Antisemitismus in der deutschen Migrationsgesellschaft

Inwieweit werden der Kontext Migrationsgesellschaft und der darin relevante arabisch geprägte Antisemitismus in antisemitismuskritischen (sozial-) pädagogischen Ansätzen berücksichtigt?


Bachelorarbeit, 2019

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Antisemitismus und Migrationsgesellschaft - Thema dieser Arbeit

2 Begriffsdefinition: was ist Antisemitismus?

3 Antisemitismus und die muslimische Welt
3.1 Der Nahostkonflikt

4 Ausgangslage in Deutschland
4.1 RIAS - Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus
4.2 Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus
4.3 Die Betroffenenperspektive

5 Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft
5.1 Arabisch geprägter Antisemitismus
5.2 Erscheinungsformen Antisemitismus
5.3 Antizionistischer, israel-bezogener Antisemitismus
5.4 Muslimische Migranten, Geflüchtete und Antisemitismus

6 (Sozial)pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus
6.1 Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus
6.2 Perspektivenwechsel
6.3 Lösungsansätze in der Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten Jahren wird der Begriff „neuer Antisemitismus“ immer öfter im Rahmen öffent­licher Diskussionen verwendet - dabei beziehen sich manche Argumentierende gerne auf das vermeintlich „Neue“ - oder in näherer Beschreibung - auf die „Neuen“, die für den Anstieg von antisemitischen Vorfällen verantwortlich gemacht werden. Doch ist Antisemitismus kein neu aufgetauchtes, und auch nicht widerbelebtes Problem der Gesellschaft. Wie der Klimawan­del oder etwa der Wandel der Gesellschaft - wandelt der Antisemitismus in seinen Erschei- nungs- Formen und Bilder, die sich im Laufe der gesellschaftlichen und politischen Entwick­lungen zu einer Einheit verknüpften, ineinandergriffen und somit einen gemeinsamen Treff­punkt aller Sündenbock verschafften, in dem verschiedene ideologische Gegensätze eine ge­meinsame Basis finden - Rechts und Links, Neo-Nazis und Islamisten. Doch kann sich dieser Effekt mit einfachen Worten erklären lassen - alle politischen Ideologien entwickeln sich von der Mitte der Gesellschaft aus - in diesem Sinne stellt Antisemitismus in der modernen Zeit ein Treffpunkt dar und ist ein verankertes Phänomen, das sich für die Unbetroffenen kaum sichtbar macht. Der Wandel der antisemitischen Haltungen von christlichen und klassischen Ressenti­ments bis zu israelbezogenen Ausdrucksweisen hin bis zum Täter-Opfer-Umkehr im heutigen sekundären Antisemitismus, geschah über Jahrhunderten - wobei es bei der Entwicklung des Letzten um den zeitlichen Rahmen zwischen 1945 und der heutigen Zeit geht. Veränderungen in der Gesellschaft, näher betrachtet in der Zusammensetzung dieser, wie z.B. Immigration, warfen in den letzten Jahren, vor allem seit 2015 eine neue Frage im öffentlichen Diskurs auf: wird der Antisemitismus in Deutschland durch die Zuwanderung von Geflüchteten aus musli­misch-arabischen Ländern ansteigen? Lässt sich Antisemitismus durch die Durchsetzung päda­gogischen und sozialpädagogischen Programmen und Initiativen bekämpfen?

1.1 Antisemitismus und Migrationsgesellschaft - Thema dieser Arbeit

Die erste oben gestellte Frage lässt sich im Rahmen vieler öffentlichen Diskussionen leider oft äußerst undifferenziert beantworten - dabei passen aufgebrachte Behauptungen an den wich­tigsten Einflussfaktoren vorbei und basieren auf eigenen Weltbilder, die sich direkt oder indi­rekt aus politischen Überzeugungen ergeben. In dieser Arbeit wird der Fokus auf das Thema Antisemitismus und Migrationsgesellschaft in pädagogischen und sozialpädagogischen Zusam­menhängen gelegt. Nach der Behandlung der Begriffsdefinition Antisemitismus werden in ei­nem historischen Überblick einige Zusammenhänge mit islamischen Quellen und anschließend mit der arabischen Welt und dem Nahostkonflikt thematisiert. Im Kapitel „Ausgangslage in Deutschland“ werde ich durch die Vorstellung der Arbeit der Akteuren RIAS und der Unab­hängige Expertenkreis Antisemitismus einen Einblick in die Erfassung, das Ausmaß und die Erforschung von Antisemitismus gewähren. Ab dem fünften Kapitel an findet eine Auseinan­dersetzung mit dem Thema Migrationsgesellschaft statt und anschließend mit (sozi- al)pädagogischen Ansätzen gegen Antisemitismus.

2 Begriffsdefinition: was ist Antisemitismus?

Unter der im Diskurs verwendeten Begriff „Antisemitismus“ verstehen sich verschiedene Über­zeugungen gegen Juden, deren gemeinsame Bedeutung die Ablehnung von Juden als Juden ist. Der Begriff Antisemitismus wurde zum ersten Mal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von judenfeindlich-gesinnten Denkern und Journalisten in Europa für politische Zwecke ver­wendet. 1872 prägte der deutsche Journalist Wilhelm Marr den Begriff „Antisemitismus“ in politischen Bemühungen gegen Juden, in denen Marr Verbreiter liberaler Ideen sah. Somit wurde die religiöse Bedeutung von Antisemitismus von emotionaler Antipathie gegenüber die Juden in eine in sich rassistische Bedeutung umwandelt.1 Obwohl hierfür der Begriff „Semiten“ in Gebrauch genommen wird - ein Begriff, der sich auf ethnische Gruppen bezieht, deren Spra­chen Hebräisch, Arabisch oder Aramäisch sind - versteht sich der Begriff „Antisemitismus“ im gesellschaftlichen und interdisziplinären Diskurs als der Hass auf und die Ablehnung von aus­schließlich Juden.

Diese Ablehnung umschließt den Hass, die Entfernung und die Verdrängung von Juden als Volk (als Juden) und nimmt verschiedene Erscheinungsformen, in denen jene judenfeindliche Ansichten sich bei Individuen sowie in der Gesellschaft zeigen. Diese Überzeugungen gegen das jüdische Volk vermehrten und erweiterten sich mit den Entwicklungen in der Gesellschaft in Hinsicht auf die Aspekte Religion, Kultur, Wirtschaft und Politik im Wandel der Geschichte. Im 21. Jahrhundert gelten Ansichten und Meinungen, die den Juden all das Böse auf der Welt, insbesondere Finanzkrisen, Krieg und sogar die Schuld am Genozid am eigenen Volk unter- stellen, immer noch als verankert in der Gesellschaft - und sind herkunfts-, kultur- und milieu­übergreifend.

3 Antisemitismus und die muslimische Welt

Die Geschichte der Auseinandersetzung zwischen den Juden und den Muslimen (zuerst zwi­schen dem Propheten Mohammed und den Juden) unterscheidet sich wesentlich von der ge­schichtlichen Entstehung der christlichen Feindseligkeit gegenüber den Juden. Im Unterschied zu Jesus war Mohammed selber kein Jude. Dieser versuchte nicht, sein Wort unter jüdischen Gemeinden zu verbreiten und im Gegensatz zu Jesus, besiegten Mohammed und seine Begleiter die jüdischen Stämme auf der arabischen Halbinsel zu der Zeit der Verbreitung des Islam. Im Islam werden die Juden daher nicht als verantwortlich für den Tod des Propheten gesehen - sondern nur als die, die versucht haben, den Propheten zu töten. Aus diesem Grund wurden Juden unter muslimischer Herrschaft relativ besser behandelt als unter der christlichen Herr­schaft, jedoch ebenfalls mit bestimmten Einschränkungen auf die beruflichen Möglichkeiten oder die Praktizierung der Religion.

Die Auseinandersetzungen Mohammeds mit den Juden entwickelten sich zu Kriegen während seiner politischen und militärischen Machterlangung auf der arabischen Halbinsel und entstan­den nicht, wie im Christentum, als Folge religiös-begründeter Ressentiments. Im Gegensatz zu den Christen, präsentierten sich die Muslime nicht als das neue Israel und fühlten sich daher nicht von den Juden bedroht2. Darin unterschieden sich die Begegnungen beider Religions­gründer mit den Juden - und somit auch die Gründe der Konflikte. Auf der anderen Seite wer­den die Juden (sowie auch die Christen) im Koran als ahl-al-kitab (Leute des Buches) erwähnt. In manchen Versen im Koran wird auch zu Toleranz gerufen, wie im zweiten Kapitel.

„Es gibt keinen Zwang im Glauben. (Der Weg der) Besonnenheit ist nunmehr klar unterschie­den von (dem der) Verirrung. Wer also falsche Götter verleugnet, jedoch an Allah glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Zerreißen gibt. Und Allah ist Allhörend und Allwissend.“3

In manchen Kapiteln des Korans ist es wiederum einfach, umstrittene Zitate zu finden, in denen behauptet wird, dass der Kampf gegen Nichtmuslime (oder „Ungläubige“) die heilige Pflicht eines jeden Muslims ist, bis der Islam als einzige Religion auf der Welt bleibt, wie in der zwei­ten Sura im Koran geschrieben.

„Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Alla liebt nicht die Übertreter.

Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn Verfolgung ist schlimmer als Töten! ... Solcherart ist der Lohn der Ungläubigen. ... Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist.“4

Im Weiteren wird im Koran unzählige Male Bezug auf Juden genommen. In der Sahih Muslim, eine Sammlung von Hadithen, die von Muslim ibn al-Haddschadsch zusammengestellt wurde, werden religiöse Angelegenheiten behandelt und interpretiert - sie gilt in manchen Kreisen, vor allem des sunnitischen Islam, als eine der wichtigsten Hadith-Sammlungen im Islam und die zweitzuverlässigste nach der Sahih-Al-Buchari. In der Sahih Muslim kommt es im Kapitel 53 zu den folgenden Aussagen.

„Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Die Stunde wird nicht eintreten, bis die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten und sich der Jude hinter einem Stein und einem Baum verstecken wird. Da sagt der Stein oder der Baum: „ O Muslim! O Diener Allahs! Dieser ist ein Jude hinter mir, so komm und töte ihn! “ Der einzige Baum, der das nicht macht, ist Al-Gharqad, denn er gehört zu den Bäumen der Juden.“5

Bis zum 20. Jahrhundert war Judenfeindschaft in der muslimischen Welt jedoch nicht politisch geprägt. Unter muslimischen Herrschaften lebten Juden bis zum 18. Jahrhundert meistens unter besseren Bedingungen als in der christlichen Welt - der rechtliche Status der Juden in der mus­limischen Welt war dhimma bzw. Bürger zweiter Klasse. Juden waren beruflichen Einschrän­kungen unterliegt und dürften ihre Religion zwar nicht demonstrativ praktizieren, jedoch konn­ten Juden unter muslimischer Herrschaft mehr Rechte genießen und wurden toleriert, solange sie ihre muslimische Herrschaft akzeptierten.

Durch Einfluss des europäischen Christentums und christlicher Araber im 19. Jahrhundert ent­wickelte sich die Judenfeindlichkeit in ihrer modernen Form. Klassische antisemitische Narra- tiven wie Ritualmordlegende traten im 19. sowie zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Damaskus, Algerien und Kairo auf (zum ersten Mal mit der Damaskusaffäre 1840). In all diesen Fällen wurden derartige Vorwürfe gegen Juden im osmanischen Reich von christlich-orthodoxen und katholischen Gemeinden gemacht, Vorwürfe, die in allen Fällen durch europäische Konsulats­beamten französischer und griechischer Herkunft geprägt wurden.6

Nach der arabischen Eroberung Palästinas im Jahr 638 wurde die christlich-hellenistische Be­völkerung sowie die kleinen Minderheiten, darunter auch Juden, in wenigen Jahrzehnten isla­misiert und kulturell arabisiert, eine Prägung, die auch zur Zeit des osmanischen Reichs erhalten wurde. Das Zusammenleben aller drei Religionen unter muslimischer Herrschaft unterschied sich von der europäischen nationalen Struktur der nebeneinander existierenden Nationen bis zum 19. Jahrhundert, die Zeit der Entstehung des Zionismus.

3.1 Der Nahostkonflikt

Anlässlich des wachsenden Antisemitismus in Europa kam es im 19. Jahrhundert zu der Ent­stehung der zionistischen Bewegung, in deren erstem Kongress 1897 in Basel die Errichtung einer jüdischen Heimat im britischen Mandatsgebiet Palästina, oder Eretz Jisrael (hebräisch: „das Land Israel“, das historische Land der Vorväter des Judentums) als ein anzustrebendes Ziel gesetzt wurde, was für die Mehrheit der Juden nicht ansprechend war, und das aufgrund der unterentwickelten Lebensbedingungen in Palästina. Von den bis 1929 vier Millionen aus Europa Ausgewanderten Juden, fuhren zwischen 120,000 und 150,000 Juden nach Palästina. Doch diese Anzahl stieg in den 30er Jahren aufgrund der zunehmenden Verfolgung der Juden in Deutschland an.

Die jüdischen Siedler kauften Böden von arabischen Besitzern, bebauten sie und bauten in ge­meinsamen Anstrengungen Siedlungen auf. Der Kibbuz stellte eine kollektive Lebensform dar. Als die Kämpfe zwischen Araber und Juden in Palästina sowie der jüdische Aufstand gegen die Engländer anstiegen, verschärfte sich die Situation. 1947 waren die englischen Herrscher kaum mehr in der Lage, die Situation zu kontrollieren. England übergab das Mandat an die Vereinten Nationen, deren Vollversammlung am 29.11.1947 einen Teilungsplan Palästinas in einen jüdi­schen und einen arabischen Staat verabschiedet hat. Während Juden aus aller Welt den UN­Entschluss über die Errichtung eines jüdischen Staates begrüßten, lehnten die palästinensischen Araber die für sie ungerechte Teilung ab: der jüdische Staat sollte 56% der Gesamtfläche Pa­lästinas umfassen. Den Juden, die 31% von der Bevölkerung Palästinas bildeten, gehörten 5.67% des gesamten Bodens.7 Am 14.05.1948 wurde in Tel Aviv der Staat Israel von David Ben Gurion gegründet. Am 15.05.1948 wurde Israel von allen umliegenden arabischen Staaten der Krieg erklärt. Von israelischer Seite als „der Unabhängigkeitskrieg“ (hebräisch: „Yom Ha'atzmaut“) genannt, von arabischer Seite die „Nakba“ (Die Katastrophe), endete dieser 1949 mit einem Waffenstillstand, indem Israel ein Drittel mehr Territorien als die in der UN-Kon­vention originell zugewiesenen, erobert hat. Die Westbank und Ost-Jerusalem wurden von Jor­danien annektiert und der Gazastreifen fiel unter ägyptische Verwaltung.

Für viele palästinensischen Araber bedeutete die Geburt des jüdischen Staates zugleich der Ver­lust ihrer Heimat. Der Krieg zwischen Israel und den Arabern endete mit arabischer Massen­flucht und nach der Sicht zahlreicher Historiker auch mit der Durchführung von Vertreibungen durch israelische Trupprn. Insgesamt flohen 900,000 Palästinenser und begannen, in Flücht­lingslagern in den benachbarten arabischen Ländern zu leben.

4 Ausgangslage in Deutschland

Die gesellschaftliche und interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Antisemitismus in den ver­gangenen zwei Jahrzehnten in Deutschland umfasst nicht nur die Aufstellung von Berichten über die Zahlen gemeldeter Fälle von Antisemitismus (RIAS), sondern auch die Forschung, die den Entwicklungen in den Bereichen Politik, Gesellschaft, Kultur, Medien und auch Bildung nachgeht, Entwicklungen, die auch von der Perspektive der Betroffenen und deren Wahrneh­mungen von Antisemitismus, erfasst werden. Im Anschluss werden auch in der Regel sozialpä­dagogische Handlungsempfehlungen für den Umgang mit und die Bekämpfung von Antisemi­tismus, sowie Forderungen für die praktische Anwendung dieser, herausgegeben - z.B. durch Studien. Darüber hinaus werden jährlich zahlreiche bürgerliche Initiativen ergriffen, um anti­semitismus- und rassismuskritisch in der Gesellschaft zu agieren - dazu gehört auch die Bereit­stellung von (sozial-)pädagogischen Materialien zum theoretischen und praktischen Umgang mit Antisemitismus, die diverse Themen wie historisch-politische Bildung und auch Migrati­onsarbeit im Kontext Antisemitismus, behandeln;

4.1 RIAS - Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e.V. - RIAS wurde 2018 als Bundes­verband gegründet, mit der Hauptaufgabe, den Antisemitismus in Deutschland zu dokumentie­ren, zu erfassen und den Betroffenen zu unterstützen. Hintergrund für die Gründung war der seit März 2017 stattfindende Aufbau einer bundesweiten, bürgerlichen Erfassungsstelle antise­mitischer Vorfälle durch den Verein für Demokratische Kultur in Berlin (VDK) e.V.. Die Er­fassung und Dokumentation der antisemitischen Vorfälle erfolgen durch die Meldung über das Portal www.report-antisemitism.de. So wurden im Jahr 2018 allein in Berlin insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle erfasst. Ein Zuwachs von 14% im Vergleich zu 2017.

Grundlage für die Definition antisemitischer Fälle bei RIAS ist die Arbeitsweise mehrerer ras­sismuskritischen Organisationen und NGOs. Diese Arbeitsdefinition wurde durch VDK e.V. vor der Gründung von RIAS an den Schwerpunkt Antisemitismus angepasst und ergänzt. So werden gemeldete Vorfälle nach festgelegten Arbeitsdefinitionen als „Antisemitismus“ defi­niert. Die Leugnung und Verharmlosung des Holocausts werden auf Grundlange der Arbeits­definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) definiert. Bei der Defi­nition von israelbezogenem Antisemitismus orientiert sich RIAS an der von Nathan Sharansky vorgeschlagenen Trias aus Dämonisierung, Delegitimierung und Doppel-Standards. Im Ramen des Projekts Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus - Bundesweite Koordination (RIAS - BK) werden Definitionen von der britischen jüdischen Organisation Community Security Trust (CST) an die Lage in Deutschland angepasst, um Kategorien , die wissenschaft­lich überprüft werden, zu entwickeln, nach denen gemeldete antisemitische Vorfälle kategori­siert werden.8

Seit der Gründung des Bundesverbands erstellte die Recherche- und Informationsstelle jährlich und halbjährlich umfassende Berichte über antisemitische Vorfälle in Berlin und in Bayern. Die Berichte enthalten Bestimmungen und Erklärungen über die Arbeitsweise der RIAS, die Defi­nitionen und Kategorien, sowie Auswertungen von antisemitischen Vorfällen nach den festge­legten Kategorien extreme Gewalt, physischer Angriff, Sachbeschädigung, Bedrohung und Massenpropaganda. 2018 wurden die meisten gemeldeten Vorfälle der Kategorie verletzendes Verhalten zugeordnet - mit 831 Vorfälle mehr als 75% der erfassten Vorfälle.9

In diesen Publikationen werden die Zahlen der an RIAS gemeldeter antisemitischen Vorfälle auch statistisch und nach Tatorten (wie z.B. Friedhof, öffentlicher Verkehr, Straße, Gedenkort, Gastronomie, Wohnumfeld oder Stadium) ausgewertet. Dabei werden auch die verschiedenen Berliner Bezirke und die Monate berücksichtigt, in denen sich die Vorfälle ereignet haben. In Abbildungen wird die Verteilung antisemitischer Vorfälle zwischen Einzelpersonen und Zivil­gesellschaft einschließlich Institutionen gezeigt. Als Betroffenengruppen genannt werden u.a. jüdische / israelische Einzelpersonen oder Institutionen, nichtjüdische Einzelpersonen, Ge­denkinitiativen, Presse oder als Jüdinnen_Juden adressierte Menschen. Bei der Erfassung an­tisemitischer Vorfälle unterscheidet RIAS zwischen verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus10:

- Othering (40%)
- Moderner Antisemitismus (29%)
- Israelbezogener Antisemitismus (50%)
- Antijudaismus (21%)
- Post-Schoa-Antisemitismus (52%)

In 49% der Vorfälle konnte 2018 der politische Hintergrund nicht eindeutig bestimmt werden. Die andere Hälfte der antisemitischen Vorfälle konnte RIAS anhand der von den Meldenden gelieferten Informationen, der Selbstbezeichnung der gemeldeten Personen oder der verwende­ten Stereotypen politisch klassifizieren. Dabei unterscheidet RIAS zwischen politischen Hin­tergründen. Diese sind11:

- Rechtsextrem (18%)
- Rechtspopulistisch (5%)
- Verschwörungsideologisch (6%)
- Israelfeindlicher Aktivismus (9%)
- Links-antiimperialistisch (4%)
- Politischer Mitte (7%)
- Islamistisch (2%)

[...]


1 Vgl. Bergmann, 2002: 6

2 Vgl. Lewis, 1986: 118

3 Sura 2: 256

4 Sura 2: 190-193

5 Vgl. Sahih, Haditnr. 5203/Kapitel 53

6 Vgl. Laqueur 2006: 195

7 Vgl. Böhme & Sterzing 2018: 27

8 Vgl. Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, über den RIAS Bundesverband, https://www.report- antisemitism.de/rias-bund

9 Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus. Auswertung der antisemitischen Vorfälle in Berlin im Jahr 2018

10 Vgl. RIAS 2018: 20

11 Vgl. RIAS 2018: 21

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Details

Titel
Antisemitismus in der deutschen Migrationsgesellschaft
Untertitel
Inwieweit werden der Kontext Migrationsgesellschaft und der darin relevante arabisch geprägte Antisemitismus in antisemitismuskritischen (sozial-) pädagogischen Ansätzen berücksichtigt?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
30
Katalognummer
V947721
ISBN (eBook)
9783346282866
ISBN (Buch)
9783346282873
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Herr Mizrachi bearbeitet das Thema durch eine historische und gesellschaftliche Kontextualisierung, in der er den aktuellen Forschungsstand sowie bestehende Forschungslücken zu Antisemitismus in Deutschland systematisch referiert. Vor diesem Hintergrund diskutiert er Projekte der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und resümiert abschließend angemessene Handlungsansätze und Herausforderungen.
Schlagworte
Antisemitismus Migration Migrationsgesellschaft antisemitismuskritisch
Arbeit zitieren
Or Mizrachi (Autor), 2019, Antisemitismus in der deutschen Migrationsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947721

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