Die Fabel im 18ten Jahrhundert


Seminararbeit, 1999

13 Seiten, Note: 2-


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INHALTSVERZEICHNIS

1. Was ist die Fabel?
1. 1 Ursprung
1. 2 Deutung und Mißverständisse

2. Der Weg der Fabel nach Deutschland

3. Die deutschen Fabeldichter im 18. Jh.
J. C. Gottsched / J. J. Breitinger / D. W. Triller
C. F. Gellert
D. S. Stoppe / J. W. L. Gleim / M. G. Lichtwer / G. C. Pfeffel
G. E. Lessing

4. Elemente der Fabel
4. 1 Handelnde Figuren: die Role der Tiere in derbFabel
4. 2 Der dialoge Charakter der Fabel
4. 3 Aufbau der Fabel
4. 4 Antirealismus der Fabel
4. 5 Das Wesen der Fabel und die Aktualität der Fabel

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Was ist die Fabel?

1. 1 / Ursprung

Die Tradition der Fabel beruft sich auf den legendären phrygischen Sklaven Aisopos (Äsop), obwohl es vor ihm schon Fabeln auf griechischem Boden gab - u. a. von Hesiod (um 700 v. Chr.) und Archilochos (um 650 v. Chr.). Daßder Gattungsname trotzdem mit Äsop verbunden wird, hängt wohl entscheidend mit der großen Zahl und der Qualität seiner Fabeln zusammen.

Äsop lebte im 6. Jh. v. Chr: er war Sklave, wurde später freigelassen und starb 560. Sicher belegt sind diese Fakten jedoch auch nicht. Infolgedessen gibt es auch Spekulationen, ob Äsop überhaupt gelebt hat, oder ob er nicht eventuell eine erfundene, bewußt aus dem einfachen Volk gegriffene Figur einiger gelehrter Männer war, sozusagen ein Pseudonym als Mittel zum Zweck.

Fest steht: Erfunden hat die Fabel kein Dichter, sondern der "Volksmund".

Auch ihr Ursprungsland ist unklar: die Experten werden sich weiterhin ohne Ergebnis darüber streiten, ob die Fabel in Griechenland oder in Indien entstanden ist.

1. 2 / Deutung und Mißverständnise

"Du fragst, was nützt die Poesie?

Sie lehret und unterrichtet nie.

Allein wie kannst du doch fragen?

Du siehst an dir, wozu sie nützt:

Dem, der nicht viel Verstand besitzt,

Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen." 1

C. F. Gellert

Trotz seiner Griffigkeit ist Gellerts Ausspruch keine Wesensbestimmung der Fabel, zu der er gewöhnlich gemacht wird. Denn das hieße ja, daßdie Fabel dazu da ist, dem intellektuell weniger Geschulten schwer einsehbare Wahrheiten wie einen philosophischen Lehrsatz auf eine leicht verständliche Weise begreiflich zu machen. Hält man sich aber die "Wahrheiten" vor Augen, die seit den orientalischen und antiken Anfängen durch die Fabel vermittelt werden, stellt man fest, daßes sich um einfache und leicht verständliche "Weisheiten" handelt, wie z. B.:

- Man soll niemand verachten, denn jeder ist in der Lage, sich auf seine Weise zu rächen.
- Was man besitzt, soll man festhalten und nicht für eine Chimäre hingeben.
- Körperliche Schönheit ist wertlos, wenn sie sich nicht mit Geist und Kraft paart.
- Wer sich mit fremden Federn schmückt, erntet Neid und Rachsucht.

Die Lehren, die in der Fabelliteratur formuliert werden, sind keine Gegenstände ungewöhnlich hohen intellektuellen Niveaus; abgesehen davon tauchen sie auch schon in Merksprüchen, Sprichwörtern, Redensarten u. a. auf. Angesichts solch einfacher "Lehren", ist der Ausspruch von Gellert "Dem, der nicht viel Verstand besitzt, Die Wahrheit durch ein Bild zu sagen" eigentlich hinfällig, da es keiner Erzählung mit moralischer Erklärung bedarf, um die Erfahrung "Undank ist der Welt Lohn" einem geistig einfacher struktuiertem Zeitgenossen nahezubringen. Jeder hat diese Erfahrung schon einmal gemacht, dazu braucht es nicht einer Fabel. Was der Dichter leisten kann, ist, daßer dem Leser jene Erfahrung durch eine kleine Geschichte frappant vor Augen führt, indem er sie aus dem konkreten Einzelfall herauslöst und die Figuren durch Tiere mit entsprechenden Charakterzügen abstrahiert. Diesen nun zwar abstrahierten, aber aufgrund ihrer reduzierten psychischen Existenz nachvollziehbarer und näher gerückten Gestalten widerfährt nun z. B. das Schicksal des Pferdes, das die Möglichkeiten einer Bremse, es zu stechen, unterschätzt und auf eine abfällige Bemerkung hin von jener gestochen wird, so daßes sich vor Schreck ein Bein bricht (Christian Fürchtegott Gellert, Das Pferd und die Bremse).

Die Funktion der Fabel bestimmt sich also dahingehend, daßsie eine Begebenheit, Erfahrung oder Erkenntnis durch einprägsame Beispiele sinnfällig macht. Die Beispiele sind der Tierwelt entnommen, weil dabei von allen individuellen, historisch und lokal festgelegten Bedingtheiten abgesehen werden kann. Die Fabel ist eine Form der didaktischen Poesie, sie ist folglich nicht dazu da, eine Lehre zu vermitteln, die einfache Menschen sonst nicht begreifen könnten, sondern allbekannte Erfahrungen, Volksweisheiten und Lebensregeln zu versinnbildlichen.

Die Fabel soll nicht nur belehren, sondern durchaus auch belustigen. Das Formprinzip des Witzes spielt auch auf einem Gebiet, wo man es vielleicht am wenigsten erwartet, eine wichtige Rolle: dem der Predigtliteratur.

Abraham a Sancta Clara: "Solange ein Prediger eine schöne, zierliche, wohlberedte, eine aufgeputzte, mit Fabeln und sinnreichen Sprüchen unterspickte Predigt macht, da ist er jedermann gut Freund."2 Sein protestantischer Vorgänger, der Freund und Schüler Martin Luthers, Johannn Mathesius, hielt einmal zur Faßnacht eine Predigt, die durchgehend aus mehr oder weniger ausführlich erzählten Fabeln bestand, "damit wir etwas lustigs vnnd lieblichs für vns nemen"3. Die Tatsache überrascht, daßer dabei in der nicht außergewöhnlich gut gebildeten Gemeinde eine umfassende Kenntnis der alten Fabeln vorraussetzten konnte.

Häufig wurde in der Moral der Fabel ein "lästiges Übel" gesehen, das man besser wegläßt,weil es von den spätantiken Rhetoren in die äsopischen Fabeln eingefügt worden sei, um diese literarischen Texte noch besser zu Lehrzwecken verwenden zu können. Dabei übersehen die Rethoren aber, daßGeschichte und Lehre konstitutiv aufeinander bezogen sind. Die Lehre kann sich zwingend aus ihr ergeben, oder erschlossen werden müssen - es gibt viele Möglichkeiten der Gestaltung - , aber verzichtbar ist weder das eine noch das andere Strukturelement. Das eine wäre nur eine bloße Erzählung, das andere nur ein Lehrsatz; zur Fabel werden sie erst, wenn sie sich gegenseitig kausalieren.

2. Der Weg der Fabel nach Deutschland

Außer der klassischen antiken Tradition, welche auf Äsop zurückgeht und von Phaedrus in lateinische, von Babrios in griechische Verse und von Romulus und Avian in lateinische Prosa übertragen wurde, gibt es noch die indische Tradition, die insbesondere im Pantschatantra zu finden ist.

In Deutschland pflegte man vor allem die klassische antike Fabeltradition und sammelte sie in großen griechischen und lateinischen Sammlungen. Es gab in Deutschland zwei Höhepunkte der Fabeldichtung: Im 16. Jh. und im 18. Jh. . Dazwischen klafft ein Loch - weder die sog. Barockdichter, noch die Klassiker und Romantiker haben sich für diese Gattung interessiert (ausgenommen Goethe, der ein paar Fabeln verfaßte, aber kein besonderer Freund dieser Gattung war. "... daßso viele ihr Talent dahin wendeten, spricht für das Zutrauen, welches sich diese Gattung erworben hatte."4 ).

In der Zeit von 1600 bis 1730 erscheinen fast keine neuen Fabeln.

Aber 1730, nach 130 Jahren der Ablehnung, hat die Fabel in Deutschland eine besondere Blütezeit. Im Zeitraum von 30 Jahren erscheinen Standardwerke wie Fabelsammlungenn und Fabeltheorien von Gottsched, Breitinger, Bodmer, Triller, Stoppe, Burmann, Claudius, Hagedorn, Gellert, Gleim, Lichtwer, Pfeffel, Lessing und vielen anderen mehr. Auffällig ist, daßjeder der Autoren zumindest in der Einleitung über die Theorie der Fabel schreibt. So entstehen viele unterschiedliche Fabeltheorien. Besonders ausführlich befassen sich G. E. Lessing, J. J. Breitinger und Johann Christop Gottsched mit der Gattung der Fabel. Diese Verfasser haben lange Zeit vor allem die aus der Antike bekannten Sujets neu überarbeitet. Was wie Einfallslosigkeit aussieht, war aber völlig selbstverständlich. Die Autoren der Fabeln gaben ihre Quellen zumeist selber an und verwiesen mit Stolz auf ihre antiken Vorbilder. Bei keiner Gattung ist der Griff auf Vorbilder so legitim, wie bei der Fabel. Die Dichter überarbeiteten die antiken Vorlagen und paßten sie dem Zeitgeschehen an, d. h. sie veränderten die Inhalte mehr oder weniger drastisch, um die Moral auf ihre Zeit und Zeitgenossen zuzuspitzen. Während die Dichter in Deutschland in ihren Anspielungen und ihrer Kritik an den Regierenden, eine sehr gemäßigte Linie verfolgten, nahm La Fontaine im weitaus stärker durch das Feudalregime geprägten Frankreich kein Blatt vor die Feder.

Jean de La Fontaine (1621 - 95) hat die antiken Fabeln umgestaltet, so daßdie Fabeln nun verspielt-poetisch und weniger moralisierend-pädagogisch wirkten. La Fontaines Modifikation der Fabeldichtung war eine wesentliche Vorraussetzung für die Blütezeit der Fabel in Deutschland im 18. Jahrhundert. Viele deutsche Dichter richteten sich nach den von ihm gesetzten Maßstäben, was zur Folge hatte, daßdie Fabel in Deutschland zu einem geistreichen, vergnüglichen und pointiertem literarischen Sujet wurde.

3. Die deutschen Fabeldichter im 18. Jh.

Johann Christoph Gottsched. Er war in der Stellung eines Literaturdiktators, sein Hauptwerk "Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen" von 1730 bezog sich unter anderem auch auf die Fabel. Gottsched stellt sie in die Tradition der äsopischen Fabeln und verlangt, daßdie Dichtung nicht nur in Bezug zur Fabel eine moralische Wahrheit erläuterte. In Egon Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit"5 wird Gottsched in diesem Zusammenhang als "... selbstgefälliger, bornierter und intriganter Kunsttyrann" bezeichnet. Der Gelehrtenstreit, der 1740 mit dem Erscheinen der "Critischen Dichtkunst" des Schweitzers Johann Jacob Breitingers entstand, erscheint völlig überspitzt. Der wesentliche Unterschied zwischen Gottsched und Breitinger ist der, daßBreitinger nicht von unwahrscheinlichen, sondern von wunderbaren Fabeln spricht. Wobei Egon Friedell auch für ihn keine positive Meinung parat hat: Er hält sowohl Gottsched als auch Breitinger für "... völlig verwechselbar (...) in ihrer Kunstfremdheit, Besserwisserei und sterilen Philstrosität."6.

Breitinger nimmt insbesondere auch einen weiteren Dichter aufs Korn: Daniel Wilhelm Triller. Joh. J. Bodmer griff Triller an, indem er sich auf Breitinger berief an, er würde nur absonderliche menschliche Handlungen einem Tiere zulegen. Trillers Reputation als Fabeldichter und -theoretiker litt sehr unter den Angriffen Breitinger und Bodmers. Zu Unrecht allerdings; Triller verweist in seinen "Poetischen Betrachtungen", zur Frage, was eine gute Fabel ausmacht, auf Friedrich de la Motte Fouqué, dem er nur hinzufügt, daßdie Fabel "kurz, einfach, lebhaft, lustig, natürlich und am Ende sinnreich"7 sein soll (Das Schwein mit dem güldnen Halsbande). Triller unterscheidet zwischen unglaublichen und widernatürlichen oder unvernünftigen Elementen. Es sei ja durchaus unglaublich, daßTiere vernünftig miteinander redeten, aber nicht so unvernünftig oder widernatürlich wie ein fliegender Fuchs oder Wolf. Andererseits lehnt Triller Menschen als Protagonisten der Fabel ab, weil man ihnen nicht so leicht etwas Unglaubliches andichten kann wie Tieren. Der Fuchs, der dem Bauern ein Huhn stiehlt und dafür Prügel bezieht, macht - nach Triller - auch mit angehängter Lehre noch keine Fabel.

Im 18. Jahrhundert steht die Fabeldichtung im Zeichen der Reformation und mit Christian Fürchtegott Gellert begannen die Dichter nicht mehr nur die antiken Vorbilder zu überarbeiten, sondern sie erfanden auch eigene Fabeln. Gellert definiert die Fabel in seiner Abhandlung "Von Fabeln und deren Verfassern" (1744): "Eine kurze auf einen gewissen Gegenstand anspielende Erdichtung, die so eingerichtet ist, daßsie zugleich ergötzet und zugleich nutzet, nennt man eine Fabel."8. Er nahm der Fabel die Bürde der rein moralisch- pädagogischen Lehrgeschichte. Die Fabel sollte nach wie vor nützen (belehren), aber ihre Lektüre sollte ein vergnüglicher Leseakt sein. Die nun entstehenden freien Fabelerfindungen hatten eine weitaus größere Variationsbreite zur Folge, was aber auch die Gefahr vergrößerte, in die Trivialität abzugleiten.

Daniel Stoppe ereilt genau jenes Schicksal. Seine Fabeln sind in epischer Breite verfaßt, mit versucht orginellen Konstellationen und ungewöhnlichen Ereignissen (Das Löschpapier, Der Stein und der Kratzbeerstrauch etc.) gespickt. Da bei Stoppe der künstlerische Anspruch, das Erzählen an sich, im Vordergrund steht, tritt bei ihm die ursprüngliche Idee des kausalen Zusammenhangs zwischen Erzählung und der daraus gefolgerten Lehre in den Hintergrund. Dadurch ist seine Lehre meist bescheiden und begrenzt auf triviale Ereignisse des Alltags (Die Hündin mit ihren Jungen).

Die ernsthaft-pädagogische Fabeltradition Äsops, Phädrus, Luthers und Lessings wird nicht von allen Dichtern weiterverfolgt. Wie schon Stoppe, versuchen auch andere, der Fabel lustige (ergötzende) Seiten abzugewinnen. Johann Wilhelm Ludwig Gleimbezeichnet die Fabel als Zeitvertreiberin. Für Gleim ist insbesondere La Fontaine neben Phädrus Quelle seiner Fabeln; er beeinflußt seine Zeit nachhaltig mit seiner neuen Art Fabeln zu schreiben. Gleim versteht es glänzend in unterhaltsamer und humorvoller Weise zu belehren (Der Löwe und der Fuchs), bleibt in seiner Kritik an der herrschenden Klasse aber wesentlich vorsichtiger als La Fontaine.

Magnus Gottfried Lichtwer, der von dem Internatsleiter Gottlieb Conrad Pfeffelins Französische übersetzt wurde, schrieb in seinen "Vier Büchern Aesopischer Fabeln" 1748 100 Fabeln. In selbigen schreibt er, daßsich der Fabeldichter an alle Menschen ohne Rücksicht auf ihr Alter, ihren Stand oder ihr Geschlecht wenden solle. Der Dichter spreche von alltäglichen Dingen, greife das Laster und die Torheit an, und er schätze Klugheit und Tugend mehr als Macht und Geld. Er suche den Mittelweg zwischen Höhenflügen und der Banalität. Seiner eigenen Definition folgend sind seine Fabeln auch nicht von der Meisterschaft eines Gellert oder Gleim. Sein Übersetzer Pfeffel, dessen Interesse an der didaktischen Dichtung nicht zuletzt mit seinem Beruf zusammenhängt, hat auch etwa 300 Fabeln geschrieben. Pfeffels Fabeln sind gereimt, meist kurz und tendenziell humoristisch. Qualitativ lehnt er sich an Lichtwer an.

Gotthold Ephraim Lessing schrieb hauptsächlich kurze, klar gegliederte, sparsam staffierte, nüchterne Prosafabeln. Diametral zu seinen Zeitgenossen Gleim, Stoppe u. a. entbehren Lessings Fabeln einen humoristischen Ansatz und orientieren sich wieder an den didaktisch- ernsthaften Fabeln Äsops, Phädrus und Luthers. Lessing schrieb zwischen 1753-´59, 90 Fabeln. Neben der für seine Zeit untypischen Ernsthaftigkeit fällt bei Lessing auf, daßer mit bestechender Kürze und Treffsicherheit die wesentlichen Elemente der Fabel erfaßt und formuliert. In seiner Abhandlung über die Fabel, urteilt Lessing allerdings wesentlich strenger über die Formalismen der didaktischen Fabelliteratur, als er sie in seine eigenen Fabeln tatsächlich befolgt, welche sich nicht unbedingt seiner eigenen rationalistischen Reduktion beugen.

4. Elemente der Fabel

4. 1 / Handelnde Figuren: die Rolle der Tiere in der Fabel.

In der Fabel kommen nur handelnde Figuren vor (Lebewesen, Pflanzen und Gegenstände). Statisten tauchen nicht auf, wenn sie für den Verlauf der Handlung nicht von besonderem Interesse sind. Die hauptsächliche Verwendung von Tiercharakteren in der Fabel ist darauf zurückzuführen, daßes klar umrissene Eigenschaften gibt, die man einem Wolf, Löwen, Fuchs oder Lamm zurechnet, mit denen wiederum der Fabelautor das Verhalten seiner Protagonisten rechtfertigt. Das Lamm heißt nicht "Anna" und der Hund nicht "Hasso" - dem Fabelschreiber geht es nicht um ein spezielles Lamm, sondern um das Lamm im allgemeinen und damit auch um die allgemein gültigen Charaktereigenschaften eines Lammes. Der Ausspruch "Lamm-fromm" deutet an, daßes im Volksmund eine Vorstellung über lammtypisches Verhalten gibt. Ein Lamm ist brav, zart, ängstlich, scheu (...) - und genauso wird dem Fuchs List und Schläue, manchmal auch Tücke nachgesagt. Und handelnde oder redende Gegenstände wie das Löschpapier (Stoppe) haben sowieso völlig durchschaubare Eigenschaften.

Lessing: "Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer war dieser? Wer war jener? In welchem Verhältnisse stehen sie gegeneinander? - Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weißjeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem anderen verhält. [...]"9.

Es gibt jedoch keine absolut festgelegten Charaktereigenschaften bei den handelnden Wesen oder Dingen. Welche Eigenschaften, also welche Vorzüge oder Nachteile eines Protagonisten vom Fabelautor betont werden, ergibt sich erst aus dem Kontext. Der Fuchs gilt als der Listige und entlockt dem Raben mit seiner List den Käse, den jener gerade verzehren will (La Fontaine). Bei Lessing jedoch stirbt der Fuchs, der ursprünglich mit seiner List dem Raben ein Stück Fleisch entlockt, weil das Fleisch vergiftet ist. Der Fuchs ist zwar - nach wie vor - listig, aber seine falsche, da verlogene und gewinnorientierte Schmeichelei wird bei Lessing mit dem Tod bestraft.

Erst die Verifikation der Figuren durch den Dichter anhand der Gegenüberstellung einer Antagonisten-Konstellation determiniert ihren für die entsprechende Fabel relevanten Charakter. So ist der Wolf einmal der Mächtige (Der Wolf und das Lamm), der das Lamm tötet, obwohl es alle seine Vorwürfe glaubhaft zu entkräften weiß. Dann ist der Wolf der, der das entbehrungsreiche Leben in der Wildnis, aber in Freiheit, dem Leben im Wohlstand unter dem Joch eines Herren vorzieht (Der Wolf und der Hund). Und wenn Wolf und Fuchs zusammentreffen, entpuppt sich der Wolf als dem Fuchse intelektuell unterlegen. Die Akteure werden nur in ihrer physischen Existenz erwähnt, genauere Beschreibungen ihrer Erscheinung findet nicht statt; es wird also nicht gesagt, ob der Wolf gescheckt ist oder ein ganz schwarzes Fell hat, und ob der Esel gezäumt ist oder nicht. Nur wenn der Wolf dürr und ausgehungert ist, und deshalb erwartungsgemäßbesonders hungrig, also freßlustig ist, und das wiederm für die Handlung von Belang ist, wird es erwähnt.

4. 2 / Der dialoge Charakter der Fabel

In der Fabel treten meistens nur 2-3 Protagonisten oder Parteien auf. Da die Fabel eine kurze Erzählung ist, würden mehr Personen und die damit verbundene Blähung der Handlung vom Wesentlichen, Moral-Relevanten ablenken. Besonders fällt die Polarität der Figuren auf, in der Überschrift wird sie oft schon vorweggenommen: Der Wolf und das Lamm, das Pferd und die Bremse u. a. . Die äußere Handlung spiegelt das innere Anliegen der Fabel: zwei differente Thesen, von denen eine verifiziert und die andere verworfen wird. Das dramatische Geschehen beschränkt sich auf einen Dialog mit einmaliger Rede und Gegenrede oder einmaliger Handlung und entsprechender Reaktion. Beim selteneren Monolog steht eine Situation oder ein Ereignis an der Stelle der Rede und provoziert eine Reaktion (Der Fuchs und die Weintrauben).

4. 3 / Aufbau der Fabel

"Die Fabel ist episch und dramatisch zugleich."10

Die Handlung einer Fabel findet an einem einzigen Ort statt, in einer kurzen Zeitspanne, mit einem Dialog und eventuell einer Tat. Es gibt keine weiteren Handlungstränge. Es gibt also eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Eigentlich ist die Fabel ein Ausschnitt aus einer Handlung, die vollständig im Dualismus der Figuren begründet ist (Der Wolf frißt das Lamm, weil ...) . Wo das Lamm gefressen wird spielt keine Rolle und auf was für einem Baum der Rabe sitzt, ist genauso unwichtig für die Handlung. Es interessiert nur warum der Wolf das Lamm frißt, respektive der Rabe auf dem Baum sitzt, und da ß der eine frißt und der andere dort oben sitzt.

Die Fabel ist in ihrer Handlung nicht einmalig, sondern typisch, beziehungweise: die Fabel ist als Handlungsausschnitt deterministisch und konzentriert.

4. 4 / Antirealismus der Fabel

Die Fabel findet in ihrer eigenen Welt statt. Ein Baum wird nur erwähnt, wenn ein Rabe auf ihm in sicherer Entfernung des Fuches weilt, ein Bach exsistiert nur, wenn er das Lamm vor dem Wolf schützt und die Beute einer Jagd spielt dann eine Rolle, wenn sich beim Teilen derselben ein handlungsspezifischer Konflikt entzündet. Die Natur ist in der Fabel funktionalisiert, der Bach als Hindernis, der Baum als Zuflucht und die Beute als Streitobjekt. Es tauchen keine Dinge, Wesen oder Pflanzen auf, die nicht eine handlungsrelevante Funktion erfüllen. Daßdie Dinge, Wesen oder Pflanzen miteinander sprechen und ihre Vorgehensweise argumentativ begründen, ist das offensichtlichste Merkmal des Antirealismus der Fabel. Die Fabel verlangt einen denkenden und kritischen Leser, der sie aus dem fiktiven Bereich überträgt und hinter dem Tanzbären den jeweils gemeinten Menschentypus erkennt. Um diese Erkenntnis leidenschaftslos erlangen zu können, ignoriert die Fabel etwaige Gefühle ihrer Protagonisten. Damit diese Abstraktion möglich wird, beschränkt die Fabel die agierenden Wesen, Dinge oder Pflanzen auf ihre archaischen Funktionen. Ausschmückendes Beiwerk würde die Fabel zwar realistischer erscheinen lassen, aber ihren Zweck, die Begründung ihrer Moral, abschwächen und sie eher dem Tierepos zuweisen.

Daßder Fuchs Weintrauben oder Käse mag ist auch eine eher stolze Vermutung, aber biologische Erkenntnisse spielen für die Fabel keine Rolle. Auch daßein Affe oder Delphin intelligenter ist als der Fuchs, ignoriert die Fabel.

4. 5 / Das Wesen und die Aktualität der Fabel

Die Fabel war ursprünglich keine moralisierende oder pädagogische Lehre; sie war eine Art Lebenshilfe bei alltäglichen Entscheidungen und ein in eine Geschichte gekleideter Vorschlag, so oder so zu handeln. Die Fabel und ihre Lehre hat immer einen aktuellen Bezug zu der Zeit, in der sie geschrieben wurde. Auch die unterschiedlichen Lehren, die die Dichter bei ein und derselben Fabel anfügten, belegen entweder die geänderte politische Situation und / oder die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen. Im 18. Jh. zeigt sich auch in der Fabeldichtung der Ansatz des Lösens aus den festgefahrenen feudalen Strukturen - wie schon die Bauernkriege und die Reformation im 15. und 16. Jh. auch einhergingen mit der Aktualisierung der Fabel bei Luther, Hans Sacha, Burkhard Waldis u. a.

Im 18. Jh. wurde u. a. durch Jean Jacques Rousseau im Bürgertum der Gedanke der Selbstbestimmung geweckt ("Der Gesellschaftsvertrag" 1762, der die demokratische Grundidee, den Willen der einzelnen zu einem Gesamtwillen zu vereinigen (volonté générale), formulierte). Etwa zur gleichen Zeit reklamierte Voltaire das Recht auf unbeschränkte Selbsbestimmung. Die Entdeckung der 'selbstverschuldeten Unmündigkeit' und die sukzsessive Emanzipation des Volkes von der feudalherrschaftlichen Lebensordnung im Zusammenspiel mit der Aufklärung mündete 1789 in der Erstürmung der Bastille.

Die Fabel war zusammen mit dem Roman und dem Sinnspruch eine Hauptgattung der aufklärerischen Literatur. Protagonisten derselben waren unter den Fabelautoren: Gottsched, Bodmer, Breitinger und Lessing. Das revolutionäre Element der Fabel während der Aufklärung liegt in der Widerstandstendenz des Lehrgehalts. Die Autoren rufen zwar, außer Pfeffel, nicht zum offenen Widerstand auf, aber sie prangern die Ungerechtigkeit der feudalen Vorherrschaft an. Die Fabel dient ihnen zur chiffrierten Übermittlung ihrer Vorwürfe gegen das feudale System. So kritisiert Lessings Tanzbärenversion das Auftreten des aufsteigenden Bürgertums, das an den Höfen der deutschen Duodezfürstentümern zu Rang und Namen kommen wollte. Oder Gellert beschreibt anhand der Fabel "Das Pferd und die Bremse", wie eine Bremse ein herablassendes Pferd durch einen gezielten Stich zu Fall bringen kann. Mit den Mitteln der Fabel ist es den Fabelautoren möglich, aufrührerische Gedanken in einer gefälligen, volksnahen Erzählform zu verbreiten, ohne direkt dafür angreifbar zu sein.

5. Zusammenfassung

Im 18. Jh. erfährt die Fabel einige Veränderungen und Variationen ihrer tradierten Form. Zum einen begründet La Fontaine eine Form der Fabel, die ihr eigentlich wesensfremd ist; mit blumiger und geschmückter Sprache tritt die Aussage und Prägnanz der Fabel zugunsten epischer, an das Tierepos bzw. -märchen angelehnter Erzählform in den Hintergrund. Die Gegenströmung dazu vertritt hauptsächlich Lessing, der in seiner Meta-Fabel vom Besitzer des Bogens diese Fabeldichter angreift und ihnen vorwirft, den eigentlichen Zweck der Fabel zu verfehlen.

Des weiteren wird im 18. Jh. erstmalig von der Tradition abgerückt, die antiken Vorbilder neu zu bearbeiten. Gellert sagte Friedrich dem II. von Preußen jenen denkwürdigen Satz: "Sire, ich bin ein Orginal"11, als jener ihn auf La Fontaine festlegen wollte, anstatt eigene Fabeln zu entwickeln.

Auch die politische Motivation wurde - allerdings ähnlich dem 15. und 16. Jh. als Motiv des Fabelschreibens wieder aufgegriffen. Die Aufklärer bedienten sich dieser Gattung mit Vorliebe, um an das Selbstbewußtsein des Bürgertums zu appelieren (Lessings Tanzbär), oder aber um fast unverhüllte Aufrufe zu gewaltsamem Umsturtz zu formulieren (Pfeffels Tanzbär). Die Fabel diente also auch teilweise zur offenen politischen Agitation. Ganz anders dagegen die Fabel des Tanzbären bei Gellert, der zu der Aussage gelangt: der Tanzbär ist der geschmeidige und gewandte Mann von Welt, der Neid und Mißgunst bei seinen zurückgebliebenen plumpen Artgenossen erregt.

Ähnlich ihren unterschiedlichen Motiven kultivieren die Fabelautoren auch sehr unterschiedliche Schreibweisen. Bei Gleim hat die Fabel noch zierlich-anakreontischen Charakter und bei Gellert einen volkstümlichen, bei Lessing ist sie nüchtern und schmucklos und bei Pfeffel wird sie zur agitierenden Zeitsatire.

6. LITERATURVERZEICHNIS

1./ Deutsche Fabeln aus neun Jahrhunderten.

Herausgegeben von Karl Wolfgang Becker.

Leipzig 1991.

2./ Arbeitstexte für den Unterricht: Fabeln.

Herausgegeben von Therese Poser. Stuttgart 1975.

3./ Kulturgeschichte der Neuzeit. Egon Friedell.

Ungekürzte Sonderausgabe in einem Band.

München 1974.

Erste Ausgabe in drei Bänden, München 1927-31.

4./ Die Fabel. Reinhard Dithmar. Paderborn 1984.

5./ Deutsche Dichter Band 5. Herausgegeben von

Gunter E. Grimm und Frank R. Max.

Stuttgart 1989.

[...]


1 Zitiert nach: Fabeln. Reclam Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart 1975.

2 Zitiert nach: Deutsche Fabeln aus neun Jahrhunderten. Herausgegeben von Karl Wolfgang Becker. Leipzig 1991.

3 ebd.

4 Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Bd. 9. 5. Aufl. 1964. S. 263 (Dichtung und Wahrheit. 2. Teil. 7. Buch). Zitiert nach: Die Fabel. Reinhard Dithmar. Paderborn1974.

5 Kulturgeschichte der Neuzeit. Herausgegeben von Egon Friedell. München 1974.

6 ebd.

7 Daniel Wilhelm Triller. Poetische Betrachtungen über verschiedene, aus der Natur- und Sitten-Lehre hergenommene Materialien. 1. Teil, 1725. 2. Teil Hamburg 1737. Zitiert nach: Die Fabel. Reinhard Dithmar. 6. Auflage 1984. Paderborn

8 C. F. Gellert, Schriften zur Theorie und Geschichte der Fabel. Historisch-kritische Ausgabe, bearbeitet von Siegried Scheibe. Tübingen 1966. S. 11. Zitiert nach: Reinhard Dithmar. Die Fabel. Paderborn 1984. S.53.

9 Arbeitstexte für den Unterricht: Fabeln. Herausgegeben von Therese Poser. Stuttgart1975.

10 Reinhard Dithmar. Die Fabel. Paderborn 1984.

11 Zitiert nach: Deutsche Fabeln aus neun Jahrhunderten. Herausgegeben von Karl wolfgang Becker. Leipzig 1991.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Die Fabel im 18ten Jahrhundert
Veranstaltung
Proseminar in Neuerer Deutscher Literatur bei Prof. Heinz Schlaffer Universität Stuttgart
Note
2-
Autor
Jahr
1999
Seiten
13
Katalognummer
V94756
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fabel, Jahrhundert, Proseminar, Neuerer, Deutscher, Literatur, Prof, Heinz, Schlaffer, Universität, Stuttgart
Arbeit zitieren
Florian Stein (Autor), 1999, Die Fabel im 18ten Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94756

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