Nationalistische Instrumentalisierung des Sports in der Antike und im Nationalsozialismus. Die antike Agonistik als Vorbild der deutschnationalen Volkserziehung


Seminararbeit, 2020

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sport im antiken Griechenland am Beispiel der Olympischen Spiele
2.1. Krieg und Spiele - Die hellenische Agonistik

3. Die Neuentdeckung des Olympischen Gedankens als nationales 7 Prestigeobjekt der europäischen Staaten

4. Die Antike-Rezeption im Dritten Reich
4.1. Hellenen als ,nordische' Vorläufer der Germanen
4.2. Sparta als Archetypus des völkisch-totalitären Rassenstaates

5. Die Bedeutung und Instrumentalisierung von Sport im 17 Nationalsozialistischen Deutschland
5.1. mens sana in corpora sano - Die völkische Leibeserziehung als 17 Mittel zur nationalsozialistischen Machtentfaltung
5.2. panem et cirecenses - Inszenierung von Sport und Antike im 20 NS-Staat am Beispiel der Xl.Olympischen Sommerspiele in Berlin

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine Herren! Letztlich besteht der Mensch nicht nur aus Körper und Seele. Er besteht aus Körper, Geist und Charakter. Die Charakterformung geschieht nicht durch den Geist, sie geschieht in erster Linie mit Hilfe des Körpers. Genau das wussten die Alten. Wir müssen es erst wieder mühsam lernen.1

Vor allem in Diktaturen, ob in der Antike oder in der Gegenwart, ist der Sport Mittel zum Staatszweck, [...] weil der Sport für die körperliche und charakterliche Entwicklung und Bildung junger Menschen eine erhebliche Bedeutung erlangt hat.2

Neben der Annexion von Gebieten wie dem Rheinland und Österreich oder ge­waltsamen Überfällen, wie bspw. im Polenfeldzug, war der Sport für die National­sozialisten - neben der Propaganda - die wirksamste Methode ihre politischen Überzeugungen an möglichst viele Menschen heranzutragen und diese für sich und ihre perfide Ideologie einzunehmen. Es kann demnach nicht verwundern, dass Adolf Hitler trotz seiner anfänglichen Abneigung gegen die Olympischen Spiele, welche er als Erbe der verhassten „liberalistischen, pazifistischen und judenhöri­gen Gesellen“3 der Weimarer Republik ansah, der Überzeugungskraft seines Pro­pagandaministers Joseph Goebbels schlussendlich doch nicht widerstehen konnte. Goebbels überzeugte Hitler davon die XI. Olympischen Spiele in Berlin stattfin­den zu lassen, um der Weltgemeinschaft damit das neue Deutschland4 unter dem Hakenkreuz präsentieren zu können und somit den Herrschaftsanspruch der Na­tionalsozialisten auch vor den Augen des Auslands zu legitimieren. Im Zuge der nationalsozialistischen Herrschaft erfuhr sowohl die Antike als auch der Sport eine positive ideologische Aufwertung und so entlehnte man dem antiken Vorbild der Olympischen Spiele zahlreiche Symbole, Riten und Praktiken, um sich als Nachfolger der alten Hellenen zu stilisieren. Die Nationalsozialisten scheuten we­der Kosten noch Mühen, um sich - unterstützt von Archäologen, Historikern, Pädagogen, Biologen uvm. - genealogisch, anthropologisch, philosophisch und kulturell in eine Linie mit den antiken Griechen setzen zu lassen. Der Rückgriff auf die Antike diente vor allem dazu „dem Dritten Reich eine weltgeschichtliche Dimension zu verleihen, es historisch zu legitimieren und damit zu dauerhafter Herrschaftsstabilisierung beizutragen.“5 Zusätzlich zum nationalsozialistischen Rückgriff auf die Antike in Kunst und Kultur, übernahmen die Nationalsozialisten auch Elemente der antiken Agonistik, um einerseits ihre Herrschaft einerseits nach innen zu stabilisieren und andererseits zur Verwirklichung ihrer kriegerischen Ex­pansionspläne, welche die ganze Welt in einen nie dagewesenen Krieg stürzen und Europa beinahe an den Rand des Abgrundes drängen sollten. Diese Arbeit soll da­her der Frage nachgehen, inwieweit der Sport und die Antike im Dritten Reich für nationalistische Zwecke instrumentalisiert wurden, wobei sich die XI. Olympi­schen Spiele 1936 in Berlin hierbei ganz besonders für eine nähere Betrachtung der Wechselbeziehungen von Sport und Politik eignen, da sowohl der Sport als auch die Antike bei Olympia 1936 in nie da gewesener Weise zu politischen Zwe­cken instrumentalisiert wurden, um das Bild der Welt von Nazideutschland positiv zu beeinflussen. Wir werfen hierfür zuerst einen Blick auf die Rolle des Sports im antiken Griechenland mit besonderem Augenmerk auf der antiken Agonistik und die Olympischen Spiele der Antike. Anschließend wenden wir uns der Neuentde­ckung der Olympischen Idee im Europa der Renaissance zu und zeigen, dass ihre neuzeitliche Wiederbelebung vorwiegend nationalistischen Zielen diente. Danach untersuchen wir die Antike-Rezeption im nationalsozialistischen Deutschland, wobei besonders auf die Herleitung einer nordisch-griechischen Herkunftslinie und die Vorbildfunktion Spartas für die Erziehung im NS-Staat eingegangen wird. Schließlich wenden wir uns der Bedeutung und Instrumentalisierung von Sport im Nationalsozialismus zu, wobei zum einen die Rolle der völkischen Leibeserzie­hung und deren Wechselbeziehung mit der nationalsozialistische Rassenlehre be­trachtet wird, und zum anderen gehen wir speziell auf die Inszenierung von Sport und Antike am Beispiel der XI. Olympischen Spiele in Berlin 1936 ein. Den Ab­schluss der Untersuchung bildet ein Fazit, welches sich der Beantwortung der ein­gangs gestellten Frage widmet.

2. Sport im antiken Griechenland am Beispiel der Olympischen Spiele

Seit Jahrhunderten verbindet Sport Menschen unterschiedlicher Herkunft, Haut- farbe und Religion miteinander und schafft ein nur schwer reproduzierbares Wir- Gefühl, was ansteckend ist und emotionale sowie soziale Verbindungen schafft. Die antiken Olympischen Spiele sind Ausdruck dieser einigenden Wirkung, denn sie schafften es die „streitlustigen Völker des hellenischen Kulturkreises“6 für die Dauer der Spiele zu vereinen. Das antike Griechenland entsprach nicht dem ein­heitlichen Staat, den wir heute kennen, sondern bestand aus eine Vielzahl kleiner Stadtstaaten, die „durch Sprache, Kultur und Religion miteinander verbunden wa­ren“7, sich dennoch ständig zu bekämpfen schienen. Während der Spiele waren jedoch keine kriegerischen Handlungen erlaubt, stattdessen herrschte der soge­nannte ,Olympische Friede‘, der höchstens von nicht-griechischen Völkern gestört wurde. Ihren Ursprung hatten die antiken Olympischen Spiele in der Verehrung des toten Pelops8, sowie des berühmten griechischen Sagenhelden Herkules, wel­cher als Vorbild der Athleten galt. Nach der Dorischen Wanderung löste der Göt­tervater Zeus9, Pelops als Herren über Olympia ab. Ihm zu Ehren wurde ein riesi­ger Tempel erbaut, der die von Phidias, einem berühmten griechischen Bildhauer, geschaffene Zeus-Statue10 beherbergte. Die erste Siegeraufzeichnung erfolgte 776 v. Chr., was fälschlicherweise oft mit dem Jahr der ersten Olympiade gleichgesetzt wird. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Olympischen Spiele bereits im 5. Jh. v. Chr. - dem Zeitraum der regsten Bautätigkeit11 - begannen und man erst später, mit zunehmender gesellschaftlicher Bedeutung der Spiele, anfing die Sie­ger schriftlich festzuhalten. Anfänglich war der Stadionlauf die einzige Disziplin, doch kamen mit der Zeit immer mehr Disziplinen dazu, u.a. auch künstlerische wie der Agon der Trompeter und Herolde12. Nach und nach entwickelten sich die Spiele zu einem panhellenischen Ereignis und selbst Athleten aus den weit ent­fernten griechischen Überseegebieten13 kamen nach Elis, um sich vor den ver­sammelten Griechen zu beweisen. Ebenso wie die Athleten, kamen auch Zuschauer aus der ganzen griechischen Welt nach Olympia, um den Spielen bei­zuwohnen. Jedoch führte Olympia nachweislich nur einmal zu einer vorüberge­hend anwährenden Eintracht unter den griechischen Staaten: Während der Zeit der Perserkriege im 5. Jh., als die Griechen die Perser zur See schlugen, „erwuchs in Hellas ein echtes Nationalgefühl“14, doch die Olympischen Spiele konnten den­noch nicht als „Symbol der Völkerverständigung und des Weltfriedens“15, wie es die Spiele der Neuzeit für sich beanspruchten, betrachtet werden. Bei den Olym­pischen Spielen des Altertums gab es äußerst strenge Teilnehmervorgaben. Weder Frauen, Sklaven noch Barbaren16 durften an den Spielen teilnehmen. Zu den Spie­len waren ausschließlich freie Männer griechischer Abstammung17 ohne Blut­schuld zugelassen.

„Männer ungefähr der gleichen Lebenshaltung und Lebensauffassung, die Gymnastik trieben nicht um dieser selbst oder gar um eines Rekordes willen, sondern dem tief in der griechischen Seele wurzelnden Ideal der körperlichen Vollkommenheit und zugleich der kriegerischen Tüchtigkeit [nachstrebten]“18

Diese Regel wurde nur einmal außer Kraft gesetzt, als man König Alexander I. Philhellen von Makedonien zu den Spielen zuließ, indem man „eine Verbindung des makedonische Königshauses der Argeaden mit der Stadt Argos konstruierte], um auf diese Weise die makedonische Dynastie in die griechische Heldensage einzuordnen.“19 Ein Sieg bei den Olympischen Spiele bot allerhand Vorteile, u.a. die einmalige Chance des sozialen Aufstiegs20 in der sonst, streng nach Herkunft und Stand getrennten, griechischen Gesellschaft. Die Athleten genossen hohes Ansehen und konnten später aufgrund ihrer Olympischen Erfolge hohes Ansehen und konnten später aufgrund ihrer Olympischen Erfolge hohe Ehrenäm­ter in ihren Heimatgemeinden bekleiden21, was beweist, dass schon in der Antike hohe sportliche Leistung zu politischer Macht führen konnte.

2.1. Krieg und Spiele - Die hellenische Agonistik

Trotz der allgemeinen Freude über die panhellenischen Spiele, übertrug sich der Konkurrenzgedanke der Olympioniken zunehmend auch auf die von ihnen vertre­tenen Städte und Landschaften. Hierbei ist insbesondere die Rivalität zwischen Athen und Sparta hervorzuheben. Aufgrund der Geheimhaltungspolitik des spar­tanischen Staates gelangten nur wenige Informationen nach außen, was dazu führ­te, dass Literaten, Historiker und Philosophen begannen, ihr lückenhaftes Wissen um Sparta zu mythisieren. Dies mündete lange Zeit in einer beinahe romantischen Verklärung Spartas, was sich u.a. an der Rezeption Spartas im Nationalsozialis­mus zeigt. 720 v. Chr. begann der fast 150 Jahre dauernde Siegeszug der Spartaner bei den Olympischen Spielen und ihre sportlichen Erfolge wussten sie geschickt zur Gewinnung politischen Prestiges auszunutzen, doch verfolgten sie entgegen der häufigen Annahme, keine machtpolitischen Ziele in Elis22. Vielmehr ging es Sparta darum anhand ihrer überragenden sportlichen Leistungen die Effizienz ih­rer Trainings- und Erziehungsmethoden und damit letztendlich ihre militärische Vormachtstellung im griechischen Raum zu demonstrieren.23 Die spartanische Er­ziehung stand ganz im Zeichen der griechischen Agonistik, welche vielfach als Vorbereitung für den Krieg diente.

Es kann als sicher gelten, daß ihre Propaganda die Parallelität der sportlichen Erfolge und der militärisch-machtvollen Position Spartas als unbestrittene Vormacht auf der Pelopon­nes betont hat. Beides, die militärische Tüchtigkeit der Spartiaten und ihre sportlichen Leistungen, ließen sich auf eines zurückführen: das harte Training der spartanischen Ju­gendlichen, die schon früh auf ihren späteren ,Beruf‘ als Krieger vorbereitet wurden.24

Die überragenden olympische Erfolge Spartas können demnach nicht verwundern, waren sie doch vielmehr ein „Nebenprodukt“25 dieser staatlichen Zucht von neu­em Kriegernachwuchs. Aristoteles stellte daher folgerichtig fest, dass die Spartia- ten ihre olympische Vormachtstellung nur deshalb erringen konnten, weil sie als geübte Sportler und Kämpfer gegen ungeübte26 27 antraten.

Dadurch wurde der einzelne erfolgreiche Athlet viel stärker zum Repräsentanten seines ,Systems‘ [...] so errang nicht nur das Individuum einen Triumph, sondern in und mit ihm auch das Kollektiv - der spartanische Staat und die spartanische Gesellschaft.28

Doch nicht nur Sparta versuchte Krieger für den Kampf heranzuziehen, sondern auch Hellas bemühte sich um eine umfassende Kriegerausbildung.29 Diese agonis- tische Ausrichtung des Sports machte sich auch bei den Olympischen Spielen be­merkbar, als bspw. 520 v. Chr. der Waffenlauf als olympische Disziplin eingeführt wurde. Mit voller Rüstung samt Speer liefen die Sportler ins Stadion ein und nutz­ten damit den sportlichen Wettkampf für kriegerische und politische Zwecke.30 Das Ende des spartanischen Siegeszuges setzte dann ca. im 4. Jh. v. Chr. ein, als die griechische Religiosität langsam aber stetig zurückging und sich dadurch das soziale Leben Griechenlands allmählich veränderte. Der einst religiöse Charakter der ,Heiligen Spiele‘ geriet nach und nach in Vergessenheit und die Privilegien, die die Athleten durch einen Sieg bei den Spielen erringen können, traten immer mehr in den Vordergrund. Es war die Geburt des Berufsathletentums und das Ende der Agonistik. In der römischen Kaiserzeit verkamen die Spiele zu einem Spekta­kel, das einzig der Belustigung der Massen diente. Von den Ursprüngen der Spie­le: dem Totenkult um Pelops, der Verehrung des Zeus und den agonistischen Wettkämpfe, blieb einzig die „Demonstration virtuosen athletischen Könnens und geballter Muskelkraft“31 zurück. Schließlich verdrängte dann die zunehmende Christianisierung Roms die Olympischen Spiele. Doch entgegen der weitläufigen Meinung Kaiser Theodosius (347-395 n.Chr.) hätte die Spiele letztendlich verbo­ten, ist heute bekannt, dass dies wohl erst zur Zeit Kaiser Theodosius II. (408-450 n. Chr.)32 geschah. Nach und nach verfielen die Olympischen Sport- und Kultstät­ten und gerieten in Vergessenheit.

3. Die Neuentdeckung des Olympischen Gedankens als nationales Prestigeobjekt der europäischen Staaten

Es vergingen Jahrhunderte bis die Olympische Idee schließlich wieder entdeckt wurde. Dies war unter anderem den Klöstern zu verdanken, welche das antike Schrifttum aufbewahrten, sichteten und ordneten.33 34 Im Jahr 1537 erwähnte der italienische Gelehrte Virginias Polydorus die Olympischen Spiele in seinem Buch35, welches dann ins Deutsche übersetzt wurde und - ermöglicht durch den im 15. Jahrhundert erfundenen Buchdruck - verbreiteten sich im 16. Jahrhundert Druckausgaben und Übersetzungen der antiken Schriften Pindars und Pausanias, welche vom Verlauf und Charakter der Olympischen Spiele berichteten.36 Hans Sachs verwies auf das griechische Vorbild in seinen Gedichten über das Ringen und Fechten und 1688 huldigte Merian dem Reichtum des verschollenen Olympia in seiner Topographie Italia. 37 Im Jahr 1723 bat der französische Benediktinerpa­ter Bernhard de Montfaucon den Bischof von Korfu darum, Olympia zu suchen und Ausgrabungen vornehmen zu lassen.38 Der bekannte Altertumswissenschaftler und schärfste Kritiker Montfaucons, Johann Joachim Winckelmann, hegte eben­falls den Wunsch die antike Stätte auszugraben und sammelte zu diesem Zweck sogar Geld, um sein Vorhaben zu realisieren, doch leider fiel er am 8. April 1768 einem Mord zum Opfer39, der seine Pläne vereitelte. Winckelmann zeichnet sich vor allem dafür verantwortlich in seiner Geschichte der Kunst des Altertums (1764) alles was der griechischen Antike entstammt mit einer „Urwürde“40 auszu­statten. Das antike Griechenland wurde bei ihm zum Urheber künstlerischer, phi­losophischer und politischer Perfektion und alles, was danach kam, war für ihn schlicht Nachahmung.41 Im England des 17. Jahrhunderts erfreuten sich sportliche Wettkämpfe äußerster Beliebtheit, wie zum Beispiel die sogenannten ,Olimpic Games upon Cotswold-Hills‘ im Jahr 1612, welches jedoch bis auf den ,Volks- festcharakter‘ (griech. Panegyris) keine Gemeinsamkeiten mit den antiken Olympischen Spielen aufwies.42 Schon bald entdeckte man auch die Wirkung des Sports auf die Erziehung der Kinder und Jugendlichen wieder. Jean-Jaques Ros- seau verwies in seinem Bildungsroman Émile auf den Zusammenhang zwischen Leibesübungen und den antiken Olympischen Spielen43 und angeregt durch Winckelmann, erfolgte am Dessauer Philantropinum unter der Leitung Johann Bernhard Basedows eine reformpädagogische Wende, die eine „praktische Rück­besinnung auf das antike Olympia“44 anstrebte. Diese sah zum einen regelmäßige körperliche Ertüchtigung in Form von Schulsport und zum anderen ein jährlich stattfindendes Volksfest vor, was von 1776 bis 1799 zum Geburtstag des Fürsten Franz Franz von Anhalt-Dessau45 begangen wurde. Johann Gottfried Herder be­tonte in seinem Werk Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit eben­falls die enorme pädagogische Bedeutung der antiken Spiele46 und auch Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich ein zeitlang mit der Idee, die Olympischen Spiele wiederzubeleben.47 Der Standort der antiken Ruinen gab den Gelehrten und Forschern jedoch lange Zeit Rätsel auf. Erst der Engländer Richard Chandler (1738-1810) reiste 1776 nach Griechenland und erhielt dort seinem Reisebericht zufolge, mit Hilfe der Einheimischen, Kenntnis vom Standort der antiken olympi­schen Stätten.48 Innerhalb kürzester Zeit ist sowohl England als auch Deutschland von der Idee beseelt, Ausgrabungen in Olympia vorzunehmen, auch die Franzosen hegten Interesse an der Wiederentdeckung Olympias und begannen während ihres Engagements im griechischen Unabhängigkeitskrieg 1829 mit Grabungen.49 Um die Grabungen zu finanzieren gedachte man die gefundenen Antiken den Sponso­ren im Austausch für deren finanzielle Unterstützung zu schenken, doch das grie­chische Antikengesetz von 1834 machte diese Überlegungen zunichte.50 Ernst Curtius, dem Erzieher des Prinzen Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, bot sich am 10. Januar 1852 die einmalige Chance sein Anliegen, nach den Überresten Olympias zu graben, dem Wissenschaftlichen Verein in Berlin51 vorzutragen.

Curtius’ oft zitierte Rede begeisterte sowohl den Kronprinzen als auch den König und sie versprachen ihm Unterstützung zur Umsetzung seiner Pläne:

Was dort in der dunklen Tiefe liegt, ist Leben von unserm Leben. Wenn auch andere Got­tesboten in die Welt ausgezogen sind und einen höhern Frieden verkündet haben, als die olympische Waffenruhe, so bleibt doch auch für uns Olympia ein heiliger Boden und wir sollen in unsere, von reinerem Lichte erleuchtete Welt herübergehen den Schwung der Begeisterung, die aufopfernde Vaterlandsliebe, die Weihe der Kunst und die Kraft der alle Mühsale des Lebens überdauernden Freude.52

[...]


1 Dankesrede Pierre de Coubertins, anlässlich des Beschlusses der I. Olympischen Spiele der Neu­zeit, zitiert nach Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik. Von den Olympischen Spielen der Antike bis heute. Köln 1988, S. 25.

2 Ebd. S. 11.

3 Ebd. S. 162.

4 Vgl. ebd. S. 36.

5 Freifrau Hiller von Gaetringen, Julia: Sparta und Olympia im Nationalsozialismus, Athen 1989, 7.

6 Wange, Willy B: Der Sport im Griff der Politik, S. 18.

7 Günther, Rosemarie: Olympia. Kult und Spiele in der Antike, Darmstadt 2004, S. 103.

8 Vgl.Bengston, Hermann: Die Olympischen Spiele in der Antike, 3. Auflage, Zürich 1983, S. 7. Pelops ist der Ahnherr der Peloponnes und hat durch eine List die Tochter des Oinomaos, Hippo- dameia, im Wagenrennen errungen. Das Wagenrennen war im Kanon der Olympischen Spiele, nach dem Stadionlauf, die wichtigste Disziplin.

9 Vgl. Weeber, Karl-Wilhelm: Die unheiligen Spiele. Das antike Olympia zwischen Legende und Wirklichkeit, Zürich 1991, S. 16.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd. S. 16.

12 Vgl. ebd. S. 23.

13 Vgl. ebd. S. 16.

14 Bengston, Hermann: Die Olympischen Spiele in der Antike, S. 15.

15 Günther, Rosemarie: Olympia. Kult und Spiele in der Antike, S. 112.

16 Vgl. ebd. S. 190f., Ursprünglich neutrale und wertfreie Bezeichnung der Griechen für alle Nicht­griechen. Der Begriff erfuhr während der Perserkriege jedoch eine Abwertung. Durch den Sieg über die Perser wuchs das Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Nichtgriechen, die man als wild und ungebildet betrachtete. Zudem betrachteten die ,freien‘ Griechen all diejenigen, die sich von den persischen Despoten unterjochen ließen, mit Verachtung. Der Sieg über die Perser stärkte das griechische Selbstbewusstsein und führte zu einem von Überheblichkeit und Arroganz gepräg­ten Umgang mit den ,Barbaren‘.

17 „Grieche war eindeutig der Vollbürger eines Stadtstaates, der auf der peloponnesischen Halb insel, den westlichen Inseln und denen der Ägäis einschließlich Kretas, dem griechischen Festland (ohne Makedonien und Thrakien) und der kleinasiatischen Küste liegen konnte. Durch die Koloni­sation erweiterte sich das gebiet nach Westen mit dem Schwerpunkt Großgriechenland, das heißt Unteritalien und Sizilien, nach Osten bis ins Schwarzmeergebiet. Handelsemporien gab es auch in Spanien, Marseille, Küren und Ägypten.“, siehe Günther, Rosemarie: Olympia. Kult und Spiele in der Antike, S. 103

18 Ebd. S. 119.

19 Bengston, Hermann: Die Olympischen Spiele in der Antike, S. 30.

20 Vgl. Günther, Rosemarie: Olympia. Kult und Spiele in der Antike, S. 94.

21 Vgl. Bengston, Hermann: Die Olympischen Spiele in der Antike, S. 94.

22 Vgl. Weeber, Karl-Wilhelm: Die unheiligen Spiele, S. 35.

23 Vgl. ebd. S. 36.

24 Ebd.

25 Ebd. S. 38.

26 Ebd. S. 38.

27 Vgl. ebd. S. 37.

28 Ebd. S. 38.

29 Vgl. Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik, S. 19.

30 Vgl. ebd.

31 Bengston, Hermann: Die Olympischen Spiele in der Antike, S. 96.

32 Vgl. Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, 3. Auflage, München 2004, S. 32.

33 Vgl. Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, 3. Auflage, München 2004, S. 32.

34 Vgl. ebd. S. 33.

35 Vgl. Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik, S. 21.

36 Vgl. Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, S. 33.

37 Vgl. Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik, S. 21.

38 Vgl. ebd.

39 Vgl. ebd. S. 21.

40 Chapoutot, Johann: Der Nationalsozialismus und die Antike, Darmstadt 2014, S. 150.

41 Vgl. ebd.

42 Vgl. Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, S. 34.

43 Vgl. Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik, S. 21.

44 Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, S. 34.

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Wange, Willy B.: Der Sport im Griff der Politik, S. 22.

47 Vgl. ebd.

48 Vgl. Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, S. 40.

49 Vgl. ebd. 41.

50 Vgl. ebd. S. 43.

51 Vgl. ebd. S. 44.

52 Auszug aus Ernst Curtius’ Rede vom 10. Januar 1852, zitiert nach Sinn, Ulrich: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst, S.44.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Nationalistische Instrumentalisierung des Sports in der Antike und im Nationalsozialismus. Die antike Agonistik als Vorbild der deutschnationalen Volkserziehung
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Antike und Nationalismus
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
29
Katalognummer
V948276
ISBN (eBook)
9783346290618
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike, Nationalismus, Nationalsozialismus, Sport, Agonistik, XI. Olympische Spiele 1936, 1936, Olympische Spiele, Geschichte, Geschichte der Neuzeit, Neuzeit, Griechenland, Deutschland, Sparta
Arbeit zitieren
Sina Wilde (Autor), 2020, Nationalistische Instrumentalisierung des Sports in der Antike und im Nationalsozialismus. Die antike Agonistik als Vorbild der deutschnationalen Volkserziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948276

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