Bindungsstile und ihre Folgen bei Partnerschaften im Erwachsenenalter


Bachelorarbeit, 2020

67 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Vorgänger der Bindungstheorie: Psychoanalytische Annahmen
1.1.1 Die Theorie von Freud
1.1.2 Die Theorie von Erikson

2. Bindung im Kindesalter
2.1 Die Bindungstheorie von Bowlby
2.2 Das Konzept der Bindungsstile nach Ainsworth
2.3 Entdeckung des vierten Bindungsstils durch Main
2.4 Bindung an Mutter und Vater im Vergleich

3. Bindung im Erwachsenenalter
3.1 Die Entdeckung der Bindungsstile Erwachsener durch Hazan und Shaver
3.2 Bindungsstile und Partnerschaft

4. Studie
4.1 Methode
4.2 Interview
4.3 Instruktion
4.4 Leitfaden
4.5 Transkription
4.6 Hypothesen
4.6.1 Übereinstimmung zwischen der Bindung an die Eltern in der Kindheit und der Bindung an einen Partner im Erwachsenenalter

5. Fallstudie „Frau D.“
5.1 Analyse
5.1.1 Dimensionen der inhaltlichen Analyse
5.2 Kategorisierung
5.2.1 Kategorisierung Bindungsstil in der Kindheit
5.2.2 Kategorisierung Bindung in Partnerschaft

6 Allgemeine Diskussion
6.1 Diskussion der Ergebnisse des Vergleichs zwischen der erinnerten Bindung an die Eltern in der Kindheit und der Bindung an einen Partner im Erwachsenenalter
6.1.1 Vergleich erinnerte Vater-Kind-Bindung und Partnerschaft
6.1.2 Vergleich erinnerte Mutter-Kind-Bindung und Partnerschaft

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis
Anhang A: Transkription des Interviews

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Krisen der Persönlichkeit nach Erikson

Tabelle 2. Episoden der Fremden Situation

Tabelle 3. Drei Items zur Erfassung der Bindungsstile von Erwachsenen

1. Einleitung

Liebe ist eine universelle Erfahrung. Vom Beginn schriftlicher Aufzeichnungen an gibt es Berichte und Erzählungen über berühmte Liebespaare aus allen Kulturen (Hatfield & Rapson, 1996). Helena und Paris aus der griechischen Mythologie, Romeo und Julia aus Shakespeares Dramen und Elizabeth Taylor und Richard Burton aus Presseberichten des vergangenen Jahrhunderts sind nur einige Beispiele. Liebe als eine der grundlegenden Emotionen des Menschen umspannt nicht nur alle Kulturen und Zeiten, sondern begleitet auch jeden einzelnen lebenslang (Hatfield & Rapson, 1993). Zu lieben und geliebt zu werden, stellt sicherlich eines der stärksten Motive des Menschen dar, das in allen Abschnitten des Lebens eine Rolle spielt.

Die Erfüllung des Wunsches nach Liebe setzt voraus, dass eine enge Beziehung zu einem anderen Menschen aufgebaut wird. Die ersten Erfahrungen in diesem Bereich werden bereits in der Zeit nach der Geburt gemacht. Ohne die Fürsorge eines Erwachsenen könnte ein kleines Kind nicht überleben, wobei es in aller Regel die Eltern sind, die diese Aufgabe übernehmen. Das Kind wünscht sich nicht nur, von den Eltern physisch versorgt zu werden, es braucht auch ihre Liebe und Aufmerksamkeit. Im Laufe des Lebens werden dann weitere Beziehungen eingegangen, unter denen die Bindung an einen Liebespartner im Allgemeinen als die wichtigste gilt. Auch der Aufbau dieser Beziehung ist meist durch den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit motiviert. Der Eltern-Kind-Beziehung und der Liebesbeziehung ist gemeinsam, dass sie die Möglichkeit bergen, wirkliche Nähe und Intimität zu erleben, was in anderen Beziehungen weniger gut möglich ist und oft auch nicht gewünscht wird, zum Beispiel in Beziehungen zu Freunden oder Arbeitskollegen. Die Beziehung zu den Eltern in der Kindheit und die Beziehung zu einem Liebespartner im Erwachsenenalter haben daher eine besondere Bedeutung im Leben eines Menschen.

Da an die Beziehung zu einem Partner zum Teil ähnliche Bedürfnisse herangetragen werden wie an die Beziehung zu den Eltern, stellt sich die Frage, ob die Erfahrungen mit den Eltern in der Kindheit sich auf das spätere partnerschaftliche Verhalten auswirken. Es ist denkbar, dass eine gute Eltern-Kind-Beziehung das Vertrauen in andere fördert, so dass im Erwachsenenalter offen auf andere zugegangen wird, was dazu beiträgt, dass weitere, glückliche Beziehungen entstehen können. War die Beziehung zu den Eltern dagegen durch Ablehnung und Vernachlässigung gekennzeichnet, so könnte sich daraus eine Haltung generellen Misstrauens entwickeln, die im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zum Scheitern partnerschaftlicher Beziehungen führt. In dieser Arbeit sollte untersucht werden, inwieweit die Beziehung zu den Eltern in der Kindheit und die Beziehung an einen Liebespartner im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Dieser Fragestellung wurde auf der Grundlage der Bindungstheorie nachgegangen. Der bindungstheoretische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er differenzierte Aussagen zu beiden Arten von Beziehungen macht, die in dieser Arbeit betrachtet werden sollen. Die Erkenntnisse werden sowohl über den Weg der Theoriebildung als auch durch empirische Forschung gewonnen (einen Überblick geben Cassidy & Shaver, 1999). Innerhalb dieses Paradigmas wurde immer wieder die Frage aufgegriffen, inwieweit die Liebesbeziehung des Erwachsenen als Fortsetzung der Eltern-Kind-Beziehung anzusehen sei, eine Annahme, die als These der Kontinuität von Bindung bezeichnet wird. Diese These wurde in der vorliegenden Arbeit einer empirischen Prüfung unterzogen.

1.1 Vorgänger der Bindungstheorie: Psychoanalytische Annahmen

Bevor die Merkmale der Bindungstheorie, der theoretischen Grundlage dieser Arbeit, dargestellt werden, soll zunächst betrachtet werden, in welchen älteren psychologische Theorien sich ebenfalls Aussagen zur Kontinuität des Erlebens und Verhaltens in Beziehungen von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter finden. In frühen psychoanalytischen Ansätzen wurde bereits postuliert, dass es zwischen der Eltern-Kind-Beziehung und der Liebesbeziehung des Erwachsenen Verbindungen gebe, wobei insbesondere die Werke von Freud (1905, 1917) und von Erikson (1950, 1973) Vorstellungen darüber enthalten, welcher Art diese Verbindungen seien. Die theoretischen Annahmen von Freud und von Erikson werden daher im Folgenden näher erläutert.

1.1.1 Die Theorie von Freud

In seinen „Drei Abh andlungen zur Sexualtheorie“ stellte F reud (1905) die zu d ieser Z eit revolutionäre Hypothese auf, dass die Auswahl eines Liebespartners im Erwachsenenalter von den Erfahrungen mit der primären Bezugsperson in der frühen Kindheit beeinflusst wird. Freud vertritt die Haltung, dass bereits die Beziehung zwischen dem Kind und der Person, die das Kind hauptsächlich aufzieht, also meist die Mutter, sexuelle Motive beinhaltet. Das Küssen, Streicheln und Hochnehmen des Kindes und besonders das Saugen an der Mutterbrust wird von beiden Seiten als körperlich befriedigend erlebt. Im Kind wird durch diese Erfahrungen sexueller Erregung und Befriedigung der Sexualtrieb erweckt. Die Mutter, so drückt Freud es aus, lehrt das Kind lieben.

Im Alter von zwei bis fünf Jahren lernt das Kind, seine sexuellen Wünsche nur noch auf eine einzige Person zu richten, die Mutter; diesen Prozess bezeichnet Freud als die erste Objektwahl.

Nach der Latenzphase, in der der Sexualtrieb ruht, findet dann in der Pubertät die zweite Objektwahl statt, worunter nach Freud die Auswahl eines ungefähr gleichaltrigen Sexualpartners zu verstehen ist. Bevor dieser Prozess erfolgen kann, stellt sich zunächst die Aufgabe, die kindliche Liebe zu den Eltern zu überwinden, da der Vater und die Mutter aufgrund der Inzestschranke als Liebespartner nicht in Frage kommen. Die Ablösung von den Eltern erfolgt häufig in Form einer jugendlichen Rebellion. Der Eltern-Kind-Beziehung kommt dennoch weiterhin eine bedeutende Bedeutung zu, da in den meisten Fällen ein Sexualpartner gewählt wird, der dem gegengeschlechtlichen Elternteil ähnlich ist. Der Vater bzw. die Mutter dienen also als Vorbild bei der Partnerwahl. Diesen Prozess fasst Freud in den drei Abhandlungen in dem Kernsatz „Die Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung“ zusammen.

In der später erschienenen Schrift „Die Libidotheorie und der Narzissmus“ (1917) bezeichnet Freud die Wahl des Sexualpartners nach dem Vorbild der Mutter bzw. des Vaters als Objektwahl nach dem Anlehnungstypus und grenzt diese von der narzisstischen Objektwahl ab, die dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Partner gesucht wird, der dem eigenen Ich ähnelt.

Da Freud von einem Zusammenhang zwischen der Beziehung zu den Eltern in der Kindheit und der Wahl eines Sexualobjekts im Erwachsenenalter ausgeht, vertritt er die Ansicht, dass sich Störungen der kindlichen Entwicklung ungünstig auf das Sexualleben des Erwachsenen auswirken. Wenn ein Kind beispielsweise von der Mutter übermäßig verwöhnt wird, so wird es später nicht in der Lage sein, auf Zuwendung vorübergehend zu verzichten.

Um den Theorieansatz von Freud interpretieren und in den Kontext der vorliegenden Arbeit einordnen zu können, muss zunächst veranschaulicht werden, von welcher Bedeutung des Begriffs „Sexualität“ in seinen Schriften auszugehen ist (siehe hierzu auch Reiche, 1991). Ein häufig geäußerter Einwand lautet, Freud sexualisiere menschliche Beziehungen. Insbesondere die Annahme, dass bereits die Interaktion zwischen Mutter und Kind sexuell sei, stieß zu seiner Zeit auf heftige Kritik. Ihm wurde vorgeworfen, er übertreibe die Rolle des Sexuellen und nehme Beziehungen daher begrenzt und einseitig wahr. Nach einer anderen Auffassung verwendet Freud die Begriffe, die sich auf die Sexualität beziehen, in einer breiteren Bedeutung als allgemein üblich. Als sexuell kennzeichnet er nicht nur die Verhaltensweisen, die mit der Fortpflanzung verknüpft sind, sondern auch alle weiteren Akte, durch die zwei Menschen Nähe zueinander herstellen, zum Beispiel Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber. Dieser Interpretation schließe ich mich im folgenden an, da Freud selbst eine solche Auslegung nahe legt bei seiner Beschreibung der Spätfolgen von ungünstigen frühkindlichen Beziehungserfahrungen. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass der Begriff „Wahl des Sexualobjekts“ dem in der modernen Psychologie verwendeten Begriff „Partnerwahl“ gleichzusetzen ist. Legt man also diese breitere Bedeutung von Sexualität zugrunde, so kann zus ammenfassend geschlossen werden, dass Freud von Kontinuität im menschlichen Beziehungsverhalten ausgeht, da sich seinen Ausführungen die Beziehung zu den Eltern in der frühen Kindheit auf spätere Paarbeziehungen auswirkt.

Ungeklärt bleibt in diesem Modell allerdings, in welcher Weise die Mutter bzw. der Vater bei der Partnerwahl als Vorbilder dienen. Freud spezifiziert nicht, bezüglich welcher Merkmale der ausgewählte Liebespartner dem gegengeschlechtlichen Elternteil voraussichtlich ähnlich sein wird. So bleibt unklar, ob sich die Ähnlichkeit beispielsweise auf das äußere Erscheinungsbild, auf Persönlichkeitsmerkmale oder auf die Beziehungsart zwischen den beiden Partnern bezieht.

Kritisiert werden muss außerdem, dass Freud versäumte offen zu legen, auf welche Art er zu seinen Erkenntnissen gelangte. Eine gewisse empirische Fundierung kann man seiner Theorie nicht absprechen, da sich in seinen Schriften immer wieder Fallbeispiele aus seiner Tätigkeit als Psychologe finden. Es fehlt ein systematischer Vergleich der zitierten Einzelfälle. Aus streng wissenschaftlicher Perspektive kann sein Werk daher nicht als empirisch belegt angesehen werden; dessen Wert ist eher im Bereich der Theoriebildung anzusiedeln. Trotz dieser Kritikpunkte kann festgehalten werden, dass Freuds These, die Eltern-Kind-Beziehung diene als Vorbild für die spätere Liebesbeziehung, in aktuellen psychologischen Theorien weiterlebt. So auch in der Bindungstheorie, welche in dieser Arbeit noch ausführlich beleuchtet wird.

1.1.2 Die Theorie von Erikson

Auch in der Theorie von Erik H. Erikson finden sich Thesen zum Zusammenhang zwischen frühen Kindheitserfahrungen mit den Eltern und der Liebesbeziehung im Erwachsenenalter. Innerhalb seines Modells zur Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit (1950, 1973) entwickelte Erikson Vorstellungen darüber, wie die Erfahrungen, die in verschiedenen Lebensabschnitten im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen gemacht werden, miteinander verbunden sein könnten. Die Kernaussage dieses Modells lautet, dass in acht Phasen des Lebens gesetzmäßig Krisen durchlaufen werden, deren erfolgreiche Überwindung zur Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit beiträgt. Die Tabelle 1.1 gibt einen Überblick über diese Krisen.

Tabelle 1. Krisen der Persönlichkeit nach Erikson

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Tabelle 1.1 zeigt, postuliert Erikson in diesem Modell, dass die erste Krise im Leben eines Menschen bereits in der Zeit nach der Geburt stattfindet. In dieser Phase ist die Mutter die Hauptbezugsperson des Kindes. Das Kind entwickelt das Gefühl des Urvertrauens, wenn es von der Mutter adäquat versorgt wird, wobei Erikson betont, dass nicht die Quantität, sondern die Qualität der mütterlichen Betreuung entscheidend ist. Eine liebevolle B etreuung zeichnet s ich seinen Ausführung en zufolge dadurch aus, dass die Mutter in sensibler Weise auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht. Das Gefühl des Urvertrauens, das hieraus resultiert, umfasst sowohl das Vertrauen in andere als auch das Vertrauen in sich selbst. Wenn sich die Mutter dagegen dem Kind gegenüber wenig sensibel verhält, entsteht in diesem nicht das Gefühl des Urvertrauens, sondern Misstrauen.

In der Kindheit durchläuft das Individuum drei weitere Krisen. Im Rahmen der Sauberkeitserziehung kann das Kind das Gefühl der Autonomie entwickeln, wenn die Eltern hier ein Gleichgewicht zwischen Strenge und Gewährenlassen finden. Nehmen sie hingegen eine einschränkende und vorwurfsvolle Haltung dem Kind gegenüber an, so entsteht in diesem eher das Gefühl der Scham. Mit zunehmender motorischer Beweglichkeit entwickelt das Kind Initiative; das heißt, es wendet sich seiner Umwelt aktiv zu und erkundet diese. Das Gegenteil der Initiative ist nach Erikson das Schuldgefühl. Dieses ist vorherrschend, wenn das Kind bei der Erkundung und „Eroberung“ der Umwelt sehr aggressiv vorgeht, zum Beispiel gegenüber seinen Geschwistern, und dafür von den Eltern übermäßig getadelt wird. Im Schulalter lernt das Kind, dass es sich durch Leistung Anerkennung verschaffen kann. Gelingt es ihm allerdings häufig nicht, die ihm gestellten Aufgaben zu bewältigen, so überwiegt das Gefühl der Minderwertigkeit und Unzulänglichkeit.

In der Pubertät stellt sich die Aufgabe, eine eigene Identität zu entwickeln; nach Erikson sind diese Krise und ihr Ausgang von zentraler Bedeutung im individuellen Lebenslauf. Der gelungene Aufbau einer eigenen Identität besteht ihm zufolge darin, dass der Jugendliche zu einem kohärenten Bild seiner selbst gelangt. Wenn dies misslingt und keine Klarheit über die eigenen Rollen im Leben gewonnen wird, so entsteht die Identitätsdiffusion.

Das kohärente B ild vom eigenen Selbst ist nach Erikson d ie Voraussetzung dafür, dass im frühen Erwachsenenalter eine Liebesbeziehung zu einer Person des anderen Geschlechts eingegangen werden kann. Eine echte Bindung liegt hier seinen Ausführungen zufolge erst dann vor, wenn nicht nur sexuelle, sondern auch psychische Intimität hergestellt werden konnte. Das Gegenteil der Intimität ist die Isolierung die darin besteht, dass Nähe zu anderen vermieden wird.

Im Erwachsenenalter wird nach diesem Modell d as Ziel verfolgt, etwas über die eigene Existenz Hinausgehendes hervorzubringen. Viele nähern sich diesem Ziel über die Elternschaft an. Generativität wird nach Erikson aber nicht allein durch die bloße Existenz von Kindern oder den Kinderwunsch erreicht; wichtig ist hier vielmehr auch, dass die Elternschaft als erfüllend erlebt wird. Ein Ausdruck der Generativität im Erwachsenenalter können aber auch zum Beispiel künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen sein. Misslingen all diese Ansätze dem subjektiven Empfinden nach, so tritt Stagnation ein.

Im reifen Erwachsenenalter schließlich entwickelt sich das Gefühl der Integrität, wenn eine versöhnliche Haltung der Welt gegenüber eingenommen wird. Dazu gehört, dass der eigene Lebensweg akzeptiert und als positiv angesehen wird und nicht der Wunsch besteht, ihn im Nachhinein noch ändern zu wollen. Wenn das eigene Leben dagegen als vertan und sinnlos gesehen wird, so entstehen Lebensekel und Verzweiflung.

Das Besondere an der Theorie von Erikson ist, dass er Entwicklungsaufgaben für den gesamten Lebenslauf beschreibt. Er entwirft damit ein umfassendes Bild des Menschen. Dabei betont er immer wieder die Bedeutung der Qualität von Beziehungen. Die verschiedenen, gesetzmäßig auftretenden Lebenskrisen können seiner Ansicht nach dann konstruktiv gelöst werden, wenn unterstützende Beziehungen zu anderen aufgebaut und genutzt werden. Die konstruktive Lösung zeigt sich dabei nach Erikson darin, dass positive emotionale Erfahrungen wie das Erleben von Urvertrauen, Intimität und Integrität gemacht werden.

Von Interesse für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist nun, welche Zusammenhänge Erikson zwischen den einzelnen Phasen sieht. Im Modell der Entwicklung der gesunden Persönlichkeit findet sich hierzu die These, dass die erfolgreiche Bewältigung einer Lebenskrise eine gute Ausgangsbedingung für die jeweils nächste Entwicklungsstufe darstellt. Bezogen auf die ersten beiden Phasen bedeutet dies beispielsweise, dass der Aufbau von Urvertrauen beim Säugling förderlich ist für die Entwicklung von Autonomie im darauffolgenden Kleinkindalter, während das Überwiegen von Misstrauen in der ersten Phase mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass in der zweiten das Gefühl der Scham dominiert. Zum Zusammenhang zwischen der Beziehung zu den Eltern in der Kindheit und den Liebesbeziehungen des Erwachsenen kann demnach aus der Theorie von Erikson folgende These abgeleitet werden: Eine liebevolle Betreuung durch die Eltern, die im Kind sowohl den Aufbau von Vertrauen als auch die Entwicklung von Autonomie fördert, wirkt sich förderlich auf die Gestaltung von Paarbeziehungen im späteren Erwachsenenalter aus.

Als negativer Kritikpunkt muss hier ebenso wie bei der Theorie von Freud festgehalten werden, dass auch im Modell von Erikson Einzelfallbeschreibungen die einzigen empirischen Daten darstellen. Auch hier findet sich wieder keine systematische, vergleichende Auswertung. Trotz der mangelnden empirischen Fundierung beeindruckt an diesem Modell aber, dass hier bereits Begriffe auftauchen, die in der später entwickelten Bindungstheorie von zentraler Bedeutung sind: So führt Erikson beispielsweise den Begriff „Bindung“ ein für eine Beziehung, die durch körperliche und psychische Nähe gekennzeichnet ist. Weiterhin spricht er davon, dass die Sensibilität der Mutter gegenüber dem Kind einen entscheidenden Einfluss auf die Qualität der Beziehung hat. Eine weitere zentrale Annahme lautet, dass für die Entwicklung eines Kindes nicht nur die Fürsorge, sondern auch die Förderung von Autonomie wichtig ist. Die Bedeutsamkeit dieser von Erikson genannten Variablen konnte später im Rahmen der Bindungsforschung empirisch nachgewiesen werden, wie weiter unten dargestellt wird. Erikson erweist sich somit als Vordenker des bindungstheoretischen Ansatzes.

2. Bindung im Kindesalter

2.1 Die Bindungstheorie von Bowlby

Der britische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby machte während seiner Arbeit an einer Londoner Kinderklinik die Beobachtung, dass kleine Kinder, die von der Mutter getrennt werden, verzweifelt sind und sich sehnlich wünschen, wieder mit ihr vereint zu werden (siehe zum Beispiel Bowlby, 1995, Cassidy, 1999). Der Trennungsschmerz des Kindes kann nach Bowlby nicht allein damit erklärt werden, dass die Mutter dessen grundlegende Bedürfnisse wie die Ernährung und die Pflege befriedigt, denn diese Aufgaben können grundsätzlich auch von einer anderen Person übernommen werden. Die heftige Reaktion des Kindes auf die Trennung zeige vielmehr, dass zwischen der Mutter und dem Kind ein besonderes emotionales Band bzw. eine Bindung besteht. Zur Erklärung der Natur dieser Bindung entwickelte Bowlby die Bindungstheorie, die er in der 1969, 1973 und 1980 erschienenen Trilogie „Attachment and Loss“ darlegte.

In Analogie zu Beobachtungen aus dem Tierreich von Lorenz geht Bowlby davon aus, dass das Bedürfnis, eine enge Bindung zu einer anderen Person aufzubauen und aufrechtzuerhalten, ein angeborenes Motiv des Menschen ist. Ebenso wie der Nachwuchs vieler höherer Tierarten kann auch ein menschliches Neugeborenes nur dann überleben, wenn es von den Eltern versorgt und beschützt wird, wobei sich in den meisten Fällen hauptsächlich die Mutter um das Kind kümmert. Fürsorge und Schutz sind daher für das Kind mit der Nähe der Mutter verbunden. Um diese Nähe dauerhaft aufrecht zu erhalten, bindet es sich emotional an die Mutter. Dem Aufbau einer Bindung in den ersten Lebensjahren kommt somit primär eine biologische Funktion zu, nämlich das Überleben des Kindes zu sichern.

Das Bindungsverhalten ist nach Bowlby wie ein Regelkreis organisiert, weswegen er auch von einem Bindungssystem spricht. Das Kind beachtet ständig, wo die Mutter sich gerade aufhält. Wenn sie für sein Empfinden zu weit oder zu lange weg ist, ist es beunruhigt. Um die Nähe zur Mutter wiederherzustellen, wird Bindungsverhalten aktiviert: Es lächelt beispielsweise die Mutter an, streckt die Arme nach ihr aus, krabbelt ihr nach oder beginnt zu weinen. Wendet sich die Mutter als Reaktion auf diese Verhaltensweisen dem Kind wieder zu, beruhigt es sich und beendet das Bindungsverhalten. Auf diese Weise stellt es permanent sicher, dass die Mutter ihm nahe bleibt.

Bowlby führt weiterhin aus, dass das Kind auf der Grundlage seiner Erfahrungen mit der Hauptbezugsperson Erwartungen darüber entwickelt, wie Bindungsbeziehungen zukünftig ablaufen werden. Ein Kind, das überwiegend liebevoll und aufmerksam betreut wird, empfindet sich selbst als liebenswert und geht davon aus, dass andere ihm auch in Zukunft aufgeschlossen und wohlwollend gegenübertreten werden. Macht es dagegen häufig die Erfahrung, dass es zurückgewiesen und gleichgültig behandelt wird, gelangt es eher zu der Überzeugung, dass es die Liebe anderer nicht verdiene und dass diese im Allgemeinen unzugänglich und abweisend seien. Die Beziehungserfahrungen mit den Eltern werden auf diese Weise generalisiert und verdichten sich zum Modell des Selbst und zum Modell der anderen. Die innerpsychische Struktur, in der diese Kognitionen zusammengefasst sind, ist das innere Arbeitsmodell von Bindung ( siehe hierzu auch Bretherton und Munholland, 1999, Bretherton, 2001). Nachdem dieses in den ersten Lebensjahren aufgebaut wurde, bleibt es nach Bowlby in den meisten Fä llen stabil und arbeitet im Unb ewussten (Bowlby, 1988).

Bowlby geht zwar davon aus, dass das innere Arbeitsmodell meist stabil bleibt, er hält es aber nicht für unveränderbar. Änderungen können sich dann ergeben, wenn sich die soziale Umwelt verändert. Ein eher pessimistisches Arbeitsmodell, das als Folge einer wenig liebevollen Betreuung in der Kindheit negative Sichtweisen des Selbst und der anderen beinhaltet, kann im späteren Leben modifiziert werden durch positive Erfahrungen mit anderen Bindungsfiguren. Dies können zum Beispiel ein liebevoller, vertrauenerweckender Partner oder auch ein Psychotherapeut sein.

Neben dem Bindungsverhalten gibt es Bowlby zufolge ein weiteres angeborenes Motivsystem des Menschen, das dem Überleben dienlich ist: die Exploration ( Bowlby, 1995, siehe auch Grossmann, Grossmann & Zimmermann, 1999). Durch die spielerische Erkundung seiner Umwelt lernt das Kind schrittweise, in dieser adäquat und effektiv zu agieren. Erkunden kann es aber nur dann, wenn es sich von seiner Hauptbezugsperson entfernt; die Exploration ist somit gegensätzlich zum Bindungsverhalten. Bowlby führt aus, dass Kinder zwischen diesen beiden Verhaltensweisen wechseln, was ihm zufolge besonders gut im Alter von zwei Jahren zu beobachten ist. Wenn ein Kind dieses Alters sich sicher fühlt, entfernt es sich von der Mutter und erkundet die Umwelt. Sobald es aber in irgendeiner Form beunruhigt ist, wenn es zum Beispiel Angst oder Hunger hat, kehrt es zu ihr zurück. Die Mutter reagiert im Allgemeinen komplementär auf das Bindungsverhalten des Kindes, das heißt, sie tröstet, beruhigt oder füttert es. Sobald die Bedürfnisse d es Kindes befriedigt sind, wendet es sich wieder von ihr ab und widmet sich dem Spiel, kehrt aber im Fall einer erneuten Verunsicherung wieder zu ihr zurück. Das Kind steuert die Mutter also innerhalb dieses gut abgestimmten Wechselspiels immer wieder wie einen sicheren Hafen an; nach bindungstheoretischer Terminologie nutzt es die Mutter als sichere Basis.

Für die vorliegende Arbeit sind Bowlbys Aussagen zur Bindung im Lebenslauf von besonderer Relevanz (siehe hierzu zum Beispiel Bowlby, 1988, Berlin & Cassidy, 1999). Bowlby vertritt die Ansicht, dass das Bedürfnis nach einer engen Bindung im gesamten Leben bestehen bleibt. Mit zunehmender Reife stellen die Eltern allerdings nicht mehr die wichtigsten Bindungspersonen dar; im Jugend- und Erwachsenenalter tritt stattdessen die Beziehung zu einem ungefähr gleichaltrigen, meist gegengeschlechtlichen Liebespartner in den Vordergrund. Der Eltern-Kind-Beziehung kommt dennoch weiterhin eine wichtige Rolle zu, denn nach Bowlby dient se als Modell für alle weiteren Bindungsbeziehungen. Die vermittelnde Instanz in di esem Prozess ist das innere Arbeitsmodell. Die in dieser kognitiven Struktur gespeicherten Erfahrungen mit den Eltern beeinflussen in Form von Erwartungen das aktuelle partnerschaftliche Verhalten; sie wirken sich auf die Partnerwahl und die Interaktion mit dem Partner aus. Daher ist nach Bowlby davon auszugehen, dass sich grundlegende Merkmale der vergangenen Eltern-Kind-Beziehung in der aktuellen Partnerschaft wiederfinden. So wird sich zum Beispiel ein Erwachsener, der als Kind liebevoll und fürsorglich betreut wurde, mit hoher Wahrscheinlichkeit in seiner Liebesbeziehung auch selbst fürsorglich verhalten, während ein anderer, der in der Kindheit häufig die Erfahrung der Zurückweisung machte, sich eher in einer Beziehung wohl fühlt, die durch wenig Nähe zwischen den Partnern gekennzeichnet ist.

Auch Weiss (1991) sieht die Liebesbeziehungen von Erwachsenen als Weiterentwicklungen der kindlichen Bi ndung an di e Eltern an. Zur Untermauerung dieser These führt er drei Argumente an: Als erstes legt er dar, dass sich wichtige Merkmale der Eltern-Kind-Beziehung in veränderter Form in den Liebesbeziehungen Erwachsener wiederfinden. Kinder suchen die Nähe ihrer Hauptbezugsperson, nutzen diese als sichere Basis und zeigen Protest bei Trennungen. Auch Erwachsene wünschen sich physische und psychische Nähe zu ihrem Partner, wenden sich an ihn, wenn sie Kummer haben oder besorgt sind, und zeigen deutliche Anzeichen von Trauer, wenn die Beziehung zerbricht oder der Partner stirbt. Die Verknüpfung von kindlichen und erwachsenen Bindungsbeziehungen zeigt sich nach Weiss zweitens darin, dass Störungen im Verhältnis zu den Eltern in d er Kindheit häufig mit Problemen in der eigenen Partnerschaft verbunden sind; als Beispiel wird hier genannt, dass Kinder, deren Eltern sich scheiden ließen, als Erwachsene selbst ein erhöhtes Scheidungsrisiko haben. Das dritte Argument von Weiss lautet, dass eine befriedigende Beziehung zu einer anderen Person meist erst dann aufgebaut werden kann, wenn die Ablösung vom Elternhaus gelungen ist. Dies wertet er als Indikator dafür, dass die Rolle der Eltern-Kind-Bindung im Erwachsenenalter von der Bindung an einen Liebespartner übernommen wird.

Wie aus den obigen Ausführungen deutlich geworden sein dürfte, geht Bowlby ebenso wie Freud von einer frühkindlichen Prägung menschlichen Beziehungsverhaltens aus. Seine Theorie reicht aber in mehrfacher Hinsicht über das Entwicklungsmodell von Freud hinaus (Cassidy, 1999, Bierhoff, 2000): Bowlby integriert Annahmen der Ethologie, indem er von angeborenen Motiven wie dem Bindungsverhalten und der Exploration ausgeht, die dem Überleben dienlich sind. Seine Darstellung des Bindungssystems als Regelkreis stellt eine systemtheoretische Erklärung dar. Schließlich findet sich auch ein kognitionspsychologisches Konzept seiner Theorie, nämlich das Konstrukt des inneren Arbeitsmodells.

Ein Gesichtspunkt, der meines Erachtens nach in der Bindungstheorie vernachlässigt wird, ist die Seite der Eltern. Bowlby legt stringent dar, aus welchen Gründen der Aufbau einer Bindung für das Kind von so großer Bedeutung ist. Er äußert sich aber kaum dazu, warum sich auch die Eltern und insbesondere die Mutter auf diese Beziehung einlassen. Ein Kind zu versorgen, stellt eine anspruchsvolle und aufwendige Tätigkeit dar; während der Zeit der Kinderbetreuung müssen eigene Interessen in hohem Maße zurückstehen. Dennoch ist festzustellen, dass sich die meisten Mütter dieser Aufgabe mit viel Liebe und Sorgfalt widmen. Die

Bindungstheorie b ietet keine h inreichenden Erklärungen für d ieses Verhalten; Bowlbys Aussage, die mütterliche Fürsorge sei „in gewissem Ausmaß vorprogrammiert“ (zitiert in Cassidy, 1999, S. 9), ist hier wenig zufriedenstellend. Bezüglich dieses Gesichtspunkts halte ich die Theorie von Freud für aussagekräftiger. Freud postuliert, dass nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter ein Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit habe, so dass auch sie den Umgang miteinander als befriedigend erlebt. In diesem Sinne profitieren nach Freud beide Seiten von der Beziehung.

Im Unterschied zu den in dieser Arbeit vorgestellten psychoanalytischen Entwicklungstheorien beruht die Bindungstheorie von Bowlby auf einer breiten Datenbasis. Bowlby entwickelte seine Theorie auf der Grundlage von umfangreichen Verhaltensbeobachtungen. Kritisch muss hierzu aber dennoch angemerkt werden, dass die Auswertung dieser Beobachtungen eine Systematik vermissen lässt; die Aussagen von Bowlby sind daher an vielen Stellen wenig spezifisch. Diese Schwäche des bindungstheoretischen Ansatzes konnte jedoch von Bowlbys Mitarbeiterin Mary Ainsworth behoben werden, wie im nun folgenden Abschnitt dargestellt wird.

2.2 Das Konzept der Bindungsstile nach Ainsworth

Das Konzept der Bindungsstile geht auf die Überlegung zurück, dass es trotz der Entwicklung von Arbeitsmodellen in spezifischen Bindungsbeziehungen nicht notwendigerweise eine unendliche Bandbreite von Mustern geben muss.

Ebenso wie Bowlby knüpft auch Ainsworth daran an, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind in Situationen der Trennung besonders gut zu beobachten ist, doch geht sie weit über die bloße Beobachtung hinaus. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern entwickelte sie ein standardisiertes Verfahren, mit dem Unterschiede in der Mutter­Kind-Beziehung erfasst werden können, die Fremde Situation (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978). Bei diesem Test, der für Kinder im Alter von einem Jahr konzipiert ist, werden Mutter-Kind-Dyaden im Labor beobachtet, wobei sie in einer festgelegten Reihenfolge voneinander getrennt und wiedervereinigt werden. Die Tabelle 1.2 zeigt die Abfolge der Trennungen und Wiedervereinigungen.

Tabelle 2. Episoden der Fremden Situation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie die Tabelle 1.2 zeigt, besteht die Fremde Situation aus acht Episoden, an der drei Personen beteiligt sind, ein Versuchsleiter, die Mutter und das Kind. Zu Beginn befinden sich alle drei im Raum; dann verlassen der Versuchsleiter und die Mutter abwechselnd den Raum und kehren wieder, was nach einer genau festgelegten Reihenfolge geschieht. Die verschiedenen Situationen, die auf diese Weise entstehen, stellen unterschiedlich hohe Belastungen für das Kind dar. So ist davon auszugehen, 17 dass es nur leicht beunruhigt ist, wenn es sich mit der Mutter in der ungewohnten Umgebung des Labors befindet, wohingegen die Episode, in der es ganz allein ist, vermutlich starken Stress auslöst.

Ainsworth et al. stellten fest, dass die Kinder anhand ihres Verhaltens in der Fremden Situation in drei Gruppen eingeteilt werden konnten, wobei bei der Zuordnung besonders die Reaktion auf die Rückkehr der Mutter berücksichtigt wurde:

- Die Kinder, die der Gruppe A zugeordnet wurden, widmeten sich von Anfang an dem Spiel und beachteten ihre Mutter kaum. Wenn diese den Raum verließ, zeigten sie sich nach außen hin nicht beunruhigt; sie spielten zum Beispiel einfach weiter. Bei der Rückkehr der Mutter suchten sie keinen Kontakt zu ihr, sondern ignorierten sie oder wandten sich sogar von ihr ab. In ihrem Verhalten der Mutter und dem Fremden gegenüber waren kaum Unterschiede festzustellen.
- Die Kinder der Gruppe B zeigten sich ebenfalls am Spiel interessiert, hielten aber gleichzeitig auch kontinuierlich Kontakt mit der Mutter. Die Trennung von ihr bereitete ihnen offensichtlich Kummer, denn sie weinten dann meist oder schauten sehnsüchtig zu der Tür, aus der sie hinausgegangen war. Von der fremden Person ließen sie sich nur ein wenig beruhigen. Wenn die Mutter zurückkam, freuten sie sich, was sich beispielsweise darin zeigte, dass sie lächelten. Sie versuchten dann umgehend, die Nähe zu ihr wiederherzustellen. Nachdem die Mutter sich ihnen zugewandt hatte, beruhigten sie sich schnell und wandten sich wieder dem Spiel zu.
- Die Gruppe C-Kinder spielten in der Fremden Situation überhaupt nicht und waren stattdessen auf die Mutter fixiert. Die Trennungsphasen lösten starken Stress in ihnen aus. Sie weinten dann sehr heftig und ließen sich von der Fremden nicht beruhigen. Bei der Rückkehr der Mutter zeigten sie Ärger und ließen sich auch von ihr nicht beruhigen. Sie vermieden dann entweder die Nähe zu ihr oder klammerten sich an sie an.

Die Laboruntersuchungen mit der Fremden Situation wurden ergänzt durch Beobachtungen bei Hausbesuchen. Dabei zeigte sich, dass die Klassifikation der Kinder in die drei Gruppen durch entsprechende Verhaltensmuster auf der Seite der Mütter bestätigt werden konnte. Als entscheidende Variable sehen Ainsworth und Mitarbeiter die mütterliche Feinfühligkeit an. Sie verstehen darunter, dass die Mutter die Signale des Kindes wahrnimmt, richtig interpretiert und prompt darauf eingeht (vgl. auch Schmidt & Strauß, 1996). Hierzu waren die Mütter der B-Kinder in besonderem Ausmaß fähig. Die Mütter aus der A und der C-Gruppe reagierten dagegen signifikant langsamer und weniger angemessen auf die kindlichen Signale. Die A-Mütter zeigten nicht nur wenig Feinfühligkeit, sondern sie wiesen ihre Kinder oftmals sogar aktiv ab, indem sie zum Beispiel Körperkontakt vermieden. Darüber hinaus brachten sie beim Umgang mit dem Kind kaum Emotionen zum Ausdruck, was von Ainsworth damit erklärt wurde, dass sie auf diese Weise Gefühle des Ärgers unter Kontrolle halten wollen. An den Müttern der C-Kinder fiel auf, dass sie häufig sehr ungeschickt mit dem Kind umgingen.

Ein weiteres Ergebnis der Studie von Ainsworth et al. war, dass die Kinder sich nicht gleichmäßig auf die drei Kategorien verteilten. Die meisten, nämlich 66%, wurden der Gruppe B zugeordnet; auf die A-Gruppe entfielen 21%, auf die C-Gruppe 13% der Kinder. Nach dem Erscheinen der Untersuchung von Ainsworth et al. setzten sich schon b ald folgende B egriffe für d ie d rei B indungsmuster durch: D ie Kinder d er Gruppe B wurden als „sicher 1 bezeichnet, die der Gruppe C als „ängstlich-ambivalent 1 und die der Gruppe A als „vermeidend“.

Mit der Einteilung der Kinder in die drei Gruppen legten Ainsworth et al. ein Klassifikationssystem zur Beschreibung von individuellen Unterschieden in der kindlichen Bindung an die Hauptbezugsperson vor. Sie präzisierten damit Bowlbys These, dass die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung nicht immer gleich sei. Gleichzeitig ermöglichten sie die empirische Überprüfung dieser These, indem sie die Methode der Fremden Situation entwickelten. Der Ansatz von Ainsworth et al. erwies sich in der Folgezeit als überaus erfolgreich, da er eine Fülle weiterer Forschungsarbeiten anregte. Bretherton (1995) spricht in diesem Zusammenhang von Hunderten von veröffentlichten Untersuchungen, in denen die Fremde Situation eingesetzt wurde. In Deutschland wurde dieser Forschungszweig vor allem von der Arbeitsgruppe um Klaus Grossmann vorangebracht (Spangler & Grossmann, 1995). Daher kann s icherlich mit Berechtigung gesagt werden, dass Ainsworth mit ihrer Arbeit der Bindungstheorie zum Durchbruch verhalf.

2.3 Entdeckung des vierten Bindungsstils durch Main

Main (1995) stellte in ihren Untersuchungen mit der Fremden Situation immer wieder fest, dass sich eine gewisse Anzahl von Kindern nicht in eine der drei Bindungskategorien von Ainsworth einordnen ließ. Eine Reanalyse der nicht klassifizierbaren Fälle erbrachte, dass das Verhalten dieser Kinder in der Fremden Situation gewisse Gemeinsamkeiten aufwies (siehe auch Lyons-Ruth & Jacobvitz, 1999): Bei der Rückkehr der Mutter verhielten sich die Kinder oft in widersprüchlicher Weise, da sie gleichzeitig Annäherungs- und Vermeidungsverhalten zeigten. Manche bewegten sich zum Beispiel zur Mutter hin und drehten dann abrupt ab. Andere näherten sich zwar an, bis sie sie erreicht hatten, wandten dabei aber den Kopf von ihr ab. Eine andere häufig beobachtete Verhaltensweise in dieser Gruppe war ein plötzliches Erstarren; die Kinder wirkten dann wie eingefroren oder bewegten sich wie in Zeitlupe. Auch Bewegungsstereotypien wie zum Beispiel das Schaukeln des Oberkörpers traten auf. Einige Kinder hatten offensichtlich Angst vor der Mutter, was an ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen war. Weiterhin fiel auf, dass ihre Stimmung gelegentlich ohne äußeren Anlass umschlug.

Main kennzeichnet diese widersprüchlichen, nicht erklärbaren Verhaltensweisen zusammenfassend als bizarr. Sie folgert, dass die Kinder, die dieses bizarre Verhalten zeigen, kein organisiertes und angepasstes Bindungsmuster aufweisen. Daher schlägt sie vor, der Bindungsstilklassifikation von Ainsworth ein viertes Muster hinzuzufügen, die Gruppe D, in der die Kinder mit den oben beschriebenen Auffälligkeiten zusammengefasst werden. Das neu entdeckte Bindungsmuster bezeichnet Main als „desorganisierte/ desorientierte Bindung“. Da die meisten Kinder nur vorübergehend desorganisiertes Verhalten zeigten und ansonsten die Kriterien für eine Zuordnung zu einem der drei anderen Muster erfüllten, versteht Main die neue Kategorie als Zusatzklassifikation.

Im Hinblick auf die Entstehung der desorganisierte Bindung konnte aufgedeckt werden, dass in den Familien der betroffenen Kinder vermehrt Traumata festzustellen waren. Das Trauma konnte dabei sowohl vom Kind als auch von den Eltern erlitten worden sein. Häufige traumatische Erlebnisse auf Seiten der Kinder waren u.a. der frühe Tod eines Elternteils oder Misshandlungen durch die Eltern. Lyons-Ruth und Jacobvitz (1999) merken zum letztgenannten Punkt an, dass in Stichproben von misshandelten Kindern bis zu 80% als desorganisiert klassifiziert werden. Ein auf der Seite der Eltern häufig festzustellendes Trauma ist ebenfalls der Tod eines Elternteils in der Kindheit, wobei sich dieser Verlust allerdings nur dann auf die Beziehung zum eigenen Kind auswirkt, wenn er nicht verarbeitet und eher verdrängt wurde, wie Main, Kaplan und Cassidy (1985) feststellen.

Die Entdeckung eines vierten Bindungsstils durch Main stellt zweifellos eine interessante Erweiterung der Klassifikation von Ainsworth dar. Wenn dieser Stil in die Klassifizierung einbezogen wird, kann d adurch die Zahl der nicht klassifizierbaren Fä lle reduziert werden. Ein Nachteil dieses Konstrukt ist allerdings, dass seine Beziehung zu den anderen drei Stilen uneindeutig ist. Main selbst fasst die desorganisierte Bindung als Zusatzklassifikation auf; in den Arbeiten anderer Bindungsforscher wird die Gruppe D jedoch häufig wie eine distinkte Kategorie behandelt. Lyons-Ruth und Jacobvitz (1999) beispielsweise geben in ihrem Überblicksartikel lediglich den prozentualen Anteil desorganisierter Kinder in verschiedenen Stichproben an, machen aber keine Angaben dazu, wie häufig die anderen drei Stile jeweils mit diesem Bindungstypus assoziiert sind. Eine solche Unterlassung impliziert, dass die desorganisierte Bindung als eigenständiger Typus aufzufassen sei. Die Stellung des von Main neu entdeckten vierten Stils innerhalb des Modells der Bindungsstile ist also bisher nicht vollständig aufgeklärt.

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Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Bindungsstile und ihre Folgen bei Partnerschaften im Erwachsenenalter
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1.3
Autor
Jahr
2020
Seiten
67
Katalognummer
V949859
ISBN (eBook)
9783346292896
ISBN (Buch)
9783346292902
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychologie, Entwicklungspsychologie, Kindheit, Bindung, Bindungsstile, Partnerschaften, Beziehungen, Bowlby, Freud
Arbeit zitieren
Victoria Resino (Autor), 2020, Bindungsstile und ihre Folgen bei Partnerschaften im Erwachsenenalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/949859

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