Nikolaus von Kues. Ein Vermittler zwischen Islam und Christentum?


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vita des Nikolaus von Kues

2. Zeitgeschichtlicher Hintergrund

3. Überblick und Korankunde

4. „De pace fidei“

5. Ambivalenz der cusanischen Meinung über den Islam/Koran

6. „Cribratio Alkorani“

7. Urteil bezüglich der Fragestellung

8. Literaturverzeichnis

Cusanus und der Islam

Nikolaus von Kues - ein Vermittler zwischen Islam und Christentum?

Nikolaus von Kues, auch Cusanus genannt oder Nicolai da Cusa, wurde 1401 in Kues als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach Universitätstudien zunächst im kirchlichen Recht, später auch in Philosophie und Theologie in Heidelberg, Padua und Köln stieg er als Jurist, Priester und Wissenschaftler in die höchsten Ränge des öffentlichen Lebens seiner Zeit auf: Konzilsmitglied in Basel, päpstlicher Legat in Deutschland, Kardinal der römischen Kirche, Bischof von Brixen, Generalvikar in Rom. Auch war er Kurienkardinal, Ratgeber und enger Vertrauter von Papst Pius II.. Er starb 1464 in Todi, Umbrien. Sein Leichnam ruht in der Kirche San Pietro in Rom. Sein Herz ruht in der Kapelle des von ihm gestifteten St.-Nikolaus-Hospitals in Bernkastel - Kues.1

Am 29. Mai 1453 wurde Konstantinopel vom osmanischen Sultan Mehmed II. erobert. Eine Erschütterung für die abendländische Christenheit, so auch für Nikolaus von Kues, welcher von Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., über den Untergang der Stadt Konstantinopels mit einem Brief vom 21. Juli 1453 informiert wurde.2 Durch die Eroberung des muslimischen „Türken“ kam es zu einer Ausbreitung des Islams im christlichen Abendland. Cusanus kannte Konstantinopel gut und ließ sich dort beispielsweise den Islam erklären.3

Durch die voranschreitenden Ereignisse wurde der Islam ab 1453 zur Bedrohung der Kirche. Nach dem Fall Konstantinopels wurden die Türken im Abendland geradezu zu einem Synonym für Barberei, Unkultur und Primitivität - ein Synonym für alles, was nicht europäisch ist oder gegen die christliche Ordnung sprach.4 Trotz dem Untergang der Stadt und der Zerstörung durch die Türken entwickelt Nikolaus keine antiislamische Meinung. Auch in einem Brief an seinen Bekannten den spanischen Theologen Johannes von Segovia schreibt Cusanus :“potius putem conferendum quam belandum“ : „Ich halte es für besser miteinander zu sprechen, als gegeneinander Krieg zu führen.“ Weiterführend schreibt er : „Ich fände es lobenswert, wenn unser hochheiliger Vater und die Führer der Kirche zusammenkommen und die Ursache ergründen, warum Gott uns dieser Last aussetzt.“5 Woraus sich schließen lässt, dass er die Idee unterstützt, eine Konferenz abzuhalten, auf der sich die Vertreter der verschiedenen Religionen begegnen sollten.6 Was auf eine vermittelnde Funktion Nikolaus von Kues schließen lässt. Die Rechtfertigung dieser, modern gesagt, pazifistischen Einstellung könnte sich bei Matthäus Kapitel 26, Vers 52 finden : „Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen.“7 Cusanus beklagte eher den durch religiöse Motive hervorgerufenen Hass und die damit verbundene Gewalt unter den Menschen und Völkern. Überall besteht Cusanus zufolge die Gefahr eines irrationalen, Gewohnheit mit Wahrheit verwechselnden Religionsverständnisses, das zu Fanatismus, Hass und Gewalt führt.8 Diese Feindschaft auf religiöser Ebene, beschreibt ein grundsätzliches Missverständnis der religiösen Verhältnisse.9 Trotzdem schloß er die Option, einen Kreuzzug gegen die Türken führen zu müssen nie grundsätzlich aus. Er wurde sogar von den Päpsten dazu beauftragt, für dieses Ziel auf den Reichstagen in Deutschland Werbung zu machen.10 Cusanus hat sich laut einigen Quellen wie zum Beispiel dem Cusanus Forscher James E. Biechler, der einen Artikel für die Zeitschrift Manuscripta 27, 1983 verfasst hat, mit dem Titel „Three Manuscripts on Islam from the Libary of Nicholas of Cusa“ intensiv mit dem Koran beschäftigt. Insgesamt ganze Dreimal in seiner Lebenszeit : Zur Zeit des Basler Konzils, also in der ersten Hälfte der 1430er Jahre, zur Zeit der Abfassung von „De pace fidei“ und zuletzt als er seine Schrift „Cribratio Alkorani“ verfasste. Dass sich Nikolaus schon früh, nämlich auf dem Konzil von Basel, als junger Kanonist und Kirchenpolitiker mit dem Koran beschäftigte zeigt, dass er sich bevor der Islam als akute „Bedrohung“ wahrgenommen wurde damit befasste. Was den Wissensdurst und die Neugier von Cusanus manifestiert.11 Mariano Álvarez - Gómez geht sogar soweit, dass er behauptet Cusanus habe schon lange vor dem Basler Konzil einen christlich - muslimischen Dialog begonnen.12 Er versuchte einen „Plan“ zu entwickeln um die Religionen zu versöhnen und sich gegenseitig näher zu kommen. Kurz nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, verfasst Nikolaus von Kues die Schrift „De pace fidei“ ( „Der Friede im Glauben“), in dem das Konzept einer universalen religiösen Verständigung entwickelt wurde. Cusanus strebt in seiner ersten Schrift über den Islam beziehungsweise über seine Befassung mit dem Islam, „de pace fidei“, eine Übereinkunft zwischen den Religionen nach folgendem Muster an : Einheit im Wesentlichen (in den zentralen Glaubensinhalten), legitime Vielfalt in Detailfragen, das heißt im Ausdruck dieser Glaubensinhalte durch Riten und Gebräuche. Somit sieht er die Vielfalt der verschiedenen Riten und Gebräuche positiv an. „Una religio in rituum varietate“ ist seine Leitthese, konkret geht es um eine Aussage aus dem Mund des Propheten Mohammed, dass die Religion beziehungsweise der Glaube aller Propheten vor ihm einer gewesen sei, aber sie verschiedene Riten gehabt hätten. Die cusanische Leitidee „una religio in rituum varietate“ stellt also keinen Glaubensgrundsatz da, sondern ein philosophisches Urteil, welches aus dem Vorrang der Einheit gegenüber der Vielfalt abzuleiten ist.13 Was darauf verweist, dass alle Religionen aus einer stammen : „fides una, ritus diversus“. Somit möchte er beweisen, dass alle Religionen auf gemeinsame Voraussetzungen beruhen. Auf diese Weise soll sich zeigen, dass sich hinter den vielen Religionen letztlich eine einzige Religion in der Vielfalt und der verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten verberge.14 Nach Briefwechseln mit dem Theologen Johannes von Segovia, entstand 1460/1461 die „Cribratio Alkorani“ eine Sichtung des Korans und ein weiteres Herantreten an die islamische Religion.

„De pace fidei“, zu deutsch : „Der Friede im Glauben“ entstand im September des Jahres 1453 in Brixen, war wie eben schon erwähnt eine Art „Plan“ in einer höchst aggressionsgefüllten Zeit, um eine Übereinstimmung der Religionen zu finden. Nikolaus Vorstellung war es, dass alle Völker der Erde in der Religion versöhnt würden, ohne ihren bisherigen Bräuchen und Riten untreu werden zu müssen - una religio in rituum varietate.15 Sprich eine irgendwie realisierbare Übereinstimmung im Religiösen zu finden und so einen angemessenen Frieden auf ehrlichem Wege zu erreichen. Einen „Plan“ der eher Inklusion statt Exklusion betreibt. Diese Inklusion gelingt Cusanus dadurch - ähnlich wie bei dem islamischen Philosoph Avicenna, auf den er sich beruft - dem Koran zu unterstellen, er wolle eigentlich etwas ganz anderes sagen als er tatsächlich sagt.16 Eine Einbeziehung statt eine Ausgrenzung des Islams verfolgt Nikolaus von Kues in „de pace fidei“ dauerhaft. In seiner Schrift inszeniert Cusanus ein Gespräch zwischen 17 Männern, eine Art Religionsdialog. Mit der hohen Zahl der Teilnehmer ist die Menschheit in Größe und Pluralität repräsentiert.17 In erster Linie richtet sich dabei der Blick auf die anwesenden Muslime, denn im Hintergrund stehen zunächst die kriegerischen Konfrontationen des Abendlandes mit den Osmanen. Obwohl in der Essenz das Gespräch mit durchweg christlichen Inhalten gefüllt wird, oft lässt er Petrus sprechen. Auch scheint es so als würde Petrus Überzeugungsarbeit im Gespräch mit dem Perser leisten.18 Die Kritik des Korans an der Trinität des Christentums sieht Cusanus als reines Missverständnis.19 Ebenfalls beschäftigt er sich mit der Leugnung des Kreuztodes Jesu durch den Koran. Nikolaus interpretiert diese Leugung wie folgt: Dass die Muslime aus den richtigen Motiven heraus über die Kreuzigung Christi irren, nämlich um Jesus von Nazareth die ihm gebührende Ehre zu erweisen. Deshalb scheint ihm dieser Irrtum als korrigierbar.20 Auch betont Nikolaus oft das die christliche Wahrheit im Koran zu finden wäre, zwar lassen sich Bezüge oder Ähnlichkeiten feststellen, allerdings sind diese nicht durchgängig im Sinne der christlichen Tradition zu verstehen.21 Insgesamt könnte man „de pace fidei“ als eine Art „Hilfestellung“ für die Zukunft sehen, damit weitere Katastrophen solcher Art nicht mehr zu befürchten sind.22 Seine Schrift soll deutlich machen, dass der Islam nicht hoffnungslos verdorben, antichristlich und teuflisch ist, sondern einen wahren Kern besitzt, der allerdings erst mühsam frei gelegt werden muss.23 Die Muslime seien laut der „de pace fidei“ leichter als alle anderen Nichtchristen, zum christologischen Glauben zu führen, eben weil der Koran nach Cusanus Auffassung hierfür klare Anknüpfungspunkte liefert.24 Nikolaus von Kues hat den Islam nicht wider besseres Wissen durch eine christliche Brille wahrgenommen. So schreibt er auch in seinem Brief an den Spanier Johannes von Segovia, den der Theologe Klaus Reinhardt einen der bedeutendsten Theologen des späten Mittelalters nannte, am 29. Dezember 1454 : „Es scheint also so zu sein, dass wir uns immer bemühen müssen, dieses Buch, das maßgebend bei Ihnen ist ( = der Koran ), zu unseren Gunsten auszulegen.“ Dementsprechend wird die antichristliche Seite des Islams weitgehend ausgeblendet beziehungsweise als reines Missverständnis betrachtet.25 Genauso im Briefwechsel mit Johannes von Segovia schreibt Cusanus : „Unsere Hoffnung ist es, dass alle Türken den Glauben an die heiligste Dreifaltigkeit annehmen, (…).26

Eine Ambivalenz in der islamischen Meinung Nikolaus von Kues’ äußert sich wenn man die Schrift „de pace fidei“ mit einer seiner Predigten , Predigt CCXL, 1. Teil ( Nr.1-5) vergleicht. In „de pace fidei“ wird Mohammed als kluger Volkspädagoge vorgestellt. Auch gibt es in dieser Schrift eine Hinführung zum Islam. In seiner Predigt vom 24. August 1456, nennt er die Muslime „Feinde des Kreuzes“27 und spricht abwertend. Desgleichen findet man diese Ambivalenz auch in der cusanischen „Sichtung des Korans“, er scheint immer hin - und hergerissen zwischen einer breiten, wohlwollenden, respektvollen Anerkennung des Heiligen Buches des Islams, und einer ebenso starken und gehemmten Abneigung ihm gegenüber.28

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1 https://www.nikolaus-von-kues.de/cusanus/

2 Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.17.

3 Euler, Walter Andreas : Papst Benedikt XVI.; Kaiser Manuel II. und Kardinal Nikolaus von Kues. Trier 2007, S.32.

4 Zitiert von Euler u. Kreger : Nancy Bisaha, „New Barbarian“ or Worthy Adversary? Humanist Constructs of the Ottoman Turks in Fifteenth - Century Italy, in : Western Views of Islam in Medieval and Early Modern Europe. Perception of Other, hrgs.v. David R. Blanks - Michael Frassetto, Hampshire - London 1999,193.

5 Zitiert von Euler, Walter : Vgl. Cribratio Alkorani, h VII, S.100, Z.13-14.

6 Rudolph, Ulrich : Nikolaus von Kues und der Dialog mit dem Islam. Göttingen. S.97.

7 Vgl. Euler, Walter Andreas : Papst Benedikt XVI.; Kaiser Manuel II. und Kardinal Nikolaus von Kues. Trier 2007, S.37.

8 Zitiert von Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : h VII, S.6,Z.4-8.

9 Vgl. ebd., S.32.

10 Zitiert von Rudolph, Ulrich: Vgl. E. Meuthen, Die letzten Jahre des Nikolaus von Kues. Biographische Untersuchungen nach neuen Quellen, Köln/Opladen 1958.

11 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.21-22.

12 Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.51.

13 Zitiert von Euler, Walter : Kap.4; h VII, S.11,Z.21 : „ante enim omnem pluralitatem est unitas“.

14 Vgl. ebd., S. 33-35.

15 Zitiert von Zirker, Hans : Nikolaus von Kues (1453) : Opera omnia, Bd.7 (1959), Nr.1 - Zur Angst Europas vor den Osmanen vgl. E. Meuthen (1984), 35 - 60.

16 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.24.

17 Vgl. Lentzen - Deis, Wolfgang : Den Glauben Christi teilen : Theologie und Verkündigung bei Nikolaus von Kues, 1991. S.66.

18 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.25.

19 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.29.

20 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.37

21 Zitiert von Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Vgl. u.a. Claus Schedl, Muhammed und Jesus. Die christologisch relevanten Texte des Korans, Wien 1978.

22 Zitiert von Zinker, Hans : De Pace fidei, 10 : Nr.9.

23 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.24.

24 Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.33.

25 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.40-42.

26 Zitiert von Euler u. Kreger : Eine Zusammenfassung der trinitätstheologischen Argumente des Johannes von Segovia findet sich bei Rudolf Haubst, Johannes von Segovia im Gespräch mit Nikolaus von Kues und Jean Germain über die göttliche Dreieinigkeit und ihre Verkündigung vor den Mohammedanern, in : Münchener Theologische Zeitschrift 2 (1951) 116-118.

27 Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S.40-49.

28 Vgl. Euler, Walter Andreas und Kreger, Tom : Cusanus und der Islam. Trier 2010. S. 79 ff.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Nikolaus von Kues. Ein Vermittler zwischen Islam und Christentum?
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V948913
ISBN (eBook)
9783346298447
ISBN (Buch)
9783346298454
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nikolaus, kues, vermittler, islam, christentum
Arbeit zitieren
Annalena Mich (Autor), 2020, Nikolaus von Kues. Ein Vermittler zwischen Islam und Christentum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/948913

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