Der Aufstieg der AfD in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Wandel des Politikraumes und des Wahlverhaltens sozialer Klassen im Vergleich zu Westeuropa


Hausarbeit, 2020

33 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlagen der Forschung zu politischen Räumen
2.1 Die Anfänge der Politikraumforschung und Begriffsklärung
2.1.1 Grundlagen räumlicher Politikmodelle nach Anthony Downs
2.1.2 Die Dimensionalität des Politikraumbegriffes
2.1.3 Die Polarität des Politikraumes
2.2 Ausgewählte Forschungsstände und Kontroversen zu Politikraumforschung

3. Die Theorie der Wahl sozialer Klassen und das Klassenmodell von Daniel Oesch – Eine empirische Analyse für Westeuropa
3.1 Das Modell sozialer Klassen nach Daniel Oesch
3.2 Das Wahlverhalten sozialer Klassen im tripolaren Raum in Europa nach Daniel Oesch und Line Rennwald

4. Die AfD im Parteienwettbewerb der BRD - Auswirkungen auf den deutschen Politikraum und das Wahlverhalten sozialer Klassen
4.1 Der Aufstieg und Wandel der AfD – Entstehung eines tripolaren politischen Raumes in Deutschland?
4.2 Das Wahlverhalten sozialer Klassen in der BRD vor dem Aufstieg der AfD
4.3 Die Unterstützerklassen der AfD im Vergleich zu den Wählern Radikal-Rechter Parteien in anderen westeuropäischen Staaten

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf ihrem Gründungsparteitag 2013 bezeichnete der Parteigründer und ehemalige Vorsitzende der Alternative für Deutschland (AfD), Bernd Lucke, die Partei als „eine weder links noch rechts [gerichtete] Partei neuen Typs.“ (Volmer 2013: 1). Zwei Jahre später verließ er die Partei nach einem Machtkampf mit Frauke Petry, welche ihm einige Zeit später nach verlorenem parteiinternen Richtungsstreit gegen die völkisch-autoritären und rechtspopulistischen Kräfte der Partei nachfolgte (Häußler 2018: 1). Aus heutiger Sicht lässt sich Luckes Zitat vom Gründungsparteitag nicht mehr für wahr befinden. Was er mit der Äußerung bezüglich einer Partei neuen Typs sagen wollte, wird nicht näher ausgeführt. Man kann davon ausgehen, dass er verdeutlichen wollte, dass die AfD in keine der bestehenden Parteifamilien integrierbar ist. Somit stellt sich die Frage, in welcher Form sich der Parteienwettbewerb in Deutschland nach der Entstehung und dem Wandel der AfD hin zur Rechtsaußen Partei verändert hat. Spätestens seit ihrem deutlichen Einzug in den Bundestag im Jahre 2017 ist diese Frage hoch aktuell und gesellschaftlich sehr relevant geworden. Nachdem in diversen anderen westeuropäischen Staaten bereits seit den 2000er Jahren zunehmend rechtspopulistische Parteien in die nationalen Parlamente eingezogen waren und sich der jeweilige politische Raum von einem bipolaren zu einem tripolaren Politikraum gewandelt hatte (vgl. Oesch/ Rennwald 2018), zog nun erstmalig seit den 1950er Jahren eine rechtspopulistische Partei in das deutsche Parlament ein. Die Befunde zu westeuropäischen Staaten zeigen, dass dort nach dem Aufstieg solcher Parteien bestimmte soziale Klassen für deren Stimmgewinne sorgten und entsprechend von dem traditionellen linken oder Mitte-Rechts Parteipol abgewandert sind. Die Fragestellung dieser Forschungsarbeit lautet dem folgend, ob auch in Deutschland mit dem vergleichsweise schnellen Aufstieg der AfD und dem damit einhergehenden Wandel zum tripolaren Politikraum ähnliche klassenspezifische Veränderungen im Wahlverhalten der Bürger feststellbar sind oder ob dies aufgrund des schnellen Aufstiegs anders als in Staaten mit langsamem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien nicht der Fall ist.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst auf die grundlegenden Forschungsstände und Untersuchungen zu räumlichen Politikmodellen und deren Entstehung eingehen. Dabei werde ich vor allem die zugrundeliegenden Überlegungen von Anthony Downs erläutern und verschiedene Ansätze vorstellen, welche sich mit der Möglichkeit verschiedener Dimensionen politischer Räume befassen. Ich werde versuchen herauszuarbeiten, dass die einfache Darstellung der Politik in einer Rechts-Links-Skala inzwischen veraltet ist und im wissenschaftlichen Diskurs hauptsächlich von einer Zweidimensionalität (ökonomisch und kulturell) politischer Räume ausgegangen wird. Anschließend werde ich die traditionellen Vorstellungen verschiedener Parteiideologien und -familien (Links und Mitte-Rechts) verdeutlichen und die Forschungsstände zur Entstehung eines neuen Parteipoles (Radikal-Rechts) in den vergangenen 20 Jahren beschreiben. Der abschließende Teil dieses Kapitels soll dann einige kontroverse Beiträge zur Politikraumforschung bezüglich der Dimensionalität und Polarität skizzieren, um einen Überblick über die aktuellen Forschungsergebnisse zu geben. Das nachfolgende Kapitel soll sich mit dem Wahlverhalten sozialer Klassen in Europa und Deutschland befassen. Hierbei werde ich zu Beginn kurz auf die Theorie des Wahlverhaltens sozialer Klassen eingehen, das Klassenschema nach Daniel Oesch vorstellen und die Wahlpräferenzen der dort dargelegten Gruppen in Westeuropa darstellen. Darauffolgend werde ich auf den Wandel des deutschen Politikraumes durch die AfD eingehen und zunächst versuchen, diese Partei im politischen Spektrum zu verorten, auf ihren fortlaufenden Wandlungsprozess eingehen und anschließend über ihre Auswirkungen auf den deutschen Politikraum Auskunft geben. Die abschließenden Teile dieses Kapitels werden sich zunächst mit dem Wahlverhalten sozialer Klassen vor dem Aufkommen der AfD befassen, bevor ich anschließend auf die Einflüsse dieser Partei auf die spezifischen Klassen eingehen werde. Dabei werde ich versuchen, einen engen Bezug zur Analyse von Daniel Oesch und Line Rennwald herzustellen, um die gefundenen Ergebnisse im deutschen Politikraum mit den Erkenntnissen aus der europäischen Forschung zu vergleichen. Daran anschließend werde ich in einem Fazit die Ergebnisse meiner Forschungsarbeit diskutieren und versuchen, einen Ausblick auf die kommenden Wahlen in Deutschland und die Auswirkungen des AfD-Aufstiegs zu geben.

2. Grundlagen der Forschung zu politischen Räumen

2.1 Die Anfänge der Politikraumforschung und Begriffsklärung

2.1.1 Grundlagen räumlicher Politikmodelle nach Anthony Downs

Die ersten Überlegungen zu räumlichen Modellen der Parteienpräferenz stellte Anthony Downs im Jahre 1957 in seiner Studie: „An Economic Theory of Democracy“ vor (vgl. Downs 1957). Dabei beschrieb er axiomatische Annahmen über das Wahlverhalten der Bevölkerung und das Verhalten von politischen Parteien, aus denen sich empirisch überprüfbare Aussagen ableiten ließen. Seine ursprünglichen Gedanken gingen zunächst von vollumfänglich informierten Personen aus, welche ihre Wahlentscheidung entsprechend einer Nutzenmaximierung der eigenen Präferenzen treffen. Dabei wägt der Wähler zwischen den zurückliegenden, realen Entscheidungen und Leistungen der bisherigen Regierungspartei und den erwartbaren zukünftigen Entscheidungen und Leistungen der aktuellen Oppositionspartei(en) ab. Diese Entscheidungen vergleicht er mit den eigenen Präferenzen und entscheidet sich als rationaler Wähler für die Partei, welche den persönlichen Zielen am nächsten kommt und maximiert so seinen Nutzen. In der realen Welt sind Menschen allerdings nie vollumfänglich informiert, wie es die ersten Downschen Modelle annahmen, sondern müssen sich mit Hilfe von Wahlprogrammen über die inhaltlichen Positionierungen der Parteien informieren. Dadurch entstehen sogenannte Informationskosten1, welche die Möglichkeit der perfekten Nutzenmaximierung reduzieren. Als rationaler Wähler mit dem obersten Ziel, einen möglichst großen Nutzen der eigenen Wahlentscheidung zu erhalten, ist jeder Wähler an einer Reduzierung dieser Informationskosten interessiert (Arzheimer/ Schmitt 2014: 339-342).

Downs geht davon aus, dass unter anderem aus diesem Grund politische Ideologien entstanden sind, welche sowohl für die Wählerschaft als auch für die Parteien selbst Vorteile haben. In einer weit gefassten Definition beschreibt der Autor den Begriff der Ideologie wie folgt: „[…] a verbal image of the good society and of the chief means of constructing such a society […].“ (Downs 1957: 96). Hierbei lassen sich Parteien also einem für sie „guten“ Bild der Gesellschaft zuordnen und es kann ebenfalls skizziert werden, mit welchen Mitteln diese erreicht werden soll. Eine solche Vereinfachung ermöglicht es den Wählern, durch die Zuordnung einer Partei zu einer bestimmten Ideologie, ihre Ziele und Vorhaben entsprechend dem Wissen über die Ideologie einfacher zu erfahren. Als Wähler ist es so nicht mehr notwendig, für jede zur Wahl stehende Partei die Positionen zu jedem einzelnen Sachthema zu recherchieren, weil sie sich meist darauf verlassen können, dass die Parteien entsprechend ihrer Ideologie handeln und entscheiden wird. Auf der anderen Seite ziehen auch die Parteien einen Vorteil aus der Entstehung von Ideologien. Mit der Zeit ist ihnen bekannt, welche sozialen Gruppen welcher Ideologie zuneigen und sie können sich relativ sicher darauf verlassen, dass diese Gruppen aufgrund ihrer stabilen Präferenzen (Annahme Downs) in der nachfolgenden Wahl entsprechend ihrer Ideologie wählen. Dadurch müssen die Parteien weniger häufig Informationen darüber einholen, ob eine Entscheidung die nötigen Mehrheiten hat, sondern sind sich eher darüber bewusst, dass sie aufgrund ihres ideologietreuen Verhaltens bestimmte Gruppen voraussichtlich ansprechen (Arzheimer/ Schmitt 2014: 342-347). Man kann sich die Auswahlmöglichkeiten der Bürger nun metaphorisch in einer Art Raum vorstellen. Dabei befinden sich die verschiedenen Parteien entsprechend ihrer Ideologie an einer bestimmten Stelle in diesem „Politikraum“. Die Wähler können sich hier anhand ihrer Präferenzen für eine Stelle im politischen Raum entscheiden und demzufolge die jeweils passende Partei auswählen. Es geht somit bei dem gedachten Politikraum konkret gesagt immer um den Parteienwettbewerb und die Stimmen von Wählern. Aus diesem Grund werde ich die Begriffe „Politikraum“ und „Parteienwettbewerb“ im Folgenden synonym verwenden.

2.1.2 Die Dimensionalität des Politikraumbegriffes

Die angesprochenen räumlichen Modelle des Parteienwettbewerbs sind dabei eng mit dem Konzept der politischen Ideologien verknüpft. Downs fasst den Begriff der Ideologie allerdings hier enger als oben beschrieben und sieht in diesem Zusammenhang sehr bedeutsame, politische Grundsatzfragen („superissues“) im Fokus. Diese stehen laut dem Autor in enger Wechselwirkung mit vielen anderen politischen Streitfragen, welche einer solchen Grundsatzfrage nachgeordnet sind. Mit dem Ideologiebegriff beschreibt Anthony Downs nun die Position, welche ein Bürger, aber auch die verschiedenen Parteien gegenüber einem solchen „superissue“ einnehmen. Beispielhaft für eine solche politisch bedeutsame Grundsatzfrage war bei Downs die ökonomische Links-Rechts-Dimension. Hierbei geht es darum, wie stark der Staat in die Wirtschaft eingreifen soll und darf. An den beiden Enden dieses Kontinuums befinden sich also die sozialistische Planwirtschaft (kein Privateigentum an Produktionsmitteln) und am anderen Pol der Kapitalismus (rein private Kontrolle an Produktionsmitteln). Zwischen den beiden genannten Extrempunkten kann man nun ein Koordinatensystem aufspannen, welches von einem zum anderen Extrem verläuft. Innerhalb dieser gedachten Achse werden die Positionen der zur Wahl stehenden Parteien eingetragen. Ein Wähler kann vor der Wahlentscheidung nun seinen eigenen Idealwert festlegen und mit den Werten der Parteien vergleichen. Dies ist in Abbildung 1 skizzenhaft dargestellt. Dabei stellt „s“ die wirtschaftliche Position der Partei S und „k“ das ökonomische Angebot des Mitbewerbers K dar. Der Wähler W wird durch seinen wirtschaftspolitischen Idealpunkt „w“ dargestellt. Letztlich gilt, je näher der eigene Idealwert dem Wert, also der Position einer Partei bezüglich der ökonomischen Dimension kommt, desto höher ist der zu erwartende Nutzen eines Wählers bei einem Wahlerfolg der entsprechenden Partei. Daraus ergibt sich eine gesteigerte Wahlwahrscheinlichkeit der Person für die jeweilige Partei. In dem skizzierten Beispiel wird mit bloßem Auge deutlich, dass W näher an der Position von K liegt als an der von S. Demnach wählt W hier aufgrund eines zu erwartenden höheren Nutzens Partei K. Anders ausgedrückt wählt nach Downs ein rationaler Wähler jene Partei, welche der eigenen Idealposition im politischen Raum bezüglich des „superissues“ am nächsten kommt (Arzheimer/ Schmitt 2014: 347-350; 359).

Abbildung 1: Das eindimensionale Modell räumlicher Parteikonkurrenz, nach (Arzheimer/ Schmitt 2014: 359).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Arbeiten von Anthony Downs wurden in den letzten Jahrzehnten an diversen Stellen kritisiert. Ein zentraler Kritikpunkt ist dabei die fehlende Komplexität seines eindimensionalen Politikraumes. Ihm wird vorgeworfen, die Realität des Parteienwettbewerbes in einem politischen System nicht ausreichend zu beschreiben, da es neben der ökonomischen Links-Rechts-Dimension weitere zentrale Themenfelder gibt, welche das Wahlverhalten beeinflussen und nicht über wirtschaftliche Positionen abzubilden sind (Arzheimer/ Schmitt 2014: 357). Man kann feststellen, dass es mindestens eine weitere Dimension geben muss, um den realen politischen Raum ausreichend abbilden zu können. In neueren Arbeiten ist dabei neben der bereits von Downs beschriebenen ökonomischen Links-Rechts-Dimension (nachfolgend ökonomische Dimension genannt) noch von der neueren libertär-autoritären-Dimension (nachfolgend kulturelle Dimension genannt) zu lesen. Diese befasst sich mit kulturellen Fragen also beispielsweise, welche Gruppen Bürgerrechte erhalten sollen oder inwieweit soziale Institutionen in das Leben der Bevölkerung eingreifen dürfen. Konkret geht es um die Position gegenüber der Freiheit der Bürger und darum, welche Personen zum politischen System dazuzählen und welche nicht (Fragen der Migration). Es wird zwischen einem libertären und einem autoritären Endpunkt dieser Dimension unterschieden, innerhalb dieser sich die Parteien und Wähler einordnen können. Durch die zweite Dimension wird die Wahlentscheidung eines Bürgers komplexer. Er muss sich nun die Positionen der Parteien auf beiden Dimensionen bewusst machen und mit seinen Idealpunkten auf beiden Achsen abgleichen. Somit entsteht in einem gedachten Koordinatensystem nun für jeden politischen Akteur (Parteien und Wähler) ein Wertepaar bestehend aus der Position auf der ökonomischen und der kulturellen Dimension. In Abbildung 2 wird dies mit den oben bereits beschriebenen Akteuren verdeutlicht (Arzheimer/ Schmitt 2014: 357-363).

Dieser Abschnitt sollte als kurzer Überblick über den Forschungsstand zu den Dimensionen räumlicher Politikmodelle dienen. Ich werde in dieser Arbeit dem zweidimensionalen Modell folgen, welches meiner Ansicht nach aktuell das gängigste ist. Als weiterer Grund für die Verwendung dieses Modells spricht, dass ich im Verlauf meiner Arbeit überwiegend mit der Studie von Daniel Oesch und Line Rennwald zum Thema Wahlverhalten sozialer Klassen in Westeuropa arbeiten werde. Dabei nehmen sie ebenfalls einen zweidimensionalen Politikraum an (Oesch/ Rennwald 2018: 784). Um eine Vergleichbarkeit meiner Ergebnisse für das Wahlverhalten sozialer Klassen in Deutschland mit den Ergebnissen der genannten Studie zu ermöglichen, folge ich dieser Überlegung. Des Weiteren bin ich der Ansicht, dass dieses Modell die zentralen Fragen eines politischen Systems sehr gut darstellen kann und sich somit für meine Untersuchung gut eignet. Es sei an dieser Stelle allerdings erwähnt, dass es Forschungsarbeiten gibt, welche mit anderen Politikraum-Modellen arbeiten. Auf diese werde ich in Kapitel 2.2 kurz eingehen.

Abbildung 2: Das zweidimensionale Modell räumlicher Parteikonkurrenz, nach (Arzheimer/ Schmitt 2014: 361).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.3 Die Polarität des Politikraumes

Nachdem der vorhergehende Abschnitt dieser Arbeit die grundlegende Struktur des politischen Raumes verdeutlicht hat, soll es nun um die konkrete Ausgestaltung und Besetzung verschiedener Positionen innerhalb der genannten Dimensionen gehen. Anders gesagt soll nun ein Überblick darüber gegeben werden, wie viele Parteipole es in politischen Räumen zur Strukturierung des Parteienwettbewerbes gibt beziehungsweise geben kann. Dabei kann man anhand von Ideologien jene Parteien, welche zur gleichen Ideologie zuordbar sind, zu einem gemeinsamen Parteipol zusammenfassen (Qesch/ Rennwald 2018: 789). Den Überlegungen von Anthony Downs bezüglich des Ziels der Kostenminimierung auf Wählerseite folgend, kann darin das Ziel der Komplexitätsminderung im politischen System gesehen werden. Durch die Zusammenfassung zu einem Pol aufgrund einer gemeinsamen Ideologie bestimmter Parteien muss der Wähler sich nicht mehr mit den Vorhaben und Zielen jeder einzelnen Partei befassen, sondern weiß mehr oder weniger direkt, welche Präferenzen innerhalb eines Poles in etwa verfolgt werden (vgl. Abschnitt 2.1.1 dieser Arbeit). Es sei an dieser Stelle der Unterschied zwischen dem Begriff „Parteipol“ und „Parteifamilie“ erwähnt. So sprechen Romain Lachat und Hanspeter Kriesi einerseits von fünf Parteifamilien, aber andererseits nur von drei Parteipolen in den untersuchten Staaten. Es zeigt sich demnach, dass eine Parteifamilie eine noch feinere, an weiteren Kriterien unterschiedene „Sortierung“ der Parteien in einem politischen Raum ist (Lachat/ Kriesi 2008: 275-281).

In vielen europäischen Staaten gab es lange Zeit zwei traditionelle Parteipole, nämlich den der linken Parteien und den bereits erwähnten Pol der Mitte-Rechts Parteien. In den vergangenen 20 Jahren wurden diese beiden Pole verstärkt von Radikal-Rechten Parteien herausgefordert, sodass inzwischen in vielen Staaten Westeuropas häufig von der Ausbildung eines dritten Parteipoles und somit der Entstehung eines tripolaren Politikraumes ausgegangen wird. Um das Vorhandensein von drei anstatt zwei Polen messbar zu machen, setzten Daniel Oesch und Line Rennwald in ihren Studien zum Wahlverhalten sozialer Klassen eine Grenze von 12 Prozent fest. Demnach kann von einem eigenständigen Parteipol gesprochen werden, wenn Parteien aus dem entsprechenden Spektrum bei einer nationalen Wahl dieses Kriterium erfüllen. Nach dieser Festlegung konnte im Jahr 2000 in Westeuropa nur in Frankreich und wenigen anderen Staaten von Tripolarität gesprochen werden. Im Jahr 2017 zeigten jedoch deutlich mehr Staaten eine solche Konstellation. Es wird postuliert, dass für eine solche Einteilung des politischen Raumes mindestens zwei Dimensionen des Parteienwettbewerbes vorhanden sein müssen. Dies liegt daran, dass sich die Parteien des linken Poles mit den Mitte-Rechts Parteien auf der ökonomischen Dimension diametral gegenüberstehen. Demgegenüber stehen sie im Vergleich zu den Radikal-Rechten Parteien bezüglich der kulturellen Dimension auf derselben Seite des Kontinuums (Oesch/ Rennwald 2018: 783 f.).

Um im späteren Teil dieser Arbeit eine Zuordnung der AfD zu einem der genannten Pole zu ermöglichen und die Frage nach der Tripolarität des deutschen Parteienwettbewerbs beantworten zu können, werde ich die Pole und die dahinterstehenden Ideologien nun genauer vorstellen.

Der linke Parteipol steht auf der ökonomischen Dimension für einen starken Wohlfahrtsstaat und somit deutliche Eingriffe des Staates in die Wirtschaft. Auf der kulturellen Achse befürworten die zu diesem Pol zählenden Parteien Multikulturalismus und eine liberale Migrationspolitik. Die Mitte-Rechts Parteien differenzieren sich auf der wirtschaftlichen Ebene deutlich vom linken Pol und fordern möglichst wenig staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Zwar sind zwischen beiden Polen sicherlich auch Unterschiede auf der kulturellen Dimension festzustellen, allerdings stehen auch die Parteien des Mitte-Rechts Poles für eine europäische Integration und befürworten die Migration. Betrachtet man den Pol der Radikal-Rechten Parteien, so lässt sich ein Vergleich zu den anderen Polen bezüglich der ökonomischen Dimension häufig nur schwer durchführen. Dies liegt an der Tatsache, dass viele dieser Parteien der genannten Dimension einen geringeren Stellenwert einräumen als der kulturellen Dimension. Zudem werden innerhalb dieser Gruppe die sozioökonomischen Positionen verschleiert, um mehr Unterstützung generieren zu können. Auf der zweiten Dimension stellen die radikalen Rechten einen Gegenpol zu beiden anderen Parteigruppierungen dar. So lehnen sie sowohl Multikulturalismus als auch die europäische Integration und Migration entschieden ab (Oesch/ Rennwald 2018: 784 f.; Lachat/ Kriesi 2008: 275). Einen Überblick über die Kennzeichen der drei Pole sowie die zugeordneten Parteifamilien gibt Tabelle 1.

Für meine Arbeit ergibt sich aus diesen Überlegungen folgende Hypothese:

H1: Mit dem Einzug der AfD in den deutschen Bundestag hat sich der politische Raum in Deutschland von einem bipolaren zu einem tripolaren Raum gewandelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Überblick über die drei Parteipole in westeuropäischen Politikräumen, nach (Lachat/ Kriesi 2008: 275; Oesch/ Rennwald 2018: 784 f.), eigene Darstellung.

2.2 Ausgewählte Forschungsstände und Kontroversen zu Politikraumforschung

Wie bereits erwähnt gibt es im wissenschaftlichen Diskurs über die Anzahl an Dimensionen im politischen Raum aktuell differenzierte Ansätze, von denen ich nun einige kurz erläutern möchte. Zunächst seien hierbei die Untersuchungen von Hanspeter Kriesi und seinem Team in den 2000er Jahren zu erwähnen. Zwar gehen die Forscher hier auch von einer zweidimensionalen Struktur der Parteienkonkurrenz in Westeuropa aus, allerdings wird die Globalisierung als neues, zentrales „superissue“ gesehen. Dabei wird das Globalisierungsthema in die beiden bekannten Achsen integriert (Lachat/ Kriesi 2008: 269-272).

Ähnlich wie die erwähnten Forscher postulieren Wouter van der Brug und Joost von Spanje einen zweidimensionalen Parteienwettbewerb. Im Unterschied zu den Analysen von Hanspeter Kriesi differenzieren diese beiden allerdings zwischen Parteipositionen und Wählerpositionen auf den beschriebenen Dimensionen. Sie stellen fest, dass die Zweidimensionalität zwar auf Seiten der Wähler, aber nicht auf der Parteienseite vorhanden ist. Dort zeigt sich eine vermeintliche Eindimensionalität mit einer übergreifenden Links-Rechts-Dimension (van der Brug/ von Spanje 2009: 314 f.; 327).

Zu einem wiederum anderen Ergebnis kamen Ryan Bakker und Kollegen bei ihrer Untersuchung der Dimensionalität des Parteienwettbewerbes in Europa. Hier konnte gezeigt werden, dass: „[…] these three latent dimensions are distict from one another, albeit to varying degrees.“ (Bakker/ Jolly/ Polk 2012: 238). Gemeint sind mit diesem Fazit eine ökonomische, eine soziale Links-Rechts Dimension und eine die europäische Integration betreffende Dimension (Bakker/ Jolly/ Polk 2012: 223 ff.; 237 ff.).

Insgesamt kann man bezüglich der Anzahl an Dimensionen politischer Räume in Europa also ein kontroverses Bild feststellen. Zwar scheint sich die Wissenschaft bezüglich der Stellung als „superissue“ bei wirtschaftlichen und kulturellen Themen einig zu seinen, allerdings herrscht Uneinigkeit darüber ob sie als eine oder zwei Achsen gewertet werden können. Zudem zeigt sich, dass das Thema der europäischen Integration eine gewisse Rolle spielt. Nach Durchsicht ausgewählter Literatur bin ich mir nun sicher das zweidimensionale Modell, wie in Abschnitt 2.1.2 dieser Arbeit erwähnt, zu nutzen. Ich bin der Ansicht, dieses Modell ist hinsichtlich der Wichtigkeit der Konfliktlinien entlang der Wirtschaft und der Kultur am weitesten verbreitet und wissenschaftlich anerkannt. Zwar kommen diverse Forscher zu einer anderen Anzahl von Dimensionen, allerdings werde ich dies im Folgenden nicht weiter berücksichtigen.

Eine weitere Kontroverse findet bezüglich der Tripolarität des politischen Raumes statt. So beschreiben Kritiker dieser Dreiteilung zum einen die deutlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen Parteifamilien, welche zu einem Pol zusammengefasst werden. Beispielsweise werden hier die Differenzen zwischen den liberal-grünen Parteien und den traditionellen Sozialdemokraten innerhalb des linken Poles genannt. Zum anderen wird die fehlende Deutlichkeit einer Unterscheidung zwischen Mitte-Rechts Pol und Radikal-Rechts Pol kritisiert (Oesch/ Rennwald 2018: 785 f.).

Daniel Oesch und Line Rennwald setzen diesen Kritikpunkten Folgendes entgegen. Zum einen gehen sie von einer Zusammengehörigkeit bezüglich der ideologischen Basis der verschiedenen Parteifamilien auf Seiten des linken Poles aus und postulieren eine einheitliche Entwicklungsrichtung innerhalb des Poles. Des Weiteren sei ein Unterscheiden der beiden Pole auf der rechten Seite deutlich entlang der kulturellen Ebene möglich. Sie beschreiben hier starke ideologische Unterschiede bezüglich europäischer Integration und Migration. Es kann hierbei deutlich zwischen einem moderaten (Mitte-Rechts) und einem autoritären (Radikal-Rechts) Kurs zu unterschieden werden. Einem weiteren Argument, welches die geringe Größe des Radikal-Rechten Poles zum Anlass nimmt, die Tripolarität in Frage zu stellen, können die Autoren ebenfalls plausibel entgegentreten. Ihr Hauptargument ist dabei, dass es in den vergangenen 20 Jahren zu einem deutlichen Zuwachs dieses Poles in gekommen ist und gleichzeitig die traditionellen Pole deutliche Verluste an Wählern hinnehmen mussten (Oesch/ Rennwald 2018: 785 f.).

Zusammenfassend sei erwähnt, dass das Forschungsfeld der Politikraumforschung derzeit hoch aktuell zu seien scheint und kontroverse Debatten geführt werden. Die Argumentationen von Daniel Oesch und Line Rennwald erscheinen mir dabei sehr plausibel. Da ich mit meiner Arbeit eine ähnliche Untersuchung durchführen möchte wie die genannten Autoren, nehme ich deren Argumentation bezüglich der Zweidimensionalität und Trioplarität politischer Räume für meine Arbeit an und werde versuchen herauszufinden, ob die Dreigliederung auf den deutschen Fall zutrifft und durch die AfD ein Wandel im Parteienwettbewerb stattgefunden hat.

[...]


1 Informationskosten: „Kosten der Beschaffung, Überprüfung und Verarbeitung von Informationen. Informationskosten umfassen pagatorische Kosten (Kauf einer Information) sowie Kosten aus dem Aufwand an Zeit (Opportunitätskosten) […] den ein Entscheider benötigt, um Informationen zu beschaffen, zu überprüfen und zu verarbeiten.“ (Gillenkirch 2018: 1).

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Der Aufstieg der AfD in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Wandel des Politikraumes und des Wahlverhaltens sozialer Klassen im Vergleich zu Westeuropa
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
33
Katalognummer
V948530
ISBN (eBook)
9783346286697
Sprache
Deutsch
Schlagworte
AfD, Klassenwahl, BRD, Politikräume
Arbeit zitieren
Benjamin Leonhardt (Autor), 2020, Der Aufstieg der AfD in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Wandel des Politikraumes und des Wahlverhaltens sozialer Klassen im Vergleich zu Westeuropa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948530

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Aufstieg der AfD in der Bundesrepublik Deutschland. Zum Wandel des Politikraumes und des Wahlverhaltens sozialer Klassen im Vergleich zu Westeuropa



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden