Politische Agenda im Agenda-Setting-Prozess der Medien. Politische Einflussnahme auf die Medienagenda in autoritären und totalitären Mediensystemen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

27 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Theorie
1.1.1. Agenda-Setting-Ansatz
1.1.2. Kritik & Weiterentwicklung
1.1.3. Definition: autoritäre & totalitäre Mediensysteme traditionelle & neue Medien

2. Studien
2.1. Forschungsdesign
2.2. Operationalisierung & Methoden
2.3. Ergebnisse

3. Synthese

5. Fazit

Literatur

Einleitung

"Die Medien arbeiten mit der Politik Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren.“ Die Aussage hält jeder Vierte in Deutschland für wahr, das ergab eine Langzeitstudie1 der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität zum Medienvertrauen in Deutschland. Das gesteigerte Interesse an der Medienwirkung wird hervorgerufen durch Zweifel an der Verlässlichkeit journalistischer Informationen und dem Verdacht der medialen Manipulation. Neue Untersuchungen zu den Zusammenhängen zwischen Massenmedien und der öffentlichen Meinung werden derzeit durch die „Fake News“-Debatte befeuert.

Das relative Misstrauen gegenüber den Medien scheint in Deutschland ein aktueller Trend zu sein. In autoritär und totalitär geführten Systemen ist der Verdacht der politischen Beeinflussung der Medien Gewissheit und tägliche Praxis. Reporter ohne Grenzen schreiben beispielsweise zu der Situation in China: „Chinas Medien unterliegen strikter Zensur und werden mit täglichen Direktiven zentral gesteuert.“(RoG, 2020)

Siebert, Peterson und Schramm legten bereits in den 50er Jahren die Rolle und Funktion der Medien in verschiedenen politischen Systemen dar. Der Klassifizierung für autoritäre Mediensysteme zufolge, sind die Medien in dem System Diener des Staates (vgl. Roger, 2005, S.5). Die politische Agenda hat in diesem Fall unmittelbaren Einfluss auf die Medienagenda. Zufolge des Agenda-Setting-Ansatzes, beeinflusst die Medienagenda ihrerseits die öffentliche Agenda.1

Medien dienen der Politik in allen Systemen als Ventil für Meinungs- und Willensäußerung. Die mediale Kommunikation verhilft politischen Akteuren zur Macht oder bewirkt ihren Verlust. Die Medien bestimmen substanziell das Erscheinungsbild von Politikern sowie die öffentliche Meinung über ihre Politik, so die Bundeszentrale für politische Bildung (vgl. BpB, 2002). In autoritären und diktatorischen Systemen lasse sich zur Beschreibung dieses Zusammenhangs auch der Begriff Propaganda verwenden. Absicht der Einflussnahme sei die bewusste Manipulation des Denkens, Handelns und Fühlens von Menschen (vgl. BpB, 2011).

Die Relevanz meiner Untersuchung begründet sich in dem Versuch, die Wirkung politischer Einflussnahme auf Medien besser zu verstehen. Es bietet sich die Gelegenheit, die Möglichkeiten zu sondieren, die sich mit dem Internet für die mediale Berichterstattung eröffnen. Die Besonderheit der ausgewählten Studien ist, dass die untersuchten Regime ihre Macht durch die Medien stützen, indem sie direkten Einfluss auf sie nehmen. Ein besseres Verständnis dieses Zusammenhangs könnte Möglichkeiten schaffen, die Medien und damit auch das Publikum vor direktem politischem Einfluss zu schützen und Wege aufzeigen, die Medien frei von Propaganda zu machen.

1. Theorie

1.1 Agenda-Setting-Ansatz

Die Medien setzen Themenschwerpunkte und beeinflussen damit die öffentliche Meinung. So lässt sich der Agenda-Setting-Ansatz in einem Satz formulieren. Der Thematisierungsansatz ist einer der bekanntesten Ansätze der Medienwirkungsforschung. Den Grundgedanken der Theorie formulierte 1963 der amerikanische Politikwissenschaftler Bernard Cecil Cohen. Seine These war, dass die Medien zwar nur einen geringen Einfluss darauf hätten, was genau die Rezipienten zu bestimmten Thema denken, dafür aber beeinflussen über welche Themen die Konsumenten überhaupt nachdenken. 1972 wurde die Theorie erstmalig in der Chapel- Hill-Studie überprüft und der Zusammenhang zwischen Medien- und Publikumsagenda bestätigt (vgl. Weaver, 2015). Seit der Chapel-Hill-Studie wurden mehr als 200 Untersuchungen zu der Theorie durchgeführt. Die Kernannahme bleibt unverändert: Die Medienagenda beeinflusse die öffentliche Agenda durch eine Thematisierungsfunktion. Es handele sich um einen Transfer von Salienz, deutsch Relevanz oder Priorität. Die Relevanz der Themen schlage sich in der Themenrangfolge nieder. Die Salienz lasse sich an der Publikationshäufigkeit, Aufmachung und Platzierung des Gegenstandes messen. Der Grad der Salienz auf der Medienagenda übertrage sich auf die öffentliche Agenda (vgl. McCombs, 2000, S. 124).

Der Transfer verläuft unter bestimmten Bedingungen. Diese Gesetzmäßigkeiten wurden von Max McCombs, der auch die Chapel-Hill-Studie durchführte, in verschiedenen Modellen beschrieben und später durch andere Kommunikationsforscher ergänzt. Das Schwellenmodell besagt, dass ein Mindestmaß an Berichterstattung notwendig ist, damit sich das Thema auf die Publikumsagenda überträgt. Das Kumulationsmodell beschreibt die Gesetzmäßigkeit, dass eine Intensivierung der Berichterstattung den Stellenwert des Themas auf der Publikumsagenda erhöht. Eine Einschränkung macht das Trägheitsmodell, denn der Stellenwert des Themas auf der Agenda wird nur bis zu einem gewissen Grad erhöht, danach stagniert das Thema in seiner Salienz auf der Agenda. Eine weitere Bedingung der Übertragung ist, dass das öffentliche Interesse schneller zu- und abnimmt als die die Salienz in den Medien. Das Publikum reagiert schnell und intensiv auf die Thematisierung in den Medien. Zuletzt ist das Spiegelungsmodell zu nennen. Es stellt den Gegensatz zum Agenda Setting-Ansatz dar und geht davon aus, dass die Publikumsagenda die Medienagenda bestimmt (vgl. Brosius et. al, 1992).

1.2 Kritik & Weiterentwicklung

McCombs ergänzte die Theorie durch vier mögliche Herangehensweisen. Man könne entweder die gesamte Medienagenda oder ein einzelnes Thema auf dem „aggregate level“, der Agenda von Gruppen oder auf dem „individual level“, der Wirkung auf Individual ebene, betrachten (vgl. McCombs, 2014).

Um Ergänzungen zu dem ursprünglichen theoretischen Ansatz klarer voneinander abzugrenzen, verwendet man in der Forschung ein Stufenmodell. Auf der zweiten Ebene der Thematisierungstheorie stünde die Attribution von Gegenständen. Ein anderer Begriff für diesen Aspekt ist Framing. Unter Frames versteht man den Kontext, in dem Gegenstände in den Medien präsentiert werden. Das können Eigenschaften, thematische Schwerpunktsetzungen und die Form der Darstellung sein (vgl. Weaver et. al, 1998). „Durch Framing werden bestimmte Aspekte betont, während andere in den Hintergrund treten.“ (Entman, 1993, S.52) Das erleichtert dem Rezipienten die Verarbeitung der Inhalte. So wie es auf der ersten Ebene die thematischen Agenden gibt, lässt sich auf der zweiten Ebene eine Agenda der Attribute von Objekten erstellen. Nicht nur die Salienz der Themen überträgt sich von der Medienagenda auf die Publikumsagenda, sondern auch die Frames werden übernommen(vgl. Bonfadelli et. al, 2017). Mit dieser Erneuerung muss die theoretische Annahme Bernard Cecil Cohens revidiert werden. Die Medien beeinflussen nicht nur worüber das Publikum nachdenkt, sondern auch wie es darüber nachdenkt.

Auf dem dritten Level des Agenda-Setting-Ansatzes tritt anstelle des ursprünglich linearen Ansatzes ein Modell, das in der Darstellung die Themen der Medienberichterstattung netzwerkartig verbindet. Die Umsetzung besteht in der Visualisierung der verknüpften Themen, also ganzer Agenden. Die in den Medien präsenten Themen rufen entsprechende assoziative mentale Netzwerke in den Köpfen des Publikums hervor (vgl. Gleich, 2019). Die Medienagenda sowie die Publikumsagenda lassen sich als ein Netzwerk aus Knoten und Konstrukten verstehen. Der Ansatz lässt sich nicht nur auf Medien- und Publikumsagenden anwenden. An Stelle der thematischen Agenden können auch Personen oder Attribute treten, die in bestimmter Weise verknüpft sind (vgl. McCombs et. al, 2014, S.256-257). Auf diese Weise lassen sich besonders gut die Wirkungsbereiche von Konten in sozialen Netzwerken analysieren.

Die Forschung zu dem Intermedia-Agenda Setting wurde in den 80er Jahren als vierte Phase des Agenda-Setting-Prozesses bezeichnet (vgl. McCombs, 2014.) Das Intermedia-Agenda­Setting ist ein dynamischer und routinemäßiger Prozess der Verbreitung von Nachrichten, bei dem die Berichterstattung eines Medienunternehmens von der Themenagenda anderer Medien beeinflusst wird (vgl. Vliegenthart and Walgrave, 2008). Es handelt sich um gegenseitige Beeinflussung verschiedener Medien. Diese kann zwischen gleichartigen Medienangeboten, wie verschiedenen Tageszeitungen oder aber auch zwischen verschiedenen Formaten, wie einem Fernsehprogramm, Radiosendern und sozialen Netzwerken stattfinden.

Die Cross-Lagged-Panel-Analyse ist eine Analysestrategie, mit der wechselseitige Beziehungen oder Richtungseinflüsse zwischen Variablen im Zeitverlauf beschrieben werden. Dafür verwendet man Daten aus Längsschnittsanalysen. Die Modelle gelten als "gekreuzt", da sie die Beziehungen von einer Variablen zur anderen und umgekehrt ermitteln. Das Hauptziel von Cross-Lagged-Panel-Modellen besteht darin, die kausalen Einflüsse im Laufe der Zeit besser zu verstehen (vgl. Kearney, 2017).

Toshio Takeshita problematisierte die unscharfe Trennung von Framing und der zweiten Ebene des Agenda-Setting-Ansatzes. Des Weiteren fordert er eine Fokussierung der Forschung auf die Untersuchung des bewussten Setzens von Agenden von Seiten der Medienhäuser und Regierungen. Takeshita beobachtet die Zunahme von Korrelationen zwischen Medien und politischen Agenden und gleichzeitige Abnahme der Korrelation von Medien und öffentlichen Agenden. Er fordert mehr Forschung auf diesem Gebiet (vgl. Takeshita, 2006). „In der neueren Forschung geht man [.] von drei Agenden aus: Der Medien-, der Publikums- und der Politikeragenda, die miteinander in Wechselwirkung stehen und jeweils auch durch interpersonale Kommunikation beeinflusst werden.“ (Beck, 2017, S. 216) Die vorliegende Arbeit soll im Rahmen dieses Forschungsfeldes verstanden werden.

1.3 Definition: autoritäre & totalitäre Mediensysteme

Die Gemeinsamkeit der folgenden Studien ist, dass die Studienstandorte alle autoritäre bis totalitäre Mediensysteme sind. Die Einteilung der untersuchten Staaten in autoritäre oder totalitäre Mediensysteme habe ich selbst anhand forschungsinterner Kategorien und dazugehöriger Kriterien vorgenommen. Die Einteilung bezieht sich auf den Zustand zur Zeit der Studiendurchführung.

Die Amerikaner Fred Siebert, Theodore Petersen und Wilbur Schramm skizzierten 1956 in ihrem «Four theories of the press» vier Kategorien, in die man Mediensysteme einordnen kann. Hallin und Mancini ergänzten 2004 das Modell durch drei weitere Kategorien. Roger Blum bildet daraus zusammenfassend sechs Modelle. Darunter ist das arabisch-asiatische Patriotenmodell und das asiatisch-karibische Kommando-Modell (vgl. Blum, 2005). Es handelt sich dabei um eine Unterteilung der ehemaligen Kategorie des autoritären Systems in zwei weiter differenzierte Bereiche, die totalitäre Systeme miteinschließen. Die Standorte der von mir aufgeführten Studien lassen sich alle in eine der beiden Kategorien einordnen. Die Regierungsform ist autoritär bis totalitär, die politische Kultur konkordant. Die staatliche Kontrolle über die Medien ist stark und es findet eine teilweise bis permanente Zensur statt. Allen Staaten gemeinsam ist damit, dass der Staat zu einem hohen Maß die mediale Agenda bestimmt und diese teilweise bewusst steuert, dabei bleibt der politische Einfluss auf die Medien aber intransparent (vgl. Bum, 2006). Bei meiner Einordnung habe ich mich auch am Grad der Pressefreiheit orientiert. Die Länder rangierten auf dem 124. bis zum 168. Platz von 176 Positionen in der Rangliste von Reporter ohne Grenzen2.

In gesammelter Form hier nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Rangliste_der_Pressefreiheit. Ansonsten ist die Einstufung über die Webseite von Reporter ohne Grenzen für das jeweilige Jahr einzusehen.

Traditionelle & neue Medien

Um später auf diese Unterscheidung zurückzukommen, möchte ich hier auf die Einteilung von Medien in traditionelle und neue Medien eingehen. Nach Lev Manovich sind neue Medien interaktiv, ort- und zeitlos, vernetzt und multimedial. Entscheidend für die Einteilung sei, dass neue Medien, Daten in digitaler Form übermitteln oder auf Daten in digitaler Form zugreifen. Im engeren Sinn seien neue Medien alle Dienste, die über das Internet laufen. Dahingegen wären traditionelle Medien nicht interaktiv, verfügten nur über einen Weg der Informationsvermittlung und seien an Sende- beziehungsweise Publikationszeiten gebunden. Unter traditionelle Medien zählt er das Radio, Satellitenfernsehen und Printmedien (vgl. Manovich, S. 12-25).

2. Studien

Eine Besonderheit bei der Auswahl der Studien war die fehlende Transparenz der politischen Linie der jeweiligen Regierungen. Obwohl es für die Ermittlung politischer Agenden in der Forschung kaum Konventionen gibt, ist die ausnahmehafte Vorgehensweise der folgenden Studien augenfällig. In keiner der Studien konnte die politische Agenda direkt über Anhörungen, Gesetzesentwürfe oder Wahlthemen ermittelt werden. Die Forscher und Forscherinnen nutzen deshalb die traditionellen, staatlich kontrollierten Medien und deren Agenden als Äquivalent zu den politischen Agenden. Aufgrund der besonderen Forschungslage stütze ich mich auch auf Studien, deren Forschungstitel sich auf Medienagenden beziehen, den politischen Agenden aber zum größten Teil entsprechen sollten.

Um meine Analyse übersichtlicher zu gestalten, werde in dem folgenden Abschnitt zuerst auf die Forschungsdesigns, dann auf das Forschungsinteresse der Studien und deren Relevanz und als Letztes auf die Hypothesen eingehen.

[...]


1 nachzulesen auf:https://medienvertrauen.uni-mainz.de

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Politische Agenda im Agenda-Setting-Prozess der Medien. Politische Einflussnahme auf die Medienagenda in autoritären und totalitären Mediensystemen
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V947611
ISBN (eBook)
9783346281630
ISBN (Buch)
9783346281647
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, agenda, agenda-setting-prozess, medien, einflussnahme, medienagenda, mediensystemen
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Politische Agenda im Agenda-Setting-Prozess der Medien. Politische Einflussnahme auf die Medienagenda in autoritären und totalitären Mediensystemen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947611

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