Der Chemiewaffen-Angriff "Agent Orange". Auswirkungen des militärischen Einsatzes auf die Umwelt und die Menschen in Vietnam und den USA


Facharbeit (Schule), 2020

39 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Agent Orange - der toxische Wirkstoff
2.1. Begriff und Abgrenzung
2.2. Anwendungsgebiete von Herbiziden
2.3. Entwicklung und Zusammensetzung von Agent Orange

3. Agent Orange – Einsatz im Vietnamkrieg
3.1. Überblick über den Verlauf des Vietnamkriegs
3.2. Verwendung von Agent Orange im Vietnamkrieg

4. Auswirkungen von Agent Orange
4.1. Effekte auf die Umwelt
4.1.1. Vietnam
4.1.2. USA
4.2. Effekte auf die Gesundheit
4.2.1. Vietnam
4.2.2. USA
4.3. Laos und Kambodscha

5. Agent Orange – die Perspektive der Menschen und der Öffentlichkeit
5.1. Öffentlichkeit
5.2. Personenberichte

6. Verantwortung der aufgekommenen Schäden
6.1. Grundlagen der Verantwortungsübernahme
6.2. Anspruchsgruppen und gerichtliche Verfahren
6.3. Maßnahmen und Lösungsansätze

7. Diskussion und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Agent Orange ist heutzutage vielen ein Begriff. Es ist ein Herbizid, das zur Entlaubung verwendet werden kann. Vor allem durch seinen Einsatz im Vietnamkrieg hat es traurige Berühmtheit erlangt. Welche fatalen Auswirkungen Agent Orange auf Mensch und Umwelt bis heute hat, wissen jedoch nur wenige. Auch ist bis heute nicht vollständig geklärt, welche Menge an chemischen Mitteln, wie Agent Orange und anderen zerstörerischen Waffen, während dieser Zeit genutzt wurde1. Ebenso ist noch nicht letztlich geklärt, wer die Verantwortung für die Folgen übernehmen muss.

Während des Vietnamkriegs (1955-1975) wurde Agent Orange zum ersten Mal in großen Mengen zu Kriegszwecken eingesetzt2. Es wird geschätzt, dass ca. 70 bis 90 Millionen Liter Herbizide versprüht wurden, um die Wälder in Vietnam zu entlauben. Somit verbinden die meisten Menschen heutzutage Agent Orange mit dem Vietnamkrieg3. Doch Agent Orange brachte nicht nur die Entlaubung von Wäldern mit sich, es kam auch zu einer enormen Schädigung von Mensch und Umwelt, die bis heute die nachfolgenden Generationen in zunehmenden Maße belasten.

Dies betrifft primär die Menschen in Vietnam, aber auch die amerikanischen Soldaten und deren Familien sowie andere Personen4. Drei Millionen Vietnamesen leiden, laut der Vietnamese Association of Victims of Agent Orange (VAVA), bis heute an gesundheitlichen und genetischen Schäden aus dem Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs.5 Ebenfalls betrifft dies Laos und Kambodscha oder die Testgebiete, in denen Agent Orange zum militärischen Einsatz entwickelt wurde zum Beispiel der USA, Hawaii und anderen Ländern.6 Viele der betroffenen Menschen erhalten bis heute dennoch kaum oder sogar gar keine Entschädigung oder finanzielle Unterstützung.7 Die Fragen, die hierbei geklärt werden müssen, lauten: 1) Ist das Herbizid Agent Orange, eine chemische Waffe? 2) Welche militärischen Effekte hat Agent Orange? 3) War der Einsatz von Agent Orange fahrlässig oder wusste man von der Gefährlichkeit?

In der vorliegenden Arbeit werden die genauen Auswirkungen auf Vietnam und die anderen betroffenen Länder dargelegt und überprüft, inwiefern die Hersteller bzw. die Nutzer von Agent Orange Verantwortung für dessen Auswirkungen übernehmen. Die Leitfrage lautet: Welche Auswirkungen hat der militärische Einsatz von Agent Orange im Vietnamkrieg auf die Umwelt und die Menschen in Vietnam und den USA?

Die Beantwortung erfolgt anhand einer Literaturanalyse. Die Befragung von Betroffenen oder Zuständigen war geplant. Leider wurden die Interviews aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Die Sicht der Menschen wird daher ebenfalls der vorhandenen Literatur entnommen.

In der vorliegenden Arbeit wird zuerst in Kapitel 2 auf das Mittel „Agent Orange“ eingegangen und beschrieben wie es entwickelt wurde. Im folgenden Kapitel wird Agent Orange in den allgemeinen Verlauf des Vietnamkriegs eingeordnet und dessen Verwendung dargelegt. In Kapitel 4 werden die Auswirkungen von Agent Orange auf bestimmte Wirkungsfelder erläutert. Danach wird die Perspektive der Menschen und der Öffentlichkeit mit Personenberichten dargelegt. In Kapitel 6 wird die Verantwortung der Hersteller und der Nutzer erörtert. Die Arbeit endet mit einer Diskussion und einem Ausblick.

2. Agent Orange - der toxische Wirkstoff

In den folgenden Kapiteln wird genauer darauf eingegangen, was Agent Orange ist, wie es entwickelt und wofür es genutzt wurde.

2.1. Begriff

„Agent Orange“ ist der militärische Begriff für ein Herbizid, das aus einer Mischung aus „Trichlorpenoxyessigsäure“ und „Dichlorphenoxyessigsäure“ besteht.8

Das englische Wort „Agent“, stammt nicht, wie man im ersten Moment denken könnte, von dem „Agenten“, sondern von der Bezeichnung für einen Wirkstoff bzw. ein Mittel. Die Bezeichnung „Orange“, stammt von der Farbe der Fässer bzw. den entsprechenden Markierungen auf den Fässern, in denen das Mittel gelagert wurde (siehe Anhang Abb. A, B). Manche Leute bevorzugten „Herbizid Orange“ anstatt „Agent Orange“, die US-amerikanischen Luftstreitkräfte meinten aber, dass „agent“ gefährlicher klingen würde9.

Einen chemischen Namen gibt es nicht. In chemischen Verzeichnissen wird Agent Orange unter der Nummer 39277-47-9 geführt. Die Molekularformel lautet C24 H27 CL5 O610. Agent Orange ist ein flüssiges Herbizid, das sehr schnell wirkt und im Volksmund als „Unkrautbekämpfungsmittel“ bezeichnet wird.11 Es entlaubt Pflanzen auch Bäume12.

Neben Agent Orange gibt es noch weitere flüssige Herbizide in anderen Zusammensetzungen13, darunter Agent White, Pink, Green, Blue und Purple14. Diese wurden ebenfalls im Vietnamkrieg verwendet, als es schwer wurde auf dem Weltmarkt genug 2,4,5-T, ein Inhaltsstoff des Herbizids Agent Orange, zu beschaffen (vgl. Kapitel 2.4). Agent Blue wurde hauptsächlich auf Reisfeldern eingesetzt; Agent White wurde genutzt, um Wälder zu entlauben.15 Die Wirkung von den anderen Herbiziden trat erst nach ein paar Tagen auf. Außerdem wirkten diese nur partiell, was die USA als Nachteil gegenüber Agent Orange als Breitbandherbizid ansahen16.

Agent Orange war neben Napalm das am häufigsten im Vietnamkrieg eingesetzte chemische Mittel. Daher vermischen sich manchmal diese Begriffe oder werden verwechselt. Napalm und Agent Orange sind unterschiedliche Mittel. Napalm ist eine chemische Brandwaffe (Bombe). Eine zähflüssige Masse, hauptsächlich aus Benzin, bleibt an seinem Ziel haften und führt schließlich zu großen Bränden. Damit werden Menschen und Tiere direkt verletzt und getötet oder sie werden von ihrem Zuhause vertrieben. Ob Agent Orange eine chemische Waffe ist, ist unklar. Es tötet Menschen nicht direkt.17

2.2. Anwendungsgebiete von Herbiziden

Der Begriff Herbizid stammt vom lateinischen „herba“, dem Kraut bzw. Gras. Herbizide sind chemische Substanzen, die störende Pflanzen abtöten sollen. Das chemische Lexikon Chemie.de unterscheidet Herbizide nach den Angriffspunkten im Stoffwechsel der Pflanzen.18 Totalherbizide bzw. Breitbandherbizide wirken auf Pflanzen und töten diese ab. Dazu zählt Agent Orange und dem sehr ähnlichen Glyphosat, das aktuell zu großer Kritik führt. Andere Herbizide verätzen, hemmen die Photosynthese oder regen zu übermäßigem Wachstum an, was ebenfalls zum Absterben der Pflanzen führt.

Im Vietnamkrieg wurde das Herbizid „Agent Orange“ in der Zeit von 1961 bis 1971 großflächig versprüht. Dies gilt als Anwendung zu militärischen Zwecken. Herbizide wurden von den USA auch in Kolumbien, Afghanistan und anderen Ländern eingesetzt, zum Beispiel um in den undurchdringbaren Dschungelgebieten Drogenorganisationen besser verfolgen zu können. Das eigentliche Hauptanwendungsgebiet von Herbiziden ist die Landwirtschaft19.

2.3. Entwicklung und Zusammensetzung von Agent Orange

Die Erforschung, wie man Agent Orange bzw. Herbizide für Kriegszwecke verwenden kann, hat seinen Ursprung im zweiten Weltkrieg (1939-1945). Britische Forscher untersuchten, ob durch den Einsatz von Herbiziden die Ernte des Kriegsgegners Deutschland vernichtet werden könne. Aufgrund mangelnder technischer Möglichkeiten, konnte dies nicht vollbracht werden.20 Bis 1948 wurde Agent Orange von Briten weiterentwickelt und schließlich in Malaysia im Krieg als Entlaubungsmittel verwendet.21

Zuvor wurde in den USA erforscht, wie Pflanzen mittels chemischer Mittel vernichtet werden konnten.22 Herbizide wurden erstmals Mitte der 1930er Jahre, in der amerikanischen Landwirtschaft getestet.23 Der deutsche Wissenschaftler Wilhelm Sanderman entdeckte 1956, den hochgiftigen Inhaltstoff Dioxin, der in Agent Orange eine ausschlaggebende Rolle spielte. Er stufte das Dioxin als „Supergift“ ein. Trotz vieler Warnungen von namenhaften Wissenschaftlern sprühte die USA Jahre lang Agent Orange über Vietnam24.

Außerdem wurden viele Tests in Militärstützpunkten innerhalb der USA durchgeführt. In der Zeit von 1945 bis 1977 wurden 129 Tests von Agent Orange gezählt, besonders viele in Maryland (vgl. Anhang Tabelle 1)25.

Zu Beginn des Vietnamkriegs wurden auch außerhalb der USA viele Tests durchgeführt, zum Beispiel in Puerto Rico und Hawaii. Getestet wurde wie und wie oft die Herbizide versprüht werden müssen, um am wirkungsvollsten zu sein. Außerdem wurde die Zusammensetzung der chemischen Substanz entwickelt.26

In Hawaii wurden im Jahr 1960 Tests durchgeführt, indem das Herbizid „Tordon“ mit Agent Orange gemischt wurde. Es wurden noch weitere Tests mit unterschiedlichen Mischungen von verschiedenen Herbiziden durchgeführt. Die Mischung mit Dioxin erwiesen sich als am wirkungsvollsten. Agent Orange sollte daher als „Standard“ dienen27, obwohl es auch schon zu dieser Zeit zu Unfällen kam, bei denen Fabrikarbeiter und Menschen, die in der Umgebung wohnten, geschädigt wurden.28

Agent Orange wurde von den US-Firmen Dow Chemical und Monsanto sowie, nach Lieferschwierigkeiten, von dem deutschen Unternehmen Boehringer hergestellt und geliefert.29

Agent Orange besteht aus einer 50-zu-50-Mischung der Herbizide 2,4-D (2,4 Dichlorphenoxyessigsäure) und 2,4,5-T (Trichlorphenoxyessigsäure)30 (vgl. Abb. 2 und 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Synthese des Teils 2,4,5-T entsteht als Nebenprodukt das Dioxin TCDD (2,3,7,8- T etra c hlor d ibenzopara d ioxin). TCDD ist hoch giftig und kann zu unmittelbar sichtbaren Folgen sowie zu späten oder weniger sichtbaren Folgen führen (vgl. Kapitel 4).31 Dieses Dioxin ist verantwortlich für die „effektive“ Wirkung von Agent Orange. Dioxine setzen sich im Boden, Wasser, Schlamm und Sand ab. Aufgrund der Bindung an organische Substanzen und Tonpartikel, überleben Dioxine vor allem im Boden. Dadurch gelangen sie über Pflanzen und Tiere in die menschliche Nahrungskette.32 An der Oberfläche zerfällt TCDD innerhalb von ein bis 3 Jahren. Im Boden oder in Gewässern kann TCDD über 100 Jahre bestehen bleiben.33

TCDD soll „millionenfach“ toxischer als jedes natürliche Gift sein.34 Wissenschaftler sind sich heute einig, dass das Dioxin die schädlichste und giftigste Chemikalie ist, die je in der Menschheitsgeschichte entdeckt wurde.35

Durch übereilte Produktion wurde im Vietnamkrieg eine viel größere Menge an schädlichem Dioxin in dem Herbizid Agent Orange erzeugt, als beispielsweise in der Anwendung für die amerikanischen Landwirtschaft.36 Damals war wohl noch nicht klar, dass die Mischung des Herbizids schädliche Auswirkungen auf Mensch und Umwelt hat (vgl. Kapitel 4). Erst nach Studien im Jahr 1966, fand man heraus, dass Missbildungen bei Ratten und Mäusen auftraten und das Herbizid der Verursacher davon war37. Durch den sogenannten „Seveso Unfall“ bei Mailand im Jahr 1976, als sehr viele Menschen im Umfeld der explodierten Chemiefabrik, die 2,4,5-T herstellte, an schweren Hautkrankheiten erlitten und die Krebsrate deutlich anstieg wurde man auf die Gefahr von Dioxinen, insbesondere TCDD, aufmerksam.38 Erst Jahre später verbot die amerikanische Regierung das Nutzen des Herbizides in der Nähe von Seen oder Häusern. Nach weiteren Erkenntnissen über die Schädlichkeit sowie der Beobachtung von gravierenden Missbildungen, Behinderungen und Fehlgeburten wurde das Herbizid „Agent Orange“ endgültig verboten.39

3. Agent Orange - Einsatz im Vietnamkrieg

Durch den Einsatz von Agent Orange nahm der Vietnamkrieg eine Wendung. Es war nicht mehr „nur“ ein gewaltsamer Krieg, sondern jetzt auch ein Krieg, in dem eine hoch toxische „Waffe“ verwendet wurde, die unglaublich hohe Schäden mit sich brachte. Letztlich verloren die US-Streitkräfte ihr Engagement im Vietnamkrieg; es kam durch Agent Orange zu keiner militärischen Wendung. Der Rückzug der US-Truppen im Jahr 1975 gilt als „schmächlichste“ Niederlage in der Geschichte der USA40.

Im Folgenden wird der Verlauf des Vietnamkriegs skizziert und die Verwendung von Agent Orange eingeordnet.

3.1. Überblick über den Verlauf des Vietnamkriegs

Den Vietnamkrieg kann in eine französische (1946 bis 1954), eine amerikanische (1955 bis 1973) und eine vietnamesische Kriegsphase (1974-1975) unterteilt werden. Insgesamt zogen die kriegerischen Handlungen sich über 30 Jahre hin. Teilweise wird auch nur die amerikanische Kriegsphase als Vietnamkrieg bezeichnet. Andere unterteilen in den ersten und zweiten Indochinakrieg.41

Ausgangspunkt war das Bemühen Frankreichs um eine Re-Kolonialisierung ihrer früheren Kolonie Vietnam, die sie während des zweiten Weltkrieges „vernachlässigt“ hatte im Jahr 1945. Dies führte zu Aufständen und Widerstand von vietnamesischer Seite.42 Mit der Niederlage Frankreichs im Jahr 1954 endete deren Kolonialmacht. Es kam zu einer Aufspaltung Vietnams in Nordvietnam, die eine kommunistische Politik durchsetzen wollten und von der Sowjetunion sowie China unterstützt wurden, und in Südvietnam mit einer autoritären antikommunistischen Militär-Regierung von Ngo Dinh Diem. Zeitgleich befanden sich die USA und die kommunistische Sowjetunion im Kalten Krieg, einer „diplomatischen Eiszeit“. Die USA befürchtete nach der Spaltung Vietnams eine Kettenreaktion in Indochina, bei der die Länder von den Kommunisten vereinnahmt werden könnten.43 Als der südvietnamesische Militärdiktator Ngo Dinh Diem Vereinbarungen, die 1954 in der Indochinakonferenz beschlossen wurden, ablehnte und auch die 1956 bevorstehenden gesamtvietnamesischen Wahlen verweigerte, startete die nordvietnamesische Guerillaorganisation Vietcong mit Unterstützung der nordvietnamesischen Armee Angriffe auf Südvietnam. Es herrschte Bürgerkrieg im gesamten Vietnam.44 Im Jahr 1961 begann der sogenannte zweite Indochinakrieg, die amerikanische Kriegsphase. Anfangs nahm die USA noch nicht am Kriegsgeschehen teil. Mit der Operation „Ranch Hand“45 und den ersten militärischen Testversuchen mit Agent Orange in Vietnam, begann der Einsatz von Herbiziden und Bomben im Krieg.46 47 Nach dem sogenannten „Tonkin Vorfall“48 trat 1964 die USA offiziell dem Krieg bei49 und unterstützte die südvietnamesische Militärdiktatur.50

Innerhalb der folgenden vier Kriegsjahre, machten alle Parteien geringe Fortschritte im Kriegsgeschehen, obwohl die USA sowie Nordvietnam ein schnelles Kriegende erreichen wollten. Der Krieg galt als sehr gewaltsam und das Kräfteverhältnis als sehr ungleich: Die USA war waffentechnisch weit überlegen, jedoch unerfahren im Dschungelgelände. 1968 bereiteten sich die Nordvietnamesen auf die sogenannten „Tet-Offensive“ vor. Dabei starteten die, eher schlecht ausgerüsteten, nordvietnamesischen Guerillakämpfer koordinierte Angriffe auf Städte in Südvietnam über ihre bis zu 250 Kilometer verzweigten und unterirdischen Tunnelsysteme. Innerhalb weniger Tage konnte der Vietcong viele Gebiete erobern.51 Aus der Tet-Offensive folgte, die erste psychologische und politische Niederlage der USA. Die ohnehin nur geringe Zustimmung der amerikanischen Bevölkerung drehte sich in eine offensive Ablehnung und viele Proteste gegen den Vietnamkrieg.52 1973 kam es zu einem Waffenstillstandsabkommen zwischen den USA und Nordvietnam. Die amerikanischen Truppen zogen ab. Südvietnam war auf sich alleine gestellt. Die vietnamesische Kriegsphase begann. Ohne die US-Armee gelang es Südvietnam nicht, sich gegen den Vietcong zu wehren. Im Mai 1975 eroberte dieser die Hauptstadt von Südvietnam Saigon. Mit dieser Eroberung endete der Krieg mit dem Sieg von Nordvietnam und führte zur bedingungslosen Kapitulation von Südvietnam.53 54 1976 kam es nach 22 Jahren zur Wiedervereinigung von Nordvietnam und Südvietnam.55 Vietnam ist bis heute unter kommunistischer Führung. Die angrenzenden Staaten Laos, Kambodscha und Malaysia sind ebenfalls kommunistisch56. Für die USA gilt der Vietnamkrieg als die größte Schande ihrer Militäraktionen, die lange nicht aufgearbeitet, sondern tabuisiert wurde. Insgesamt wurden 920.000 nordvietnamesische Soldaten, 180.000 südvietnamesische Soldaten und 60.000 amerikanische Soldaten getötet. Außerdem kamen ca. zwei Millionen Zivilisten ums Leben. Es wurden 6, 9 Millionen Tonnen Bomben über Vietnam abgeworfen. Die Kosten, der Herbizide, Bomben und anderen verwendeten Mitteln, summierten sich für die USA auf ca. 150 Milliarden Dollar .57

3.2. Verwendung von Agent Orange im Vietnamkrieg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Verwendete Herbizide in Südvietnam

1961 wurden das erste Mal Tests mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange in Vietnam durchgeführt.58 Dieser Einsatz ist auch unter der „Operation Ranch Hand“ bekannt, was übersetzt „Operation Farmarbeiter“ bedeutet. Das ermöglichte den großen Einsatz von Chemikalien in Vietnam. Obwohl die Haager Landkriegsverordnung von 1907 untersagte, giftige oder vergiftende Waffen in einem Krieg zu verwenden und Amerika damals dieser Vereinbarung zustimmte, bewilligte John F. Kennedy die Operation in Vietnam.59 Bei der Verwendung von Agent Orange ging es hauptsächlich darum, die Wälder zu entlauben und Nutzungsflächen zu zerstören. Das Ziel dieser Verwendung war es, dem Vietcong die Deckung im nahezu undurchdringbaren Urwalds zu nehmen und den Widerstand zu brechen. Wie in Abbildung 4 zu sehen ist verteilen sich die Agent Orange Einsätze über gesamt Südvietnam. Vorallem der Ho-chi-minh Pfad im Grenzgebiet zwischen Vietnam und seinem Nachbarland Laos (vgl. Abb. 4), war ein häufiges Ziel der USA, da dieser dem Vietcong als Versorgungsweg diente .60

Die USA nutzten Agent Orange ebenfalls zu anderen millitärischen Zwecken, zum Beispiel um mehr Platz und Übersicht vor Angriffen rund um militärische Stützflächen zu schaffen61.

Die USA zielten auch auf landwirtschaftliche Flächen, um ihre vietnamesischen Gegner auszuhungern.62 Außerdem sollte die Unterstützung der vietnamesischen Bevölkerung für das eigene Militär geschwächt werden, indem diesen die Schuld an der Erntezerstörung gegeben wurde. Letztendlich wurde damit bezweckt, dass die Bevölkerung ihre Dörfer verließ und in naheliegende Städte zog.63 Die Besprühung der Felder führte dazu, dass nicht nur dem Vietcong sondern auch die zivile Bevölkerung keine Nahrungsmittel mehr zu Verfügung hatte, wodurch diese teilweise ebenfalls verhungerte. Dies zeigt, dass die Operation weitaus größere Folgen als alleine die Entlaubung von Pflanzen hatte.64

Insgesamt wurden im Vietnamkrieg über 20 Jahre hinweg ca. 45 Millionen Liter Agent Orange versprüht. Zählt man die anderen verwendeten Herbizide dazu, kommt man je nach Quelle auf insgesamt 70 bis 90 Millionen Liter, die über ein Siebtel der Gesamtfläche von Vietnam und hauptsächlich über Südvietnam verteilt wurden.65 Wie in Abbildung 5 und 6 zu sehen ist, verteilt sich die eingesetzte Menge von Agent Orange über die Jahre. Agent Orange ist das meist verwendete Herbizid im Vietnamkrieg. Häufig wurden auch Agent White und Agent Blue verwendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Verwendung der Herbizide

Die anderen Herbizide waren allerdings nicht so effektiv wie Agent Orange. Es dauerte länger bis ihre Wirkung eintrat. Sie enthielten kein Dioxin.66 Aus dem Grund wurde hauptsächlich Agent Orange als Entlaubungsmittel in Vietnam genutzt. Agent Blue war in den USA schon verboten. Es war schon bekannt, dass Agent Blue bei Menschen von Kopfschmerzen über Magenkrämpfe bis hin zum Tod führen kann.67

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Einsätze von Herbiziden

In der Statistik 6 fällt auf, dass während der Tet-Offensive nur sehr wenige Einsätze mit Herbiziden durchgeführt wurden. Die Einsätze von Agent Orange gingen deutlich zurück, was eventuell daran lag, dass die USA sich Pluspunkte bei der Bevölkerung zurückholen wollten.68

Diese Zahlen sind ungenau, da die USA nicht alle Einsätze von Herbiziden meldeten. Die Einsätze erfolgten meist durch Flugzeuge oder Helikopter (vgl. Anhang Abb. C). Wie viele Liter mittels Helikopter, von Lastwagen aus oder per Handmaschine versprüht wurden ist unklar.69 70 Die Flugzeuge flogen sehr früh am Morgen, um sich etwas vor den Schüssen vom Boden zu schützen.71 Die Sprüheinsätze wurden in der Regel mehrfach wiederholt, um ihre Wirkung zu verstärken.

Die USA beendete den Einsatz von Agent Orange und den anderen Herbiziden offiziell im Mai 1970. Tatsächlich endete die „Operation Ranch Hand“ und das Versprühen von Agent Orange wohl erst ein Jahr später, da das US-Militär auf eigene Hand die Herbizide weiter versprühten.. Erst mit dem Verbot von dioxinhaltigen Herbiziden in den USA kam es zum endgültigen Ende der Einsätze.72

4. Auswirkungen von Agent Orange

Das dioxinhaltige Agent Orange bringt vielseitige und auch unerwartete Auswirkungen mit sich. Sie treten in der Umwelt, der Gesundheit, der Wirtschaft sowie teils auch in der Öffentlichkeit auf. Dabei sind direkte und indirekte bzw. Spätfolgen, in den unterschiedlichen Wirkungsfeldern, vor allem in der Umwelt und der Gesundheit zu berücksichtigen.73

Das Problem ist, dass man nicht genau differenzieren kann, ob gesundheitliche Schäden direkt von Agent Orange stammen oder von anderen Mitteln oder sonstigen Genfehlern hervorgerufen werden. Dies liegt unter anderem daran, dass die Tests, die das Dioxin im Menschen nachweisen können, sehr teuer sind und die meisten Menschen in Vietnam sich die Tests nicht leisten können.74

Die Auswirkungen treten vor allem in Vietnam, wo am meisten Agent Orange versprüht wurde, auf. Doch Vietnam ist nicht der einzige Ort, an dem die Auswirkungen von Agent Orange spürbar sind. Auch die USA trägt Folgen mit sich. Allein durch die Verwendung in der US-amerikanischen Landwirtschaft hat sich das Dioxin von der Umwelt bis hin zu den Menschen verteilt75. Was oft nicht bedacht wird: Auch die amerikanischen Soldaten waren Agent Orange ausgesetzt und erlitten somit dieselben Schäden.76 Des Weiteren treten die Auswirkungen teilweise in Hawaii und anderen Ländern, wo Agent Orange und andere Herbizide vor und während dem Vietnamkrieg getestet wurden,77 sowie in Vietnams Nachbarländern, Laos und Kambodscha auf.78

[...]


1 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt.

2 Harnly, Caroline. Agent Orange and Vietnam: An Annotated Biblography. S. vii

3 S.o.

4, Stellman, Jeanne Mager . The Extent and Patterns of Usage of Agent Orange and other Herbicides in Vietnam.

5 Wenger, Karin. Die grausamen Folgen des Vietnamkriegs. online

6 Stellman, Jeanne Mager . The Extent and Patterns of Usage of Agent Orange and other Herbicides in Vietnam.

7 Jäger, Lorenz. Erntehelfer „Agent Orange“.

8 Wikus, Priska. "Agent Orange". Die Auswirkungen von Napalm während des Vietnamkrieges. S. 3 f.

9 Gough, Micheal. Dioxin, Agent Orange the facts. S. 52

10 Pub Chem. Agent Orange. online

11 Frey, Andreas. Das Gift das bleibt. online

12 Seitz, Thomas. Herbizid. online

13 Frey, Andreas. Das Gift das bleibt. online

14 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 6 f.

15 Willig, Hans-Peter. Agent White. online

16 Willig, Hans-Peter. Agent White. online

17 Wikipedia: Napalm

18 Seitz, Thomas. Herbizid. online

19 Jaeggi, Peter. Monsanto. Der Agent-Orange-Hersteller ist wieder im Land. online

20 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 6

21 S.o.

22 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 6

23 Wikipedia: Agent Orange

24 Gniffke, Kai. Agent Orange – Vietnams giftige Kriegslast. online

25 U.S. Department of Veterans Affairs. Herbicide Tests and Stortage in the U.S.

26 U.S. Department of Veterans Affairs. Herbicide Tests and Stortage in the U.S. online.

27 Chisholm, Chishon. Beyond Vietnam: Other Military Areas Where Agent Orange was Used. online

28 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 30

29 Willig, Hans-Peter. Agent Orange. online.

30 Wikus, Priska. "Agent Orange". Die Auswirkungen von Napalm während des Vietnamkrieges. S. 3 f.

31 Wagner, Natalie. Agent Orange-Opfer Ethnopsychoanalytische Betrachtung der Nachkriegsfolgen in Vietnam

32 Wikus, Priska. "Agent Orange". Die Auswirkungen von Napalm während des Vietnamkrieges. S. 3 f.

33 Frey, Andreas. Das Gift, das bleibt. online

34 Wikus, Priska. "Agent Orange". Die Auswirkungen von Napalm während des Vietnamkrieges. S. 6 f.

35 Palomino, Michael. Das Kriegsmuseum von Vietnam 03a: Agent Orange. online

36 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 26

37 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 9

38 Frater, Harald. 40 Jahre Seveso-Unglück: Giftwolke über Italien. online

39 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 9 f

40 Kellerhoff, Sven Felix. Sechs Gründe, warum die USA in Vietnam verloren. online

41 Franzki, Christian. Der Vietnamkrieg und seine Phasen. online

42 Kubb, Christian. Vietnamkrieg. online

43 Franzki, Christian. Der Vietnamkrieg und seine Phasen. online

44 Wikipedia. Vietnamkrieg.

45 Operation Ranch Hand: Darunter beschreibt man den Einsatz von Agent Orange und anderen Herbiziden über den gesamten Verlauf des Krieges.

46 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 8

47 Kubb, Christian. Vietnamkrieg. online

48 Tonkin Vorfall: Zunächst kam es am 2. August 1964 in der Bucht von Tonkin zwischen einem US-Kriegsschiff und nordvietnamesischen Schnellbooten zu Schusswechseln. Daraufhin verkündete die US-Regierung, bei einem weiteren Vorfall, würden sie mit einem Vergeltungsschlag reagieren. Mit der Behauptung, dass Nordvietnam am 4. August 1964 erneut zuerst Schüsse abgefeuert habe, konnte die USA weitere Truppen nach Vietnam senden, ohne offiziell den Krieg erklärt zu haben. Im Nachhinein stellte sich dies als eine Fälschung da. US-Offiziere manipulierten Funkgespräche und gaben Falschinformation weiter.

49 Langels, Otto. Der größte Chemie-Angriff der Geschichte.

50 Schwabe, Fabio. Vietnamkrieg. online

51 Frey, Marc. Geschichte des Vietnamkriegs-Die Tragödie in Asien und das Ende des Amerikanischen Traums.

52 Frey, Marc. Geschichte des Vietnamkriegs-Die Tragödie in Asien und das Ende des Amerikanischen Traums.

53 Kubb, Christian. Vietnamkrieg. online.

54 Wille, Karola Der Vietnamkrieg- Die wichtigsten Daten.

55 Schilling, Torsten. Seit 40 Jahren: Vietnam ist wieder vereint.

56 Grabowsky, Volker. Kommunismus und Opposition in Laos. online.

57 Steininger, Rolf. Der Vietnamkrieg. online.

58 Frey, Andreas. Das Gift bleibt. online.

59 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 13

60 Wikipedia: Vietnamkrieg.

61 Gough, Micheal. Dioxin, Agent Orange the facts. S. 52

62 Frey, Andreas. Das Gift das bleibt. online

63 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 13

64 Frey, Andreas. Das Gift das bleibt. online

65 Langels, Otto. Der größte Chemie-Angriff der Geschichte. online

66 Willig, Hans-Peter. Die chemie-Schule. online

67 Zierler, David. The Invention of Ecocide. S. 72

68 Nature, Stellman, Jeanne Mager „The Extent and Patterns of Usage of Agent Orange and other Herbicides in Vietnam”

69 Frey, Andreas. Das Gift das bleibt. online

70 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S.1 5 f.

71 s.o.

72 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 23

73 Wikus, Priska. "Agent Orange". Die Auswirkungen von Napalm während des Vietnamkrieges. S. 4 f.

74 Gniffke, Kai. Agent Orange – Vietnams giftige Kriegslast. online

75 Berendet, Isabell Franziska. Der Einsatz von Agent Orange während des Vietnamkriegs in den 1960er Jahren – Die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. S. 9

76 Kellerhoff, Sven Felix. Kannten die USA die Risiken von Agent Orange? online

77 Chisholm, Chishon. Beyond Vietnam: Other Military Areas Where Agent Orange was Used. online

78 Dunst, Charles. The U.S.’s Toxic Agent Orange Legacy. Online

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Der Chemiewaffen-Angriff "Agent Orange". Auswirkungen des militärischen Einsatzes auf die Umwelt und die Menschen in Vietnam und den USA
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
39
Katalognummer
V947420
ISBN (eBook)
9783346283801
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Agent Orange, Vietnamkrieg, Kommunismus, Chemiewaffen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Der Chemiewaffen-Angriff "Agent Orange". Auswirkungen des militärischen Einsatzes auf die Umwelt und die Menschen in Vietnam und den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947420

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