammenhang aber besonders klar. Im Dialog zwischen Muskelmann und Atomschulmeister antwortet der Muskelmann auf die Frage ,,Und sag, schlemihlt es nicht um Dich ? Wohin ist denn Dein Schatten geraten ?": ,,Den hab'ich dem Starken Mann gegeben; für'n Erbschein - nun kann ich ruhig sterben" (S. 23). Die Anspielung auf Adalbert von Chamissos Peter Schlemihls wundersame Geschichte löst eindeutige Assoziationen aus: Der Starke Mann und damit Konrad Adenauer werden in die Nähe des Teufels gerückt. Der Leviathan der Bibel ist natürlich nicht identisch mit dem Teufel, vor dem hier skizzierten Hintergrund sei dieser interpretatorische Brückenschlag aber zunächst gestattet - schließlich sind beide Sinnbilder des Bösen und Zerstörerischen. Ein anderer Ansatz erscheint aber vielversprechender: der Vergleich des Starken Mannes mit dem Leviathan von Thomas Hobbes.

In seiner Herleitung des leviathanischen Prinzips sieht Klein zwar ebenfalls die Anspielung des Titels Leviathan auf das biblische Seeungeheuer#, kommt aber zu dem Schluß, daß ,,der unüberwindliche Gegensatz zwischen Schmidt und jedweder Religion, speziell des Christentums und den ihn [sic] tragenden Institutionen [ausschließt], im leviathanischen Prinzip ein religiös oder metaphysisch determiniertes Weltbild zu sehen."# Ob Schmidts Leviathan auch einen Verweis auf Thomas Hobbes beinhaltet, hält er für unklar, da sich dieses Buch weder in Schmidts Bibliothek befinde, noch Hinweise existieren, ob Arno Schmidt Hobbes jemals gelesen habe.# Der Ausklammerung dieses möglichen Bezuges kann gleich mehrfach widersprochen werden. Bei einem so belesenen Schriftsteller wie Arno Schmidt ist es unwahrscheinlich anzunehmen, daß er Hobbes' berühmte und einflußreiche Schrift nicht gekannt haben sollte. Daß sich das Buch nicht in Arno Schmidts Bibliothek befunden habe, wie Klein es anführt, muß als Begründung seiner Unkenntnis dieses Werkes und erst recht der Unabsichtlichkeit dieser Anspielung in Frage gestellt werden. Ob Arno Schmidt bewußt auf Thomas Hobbes' Leviathan angespielt hat oder nicht, ist letztlich unerheblich, wenn sich, wie es für Das Zweite Programm der Fall ist, eine Beziehung zwischen Hobbes' Leviathan und dem von Klein konstruierten Weltbild Schmidts herstellen läßt. Thomas Hobbes hat mit seinem Leviathan, dem Symbol des absoluten Souveräns, dem das Volk aus freien Stücken alle Macht anvertraut, den Weg für den Absolutismus geebnet. Der Satz des Starken Mannes: ,,Es ist kein Recht außer mir : ist es mir recht, so ist es Recht !" (S. 13) verweist deutlich auf das Ludwig dem XIV. zugeschriebene Verdikt ,,L'état, c'est moi", zu übersetzen sowohl mit ,,Das Recht bin ich" als auch ,,Der Staat bin ich". Hobbes' Leviathan hat, ist er einmal an der Macht, keine Gegner mehr, der Starke Mann sagt ,,(in gewaltiger Verachtung): Antipoden?! : Ich habe keine ! Ich bin mir zu gut, Jemandes Antipode zu sein. Manchmal schwindelt mir's selber, wenn ich meine Größe so ermesse" und ,,Ich verkündige Euch große Freiheit, die allem Volke widerfahren wird : Jeglichem steht die Wahl offen, ob er verboten werden will, oder unter die 5% Klausel fallen!" (S. 13). Beide Zitate drücken mit der Ablehnung aller Gegner, die vor die Alternative: Anpassung oder Verbot gestellt werden, auch die Forderung nach Bürgern aus, die sich kritiklos der Politik anpassen. Diese Untergebenen, die folglich durch ihre Anpassung an die Machtpolitiker das leviathanische Prinzip und damit ihren eigenen Untergang durch Rüstung und Krieg befördern, sind weiter oben schon beschrieben worden. Wie weiter oben schon angekündigt, stellt die predigtartige Ton zu Beginn des letztgenannten Zitates eine Art religiöser Verbindung zwischen Zuschauern und Starkem Mann und damit zwischen Volk und Herrschenden her. Dahinter verbirgt sich auch eine der bei Arno Schmidt sehr beliebten Repliken gegen Kirche und Religion.

Auch die wichtigsten Merkmale der Herrschenden, ihr Bestreben, das Volk zu unterdrücken und ihre Beförderung des leviathanischen Prinzips sowie die damit implizierte ablehnende Haltung gegenüber den Intellektuellen im Schmidtschen Weltbild nach Klein lassen sich auf Das Zweite Programm anwenden. Auch in diesem Fall besteht aber die Möglichkeit einer genaueren Differenzierung der Zusammensetzung dieser Gruppe, denn die Funktion des Souffleurs konnte hier nicht unter die Lupe genommen werden und die Gruppe Muskelmann, Atomschulmeister und Dackel Michel scheint sich einer eindeutigen Zuordnung zunächst zu widersetzen.

3.1.3 Das technische Personal: die Intellektuellen

Den Intellektuellen als dritter Gruppe im Schmidtschen Weltbild nach Klein entspricht in Das Zweite Programm das technische Personal. Dazu gehören der Künstler, der im Bild auf der rechten Tafel im Hintergrund die Jalousie stemmt und große Ähnlichkeit mit Eberhard Schlotter aufweist, und seine Neunfach=Muse. Sie sitzt im Vordergrund der rechten Tafel an der Harfe, mit der sie während des ganzen Stückes immer wieder musikalische Kommentare wie ,,Plemm=plemm : Plemm=plemm" (S. 9) einstreut. Zwischen Künstler und Muse wird Schwesterchen Pandemos von einer Harlekinfigur begattet, was sich als Allegorie über den Künstler bei der Arbeit deuten läßt, wenn man Schwesterchen Pandemos und den Harlekin als Verdoppelung von Muse und Künstler ansieht.# Die von Schmidt für den Künstler und die Muse gewählte Bezeichnung technisches Personal vergleicht die Intellektuellen mit Bühnenarbeitern, die für den Betrieb des Welttheaters unerläßlich sind, aber nie gewürdigt werden und immer hinter den Kulissen bleiben, unsichtbar für das Publikum. Dieser Eindruck wird durch die größtmögliche räumliche Distanz verstärkt, die auf dem Gemälde zwischen Künstler und Volk besteht, und durch einen Satz der Muse bestätigt: ,,Wir kommen nie nach vorn, ich & der Künstler Sich=isolieren ist die erste Voraussetzung zum produktiv=werden" (S. 27). Damit ist allerdings nicht ausgesprochen, daß die völlige Absonderung von der Gesellschaft notwendige Bedingung sei, um künstlerisch tätig zu werden, denn das widerspräche der den Intellektuellen gesetzten Aufgabe, gegen das leviathanische Prinzip zu agieren. Gemeint ist die Maxime, nach der bekanntermaßen Arno Schmidt sein Leben eingerichtet hatte, daß das persönliche Auftreten des Künstlers nicht erforderlich ist, es reicht, wenn sein Werk zur Kenntnis genommen wird. Der Künstler in Das Zweite Programm will Klarheit schaffen, die verschleierten gesellschaftlichen Prinzipien und Mißstände beleuchten und sichtbar machen: ,,... ich muß doch gleich noch etwas mehr Licht machen! (er stemmt die Jalousie I Stückchen höher)" (S. 30). Gleichzeitig ist er sich aber bewußt, daß er damit beim Publikum keinen großen Anklang finden wird: ,,Sicher schreien 99% sofort >LUZIFER !<, wenn's n bißchen heller wird - (berichtigend): zu werden droht. >Mehr Licht< will Niemand ! Nich mal die eigne Umgebung woll'n se deutlich sehen" (S. 30) und direkt im Anschluß kreidet er seinen Gegnern, den Regierenden, ihre Doppelmoral im Umgang mit den Künstlern an:

,,Wer ausspricht, daß die Welt zur Hälfte Geschtank & Schock & Irrsinn ist, kriegt eins mit'm Notstandsgesetz. Und wenn Einer redlich & künstlerisch schildert, wie'n Mensch gemacht wird, bestrafen se'hn wegen >Obszönität<. Und gehen anschließend hin, in'n Puff; oder beschnuppern die Sättel von Damen=Fahrrädern." (S. 30)

Sein Sendungsbewußtsein und seine elitäre Position formuliert der Künstler deutlich: ,,Nicht ich, Ihr Bundes=Genossen, bin da, von euch zu lernen; sondern Ihr seid da, von mir zu lernen !" (S. 31) Das erinnert stark an einen dort als Zitat gekennzeichneten Satz des Protagonisten in Schmidts Roman Das Steinerne Herz: ,,Nicht ich, Ihr Athener, bin da, von euch zu lernen : sondern Ihr seid da, von mir zu lernen !"# Es ist zu vermuten, daß das Zitat von Sokrates stammt, das Original konnte aber nicht aufgespürt werden. Mit ,,Bundesgenossen" spricht er den ,,Nachbarn Ucalegon" (S. 30) an. Ukalegon (gr.: unbekümmert) ist in Homers Ilias der Name eines der Ältesten, die über Troja regieren.# Der Ukalegon in der Ilias ist ein Weiser, beim ,,Nachbarn Ucalegon brennt's mal wieder im Oberstübchen" (S.30), von Weisheit kann hier also nicht die Rede sein. Was bleibt ist das fortgeschrittene Alter des Regierungsmitgliedes und damit ist der Bezug zu Konrad Adenauer hergstellt, der sich 1961, im Alter von über 80 Jahren, nochmals zum Bundeskanzler wählen ließ.# Daß er seiner Meinung nach für dieses Amt schon viel zu alt ist, läßt Schmidt die Mestizin hinter vorgehaltener Hand formulien: "dabei kann er gar nicht mehr; dessen Glans=Zeit ist vorbei" (S. 12).

In einer weiteren Äußerung seiner oppositionellen Haltung gegenüber den Herrschenden verbirgt sich ein Hinweis auf die bereits für die Person Schlotters genannte Ablehnung der Westorientierung der jungen Bundesrepublik und auf den Wunsch nach politischer Neutralität: ,,Ich werd'Euch beibringen, mir die Wahl zwischen Cowboy und Kosack aufzwingen zu wollen" (S. 30). Mit ,,Cowboy" sind natürlich die USA gemeint, mit ,,Kosack" die UdSSR.

Auch die Überzeugung, daß die scheinbare Aussichtslosigkeit seiner schöpferischen Tätigkeit kein Grund zur Aufgabe der Bemühungen ist, spricht der Künstler aus. ,,Ohne Arbeit bin ich bloß'n Lump. :Wenn ich arbeit', werd'ich zu was" (S. 30). Auf eine knappe Formel bringt diese Haltung auch der schon angesprochene letzte Satz des Textes: ,,Halt's Maul und mach' was !!!" (S. 31).

Das Zweite Programm stellt allerdings noch eine zweite Künstlerfigur vor. Der schon als Teufelsfigur mit dem leviathanischen Prinzip in Verbindung gebrachte Bänkelbock, kann ebenfalls als Künstler betrachtet werden. Allerdings steht er auf der anderen Seite, im Dienste der Herrschenden, und unterstützt damit das leviathanische Prinzip, was, wie schon angesprochen, durch sein Erscheinungsbild unterstützt wird. Im Gegensatz zum wahren Künstler steht er im Dialog mit dem Publikum und fungiert dabei als Interessenvertreter der Herrschenden. Eine seiner Parolen ist das leicht variierte Schiller-Zitat: ,,Es soll der Dichter mit dem König gehen" (S. 18)#. Unterstützt durch seine Muse, genannt Präserlotte, bietet der Bänkelbock den Zuschauern, die er sarkastisch mit ,,meine verehrten Beeinflußbaren" (S. 17) anspricht, Proben seiner Dichtkunst und redet dabei jeder im Publikum vertretenen Institution und den Regierenden nach dem Mund (S. 19). Er preist den Krieg, ,,Sieg ! Großer Sieg ! Ich sehe Alles auf dem Goldgrund unserer Schwerindustrie !" (S. 21), und verharmlost die atomare Aufrüstung: ,,Es ist nicht schad'! Eure Lieben in der Heimat harren Eurer Rückkehr, wohlverwahrt in atomsicheren Mänteln mit Kapuze - eine rein deutsche Erfindung übrigens : die Waffen wechseln : der Goldgrund bleibt !" (S. 22).

Trotzdem sagt der Künstler über den Bänkelbock: ,,Hör'ma : der Schnell=Dichter. - Der Kerl iss tatsächlich gar kein >Feind< : der Kerl iss ja Lyriker !" (S. 31). Diese Anerkennung, die der Künstler über seinen politischen Gegner ausspricht, ist ein Indiz dafür, daß auch das Bild des Intellektuellen in Das Zweite Programm differenzierter ist, als Klein es für die frühen Texte Schmidts herausgearbeitet hat. Es scheint so etwas wie Negativ-Intellektuelle zu geben, bei denen allerdings nicht alle Hoffnung verloren ist. Die Übertragbarkeit der anderen Charakteristika des Intellektuellen auf Das Zweite Programm, seine Opposition zu den Herrschenden und damit seine antileviathanische Haltung, sein Sendungsbewußtsein in Verbindung mit seiner aufklärerischen Aufgabe und seine unermüdliche Arbeit trotz deren Aussichtslosigkeit, wurde klar herausgearbeitet.

4 Fazit

In erster Näherung, das hat diese Arbeit gezeigt, läßt sich das Weltbild, das Joachim Klein aus Arno Schmidts frühen Texten hergeleitet hat, stimmig auf Das Zweite Programm übertragen. Ebenso läßt sich seine Aussage, der frühe Arno Schmidt sei ein politischer Schriftsteller, auf Das Zweite Programm anwenden. In bezug auf das leviathanische Prinzip ergibt sich unter Einbeziehung des Leviathan von Thomas Hobbes eine sinnvolle Erweiterung dieses Ansatzes für das Gemeinschaftswerk von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter. Bei genauerem Hinsehen und Nachlesen werden jedoch Abweichungen von dem einfachen Schema der Dreiteilung sichtbar, die auf die Notwendigkeit einer tiefergehenden und umfassenderen Analyse des zugrundeliegenden Gesellschaftsbildes hinweisen. Um diese Differenzierungen durchzuführen, wäre eine genaue Betrachtung aller Figuren und eine Analyse des gesamten Textes nötig, die sich bei der großen Zahl an Chiffren und Zitaten im Text sehr umfangreich gestaltete. Als Beispiele dieser verschlüsselten Anspielungen, deren Einbeziehung tiefere Ebenen des Textes freilegen könnte, sei hier nur das ,,Corned Beef, Marke >tat=twam=asi<" (S. 10) angeführt. In Sanskrit bedeutet ,,tat tvam asi" ,,das bist du" und ist eine philosophische Belehrung über das Selbst, über die sich Arthur Schopenhauer in seiner Preisschrift über die Grundlage der Moral äußert.#

Das vereinfachte Weltbild mit Volk, Herrschenden und Intellektuellen, gesteuert vom zerstörerischen leviathanischen Prinzip, das durch den Machtanspruch der Herrschenden und die kritiklose Folgsamkeit des Volkes gefördert wird, ist für die Satire fruchtbarer Boden. Die weiteren Übertreibungen - beispielsweise die Parallelisierung der Bundeswehr mit der Wehrmacht oder Adenauers mit einem absolutistischen Herrscher - können darauf gut gedeihen. Das Verständnis dieser Anspielungen entzieht sich zwar dem oberflächlichen Lesen; sind sie durchschaut, erscheint die satirische Wirkung dafür umso gelungener. Neben allen deutlichen Bezügen auf Politik und Gesellschaft im Deutschland der Nachkriegszeit - die Kritik an Konrad Adenauer und seinem Umgang mit dem Grundgesetz am Beispiel der Gründung des ZDF, die Ablehnung der Politik der Westintegration, und die Mißbilligung der Wiederbewaffnung und der Verdrängung der Naziverbrechen sind hier zu nennen - ist Das Zweite Programm auch von frappierender Aktualität. Die Diskussionen um mögliche rechtsradikale Tendenzen in der Bundeswehr und in der Gesellschaft und um den Wert der Intellektuellen in einer Demokratie sind nur zwei Beispiele von vielen die zeigen, daß der Satz aus Arno Schmidts Einleitung: ,,Das Stück spielt zu der Zeit, wo es gelesen wird." nach wie vor gültig ist. Das Gleiche gilt für die politische und moralische Aufforderung aktiv zu werden und nicht aufzugeben: ,,Halt's Maul und mach' was!!!".

Die Beschäftigung mit Arno Schmidts Werk im allgemeinen und mit Das Zweite Programm im besonderen wird den Autor dieser Arbeit so schnell nicht loslassen.

5 Literatur

Quellen: a)

Schmidt, Arno / Schlotter, Eberhard: Das Zweite Programm. Zürich 1989.

dies.: Das Zweite Programm. In: Höllerer, Walter / Bender, Hans (Hg.): Akzente. Zeitschrift für Dichtung. 14. Jahrgang 1967, S. 110 - 134.

dies.: Das Zweite Programm. In: Breicha, Otto (Hg.): Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst, Musik. 10. Jahrgang 1/76. Wien 1976, S. 206 - 228.

b)

von Chamisso, Adalbert : Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Stuttgart 1980.

Hobbes, Thomas: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher. Übersetzt von Walter Euchner. Frankfurt 1992.

Homer: Ilias. In: Homers Werke. Herausgegeben von Peter Von der Mühll. Übersetzt von Johann Heinrich Voss. (Bd. 1) Zürich 1980.

Maass, Max Peter: Eberhard Schlotter. Monographie in vier Bänden. Altea/Alicante 1985.

Rauschenbach, Bernd (Hrsg.): Arno Schmidt. Der Briefwechsel mit Eberhard Schlotter. Zürich 1991.

Schiller, Friedrich: Die Jungfrau von Orleans. In: Schillers Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese und Lieselotte Blumenthal. Weimar 1948. (Bd. 9) S. 165 - 315.

Schlotter, Eberhard: Betroffen. In: Otto Breicha (Hrsg.): Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik. 1/1976, S. 216.

ders.: Werkverzeichnis der Radierungen von 1936 - 1968. Darmstadt.

Arno Schmidt: Leviathan oder Die beste der Welten. In: Ders.: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia. Bargfeld 1987. (Bargfelder Ausgabe 1/1) S. 33 - 54.

ders.: Das Steinerne Herz. In: Ders.: Romane Erzählungen Gedichte Juvenilia. Bargfeld 1986. (Bargfelder Ausgabe 2/1) S. 7 - 163.

Schopenhauer, Arthur : Preisschrift über die Grundlage der Moral, nicht gekrönt von der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften, zu Kopenhagen, am 30. Januar 1840. Zürich 1977 (Zürcher Ausgabe. Bd. VI) S. 143 - 317.

Darstellungen:

Benz, Wolfgang (Hg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. 4 Bände. Frankfurt 1989.

Flemming, Günther: Letternspuren. Arno Schmidt und Eberhard Schlotter - die Außenseite ihrer Freundschaft. München 1983.

Glaser, Hermann: Deutsche Kultur. Ein historischer Überblick von 1945 bis zur Gegenwart. München / Wien 1997.

Klein, Joachim: Arno Schmidt als politischer Schriftsteller. Tübingen 1995.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
"Halt`s Maul und mach was!!!" Das satirische Gesellschaftsbild in "Das Zweite Programm" von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Veranstaltung
Proseminar: Arno Schmidts Prosa der 50er Jahre, Seminarleiter: Dr. Reinhard Kiefer
Autor
Jahr
1997
Seiten
13
Katalognummer
V94736
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Halt`s, Maul, Gesellschaftsbild, Zweite, Programm, Arno, Schmidt, Eberhard, Schlotter, Proseminar, Arno, Schmidts, Prosa, Jahre, Seminarleiter, Reinhard, Kiefer
Arbeit zitieren
Florian Rieger (Autor), 1997, "Halt`s Maul und mach was!!!" Das satirische Gesellschaftsbild in "Das Zweite Programm" von Arno Schmidt und Eberhard Schlotter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94736

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