Alfred Andersch "Winterspelt" (Literarische Erörterung)


Referat / Aufsatz (Schule), 1999
6 Seiten
Anonym

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Alfred Andersch "Winterspelt" (Literarische Erörterung)

Thema: Schefold und Hainstock verkörpern unterschiedliche Sichtweisen der Welt. Erörtern sie diese und stellen sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten dar. Stellen sie ferner dar welchem der beiden der Autor in der Gesamtanlage des Romans den Vorzug gibt!

Thema II

A) Kurzer Handlungsüberblick

B) Hainstock und Schefold - zwei tragende Figuren des Romans
1. Charakterisierung Wenzel Hainstocks
2. Schefolds Sichtweise der Welt
3. Gemeinsamkeiten der Romanfiguren Hainstock und Schefold
4. Unterschiede zwischen den beiden
5. Welchem der beiden gibt Andersch den Vorzug?

C) Aussage des Romans

Der Roman "Winterspelt" von Alfred Andersch wird maßgeblich von den darin agie-renden Personen getragen. An erster Stelle ist Major Dincklage zu nennen, der die Idee zur Übergabe seines Bataillons hat; sein militärischer Gegenspieler ist Captain Kim-brough, der eine Kompanie der 106. amerikanischen Infanterie-Division befehligt; sie liegt dem Bataillon von Major Dincklage gegenüber. Um Captain Kimbrough seine Übergabepläne mitzuteilen, benutzt Dincklage eine aus drei Personen bestehende Kette: Seine Geliebte Käthe Lenk teilt die Übergabepläne Wenzel Hainstock mit, der diese Dr. Schefold mitteilt. Schefold ist ein deutscher Kunsthistoriker, der im Umkreis der Dörfer Winterspelt, Hemmeres und Maspelt Expertisen zu Gemälden und Bildern erstellt. Er pendelt zwischen den Fronten hin und her, da der Krieg für ihn keine Bedeutung hat; das und die Tatsache, daß er mit Captain Kimbrough befreundet ist, machen ihn zum perfekten dritten Glied in der Kette: Er teilt die Pläne Dincklages Kimbrough mit.

Schefold und Hainstock sind zwei Charaktere, die einer näheren Betrachtung bedürfen; beide verkörpern zwei unterschiedliche Sichtweisen der Welt. Wenzel Hain-stock, 1892 in Außergefild geboren, macht von 1908 bis 1910 eine Steinhauer- und Steinmetzlehre. Nach dieser Ausbildung leistet er seinen Wehrdienst bei der k.u.k. Ar-mee ab. 1912 wird er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und liest das Kommunistische Manifest. Im Ersten Weltkrieg gerät er bereits 1914 an der Galizischen Front in russische Kriegsgefangenschaft und überlebt den Weltkrieg in Sibirien. Im Fe-bruar 1918 kehrt er nach Außergefild zurück. Während seiner Reise erlebt er die russi-sche Revolution "nur als Wirren" (S. 101). 1922 tritt er aus der Sozialdemokratischen Partei aus und in die Kommunistische Partei ein, übt seine berufliche Tätigkeit in den folgenden Jahren weiterhin aus, lehnt aber ein Abgeordneten-Mandat seiner Partei ab. Bis zur Weltwirtschaftskrise ist er erfolgreich in mehreren Betrieben tätig. Die Zeit der Arbeitslosigkeit füllt er mit aktiver Parteiarbeit aus. Nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland erkennt er, daß das Zusammenleben der Deutschen und Tschechen in Böhmen zerstört werden wird und beschließt 1935, nach Deutschland zu gehen, um dort illegal für die KPD als Kurier und Instrukteur zu arbeiten. Da er in Südwestböhmen aber als Kommunist bekannt ist, wird er bereits im Sommer 1935 verhaftet und im KZ Oranienburg eingesperrt. 1941 wird er von Matthias Arimond, einem Wehrwirtschafts-führer, aus dem KZ herausgeholt und von ihm eingestellt. Hainstock hat bis 1935 meh-rere Liaisonen. 1920 heiratet er die 20jährige Tochter eines Postbeamten; die Ehe geht zwei Jahre später wegen kleinbürgerlicher Abneigungen seiner Frau gegen seine kom-munistische Arbeit in die Brüche. Er hat einen Sohn mit ihr, der bei der Schlacht von Stalingrad fällt. Von 1930 bis 1933 hat Hainstock ein Verhältnis mit einer achtzehn Jah-re jüngeren tschechischen Studentin. Hainstock geht immer wieder kurze Beziehungen ein, kann sich aber nicht länger binden. Bis zu seiner Begegnung mit Käthe Lenk 1944 hat er seit 1935 kein Verhältnis mehr zu einer Frau. Sein Körperbau, 1,65m groß, drah-tig und hart, hat es ihm ermöglicht, die sieben Jahre KZ und einige Folterungen ohne Schaden auszuhalten (Seite 100ff. Biogramm).

Hainstock ist in seiner Jugend überzeugter Kommunist. Ihm wird während der Arbeit im Mittagsberger Steinbruch nach seinem Wehrdienst die Aussage der sozialistischen Schriften, die er gelesen hat, klar. Er erkennt, daß der Steinbruch, in dem er gerade ar-beitet, Privateigentum des Besitzers ist und dieser damit tun und lassen kann, was er will. Seiner Meinung nach muß die Natur aber frei sein. Er ist der konspirative Ver-schwörer, immer auf der Hut vor den Nazischergen (S. 83) und hat auch Einblick in das militärische Geschehen um ihn herum. Von seinem Aussichtspunkt (S. 69ff.) kann er mit dem Feldstecher die Bewegungen der Amerikaner beobachten. Nachdem Major Dincklage in Winterspelt eingetroffen ist, erkennt Hainstock, daß der Krieg "nicht weg ist", sondern nur gut getarnt (S. 75 bis S. 79). Hainstocks kommunistische Einstellung ändert sich nicht erst mit dem Erwerb des Steinbruchs. Er fühlt es bereits, als er an der Kolonne seiner ehemaligen Mithäftlinge im Mercedes Arimonds vorbeifährt (S. 109); Arimond, der ihn zur Aufsicht einiger seiner Steinbrüche einstellt, bietet ihm schließlich den Steinbruch bei Winterspelt zum Kauf an (S. 116ff.). So wird Hainstock auch zu einem Besitzer der Natur. Ferner sieht Hainstock die Lage der Dinge vom Standpunkt seines Berufes aus: Für ihn ist die Geschichte wie eine Sedimentbank, die durch Kriege, Revolutionen und ähnlichem gefaltet wird. Die verschiedenen Schichten der Sedimente stellen die unterschiedlichen politischen Ansichten dar. Er selbst ordnet sich der marxi-stischen Schicht zu, obwohl er den Steinbruch erworben hat (S. 125)

Im Gegensatz zu Hainstock hat Schefold keine eindeutige politische Ausrich-tung. Schefold ist ca. 1,90m groß, zwar ungefähr zwei Zentner schwer, aber nicht als dick zu bezeichnen. Er war Kunstprofessor am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main (S. 139, S. 141), aus dem er 1937 das Gemälde "Polyphon umgrenztes Weiß" von Paul Klee entwendet, um damit nach dem Krieg ein eigenes kleines Museum zu eröffnen. Dieses Bild bringt er zu Hainstock, damit dieser es für ihn aufbewahrt. Wäh-rend des Krieges hält er sich damit über Wasser, daß er Expertisen von Gemälden und Bildern in Belgien anfertigt (S. 138). Er sieht die Landschaft mit den Augen eines Ma-lers (S. 136ff.). Dieses Leben, für reiche Herrschaften zu arbeiten, vom einen zum ande-ren weitergereicht zu werden, immer beschützt zu werden (S. 138), hat er im Frühjahr 1944 satt. Er erkennt, daß der Krieg für Deutschland verloren ist und reist in die Arden-nen, um dort auf die Amerikaner zu warten (S. 138). Nachdem die Amerikaner Maspelt, seinen derzeitigen Wohnort, erobert haben und sich die Deutschen hinter die Our-Höhen zurückgezogen haben, geht er nach Hemmeres. Er nimmt ein Gefühl der Freude wahr, als er nun auf deutschen Boden zurückkehrt.

Dies ist erstaunlich, da er es sich seit seiner Flucht im Jahre 1937 abgewöhnt hatte, Deutschland, seine Heimat, zu lieben. Schefold hegt deshalb eine Antipathie gegen die Nazis, weil sie die von ihnen zur entarteten Kunst erklärten Werke verkaufen. Deshalb hatte er auch Klees Gemälde entwendet.

Die auffälligste, wenn auch eine oberflächliche Gemeinsamkeit zwischen Hain-stock und Schefold ist ihre Einstellung gegenüber Deutschland. Beide hegen eine Ab-neigung gegen Deutschland, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Als weitere Gemeinsamkeit läßt sich anführen, daß beide, Schefold und Hainstock, in ihrem Leben persönliche Grenzen überschreiten. Schefold, weil er aus seinem Leben in der Kunst (S. 136f., S. 140) ausbricht, und das Wagnis eingeht, Dincklage aufzusuchen und dabei die Frontlinie zu durchqueren. Die Grenze für Hainstock stellt der Kauf des Steinbruchs (S. 117ff.) dar. Er bricht mit seinem kommunistischen Wertvorstellungen (S. 105) und wird selbst zum Besitzer der Natur (S. 105, S. 117ff.). Die Akribie, mit der Hainstock und Schefold ihren Beruf verfolgen, ist ebenfalls eine deutliche Gemeinsamkeit der beiden. Der Begriff "Berufsfanatiker" liegt nahe. Hainstock ist ein Experte der Geologie (S. 121 bis S. 128), Schefold dagegen ein Spezialist der Kunst; Er verbindet die Welt um ihn herum immer mit ihm bekannten Bildern (S. 136f., S. 140).

Neben diesen Gemeinsamkeiten finden sich auch einige Unterschiede, wie zum Beispiel die unterschiedliche politische Gesinnung der beiden. Hainstock ist überzeugter Kom-munist, Schefold lebt in seiner Traumwelt, in der Welt der Malerei und Kunst. Schefold lebt in den Tag hinein, macht sich keine allzu ernsthaften Gedanken um das Geschehen um sich herum. Ihm ist auch die Gefahr, der er sich jedesmal aussetzt, wenn er von der deutschen Seite zur amerikanischen hin und her pendelt, egal oder nicht bewußt. Hain-stock dagegen ist der perfekte Verschwörer. Er verhindert, daß Käthe Schefold kennen-lernt, um so auszuschließen, daß Käthe bei einer Verhaftung Schefolds in Gefahr gerät.

Über Schefolds Sorglosigkeit regt sich Hainstock jedesmal auf und versucht Schefold klar zu machen, wie wichtig es seiner Ansicht nach ist, sich nicht auf ein Gefühl zu verlassen, sondern immer auf Nummer sicher zu gehen (S. 81). Eine weitere Ungleich-heit der beiden zeigt sich in ihrem Verhältnis zu Frauen. Schefold bezeichnet sich selbst als "radikalen Stendhalien" (S. 139). Er baut und lebt Beziehungen zu Frauen nur in seinem Kopf auf (S.139f.). Demgegenüber hat Hainstock zu mehreren Frauen wirklich (im Vergleich zu Schefold) Beziehungen (S. 103). Obgleich beide eine Antipathie ge-gen Deutschland hegen, sind ihre Gründe dafür sehr abweichend. Hainstocks Ressenti-ment gegen Nazi-Deutschland ist in seiner politischen Einstellung begründet. Die Nazi-Ideologie widerspricht seinen kommunistischen Weltanschauungen. Bei Schefold hin-gegen löst der Verkauf sogenannter "entarteter Kunst" durch die Nazis diese Abneigung aus. Dies offenbart einen weiteren Unterschied. Hainstock ist der Realist, der die Dinge so sieht, wie sie sind, Schefold lebt in einer Traumwelt. Er lebt mit und in seinen Bil-dern und vergleicht jede Situation in seinem Leben mir seinen Bildern (S. 140).

Wenn man diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleicht, stellt sich die Frage, wem, Schefold oder Hainstock, der Autor in seinem Roman den Vorzug gegeben hat. Man könnte bei oberflächlicher Betrachtung meinen, Andersch hätte Schefold in seinem Roman den Vorzug gegeben. Hierfür spricht, daß Schefold als freundlicher und netter Mensch erscheint, dem Leser sympathisch, Hainstock jedoch eher als zurückge-zogener, griesgrämiger Eremit. Wenn man jedoch die Anlage der Figuren Schefold und Hainstock vor dem Hintergrund von Anderschs Lebenslauf betrachtet, erkennt man, daß Hainstocks Leben beinahe eine Autobiographie von Anderschs Vita darstellt. Anderschs Mutter stammt aus Böhmen.

Während der Weltwirtschaftskrise wird Andersch im Kommunistischen Jugendverband tätig. Der Aufenthalt in einem KZ ist Andersch eben-falls nicht unbekannt, da er für ca. einen Monat nach dem Reichstagsbrand im KZ Dachau inhaftiert war. Nur auf Intervention seiner Mutter hin kommt er wieder frei. Aufgrund seiner Zeit als Soldat (1940-41, 1943-44) ist ihm Wehrmacht ebenfalls ver-traut. Dies sind alles Parallelen zu Hainstocks Leben. Hainstock stammt aus Böhmen, war aktiv in der Kommunistischen Partei tätig und hatte sieben Jahre im KZ verbracht.

Alfred Andersch stellt mit seinem Werk das Leben der Menschen während eines Krieges dar. Er macht den Aberwitz eines jeden Krieges deutlich, wenn, wie von den Amerikanern in diesem Buch, aufgrund taktischer und strategischer Überlegungen ent-schieden wird, die Übergabe des Bataillons abzulehnen und damit die Chance auf Ret-tung von 1200 Soldaten verstreichen zu lassen. Die Figuren Schefold und Hainstock stellen beide das System dar, das keine Abweichler duldete. Hainstock wegen seiner politischen Ausrichtung, Schefold, weil ihm auch sogenannte "entartete Kunst" gefiel. Der Roman wirft ein Licht auf den Wahnsinn der letzen Kriegsmonate, in denen weiter-hin sinnlos Menschen geopfert wurden, obwohl bereits abzusehen war, daß der Krieg für Deutschland verloren ist.

5 von 6 Seiten

Details

Titel
Alfred Andersch "Winterspelt" (Literarische Erörterung)
Jahr
1999
Seiten
6
Katalognummer
V94784
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Charakterisierung Wenzel Hainstocks , Schefolds Sichtweise der Welt, Gemeinsamkeiten / Unterschiede der Romanfiguren Hainstock und Schefold
Schlagworte
Alfred, Andersch, Winterspelt, Erörterung)
Arbeit zitieren
Anonym, 1999, Alfred Andersch "Winterspelt" (Literarische Erörterung), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94784

Kommentare

  • Gast am 26.2.2002

    schlecht.

    Keine klare Linie, keine Fragestellung (und wenn, dann eine sinnlose: wozu frage ich mich, wem Andersch "den Vorzug" gibt; wo Andersch bekanntlicherweise am liebsten "Personen beschreibt, die er selbst nicht kennt"), obeflächliche Ergebnisse. Schlechte Arbeit.

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