Marcus Tullius Cicero - Zwischen Verbannung und Prokonsulat


Seminararbeit, 1998
24 Seiten

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Inhalt

1. Einleitung

2. Zur politischen Situation Roms

3. Der Politiker Cicero - eine Standortbestimmung
3.1. Cicero im politischen Kräftefeld

4. Die Rückkehr aus der Verbannung
4.1. Die Wende in Ciceros Politik
4.2. Politik nach Luca

5. Zusammenfassung

6. Gedruckte Quellen

7. Literatur

1. Einleitung

Das erste vorchristliche Jahrhundert gilt als der unruhigste Zeitabschnitt in der römischen Antike. Soziale Mißstände, wie die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, führten zu inneren Konflikten und Machtkämpfen, die, begünstigt durch die Heeresreform, in jahrzehntelange Bürgerkriege mündeten. Diese innenpolitischen Auseinandersetzungen, die immer wieder von persönlichen Machtansprüchen geprägt wurden, hatten das Ende der römischen Republik und den Beginn der Kaiserherrschaft zur Folge.

Ein Mann, der in diesen Jahren sein politisches Wirken stets der Aufrechterhaltung der Republik widmete, war der dem konservativen Ritterstand entstammende Redner, Anwalt und Politiker Marcus Tullius Cicero. Den Entschluß einer politischen Ämterlaufbahn und der Erlangung höchster Positionen faßte Cicero bereits sehr früh, obwohl das aufgrund seiner Herkunft und seiner fehlenden militärischen Ambitionen unrealistisch erschien. Dennoch ermöglichten ihm seine Redegewandheit und seine erfolgreiche Anwaltstätigkeit schon bald den Zugang zur römischen Ämterlaufbahn. Im Jahr 63 wurde er als homo novus zum Konsul gewählt.

In den zwanzig Jahren von seinem Konsulat bis zu seiner Ermordung im Jahr 43 richtete er seine Bemühungen auf die Stabilisierung der römischen Republik, als eine Vermischung aus Aristokratie, Monarchie und Demokratie1 auf der Grundlage der Wiederherstellung der ständischen Einheit. Die bestehenden Machtverhältnisse zeigten diesen Bemühungen jedoch deutliche Grenzen auf. Mit Caesar, sei es als führender Kopf der Triumvirn oder später als Diktator, traf Cicero immer wieder auf einen ihm weit überlegenen Gegenspieler, der ihm in seiner konstruktiven politischen Betätigung nicht nur immer wieder deutliche Grenzen aufzeigte, sondern sie zeitweise ganz einstellte. Den Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit bildet die Zeitspanne von der Rückkehr Ciceros aus der im Zusammenhang mit der Catilinarischen Verschwörung erlassenen Verbannung im Jahr 57 v.Chr. bis zu seiner ersten schriftstellerischen Periode. Besonders die ersten Jahre dieses Zeitraums bietet Anlaß zur genaueren Betrachtung, da Cicero hier, nach der seelischen Niederlage der Ächtung, von seinen politischen Prinzipien abzuweichen schien, indem er die politische Linie Caesars unterstützte. Doch neben der Frage, ob und wenn, inwiefern die Unterstützung des eigentlichen Gegners mit Ciceros Zielsetzungen in Einklang zu bringen ist, soll der Versuch unternommen werden, die Beweggründe für diesen Kurswechsel zu ergründen. Dieser Untersuchungsgegenstand ist exemplarisch dafür, daß das Bild Ciceros gerade als Politiker auch heute noch umstritten ist.

Im dem folgenden so wie im dritten Teil der Arbeit soll unter verschiedenen Schwerpunkten an die politischen Machtverhältnisse herangeführt werden, die vor und während der Herrschaft der Triumvirn in diesem Zeitraum vorherrschten, bevor im vierten Teil anhand ausgewählter Quellen die genauere Untersuchung der Problemstellung erfolgt.

Aufgrund der Fülle des sich zur Untersuchung der Fragestellung anbietenden Quellenmaterials und dem ihm gegenüberstehenden Umfang dieser Arbeit, kann hier nur auf die wichtigsten Quellen eingegangen werden. An dieser Stelle seien die Briefe Ciceros an seinen Freund Titus Pomponius Atticus, so wie die Rede De Provinciis Consularibus aus diesem Zeitraum genannt. Zu Leben und Person Ciceros gaben unter anderem die Biographien von Matthias Gelzer, Manfred Fuhrmann und Marion Giebel umfangreichen Aufschluß, während zur Erläuterung des historischen Hintergrunds die Darstellungen von Heinz Bellen, Karl Christ und Jochen Bleicken herangezogen wurden.

2. Zur politischen Situation Roms

Bereits seit dem Volkstribunat des Tiberius Gracchus im Jahr 133 v.Chr. folgte in Rom eine politische Krise der nächsten. Die Ackergesetze der Gracchen wurden bald wieder aufgehoben, so daß die Verarmung des Bauernstandes unaufhörlich voranschritt und weiterhin ein soziales Konfliktpotential darstellte. Dem stand eine immer reicher werdende Nobilität gegenüber. Die moralischen Integrität, aus der das politische System einst seine Stärke zog, schien immer mehr zu schwinden. ,,Die Folgen dieser sozialen und wirtschaftlichen Mißstände (...) bildeten den politischen Zündstoff für das ganze folgende Jahrhundert".2 Die Marianische Heeresreform stellte zwar einen wichtigen Beitrag zur Bekämfung dieses Problems dar, hatte aber die fatale Folge, daß eben diese Masse besitzloser Proletarier nicht nur in der eskalierenden Auseinandersetzung zwischen Optimaten und Popularen militärisch eingesetzt werden konnte, sondern darüberhinaus nunmehr jeder politische und militärische Führer zur Durchsetzung persönlicher Machtansprüche auf ein ihm folgsames Heer zurückgreifen konnte. Es ist charakteristisch, daß die Angst vor äußeren Gefahren in Rom immer wieder Entscheidungen an den Tag brachte, die innenpolitisch langfristig zu verheerende Konsequenzen führten.

Mitverantwortlich für die zahlreichen Krisen in der späten Römischen Republik ist ebenfalls die Tatsache, daß noch weitere neue politische Kräfte auf die Tagesordnung traten, während in den Jahrhunderten zuvor eine aristokratische Elite ohne Opposition regierte.3 So führte die Reform der Gerichtshöfe durch Gaius Gracchus, die es ermöglichte, Ritter zu Richtern über senatorische Angeklagte, zumeist in Repetundenprozessen, zu machen, zu einer Politisierung eben dieses Standes. Durch die Erlangung des Bürgerrechts für die italischen Bundesgenossen gewann eine weitere Gruppe an Gewicht. All diese Reformen, gepaart mit dem durch Habgier und Luxusstreben geprägten inneren Verfall der Gesellschaft, hatten starken Einfluß auf die politische Landschaft.

Nach dem Bundesgenossenkrieg und dem marianisch-sullanischen Bürgerkrieg gelang es dem Diktator Cornelius Sulla mit Hilfe blutiger Proskriptionen und einer umfangreichen Verfassungsreform, die jedoch einen erheblichen Machtgewinn für den Senat zur Folge hatte, die innenpolitische Lage für zehn Jahre, bis zum Jahr 70 v.Chr. zu stabilisieren.

In dieser Zeit begann der Aufstieg des Gnaeus Pompejus, der in den zurückliegenden Jahren bereits durch die Siege gegen Lepidus und später gegen Sertorius auf sich aufmerksam gemacht hatte und jetzt im Jahr 70 v.Chr. zusammen mit M. Licinius Crassus das Konsulat inne hatte. Als entscheidenste Handlung ihrer Amtszeit galt die Abschaffung der sullanischen Verfassungsreform, die in Rom ein ,,verbreitetes Mißbehagen"4 verursachte und selbst viele Optimaten ein unbeschwertes Zusammenspiel der Kräfte vermissen ließ.5 Somit wurden unter anderem die Kompetenzen des Volkstribunats durch Pompejus wiederhergestellt. Dadurch war erneut die Möglichkeit gegeben, Gesetzesvorlagen direkt und ohne Zustimmung des Senats zur Abstimmung vor die Volksversammlung zu bringen. Einzelne Personen konnten sich auf diese Weise per Plebiszit ,,außergewöhnliche Amtsgewalt (...) von ungewöhnlicher Dauer" verschaffen.6 Pompejus erhiehlt auf diese Weise im Jahr 67 v.Chr. nicht nur ein außerordentliches Kommando zur Bekämpfung der Seeräubergefahr (l ex Gabinia), sondern ein Jahr darauf ebenfalls die alleinige Befehlsgewalt gegen König Mithridates von Pontos (l ex Manilia). Für weitere Unruhe sorgten in dieser Zeit zahlreiche Sklavenaufstände, die von Crassus niedergeschlagen wurden.

Bereits hier wird deutlich, daß die eigentliche Schwäche Roms darin lag, die innerhalb des gewaltigen Reiches entstehenden Gefahren und Probleme nicht mit der bestehenden Ordnung bewältigen zu können, sondern nur mit Hilfe außerordentlicher Kommandogewalten, die jedesmal eine enorme Machtkonzentration auf eine Einzelperson bedeuteten und nicht vom Senat, sondern von der Volksversammlung bestimmt wurden.7 Die eigentlichen politischen Institutionen waren überfordert, während sich als Alternative gleichzeitig militärische Größen, die durch Ruhm, Beute und eine Anhängerschaft aus Veteranen zu großer Macht gelangt waren, anboten.8 Mit dieser Variante als angebrachte politische Form, setzte zunehmend ein Verlagerungsprozeß der Politik auf einzelne Militärführer, zumeist erfolgreiche Feldherrn wie Pompejus, ein, was als Merkmal einer Entwicklungsrichtung hin zur Monarchie gesehen werden kann.

Noch bevor Pompejus 62 v.Chr. siegreich zurückkehrte, nachdem er im Osten eine neue politische Ordnung geschaffen hatte, war der Staat durch die Umsturzversuche des Sergius Catilina in schwere Bedrängnis geraten.9 Nachdem Catilina bei den Konsulatswahlen im Jahr 63 v.Chr. seinem Mitbewerber Cicero unterlag, plante er eine Verschwörung zur gewaltsamen Machtübernahme. Cicero gelang nicht nur die Aufdeckung dieses Vorhabens, sondern ihm glückte darüberhinaus die Entlarvung fünf senatorischer Mitverschwörer. Die Hinrichtung dieser fünf Catilinarier wurde ihm zum Verhängnis. Denn schon bald wurden populare Stimmen lauter, die Cicero vorwarfen, römische Bürger ohne Gerichtsurteil hingerichten zu haben. Diese Tatsache führte 58 v.Chr. durch eine entsprechende Beschlußvorlage des Volkstribunen Clodius zu Ciceros Verbannung.

Vor dem durch diese Ereignisse mit neuem Selbstgefühl erfüllten Senat10 vermochte der zurückgekehrte Pompejus, seine Truppen hatte er bereits bei der Landung in Italien entlassen, die Anerkennung seiner Neuordnung im hellenistischen Osten und die Landversorgung seiner Veteranen nicht durchzusetzen. Die politische Lage änderte sich jedoch im Jahr 60 v.Chr. mit der Rückkehr Caesars aus der Provinz Hispania ulterior, wo er als prokonsularischer Statthalter zu reicher Beute gelangte, was seine Aussichten bei der Konsulatsbewerbung für das kommende Jahr begünstigen sollte.11 Zwar erlangte Caesar im Jahr 59 v.Ch. zusammen mit Marcus Calpurnius Bibulus das Konsulat, doch erkannte er bereits im Vorfeld den starken Widerstand der Senatsaristokratie.12 So entstand auf Casaers Initiative noch vor Antritt seines Konsulats das sog. Triumvirat mit Pompejus, der seine Ziele ebenfalls nicht allein gegen den Senat durchzusetzen mochte, und Crassus, der über die nötigen Finanzierungsmöglichkeiten verfügte und darüber hinaus Steuererleichterungen für die publicani plante. Dieses Bündnis hatte die Durchsetzung der eigenen Interessen zum Ziel und war darüberhinaus auf die langfristige, gemeinsame Machtausübung angelegt, neben der sich die traditionelle Senatsherrschaft immer mehr reduzierte.13

3. Der Politiker Cicero - eine Standortbestimmung

Bereits während seiner Anwaltstätigkeit trat das Ziel Ciceros, eine politische Führungsrolle zu erlangen, deutlich zum Vorschein. Nicht nur seine Vorliebe für politische Prozesse zeugten davon, sondern auch die Tatsache, daß er in seinen Reden akribisch darauf achtete, einflußreiche Kreise der Nobilität nicht zu verletzen.14 Obwohl ein solches Verhalten für einen homo novus nachvollziehbar erschien, schmählert es doch nachhaltig das Bild Ciceros als Politiker, da ihm von vielen Seiten der Vorwurf des Opportunismus entgegenschlägt. Daß Ciceros politisches Handeln dennoch klare Ziele verfolgte, wird spätestens durch sein Werk De re publica deutlich, in dem er seine Vostellung vom Staatsmodell der Römischen Republik darlegt, die eine Mischung aus Monarchie, Aristokratie und Demokratie darstellt.15 Der lateinische Wortlaut,"(...), regali et optumati et populari,(...)" macht deutlich, daß Cicero damit in erster Linie die concordia ordinum, die Einheit der Stände anstrebte, also zwischen Ritterschaft und optimatischen sowie popularen Senatsmitglieder, denn in ihrer Zerstrittenheit sah Cicero die Wurzel allen Übels. Mit der Verurteilung der Catilinarier glaubte er zunächst dieses Ziel erreicht zu haben, doch beschränkte sich die Einheit hier auf die gemeinsamen Staatsfeinde, so daß sich diese Vermutung als schwerer Irrtum erwies und Cicero für die Tat, für die er zunächst den Titel pater patriae 16 erhiehlt, schließlich mit der Verbannung gestraft wurde.

Eine moralische Erneuerung der führenden Kreise war Vorraussetzung für eine Verbeserung der zerrütteten politischen Verhältnisse.17 Später steigert er diese Vorstellung zum consensus populi romani, dem Zusammenschluß aller staatstreuen Bürger18 (wörtl. ,,Zusammenschluß römischer Bürger", [R.B.]) und schließlich zum consensus omnium bonorum, dem Zusammenschluß aller staatserhaltenden Kräfte19 (wörtl. ,,Zusammenschluß aller Guten", [R.B.]). Christian Habicht bezeichnet Ciceros politische Linie als einen republikanischen Konservatismus, der frei von Dogmatismus war.20

Es liegt auf der Hand, daß es daher nicht einfach ist Cicero einem politischen Lager zuzuordnen. Doch gilt Cicero, nachdem seine Ansichten bis zur Auseinandersetzung mit Catilina eher popular gefärbt waren21, als optimatischer Politiker und rechnet sich zur Nobilität, wobei die Begriffe optimatisch und popular nicht mit moderneren

Vorstellungen von Begriffen wie aristokratisch oder demokratisch in Verbindung gebracht werden dürfen, da sie lediglich darüber Auskunft geben, ob sich ein Politiker bei der Durchsetzung seiner Ziele mehr auf den Senat oder die Volksversammlung stützte.22

Cicero unterschied sich von zahlreichen Optimaten dadurch, daß er nicht nach persönlichen Vorteilen strebte, sondern der Kampf für die Republik sein Handeln bestimmte. Das Bild eines Mitglieds einer habgierigen, korrupten und moralisch verfallenen optimatischen Herrscherclique traf auf ihn nicht zu. Doch frei von Makel war auch er nicht. Sein wohl größter Fehler bestand darin, daß er stets der unangezweifelten Selbstüberzeugung erlegen war, alles zu kontrollieren und jeden in seinem Sinne lenken zu können.23 Auch nach seinem Konsulat sah er in sich die einzig kompetente Kraft zur Staatsführung. So zögerte Cicero selbst auch nicht, obwohl er immer konsequent darin war, alle Abweichungen von der Verfassung zu verdammen24, außerhalb der Legalität zu operieren, wenn es nur der Erhaltung der Republik dienlich war.25 Daß Bescheidenheit keine der Tugenden Ciceros war, wird auch dadurch deutlich, daß Cicero nicht nur als größter Redner Roms galt, sondern sich auch selbst dafür hielt.26

Daß Ciceros politische Erfolge bescheiden blieben, obwohl er bereits zu seiner Zeit zum Inbegriff der Republik wurde, ist in erster Linie auf die starke Führungsposition Caesars zurückzuführen. Im folgenden soll Ciceros Verhältnis zu den führenden Politikern seiner Zeit kurz dargestellt werden.

3.1. Cicero im politische Kräftefeld

Als es im Jahr 66 v.Chr. zur Abstimmung eines Antrags des Tribunen Gaius Manilius für ein außerordentliches Kommando für Pompejus zur baldigen Beendigung des Dritten Mithridatischen Krieges kam, unterstützte Cicero den Antrag in seiner Rede De lege Manilia. Die Optimaten wandten sich in der Regel gegen die Vergabe außerordentlicher Kommandos. Obwohl bei dieser Entscheidung viele von ihnen für den Antrag stimmten, irritierte das Verhalten Ciceros.27 Seine Entscheidung muß hier im Zusammenhang mit dem in naher Zukunft angestrebten Konsulat gesehen werden. Schließlich war der Antrag sehr populär und brachte Cicero zudem die Dankbarkeit des mächtigen Pompejus ein.28 Die sollte ihm später noch von Nutzen sein als Pompejus sich für seine Rehabilitierung stark macht.

Bei der Bewerbung um das Konsulat im Jahr 63 v.Chr. konnte sich Cicero gegen seine Konkurrenten Lucius Sergius Catilina und Gaius Antonius ohne größere Probleme durchsetzen, da beide über einen recht zweifelhaften Ruf verfügten. Beide wurden jedoch von Caesar und Crassus unterstützt.

Das Konsulat Ciceros begann mit einer starken Auseinandersetzung über die Vorlage des Volkstribunen Servillius Rullus für ein neues Siedlungsgesetz (lex agraria). Cicero wendete sich gegen den Gesetzentwurf, der eine zehnköpfige Kommission mit weitreichenden Vollmachten zur Landverteilung über fünf Jahre vorsah, da er darin ein gefährliches Komplott einiger weniger, unter anderem auch Caesar und Crassus vermutete. Ob dies stimmt sei dahingestellt. Deutlich wird jedenfalls erneut Ciceros Opposition zu Caesar, als stärksten popularen Vertreter und Crassus. Für die angestrebte Kommission wäre die Bewerbung in absentia 29 verboten gewesen, so daß Pompejus, der zu jener Zeit die Neuordnung im Osten vorantrieb, keine Möglichkeit auf ein solches Amt zuteil geworden wäre.30 Cicero handelte also erneut im Sinne des Pompejus.

In der Verhandlung über das Schicksal der sog. Catilinarier am 5. Dezember 63 v.Chr. wandte sich Caesar im Gegensatz zu Cicero gegen die ultima poena 31 und plädierte für lebenslange Haft. An dieser Stelle sei nochmals auf die Unterstützung Caesars bei Catilinas Konsulatsbewerbung hingewiesen.

Die ersten Vorwürfe gegen Cicero erhob der neue Volkstribun Metellus Nepos, ein Vertrauter des Pompejus. Sein Hauptanliegen war, für Pompejus ein außerordentliches Kommando gegen den in Etrurien in Waffen stehenden Catilina zu erwirken. Trotz Unterstützung Caesars scheiterte das Vorhaben, da die Nobilität sich weitestgehend hinter Cicero gestellt hatte.32

Die hier bereits zu erkennende Erstarkung der Senatsaristokratie, insbesondere durch das Konsulat Ciceros33 und die damit verbundene Bewältigung der Catilinarischen Verschwörung, in der Cicero, nunmehr Symbol optimatischer Standfestigkeit, auch nach seinem Konsulat noch eine führende Position zukam34, und das gleichzeitige ´in die Schranken weisen` einzelner popularer Größen, wie Pompejus und Caesar wurde besonders von Cicero als Rehabilitation des republikanischen Systems interpretiert. Dies sollte sich als falsch herausstellen, da gerade Caesar in dieser Konstellation die Notwendigkeit einer Machtbasis, wie sie bald darauf das Triumvirat bot, erkannte. Cicero schien in dieser Zeit, blind vor egozentrischen Staatsretter-Allüren, den Blick für die wirklichen Gefahren verloren zu haben. Seine Überheblichkeit brachte ihm auch in den eigenen Reihen starke Kritik ein.

Viele politische Gegner Ciceros hegten dennoch großes Ansehen und umwarben ihn. So bot Caesar ihm den Beitritt zum Triumvirat an. Mit seiner Ablehnung kränkte Cicero auch Pompejus. Mit dem dritten Triumvirn, Crassus, verband Cicero bereits seit langem eine tiefe Feindschaft.35 Während des Konsulatsjahres Caesars war Cicero politisch weitestgehend isoliert und sprach nur selten im Senat. Für einen verbalen Angriff auf die Triumvirn während einer Verteidigungsrede büßte Cicero schwer. Mit Hilfe von Caesar und Pompejus erlangte ein alter Feind Ciceros, nämlich Clodius, das Amt des Volkstribunen. Unter dem Konsulat zweier Vertrauter der Triumvirn, Lucius Calpurnius Piso und Aulus Gabinius, im Jahr 58 v.Chr. brachte Clodius das bekannte ´Ächtungsgesetz` ein, das am 20. März angenommen wurde.

4. Die Rückkehr aus der Verbannung

Die ersten Versuche des Senats, über Ciceros Rückberufung zu beraten, wurden bereits am 1. Juni 58 v.Chr unternommen, scheiterten jedoch am Terror des Clodius. Auch eine Volksversammlung im Januar 57 v.Chr, die sich mit dem Problem befaßen sollte, konnte durch die Banden des Clodius erfolgreich verhindert werden.36 In Rom bestimmten zu jener Zeit Chaos und Straßenkämpfe das Stadtbild, da es Demagogen wie Clodius gelang, eine immer größere Klientel für sich zu gewinnen Der Politik der Triumvirn stand eine in sich zerstrittene optimatische Opposition gegenüber, die nur wenig zu bewirken vermochte, obgleich die Macht des Triumvirats nur noch auf schwachen Beinen stand. Caesar weilte bereits das zweite Jahr als erfolgreicher Feldherr in Gallien, was zunehmend den Neid seiner Verbündeten, besonders des Pompejus, erweckte. Das Verhältnis zwischen Pompejus und Crassus, dem Clodius sehr nahe stand, wurde darüber hinaus durch die Rückführung des ägyptischen Königs belastet. Manfred Fuhrmann beschreibt die Situation in Rom als ,,(...) ein von Obstruktion und Intrigen erfülltes Panorama (...): optimatische Cliquen, Pompeius, Crassus, Cicero, der vom Staat gefütterte Pöbel und seine Anführer - sie alle kochten je für sich ihr Süppchen, ohne noch zu ahnen, daß die Zukunft Roms von den Entschlüssen des in Gallien weilenden Caesar abhängen werde."37

Am vierten August des Jahres 57 v.Chr. konnte schließlich, unter starker Mithilfe des Pompejus, die Aufhebung der Ächtung durchgesetzt werden. Einen Monat später zog Cicero, begleitet vom Jubel der begeisterten Bevölkerung, in Rom ein.

4.1. Die Wende in Ciceros Politik

Im Herbst 57 v.Chr. brach in Rom die Getreideversorgung zusammen, was unbestritten eine Folge der lex frumentaria war. Jenes sehr populäre Gesetz hatte Clodius während seines Volkstribunats im Jahr zuvor durchgesetzt und sah die kostenlose Abgabe von Getreide an Bedürftige vor. Clodius aber wies alle noch so offensichtliche Schuld von sich und machte die Volksmassen, die zu Ciceros Rückkehr gekommen waren und somit auch Cicero selbst, für die Not verantwortlich.38

Mit der Getreideversorgung Roms wieder zu gewährleisten, sollte Pompejus für fünf Jahre mit einem imperium proconsulare aequum et infinitum ausgestattet werden. Cicero unterstützte dieses Vorhaben und ergriff auf diese Weise deutlich Partei für die Triumvirn. Doch obwohl das Handeln Ciceros befremdlich wirkte, darf das noch nicht unbedingt als Wende angesehen werden, wie es beispielsweise bei Mommsen geschieht,39 da das Verhältnis zwischen Pompejus und Cicero immer ein besonderes war und seine Unterstützung daher nicht unbedingt mit der Unterstützung der Triumvirn gleichgesetzt werden kann. Einige Historiker vermuten hier gar einen Versuch Ciceros, Pompejus zu den Optimaten herüberzuziehen, um so eine Schwächung Caesars zu erlangen, denn ,,Die cura annonae sollte Pompejus veranlassen, wenigstens zeitweise Rom zu verlassen [zum Getreideerwerb;R.B.], um Caesar ohne dessen Rückendeckung wegen Kompetenzüberschreitung vor Gericht stellen zu können."40 Aus einem Brief Ciceros an seinen Freund Atticus geht sehr deutlich hervor, daß Ciceros Antrag nicht etwa unverhältnismäßig weitreichende Kompetenzen für Pompejus forderte, sondern im Gegenteil eine gemäßigte Alternative zu einem zweiten Antrag des Messius darstellte, der noch viel weitgehendere Rechte für Pompejus vorsah.41 Anzeichen dafür, daß Cicero widerwillig oder unter Druck gehandelt habe, finden sich in dem Schreiben nicht.

Habicht stuft Ciceros Verhalten als Racheakt gegen die untätigen Optimaten ein, wobei er gleichzeitig seinen politischen Führungsanspruch nach der Rückkehr herauszustellen beabsichtigte.42

Das hier noch nicht der Wendepunkt anzusetzen ist, wird nicht nur spätestens im März 56 v.Chr. deutlich, als Cicero im Rahmen seiner Verteidigung des Sestius starke Kritik an der lex Vatinia übte, die Caesar zu seiner außerordentlichen Machtstellung verholfen hatte, sondern auch als auf seinen Antrag hin am 15. Mai die Frage des ager Campanus, wie die lex Vatinia ein weiteres Gesetz das als lex Iulia agraria unter Caesars Konsulat durchgesetzt wurde, neu erörtert werden sollte. Hier vertrat Cicero eindeutig die Seite der Optimaten, die zu einem Großteil sämtliche Gesetze des Jahres 59 v.Chr für nichtig hielten, doch war es auch das letzte Mal, daß Cicero öffentlich Opposition gegenüber den Triumvirn bezog, insbesondere gegenüber Caesar, der die Ereignisse zum Anlaß nahm, den Zusammenhalt der Triumvirn neu zu formieren und die Differenzen zwischen ihnen zu beseitigen. Wird dieser Antrag Ciceros als Auslöser für Luca betrachtet, aus der die Triumvirn zweifellos erstarkt hervorgingen, so bietet die Frage nach der Zukunft des Triumvirats ohne Ciceros Offensive und somit ohne Luca Raum für interessante Spekulationen. Die Erneuerung des Triumvirats noch im April 56 v.Chr., auf dessen Inhalte hier nicht näher eingegangen werden soll, beendete Ciceros eigenständige Politik. So erschienen im Auftrag der Dreimänner bei Cicero und anderen führenden Senatsmitgliedern schon bald darauf Boten, die von einer Politik gegen sie dringend abrieten. Leider ist über dieses Vorkommnis, dem für Ciceros weiteren Weg eine zentrale Bedeutung zukommt, nicht mehr bekannt (z.B. Drohungen o.ä.), lediglich daß jener Bote Pompejus Vertrauensmann L. Vibullius Rufus war.43 Die Debatte über den ager Campanus fand daraufhin nicht statt. Bei Gelzer findet sich außerdem ein interessanter Hinweis, daß Ciceros Bruder Quintus vor Pompejus eine Art Bürgschaft für dessen wohlwollendes Verhalten übernommen habe, unter der Erinnerung an Pompejus Einsatz vor Caesar für seine Rückberufung.44

Erneut wendete sich Ciceros Engagement gegen ihn selbst. Wie bereits sein Eifer gegen die Catilinarier ihm die Verbannung bescherte, so hatte er diesmal, kaum ein halbes Jahr wieder aktiv an der Politik beteiligt, erneut ´den Bogen überspannt`, und somit seine Gegner zu Gegenmaßnahmen veranlaßt, seinen Handlungsrahmen einzuschränken - eine Tatsache die als Erklärungsansatz für Ciceros weiteres Verhalten bisher nur ungenügend beachtet worden ist.

4.2. Politik nach Luca

Daß Cicero nun offen die Politik der Triumvirn unterstütze wird bereits im Mai in seiner ganzen Reichweite deutlich, als er den Antrag zur Bewilligung von zehn weiteren Legaten, sowie der Bezahlung von zwei weiteren Legionen, die Caesar eigenmächtig aufgestellt hatte, einbrachte - Forderungen, die er selbst zuvor noch entschieden abgelehnt hatte.45

Nur einen Monat später, im Juni 56 v.Chr., wurde über die Provinzen beraten, in denen die Konsuln des kommenden Jahres nach Ablauf ihrer Amtszeit, das Prokonsulat übernehmen sollten. Auch hier setze sich Cicero vehement für Caesars Interessen ein, indem er sich für die Provinzen Syrien und Makedonien und gegen die beiden Gallien aussprach.

Die Lage stellte sich wie folgt dar: Die Konsuln des Jahres 58 v.Chr., A.Gabinius und L.Calpurnius Piso, führten in Syrien und Makedonien eine sehr eigennützige Statthalterschaft, was aber nicht ungewöhnlich war, während die Provinzen Gallia ulterior und Gallia citerior unter Caesars Prokonsulat zusammengefaßt waren. Die Ablösung von Gabinius und Piso mußte für Cicero eine Genugtuung darstellen, da beide an seiner Verbannung maßgeblich beteiligt waren. Die Beendigung von Caesars Statthalterschaft hingegen hätten seinen Gallienfeldzug erheblich gefährdet, was nicht dem Staatsinteresse entsprechen konnte. Zudem hätte eine Absetzung Caesars eine Verlängerung seines Prokonsulats um weitere fünf Jahre, was in Luca beschlossen wurde, Cicero aber nicht wußte46, erheblich erschwert. Eine Zwischenlösung aus einem der beiden Gallien und einer der anderen beiden Provinzen fand nur wenig Befürworter.

Ciceros Beweggründe sind in seiner Rede De Provinciis Consularibus ausführlich dargelegt. Sie gilt unter Historikern als Rechtfertigung für seinen Kurswechsel. Hier erläuterte er, warum Piso und Gabinius unbedingt abberufen werden müßten47, welche Gründe einer Abberufung Caesars im Wege stünden48 und warum sein Vorschlag durchaus dem Staatsinteresse entspräche. Darüberhinaus ging er ausführlich auf sein Verhältnis zu Caesar ein.49 Bereits zu Beginn der Rede griff Cicero sein Verhältnis zu Gabinius und Piso auf und wies daraufhin, ,,(...) den besonderen, mich pers ö nlich peinigenden Stachel der Emp ö rung (...) von meinem [Ciceros; R.B] Antrag fern [zu] halten (...)."50 Dennoch konnte er im folgenden seine Abscheu gegen die verbrecherischen Statthalter nicht vorenthalten. So beschränkte sich Ciceros Argumentation für Makedonien und Syrien auf den Tadel ihrer Prokonsuln und entbehrte sachliche Motive weitestgehend. Einem Zuhörer schien dies nicht entgangen zu sein. Er behauptete, Cicero hätte keinen Grund Gabinius mehr zu hassen als Caesar, da er an seiner Verbannung ebenso beteiligt gewesen sei.51 Diese Bemerkung war sehr treffend, so daß Cicero diesen Einwand aufgriff und argumentierte, daß er sich eben aus diesem Grund in seiner Entscheidung nur vom Staatswohl leiten lassen könne.52

Bei einer objektiven Betrachtung des Problems, isoliert von jeglichen politischen und persönlichen Sympathien oder Antipathien, konnte eine allein unter der Priorität des Staatswohls getroffene Entscheidung nur auf die Provinzen Syrien und Makedonien fallen. Schließlich war es aus der Sicht Roms relativ belanglos, wer in diesen Provinzen die Statthalterschaft ausübte, während ein Austausch in Gallien, aufgrund der noch unzureichend geordneten Verhältnisse, neben einer Machteinbuße für Caesar unter Umständen auch zu einer massiven Gefahr für das römische Reich hätte führen können. Aus diesem Grund war Ciceros mehrmals angebrachtes Argument, sich vom Staatswohl leiten zu lassen, durchaus gerechtfertigt. So entsprach diese Entscheidung aus der derzeitigen Situation durchaus dem Staatsinteresse, den die falschen Entscheidungen, die Caesar in die Position hoben, die nun eine Argumentation in seinem Sinne erforderlich machten, waren bereits im Jahr 59 v.Chr. gefallen. Doch ist es nicht unbedingt diese Entscheidung an sich, die Cicero als Überläufer ´brandmarkte`, sondern viel mehr die anschließende Beschreibung seines Verhältnisses zu Caesar, daß er als ,,(...) freundschaftlich miteinander verbunden (...)"53 bezeichnete, begleitet von zahlreichen Lobpreisungen auf seine großen Taten, die einen Kurswechsel vermuten läßt. So erwähnte Cicero lobend Caesars große Eroberungen und seine Wohltaten für den Staat, ging aber nicht darauf ein, daß Caesar seinen Gallienfeldzug eigenmächtig und ohne besonderen Auftrag begonnen hatte. Ebensowenig ging Cicero auf die zweifelhafte Machtgrundlage und die lähmenden Auswirkungen des Triumvirats auf die römische Politik ein, wie er es beispielsweise noch im März, während der Verteidigung des Sestius getan hatte. Caesars Vorgehen, ihm durch Clodius entgegenzuwirken, bagatellisierte er und verwies gleichzeitig auf Caesars Wohlwollen bei seiner Rückberufung.54

Interessant ist eine Formulierung Ciceros, in der er von seiner ,,(...) fr ü heren Politik (...)"55 spach, was eindeutig einen von da an geänderten Kurs impliziert. An anderer Stelle verwies Cicero auf sein Verhalten einen Monat zuvor, als es um weitere Legaten für Caesar ging. Hier hob er sein Verhalten lobend hervor, schließlich dürfe ,,(...) der Glanz und die Gro ß artigkeit seines [Caesars;R.B.] Triumphes (...) nicht durch Sparsamkeit von unserer Seite beeintr ä chtigt werden. (...). Auch bei dieser Gelegenheit konnte jeder meinen [Ciceros;R.B.] Ausf ü hrungen entnehmen, da ß ich das, was ich im Interesse des Staates vorschlug, reichlicher bema ß , um die Person Caesars zu w ü rdigen."56 Was Cicero wirklich über dieses Verhalten dachte, schrieb er Ende Juni 56 v.Chr seinem Freund Atticus. Darin erschien Cicero ,,(...) diese Palinodieeine recht schm ä hliche Angelegenheit (...); aber ade ihr geraden, ehrlichen, anst ä ndigen Beschl ü sse !"57 So wird aus dem Schreiben zwar deutlich, daß Cicero mit seiner neuen politischen Rolle, der er sich durchaus bewußt schien (,, Doch mit voller Absicht habe ich mich auf diese neue politische Bindung festgelegt,(...).")58, durchaus nicht in dem Maße einverstanden war, wie es die Rede vermuten ließ, doch Gründe die Aufschluß darüber geben, warum sich Cicero bereits wenige Wochen nach Luca so entschieden für die Ziele Caesars und gegen seine eigene Überzeugung eingesetzt hatte, finden sich dort nicht. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß die in Luca getroffenen Vereinbarungen der Triumvirn auch Cicero unbekannt waren.

In dem selben Schreiben übte Cicero scharfe Kritik an den Optimaten, tadelte ihre Unzuverlässigkeit und Inkompetenz und hob seine persönliche Distanzierung von ihnen hervor. ,, Wo die, die nichts verm ö gen [Optimaten; R.B.], mich nicht lieben wollen, will ich mich um die Gunst derer, die etwas verm ö gen, bem ü hen."59 Die Rede De Provinciis Consularibus spart diese optimatische Kritik ebenfalls nicht aus. So zeigte sich Cicero besonders über jene Optimaten enttäuscht, zu denen er im übrigen auch Hortensius zählte, die zwar die Rechtmäßigkeit der julischen Gesetze anzweifelten, nicht aber jenes über seine Verbannung.60 Diese Ausführungen und andere Stellen des Atticus-Briefes, die Ciceros zwiespältiges Verhältnis zu den Optimaten dokumentieren, lassen durchaus Rachegedanken Ciceros gegenüber seinen ehemaligen Mitstreitern als Motiv für sein Verhalten vermuten. Doch widerspräche es Ciceros Wesen, sein politisches Wirken von solch niederen Instinkten leiten zu lassen.

Dennoch macht der Brief deutlich, daß Ciceros Rede weniger seine wahren Beweggründe beinhaltet, sondern zu dem Zweck, ein politisches Ziel zu erreichen, nämlich die Ablösung von Gabinius und Piso, konstruiert worden ist. Aus diesem Grunde sollte in erster Linie das politische Ziel der Rede im Bezug zu Ciceros Kurswechsel betrachtet werden und ihr Inhalt lediglich unter Vorbehalt. Das das Ziel der Rede durchaus dem Staatswohl entsprach, ist bereits dargelegt worden. Zudem gestand Cicero seinen Kurswechsel niemals öffentlich ein.61

Ciceros weiteres Handeln im Dienste der Triumvirn vollzog sich weniger als Senator, da er es unter den gegebenen Umständen vorzog, sich etwas mehr zurückzuziehen. In einem Brief an Atticus schilderte er seine Lage wie folgt: ,, Aber ich - sage ich in der politischen

Debatte, was sich geb ü hrt, erkl ä rt man mich f ü r verr ü ckt, sage ich, was zweckm äß ig ist, gelte ich als Knecht; schweige ich, so hei ß t es, ich sei gefangen und geknebelt. Kannst Du Dir vorstellen, wie schmerzlich das f ü r mich sein mu ß ? (...) Also werde ich zum Handlanger, (...). Es bleibt mir nichts anderes ü brig: (...)."62 Doch auch an dieser Stelle findet sich kein Hinweis, warum ihm nichts anderes übrigbleibt, als die ganze Zeit gegen seine Überzeugung zu handeln. Sicherlich wäre eine Opposition Ciceros gegen Caesar wenig effektiv gewesen, da es wahrscheinlich ist, daß die Triumvirn ihn erneut auf irgendeine Weise aus dem Weg zu räumen versucht hätten. Doch auch ganz davon abgesehen waren die Vorraussetzungen für eine oppositionelle Politik mit dem Ziel einer stabilen, friedfertigen Staatsordnung denkbar schlecht. Doch auch dies kann nicht als Begründung dienen, für eine solch massive Unterstützung in einer Situation, in der Mäßigung oder Neutralität als zweckmäßiger erscheinen mögen. Erneut drängt sich der Eindruck auf, als werde in irgendeiner Weise Druck auf Cicero ausgeübt, dem sich zu widersetzen so entsetzliche Folgen nach sich zöge, daß sie einen derartigen Gesichtverlust rechtfertige. Durchaus vorstellbar wäre dieser Druck von Seiten des Clodius, der in der Vergangenheit bereits des öfteren sein Leben und sein Eigentum bedrohte.63 Daß diese Bedrohung über Jahre auch weiterhin bestand, belegt ein Brief, den Cicero erst im Sommer des Jahres 54 v.Chr. verfaßte. Hier verwies er auf seinen kranken Sohn, der die Befürchtung hegte, sein Vater könne Anstoß bei Clodius erregen.64

Und so erwies er den Machthabern als Anwalt weiterhin treue Dienste. Im Herbst des Jahres 56 v.Chr übernahm er die Verteidigung von C.Cornelius Balbus, einem treuen Agenten Caesars, sowie von Canninius Gallus, dem er in früheren politischen Debatten oft als Gegner gegenübergestanden hatte. Als Höhepunkt seines Kurswechsels wird Ciceros Verteidigung von P.Vatinius und A.Gabinius gegen Ende des Jahres 55 v.Chr. angesehen. Den zu erwartenden Freispruch, den er für Gabinius erwirkte, kommentierte er gegenüber Atticus mit den Worten ,, Gl ä nzend! Ich bin darin ganz zufrieden mit mir."65, doch die weiteren Zeilen lassen den Zynismus erkennen, der in diesen Worten liegt. So heißt es ,,(...) nicht nur allen Saft und alle Kraft haben wir verloren, selbst die Farbe und das fr ü here Gesicht des Staates sind dahin! Es gibt kein Gemeinwesen mehr, an dem ich mich freuen, mit dem ich mich tr ö sten k ö nnte.(...) es riecht ein wenig nach Diktatur; (...)."66 An anderer Stelle des Briefes kündigte er seinen Rückzug zu wissenschaftlichen Studien an, zu seiner ersten schriftstellerischen Periode.

Zusammenfassung

Die Untersuchung hat gezeigt, daß Ciceros Möglichkeiten nach seiner Rückkehr aus der Verbannung, Einfluß auf die politischen Gegebenheiten in Rom zu nehmen, äußerst schwierig waren. Der übermächtigen Herrschaft der Triumvirn stand eine zerstrittenen optimatischen Front gegenüber. Bereits der erste Versuch Ciceros mit einer Debatte über den Ager Campanus wieder einen geschlossenen optimatischen Kurs gegen die Herrschenden zu formieren, wurde nicht nur im Keim erstickt, sondern führte ihm darüber hinaus deutlich vor Augen, daß ein solcher Kurs unter den neuen, aber doch bereits festen Machtstrukturen nicht möglich war. Eine weitere Verfolgung dieser Politik hätte ihm unweigerlich neue Fesseln eingebracht. Wenn er Caesar auch den Beitritt zu ihrem Bund verweigert hatte, so durfte er sich dennoch nicht ihren Regeln widersetzen. Cicero erkannte diese Situation schon bald als politische Realität an und mußte sich eingestehen, daß es derzeit keine Führungsalternative zum Triumvirat gab. Die Auswertung des Quellenmaterials hat umfangreichen Aufschluß über Ciceros Einstellung zu dieser politischen Realität gegeben. So ist deutlich geworden, daß es ihm widerstrebte, so zu handeln, da es nicht mit seiner Vorstellung von der concordia ordinum in Einklang stand. Dennoch setzte er sich mit aller Kraft für die Ziele der Triumvirn ein, wobei anzumerken ist, daß einige Dinge für die Cicero im Namen der Dreimänner Partei ergriff und was von Historikern noch heute getadelt wird, durchaus dem derzeitigem Staatsinteresse entsprachen. Eine konsequente Politik gegen die Triumvirn ohne Rücksicht auf das Staatsinteresse wäre nicht mit weniger Vorwürfen geahndet worden.

Dennoch wird immer wieder deutlich, daß Cicero unter einem Zwang handelte, dem wie es scheint, er sich nicht zu entziehen vermochte und der eine neutrale oder gemäßigte Haltung ausschloß. So äußerte er in vielen Schreiben an Atticus Unzufriedenheit mit seiner Situation, während er in der Öffentlichkeit immer wieder den verzweifelten Versuch unternimmt, sein Eintreten für Caesar als durchaus konform mit den von ihm propagierten Staatsidealen darzustellen. Auch in der Untersuchung der Quellen wurde dieser Kontrast zwischen intimem Brief und öffentlicher Rede deutlich. Das Mißlingen dieses Spagats führte später zu seinem Rückzug aus der Politik.

Die untersuchten Quellen schweigen sich über präzise Motive ebenso aus, wie die herangezogene Literatur. Doch waren es sicherlich weniger Rachegedanken an den Optimaten, die Ciceros Handeln bestimmten, wie es in der Literatur noch häufig vorzufinden ist. Die wahren Motive sind vielmehr in einer Bedrohung der Sicherheit Ciceros zu vermuten, wie sie etwa durch die Umtriebe des Clodius gegeben war oder aber aus einer in der Literatur meist nur angesprochenen Bürgschaft seines Bruders Quintus oder einem direkten, bisher nicht bekannten Druck durch die Triumvirn resultieren könnte.

So bietet dieser Gegenstand auch in Zukunft durchaus noch Anlaß zu weiteren, umfangreichen Quellenuntersuchungen, die den Rahmen dieser Arbeit sicherlich gesprengt hätten.

Gedruckte Quellen

Cicero, Marcus Tullius. Sämtliche Reden, Bd.6. Eingel. übers. u. erl. v. Manfred Fuhrmann, Zürich 1980.

Cicero, Marcus Tullius: Der Staat, hrsg. u. übers. v. Karl Büchner, 4. Aufl., München, Zürich 1987.

Cicero, Marcus Tullius: Atticus-Briefe. Lat./dt., ed. v. Helmut Kasten. 2.Aufl., München 1976.

Plutarch: Fünf Doppelbiographien, 2. Teil, griech.-dt., übers.v. Konrat Ziegler u. Walter Wuhrmann, ausgew.v. Manfred Fuhrmann, Zürich 1994.

Literatur

Bellen, Heinz: Grundzüge der römischen Geschichte. Erster Teil. Von der Königszeit bis zum Übergang der Republik in den Prinzipat. Darmstadt 1994.

Bleicken, Jochen: Geschichte der Römischen Republik. 3.Aufl., München 1988 (Oldenbourg-Grundriss der Geschichte, Bd.2).

Christ, Karl: Krise und Untergang der Römischen Republik. 3.Aufl., Darmstadt 1993.

Fuhrmann, Manfred: Cicero und die römische Republik. Eine Biographie. 2.Aufl., München, Zürich 1990.

Gelzer, Matthias: Cicero, ein biographischer Versuch. Wiesbaden 1969.

Giebel, Marion: Marcus Tullius Cicero. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek b. Hamburg 1977.

Habicht, Christian: Cicero der Politiker. München 1990.

König, Ingemar: Der römische Staat. Teil I. Die Republik. Stuttgart 1992.

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd.4, München 1976. (Originalausgabe: Leipzig 1854-1856).

Meier, Christian: Ciceros Consulat. In: Cicero - ein Mensch seiner Zeit. Acht Vorträge zu einem geistesgeschichtlichen Phänomen, hrsg. v. Gerhard Radke, Berlin 1968, S.61- 116.

ders.: Die Ohnmacht des allmächtigen Dictators. Drei biographische Skizzen. Frankfurt a.M. 1980.

[...]


1 Cic. rep.

2 Giebel, Marion: Marcus Tullius Cicero. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek b. Hamburg 1977, S. 15.

3 Habicht, Christian: Cicero der Politiker. München 1990, S. 19.

4 Bellen, Heinz: Grundzüge der römischen Geschichte. 1. Teil. Von der Königszeit bis zum Übergang der Republik in den Prinzipat. Darmstadt 1994, S.120.

5 Bleicken, Jochen: Geschichte der römischen Republik. 3. überarb. Aufl., München 1988 (Oldenbourg-Grundriss d. Gesch., Bd.2), S. 76.

6 ebda., S.39.

7 Bleicken, Jochen: a.a.O., S.78.

8 Meier, Christian: Ciceros Consulat. In: Cicero - ein Mensch seiner Zeit. Acht Vorträge zu einem geistesgeschichtlichen Phänomen, hrsg. v. Gerhard Radke, Berlin 1968, S.66.

9 Bellen, Heinz: a.a.O., S. 124.

10 Christ, Karl: Krise und Untergang der Römischen Republik. 3. Aufl., Darmstadt 1993, S. 284.

11 ebda., S.287.

12 Die Bitte Caesars, auf die Anwesenheitspflicht bei der Konsulatsbewerbung zu verzichten wurde im Vorfeld vom Senat abgelehnt. Eine weitere Provokation des Senats war die Abgrenzung der staatlichen Waldungen und Triftwege in den späteren prokonsularischen Provinzen. In: Christ, Karl: a.a.O., S.288f.

13 ebda., S.290.

14 Habicht, Christian: a.a.O., S.32.

15 "Statuo esse optume constitutam rem publicam, quae ex tribus generibus ilis, regali et optumati et populari, (...)", in: Cic. rep.

16 Vater des Vaterlandes [R.B.]

17 Giebel, Marion: a.a.O., S.47.

18 ebda., S.61.

19 ebda., S.21.

20 Habicht, Christian: a.a.O., S.106.

21 Bleicken, Jochen: a.a.O., S.80.

22 Giebel, Marion: a.a.O., S.15.

23 Habicht, Christian: a.a.O., S.58.

24 ebda., S.110.

25 ebda., S.117.

26 Fuhrmann, Manfred: Cicero und die römische Republik. Eine Biographie. 2. Aufl., München, Zürich 1990, S.309.

27 Habicht, Christian: a.a.O., S.41.

28 ebda.

29 In Abwesenheit [R.B.].

30 Habicht, Christian: a.a.O., S.43.

31 Höchste Strafe=Todesstrafe [R.B.].

32 Die Solidarität fand Ausdruck in einem Senatsbeschluß, der vorsah, jeden zum Staatsfeind zu erklären, der eine Bestrafung der für den Tod der Catilinarier Verantwortlichen fordere. In: Habicht, Christian: a.a.O., S.53.

33 Meier, Christian: a.a.O., S.62.

34 In der Senatorenhierarchie war Cicero primus rogatus, der als erster um seine Meinung gefragte. In: ebda., S. 56.

35 Plut. Cic. 33, 8.

36 Fuhrmann, Manfred: a.a.O., S.135f.

37 ebda., S.139.

38 Cic. Att. 4, 1, 6.

39 Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Leipzig 1854-1856, 5, Kap.8, S.317.

40 König, Ingemar: Der römische Staat. Teil I. Die Republik. Stuttgart 1992, S.108f.

41 Cic. Att. 4, 1, 7.

42 Habicht, Christian: a.a.O., S.66.

43 Gelzer, Matthias: Cicero, ein biographischer Versuch. Wiesbaden 1969, S.167.

44 ebda., S. 168.

45 Habicht, Christian: a.a.O., S.69.

46 Gelzer, Matthias: a.a.O., S.177f.

47 Cic. prov. 4-14.

48 Cic. prov. 19-21.

49 Cic. prov. 40-44.

50 Cic. prov. 2.

51 Cic. prov. 18.

52 Cic. prov. 19-20.

53 Cic. prov. 40.

54 Cic. prov. 42.

55 Cic. prov. 41.

56 Cic. prov. 28.

57 Cic. Att. 4, 6(5), 1.

58 Cic. Att. 4, 6(5), 2.

59 Cic. Att. 4, 6(5), 3.

60 Cic. prov. 45.

61 Gelzer, Matthias: a.a.O., S.204.

62 Cic. Att. 4, 7(6), 2.

63 Cic. Att. 4, 3, 2-5.

64 Cic. Att. 4, 18(15), 4.

65 Cic. Att. 4, 20(18), 2.

66 Cic. Att. 4, 20(18), 2.

24 von 24 Seiten

Details

Titel
Marcus Tullius Cicero - Zwischen Verbannung und Prokonsulat
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
PS Alte Geschichte 06107: Caesar und Caesarbild in Antike und Neuzeit
Autor
Jahr
1998
Seiten
24
Katalognummer
V94811
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marcus, Tullius, Cicero, Zwischen, Verbannung, Prokonsulat, Alte, Geschichte, Caesar, Caesarbild, Antike, Neuzeit, Thema Cicero
Arbeit zitieren
Ralf Beunink (Autor), 1998, Marcus Tullius Cicero - Zwischen Verbannung und Prokonsulat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94811

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