Das Buch soll dazu beitragen, die Debatte über die Hauptkritikpunkte gegen das Speenhamland-System mit Blick auf das Mindesteinkommen möglichst sachlich und gut informiert zu führen. Die Fragen die dabei im Zentrum stehen sind Folgende: Welche Vorgeschichte hat das Speenhamland-System der Armenhilfe, wie war es konstruiert, welche Wirkungen gingen davon aus und warum wurde es wieder abgeschafft? Vor allem: Welche Erkenntnisse für eine heutige Sozialpolitik lassen sich aus dem historischen Grundeinkommen ziehen?
Unbestritten war die Zeit zu Anfang des 19. Jahrhunderts nicht für alle Gesellschaftsschichten eine glückliche Zeit. Unbestritten ist auch, dass das Speenhamland-System der Armenhilfe zwischen 1795 und 1834 bei der Umwandlung zur Marktwirtschaft eine Rolle spielte. Wie aber kann ein Fürsorgesystem einerseits das Leben der arbeitsfähigen Armen und ihrer Familien verbessern und ihnen andererseits damit schaden? Nach dem heutigen Wissensstand waren die Auswirkungen der Poor Laws auf die industrielle Revolution nicht annähernd so negativ, wie behauptet wurde.
Meine Hauptthese lautet, dass die behauptete demoralisierende Wirkung des Speenhamland-Systems nicht konsistent nachzuwiesen ist. Speenhamland war allerdings kein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern eher ein Kombilohn bzw. ein garantiertes Mindesteinkommen. Dazu werden eine Reihe von mir sozio-ökonomische Fragestellungen, historische Hintergründe, ökonomische Wirkungsmechanismen und politische Folgewirkungen analysiert. Zunächst geht es um Menschenbilder, dann um Hintergründe, Aufbau und Funktion des Speenhamland-Systems. Es folgen mögliche Wirkungen und Nebenwirkungen, sozio-ökonomische Fragestellungen und eine abschließende Bewertung der Kritik an dem historischen Speenhamland-System. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich Zukunftsfragen nicht ohne historisches Wissen beantworten, aber ebenso wenig alte Problemstellungen eins-zu-eins auf neue Herausforderungen übertragbar lassen.
Die Themen Verarmung und Krise am Arbeitsmarkt sind aktuell, die Kritik an den deutschen Arbeitsmarktreformen nach der Jahrtausendwende ist seit der Einführung der Hartz-Gesetze nicht abgeebbt und viele Probleme im Zusammenhang eines gesellschaftlichen Strukturwandels muten aktuell an. Ein Ausblick auf das Grundeinkommen braucht den Rückblick auf seine Wurzeln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung des Marktes für die Arbeit
2.1 Menschliche Arbeit und modernes Menschenbild
2.2 Arbeit als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums
2.3 Die „freie“ Lohnarbeit
3. Das Speenhamland-System der Sprengelhilfe
3.1 Historische Einordnung des Speenhamland-Systems (1795-1834)
3.2 Arbeitsangebot und Erziehung durch Arbeit
3.3 Speenhamland-System - ein frühes Grundeinkommen?
4. Wirkungen und Gegenwirkungen
4.1 Soziale Gegensätze und ökonomische Interessensgegensätze
4.2 Arbeitskosten, Technikwahl und Inflation
4.3 Lohnzuschüsse und Arbeitsproduktivität
5. Transformation und die Rolle des Speenhamland-Systems
5.1 Was an der Kritik des Speenhamland-Systems falsch ist
5.2 Was an der Kritik des Speenhamland-Systems zutrifft
5.3 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das historische Speenhamland-System (1795-1834) als frühe Form der Armenhilfe und bewertet dessen Rolle bei der Transformation zum Kapitalismus. Ziel ist es, die in der Fachliteratur kontrovers diskutierte These einer demoralisierenden Wirkung auf die Armen zu prüfen und Erkenntnisse für eine heutige Sozialpolitik zu gewinnen.
- Entstehung des Arbeitsmarktes im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus
- Konstruktion und Funktion des Speenhamland-Systems als Lohnzuschussmodell
- Analyse sozio-ökonomischer Auswirkungen und Nebenwirkungen
- Kritische Auseinandersetzung mit der These der Demoralisierung durch Armenhilfe
- Vergleich zwischen historischer Sprengelhilfe und modernen Grundeinkommenskonzepten
Auszug aus dem Buch
3.1 Historische Einordnung des Speenhamland-Systems (1795-1834)
Das Speenhamland-System geriet durch Karl Polanyi in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Er untersuchte die gesellschaftlichen Umbrüche im 18. und 19. Jahrhundert und sah einen Zusammenhang zwischen der Industrialisierung und der Sprengelhilfe. In Großbritannien waren die Bedingungen für die Transformation vom Feudalismus zu Kapitalismus günstig, die Fesseln des Feudalismus abzustreifen. Die Einfriedungspolitik war nach mehreren Jahrhunderte und viel Gewalt abgeschlossen, das Ende der Sklaverei war absehbar, die Weltwirtschaft veränderte sich, riesige Kapitalien häuften sich an. Die Die industrielle Revolution untergrub die ökonomische Basis des Landadels. Außerdem übten die Französische Revolution und die sozialen Widerstände in England erheblichen Druck auf die Aristokratie aus. Polanyi lieferte eine alternative Erklärung, wie sich die drei Märkte für Boden, Kapital und Arbeit und das neue Fabriksystem etablieren konnten und stellte die These auf, dass das Speenhamland-System den letzten Anschub dazu gab.
Ökonomen hatten erklärt, dass die menschliche Arbeit konstitutioneller Bestandteil des neuen Wirtschaftssystems und als alleinige Quelle von Reichtum und Wohlstand unter zunächst alter Herrschaftsform anzuerkennen sei. Bekannt wurde das Speenhamland-System durch das Buch von Frederick Eden The State of the Poor (1797: 576ff.) - ein „storehouse of information“, so der schottische Ökonom John McCulloch (McCulloch 1845). Der „social investigator“ Eden war kein Humanist. Er schlug den Vorstehern der workhouses vor, die Landarbeiter mit einer „schleimigen Bettelsuppe“ abzuspeisen. Schottische Tagelöhner kämen mit noch weniger aus.
Das Speenhamland-System hatte eine Vorgeschichte und ist nur im Kontext der Entstehung des paternalistischen Armenrechts zu verstehen. Die Lebensmittelpreise stiegen in den 1780er Jahren stark an, aber den verarmten Menschen ging es vorher auch nicht besser. Neu war das Ausmaß der sozialen Unruhen, welche für die Obrigkeit langsam bedrohliche Formen annahmen. So ging es um soziale Reformen, wobei sowohl Mindesteinkommen als auch Mindestlöhne erwogen wurden. Es gibt nach 1765 mehrere erfolglose Gesetzesinitiativen, die auf Thomas Gilbert (1720-98) zurückgehen und seinen Namen tragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Speenhamland-System als historisches Beispiel für ein frühes Grundeinkommen und Formulierung der Forschungsfrage zur Wirkung dieses Systems.
2. Entstehung des Marktes für die Arbeit: Analyse der soziokulturellen und ökonomischen Faktoren, die zur Herausbildung des Kapitalismus und der modernen Lohnarbeit führten.
3. Das Speenhamland-System der Sprengelhilfe: Detaillierte Darstellung der historischen Hintergründe, der Konstruktion der Einkommensgarantie und der Einordnung in den Kontext der Armenrechte.
4. Wirkungen und Gegenwirkungen: Untersuchung der ökonomischen Konsequenzen wie Auswirkungen auf Arbeitskosten, Technikwahl und soziale Spannungen durch die Lohnsubvention.
5. Transformation und die Rolle des Speenhamland-Systems: Kritische Bewertung der Argumente gegen und für das System sowie eine abschließende Einordnung in den gesellschaftlichen Strukturwandel.
Schlüsselwörter
Speenhamland-System, Grundeinkommen, Armenhilfe, Lohnsubvention, Industrielle Revolution, Arbeitsmarkt, Pauperismus, Paternalismus, Lohnarbeit, Kapitalakkumulation, Sozialpolitik, Subsistenzwirtschaft, Poor Laws, Klasse, Wirtschaftswachstum
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das historische Speenhamland-System, eine Form der Armenfürsorge in England Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, und bewertet, inwiefern es als frühes Grundeinkommen betrachtet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Armenfürsorge, die Entstehung des kapitalistischen Arbeitsmarktes, die ökonomischen Auswirkungen von Lohnzuschüssen und die kritische Analyse von Sozialreformen in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die oft wiederholte These zu hinterfragen, dass das Speenhamland-System demoralisierend gewirkt und die Armut vergrößert habe, um daraus Erkenntnisse für moderne Debatten über ein garantiertes Mindesteinkommen zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische und sozio-ökonomische Analyse, die verschiedene Quellen, Berichte und neuere Forschungsergebnisse zur Industriellen Revolution und den Armenrechten heranzieht, um die Effekte der damaligen Sozialpolitik zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des Marktes für Arbeit, die konkrete Ausgestaltung und Funktionsweise des Speenhamland-Systems als Lohnsubvention sowie dessen Auswirkungen auf Arbeitsanreize, Technikentwicklung und die Lebensumstände der Bevölkerung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Speenhamland-System, Grundeinkommen, Armenhilfe, Lohnsubvention, Industrialisierung, Arbeitsmarkt, Pauperismus und Paternalismus.
Warum wird das Speenhamland-System oft als „Negativbeispiel“ angeführt?
Viele Historiker und Zeitgenossen, darunter Karl Polanyi, argumentierten, dass die Unterstützung der Armen deren Arbeitsmoral zerstört und die Entstehung eines freien Arbeitsmarktes verzögert habe, was als Argument gegen heutige bedingungslose Sozialleistungen dient.
Inwiefern korrigiert der Autor die historische Kritik?
Der Autor zeigt auf, dass die negativen Effekte nicht konsistent nachzuweisen sind und viele Kritiken aus ökonomischen Eigeninteressen des Industriebürgertums und des Adels erwuchsen, um ungeliebte Sozialausgaben zu rechtfertigen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die moderne Sozialpolitik?
Der Autor plädiert dafür, das Speenhamland-System differenzierter zu betrachten und betont, dass ein garantiertes Mindesteinkommen ein probates Instrument moderner Sozialpolitik sein kann, um Erwerbsbiografien abzufedern und gesellschaftliche Spaltung zu verringern.
- Arbeit zitieren
- Dr. Klaus-Uwe Gerhardt (Autor:in), 2020, Das Speenhamland-System als frühes Grundeinkommen. Vorgeschichte, Wirkungen und Erkenntnisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950034