GrauZone - Spielplatz für Kreative? - Einsicht in eine Literaturzeitschrift


Hausarbeit, 1999
14 Seiten, Note: 1

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0. Einleitung:

„Du kannst Dir nicht vorstellen, wieviel Herzbluten und Tränen es kostet, wenn Du mitansehen mußt, wie etwas, woran Du Dein Herz gehängt hast, zum Scheitern verdammt ist."1

So endete die Ära einer neuen Literaturzeitschrift. Begonnen hatte alles mit vier eifrigen Literaturstudenten, die aus einer Seminararbeit an der Uni eine Zeitschrift konzipierten. Aus einer langweiligen Hausarbeit entwickelten sich Gedanken, Gespräche, Diskussionsstoff, die niedergeschrieben und veröffentlicht wurden.

Das Resultat war GrauZone, eine moderne Zeitschrift über die Literatur der 90er Jahre und deren Autoren. Warum aber mußte dieses Projekt scheitern?

In der folgenden Hausarbeit soll die Entstehung und der Werdegang der Literaturzeitschrift GrauZone veranschaulicht werden. Dabei bietet zunächst ein kurzer Überblick über die unterschiedlichen „Zonen" einen Einblick in den Aufbau der Zeitschrift. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Entstehungsgeschichte der Zeitschrift, wobei Fragen nach den Herausgebern und ihrem Weg in die Verlagsszene geklärt werden sollen. Hierbei steht der Werdegang von GrauZone, von der Planung, über die Erstellung bis zum Druck im Vordergrund. In diesem Zusammenhang soll auch Durs Grünbein erwähnt werden, der nicht nur mit seinem ersten Gedichtband zur Namensgebung der Zeitschrift erheblich beigetragen hat, sondern mit dem sich GrauZone praktisch erst auf dem weiten Feld der Zeitschriftenlandschaft einen Namen machen konnte! Mit ihm trat ein Wandel für GrauZone ein, der sich auch in der Ausführung der Zeitschrift und ihren Texten nachvollziehen läßt. In einem Vergleich von den Anfängen der Zeitschrift bis zur Gegenwart soll diese Entwicklung veranschaulicht werden.

„Den Riecher vorn" war von nun an ihr neues Logo, das ihr nicht nur seit diesem Zeitpunkt als Markenzeichen anhaftete, sondern mit dem sich ihre Ideen und Ziele ausdrücken ließen. Es wurde ein Konzept für die Zeitschrift entworfen, in dem ihre Ziele und Pläne festgehalten werden sollten.

Im vierten Abschnitt sollen dann die Schwierigkeiten analysiert werden, die so ein Projekt auch mit sich bringen kann, z.B. bei der Gründung eines eigenen Verlags. Probleme, die sich beispielsweise bei der Organisation und Ausführung sowie bei der Finanzierung ergeben, werden hier thematisiert. Dieser Teil endet mit einer kurzen Vorstellung des GrauZone -Teams, den sogenannten „Zonis" und im Bezug zum Oberthema dieses Abschnitts mit einer Darstellung von Streitigkeiten, die sich auch hin und wieder im Team einschleichen können. Möglichkeiten der Bewältigung solcher Schwierigkeiten sowie verbleibende Hoffnungen hinsichtlich der Zukunft der Zeitschrift werden im Anschlußdaran veranschaulicht. Aus welchen Gründen mußten manche Pläne scheitern? War das Ganze ein Top oder Flop? Welche Dinge hätte man vielleicht besser machen können?

Die Hausarbeit endet mit der Überlegung, inwieweit das Projekt wertvoll und nützlich für ihre Herausgeber war.

1. Wer oder was ist GrauZone?

GauZone ist eine neue Literaturzeitschrift, die sich ausschließlich mit neuer, junger Literatur der 90er Jahre und deren Autoren befaßt. Sie existierte von 1995 bis Ende 1998 und ist heute nur noch im Internet unter der Adresse:

www.infreiburg.de/Grauzone.html zu finden. Auf diesen HTML-Seiten stellt sich GrauZone mit seinen unterschiedlichen Zonen vor, erläutert kurz ihre Mission und vergibt Informationen zu Verkaufsorten und Bibliotheken, wo man die Literaturzeitschrift finden kann. Außerdem kann der Leser in der letzten Ausgabe sowie in früheren schmökern. Die Themen sind jeweils den Zonen zugeordnet. Die vollständigen Texte findet man dort abgedruckt. Ältere Ausgaben können auch beim GrauZone- Verlag (gegründet 1996) bestellt werden. Sie kosten pro Stück 5 DM. Vorher erschien die Zeitschrift vierteljährig und war in vielen deutschen Buchhandlungen zu erhalten. Am Ende (Dezember 1998) hatte der Verlag eine Auflage von 2.000 Stück.

Insgesamt gab es 17 Ausgaben, wobei zwei davon als Doppelausgabe, wie beispielsweise das Heft 16/17 erschienen. Erstmals wurde sie von den vier Herausgebern Ilka Buchmann, Bettina Tolle, Michael Neubauer und Boris Pfetzig im Dezember 1995 ins Leben gerufen. Sie stammt aus Freiburg, wo sich auch die Redaktion befindet. Die Adresse lautet: Baseler Str. 115a, 79115 Freiburg, Tel.: (0761) 445341, Fax: (0761) 4760393, e-mail: grauzone@infreiburg.de.

2. Zonen - der Aufbau der Zeitschrift

a.) Das Editorial

Hierbei handelt es sich um eine Vorankündigung, was den Leser in dieser Ausgabe erwarten wird. Meistens wird auf ein Oberthema hingewiesen, das in diesem Heft im Mittelpunkt steht, oder es wird auf etwas Neues in der Zeitschrift aufmerksam gemacht, so z.B. auf neue Zonen. Beispiele sogenannter Oberthemen sind „Dichter werden leicht gemacht - Nachwuchsförderung in Deutschland", „Österreich auf der Buchmesse", „Slam poetry", „Die Literatur, die nicht eine ist: Texte junger Gegenwartsautoren", „Krimi - alte und neue Gänsehaut" oder „Der Ingeborg Bachmann Preis" etc.

b.) Das Inhaltsverzeichnis

Das Inhaltsverzeichnis ist aufgeteilt in verschiedene „Zonen". Unterhalb dieser Zonen sind die Überschriften der Texte der jeweiligen Ausgabe aufgelistet mit dem Hinweis auf die entsprechende Seitenzahl, auf der der Bericht zu finden ist. Die unterschiedlichen Zonen werden im Folgenden erläutert.

c.) GrauZone

Mit der GrauZone beginnt es. Diese Zone behandelt verschiedene Themen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, so z.B. des Literaturbetriebs oder theoretische Fragen der Literaturwissenschaft, die in Essays und Berichten niedergeschrieben sind. Sie ist fast die wichtigste und facettenreichste Zone, da ihre Themen aus sehr unterschiedlichen Bereichen stammen. Außerdem gehört sie zu den ältesten. Beispielthemen hierfür sind: „Literaturtendenzen der 90er Jahre: Zur jungen jüdischen Literatur in Deutschland und Österreich", „Romanwirrwar in der Großstadt: Zum Boom der Berlin-Romane der 90er Jahre", „In Bildern schmökern: Geschichten im Comic", etc. Meistens sind das die Themen, auf die bereits im Editorial aufmerksam gemacht wurde.

d.) TalkZone

Der „Talk" mit Schriftstellern und anderen Menschen des Literaturbetriebs steht hier im Mittelpunkt. Dabei sollen besonders noch junge, noch nicht so bekannte Personen interviewt werden. Der erste war Durs Grünbein, ein echter Glücksgriff, wie sich kurze Zeit später herausstellte. - Doch dazu mehr im Abschnitt: „Mit Durs Grünbein fing alles an" - Es wurden u.a. Franzobel, Thomas Brussig, Ingo Schramm, Alt-Beatnik Steven Watson und Yoko Tawada, Marlene Streeruwitz, Kathrin Röggla, Martin Walser, Wolf Biermann und Robert Gernhardt interviewt.

e.) RezenZone

Die RezenZone beinhaltet Buchkritiken über aktuelle Neuerscheinungen. Sie will sowohl Informationen zum Leben und Werdegang des Autors, als auch eine Zusammenfassung des Inhalts seines neuen Werkes liefern. Dabei sollen besondere Aspekte, z.B. zur Entstehung des Werkes zum Ausdruck kommen. In der letzten Ausgabe wurde „Eine Frau und ein Junge" sowie „Rosa Rosa" von der Wiener Schriftstellerin Bettina Balàka, „Die Farbensucherin" - Prosastücke von Birgit Müller-Wielands, „Sieben Versuchungen" von Lydia Mischkulnig, „Das Bad" von Yodo Tawada, einige Kurzbesprechungen sowie eine kleine Auswahl junger Gegenwartsautorinnen besprochen.

f.) DramaZone

DramaZone beinhaltet sowohl die Vorstellung junger DramatikerInnen, als auch die Besprechung aktueller Stücke und Inszenierungen. Beispiele sind: Das Studententheaterfestival in Freiburg, Interplay 1997 oder Rainald Goetz und Lothar Trolle - aufgeführt im Hamburger Malersaal.

g.) CinemaZone

Hier werden neue Kinofilme rezensiert, die auf literarische Themen Bezug haben. Diese Zone erscheint allerdings unregelmäßig. Erstmalig erschien sie in der Ausgabe 9/10 mit einer Darstellung samt Interview über und mit Thomas Brussig und seiner Umsetzung des Romas „Helden wie wir" in ein Drehbuch.

h.) RegioZone

Diese Zone beschäftigt sich mit regionalen literarischen Ereignissen und Veranstaltungen in Freiburg. Auch diese Zone erscheint unregelmäßig.

i.) PublikaZone

Kleinere Verlage, Literaturzeitschriften und experimentelle Programme kommen hier ganz großraus, beispielsweise der Vapet Verlag in Bochum, das neue Literaturprogramm des DuMont-Verlag, die Zeitschrift eDit oder die Pfaffenweilerpresse: „Große Zeitgenössische Autoren aus kleiner Werkstatt".

j.) InterZone

Internationales - hier gibt es Informationen zu junger, fremdsprachiger Literatur, z.B. zu der japanischen Kult-Autorin Banana Yoshimoto oder zu dem französischen Dramatiker Bernard-Marie Koltès über die Sprache und das Theater.

k.) Ohne Filter

Diese Zone bietet eine Chance für noch nicht entdeckte Autoren. Hier können sie ihre Texte zum ersten Mal veröffentlichen. In der letzten Ausgabe erschien „Drei Menschen am Abend" von Brankica Becejac und „Der Mann, die Mutter und der Vater. Der Honig, die Bohnen und die Bienen" von Cornelia Manikowsky.

l.) Literaturkalender

Der Kalender bietet eine Vorschau auf kulturelle Veranstaltungen in den nächsten zwei Monaten innerhalb Freiburgs.

3. Die Enstehung der Literaturzeitschrift GrauZone

a.) Vom Tellerwäscher zum Millionär - oder: vom Literaturstudenten zum Zeitschriftenverleger

Die erste Ausgabe von GrauZone erschien im Dezember 1995. Doch der Weg bis zum endgültigen Drucktermin war schwierig und langwierig. Angefangen hatte alles in einem literaturwissenschaftlichen Seminar an der Freiburger Universität. Vier Literaturstudenten (Ilka Buchmann, Michael Neubauer, Boris Pfetzig und Bettina Tolle), hatten die Aufgabe erhalten, gemeinsam eine Seminararbeit in Form einer Dokumentation zu konzipieren. Wenig begeistert von dieser Aufgabe, baten die vier den Professor, ob sie statt dessen eine Interviewreihe erstellen könnten. Sie wollten mit jungen Autoren und Autorinnen Gespräche führen und diese Themen zu Papier bringen. Ein paar Wochen später hatten sie genügend „Stoff" zusammen, um sich an die Arbeit des Niederschreibens zu machen.

„Auf keinen Fall hatten wir klar im Kopf: Wir wollen eine eigene Zeitschrift entwerfen. Das kam erst nach und nach. Zunächst gab es da unsere Interviewreihe, die zum Hauptthema die Literatur der 90er Jahre und ihre Autoren hatte. Die Idee, daraus eine eigene Zeitschrift zu entwerfen, wuchs erst mit der Zeit."2

b.) „Mit Durs Grünbein fing alles an" - der gute Riecher für Nachwuchstalente „Durs Grünbein tauchte schon in der GrauZone auf, als er noch nicht den BüchnerPreis erhalten hatte."3

Der Schriftsteller Durs Grünbein wurde für GrauZone zum echten Glücksgriff. Noch bevor Grünbein mit seinem ersten Gedichtband „Grauzone morgen" von 1988 berühmt wurde und Literaturpreise erzielte, hatte GrauZone bereits ein Interview mit dem Nachwuchstalent gemacht und in ihrer zweiten Ausgabe veröffentlicht. Damit hatte sich GrauZone selbst über Nacht einen Namen gemacht. Es haftete ihr seitdem immer das Logo an, einen „guten Riecher" für Nachwuchstalente zu haben und den renomierteren Literaturzeitschriften ein kleines Stück voraus zu sein.

„Durs Grünbein war ein echter Glückstreffer. Mit ihm fing es eigentlich so richtig an. Wir hatten ja nun Interviews mit einigen jungen, noch nicht so bekannten Schriftstellern gemacht und diese veröffentlicht, unter anderem dann auch eins über Durs Grünbein. Er hat auch zu unserer Namensgebung unter anderem beigetragen. Inspiriert von seinem Werk „Grauzone morgen" und in Verbindung mit unserem Ziel, die Literaturwissenschaft aus der Grauzone herauszuholen, kam der Name unserer Zeitschrift überhaupt erst zustande. Das war einfach toll, als Durs den Peter-Huchel- Preis und kurze Zeit später den Georg-Büchner-Preis erhielt. Damit schafften auch wir unseren Durchbruch. Alle waren nun davon überzeugt, daßwir den „Riecher vorn" hätten."4

Die erste Hürde in der „Zeitschriftenlandschaft" war damit für GrauZone überwunden. Nun mußte ein Konzept erstellt werden, daßdieses Markenzeichen stärkte und die Pläne der Redakteure klar zum Ausdruck brachte.

Doch bevor ich nun weiter auf die Ziele von GrauZone eingehe, möchte ich noch einige Informationen zu Durs Grünbein hier einfließen lassen, da er meiner Meinung nach als junges Nachwuchstalent auch in einer Hausarbeit der neueren deutschen Literatur einige Zeilen verdient hat.

Der gebürtig aus Dresden stammende Schriftsteller wurde am 9.10.1962 geboren und studierte im Alter von 20 Jahren Theatergeschichte in Ost-Berlin, was er jedoch nach einigen Semestern wieder abbrach. Er arbeitete an verschiedenen künstlerischen Projekten mit und veröffentlichte hin und wieder in Zeitschriften. Der erste Gedichtband „Grauzone morgen" erschien 1988 in der damaligen BRD. „Die Großstadtgedichte spiegeln Erfahrungen der DDR-Wirklichkeit, gleichzeitig sein Desinteresse daran wieder."5

1992 erhielt er neben Thomas Kling den Bremer Literatur-Preis, 1995 dann den PeterHuchel-Preis sowie den Georg-Büchner-Preis.

Der mit 15.000 DM dotierte Huchel-Preis wird vom Südwestfunk und vom Land Baden-Würtemberg jährlich verliehen. Durs Grünbein ist der 12. Preis-träger dieses Preises für lyrische Neuerscheinungen und bahnte sich damit als Lyriker und Essayist den Weg in die Literaturszene. Von ihm sind unter anderem noch erschienen: „Falten und Fallen" (Gedichtband von 1994), „Galilei vermisst Dantes Hölle und bleibt an den Massen hängen" (Aufsätze von 1989-1995), „Schädelbasislektion" (Gedichte von 1991) und „Die teuren Toten" (33 Epitaphe von 1994).

Doch zurück zur Zeitschrift GrauZone, die nun mit der Entdeckung von Grünbein selbst ein wenig im Licht der Literaturszene sonnen konnte. Sie hatte nun die Möglichkeit bekommen, sich zu entfalten. Und das sie das tat, zeigt sich in der Entwicklung der Zeitschrift, den man „innerlich" wie „äußerlich" rekonstruieren kann.

c.) Ein Vergleich zum Werdegang der Zeitschrift von ihren Anfängen bis zur Gegenwart

Bei der ersten Ausgabe im Dezember1995 steckte GrauZone noch in den „Kinderschuhen". Das Layout glich dem einer Schülerzeitung, der Aufbau war kaum erkennbar, nur die Texte waren von guter Qualität.

Während GrauZone anfangs noch mit Julias Computer das Layout entwarf und das Deckblatt farblos wirkte mit schwarzer Schrift auf weißem Papier, entwickelte sich die Zeitschrift von Ausgabe zu Ausgabe. Spätestens mit Hilfe der Layoutcrew der preußner multimedia gewann das Blatt an Farbe. Hierbei fällt auf, daßmit zunehmender Qualität auch die Werbung mehr wurde. Das Deckblatt änderte sich von einfachem schwarz-weißPapierdruck zu farbigem Druck auf Hochglanzpapier bis hin zu Fotopapier. Die Innenseiten des Umschlags trugen nun bis auf einige Ausnahmen immer eine Werbung.

Die Gestaltung des Inhaltsverzeichnisses und der Seiten wurde kreativer, die Themen- Titel immer phantasievoller. Mit der 2. Ausgabe wurde die Unterteilung in Zonen vorgenommen, womit auch die „Zonis" sich auf verschiedene Bereiche konzentrieren konnten. Das Markenzeichen von GrauZone wurde ein linker Rand, auf dem der Name der Zeitschrift hochkant abgedruckt wurde. Die Inhaltsverzeichnisse und Gestaltung der einzelnen Ausgaben wechselte von Heft zu Heft. Immer mehr wurden die Texte durch Fotos und Karikaturen aufgelockert. Natürlich hatte die bessere Papierqualität und die Ausschmückung der Seiten auch eine Auswirkung auf den Preis. Dieser stieg von 3 DM bis zu 6 DM bei Doppelausgaben und blieb schließlich bei 5 DM stehen.

Auch im Impressum ließen sich folgende Veränderungen feststellen: Die Herausgeber wechselten von „Literaturstudenten der Universität Freiburg" zu „GrauZone-Verlag". Kam die Zeitschrift zunächst nur zweimal im Semester heraus, so änderte sich auch das zu einer konstanten vierteljährigen Erscheinungsweise. Der Vertrieb wurde auf Buchhandlungen in ganz Deutschland ausgeweitet. Zuvor hatte man die Zeitschrift nur in Freiburger Buchhandlungen sowie im Deutschen Seminar der Freiburger Universität erhalten.6

Aber nicht nur das Layout wurde farbenfroher und bildhafter, sondern auch die Texte. Man jonglierte mit Wörtern, schrieb informativer und phantasievoller und gestaltete die Seiten „leserfreundlicher". Die Bleiwüste wurde zur blühenden Wortlandschaft, bzw. zum echten „Wörtersee".7

d.) Gro ße Aufgaben und Pläne

Das erste Ziel von GrauZone war es, junge deutschsprachige Literatur vorzustellen. Mit Interviews, Rezensionen und Essays zu literarischen Themen sollte die Literaturszene der 90er Jahre näher beleuchtet werden.

„Wir sind der Meinung, daßdie junge deutschsprachige Literatur viel zu wenig Beachtung findet. Weder in Zeitschriften oder Zeitungen noch in anderen Medienbereichen. Auch an der Universität steckt die Literaturwissenschaft in einer Grauzone. Es wird viel lieber ein Goethe oder Thomas Mann behandelt, als sich die Mühe zu machen, die neuen Nachwuchstalente kennenzulernen. Natürlich ist es für die Professoren einfacher über den „Prozeß" oder über „Effi Briest" zu sprechen, als sich auf neue Werke einzulassen. Leider ist es immer noch so, daßlieber auf alte, bekannte Literatur zurückgegriffen wird, als „literarisches Neuland" zu entdecken.

Wann wurde schon ein lebender Autor an die Uni geladen, um mit den Studenten zu diskutieren oder über sein Werk zu erzählen. Das wäre doch eine Chance, sowohl für den Autor als auch für die Studenten. Man bekommt höchstens mal einen Martin Walser zu Gesicht. Das aber auch nur in ganz besonderen Ausnahmefällen. Und der wird sich dann allerdings nur wenig auf Diskussionen einlassen. Dabei haben sich viele Autorinnen und Autoren in der Literaturszene bereits einen Namen gemacht oder sind auf dem besten Weg dazu. Dennoch sind sie einem breiten Publikum weitgehend unbekannt."8

GrauZone wollte deshalb Lesebegeisterten oder Literaturinteressierten einen Einblick in die Literaturszene vermitteln und neue Autorinnen und Autoren vorstellen. „Lust aufs Lesen wecken" lautete die Devise. Die Gestaltung einer Art „Plattform" sollte angestrebt werden, auf der junge Nachwuchstalente eine Chance bekommen, in die Öffentlichkeit zu gelangen. - Die plattform ist übrigens auch eine Vereinigung des Deutschen Seminars in Freiburg, die junge Nachwuchstalent zu unterstützen sucht. - GrauZone verstand sich als Förderung junger Autorinnen und Autoren. Sie war an alle Menschen adressiert, die sich für Literatur, besonders für junge interessieren und sich damit näher beschäftigen wollen. GrauZone betrachtete sich dabei nie als „Uni-Blatt", das nur Studenten und Professoren bedienen sollte.

Eine Leserumfrage von 1997 ergab, daßzwar besonders junge Leute - hauptsächlich dabei Studenten - , aber auch Menschen zwischen 30 und 40 Jahren, die sich beruflich mit Literatur beschäftigen, GrauZone lesen.

„Was die GrauZone besonders lesbar macht, ist das Fehlen der entnervenden Abgeklärtheit, welche aus der professionellen Literaturkritik kaum wegzudenken ist."9 Die Redakteure hatten sich zum Ziel genommen, Rezensionen neuer Literatur zu verfassen, in die sie selbst ihre Ideen einbringen konnten und neben Informationen zu Inhalt und Verfasser, auch Gedanken der Schriftsteller zu erläutern. Dabei sollten die Umstände dargestellt werden, die zur Entstehung des Werkes beigetragen hatten. Der Text sollte frisch, jung, aber nicht umgangssprachlich, sondern wortgewandt und sinnreich klingen.

e.) Die Gründung des GrauZone-Verlags

Gegründet wurde der Verlag 1996.

Hierzu vorweg ein paar juristische Informationen zu Verlagsgründungen: Der Verleger mußkein Fachmann sein. Jede Interessengemeinschaft, die ein gemeinsames Ziel verfolgt, kann sich Verlag nennen ohne sich ins Handelsregister eintragen zu müssen.

Die Herausgeber von GrauZone bildeten also eine Interessengemeinschaft und damit eine „Gesellschaft", die sich auf das Gesellschaftsgesetz bürgerlichen Rechts stützte.10 Erst mit einem höheren Umsatz glaubten die Redakteure, sich aus Steuergründen als Verlagsgesellschaft anmelden zu müssen. Dieses ist aber keine gesetzliche Pflicht. Also wurde ein Gesellschaftsvertrag zwischen den vier Herausgebern aufgesetzt, für den eine erste Summe für die Gewerbeanmeldung bezahlt werden mußte. Für einen Gesellschaftsvertrag oder die Anmeldung müssen aber keine Kriterien, wie z. B. ein Mindestabsatz von ... oder die Vorweisung eines vorhandenen Vermögens vorgewiesen werden. Auch ein gesicherter Gewinn oder eine feststehende Produktion gilt nicht als Bedingung.

Auf diese Weise wurden die vier zu Gesellschaftern und damit zu selbständigen Verlegern einer eigenen Zeitschrift.

4. Die Schwierigkeiten eines neuen Zeitschriftenverlags

a.) Die Finanzierung von GrauZone

Als selbständige Gesellschafter hatten die vier Herausgeber die Aufgabe übernommen, ihre Zeitschrift „am Laufen" zu halten, d.h. für die Erstellung, die Produktion und den Verkauf, sprich für alles was mit der Organisation und Finanzierung zusammenhängt, zu sorgen. Das erste Problem ergab sich bereits bei der Finanzierung. Der Verlag bekam wenig Zuschüsse und die Herausgeber und Redakteure arbeiteten als ehrenamtliche Mitarbeiter mit, also verdienten sie kein Geld. Es wurde versucht, möglichst den Druck der Zeitschrift und die Herstellung durch Anzeigen zu bezahlen. Man probierte, Firmen zu werben, die ihre Anzeige in der GrauZone abdrucken lassen wollten. Doch welche Firma, welche Buchhandlung und welcher größere Verlag zahlt viel Geld, um seine Werbung in einer neuen, unbekannten Zeitschrift abdrucken zu lassen, noch dazu in einer, von der man ausgehen mußte, daßnur ein bestimmter Teil der Bevölkerung sie lesen würde?

Materialien und auch die Telefon- und Stromrechnung wurden also „aus eigener Tasche" bezahlt. Doch bereits nach der 8/9. Ausgabe mußte der Verlag auch noch für den Druck aufkommen. Die Anwerbung von Firmen und Verlagen lief nicht so wie erwartet, so daßder Verlag eher noch etwa 1000 DM pro Druck dazu zahlen mußte, damit weiter produziert werden konnte.

„Es gab einfach das Problem, daßkeiner im Team Lust hatte, bettelnd von Tür zu Tür zu gehen, um eine Unterstützung in Form einer Werbung zu erbitten. Jeder wollte nur schreiben. Von Marketing und Werbemanagement wollte keiner was wissen. Es war einfach nicht möglich, alles unter einen Hut zu bekommen: Texte meistens unter Zeitdruck zu erstellen, Hin- und Herzudüsen zu Interviews, Werbeanbieter zu suchen, die Anzeigen zu koordinieren und, und, und. Außerdem studierten viele von uns noch. Da war einfach keine Zeit. Man hätte letztlich nur auf Sponsoren hoffen können, die einem diese Arbeit praktisch durch ihre finanzielle Unterstützung abgenommen hätten."11

b.) Sponsoren gesucht - Marketing und Werbung

Auf Sponsoren hofft man heute immer noch. Nur wenn man einen Geldgeber findet, wird GrauZone wieder zurück „ans Tageslicht" gelangen. Im Internet wird die Zeitschrift zwar weiterhin zu finden sein, aber zur neuen Produktion ist kein Geld mehr vorhanden. Man hofft darauf, wenigstens den Literaturkalender für Freiburg als kleine Broschüre weiter herausgeben zu können. Ein großer Wunsch bleibt dennoch: „Ein erstes Buch für die diesjährige Buchmesse. Aber auch hierfür fehlt uns ein Gönner."12

c.) Die Zonis - Das GrauZone-Team und die kleinen Streitereien untereinander

„Wir wollten mit der letzten Ausgabe noch einmal das Beste herausholen, was wir konnten. Wir wollten einen guten Abschlußfinden und nicht mit einer Ausgabe enden, der man ansieht, daßes vorbei ist und wir womöglich im Streit mit jeweils 2000 DM Schulden am Hacken auseinander rennen."13

GrauZone setzte sich aus einem festen Stamm und wechselnden Mitarbeitern zusammen.14 Die Herausgeber haben nie gewechselt. Heute sind die vier berufstätig. Zwei davon sind kommende Lehrer, Michael hat sich selbständig gemacht und betreibt eine Druckerei und die letzte ist heute Journalistin für die Badische Zeitung. „Wir waren ein gutes Team. Uns hätte eigentlich nur noch eine PR-Abteilung gefehlt, die uns die ganzen Aufgaben der Geldeintreibung durch Werbung und den unseligen Papierkram abgenommen hätte. Aber wer will das schon für nichts und wieder nichts machen? Deshalb kam es natürlich hin und wieder zu Streitereien untereinander.

Meistens ging es dann um leidige Themen wie „Du bist viel fauler als ich. Immer mußich dies und jenes machen." Oder „Ich bin doch nicht hier der Arsch für alle." Dies bezog sich meistens auf Telefondienst oder Werbeeintreibung. Viele kamen wirklich nur zum Schreiben. Dann blieb am Ende der ganze ungeliebte Mist an uns Vieren hängen."15

5. Top oder Flop?

Von einem Flop kann man meiner Meinung nach auf keinen Fall sprechen. Die Erfahrungen, die die Herausgeber und Redakteure gemacht haben, sind unbezahlbar. Ich bin sicher, daßsie im journalistischen Bereich sehr gute Chancen haben, eine Stelle zu finden. Sie haben viele Kontakte knüpfen können, wissen, wie und wo man am besten recherchiert, sind erprobt in allen redaktionellen und organisatorischen Tätigkeiten, die eine Zeitschrift mitsichbringt und haben den Status, bereits auf eigenen, selbständigen (!) Füßen gestanden zu haben oder noch zu stehen. Wer sie einstellt, weiß, daßer es mit erfahrenen, geübten und kompetenten Persönlichkeiten zu tun hat. Daher war und ist GrauZone auf keinen Fall ein „totgeborenes Kind". Es wäre wünschenswert, wenn alle Studenten auf „eigene Faust" versuchen würden, sich Praxiserfahrungen anzueignen, um sich damit für die Arbeitswelt zu qualifizieren. Respekt vor soviel Eigeninitiative und Kreativität! Sie kann vielen zum Vorbild dienen, vielleicht selbst mal „seinen Hintern vom bequemen Uni-Sessel" hoch zu bekommen.

Ich hoffe, daßGrauZone doch noch mal durch einen Sponsor „zum Leben erweckt" wird.

Denn mir hat die Zeitschrift sehr gefallen, da sie einen tollen Einblick in die Literatur der 90er Jahre vermittelt. Sie ist mit ihren unterschiedlichen Zonen vielfältig und behandelt wirklich großflächig die junge Literaturszene samt ihren Autoren. Dabei ist sie übersichtlich und informativ. Die Texte sind flott und verständlich geschrieben, so daßman keineswegs die Lust am Lesen verliert. (Wegen GrauZone hätte ich sogar fast die Endstation meiner Zugfahrt verpaßt.) Ich kann sie wirklich nur weiter empfehlen.

Literaturverzeichnis:

- Brockhaus-Enzyklopädie, Mannheim 1997, zum Schlagwort „Grünbein, Durs"
- GrauZone, Freiburg 1995-1998, Ausgaben 3-16/17
- Grimm, Erk: Mediamania? Contemporary German poetry in the age of new information technologies: Thomas Kling and Durs Grünbein. In: Studies in 20th century literature, Lincoln 1997, Bd. 21, Nr.1, S. 275-297
- Grünbein, Durs: Der verschwundene Dichter - zu Peter Huchel. In: Sinn und Form. Beiträge zu Literatur. Berlin 1995, Bd. 47, Nr. 4, S. 592-595
- http://www.infreiburg.de/Grauzone.html
- Kommentar des Verlagsrecht unter Handelsgewerbe, Nr. 8 oder unter § 4 im Handelsgesetzbuch
- Telefongespräch mit Michael Neumann (Januar 1999)
- Zeitungsarchiv der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Badischen Zeitung

Liste über weitere Literaturzeitschriften

- eDit
- P.E.N.
- lettre international
- Kursbuch
- German Quaterly
- TLS
- Akzente
- Schreibheft
- ndl
- Das Gedicht
- Rowohlt
- Neue Rundschau (Fischer Verlag)
- Folio
- Sprache im technischen Zeitalter
- Literatur in Wissenschaft und Unterricht
- Studies in 20th century literature

Sinn und Form. Beiträge zu Literatur

Anhang

[...]


1 Telefongespräch mit Michael Neubauer im Januar 1999

2 Telefonat mit Michael Neubauer im Januar 1999

3 Hannoversche Allgemeine Zeitung

4 Telefongespräch mit Michael Neubauer im Januar 1999

5 Brockhaus, Mannheim 1997

6 s. Anhang: „Die GrauZone erhalten sie in folgenden Buchhandlungen"

7 Buch von Robert Gernhardt

8 Telefonat mit Michael Neubauer im Januar 1999

9 GeZetera, Basel

10 s. Kommentar des Verlagsrecht unter Handelsgewerbe, Nr. 8 oder unter § 4 im Handelsgesetzbuch

11 Telefonat mit Michael Neubauer im Januar 1999

12 s. oben

13 s. oben

14 s. Anhang: Impressum

15 Telefongespräch mit Michael Neumann im Januar 1999

14 von 14 Seiten

Details

Titel
GrauZone - Spielplatz für Kreative? - Einsicht in eine Literaturzeitschrift
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V94744
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GrauZone, Spielplatz, Kreative, Einsicht, Literaturzeitschrift
Arbeit zitieren
Viola Hardam (Autor), 1999, GrauZone - Spielplatz für Kreative? - Einsicht in eine Literaturzeitschrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94744

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