Klaus Merten - Kommunikation, eine Begriffs- und Prozeßanalyse - Evolution der Kommunikation


Hausarbeit, 1995

16 Seiten


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Inhalt

0. Person Klaus Merten
a) Biographisches
b) Anmerkung zum Werk

I. Ausgangspunkte
- Definitionstyp Interaktion
- Kriterium der Reflexivität
- Kommunikation als soziales System
- K. ist evolutionär strukturschaffend
- Evolution als aufbauender Entw.prozeß
- Komplexitätssteigerung & -reduzierung

II. Evolution der Kommunikation
(evol.Vorteile, Metakommunikation, Reflexion in drei Ebenen, Grenzen)
a) Subanimalische
Über Stoffaustausch/Druckänderung.
Keine Kommunikation auf Distanz
b) Animalische
Lokomotion mit entsprechenden Organen
Distanz-Kom.: auditive/ visuelle
Metakommunikation
c) Humankommunikation
Freisetzung der Hand
Sprache
Schrift

III. Massenkommunikation
a) para-soziale Interaktion
b) Das Medium
c) fiktionale Elemente

Kommunikationsdefinition Merten:

Kommunikation ist das kleinste soziale System mit zeitlich-sachlich-sozialer Reflexivität, das durch Interaktion der Kommunikanden Behandlung von Handlungen erlaubt und soziale Strukturen ausdifferenziert.

Literatur:

a) Klaus Merten. Kommunikation, Eine Begriffs- und Prozeßanalyse. Opladen 1977.
b) Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt, Siegfried Weischenberg (Hrsg.). Die Wirklichkeit der Medien, Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bonn 1994.
c) Werner Faulstich. Medientheorien. Göttingen 1991.

Philipp Müller.

Klaus Merten

Kommunikation

Eine Begriffs- und Prozeßanalyse

Im ersten Teil des Buches unternimmt Merten eine höchst aufwendige Begriffsanalyse, in der er Modelle und Begriffe der Kommunikation aus verschiedenen Bereichen sammelt und ordnet. Insgesamt kann er 160 Definitionen auflisten, die er in neun Definitionstypen inhaltlicher Art zusammenfaßt.

Diese Begriffsanalyse führt zentral zu dem Ergebnis, daß die Kategorie "Kommunikation als Interaktion" die aussichtsreichste Umschreibung für Kommunikation ist. Merten dienten zu diesem Urteil die Kriterien Ähnlichkeit, Fruchtbarkeit und Exaktheit.

Aus mitformulierten Thesen ging das Kriterium der Reflexivität für Kommunikation am häufigsten hervor. Dessen Bedeutung und Wert ist unklar.

Merten bezeichnet seine Bemühungen in der Begriffsanalyse selbst als "relative Unfruchtbarkeit" (S.92) und resümmiert, daß sie "keine angemessene oder wesentliche Definition" ergeben hat.

Der zweite Teil ist mit "Prozeßanalyse von Kommunikation" übertitelt. Zuallererst wird festgehalten, daß Kommunikation ein Interaktionsprozeß ist. Untersucht werden soll im Folgenden aufbauend auf die Schlüsse der Begriffsanalyse, ob in der Reflexivität der Kommunikation die Interaktion enthalten ist und ob damit Reflexivität das Kriterium für Kommunikation darstellt.

Fragen, die zudem gestellt werden sind weiterhin, wie Kommunikation definiert werden kann und zusätzlich, was die zeitliche, sachliche und soziale Dimension des Kommunikations- Systems ist.

Schon der Titel "Evolution der Kommunikation" des Mertenschen Aufsatzes in dem Werk "Die Wirklichkeit der Medien", der als aktualisierte Fassung des 77er Buches angesehen werden kann, tauchen die zwei zentralen Begiffe auf, mit denen Merten in ganz spezifischer Weise operiert. Es müssen an dieser Stelle einige Vorannahmen benannt werden, die entweder implizit oder explizit dem zu Erläuterndem zugrunde liegen.

Merten betrachtet Kommunikation selbst als ein soziales System. Der Systemtheorie folgend, dreht es sich hier nicht um die Kommunikanden, sondern um den Prozeß selber. Diese Kommunikationsprozesse werden als irreversibel angenommen.

Kommunikation ist in seinen Augen ein Prozeß, der evolutionär strukturschaffend ist. Dies wird als die strukturkatalytische Wirkung der Kommunikation bezeichnet, wobei Struktur sowohl Folge als auch Bedingung von Selektion ist.

Evolution ist nach Merten ein aufbauender Entwicklungsprozeß, weshalb vorhandene Kommunikationsweisen zunächst mitübertragen werden.

Da Klaus Merten versucht, seine Thesen mit biologischen Erkenntnissen zu untermauern, sind die impliziten Vorannahmen Mertens auch zu diesem Gebiet von Interesse.

Offensichtlich wird angenommen, daß es für ein Wesen vorteilhaft ist, die Umwelt möglichst umfassend zu überblicken und zu beherrschen. Diesem Antrieb zur Informationssteigerung muß aber immer wieder etwas entgegengesetzt werden, das Übermaß reduziert und Wichtiges filtert. Kurz, es muß zur Komplexitätssteigerung auch die Komplexitätsreduzierung entwickelt werden.

Wirklichkeit entsteht in diesem Zusammenhang erst dann, wenn etwas auf zwei heterogenen Wegen festgestellt wird und auf die Selbstempfindbarkeit zurückgespiegelt wird (S.102).

Es wird eine Untersuchung auf vier Ebenen vorgenommen, die evolutionär aufeinander folgen. Diese sind:

1.Subanimalische
2.Animalische
3.Humanebene
4.Technische Ebene

Merten beginnt mit seiner Untersuchung der Kommunikation erst auf der Stufe der Einzeller, die er der subanimalischen Ebene zurechnet.

1. Subanimalische Kommunikation

Diese Kommunikation vollzieht sich über Stoffaustausch, wobei keine Unterscheidung zwischen Kommunikation und Wahrnehmungen möglich ist. Die vegetativen Organismen können als Ganzes nicht miteinander kommunizieren, sie können nur zelluläre oder subzelluläre Prozesse auslösen und dadurch interagieren. Es besteht nur die Möglichkeit des Stoffaustausches oder der osmotischen Druckänderung. Dies wird als Vorläufer der taktilen Wahrnehmung benannt.

Voraussetzung für Kommunikation ist in diesem Stadium Berührung, Kommunikation auf Distanz ist nicht möglich!

Grafik S.98

Das Modell vegetativer Kommunikation macht deutlich, daß es bei zwei Kommunikanden drei geschlossene Kommunikationskreise gibt. Jeweil einen innerhalb des eigenen Organismusses und einen, der über direkten Kontakt zum Partner hergestellt wird. Dies ist durch die gezackte Linie in der Mitte dargestellt.

2.Animalische Kommunikation

Wie schon in den Vorannahmen Mertens erwähnt, geht er davon aus, daß Kommunikation evolutionär strukturschaffend ist. Eine neue Kommunikationsfähigkeit bedeutet damit immer auch evolutionären Vorsprung, wobei auf der anderen Seite Evolutionssprünge neue Kommunikation erfordern können.

Die animalische Ebene zeichnet sich durch eine Fähigkeit zur Lokomotion aus, was zentral die Möglichkeit der freien Abstandsvergrößerung und -verkleinerung meint. Der Vorteil liegt in der Wahlfreiheit von Situationen, vorteilhaftere Bedingungen zu nutzen und nachteilige zu vermeiden.

Ausdifferenzierung von Lokomobilität und Wahrnehmungsorganen gehen Hand in Hand. Je schneller und präziser Wahrnehmung, desto variabler kann Lokomotion sein. Umgekehrt bedarf es entsprechender Distanz-Wahrnehmungsorgane und neuartiger Kommunikation, um die größeren Entfernungen nutzen zu können und sie vorteilhaft werden zu lassen.

Zunächst wird ein Stadium durchlaufen, indem trotz Lokomotion ausschließlich taktile Kommunikation möglich ist.

Zur Erläuterung zieht Merten das Meadsche Grundschema der Kommunikation heran, das er wie folgt skizziert. (Abbildung Seite 108)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mead: (Abb.S.108)

Hierin wird deutlich, daß jede Aktion die Reaktion des Partners verändert. Über die Reaktion wirkt damit die Aktion auf den Agierenden zurück.

Die ausschließlich taktile Kommunikation (Berührungen) birgt Nachteile in sich, die evolutionär bemerkbar sind. Sie ist derart indifferent, daß erst bei Kontakt Vor- oder Nachteil der Situation erfahrbar ist, zu einem Zeitpunkt also, an dem sich der Kommunikand seinem Gegenüber ausgeliefert hat. Der Vorteil von Distanz-Kommunikation besteht darin, daß vorweg überprüft werden kann, ob eine Situation Gefahrrn birgt oder nicht. Sie ist deshalb ein Evolutionsvorteil.

Daß zuerst die auditive Kommunikation ausgebildet wurde liegt in darin begründet, daß sieökonomisch, schnell, spurenlos, richtungsindifferent und variantenreich ist. Das auf Mead basierende Modell der Entwicklung akustisch-vokalen Kommunikation durch Entwicklung antizipatorischen Verhaltens soll die neue Situation veranschaulichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mead II: (Abb.S.109)

Die akustisch-vokale Kommunikation verändert den Agierenden im Gegensatz zur Situation im Grundschema der Kommunikation schon durch die eigene Kommunikation. Er rezipiert die eigene Aktion und dessen Auswirkungen durch kinästhetische Wahrnehmungen, also intra-organisch.

Die Entwicklung der visuellen Kommunikation bietet weitere Vorteile für die Lebewesen. Es können höhere Distanzen schnell und spurenlos überbrückt werden. Zusätzlich ist die Kommunikation gerichtet, wodurch Kommunikanden ein und ausgeschlossen werden können. Die visuelle Kommunikation ermöglicht außerdem die Wahrnehmung von Körpersignalen.

Der taktiler Kanal wird damit entlastet und kann deshalb zum Begreifen und als Signalgeber genutzt werden.

Emissions- und Rezeptionsorgane sind damit differenziert worden.

Kommunikation in dieser Phase der Evlution läßt sich wie folgt umreißen:

Die Wahrnehmungsleistung und -möglichkeit sind vervielfacht.

Durch die Ausbildung mutipler Wahrnehmungskanäle ist eine aktive Informationsaufnahme möglich, was gesteigerte Selektivität der Wahrnehmung mit sich bringt. Das Reflexivwerden der Wahrnehmung hilft gleichzeitig, diese Erfahrungen zu strukturieren.

Zwei Tiere mit multiplen Wahnehmungskanälen treten bei Begegnung unweigerlich in simultane akustisch und optische Kommunikation ein, die Inter-Aktion provoziert. Es stellt sich Reflexivität ein, die Interaktionen wechselseitig steuerbar macht.

3. Animalische Kommunikation

Die animalische Kommunikation verfügt nach Merten schon über mehrere Kommunikationskanäle. Er erweitert aus diesem Grunde Schema 4.23 und zeichnet acht rückgekoppelte Kreise auf (Abbildung Seite 110).

Es ist sowohl die Selbstreflexivität im inneren wie im äußeren Kreis sichtbar. Zudem bilden auditive und visuelle Kommunikation separate Kanäle.

Merten entwickelt dieses Modell insofern weiter, als daß er darlegt, daß ein Kanal das Grundsignal aussendet, ein anderer dazu die Interpretation liefert, also als Metakanal fungiert.

Der Kanal mit dem geringeren Repertoire wird zum Metasignal genutzt. (Abbildung Seite 113)

Damit sind zwei Arten der Reflexivität entstanden. Zum einen auf die eigene Kommunikation bezüglich und zum anderen in bezug des einen Kanals auf den anderen.

4. Humankommunikation

REELLE KOMMUNIKATION

Der evolutionäre Akt, der den Wechsel zur Humanebene kennzeichnet ist die Freisetzung der Hand und damit verbunden der aufrechte Gang. Mit diesem Wandel ist eine neue Kommunikation gefordert und begünstigt, da das Maul verfügbar wird und die Hand zur Zeichengenerierung genutzt werden kann.

Die Hand wird zur Basis für Gesten und Körpersprache. Diese werden optisch aufgenommen, wodurch sich die Dominanz des visuellen Kanals verstärkt. Dieser wird stark genutzt, wodurch sich eine Dominanz des Menschen unterstützt wird, da er vielerlei Vorteile zeigt. Er ist

1. der müheloseste Sinn, es ist kaum Energie nötig, um ihn effektiv einzusetzen.
2. spurenlos und schnell.
3. die Basis für alle Signale und Zeichen, da er sie aufnimmt.
4. Metakanal, da der Einsatz anderer Kanäle erst dann möglich wird, wenn der visuelle Kanal schon in Aktion ist. Er bekommt dadurch Kontrollfunktion.

Merten weist darsuf hin, daß es auch eine Wechselwirkung zwischen Kommunikation und Gesellschaft gibt: Kommunikation hat direkte Folgen auf das mögliche Gesellschaftssystem, das gleichzeitig Kommunikation stabilisiert.

INTERAKTIVE KOMMUNIKATION

Sprache

Das Kriterium für ausgeprägte Humankommunikation ist, daß ein sprachlicher Kanal zu dem nonverbalen hinzukommt. Der Mensch ist diesem Verständnis nach das Lebewesen mit der Fähigkeit zum symbolischen Werkzeug, zur Kommunikation.

Der auditive Kanal war für eine neue Nutzung prädestiniert, da er zuvor durch die entwicklung des Sehens entlastet worden war. Die Entwicklung von Sprache läßt sich aus dieser Sicht ebenfalls auf die Entwicklung des aufrechten Gangs zurückführen. Der auditive Kanal ermöglicht ein extrasensorisches Feedback auf den Emitenten, ist spurenlos, schnell, weit reichend, alles Vorteile für den Menschen wie für die Kommunikation.

Es lassen sich aber noch mehr Vorteile von Sprache aufzeigen. Sie leistet

1. genauere Intentionalität, also Präzisierung von Kommunikation.
2. Sinnstrukturierung, das heißt, sie generiert intersubjektive Struktur. Die Sprache übernimmt damit die Hauptkommunikationsaufgabe.
3. präzisere, schnellere und erwartbarere Steuerung des gegenseitigen Verhaltens und bildet Substrate aus, die als Erfahrungen speicherbar und wieder abrufbar sind.
4. die Möglichkeit zur Reflexität des Wissens (ich weiß, daß es weiß) und ist damit Voraussetzung und Antrieb für ein Gedächnis.
5. selbstreferentiell in ihrem eigenen Prozeß, da durch ihn die Entwicklung der Sprache und damit der Kommunikation positiv beeinflußt wird.

Wie es bei der Einführung des visuellen Kanals zur Umverteilung der Aufgaben kam, so finden sich auch durch die Entwicklung von Sprache eine neue Art der Metakommunikation.

Der entlastete Kanal ist in diesem Zustand der nonverbale, hier vor allem der visuelle und der taktile Kanal. Dieser übernimmt jetzt Bewertungsaufgaben, er wird reflexiv auf die Sprache, wird also metakommunikativ genutzt. Dadurch wird erneut exaktere Differenzierung möglich, die Kommunikation bekommt einen höheren Grad der Nuancierung.

An dieser Stelle findet Merten die These der Reflexivität von Kommunikation exemplarisch belegt. In drei Dimensionen läßt sie sich nachweisen:

1. Reflexivität in der Sozialdimension

Durch Lautverwendung werden Erwartungen erlernt. Es entsteht ein Prognoseverhalten, wodurch sich eine reflexive Erwatungsstruktur am Partnerentwickelt. Dies ist eine Reflexion an ihn, die eine Rückbiegung auf einen selbst ist

2. Reflexivität in der Sachdimension

Es lassen sich durch die neuen Kommunikationswege und die Möglichkeit der Aufbewahrung von Wissen Aussagen über Aussagen formulieren.

3. Reflexivität in der zeitlichen Dimension

"Sprachlichkeit erlaubt alsoüber die sachliche Reflexivität den Transfer von Selektionsleistungen undüber soziale Reflexivität den Transfer von Selektionsleistungen undüber soziale Reflexivität die Zurechenbarkeit von Handlungen und schafft damit die Voraussetzungen, daßKommunikation nicht nur in Gegenwart, sondern auch in zeitlichräumlicher Trennung der Kommunikanden möglich wird." (Seite 133)

Sprache ermöglicht demzufolge den Verzicht auf Anwesenheit, wodurch in der zeitlichen Dimension eine erhöhte Komplexität der Gesellschaft erreicht werden kann.

Nach Merten befindet sich die menschliche Kommunikation und die aufgebaute Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt in einem Zustand ohne Medien. Die Gesellschaft ist dadurch begrenzt durch den Radius der direkten Wahrnehmbarkeit der Mitglieder der Gesellschaft und die unsichere Informationsübertragung. Kennzeichnend für diesen Zustand ist großer Mangel an Authentizität und Glaubwürdigkeit, der Konstruktion von Wirklichkeit durch Kommunikation riskant bleiben läßt.

(Abb.S.134)

Das Modell interaktiver Humankommunikation soll dies veranschaulichen. Zu den Kommunikationskreisen im Bewußtsein, über eigene Organe, über Rückwirkung durch den Rezipienten und über zahlreiche Kanäle kommen Bezüge zur Erwartungsstruktur und zum Zeichenvorrat. Hierdurch soll das Kommunikationssystem deutlich gemacht werden: Die Reflexivität in der Sozialdimension wird durch Doppelpfeile zu den beiden letzgenannten Feldern symbolisiert. Hervorgehoben wird, daß aller Aufbau von Sinnstrukturen auf Sprache aufgebaut werden muß, gleichzeitig aber auch Sprache und sinnhaftes Erleben vorstrukturiert.

Wenn es oben so schien als sei Sprache die Voraussetzung für Humankommunikation, so heißt es bei Merten 1994, daß sie Folge von ihr ist. Sie potenziert die Kommunikationsleistungen und wirkt strukturgenetisch. In diesem Aufsatz benennt er auch Sprache als das erste Medium. Eine Ansicht, die er 1977 noch nicht vertrat.

Schrift

Schrift ist im 77er Merten das erste Medium in der Evolutionsgeschichte der Menschheit. Durch die Entwicklung von Schrift lassen sich auch Veränderungen in allen drei Dimensionen benennen. Sie steigert Wiedergabetreue in der sachlichen Dimension, in der zeitlichen gibt es eine Dauerwirkung von fixierten Aussagen (es kann mehr Wissen akkumuliert werden) und in sozialer Hinsicht können Menschen besser an Normen gebunden werden. Dadurch wird höhere Komplexität möglich und Aussagen können für beliebige und fast beliebig viele Menschen bereitgestellt werden. Der Hauptvorteil ist, daß der Radius von Gesellschaften fast beliebig ausgedehnt werden kann.

In der Ausprägung und Stabilisierung von Schrift und Sprache findet sich auch die Selbstreferentialität wieder.

"Schrift erbrachte drei neue kommunikative Leistungen: Temporale Indifferenz, Zugänglichkeit für alle (soziale Zugänglichkeit) und Absicherung der Authentizität in sachlicher Hinsicht." (Merten 1994, 150)

Die Grenzen der Schrift liegen vor allem in der begrenzte Adressatenzahl und der weiterhin bestehenden Unsicherheit bei Informationsübertragung. Zu diesem Zwecke werden Überprüfungsmechanismen eingesetzt wie Memorieren und Siegel.

Eine Wirklichkeitskonstruktion über Schrift ist wegen der kleinen direkten Rezipientenzahl uneinheitlich und vereinzelt.

VERMITTELTE KOMMUNIKATION (Massenkommunikation)

Durch die Kopplung von optischem, taktilem und akustischen Kanal, die vielfach zueinander reflexiv sind, gibt es eine gesteigerte Kommunikationsleistung. (Zum Beispiel existiert die optische Wahrnehmung der taktilen Wahrnehmung).

Die mehrkanalige Wahrnehmung ist präziser und plastischer. Eine gesteigert reflexive Wahrnehmung befördert die Entwicklung von Humankommunikation, reflexive Personenwahrnehmung die Ausbildung des eigenen Ich und damit Denkprozesse. Sie ist damit bedeutend gesellschafts- und personenbildend.

Durch die Einführung von Medien zur Kommunikation eröffnen sich für Gesellschaft und Kommunikation ganz neue Möglichkeiten. Die Kenntnis voneinander wird endlich entbehrlich, da die Wiedergabetreue enorm gestiegen ist. Sie übernehmen alle Schriftvorteile, ermöglichen aber zusätzlich gesteigerte Multiplikation. Vergrößert Radius der Gesellschaft, die Lokomotion und die Umwelterfassung, was zu einer extremen Komplexitätssteigerung führt. Außerdem ist unendliche Wissensspeicherung möglich und die ursprünglich informationsvermittelnden Kanäle werden entlastet, wodurch sie Metafunktionen übernehmen können.

"Der gewichtigste Anlaßfür die Einführung von Massenmedien bestand zunächst in der Vergrößerung des Adressatenkreises aktueller Mitteilungen" (Seite 150)

(Abb. S.150)

Das Medium nennt Merten den organisierten Kommunikator, der Aussagen an Rezipienten verteilt. Zwei soziale Reflexionen sind dargestellt: Die des Wissens und die des Meinens. Das Medium knüpft an die reflexive Wissens- und Meinungstruktur an, durch die Spiegelung am Kommunikator werden sie aber zu Vorstellungen, die zu einem virtuellen sozialen System (Seite 150) führen.

Das Medium wirkt in diesem Modell als Aufmerksamkeitsfänger. Es publiziert Selektionsleistungen, die rezipiert und als Wissen abgespeichert werden und die Reflexivität des Wissens ermöglichen. Es stimuliert Meinungen dadurch, daß es gemeinsamer Bezugspunkt ist. Das Medium ist demnach der Bezugspunkt, der Vermittler und Steuerer.

Der organisierte Kommunikator "wirkt für dieses soziale System als organisierter Aufmerksamkeitsfänger, der das System generiert und an dem sich durch Reflexion die zueinander reflexiven Systemstrukturen ausbilden. Er ist also nicht Kommunikator im Sinne von parasozialer Interaktionen." (S.151)

Das Modell der weltgesellschaftlichen Kommunikation faßt alle Überlegungen Mertens zusammen und läßt die Zusammenwirkung von Medien und Rezipienten auf der einen Seite und der reellen Kommunikation erkennen. Sie bilden zusammen mit dem Medium die drei Selektionsebenen, die allesamt strukturgenerieend sind. Das reelle Kommunikationssystem wird in diesem Stadium zur schärferen Selektion und zur Abstützung des virtuellen Systems eingesetzt.

(Abb.S.155)

Wiederum sind Entwicklungen in drei Dimensionen festellbar.

In der sozialen Dimension wird die Reflexivität des Wissens ausgeprägt. Es entsteht eine reflexive Erwartungsstruktur (man weiß, daß der andere auch rezipiert hat). Dies hat kommunisierende Funktion. In der zeitlichen Dimension ist anzumerken, daß Massenkommunikation Rückwirkung auf Massenkommunikation hat. Die sachliche Dimension zeichnet sich dadurch aus, daß Meinungen und Aussagen sich wechselseitig aufeinander beziehen, da sie auch darauf referieren, was andere glauben könnten. Meinen ist dadurch Meta-Wissen.

Merten legt Wert auf die Feststellung, daß Massenkommunikation Beziehungen zwischen den Rezipienten herstellt und nicht zwischen Kommunikator und Rezipient.

Es konstituiert sich nicht über die Reflexivität der Wahrnehmung, sondern über die Reflexivität des Wissens und die Reflexivität des Meinens.

Es entsteht ein virtuelles soziales System (virtuell, da auf Vorstellungen vom anderen begründet). Es besteht aus opinion leaders, publik relation oder images.

Das Überlast-Syndrom der Mediengesellschaft bringt Meta-Medienher vor, die die Selektivitätsverstärkung leisten können. (Programmzeitschriften u.ä.)

Die informelle Kommunikation wird als Meta-Kommunikation wichtiger, für Meinungen und Bewertungen. Sie schafft Einbindung der anonymen massenmedialen Angebote in gruppenspezifische, situationsgerechte Kontexte. Die drei Selektionsebenen haben gegenseitig stützende Funktionen:

"Informelle Kommunikation ist [...] eher noch wichtiger geworden, [...] weil sie nun von der Funktion derÜbermittlung von Informationsangeboten größtenteils freigestellt ist und gerade deshalb als Meta-Kommunikation in vielfältiger Form zur Verfügung stehen kann." (1994:156)

Wirklichkeitskonstruktion

"Gleichzeitig aber antwortet damit auch das neue Medium auf einen ganz offensichtlich vorhandenen Bedarf an Konstruktion von Wirklichkeit durch Medien." (zu Zeitungen, 1994:151)

Medien als Wirklichkeitskonstrukteure übernehmen also sowohl die Rolle des Komplexitätssteigerers als auch die des Komplexitätsreduzierers, da sie das Angebot der Wirklichkeitskonstruktion machen. (fiktionale Elemente erzeugen)

Führt zu rasanten Fortentwicklung aus reflexivem Sprung heraus.

Festgehalten werden muß noch einmal die Feststellung, daß Medien Wirklichkeit konstruieren - dies gesteht Merten ihnen zu.

"Das System konstituiert sich dadurch, daßeine vermittelte Aussage durch einen organisierten Kommunikator publiziert wird, die von einer anonymen Zahl anonymer Rezipienten rezipiert wird, wobei jeder Rezipient mit der Kenntnis dieser Aussage zugleich auch die Kenntnis hat, daßandere diese Aussage kennen." (S.150)

Abschließend läßt sich die Kommunikationsdefinition Mertens benennen. Dies ist umso erfreulicher als er selber résumiert, daß auch der zweite Teil der Arbeit mehr Probleme aufwirft als sie löst und der erste, die Begriffsanalyse, überraschende Rückschläge zutage förderte. Er integriert damit sowohl seine Erkenntnisse aus der Untersuchung von 160 Definitionsversuchen aus unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen als auch seinen systemtheoretischen Ansatz und die These der evolutionären Strukturschaffung von Kommunikation. Was fehlt, ist der Medienbegriff. Auch wenn er in Ansätzen auftaucht, so ist doch deutlich, daß Merten zu jeder Art von Medien ein gespanntes Verhältnis zeigt; sie scheinen in seinen Augen sogar Kommunikation zu unterwandern, wenn nicht zu verhindern.

Kommunikation ist das kleinste soziale System mit zeitlich-sachlich-sozialer Reflexivität, das durch Interaktion der Kommunikanden Behandlung von Handlungen erlaubt und soziale Strukturen ausdifferenziert.

IV. Literatur

a) Klaus Merten. Kommunikation, Eine Begriffs- und Prozeßanalyse. Opladen 1977.
b) Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt, Siegfried Weischenberg (Hrsg.). Die Wirklichkeit der Medien, Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Bonn 1994.
c) Werner Faulstich. Medientheorien. Göttingen 1991.

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Klaus Merten - Kommunikation, eine Begriffs- und Prozeßanalyse - Evolution der Kommunikation
Veranstaltung
Medientheorien, Medien Öffentlichkeitsarbeit
Autor
Jahr
1995
Seiten
16
Katalognummer
V94924
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Graphiken sind nicht in der Datei enthalten.
Schlagworte
Klaus, Merten, Kommunikation, Begriffs-, Prozeßanalyse, Evolution, Kommunikation, Medientheorien, Medien
Arbeit zitieren
Carsten Winter (Autor), 1995, Klaus Merten - Kommunikation, eine Begriffs- und Prozeßanalyse - Evolution der Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/94924

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