Die Arbeit beschäftigt sich mit der sich ausbreitenden Gewaltanwendung von Mädchen. Im Zentrum steht dabei die Frage, welche Ursachen dem Verhalten zugrunde liegen. Alle vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaften mit ihren unterschiedlichsten Ausprägungen und Erscheinungsformen hatten ebenso mannigfaltige Erscheinungsformen von Gewalt zum Bestand. Das Ideal einer gewaltfreien Gesellschaft konnte – nach dem derzeitigen Erkenntnisstand der Gewaltforschung – noch nie erreicht werden.
Gewalt existiert auf allen gesellschaftlichen Ebenen, in engen sozialen Beziehungen sowie zwischen Staaten und Staatengemeinschaften, in Institutionen oder im öffentlichen Raum. Sie wird in organisierter, institutionalisierter, unbewusster oder vorsätzlicher Form verübt. Öffentliche Diskurse, wissenschaftliche Debatten und Forschungsprojekte befassen sich daher vorrangig mit dem veränderten Auftreten von Gewalt. Dabei sind es vor allem ansteigende Gewalttaten, das Auftreten neuer Gewaltformen oder die verstärkte Betroffenheit bestimmter sozialer Gruppen oder Personen, die neue Debatten initiieren. Das vorrangige Ziel der Teilnehmer dieser Diskussionen ist, Erklärungen zu finden, wie es zu den Veränderungen gekommen ist, welche Ursachen ihnen zugrunde liegen und welche Entstehungsbedingungen zu den Veränderungen beigetragen haben.
Solche Debatten wurden in den letzten Jahren auch durch das für neu wahrgenommene Phänomen Mädchengewalt ausgelöst. In teils dramatisch aufbereiteten Medienbeiträgen wurde über Mädchen und junge Frauen berichtet, die im öffentlichen Raum durch exzessive Gewalttaten auffielen. In den Beiträgen wurde geschildert, dass ein massiver Anstieg von Mädchen verursachten Gewaltfällen zu verzeichnen sei. Als ursächlich werden, je nachdem, staatliche Versäumnisse, soziale, familiale oder personale Mängel gehandelt. Obwohl diese Art von Gewalthandeln grundsätzlich als für eine moderne Gesellschaft unwürdig erachtet wird, löst es noch größeres Unverständnis aus, wenn Mädchen und junge Frauen Akteurinnen dieser Form von Gewalt sind. Doch wie stellt sich das Phänomen Mädchengewalt wirklich dar? Welche Ursachen liegen ihm zugrunde und welche Rolle nimmt Gewalt dabei für die Mädchen ein?
Inhaltsverzeichnis
Essay zur Diskussion des Phänomens Mädchengewalt
Was ist Gewalt? Hinführung und Definition
Erklärungsansätze
Zum Phänomen Mädchengewalt
Zum Gewalthandeln von männlichen und weiblichen Jugendlichen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das gesellschaftlich diskutierte Phänomen der Mädchengewalt, hinterfragt dessen mediale Dramatisierung und analysiert die Ursachen sowie geschlechtsspezifische Unterschiede im delinquenten Handeln. Ziel ist es, auf Basis kriminologischer Statistiken und sozialwissenschaftlicher Theorien ein differenziertes Bild der Gewaltentwicklung bei weiblichen Jugendlichen im Vergleich zu männlichen Altersgenossen zu zeichnen.
- Phänomenologische Einordnung und Definition von Gewalt
- Soziologische und psychologische Erklärungsmodelle für Gewalthandeln
- Kritische Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zur Mädchengewalt
- Geschlechtsspezifische Sozialisation und Rollenbilder als Einflussfaktoren
- Funktionen von Gewalt als Kommunikations- und Identitätsmittel bei Jugendlichen
Auszug aus dem Buch
Zum Phänomen Mädchengewalt
Zunächst sollte geklärt werden, inwieweit Mädchen und jungen Frauen durch Gewalttaten überhaupt auffallen und ob der mediale Aufschrei, der einen radikalen Anstieg von Mädchengewalt abbildet gerechtfertigt ist. Seit 1985 bis 2007 wurde insgesamt eine erhöhte Kriminalitätsbelastung bei Mädchen und jungen Frauen festgestellt. Die Deutsche Tatverdächtigtenbelastungszahl (TVBZ) der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die das Verhältnis der Tatverdächtigten deutscher Nationalität zur altersgleichen Bevölkerung misst, zeigt, dass sich von 1987 bis zum Jahr 2009 ein stetiger Anstieg bei der Altersgruppe der acht bis 21-jährigen Mädchen und jungen Frauen beim Delikt der Körperverletzung vollzogen hat. Im Zeitraum von 1993 bis 2007 sind die TVBZ bezogen auf Gewalttaten bei den weiblichen Jugendlichen im Alter von 14 – 18 Jahren um das Dreifache gestiegen, bei den männlichen Jugendlichen im gleichen Zeitraum um das Doppelte. Die teils dramatisch wirkenden Anstiege, lassen sich allerdings auf die sehr niedrige Zahl der Ausgangsfälle bei den weiblichen Verdächtigten zurückführen. Schließlich zeigen die TVBZ von männlichen und weiblichen Jugendlichen, wenn der absolute Abstand zwischen ihnen betrachtet wird, dass sich dieser seit 1993 stetig vergrößert hat und 2007 einen Höchststand erreichte. Somit ist zwar anhand der PKS ein Anstieg der Gewalttaten, die von weiblichen Jugendlichen verübt wurden zu verzeichnen. In der Gesamtbetrachtung der Gewalttaten von männlichen und weiblichen Jugendlichen zeigt sich allerdings, dass Gewalttaten, die von den weiblichen Jugendlichen verübt werden, nach wie vor ein Randphänomen bei der Gewaltdelinquenz Jugendlicher darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
Essay zur Diskussion des Phänomens Mädchengewalt: Dieser Abschnitt führt in die Relevanz der Thematik ein und beleuchtet das öffentliche Interesse sowie die mediale Darstellung von zunehmender Mädchengewalt.
Was ist Gewalt? Hinführung und Definition: Das Kapitel erläutert die Vielschichtigkeit des Gewaltbegriffs, der gesellschaftlich und situativ geprägt ist, und grenzt physische Gewalt von psychischen sowie relationalen Formen ab.
Erklärungsansätze: Hier werden soziologische und psychologische Theorien diskutiert, die das komplexe Zusammenspiel von individuellen, sozialen und situativen Faktoren bei der Entstehung von Gewalthandeln beleuchten.
Zum Phänomen Mädchengewalt: Dieses Kapitel analysiert statistische Daten zur Kriminalität bei jungen Frauen und stellt fest, dass mediale Dramatisierungen oft in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Deliktshäufigkeit stehen.
Zum Gewalthandeln von männlichen und weiblichen Jugendlichen: Der abschließende Teil vergleicht die Hintergründe von Gewalttaten bei beiden Geschlechtern und untersucht insbesondere die Rolle von geschlechtsspezifischen Sozialisationsprozessen und Gruppenidentitäten.
Schlüsselwörter
Mädchengewalt, Gewaltbegriff, Jugendkriminalität, Polizeiliche Kriminalstatistik, Sozialisation, Rollenbilder, Delinquenz, Aggressionsniveau, Körperverletzung, Autoaggression, Peergroups, Geschlechterdifferenz, Gewaltprävention, Identitätsbildung, Handlungsstrategien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wissenschaftlichen Einordnung und Analyse des Phänomens Mädchengewalt sowie dessen medialer und statistischer Wahrnehmung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themenfelder umfassen die theoretische Definition von Gewalt, die Analyse offizieller Kriminalstatistiken, psychologische Erklärungsansätze und den Einfluss von Sozialisationsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, wie sich das Phänomen Mädchengewalt tatsächlich darstellt, welche Ursachen zugrunde liegen und welche Rolle Gewalt als Handlungsstrategie für Mädchen einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine Literatur- und Sekundärdatenanalyse, die bestehende kriminologische Statistiken und sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammenführt und kritisch bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung von Gewalt, die Darstellung von Erklärungsansätzen, eine empirische Betrachtung der Mädchengewalt sowie einen Geschlechtervergleich hinsichtlich der Ursachen von Gewalthandeln.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Mädchengewalt, Jugendkriminalität, Sozialisation, Rollenbilder, Delinquenz, Gewaltbegriff und Geschlechterdifferenz.
Wie bewertet die Autorin die mediale Darstellung von Mädchengewalt?
Sie mahnt zur Vorsicht: Die mediale Dramatisierung der Mädchengewalt müsse zwar ernst genommen, aber angesichts der statistisch geringen Fallzahlen und des Randphänomen-Charakters deutlich relativiert werden.
Welche Rolle spielt die Gruppenidentität für gewalttätige Jugendliche?
Gruppen bieten Anerkennung, Halt und Sicherheit, die in anderen Lebensbereichen fehlen; Gewalt dient dabei häufig der Statussicherung oder der Demonstration von Durchsetzungsfähigkeit innerhalb der Gruppe.
- Citation du texte
- Katrin Geier (Auteur), 2012, Das Phänomen Mädchengewalt in der Jugend, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949610