Goethes Umgang mit der Antike in der "Iphigenie"


Hausarbeit, 1997

15 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Goethes Euripidesvorlage als Zeugnis der antiken Kultur: Thematische Eingrenzung

2. Kategorien des Umgangs mit der Antike in der "Iphigenie"
2.1 Abweichungen von Euripides
2.1.1 Bedeutung des Mythos in den beiden Versionen
2.1.2 Die Figuren
2.1.3 Die Götternamen
2.1.4 Die Form
2.2 Der Einfluß von Goethes religiösen Vorstellungen auf den Umgang mit der Antike
2.3 Goethes Umdeutung der Vorlage im Sinne des Autonomiegedankens
2.3.1 Die Autonomie auf der Ebene des Mythos
2.3.2 Die Autonomie auf der Ebene der Figuren
2.3.2.1 Iphigenie und der König
2.3.2.2 Schuld und Sühne des Orest

3. Schlußbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Goethes Euripidesvorlage als Zeugnis der antiken Kultur: Thematische Eingrenzung

Wenn man sich mit dem Thema "Goethes Umgang mit der Antike in der ‘Iphigenie’" befaßt, so läuft man schnell Gefahr, das Augenmerk zuerst auf Antike im Titel zu lenken. Sicher liegt dies nahe: Goethes Vorlage für seine Bearbeitung des Stoffs, der den Tantalidenmythos thematisiert, war eins der beiden Iphigeniendramen des Euripides, dt.: Iphigenie bei den Taurern.

Es geht aber nicht primär um die Antike, sondern um den Umgang damit. Die Arbeit wird sich daher nicht mit der Antike selbst befassen. Es muß also um das Aufzeigen von Veränderungen gehen, denn " [es] kann kein Zweifel darüber herrschen, daß sich beide Werke in ihrer dramatischen Auffassung sehr voneinander unterscheiden." Umgangim Sinne des Themas ließe sich also mit gezielte Veränderungen paraphrasieren. Der Umgang mit der Antike wird in der Arbeit kategorisiert. Zuvor sei noch dargelegt, in welchem Sinne der Antike - Begriff gemeint ist. Dieser steht mit seiner Vielfalt und Weitläufigkeit der Spezifität des Themas entgegen und muß daher konkretisiert werden. Aufgrund des großen Zeitabstandes zwischen der Euripideischen Vorlage und der Bearbeitung des Stoffs durch Goethe zeichnet den Umgang mit Antike immer ein "ungenügendes Verständnis für antike Realien und Gedankengänge" aus. Die Aussagen über Antike werden daher unter der Prämisse getroffen, daß das Stück von Euripides ein Zeugnis der griechischen Kultur ist. Kultur soll in diesem eingeschränkten Zusammenhang als Interdependenz von Literatur und Gesellschaft verstanden werden.

Die Kategorisierung soll unter folgenden Gesichtspunkten vorgenommen werden:

1. Abweichungen von Euripides
2. Der Einfluß von Goethes religiösen Vorstellungen
3. Goethes Umdeutung der Vorlage im Sinne des Autonomiegedankens

2.Kategorien des Umgangs mit der Antike in der "Iphigenie"

2.1 Abweichungen von Euripides

2.1.1 Bedeutung des Mythos in den beiden Versionen

Zu den in der Einleitung zur Sprache gebrachten antiken Realien ist etwa der Umstand zu zählen, daß die antike Tragödie aus kultischen Handlungen entstanden ist. Wie, also, geht Goethe mit der kultischen Handlung Tragödie um?

Bei Euripides waren die antiken Mythen noch lebendig. Dies zeigt sich schon in der polytheistischen Gottesvorstellung. Dieser Polytheismus spiegelte sich in den Sagen von den Göttern und in dramatisierter Form wider. Die Sagen wurden von Generation zu Generation tradiert. Die Götter und ihre Taten wurden nicht nur im Inhalt der Tragödien verarbeitet und heroisiert, sondern auch die Tragödie selbst, als Kunstform, geht auf einen Kult zurück:

Als die Tragödie zum erstenmal in das Licht der Geschichte trat, war sie bereits fest eingebunden in den Kult eines Festes, das die Athener [...] zu Ehren des Dionysos feierten. [...] Die Dionysen wurden [im] 6. Jh. [...] zum festen Kultus erhoben und erhielten schon bald ein eigenes Theater[...]

Die Tragödie war in der Antike eine Kunst, weil die Mythen auf diese Weise nachgeahmt wurden und deren Fabeln als Handlung dargestellt wurden. Dies gilt auch für den Tantalidenmythos, den Euripides in seinen beiden Iphigenien -Tragödien behandelt.

Für Goethe ist die antike Kultur nicht mehr lebendig. Er hat damit auch keine Möglichkeit, die Tragödie von ihrem kultischen Ursprung her zu begreifen und zu behandeln. Bei ihm ist die Darstellung des Mythos nur eine Wiederbelebung der Antike. Der Mythos bildet dabei die Fabel für ein Drama. Bei Euripides war der Inhalt des Mythos dagegen Wirklichkeit im Sinne eines historischen Stoffes. Als Fabeln dienten ihm die Inhalte der einzelnen Sagen. Für Goethes Zeitgenossen genügt es, den Tantalidenmythos zu kennen, ohne ihn als realistisch zu begreifen, um die Handlung seiner "Iphigenie" zu verstehen. Goethes Drama braucht also den Mythos nicht nachzuahmen.

Dies ermöglichte Umgestaltungen im Ablauf der von Euripides dargestellten mythologischen Ereignisse und damit Abweichungen von der Struktur des Originals. So offenbart Iphigenie ihre Vergangenheit und damit ihre Identität erst im ersten Dialog mit Thoas, und nicht, wie bei Euripides, zu Beginn im Monolog. Diese Positionierung ihrer Offenbarung in Dialogform und damit diese Art, mit der Antike umzugehen, hat eine Funktion: Goethe setzt diesen Teil des Tantalidenmythos gezielt ein, um Thoas und Iphigenie als opponierende Figuren zu installieren. Diese Stelle wird noch für das in 2.3 diskutierte Autonomiekonzept relevant.

2.1.2 Die Figuren

Die Figuren sind in Goethes "Iphigenie" Repräsentanten einer "Spätzeit", die sich nach dem Vergangenen sehnen. Als Beispiel sei hier auf die Verse 681 - 696 verwiesen. Bei Euripides, hingegen, bilden sie das Personal für einen nachgeahmten Mythos. Der antike Zuschauer sollte den Mythos im Sinne von Phobos, Elleos und Katharsis miterleben und wiedererkennen. In beiden Dramen ist Iphigenie die zentrale Figur, die anderen Charaktere sind jedoch auf verschiedene Weise um sie gruppiert, was ihnen eine jeweils andere Bedeutung zukommen läßt.

Das Personal bei Goethe ist symmetrisch um Iphigenie angeordnet: einerseits Orest und Pylades, auf der anderen Seite finden sich Thoas und sein Vertrauter Arkas. Euripides kennt eine solche Symmetrie nicht. In seiner Iphigenie steht zwar auch die Iphigenienfigur im Zentrum der Handlung, was sich aber in der Konstellation nicht widerspiegelt. Man könnte hier von einer Asymmetrie sprechen, denn zwar sind auch hier Orestes und Pylades auf der einen und Thoas auf der anderen Seite. Der Unterschied ist aber der, daß Thoas im Vergleich zum Goethe - Stück ein schwach ausgeprägte Charakter ist und erst im 3. Episodon auftritt, wenn die Flucht schon längst beschlossene Sache ist. Dies läßt den Schluß zu, daß Euripides, im Gegensatz zu Goethe, die Figur des Thoas als Nebenfigur angelegt hat. Goethe verzichtet zudem auf einen Chor, der bei Euripides, wie in der attischen Tragödie überhaupt, die Öffentlichkeit repräsentiert. Auch findet sich bei ihm keine "dea ex machina", zum Beispiel in Gestalt der Athene, wie bei Euripides.

2.1.3 Die Götternamen

Auffällig ist, daß Goethe für einen griechischen Stoff die lateinischen Namen der Götter benutzt, z.B. Diana für Artemis. Die Benutzung lateinischer Götternamen läßt sich auf verschiedene Gründe zurückführen: zum einen hatte Goethe schon früh Ovid gelesen und sich mit lateinischen Schulbüchern beschäftigt. Auch fallen aus dem Französischen abgeleitete Bezeichnungen, wie etwa Mycen von Mycènes ins Auge. Dies ist auf die Lektüre der französischen Tragödien zurückzuführen. Der zweite Grund für die Benutzung lateinischer Götternamen ist der Umstand, daß sich Goethe bei der Beschäftigung mit dem Tantalidenmythos an den römischen Mythographen Hyginus gehalten hat, der diesen Mythos in seinen "Fabulae" Nr. 82-88 überliefert. Der dritte Grund ist, daß sich die griechischen Bezeichnungen der Götter erst mit den Ilias - und Odyssee - Übersetzungen 1778 / 1781 durch Stolberg bzw. Voß durchgesetzt haben.

2.1.4 Die Form

Bei Euripides ist die Aristotelische Forderung nach den drei Einheiten erfüllt. Goethe hält sich dagegen nur an die Forderung nach Einheit der Zeit und des Ortes. Von der Forderung nach Einheit der Handlung weicht er ab und konstruiert zwei Handlungsstränge: Die Haupthandlung, die das gespannte Verhältnis zwischen Iphigenie und Thoas zum Thema hat und einen Nebenstrang, die sog. Orest - Handlung, in der die Schuld und die geistigen Verwirrungen des Orest thematisiert werden.

Wichtig hierbei ist, daß Goethe mit der "Iphigenie" in formeller Hinsicht einen "zunächst überraschenden Rückgriff" tut. Schließlich hatten die Aufklärung und der Sturm und Drang gerade erst mit den Einheiten gebrochen. Auch waren es keine Personen hohen Standes mehr, die in tragische Umstände verwickelt wurden, sondern Bürger. Auch das ist in der "Iphigenie" nicht der Fall, denn die Titelheldin ist ja Königstochter.

Offenbar hatte die Anlage des Stücks auch praktische Grund für Goethe, denn es war für eine Aufführung als Festspiel am Weimarer Liebhabertheater gedacht.

Ein Festspiel verlangte den hohen Stil. Das führte entweder hinüber zur Oper [...] oder ein gutes Stück zurück zur französischen Tragödie - allerdings nur soweit, wie diese mit ihrem antiken Vorbild übereinstimmte.

Dies zeigt, daß die Form von Goethes Bearbeitung der Euripideischen Vorlage unmittelbar mit sozialen Gegebenheiten seiner Zeit und mit dem Bild von der Antike, das seine Zeitgenossen hatten zusammenhängt.

So bemängelt Bodmer, etwa, daß die Sprache nicht in der Handlung aufgehe, also auch die Gedankenführung nicht mit der Handlungsführung konform sei. Offenbar spricht er hier die Existenz zweier Handlungsstränge an. Diese Tatsache steht im Widerspruch dazu, daß das Stück in seiner Handlung aus sich selbst hervorgeht, wie das im Drama der klassischen Bauform der Fall ist.

Andererseits galt das Weimar der 70er Jahre auch als Stätte der Avandgarde, was dadurch ermöglicht wurde, daß der Weimarer Hof als einziger in Deutschland auch Bürger als Künstler berief. So hatte Goethe den entsprechenden Freiraum, um mit Dramenformen experimentieren zu können.

2.2 Der Einfluß von Goethes religiösen Vorstellungen auf den Umgang mit der Antike

Bisher ging es darum, welche Veränderungen Goethe an seiner Vorlage vorgenommen hat. Dieses Kapitel wird sich nun der Frage widmen, welche Rolle Goethes religiöse Vorstellungen beim Umgang mit der Antike in der "Iphigenie" gespielt haben. Ein Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist der Deismus. Dabei ist dieser aber nicht als die von Goethe vertretene Position anzusehen, sondern nur als deren Voraussetzung. Goethe selber bezeichnet seine Religiosität in "Dichtung und Wahrheit" als natürliche Religion. Wenn Goethe die Götter als "‘geahnte Wesen’, die die guten Eigenschaften des Menschen zur Vollkommenheit gesteigert besitzen", bezeichnet und für ihn Begriffe wie Gott, Himmel, Hölle "Conzepte, die der Mensch von seiner eigenen Natur hat,darstellen, dann spricht er einerseits für den Pantheismus und andererseits wendet er sich gegen den Dualismus, den vor allem die Aufklärungstheologe gelehrt hat. Der Pantheismus und die Aufklärung haben, wie nun gezeigt werden soll, in Relation zur Antike eine Filter - Funktion. Seitdem sich das Christentum durchgesetzt hat, ist eine Differenzierung, also eine Barriere zwischen Mythos und Geschichte gesetzt Daß ein König Menschenopfer anordnet, ist für einen Griechen kein Grund zur Verachtung. Auch der Grieche Agamemnon ließ Iphigenie opfern, trotzdem nennt sie ihn "das Muster eines vollkommenen Mannes" (V. 403) Der Filter äußert sich hier dadurch, daß Goethe Iphigenie Autonomie beanspruchen läßt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Goethes Umgang mit der Antike in der "Iphigenie"
Note
1-
Autor
Jahr
1997
Seiten
15
Katalognummer
V94767
ISBN (eBook)
9783638074476
ISBN (Buch)
9783640862542
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethes, Umgang, Antike, Iphigenie
Arbeit zitieren
Gregor Legerlotz (Autor), 1997, Goethes Umgang mit der Antike in der "Iphigenie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94767

Kommentare

  • Gast am 23.11.2001

    Super.

    Einach Super, ich habe hier viel für mein eigenes Referat gefunden!

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Titel: Goethes Umgang mit der Antike in der "Iphigenie"



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