Machen Werte glücklich? Der Einfluss von Werten und Werteselbstdiskrepanzen auf das Wohlbefinden und den Affekt


Masterarbeit, 2020

105 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Werte
2.1.1 Wertebegriff
2.1.2 Wertemodelle und Modell dieser Studie
2.1.3 Werte und Wohlbefinden
2.2 Theorie der Selbstdiskrepanz
2.2.1 Domänen des Selbst
2.2.2 Selbstdiskrepanzen
2.2.3 Auswirkungen der Selbstdiskrepanz auf Affekt
2.2.4 Moderatoren des Zusammenhangs zwischen Selbstdiskrepanz und negativem Affekt
2.3 Verknüpfung der Theorien und Hypothesenableitung
2.3.1 Werteranking 2020
2.3.2 Werte und Affekt
2.3.3 Wertediskrepanz und Affekt

3. Methode
3.1 Stichprobe
3.2 Studiendesign
3.3 Versuchsablauf
3.4 Erhebungsinstrumente
3.4.1 Werteselbstdiskrepanz und -priorisierung
3.4.2 Affektive Maße
3.4.3 Emotionsregulation
3.4.4 Subjektive Wahrnehmung der Corona- Pandemie

4. Ergebnisse
4.1 Voranalysen
4.2 Deskriptive Statistik
4.3 Werteranking
4.4 Ergebnisse der statistischen Hypothesenprüfung
4.4.1 Leben nach Werten und Affekt
4.4.2 Wertediskrepanz und Affekt
4.4.3 Moderatoren des Zusammenhanges zwischen Wertediskrepanz und Affekt

5. Diskussion
5.1 Diskussion der Ergebnisse
5.1.1 Werteranking
5.1.2 Werte und Affekt
5.1.3 Wertediskrepanz und Affekt
5.1.4 Moderatoren des Zusammenhanges zwischen Wertediskrepanz und Affekt
5.2 Limitationen dieser Studie und Empfehlungen für weitere Forschung
5.2.1 Methodische Umsetzung der Wertemessung
5.2.2 Querschnittliche Online-Befragung
5.2.3 Stichprobe
5.2.4 Inhaltlicher Ausblick
5.3 Implikationen für die Praxis
5.3.1 Implikationen für die Bildung
5.3.2 Implikationen für die Wirtschaft
5.3.3 Implikationen für die Psychotherapie
5.4 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Persönliche Werte sind sinnstiftend und bieten Orientierung für das alltägliche Leben. Es gibt bereits Untersuchungen, die auf den Einfluss von Werten auf das menschliche Verhalten hinweisen. Zudem postuliert die Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987), dass Selbstdiskrepanzen, als Abweichungen von angestrebten Idealzuständen, mit negativem Affekt in Verbindung stehen. Unklar ist allerdings, ob sich auch Wertediskrepanzen, also die Übertragung der Selbstdiskrepanztheorie auf das Thema der Werte, auf den Affekt auswirken. Deswegen wurden in dieser Forschungsarbeit die Zusammenhänge zwischen Werten sowie Wertediskrepanzen und dem Affekt untersucht. Basierend auf einer korrelativen Querschnittsstudie mit N = 523 Teilnehmenden konnte diese Studie auf einen signifikanten positiven Zusammenhang zwischen dem Ausmaß, mit dem man tatsächlich nach einem Wert lebt und dem positiven Affekt hinweisen. Darüber hinaus konnte verdeutlicht werden, dass Wertediskrepanzen negativ mit dem positiven Affekt und positiv mit dem negativen Affekt assoziiert sind und diese Zusammenhänge außerdem sowohl durch die kognitive Emotionsregulation als auch die persönliche Wertewichtigkeit moderiert werden. Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit veranschaulichen die Relevanz der Minimierung und Vermeidung von Wertediskrepanzen. Es werden praktische Implikation der Ergebnisse für verschiedene Lebensbereiche wie Bildung, Wirtschaft oder Psychotherapie abgeleitet und diskutiert.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Darstellung des Wertekreises der zehn Wertetypen nach Schwartz (2012)

Abbildung 2 Darstellung des Werte-Index Rankings im Verlauf (Wippermann & Krüger, 2020)

Abbildung 3 Darstellung der Dropouts und Selbstausschlüsse im Verlauf der Erhebung

Abbildung 4 Visualisierung des absoluten Werterankings dieser Studie (N = 523)

Abbildung 5 Visualisierung des gewichteten Werterankings dieser Studie (N = 523)

Abbildung 6 Moderation von funktionaler kognitiver Emotionsregulation für den Zusammenhang zwischen Werteselbstdiskrepanz und positivem sowie negativem Affekt

Abbildung 7 Moderation von dysfunktionaler kognitiver Emotionsregulation für den Zusammenhang zwischen Werteselbstdiskrepanz und negativem Affekt

Abbildung 8 Moderation von persönlicher Wertewichtigkeit für den Zusammenhang zwischen Werteselbstdiskrepanz und negativem Affekt

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Darstellung der terminalen und instrumentellen Werte nach Rokeach (1973)

Tabelle 2 Übersicht der berücksichtigten Werte dieser Forschungsarbeit

Tabelle 3 Korrelationen zwischen den Items zur subjektiven Wahrnehmung der Corona-Pandemie

Tabelle 4 Mittelwerte, Standardabweichungen und Korrelationen der Studienvariablen

Tabelle 5 Korrelative Zusammenhänge zwischen dem tatsächlichen Werteausmaß und dem Affekt

Tabelle 6 Ergebnisse der Multiplen Regressionsanalyse zur Prädiktion des positiven Affektes

Tabelle 7 Ergebnisse der Multiplen Regressionsanalyse zur Prädiktion des negativen Affektes

1. Einleitung

„Werte leiten das Verhalten von Menschen. Sie liefern ein Koordinatensystem, einen Kompass, an dem sich ein Mensch orientieren kann, und bilden die Basis von Entscheidungen“ (Frey, 2016, S. 6).

Dieses Zitat des Sozialpsychologen Dieter Frey unterstreicht die Relevanz von Werten und somit dem Kernthema dieser Forschungsarbeit. In den vergangenen Jahren gab es vermehrt Hinweise darauf, dass Werte einen wesentlichen Einfluss auf menschliches Verhalten und subjektives Wohlbefinden haben (Bardi & Schwartz, 2003; Burroughs & Rindfleisch, 2002; Sagiv & Schwartz, 2000; Schwartz, 2012; Zimmermann et al., 2015). Doch nach welchen Werten streben wir und wie genau hängen die persönlichen Werte mit dem eigenen Wohlbefinden und Affekt zusammen – machen Werte glücklich?

Darüber hinaus ist unklar, inwiefern eine Wertediskrepanz, die Differenz zwischen dem Ausmaß, mit dem man idealerweise nach einem Wert leben möchte und man tatsächlich nach einem Wert lebt, sich auf das Wohlbefinden und den Affekt eines Menschen auswirkt. Die Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) zeigt auf, dass bei großen Selbstdiskrepanzen, bezüglich Eigenschaften oder Einstellungen im Allgemeinen und nicht konkret bezüglich Werten, negativer Affekt folgen kann. Doch welche Auswirkungen hat es, wenn eine Wertediskrepanz zwischen den Werten, wonach ein Mensch leben möchte und tatsächlich lebt, besteht?

Diese zentralen Fragen sollen mit dieser Arbeit beantwortet werden. Die Übertragung der Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) auf das Konstrukt der Werte soll mögliche Antworten auf diese Fragen liefern und zugleich den Mehrwert und die Relevanz dieser Forschungsarbeit abbilden. Dabei wird zunächst ein theoretischer Überblick sowohl über den Wertebegriff, verschiedene Wertemodelle und dem Wertemodell dieser Arbeit als auch dem Thema der Selbstdiskrepanz präsentiert. Am Ende der theoretischen Übersicht werden die beiden Konstrukte Selbstdiskrepanz und Werte miteinander verknüpft und die daraus abgeleiteten Hypothesen dargelegt. Daraufhin skizziert das Kapitel 3 die methodische Umsetzung der vorgestellten Studie. Anschließend werden die Ergebnisse der Hypothesenprüfung zusammengefasst. Abschließend werden die Ergebnisse diskutiert, Limitationen der Studie aufgezeigt und auf Implikationen dieser Forschungsarbeit hingewiesen.

2. Theorie

In diesem Kapitel werden die theoretischen Hintergründe der vorliegenden Forschungsarbeit näher beleuchtet. Im ersten Teil dieses Kapitels wird die theoretische Basis von Werten präsentiert. Im zweiten Teil erfolgt die Darstellung der Theorie der Selbstdiskrepanz. Abschließend werden sowohl der Zusammenhang der beiden Konstrukte als auch die Hypothesen abgeleitet und vorgestellt.

2.1 Werte

2.1.1 Wertebegriff

Da in der Literatur keine einheitliche Wertedefinition vorliegt, legt sich diese Forschungsarbeit auf die folglich dargestellte, weit verbreitete Wertedefinition fest. Nach Kluckhohn (1951, S. 395) ist ein Wert „eine Vorstellung des Wünschenswerten, explizit oder implizit, kennzeichnend für ein Individuum oder charakteristisch für eine Gruppe, welche die Auswahl verfügbarer Möglichkeiten, Wege und Handlungsziele beeinflusst“. Somit wird angenommen, dass Werte einen hohen Abstraktionsgrad implizieren und das menschliche Verhalten im Allgemeinen beeinflussen. Menschen denken, wenn sie an Werte denken, an das, was ihnen im Leben wichtig ist (Schwartz, 2012). Bereits Carver und Scheier (1998) weisen in ihrem Modell der Selbstregulation auf Endpunktziele hin, welche einen gewünschten Endzustand implizieren. Diese Ziele seien hierarchisch organisiert und es wird beispielsweise zwischen be goals, welche übergeordnete Idealvorstellungen beschreiben (z.B. sei fürsorglich), und do goals, welche die konkrete Umsetzung beschreiben (z.B. Bereite jeden Tag Essen für die Familie vor), unterschieden (Carver & Scheier, 1998; Krohn, 2014). Demzufolge sind Werte mit Zielen in Verbindung zu bringen, wobei nicht jedes Ziel einen Wert darstellt und somit Werte eine Untermenge von Zielen abbilden.

Der zuvor beschriebene Hierarchiegedanke aus dem Modell von Carver und Scheier (1998) lässt sich auch auf das Thema Werte übertragen. Denn jede Person lebt nach zahlreichen Werten, die sich in ihrer persönlichen Wichtigkeit interindividuell unterscheiden (Schwartz, 2012). Darüber hinaus weist Rokeach (1973) darauf hin, dass sich Menschen nicht in den Werten per se unterscheiden, sondern lediglich an der zuvor genannten individuellen Priorisierung dieser, woraus folgt, dass Werte von einer Gesellschaft geteilt werden.

Aus diesen definitorischen Überlegungen abgeleitet beschreibt Schwartz (2012) sechs wesentliche Merkmale von Werten. Werte seien (1) Überzeugungen, welche eng mit Emotionen verknüpft sind. Demzufolge seien Menschen beispielsweise erregt, wenn deren Werte bedroht sind. Außerdem (2) beziehen sich Werte auf wünschenswerte Ziele, die zur Handlung motivieren. Menschen, denen ein Wert wichtig ist, sind motiviert, dieses Ziel zu erreichen. Weiterhin (3) transzendieren Werte spezifische Handlungen und Situationen. Werte sind somit in verschiedenen und über verschiedene Situationen hinweg von Relevanz. Des Weiteren (4) dienen Werte als Standard oder Kriterium von Menschen. Werte geben hierbei eine Orientierung sowohl bei der Auswahl als auch Bewertung von Handlungen oder Ereignissen. Die (5) Ordnung der Werte nach individueller Wichtigkeit stellt ein weiteres Merkmal von Werten dar. Werte stellen ein hierarchisch geordnetes System nach individueller Priorisierung dar. Als letztes Merkmal beschreibt Schwartz (2012) die (6) relative Wichtigkeit mehrerer Werte, welche Handlung beeinflusst. So hat jedes Verhalten einen Einfluss auf mehrere Werte gleichzeitig, welche möglicherweise auch in Konkurrenz stehen. Das Abwägen der relativen Wichtigkeit der Werte führt zur Handlung.

Basierend auf dieser Definition (Kluckhohn, 1951) und den von Schwartz (2012) postulierten Merkmalen von Werten wird im folgenden Abschnitt der Wertebegriff anhand von verschiedenen Wertemodellen näher beleuchtet.

2.1.2 Wertemodelle und Modell dieser Studie

Erste Ansätze. Die Grundidee von Werten findet sich bereits bei Aristoteles wieder und ist somit kein neu erschaffenes Konstrukt (Pöge, 2017). Aristoteles beschäftigt sich bereits früh mit verschiedenen menschlichen Erfahrungsbereichen und der Frage, wie man sich wünschenswert in diesen verhält. Basierend auf dieser Frage entwickelt er die sogenannte Tugendtafel, auf welcher er jene Tugenden zusammenfasst. Tugenden beschreiben dementsprechend wünschenswerte Vorstellungen, die in der Gesellschaft als erstrebenswert gesehen werden. So beschreibt er die Tugend auf den Erfahrungsbereich der Verteilung begrenzter Ressourcen als Gerechtigkeit. Weitere Tugenden, die Aristoteles nennt, sind beispielhaft: Tapferkeit, Mäßigung, Freigiebigkeit, großzügige Gastfreundschaft, Seelengröße, Sanftmut, Wahrhaftigkeit oder praktische Vernunft (vgl. Schockenhoff, 2014). Hierbei wird deutlich, dass die genannten Tugenden heutigen Werten sowohl inhaltlich als auch bezüglich des Abstraktionsgrades sehr nahekommen.

Auch in der empirischen Wissenschaft gibt es verschiedene Wertemodelle. Unter anderem leistet der Persönlichkeitspsychologe Gordon Allport einen der ersten Beiträge, eine mögliche Wertekategorisierung zu entwerfen (Allport et al., 1960). In diesem Wertemodell werden sechs verschiedene Wertrichtungen postuliert (Boeree, 2006). Die Wertvorstellungen werden hier in theoretisch, ökonomisch, ästhetisch, sozial, politisch sowie religiös klassifiziert.

Werte nach Rokeach (1973). Ein weiteres Wertemodell, insbesondere im Hinblick auf diese Forschungsarbeit von Relevanz, beschreibt der Sozialpsychologe Rokeach (1973). In seinem Modell sind Werte, ebenso wie in der für diese Arbeit festgelegten Definition von Werten, überdauernde Vorstellungen, wohingegen diese prinzipiell auch durch Einflüsse, zum Beispiel von Kultur und Gesellschaft, wandelbar sind. Weiterhin besitzen alle Menschen prinzipiell dieselben Werte, zugleich in unterschiedlich starker Ausprägung. Allerdings ist in seiner Definition ein Wert eine Überzeugung, welche entweder eine bestimmte Art von Verhalten (instrumenteller Wert) oder einen bestimmten Zielzustand (terminaler Wert) gegenüber anderen Arten und Zielzuständen bevorzugt (Frey, 2016). Instrumentelle Werte beschreiben dabei Verhaltensweisen, um Lebensziele zu erreichen, während terminale Werte Endzustände menschlicher Existenz bezeichnen. Zum Beispiel strebt ein Mensch einerseits nach dem instrumentellen Wert, tolerant zu leben und andererseits damit zusammenhängend nach dem terminalen Wert einer friedlichen Welt. Hierbei werden zwei wesentliche Erkenntnisse erkennbar. Erstens klassifiziert Rokeach (1973) insgesamt 36 Werte in zwei Arten, 18 instrumentelle sowie 18 terminale Werte (siehe Tabelle 1). Zweitens wird deutlich, dass menschliche Werte nach der individuellen Priorität geordnet sind und somit gewisse Werte interindividuell wichtiger sind als andere. Demnach unterscheiden sich Menschen nicht an den Werten per se, sondern nach der individuellen Rangreihenfolge dieser (Pöge, 2017).

Tabelle 1 Darstellung der terminalen und instrumentellen Werte nach Rokeach (1973)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Basierend auf diesem Wertemodell entwickelt Rokeach zudem den Rokeach Value Survey (RVS), bei dem die Teilnehmenden dazu eingeladen werden, die jeweils 18 instrumentellen und terminalen Werte subjektiv zu priorisieren, indem sie diese nach ihrer individuellen Wichtigkeit in einer Rangreihe ordnen. Eine Adaption dieser Möglichkeit der Messung einer individuellen Wertepriorisierung wird auch in dieser Forschungsarbeit angewendet (siehe Kapitel Methode).

Theory of Basic Human Values (Schwartz, 1992). Eine weitere, theoretische Wertekategorisierung in der empirischen Wissenschaft leistet der Sozialpsychologe Schwartz (1992). Die Arbeiten von Rokeach fortführend und basierend auf eigenen Vorarbeiten (Schwartz & Bilsky, 1987, 1990) entwickelt Schwartz die Theory of Basic Human Values. Hier beschreibt er Werte als „guiding principles in their lives“ (Schwartz, 1992, S.37), welche ähnlich wie nach der Definition von Rokeach (1973), interindividuell unterschiedlich wichtig beurteilt werden. Nach empirischen Untersuchungen, bei denen er Teilnehmende aus 20 Nationen weltweit befragte, definiert Schwartz in seinem Wertemodell zehn verschiedene Wertetypen (siehe Abbildung 1), welche jeweils spezifische Werte zusammenfassend beschreiben. Die zehn postulierten Wertetypen lassen sich auf zwei Dimensionen, zum einen Offenheit für Veränderung versus Bewahrung und zum anderen Selbststeigerung (im eigennützigen Sinne) versus Selbstüberschreitung (im uneigennützigen Sinne), verorten (Frey, 2016; Schwartz, 1992). Die zehn Wertekategorien mitsamt der zwei Wertedimensionen ordnet Schwartz kreisförmig an, da diese nach seiner Auffassung in einer spezifischen Beziehung zueinander stehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Darstellung des Wertekreises der zehn Wertetypen nach Schwartz (2012)

Demnach stehen gewisse Wertetypen im Widerspruch zueinander, während sich gleichzeitig andere konzeptuell und bezüglich der zugrunde liegenden Motivation ähneln (Schwartz, 1992; Pöge, 2017). Wertetypen, die im Widerspruch stehen, liegen im Kreisaufbau gegenüber, wohingegen ähnliche Wertetypen nebeneinanderliegen. Je ähnlicher sich die Wertetypen sind, desto näher liegen sie im Kreis beieinander und umgekehrt je unähnlicher diese sich sind, desto weiter liegen sie auf dem Kreis voneinander entfernt. Dieses inhaltliche Verhältnis spiegelt sich auch in der individuellen Wertepriorisierung wider. Kompatible, nebeneinanderliegende Werte sollten auch eine ähnliche Wichtigkeit für einen Menschen aufweisen, wohingegen konkurrierende, gegenüberliegende Werte intraindividuell unterschiedlich wichtig sind. Resultierend ergibt sich die Wertestruktur einer Person aus den individuellen Werteprioritäten.

Hervorzuheben gilt die kulturübergreifende Forschung von Schwartz und der damit zusammenhängende Anspruch auf universale Gültigkeit. Seine Theorie der Basic Human Values (1992) basiert auf Untersuchungen aus 20 Nationen. In zahlreichenden weiteren kulturübergreifenden Studien konnte ebenfalls aufgezeigt werden, dass die zehn Wertetypen nach Schwartz (1992) sowohl intra- als auch interkulturell gültig sind (Schwartz, 1992; Schwartz & Bardi, 2001; Schwartz et al., 2001; Schwartz & Sagiv, 1995).

Eine Erhebung der zehn Wertetypen nach Schwartz (1992) ist mit dem Portrait Value Questionnaire (PVQ) möglich und auch validiert (Schmidt et al., 2007). Dieses Messinstrument bildet die Wichtigkeit der zehn Wertetypen in 40 Items indirekt ab, indem es sich verbalen Kurzportraits von Personen bedient. Teilnehmende werden nach dem jeweilig vorgelegten Kurzportrait gefragt, wie ähnlich sie der vorgestellten Person sind. Über diesen Bezug wird die Wichtigkeit der einzelnen Werte für die Teilnehmenden gefolgert. Die zugrunde liegende Idee hinter diesem Messinstrument ist der Versuch, die Erhebung von abstrakten Werten greifbarer zu gestalten, um somit die Messung von Werten auch für Menschen mit geringem Bildungsstatus zu ermöglichen (Schmidt et al., 2007). Beispielsweise wird der Wert Selbstbestimmung mit dem folgenden Kurzportrait erhoben: „Es ist ihm wichtig, neue Ideen zu haben und kreativ zu sein […]“ (Schmidt et al., 2007).

Werte der aktuellen Zeit. Neben den bisher genannten theoretischen Wertemodellen, startet der Sozialpsychologe Frey (2016) den Ansatz, die Werte der aktuellen Zeit zusammenzufassen. Er stellt zu Beginn seines Buches klar, dass seine Wertesammlung nicht vollständig ist und diesen Anspruch auch nicht stellt. Seine umfassende Wertesammlung soll vielmehr eine Auswahl an aktuellen Werten darstellen, die er in der heutigen Zeit als zentral für wertgeleitetes Handeln sieht. Die Werte, die Frey (2016) beschreibt, sind: Achtsamkeit, Autonomie, Dankbarkeit, Empathie, Generosität, Gerechtigkeit, Mäßigung, Nachhaltigkeit, Nächstenliebe, Offenheit, Optimismus, Rationalität, Resilienz, Respekt, Selbstreflexion, Selbstwert und Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Tapferkeit, Toleranz, Verantwortung, Vergeben, Vertrauen, Weisheit, Wissbegierde und Zivilcourage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Darstellung des Werte-Index Rankings im Verlauf (Wippermann & Krüger, 2020)

Als letzten und sehr relevanten Ansatz eines Wertemodells soll der aktuelle Werte-Index 2020 (Wippermann & Krüger, 2020) genannt werden. Neben den bisher genannten theoretischen Modellen oder dem Ansatz, aktuelle Werte der Zeit zusammenzufassen, versuchen Wippermann und Krüger (2020) auf alltagsnahe und moderne Art und Weise Werte zu untersuchen. Der Werte-Index ist seit 2009 eine Möglichkeit, regelmäßig alle zwei Jahre die Ausprägung, die Wichtigkeit und den Wandel von zehn grundlegenden Werten in der deutschen Gesellschaft zu ermitteln (siehe Abbildung 2).

Die Ermittlung erfolgt durch moderne Social-Media-Analysen in Form von Text- und Bildanalysen in deutschsprachigen Sozialen Medien. Wippermann und Krüger (2020) betonen hierbei, dass 84% der Deutschen im Alter von über 14 Jahren aktive Internetnutzer sind. Daraus schließen sie, dass folglich die Ergebnisse der Analysen aussagekräftig bezüglich des Wertewandels in Deutschland sind.

Wertesammlung dieser Forschungsarbeit. Resümierend wurden in den zuvor beschriebenen Absätzen verschiedene Wertesammlungen, -modelle und -kategorien präsentiert. Neben theoretischen Ansätzen, wie zum Beispiel der Theory of Basic Human Values von Schwartz (1992), wurde eine aktuelle Wertesammlung von Frey (2016) sowie der Werte- Index 2020 (Wippermann & Krüger, 2020), gebildet durch Social-Media-Analysen, vorgestellt. Aus den verschiedenen Modellen und Herangehensweisen resultiert eine umfassende Wertesammlung, die sowohl aus differenten als auch kongruenten Werten besteht. Für diese Forschungsarbeit wurden darauf aufbauend einzelne Werte ausgewählt und näher betrachtet. Dafür wurde ein deduktives Vorgehen gewählt (Schmidt-Atzert & Amelang, 2012). Die Werte aus den verschiedenen Modellen von Schwartz (1992), Frey (2016) und Wippermann und Krüger (2020) wurden in einen Pool zusammengelegt, inhaltlich verglichen sowie selektiert und final 13 verschiedene, zusammenfassende Werte definiert. Außerdem wurden, ähnlich wie zuvor bezüglich des Portrait Value Questionnaires (PVQ) beschrieben, entsprechende Kurzbeschreibungen der Werte für ein besseres Verständnis formuliert. In der folgenden Tabelle 2 ist eine Übersicht der in dieser Forschungsarbeit berücksichtigten Werte mitsamt einer Kurzbeschreibung sowie dem theoretischen Hintergrund des jeweiligen Wertes, welcher beschreibt auf welchen Modellen der Wert basiert ist, dargestellt.

Tabelle 2 Übersicht der berücksichtigten Werte dieser Forschungsarbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen. Die dargestellte Werteübersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Kurzbeschreibungen sind vom Autor selbsterstellt. Für ein besseres Verständnis sind die jeweils aus den theoretischen Modellen zugrundeliegenden Werte in der letzten Spalte abgebildet. Unberücksichtigt blieb in dieser Werteübersicht lediglich der Wert Stimulation (Schwartz, 2012), da dieser nicht zuordenbar war.

2.1.3 Werte und Wohlbefinden

Nachdem nun Werte definiert und verschiedene Wertemodelle dargestellt wurden, wird im folgenden Abschnitt der Zusammenhang dieser zum Wohlbefinden basierend auf empirischer Evidenz vorgestellt. Wohlbefinden beschreibt in diesem Fall die subjektive Seite psychischer Gesundheit (Asendorpf & Neyer, 2012).

Dass Werte überhaupt einen Einfluss auf das menschliche Verhalten haben, konnte neben der Definition nach Kluckhohn (1951) und aufgezeigten Theorien auch auf empirischer Basis verdeutlicht werden. Bardi und Schwartz (2003) befragten Probanden einerseits nach deren Werten mithilfe des Schwartz Value Survey (Schwartz, 1992) und andererseits mit einem weiteren Fragebogen nach Verhaltensweisen, welche die zehn Werte nach Schwartz (1992) ausdrücken. Beispielsweise sei das Lernen bis spät in die Nacht vor Prüfungen trotz guter Vorbereitung eine Verhaltensweise, die den Wert Leistung ausdrückt. Die Autoren weisen auf signifikante positive Zusammenhänge zwischen den Werten einer Person und den Werten ausdrückenden Verhaltensweisen hin. Zugleich können sie verdeutlichen, dass diese Zusammenhänge zwischen Werten und Verhalten in ihrer Stärke bei verschiedenen Werten variieren. Während beispielsweise die Korrelation zwischen dem Wert Tradition und diesen ausdrückenden Verhaltensweisen r = .67 beträgt, ist der Zusammenhang des Wertes Sicherheit mit entsprechenden Verhaltensweisen geringer (r = .32). Diese Befunde verdeutlichen die Verhaltenswirksamkeit von Werten.

Darauf basierend stellt sich die Frage, ob sich Werte auf einer weiteren Ebene neben dem Einfluss auf das menschliche Verhalten auch auf das subjektive Wohlbefinden auswirken können. Rolfe (2018) stellt in ihrem Buch zur Positiven Psychologie basierend auf der Studie von Ryff (1989) ein Modell vor, welches sechs Einflussfaktoren auf das subjektive Wohlbefinden betrachtet. Ein wichtiger Faktor, der das subjektive Wohlbefinden beeinflusst, ist demnach die Autonomie, welche Rolfe (2018, S. 19) als „Selbstbestimmtheit, […] sich als Mensch auf seine Werte als Kompass zu verlassen“ definiert. Ein weiterer Einflussfaktor sind in diesem Modell Sinn und Ziele bezogen auf das eigene Leben, was dem Konstrukt der Werte ebenfalls sehr nahekommt. Die beiden Einflussfaktoren auf das subjektive Wohlbefinden verdeutlichen, dass Werte einen Einfluss auf das Wohlbefinden haben können.

Des Weiteren wurden in einer Studie von Sagiv und Schwartz (2000) sechs Stichproben aus zum Teil unterschiedlichen Ländern auf den Zusammenhang zwischen der persönlichen Wichtigkeit von Werten, basierend auf dem Wertemodell von Schwartz (1992), und dem subjektiven Wohlbefinden untersucht. Es konnten sowohl positive als auch negative Zusammenhänge, auch wenn diese klein waren, zwischen einzelnen Wertepriorisierungen und dem subjektiven Wohlbefinden aufgezeigt werden. Während beispielsweise die Werte Leistung, Selbstbestimmung und Stimulation positiv mit dem Wohlbefinden korrelieren, konnte auf einen negativen Zusammenhang zwischen dem Wert Tradition und Wohlbefinden hingewiesen werden. Weiterhin verdeutlichen Burroughs und Rindfleisch (2002) in einer Übersicht mit 19 differenten Studien einen negativen Zusammenhang zwischen dem Wert Materialismus, als Fokus auf Besitz und Macht, und Lebenszufriedenheit.

Auf einer weiteren Ebene stellt sich abschließend die Frage des Einflusses von Werten auf die psychische Gesundheit. In einer Studie, bei der 117 Bundeswehrsoldaten teilnahmen, die im letzten halben Jahr vor der Befragung aus einem Auslandseinsatz in Afghanistan zurückgekehrt sind, wurde der Zusammenhang zwischen deren persönlichen Wertorientierungen und der psychischen Gesundheit untersucht (Zimmermann et al., 2015). Aufgrund des querschnittlichen Designs darf nicht auf Kausalität geschlossen werden. Dennoch ist auffallend, dass in dieser Studie verschiedene Werte einen signifikanten Einfluss auf die Häufigkeit und den Schweregrad einer psychischen Symptomatik, erfasst durch den Patient Health Questionnaire, haben. Während die Häufigkeit der Symptomatik einer Major Depression, anderen Depressionsformen, Angststörungen sowie Panikstörungen negativ mit der Ausprägung des Wertes Hedonismus assoziiert ist, korreliert die Häufigkeit der Symptomatik von Panikstörungen positiv mit der Ausprägung des Wertes Tradition. Auch bezüglich des Schweregrades einer somatischen oder depressiven Symptomatik konnte ein negativer Zusammenhang zu Hedonismus, jedoch eine positive Korrelation mit Benevolenz, aufgezeigt werden.

Zusammenfassend konnte in diesem Abschnitt, basierend auf dem Einfluss von Werten auf das menschliche Verhalten im Allgemeinen, das subjektive Wohlbefinden sowie die psychische Gesundheit, die Relevanz von Werten und der Zusammenhang dieser mit dem Wohlbefinden unterstrichen werden.

Nach diesem überblicksgebenden Abschnitt über das Thema Werte und Wertemodelle sowie der aufgezeigten Relevanz von Werten bezüglich des Wohlbefindens, soll in dieser Arbeit der Fokus darauf gelegt werden, welche Auswirkungen eine erlebte Wertediskrepanz, definiert als Differenz zwischen dem Ausmaß, mit dem man idealerweise nach einem Wert leben möchte und man tatsächlich nach einem Wert lebt, auf das Wohlbefinden und den Affekt hat. Ein hierbei naheliegendes Konstrukt ist die Selbstdiskrepanz (Higgins, 1987). Dieses Konstrukt wird im folgenden Abschnitt orientiert an der Selbstdiskrepanztheorie nach Higgins (1987) veranschaulicht.

2.2 Theorie der Selbstdiskrepanz

Bereits die Psychotherapieforschung von Rogers (1961) verdeutlicht eine Unterscheidung zwischen einem gewünschten Selbst und einem tatsächlich wahrgenommenem Selbst. Ziel sei es, Inkongruenzen zwischen diesen beiden Instanzen zu vermeiden und durch Psychotherapie eine Kongruenz zwischen diesen zu ermöglichen. Zudem weisen Duval und Wicklund (1972) darauf hin, dass eine Selbstdiskrepanz, also einer Diskrepanz zwischen gewünschtem und tatsächlichem Selbst, einen negativen Affekt zur Folge haben kann. Ein verständnisvolles, greifbares Beispiel liefert in diesem Fall eine Untersuchung von Bessenoff (2006). So moderiert eine körperbildbezogene Selbstdiskrepanz den Einfluss von der Exposition Idealbild verkörpernder Werbung auf negativen Affekt, in die Richtung, dass der in Folge der Werbung auftretende negative Affekt bei Frauen, die eine hohe körperbezogene Selbstdiskrepanz aufweisen, deutlich größer ist (Bessenoff, 2006).

Ein in dem Kontext dieser Forschungsarbeit relevantes, theoretisches und differenzierendes Rahmenwerk zum Verständnis von Selbstdiskrepanz stellt die Theorie der Selbstdiskrepanz nach Higgins (1987) dar. Diese erklärt das Konzept der Selbstdiskrepanz und weist auf mögliche Auswirkungen dieser auf den Affekt hin. Wesentliche Grundannahmen von Higgins (1987) sind, dass das Selbst eines Menschen aus drei Domänen des Selbst besteht, einem aktuellen Selbst, dem Idealselbst sowie einem Sollselbst. Mögliche Diskrepanzen zwischen den drei Domänen sind assoziiert mit negativen Emotionen. Die folgenden Abschnitte erläutern die Theorie detailliert. Dabei werden zunächst die Domänen des Selbst beschrieben, daraufhin erläutert, wie Selbstdiskrepanzen zustande kommen und abschließend Auswirkungen von einer Selbstdiskrepanz auf den Affekt skizziert sowie Moderatoren für diesen Zusammenhang präsentiert.

2.2.1 Domänen des Selbst

Higgins (1987) beschreibt drei Domänen des Selbst. (1) Das tatsächliche Selbst (actual self) beschreibt die Repräsentation derjenigen Eigenschaften, die jemand tatsächlich zu besitzen glaubt. (2) Das ideale Selbst (ideal self) umfasst die Vorstellung über alle Merkmale, die jemand idealerweise besitzen möchte. Das können beispielsweise persönliche Wunscheigenschaften sein. Und schließlich impliziert (3) das Sollselbst (ought self) die Repräsentation derjenigen Attribute, die eine Person glaubt, besitzen zu sollen. Zum Beispiel könnte jemand davon ausgehen, extravertiert und gewissenhaft sein zu müssen, weil es familiär, gesellschaftlich oder kulturell gewünschte Eigenschaften darstellen. Sowohl das Sollselbst als auch das Idealselbst werden auch self-guides genannt, weil sie dem Menschen eine Orientierung bieten. Ein noch heute alltagsnahes Beispiel zum Verständnis der Unterscheidung des Ideal- und Sollselbst liefert das Rollenbild einer Frau (Higgins, 1987). Während eine Frau den persönlichen Wunsch haben kann, idealerweise erfolgreich und berühmt zu werden (Idealselbst), könnte sie gleichzeitig aufgrund gesellschaftlicher Vorstellungen glauben, dass sie eigentlich Hausfrau und sorgende Mutter sein sollte (Sollselbst).

Neben den Domänen des Selbst differenziert Higgins auch die Perspektive, aus welcher das entsprechende Selbst betrachtet wird. Hierbei unterscheidet er zwischen der eigenen (own) sowie der Perspektive bedeutender anderer Menschen (other). Da diese Studie nur auf die eigene Perspektive referenziert, wird die Aufteilung in die zwei Perspektiven nicht detaillierter beleuchtet.

2.2.2 Selbstdiskrepanzen

Basierend auf den Domänen des Selbst beschreibt Higgins ebenso die Entstehung einer Selbstdiskrepanz. Der Mensch ist stets darin bestrebt, das tatsächliche Selbst mit den self-guides, also dem Ideal- und Sollselbst, in Übereinstimmung zu bringen und dabei gleichzeitig Abweichungen zwischen den besagten Domänen gering zu halten. Im Falle einer Abweichung des Idealselbst oder des Sollselbst von dem tatsächlichem Selbst, entstehen sogenannte Selbstdiskrepanzen.

Dabei differenziert Higgins (1987) zwischen zwei Formen von Selbstdiskrepanzen. Wenn die Vorstellung des tatsächlichem Selbst von der des Idealselbst abweicht, spricht man von der Idealselbstdiskrepanz. Die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichem Selbst und dem Sollselbst hingegen führt zur Sollselbstdiskrepanz. Diese Unterscheidung ist von Relevanz bezüglich der Auswirkungen von Selbstdiskrepanzen auf den Affekt. Dies wird im folgenden Abschnitt näher erläutert.

2.2.3 Auswirkungen der Selbstdiskrepanz auf Affekt

Higgins (1987) nähert sich dem Thema der Selbstdiskrepanz nicht nur deskriptiv, sondern leistet in seiner Arbeit auch einen Beitrag hinsichtlich möglicher Effekte von Selbstdiskrepanzen. Sollten Menschen Selbstdiskrepanzen wahrnehmen, kann das bei der betroffenen Person zum Auslösen negativer Empfindungen führen. Entscheidend hierbei ist, dass Higgins (1987) die wahrgenommene Qualität der Empfindungen, abhängig von der zuvor beschriebenen Art der Selbstdiskrepanz (Ideal- vs. Sollselbstdiskrepanz), unterscheidet. Detailliert veranschaulicht resultieren aus den Selbstdiskrepanzen zwei psychologische Situationen, die mit jeweils bestimmten emotionalen Zuständen assoziiert sind.

Auf der einen Seite gibt es die Möglichkeit der Abwesenheit von positiven Outcomes, welche mit depressionsbezogenen Emotionen, wie beispielsweise Enttäuschung, Unzufriedenheit oder Traurigkeit, assoziiert ist. Wenn das wahrgenommene tatsächliche Selbst und das Idealselbst nicht kongruent sind, so kann diese Idealselbstdiskrepanz zu dieser psychologischen Situation der Abwesenheit positiver Outcomes führen, was wiederum Unzufriedenheit und Traurigkeit zur Folge haben kann. Wünscht sich eine Person idealerweise besonders gewissenhaft zu sein, wohingegen diese Vorstellung nicht mit dem tatsächlichem Selbst kongruiert, entspricht das dem Nichterreichen des eigenen Wunsches. Somit entsteht eine Abwesenheit von positiven Outcomes und demzufolge Unzufriedenheit oder Enttäuschung. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit der Präsenz von negativen Outcomes, die mit agitationsbezogenen Emotionen, wie zum Beispiel Angst oder Bedrohung, zusammenhängen. Im Falle der Diskrepanz zwischen tatsächlichem Selbst und Sollselbst, resultiert aus der Sollselbstdiskrepanz das Vorhandensein negativer Outcomes und damit einhergehend das Auftreten von Angst oder das Gefühl von Bedrohung. Wenn eine Person die Vorstellung besitzt, dass sie extravertiert sein sollte, da es zum Beispiel aus ihrer Sicht gesellschaftlich angemessen ist und zugleich ihr tatsächliches Selbst dieser Vorstellung nicht entspricht, hat diese Sollselbstdiskrepanz eine Erwartung von Bestrafung, zum Beispiel in Form von sozialer Ablehnung, als negatives Outcome, und damit einhergehend das Gefühl von Angst oder Bedrohung zur Folge.

Zusammengefasst führen nach Higgins (1987) Idealselbstdiskrepanzen zu niedergeschlagenen, depressionsähnlichen Emotionen, wohingegen das Auftreten von Sollselbstdiskrepanzen in agitationsbezogenen Emotionen resultieren. Je nachdem, welche Art der Selbstdiskrepanz auftritt, kommt es zu einer unterschiedlichen Qualität der empfundenen Emotion.

2.2.4 Moderatoren des Zusammenhangs zwischen Selbstdiskrepanz und negativem Affekt

Basierend auf den Überlegungen, welchen Effekt erlebte Selbstdiskrepanzen auf das Erleben negativer Empfindungen hat, erläutert Higgins (1987) auch zwei wesentliche Einflussfaktoren, die Verfügbarkeit sowie die Zugänglichkeit, die das Erleben von Selbstdiskrepanzen und damit einhergehend den Zusammenhang zum negativen Affekt beeinflussen.

Die Verfügbarkeit bezeichnet in diesem Fall das Vorhandensein von Selbstdiskrepanzen. Jedes Attribut des tatsächlichen Selbst wird verglichen mit dem des Ideal- oder Sollselbst. Je mehr Nichtübereinstimmungen auftreten und je größer die jeweiligen Diskrepanzen sind, desto verfügbarer sind sie für eine Person (Higgins, 1987). Zusammenfassend beeinflusst die Anzahl und das Ausmaß der Selbstdiskrepanzen die Verfügbarkeit von Selbstdiskrepanzen und diese wiederum das Erleben von Selbstdiskrepanzen.

Ob eine verfügbare Selbstdiskrepanz tatsächlich aktiviert wird, hängt jedoch von der Zugänglichkeit ab (Higgins, 1987). Die Zugänglichkeit beschreibt die Wahrscheinlichkeit der Aktivierung von Selbstdiskrepanzen und ist durch drei wesentliche Faktoren determiniert: Der Aktualität (recency), der Frequenz (frequency) sowie der Anwendbarkeit der Aktivierung (applicability). Je länger eine Selbstdiskrepanz nicht mehr aktiviert wurde, desto weniger zugänglich ist diese (receny). Wenn eine Person beispielsweise aufgrund der Corona-Pandemie länger keinen Sport mehr macht und sich folglich längere Zeit nicht mehr damit auseinandersetzt, wie sportlich sie gerne wäre, desto weniger zugänglich ist die Idealselbstdiskrepanz. Die Frequenz beschreibt den Sachverhalt, wie häufig die Selbstdiskrepanz aktiviert wird (frequency). Geht eine Person allerdings mehrmals die Woche joggen, setzt sie sich folglich häufiger mit dieser Idealselbstdiskrepanz auseinander, was die Zugänglichkeit und somit die Aktivierung der Selbstdiskrepanz erhöht. Zuletzt spielt die Anwendbarkeit (applicability) eine wesentliche Rolle, was konkreter die Anwendbarkeit einer Selbstdiskrepanz auf eine spezifische Situation meint. Wenn die Person zwar die Idealselbstdiskrepanz bezüglich Sportlichkeit besitzt, ist diese außerhalb von sportlichen Tätigkeiten irrelevant. Als Folge ist die Selbstdiskrepanz weniger zugänglich, wird nicht aktiviert und führt dementsprechend nicht zu negativem Affekt, wohingegen diese bei sportlichen Aktivitäten deutlich wahrscheinlicher zugänglich ist.

Neben den beiden von Higgins (1987) postulierten Einflussfaktoren, der Verfügbarkeit und Zugänglichkeit, können auch weitere Faktoren als mögliche Moderatoren des Zusammenhangs zwischen Selbstdiskrepanz und negativem Affekt fungieren. Boldero & Francis (2000) erheben in ihren Untersuchungen die persönliche Wichtigkeit der self-guides und legen nahe, dass auch diese ein möglicher Moderator sein kann. Wenn eine Person zum Beispiel die Idealselbstdiskrepanz bezüglich der Sportlichkeit aufweist, jedoch gleichzeitig das Idealselbstbild der Sportlichkeit unwichtig findet, kann dies ein geringeres Ausmaß an negativem Affekt zur Folge haben.

Zuletzt liefern Papadakis und KollegInnen (2006) einen Hinweis auf einen weiteren Moderator des Zusammenhangs zwischen Selbstdiskrepanz und negativem Affekt. In den Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass der Zusammenhang zwischen Idealselbstdiskrepanz und depressiven Symptomen durch Rumination moderiert wird. Im Falle einer starken Rumination ist der Zusammenhang stärker (Papadakis et al., 2006). Rumination stellt eine von verschiedenen kognitiven Emotionsregulationsstrategien dar und beschreibt den Fokus auf Gedanken bezüglich der eigenen Gefühle (Garnefski & Kraaij, 2007). Kognitive Emotionsregulationsstrategien sind als „kognitiver Umgangsweg der Aufnahme emotionaler, erregender Informationen“ (Garnefski & Kraaij, 2007, S. 141) definiert. Basierend auf dem Ergebnis von Papadakis und KollegInnen (2006) könnten auch möglicherweise weitere kognitive Emotionsregulationsstrategien den Zusammenhang zwischen Selbstdiskrepanz und negativem Affekt moderieren.

Zusammengefasst wurden in diesem Abschnitt die Selbstdiskrepanztheorie nach Higgins (1987), der Zusammenhang zwischen Selbstdiskrepanz und Affekt sowie mögliche moderierende Faktoren für diesen Zusammenhang skizziert. Im folgenden Abschnitt wird basierend auf dem dargestellten Wertekonstrukt und der Selbstdiskrepanztheorie eine Brücke zwischen beidem geschlagen.

2.3 Verknüpfung der Theorien und Hypothesenableitung

Nachdem die Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) sowie das Konstrukt der Werte basierend auf verschiedenen Theorien (Frey, 2016; Rokeach, 1973; Schwartz, 1992; Wippermann & Krüger, 2020) vorgestellt wurden, beantwortet der folgende Abschnitt die Frage: Wie lassen sich diese beiden Konstrukte der Selbstdiskrepanz und Werte verbinden und worin besteht die Relevanz in dieser Verknüpfung?

Sowohl Werte als „Vorstellung des Wünschenswerten“ (Kluckhohn, 1951, S. 395) als auch das Idealselbst, als Teil der Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) im Sinne von Vorstellungen über Merkmale, die man idealerweise besitzen möchte, sind augenscheinlich erkennbar inhaltlich zwei sehr nahe beieinanderliegende Konstrukte. Auch Werte haben beispielsweise einen Idealselbstcharakter (z.B. Erfolg), was nicht gleichbedeutend heißt, dass jedes Idealselbst einen Wert darstellt, sondern vielmehr aufzeigt, dass Werte eine Untermenge des Idealselbst abbilden. Dennoch wird das Thema Werte in der Selbstdiskrepanztheorie (Higgins, 1987) nicht konkret aufgegriffen, sondern lediglich von Diskrepanzen bezüglich verschiedener Merkmale des Selbst, was meistens Einstellungen oder Persönlichkeitseigenschaften im Allgemeinen und nicht konkret Werte meint, gesprochen. Deswegen versucht diese Forschungsarbeit die Theorie der Selbstdiskrepanz auf das Konzept der Werte anzuwenden. Ziel dieser Arbeit ist daher die Idee der Untersuchung einer Wertediskrepanz, also die Übertragung der Selbstdiskrepanztheorie auf das Thema Werte, um somit die beiden Konstrukte zu verknüpfen.

Das Besondere dieser Verknüpfung der beiden Konstrukte spiegelt sich darüber hinaus auch in der methodischen Umsetzung wider. Während die klassische Selbstdiskrepanzforschung die Selbstdiskrepanz mit dem Selves Questionnaire (Higgins, 1987) auf Basis von zum Beispiel fünf selbstgewählten, interindividuell differenten Ideal- und sollselbstzielen erfasst, wird in dieser Studie ein umfassendes Wertemodell zugrunde gelegt. Orientiert an der Annahme, dass Werte per se von einer Gesellschaft geteilt und lediglich interindividuell unterschiedlich priorisiert werden (Rokeach, 1973), erhalten alle Probanden standardisiert die gleiche Werteliste, wodurch für alle Werte Angaben und eine entsprechende Wertediskrepanz ermittelt werden können. Auch diese Herangehensweise der Erfassung verdeutlicht den Mehrwert dieser Forschungsarbeit, wobei Genaueres zur Umsetzung im Kapitel 3 ausgeführt wird. Im Folgenden werden die aus den theoretischen Überlegungen abgeleiteten Forschungsfragen und Hypothesen dargestellt.

2.3.1 Werteranking 2020

Beginnend stellt sich die Frage nach einer aktuellen Wertepriorisierung in der Gesellschaft. Nach Rokeach (1973) streben Menschen nach ähnlichen Werten und unterscheiden sich in ihrer individuellen Priorisierung dieser. Orientiert an den Erkenntnissen von Rokeach (1973), dass Werte nach individueller Wichtigkeit geordnet sind und somit eine individuelle Rangreihe abbilden und darüber hinaus prinzipiell überdauernd sind, sich zugleich aber auch durch beispielsweise äußere Einflüsse verändern können, stellt sich für diese Arbeit folglich eine erste explorative Forschungsfrage:

Nach welcher Wertepriorisierung streben die Menschen aktuell im Jahr 2020 und inwiefern ist diese möglicherweise durch einen äußeren Einfluss, wie die Wahrnehmung der Corona-Pandemie, beeinflusst?

2.3.2 Werte und Affekt

Außerdem soll das Konstrukt der Werte im Zusammenhang mit dem subjektiven Wohlbefinden fokussiert werden. Wie zuvor beschrieben, konnte in verschiedenen Studien auf Zusammenhänge zwischen Werten und dem Wohlbefinden hingewiesen werden (vgl. Sagiv & Schwartz, 2000; Burroughs & Rindfleisch, 2002; Zimmermann et al., 2015). Während beispielsweise der Wert Hedonismus negativ mit Symptomen psychischer Störungen (Zimmermann et al. 2015) oder die Werte Leistung, Selbstbestimmung und Stimulation positiv mit dem Wohlbefinden korrelieren (Sagiv & Schwartz, 2000), konnte auch auf einen negativen Zusammenhang zwischen dem Wert Materialismus und Lebenszufriedenheit hingewiesen werden (Burroughs & Rindfleisch, 2002). Diese Zusammenhänge zwischen Werteausprägungen und Wohlbefinden gilt es deswegen in dieser Forschungsarbeit genauer zu untersuchen. Es ergibt sich folgende Hypothese (H1):

H1 Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen Ausmaß, mit dem Menschen nach Werten leben, und dem Affekt.

2.3.3 Wertediskrepanz und Affekt

Neben Werten im Allgemeinen wird der Fokus dieser Arbeit zudem auf Wertediskrepanzen gelegt. Dass Wertediskrepanzen, also der Unterschied zwischen dem tatsächlich gelebten und subjektiv idealen Ausmaß der eigenen Werte, auftreten können, ist naheliegend (Frey, 2016). Auch aus der empirischen Forschung zur Diskrepanz zwischen Einstellungen und tatsächlichem Verhalten gibt es darauf hinweisende Befunde. Ajzen (1991) zeigt auf, dass nicht lediglich die Einstellung, sondern auch weitere Faktoren relevant zur Vorhersage des tatsächlichen Verhaltens sind. Auch bei Werten können verschiedene Aspekte einen Einfluss darauf nehmen, sodass Wertediskrepanzen entstehen (Frey, 2016). Beispielsweise können unterschiedliche Werte mit unterschiedlichen Zielen in Verbindung stehen, wodurch Wertkonflikte auftreten können. Wenn eine Person nachhaltig leben möchte und gleichzeitig nach dem Wert Familie strebt, also oft Zeit mit der Familie verbringen möchte, in der häufig Fleisch verzehrt wird, stehen die Werte Familie sowie Nachhaltigkeit im Konflikt, was innerhalb eines Wertes zu einer Wertediskrepanz führen kann. Ein weiteres Beispiel sind widrige Bedingungen, wie zeitliche oder finanzielle Knappheit, welche die Möglichkeit, nach dem wünschenswerten Ausmaß des Wertes zu leben, einschränken (Frey, 2016).

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Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Machen Werte glücklich? Der Einfluss von Werten und Werteselbstdiskrepanzen auf das Wohlbefinden und den Affekt
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Psychologisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
105
Katalognummer
V947418
ISBN (eBook)
9783346292285
ISBN (Buch)
9783346292292
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werte Affekt Wohlbefinden Wertediskrepanz
Arbeit zitieren
Elias Altuntas (Autor), 2020, Machen Werte glücklich? Der Einfluss von Werten und Werteselbstdiskrepanzen auf das Wohlbefinden und den Affekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947418

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