Wie können Indien und Pakistan, die offiziell den Status einer Demokratie innehaben, schon vier Mal gegeneinander Krieg geführt haben? Mittels welcher Theorie aus der internationalen Politik kann dieser Befund erklärt werden? Und wie kann es sein, dass zwei Staaten, die seit über 70 Jahren im Konflikt miteinander stehen bis zum heutigen Tag keinen Lösungsansatz gefunden haben?
Seit nunmehr 70 Jahren steht Kaschmir im Mittelpunkt des bilateralen Konflikts zwischen Indien und Pakistan. Bis zum heutigen Tag beanspruchen beide Staaten das gesamte Gebiet für sich, ein Lösungsansatz für den langwierigen Konflikt scheint auch in näherer Zukunft eher aussichtslos. Am 5. August 2019 entzog Indien per Präsidentendekret, mit Kaschmir die Teilautonomie, verankert in Artikel 370 der indischen Verfassung. Kaschmir, welches bis zu diesem Zeitpunkt über eine eigene Verfassung, eine separate Staatsflagge und eine autonome Verwaltung verfügte, verlor all diese Sonderrechte mit sofortiger Wirkung. Die indische Regierung ließ daraufhin harte Maßnahmen folgen. In die ohnehin schon stark militarisierte Region wurden zehntausende weitere Soldaten entsandt und für die gesamte Bevölkerung eine Ausgangssperre verhängt. Kaschmirische Politiker wurden teilweise festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Sämtliche medialen Verbindungen und Kommunikationsmittel, wie Telefon, Internet, Fernsehen und Radio, wurden stillgelegt.
Derzeit ist die Bevölkerung Kaschmirs seit mehr als vier Monaten von der Außenwelt abgeschnitten und die komplette Region befindet sich im Ausnahmezustand. Mittlerweile wurde Kaschmir in zwei Unionsterritorien aufgeteilt, in Ladakh und in Jammu und Kaschmir. Auch an der Waffenstillstandsline, der Grenze zwischen Indien und Pakistan kam es vermehrt zu Unruhen und Auseinandersetzungen. Sollte die Lage in Kaschmir eskalieren könnte dies ein weiteren Krieg zwischen Indien und Pakistan auslösen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Literaturbericht
1.2 Methode der Arbeit
2. Deskription
2.1 Historische Entwicklung des Kaschmirkonflikts
2.2 Die Akteure des Konflikts im Vergleich
3. Der Demokratische Frieden
3.1 Die Variablen des Demokratischen Friedens
3.1.1 Der Demokratiebegriff
3.1.2 Frieden/Krieg
3.2 Der empirische Doppelbefund
3.3 Die liberalen Erklärungsansätze
3.3.1 Die monadische Analyseebene
3.3.2 Die dyadische Analyseebene
3.3.3 Die triadische Analyseebene
4. Analyse und Auswertung des Kaschmirkonflikts im Sinne des Demokratischen Friedens
4.1 Der zweite Kaschmirkonflikt
4.2 Der Bangladesch Krieg
4.3 Der Kargil Krieg
4.4 Gesamtbewertung
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den langjährigen Konflikt zwischen Indien und Pakistan vor dem Hintergrund der Theorie des demokratischen Friedens. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie sich das wiederholte kriegerische Verhalten zweier Staaten, die offiziell als Demokratien gelten, durch die Theorie erklären lässt und ob die Herrschaftssysteme der beteiligten Staaten in direktem Zusammenhang mit den Kriegen stehen.
- Historische Genese des Kaschmirkonflikts
- Theoretische Grundlagen des Demokratischen Friedens (monadische, dyadische, triadische Analyseebene)
- Messung des Demokratiegehalts mittels Polity-Index
- Fallstudien: Zweiter Kaschmirkrieg, Bangladesch-Krieg und Kargil-Krieg
- Analyse der militärischen Interventionen in Pakistan
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Die monadische Analyseebene
Die monadische Analyseebene beschäftigt sich mit der internen Struktur eines Staates und geht von einer generellen Friedfertigkeit von Demokratien gegenüber allen Akteuren im internationalen System aus (vgl. Müller/Wolff 2006: 42).
Der erste Erklärungsansatz, der normativ-kulturelle Erklärungsansatz zielt eher auf die demokratische politische Kultur ab. Die Bürger eines demokratischen Staates teilen die gleichen Werte und Normen und regeln so ihr friedliches Zusammenleben. Im Gegensatz zu Autokratien werden politische Entscheidungen durch Kompromisse und Konsense getroffen. Diese Werte und Normen können auf den Staat als solchen übertragen werden, und werden auch in den internationalen Beziehungen nach außen vertreten. Die Wahrscheinlichkeit eines Konfliktaustrags durch Krieg ist in Demokratien somit sehr gering, da in einem demokratischen System die friedliche Konfliktregelung der Norm entspricht (vgl. Krell/Schlotter 2018: 181). Dies muss jedoch im Fall von neuen Demokratien oder Demokratien mit anderen Erkennungsmerkmalen nicht unbedingt gelten (vgl. Rosato 2003: 586).
Der zweite Erklärungsansatz, der strukturell-institutionalistische Erklärungsansatz geht davon aus, dass die Bürger eines Staates zum einen die Kosten eines Krieges scheuen und zum anderen sonstige Demokratien als friedlich anerkennen. Kriege sind mit erheblichen Ausgaben verbunden und sind für politische Entscheidungsträger einer Demokratie nur im Fall von hohen Gewinnchancen von Interesse, da sie sonst ihre Wiederwahl gefährden würden (vgl. Rauch 2005: 31-37). „Die Langsamkeit und Komplexität demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse verhindert schnelle Kriegshandlungen“ (Rauch 2005: 34) und wird vor allem durch diverse Interessengruppen beeinflusst, was ebenfalls garantiert, dass kriegsbezogene Entscheidungen erst das System der Checks and Balances durchlaufen müssen (vgl. Wagner 2003: 4).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Kaschmirkonflikt und die Fragestellung, wie trotz des Status als Demokratien kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan stattfinden konnten.
2. Deskription: Darstellung der historischen Ursprünge des Kaschmirkonflikts und ein Vergleich der nationalen Indikatoren und politischen Systeme Indiens und Pakistans.
3. Der Demokratische Frieden: Theoretische Herleitung der Variablen Demokratie und Krieg sowie Erläuterung der verschiedenen Analyseebenen (monadisch, dyadisch, triadisch).
4. Analyse und Auswertung des Kaschmirkonflikts im Sinne des Demokratischen Friedens: Anwendung der Theorie auf spezifische Konflikte (Zweiter Kaschmirkrieg, Bangladesch-Krieg, Kargil-Krieg) unter Berücksichtigung des Polity-Index.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Anwendbarkeit der Theorie des demokratischen Friedens auf den untersuchten Konflikt.
Schlüsselwörter
Indisch-Pakistanischer Konflikt, Kaschmir, Demokratischer Frieden, Krieg, Demokratie, Autokratie, Polity-Index, Internationale Politik, Militärputsch, Friedensforschung, Außenpolitik, Gewaltenteilung, Konfliktanalyse, Indien, Pakistan.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den langjährigen Konflikt zwischen Indien und Pakistan unter Anwendung der Theorie des demokratischen Friedens, um zu klären, warum zwei Staaten, die offiziell demokratisch sind, mehrfach Krieg gegeneinander geführt haben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung Kaschmirs, die theoretischen Ansätze des demokratischen Friedens (monadisch, dyadisch, triadisch) sowie die Analyse spezifischer kriegerischer Auseinandersetzungen der beiden Staaten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, ob ein direkter Zusammenhang zwischen den Regierungsformen Indiens und Pakistans und ihrem außenpolitischen Konfliktverhalten besteht und wie die Theorie des demokratischen Friedens diesen Befund einordnen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive historische Analyse sowie eine theoretische Einordnung mittels internationaler Beziehungen. Zudem wird der Demokratiegehalt der Staaten anhand des Polity-Index quantitativ gemessen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Friedensbegriffs und eine detaillierte Fallstudienanalyse von drei bedeutenden Kriegen: der Zweite Kaschmirkrieg (1965), der Bangladesch-Krieg (1971) und der Kargil-Krieg (1999).
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie demokratischer Frieden, Kaschmirkonflikt, Polity-Index, militärische Intervention und politische Institutionen definiert.
Welche Rolle spielt der Polity-Index in dieser Analyse?
Der Polity-Index dient dazu, den Demokratiegehalt von Pakistan und Indien zum Zeitpunkt der untersuchten Kriege messbar zu machen, um zu verifizieren, ob es sich zu diesen Zeitpunkten tatsächlich um funktionierende Demokratien handelte.
Wie erklärt die Autorin den Ausbruch des Kargil-Krieges?
Der Kargil-Krieg wird als Folge schwacher politischer Institutionen und einer Militärintervention durch General Pervez Musharraf gewertet, was die Theorie stützt, dass sich Demokratien in einem Transformationsprozess als besonders kriegsanfällig erweisen können.
- Arbeit zitieren
- Tara Scholz (Autor:in), 2019, Der indisch-pakistanische Konflikt. Demokratischer Frieden oder demokratischer Krieg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948198