Dass die Geschlechterforschung auch für die Naturwissenschaften - und hierbei vor allem für die Biologie - relevant ist, ist eine Tatsache, die erst allmählich in das Bewusstsein von Forschenden gelangt. Auch in der Paläontologie erscheint es zunächst widersinnig, dass die Kategorie Geschlecht bei der wissenschaftlichen Betrachtung ausgestorbener Tierarten von Bedeutung sein könnte. Dennoch existieren Zusammenhänge zwischen sozialen Konstruktionen von Geschlecht, die auf Forschende einwirken, und der Darstellungsweise prähistorischer Lebenswelten.
Am Beispiel der Dinosaurier soll diese Arbeit ebensolche Zusammenhänge aufzeigen und analysieren. Hierbei ist nicht nur der wissenschaftliche Diskurs innerhalb der Paläontologie Gegenstand der Untersuchungen, sondern auch die zeitgenössische Darstellung der "Urzeit-Echsen". Dinosaurier sind zwar ausgestorben, allerdings sind sie dennoch ein Teil unserer Alltagswelt und prägen diese wie auch unsere Sicht auf sie von unserem alltäglichen gesellschaftlichen Miteinander bestimmt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kontextualisierung von Geschlecht bei Dinosauriern
3. Heteronormativität und Androzentrismus in der Paläontologie
3.1 Nomenklatur
3.2 Archaisierung der prähistorischen Lebenswelt
4. Repräsentation von Geschlecht bei der medialen Darstellung von Dinosauriern
4.1 Reproduktion von Rollenkonstruktionen durch Dinosaurier
4.2 Erziehungsarbeit und „Mutterinstinkt“
5. Anknüpfungspunkte für dekonstruktivistische Ansätze
6. Fazit
7. Bibliographischer Apparat
7.1 Literatur
7.2 Videolinks
7.3 Tabellen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern heteronormative und androzentrische Deutungsmuster in die wissenschaftliche und mediale Darstellung von Dinosauriern einfließen und wie diese Konstruktionen dekonstruiert werden können.
- Einfluss von Androzentrismus auf die paläontologische Nomenklatur
- Konstruktion prähistorischer Lebenswelten als permanente Kämpfe
- Geschlechtsspezifische Rollenbilder in der medialen Dinosaurier-Darstellung
- Deutung von Mutterinstinkten bei prähistorischen Arten
- Möglichkeiten zur Dekonstruktion binärer Geschlechterkategorien
Auszug aus dem Buch
3.1 Nomenklatur
Inwieweit kann die Benennung von Dinosauriern von Heteronormativen Vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft zeugen? Begreift man Heteronativität als „apriorische Kategorie des Verstehens“ (Wagenknecht 2007, 18), in der Individuen „anhand vermeintlich bipolarer körperlicher Merkmale in zwei vorgegebene […] Geschlechtsklassen eingeteilt werden“ (Rakebrand 2012, 1), wird deutlich, dass es sich hierbei um eine Struktur handelt, die das Denken von Subjekten als solches beeinflusst. Folglich beschränkt sich Heteronormativität in ihrer Wirkung nicht nur auf die Wahrnehmung menschlicher Individuen innerhalb einer Gesellschaft. Vielmehr konstruiert sie eine Denk- und Betrachtungsweise, in der auch nicht-menschliche Lebewesen in ein binäres System gezwungen werden.
Nun wird Dinosauriern zwar nicht unrecht eine Geschlechtlichkeit zugeschrieben, jedoch offenbart die Art und Weise ihrer Benennung die heteronormative Prägung ihrer Entdecker*innen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist Maiasaura. Es ist der wohl feminisierteste Gattungsname eines Dinosauriers – nicht aufgrund seiner Bedeutung „Gute-Mutter-Echse“. Der erste Teil des Namens ist von der griechischen Göttin Maia, die vor allem aufgrund ihrer Rolle als Mutter des Hermes verehrt wurde (vgl. Grant und Hazel 2002, 210), abgeleitet. Noch interessanter ist allerdings der zweite Teil des Gattungsnamens: In der sonst für Dinosaurier üblichen lateinisierten Form des altgriechischen Wortes für „Echse“ nämlich „-saurus“ wurde bewusst die männliche Endung -us durch das weibliche -a ersetzt (Horner und Makela 1979).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt das Fundament der Arbeit durch die Problemstellung von Androzentrismus in den Naturwissenschaften und definiert das Ziel der Untersuchung von Dinosauriern als Projektionsfläche für soziale Konstruktionen.
2. Kontextualisierung von Geschlecht bei Dinosauriern: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Schwierigkeiten, aufgrund fehlender Weichteile bei Fossilien objektive Erkenntnisse über das Geschlecht und Sozialverhalten von Dinosauriern zu gewinnen.
3. Heteronormativität und Androzentrismus in der Paläontologie: Es wird analysiert, wie die wissenschaftliche Nomenklatur und die Erzählweise über das Mesozoikum durch menschliche, heteronormative Vorstellungen geprägt sind.
4. Repräsentation von Geschlecht bei der medialen Darstellung von Dinosauriern: Dieser Teil untersucht, wie moderne Medien (Dokus, Serien) Dinosaurier nutzen, um gesellschaftliche Rollenmodelle und binäre Geschlechterklischees zu reproduzieren.
5. Anknüpfungspunkte für dekonstruktivistische Ansätze: Das Kapitel diskutiert aktuelle Beispiele, wie etwa das Skelett „SUE“ oder queer-künstlerische Ansätze, um Dinosaurier als Symbole für eine Infragestellung binärer Kategorien zu verwenden.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Dinosaurier in der Forschung und medialen Darstellung stark mit menschlichen, oft heteronormativen Mustern aufgeladen werden, aber auch das Potenzial zur Aufbrechung dieser Normen bieten.
7. Bibliographischer Apparat: Dieser Abschnitt enthält das Literaturverzeichnis, die verwendeten Videolinks sowie eine tabellarische Aufstellung der untersuchten Charaktere.
Schlüsselwörter
Heteronormativität, Androzentrismus, Paläontologie, Geschlechterkonstruktion, Dinosaurier, Mesozoikum, Gender-Studies, Medienanalyse, Rollenbilder, Dekonstruktion, Maiasaura, Mutterinstinkt, Queer-Theory, Sozialverhalten, Fossilien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch, wie die wissenschaftliche Forschung und die mediale Darstellung von Dinosauriern von menschlichen, heteronormativen und androzentrischen Geschlechterkonstruktionen durchdrungen sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der paläontologischen Nomenklatur, der Deutung prähistorischer Lebenswelten als „Kampf um das Überleben“ sowie der Analyse von Geschlechterrollen in Dokumentationen und Medien für Kinder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Dinosaurier als Projektionsfläche für soziale Konstruktionen dienen und zu hinterfragen, ob diesen Tieren Geschlechterrollen zugeschrieben werden können, obwohl keine biologischen Belege dafür vorliegen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt einen dekonstruktivistischen Ansatz aus den Gender-Studies, um die Interpretation fossiler Funde und die mediale Inszenierung von Dinosauriern auf ihre zugrunde liegenden ideologischen Vorannahmen hin zu prüfen.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil?
Im Hauptteil wird analysiert, wie durch die Benennung (z.B. Maiasaura), die Interpretation des Sozialverhaltens (z.B. „Mutterinstinkt“) und die mediale Darstellung in Serien (z.B. „Dinosaur King“) traditionelle Geschlechterrollen auf Dinosaurier übertragen werden.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Heteronormativität, Androzentrismus, Geschlechterkonstruktion, Dekonstruktion und mediale Repräsentation.
Welche Rolle spielt die Benennung (Nomenklatur) bei der Konstruktion von Geschlecht?
Die Benennung fungiert als Instrument, das Dinosaurier in ein binäres System zwingt, wobei Forscher*innen oft unbewusst ihre eigenen sozialen Vorstellungen von Geschlecht auf die Tiere übertragen, wie das Beispiel der „Gute-Mutter-Echse“ Maiasaura verdeutlicht.
Inwiefern beeinflusst das „situiertes Wissen“ die Deutung von Dinosaurier-Fossilien?
Da Forscher*innen aus ihrer eigenen Alltagswelt und sozialen Struktur agieren, projizieren sie beim Fehlen eindeutiger biologischer Daten bekannte gesellschaftliche Rollenbilder auf die Tiere, was zu einer einseitigen Archaisierung der prähistorischen Lebenswelt führt.
Was hat es mit dem Skelett „SUE“ in diesem Kontext auf sich?
„SUE“ dient als Beispiel für Anknüpfungspunkte der Dekonstruktion, da die öffentliche Debatte um die Pronomen des Skeletts dazu genutzt wurde, die Problematik binärer Zuschreibungen bei nicht-biologischen oder prähistorischen Objekten zu thematisieren.
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- Patrick Nehren (Author), 2020, Geschlechterkonstruktionen und Heteronormativität in der Paläontologie. "Gute-Mutter-Echsen" und non-binäre Skelette, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/947997