Das Werk "Gedanken" von Gottlob Frege. Analyse des Begriffs Gedanken


Hausarbeit, 2020

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das innere Reich der Vorstellungen

3. Die Außenwelt

4. Das dritte Reich der Gedanken
I Was ist ein Gedanke?
II Intersubjektivität und Objektivität von Gedanken
III Wirklichkeit von Gedanken

5. Fazit

Einleitung

Frege stellt einige grundlegende Untersuchungen über den menschlichen Geist, seine Innenwelt und die Außenwelt an. Vor allem interessant sind aber seine Überlegungen zum Thema des Gedankens. Zunächst scheinen all diese Begriffe intuitiv schon einleuchtend zu sein und keiner weiteren Ausführung zu bedürfen, allerdings steckt doch mehr hinter ihnen als man erwartet. Jeder meint zu wissen, wovon er spricht, wenn er das Wort „Gedanke“ in den Mund nimmt. Wenn man allerdings explizit danach gefragt wird, was ein Gedanke ist, kann man diese Frage nicht so leicht beantworten. Was also ist ein Gedanke? Können mehrere Personen das gleiche denken? Sind Gedanken nur in unserem Bewusstsein? Oder können Gedanken Wirkungen in der Außenwelt hervorrufen?

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit dem Begriff des Gedankens in Freges Werk „Der Gedanke“ auseinander. Der Fokus liegt dabei auf der Objektivität und Wirkung der Gedanken. Dafür werde ich zunächst die verschiedenen Reiche, die Frege definiert (Innenwelt und Außenwelt), darlegen, um sie voneinander abzugrenzen. Aus der Erkenntnis heraus, dass der Gedanke zu keinem der beiden ersten Reiche gehört, werde ich die Frage klären, was ein Gedanke denn eigentlich ist und in welches Reich er gehört. Dazu werde ich die Intersubjektivität und Objektivität der Gedanken beschreiben und in Frage stellen. Bevor ich zuletzt zu meinem Fazit komme, werde ich die Wirklichkeit und Wirkung der Gedanken diskutieren.

Das innere Reich der Vorstellungen

Freges methodologisches Vorgehen beinhaltet eine systematische Falsifizierung davon, was ein Gedanke ist. Dazu definiert er zunächst das „Innere Reich“1 als das Reich der Sinneseindrücke, Einbildung, Empfindungen, innerer Bilder, Erinnerung und vieles mehr und fasst all dies als „Vorstellung“ zusammen.2 Vorstellungen sind rein subjektiv.3 Verschiedene Menschen können nicht dieselbe Vorstellung haben. Es sind einem nur die eigenen Vorstellungen zugänglich.4 Das heißt, dass Vorstellungen gänzlich privat und nicht intersubjektiv zugänglich sind. Außerdem sind sie nicht selbst Gegenstände der Wahrnehmung, sondern werden gehabt, wenn man Gegenstände der Außenwelt wahrnimmt.5 Es besteht also eine kognitive Diskrepanz zwischen der Vorstellung eines Gegenstandes und dem Gegenstand selbst. Vor allem aber sind Vorstellungen Bewusstseinsinhalte und brauchen deshalb immer einen Träger. „Die Innenwelt hat zur Voraussetzung einen, dessen Innenwelt sie ist.“6 Sie können folglich nicht unabhängig vom Denkenden existieren.

Die Außenwelt

Von der Innenwelt gänzlich verschieden definiert Frege die Außenwelt als Kontrast zu ihr. Zu dieser Welt gehören die Gegenstände, die mit den Sinnen wahrgenommen werden. Es ist der Bereich des Objektiven, seine Inhalte sind von öffentlichem Charakter und jedem intersubjektiv zugänglich. Darüber hinaus ist die Außenwelt unabhängig von jeglichem Träger und Bewusstsein.7 Frege beruft sich sonst weitestgehend auf ein allgemeines Verständnis der Außenwelt.8

Das dritte Reich der Gedanken

Was ist ein Gedanke?

Nachdem Frege nun festgelegt hat, was ein Gedanke nicht ist, und dass dieser zu keinem der bekannten Bereiche gehört, kann er einen neuen Bereich definieren: ein drittes Reich, dem der Gedanke angehört. Aber was genau ist ein Gedanke? Zunächst stellt Frege fest, dass der Gedanke nicht die Bedeutung eines Satzes ist, sondern sein Sinn.9 Die Bedeutung des Satzes ist der Wahrheitswert.10 Somit tritt der Gedanke an die Stelle des „Beurteilbaren Inhalts“, ist also der Teil eines Satzes, über den zu urteilen möglich ist. Denn nur der Gedanke ist „etwas, bei dem überhaupt Wahrheit in Frage kommen kann.“11 Bei sinnlichen Dingen kann Wahrheit nicht in Frage kommen.12 Urteilen ist, nach Frege, das Fortschreiten vom Gedanken zu seinem Wahrheitswert.13 Man urteilt also, indem man den beurteilbaren Inhalt eines Satzes als wahr oder falsch deklariert. Dabei ergibt erst der Gedanke zusammen mit seinem Wahrheitswert eine Erkenntnis.14 Der Akt des Urteilens beginnt beim Gedanken und endet in einer Behauptung, wie Frege darstellt:

I. Das Fassen des Gedankens - Das Denken
II. Die Anerkennung der Wahrheit eines Gedankens - das Urteilen
III. Die Kundgebung dieses Urteils - das Behaupten15

Wenn wir einen Satz beurteilen und als wahr oder falsch benennen, meinen wir eigentlich seinen Sinn, den Gedanken.16 Allerdings unterliegt auch dieser dem Problem der Unvollständigkeit. Erst durch zum Beispiel die Zeitbestimmung des Sprechens ergänzt, sodass der Satz in jeder Hinsicht vollständig ist, drückt er einen Gedanken aus.17

Intersubjektivität und Objektivität von Gedanken

Gedanken werden einem dritten Reich zugeordnet, das Ähnlichkeit mit der Welt der Vorstellungen hat, da es nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann, und das Ähnlichkeit mit der Außenwelt hat, da es keines Trägers bedarf.18 Laut Frege hat die Menschheit „einen gemeinsamen Schatz von Gedanken“19. Das bedeutet, dass Gedanken nicht dem Modus des Einzelnen angehören, sondern vielen zugänglich sind. Diese Intersubjektivität ist Bedingung dafür, dass mehrere Menschen zu denselben Erkenntnissen kommen können, dieselben Urteile fällen können und so Wissenschaft überhaupt existieren kann.20 Weil Menschen gerade dasselbe Urteil fällen und selbe Erkenntnisse haben, müssen sie denselben Gedanken für wahr oder falsch halten, sonst wäre Übereinstimmung nie möglich. Sie fassen also dieselben Gedanken. Allerdings ist es fraglich ob Menschen wirklich denselben Gedanken fassen oder lediglich den Gleichen. Wenn eine Person einen Gedanken fasst und eine andere Person einen exakt gleichen können sie trotzdem auf gleicher Basis das gleiche Urteil fällen. Es muss also nicht ein und derselbe Gedanke sein, der von verschiedenen Menschen gefasst wird, sodass Wissenschaft existieren kann. Die Gedanken der verschiedenen Menschen müssen nur gleich sein.

Darüber hinaus sind Gedanken laut Frege zeitlos und objektiv wahr. Sie sind unabhängig von dem Umstand wahr, ob jemand sie für wahr hält oder nicht.21 Wahrheit ist keine Eigenschaft und so wird dem Gedanken auch nichts hinzugefügt, wenn ich ihm die Wahrheit zuspreche. Dass das Wahre von seiner Anerkennung unabhängig ist, ist eine notwendige Bedingung dafür, dass Behauptungssätze im gewöhnlichen Sinne überhaupt möglich sind. Wenn es nämlich abhängig wäre, dann wäre alles allein deshalb wahr, weil es für wahr gehalten wird.

Von dieser Unabhängigkeit leitet Frege eine weitere Unabhängigkeit her. Er behauptet, Gedanken existieren unabhängig davon, ob sie gedacht werden.22 Dies bedeutet wiederum, dass man Gedanken nicht schafft, wenn man sie denkt, sondern man tritt in eine gewisse Beziehung zu ihnen. Wissenschaft besteht also aus dem Entdecken schon existenter Gedanken.23 Daher nennt Frege auch den Begriff des Fassens als Denken eines Gedankens. Man fasst ihn, man erschafft ihn nicht. Das Fassen eines Gedankens setzt zwar einen Fassenden voraus, dieser ist allerdings nicht Träger des Gedankens sondern Träger des Denkens.24

Die Unabhängigkeit der Wahrheit des Gedankens von dem Denkenden verlangt allerdings nicht die Unabhängigkeit des Gedankens selbst vom Denkenden. Frege versäumt es, diese Annahme stichhaltig zu begründen. Auch die Intersubjektivität vermag nicht, diese Unabhängigkeit zu begründen. Gedanken können auch, wenn sie von mehreren Menschen gedacht werden können, trotzdem von ihrem Denken abhängig sein. Wenn man annimmt, dass Gedanken unabhängig vom Denken existieren, dann stellt sich die Frage, ob sie dann schon immer existieren. Wenn man nun den Gedanken "Shirley ist ein lieber Hund" beispielsweise nimmt oder jeden anderen Gedanken, der Shirley als Subjekt hat, hat dieser laut Frege auch schon existiert als Shirley gar nicht geboren war. Wenn man diese Theorie so weiter verfolgt, müssten all diese Gedanken auch schon existiert haben, als es noch gar keine Menschen gab, denen es überhaupt möglich war, diese Gedanken zu denken. Wie aber kann ein Gedanke existieren, der etwas betrifft, das (noch) nicht existiert? Gedanken können doch erst dann existieren, wenn es möglich ist sie zu denken. Dann wären sie abhängig vom Denkenden. Laut Frege sind Gedanken allerdings zeitlos wahr, was bedeutet, dass sie auch unabhängig von der Zeit existieren. Sie können also durchaus unabhängig vom Denkenden existieren. Frege führt diesen Punkt der Unabhängigkeit allerdings nicht weiter aus. Außerdem beschreibt die Objektivität hier hauptsächlich die intersubjektive Zugänglichkeit der Gedanken.

Wirklichkeit von Gedanken

Das Fassen eines Gedankens hat laut Frege Folgen sowohl in der Innenwelt als auch in der Außenwelt.25 Zunächst urteilt man. Dies bewirkt eine Veränderung in der Innenwelt. Dann teilt man den Gedanken mit oder tut etwas im Sinne dieses Gedankens und somit ändert sich die Außenwelt. Der Gedanke selbst bleibt unberührt.26 Gedanken sind also „nicht durchaus unwirklich“27, brauchen zum Wirken aber einen Denkenden. „Wirklich“ wird hier im Sinne von wirksam verwendet, nicht so wie wir heute „wirklich“ verstehen im Sinne von echt oder wahrhaftig. Gedanken sind nicht wirklich, weil sie selbst keine Wirkung erleiden, sind aber eben auch nicht ganz unwirklich, weil sie Wirkung hervorrufen.

[...]


1 Frege, 1918/19, 351.

2 Vgl. Frege 1918/19, 351; Frege 1892, 145.

3 Vgl. Frege 1892, 146.

4 Vgl. Frege 1918/19, 352.

5 Vgl. A.a.O. 351.

6 Ebd.

7 Vgl. Ebd.

8 Vgl. Ebd.

9 Vgl. Frege 1892, 148.

10 Vgl. A.a.O., 149.

11 Frege 1918/19, 344.

12 Vgl. A.a.O., 345.

13 Vgl. Frege, 1892, 150.

14 Vgl. Ebd.

15 Frege, 1918/19, 346.

16 Vgl. A.a.O., 344.

17 Vgl. A.a.O., 359.

18 Vgl. A.a.O., 353.

19 Frege, 1892, 146.

20 Vgl. Frege 1918/19, 353.

21 Vgl. A.a.O., 354, 359.

22 Vgl. A.a.O., 358 f.

23 Vgl. A.a.O., 359.

24 Vgl. Ebd.

25 A.a.O., 361 f.

26 A.a.O., 362.

27 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Werk "Gedanken" von Gottlob Frege. Analyse des Begriffs Gedanken
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Freges Sprachphilosophie
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
10
Katalognummer
V949022
ISBN (eBook)
9783346288523
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frege, Gedanke, Gedanken, Sprachphilosophie, Gottlob, Innenwelt, Außenwelt, Intersubjektivität
Arbeit zitieren
Nora Weirich (Autor:in), 2020, Das Werk "Gedanken" von Gottlob Frege. Analyse des Begriffs Gedanken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949022

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