Die "Reigen" von Arthur Schnitzler als Kritik an der Sexualnorm um die Jahrhundertwende. Vergleich mit der „Psychopathia sexualis“ von Richard von Krafft-Ebing


Hausarbeit, 2016

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Zentrale Themen der Sexualpathologie in Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ und die Sexualnorm um die Jahrhundertwende
2.2. Schnitzlers „Reigen“ als Kritik an der vorherrschenden Sexualnorm und „Psychopathia sexualis“

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die wenigsten Menschen werden sich vollkommen des gewaltigen Einflusses bewusst, welchen im individuellen und im gesellschaftlichen Dasein das Sexualleben auf Fühlen, Denken und Handeln gewinnt.“1

Mit diesen Worten beginnt Richard von Krafft-Ebing sein 1886 erschienenes Buch „Psychopathia sexualis“, dass den Menschen verschiedene Formen von Sexualität zeigen soll, ihnen aber auch vorgibt, wie sich Mann und Frau in aller Regel zu verhalten und wie sie mit ihrer Sexualität umzugehen haben. Krafft-Ebings Ausführungen entsprechen mit hoher Übereinstimmung den Vorstellungen der zeitgenössischen Gesellschaft, in welcher über das Thema Sexualität eher geschwiegen wurde. 14 Jahre später, ohne dass signifikante Änderungen darin stattgefunden haben, was von der Gesellschaft als Norm angesehen wird, veröffentlicht Schnitzler den „Reigen“, ein Buch mit zehn Szenen, in denen jeweils zwei Personen den Geschlechtsakt vollziehen. Für die damalige Zeit logischerweise etwas Anstößiges, ein Stück, das unter keinen Umständen als Kunstwerk anerkannt werden kann2. Handelt es sich bei Arthur Schnitzler also lediglich um einen Autor, der mit perversen Fantasien schockieren will? Oder ist der „Reigen“ vielmehr als ein Stück zu verstehen, dass zwar Aufmerksamkeit erregen will, allerdings mehr als Kritik an der Gesellschaft und Krafft-Ebings Ausführungen verstanden werden soll, um möglicherweise ein Umdenken bei den Menschen zu bewirken?

Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, wozu zunächst die wichtigsten Thesen aus der „Psychopathia sexualis“ dargelegt und in den zeitgenössischen Kontext eigeordnet werden, bevor dann untersucht wird, inwieweit und mit welchen Mitteln der „Reigen“ möglicherweise als Kritik verstanden werden kann.

2. Hauptteil

2.1. Zentrale Themen der Sexualpathologie in Krafft-Ebings „Psychopathia sexualis“ und die Sexualnorm um die Jahrhundertwende

„Die Vorstellungen des Bürgertums von Moral und Sittsamkeit sind um die Jahrhundertwende stark geprägt durch […] Krafft-Ebing, dessen Werk „Psychopathia sexualis“ als Grundlage bürgerlicher Sexualmoral und der Festlegung der Geschlechterrollen dient“3.

In seinem Buch beschreibt Richard von Krafft-Ebing die Sexualität zunächst als durch einen „Naturtrieb gewährleistet[e]“4 Sache, welche „allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung verlangt.“5 Der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht darin, dass beim Menschen „höhere [und] edlere Gefühle“6 geweckt werden, welche durch Sinnlichkeit gekennzeichnet die „Welt des Schönen…erschließen.“7 Im Folgenden werden dann die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern klargemacht.

Beim Mann sind gegenüber der Frau sowohl Form als auch Ausprägung der Sexualität unterschiedlich. Krafft-Ebing behauptet, dass „der Mann [über] ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfnis als das Weib“8 verfügt und die Wahl seiner Partnerin eher durch Äußerlichkeiten bestimmt ist. Hingegen ist das „sinnliche Verlangen“9 bei der Frau geringer, diejenigen, die dem Sexualtrieb mit höherem Genuss und höherer Aktivität nachgehen, stellen von der Norm abweichende Personen dar. Die Frau hat sich passiv zu verhalten und ihr sexuelles Verlangen erlischt mit Alter und den ersten Kindern. Die Mutterliebe drängt die Sinnlichkeit in den Hintergrund, ihre Bestimmung ist es, Ehefrau und Mutter zu sein10. Darüber hinaus wird noch die Frage in den Raum geworfen, ob es überhaupt möglich ist, dass „ein Weib zweimal in seinem Leben wahrhaft lieben kann.“11 Dies bleibt unbeantwortet, es wird allerdings festgehalten, dass die Frau eher zur Monogamie neigt. Das stellt einen der größten Unterschiede zur Sexualität des Mannes dar, da dieser eher polygam zu leben pflegt. Die großen sexuellen Bedürfnisse des Mannes können jedoch zu seiner Schwäche werden, gerät er durch die Sinnlichkeit in Abhängigkeit zu einer Frau. Dieser Zustand – auf die Gesellschaft ausgeweitet – birgt die Gefahr, „dass Maitressen und ihr Anhang den Staat regieren und dieser zugrunde geht.“12 Generell herrscht eine gewisse Furcht vor der „sexuellen Macht“13 der Frauen, das Bild der femme fatale, „der sexuell emanzipierten […] Frau“14 schürt Ängste. Dies bringt Krafft-Ebing zu dem Begriff der Sittsamkeit, welche vom Mann unbedingt gefordert wird, einhergehend mit der Keuschheit der Frau. Die höchste Stufe dieser Sittsamkeit ist die Ehe, eine Art Vertrag, die „den Liebesbund […] zu einer religiös-sittlichen Institution gestaltete.“15 Die Art von Liebe, die lediglich auf Sinnlichkeit beruht stellt keine „dauernde und rechte Liebe“16 dar. Ehebruch ist moralisch äußerst verwerflich, in einem höheren Maße, wenn er von der Frau begangen wird, da der Mann in der Frau immer auch einen „Gegenstand für die Befriedigung seines Naturtriebs erkennt“17, was aber ganz seinem Charakter als Mann entspricht und ihm daher nach der vorherrschenden Meinung des Autors nicht verübelt werden kann. Trotzdem hat auch er mit dem Eingehen in die Ehe Verpflichtungen gegenüber seiner Frau, unter anderem soll er nur „dem Weibe seiner Wahl [angehören].“18 Allerdings verliert die Frau „durch einen Ehebruch [ihre Ehre]“19, ihre Unreinheit vernichtet den ehelichen und häuslichen Frieden20.

Krafft-Ebing erläutert in seinem Buch also signifikante Unterschiede in der Ausprägung der Sexualität des Mannes im Gegensatz zur Frau. Die von ihm beschriebene „Psychologie des Sexuallebens“ soll verdeutlichen, dass die Frau nur ein geringes Interesse an der Sexualität hat, während der Mann über ein weitaus höheres Bedürfnis verfügt, seinem Trieb nachzugehen, „aggressiv und stürmisch“21 um eine Frau wirbt und nach Erfüllung des Verlangens ein deutlich geringeres Interesse an der Liebe hat. Das höchste Gut der Liebe stellt die Ehe dar, welche auf Sittsamkeit und Monogamie beruht und bei welcher mit anhaltender Fortdauer in Zusammenspiel mit dem Mutterwerden, zumindest bei der Frau, das Interesse an Sexualität nach und nach erlischt.

Krafft-Ebings Werk entwickelte sich im folgenden Zeitraum zu einem Standardlehrwerk der Sexualwissenschaft, welches etliche Male überarbeitet und neu aufgelegt wurde. Es stellte sozusagen eine Norm der Sexualität für die prüde Gesellschaft des Wilhelminismus um die Jahrhundertwende dar22. Schnitzler, der mit seinen Werken des Öfteren Grenzen überschritt und mit Vorliebe „an allen Normen und Gewohnheiten, […] die das Wiener Bürgertum lieb gewonnen hat[te, rüttelte]“23, ließ es sich nicht nehmen, auch an der vorherrschenden Vorstellung von Sexualität und deren Tabuisierung Kritik zu üben.

2.2. Schnitzlers „Reigen“ als Kritik an der vorherrschenden Sexualnorm und „Psychopathia sexualis“

1900 erscheint, zunächst im Privatdruck der „Reigen“, ein Buch in zehn Akten mit zehn verschiedenen Personen, wobei in jedem Akt jeweils ein Mann und eine Frau auftreten und die neu hinzugekommene Person auch Teil des nächsten Aktes ist, bis sich der Reigen mit dem Auftreten der Dirne, als vormals erste Person, im zehnten Akt schließt. Mit Ausnahme dieses letzten Aktes läuft es immer darauf hinaus, dass die beiden Personen Geschlechtsverkehr haben, im Drama gekennzeichnet durch gestrichelte Linien, der zehnte Akt unterscheidet sich insofern, dass dies dem Geschehen bereits vorausging. Die handelnden Personen entstammen den verschiedensten Schichten und Gesellschaften, es treten ein Graf, ein Soldat, eine Schauspielerin sowie ein Dichter, aber auch eine Dirne und ein Stubenmädchen auf. Darüber hinaus ein junger Herr und eine junge Frau, sowie ein Ehegatte und ein süßes Mädel, bei denen auf Grund der Bezeichnung nicht direkt klar ist, welchen Verhältnissen sie entstammen, es ist aber anzunehmen, dass sie dem Bürgertum entstammen. Die Interaktion zweier Figuren im „Reigen“, das wird sofort deutlich, unterliegt also keinen gesellschaftlichen Barrieren.

Es liegt auf der Hand, dass Schnitzler mit diesem Drama einen handfesten Skandal auslöste. Auch wenn der Geschlechtsakt nicht explizit beschrieben und schon gar nicht bei der Uraufführung 1920 dargestellt wurde, lässt sich festhalten, dass sich der Autor diversen Anfeindungen und dem Entsetzen großer Teile der Bevölkerung ausgesetzt sah. Ein Jahr nach der Premiere des Stückes in Berlin kam es sogar zu einem Gerichtsverfahren, bei dem die Direktoren des betroffenen Theaters, der Regisseur und einige Schauspieler wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angeklagt wurden. Alle Personen wurden freigesprochen, allerdings war das Echo auf den sogenannten „Reigen-Prozess“ immens. Jedoch ist es nicht allein die Erwähnung und Durchführung des Geschlechtsaktes, der ja wie bereits erwähnt nicht einmal beschrieben wird, die den „Reigen“ zu solch einem Skandal machen. Was wird also beschrieben?

„Vor allem in der Regelhaftigkeit, in der der Wechsel von Liebesbeziehungen vonstatten geht“24, liegt die Provokation für die Zeitgenossen Schnitzlers. Unabhängig von ihrem Stand oder ihren sonstigen Gepflogenheit, sogar unabhängig davon, ob sie in einer festen Beziehung sind, haben zehn verschiedene Personen Geschlechtsverkehr mit jeweils zwei verschiedenen Personen, für die das Gleiche gilt. Die handelnden Figuren sind ein „Querschnitt der Wiener Gesellschaft um 1900 […und deren] Triebhaftigkeit“25 die Unterschiede zwischen ihnen verschwinden lässt. Oftmals, wie beispielsweise in der zweiten Szene mit dem Soldaten und dem Stubenmädchen, kennen sich die Personen kaum, ihr Interesse am Gegenüber ist rein sexuell. Es ist nicht die wahre Liebe, die Krafft-Ebing beschreibt, sondern eine Liebe, bei der es nur um die Sinnlichkeit geht. Beim Soldaten erlischt nach dem Verkehr das Interesse an seiner Partnerin, welche sich nach weiterer Nähe sehnt. Er hingegen ist schon wieder auf der Suche nach seiner nächsten Eroberung. Nicht nur hier, sondern auch in den Szenen mit Dirne und Soldat, Stubenmädchen und jungem Herrn, sowie dem Grafen und der Dirne, haben es die Männer nach dem Geschlechtsakt recht eilig sich auf den Weg zu machen, während die Frauen teilweise „über die sexuelle Erfahrung hinaus“26 nach Bindung suchen. Schnitzler spielt hier mit einem Klischee, da es den Frauen trotzdem nicht schwerfällt, sich weiteren Partnern hinzugeben. Gleiches gilt für die Erniedrigung der Frauen zu reinen Objekten, genau wie es von Krafft-Ebing beschrieben wurde. Hierfür kann exemplarisch die Szene mit Dichter und süßem Mädel angeführt werden, in welcher die Frau des Öfteren als dumm bezeichnet und somit diskriminiert wird. Wenn der Dichter dann aber in der folgenden Szene auf die Schauspielerin trifft, wendet sich das Blatt: Sie erniedrigt den Dichter und verzichtet auf eine weitergehende emotionale Beziehung27. Durch ihre Aggressivität und ihr starkes sexuelles Verlangen legt sie genau das Verhalten an den Tag, was die Gesellschaft eigentlich nur von den Männern erwartet. Dadurch deutet Schnitzler nicht nur an, dass auch Frauen über ein größeres sexuelles Interesse verfügen, als ihnen allgemein anerkannt wird. Durch ihre Dominanz stellt sie sich auf eine Stufe mit den Männern, deren Vormachtstellung in der Gesellschaft dadurch hinterfragt wird28. Dass mit dem Grafen ihr zweiter Sexualpartner noch über einen hohen gesellschaftlichen Rang verfügt und ebenfalls dominiert wird, verdeutlicht diese Kritik Schnitzlers an den gesellschaftlichen Konventionen in Bezug auf die Rangordnung der Geschlechter noch mehr. Ähnlich verhält es sich in der Szene mit dem jungen Herrn und der jungen Frau. Auch hier wird er von ihr zum Geschlechtsverkehr gedrängt; ihm ist die Situation unangenehm und macht ihn nervös. Beim ersten Versuch den Verkehr zu vollziehen versagt er sogar, womit etwas geschieht, was dem damals vorherrschenden Bild des männlichen Triebs in keiner Weise entspricht. Nur durch das Drängen der jungen Frau können sich beide doch noch lieben.

[...]


1 Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, Vorwort zur ersten Auflage. Wien 141912.

2 Vgl. Julia Mihajlovic, „Ich bin nicht geschaffen für eine bürgerliche Existenz.“ - Frauenfiguren im Werk Arthur Schnitzlers, in: Corinna Schlicht (Hrsg.), Geschlechterkonstruktionen, Oberhausen 2004, S. 116-127, hier S. 118.

3 Mihajlovic, „Ich bin nicht geschaffen für eine bürgerliche Existenz.“, S. 118.

4 Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, S. 1.

5 Ebd., S. 1.

6 Ebd., S. 1.

7 Ebd., S. 1.

8 Ebd. S. 12.

9 Ebd. S. 13.

10 Vgl. Peter Gay, Das Zeitalter des Doktor Arthur Schnitzler, New York 2002, S. 74.

11 Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, S. 13.

12 Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, S. 12-13.

13 Michael Salewski, „Julian, begib dich in mein Boudoir“. Weiberherrschaft und Fin de siècle, in: Anja Bagel-Bohlan / Michael Salewski (Hrsg.), Sexualmoral und Zeitgeist im 19. und 20. Jahrhundert, Opladen 1990, S. 45-70, hier S. 49.

14 Michael Salewski, Vorwort und Einführung, in: Bagel-Bohlan / Salewski, Sexualmoral und Zeitgeist, S. 7-16, hier S. 12.

15 Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, S. 4.

16 Ebd., S. 11.

17 Ebd., S. 15.

18 Ebd., S. 15.

19 Ute Frevert, „Mann und Weib, und Weib und Mann“, München 1995, S. 184.

20 Vgl. Ebd., S. 182.

21 Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis, S. 13.

22 Vgl. Salewski, Vorwort und Einführung, S. 13.

23 Mihajlovic, „Ich bin nicht geschaffen für eine bürgerliche Existenz.“, S.117

24 Rolf-Peter Janz, Reigen, in: Rolf-Peter Janz / Klaus Laermann, Arthur Schnitzler: Zur Diagnose des Wiener Bürgertums im Fin de siècle, Stuttgart 1977, S. 55-75, hier S. 73.

25 Ebd., S. 57.

26 Ebd. S. 73.

27 Vgl. Janz, Reigen, S. 66.

28 Vgl. Mihajlovic, „Ich bin nicht geschaffen für eine bürgerliche Existenz.“, S. 121-122.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die "Reigen" von Arthur Schnitzler als Kritik an der Sexualnorm um die Jahrhundertwende. Vergleich mit der „Psychopathia sexualis“ von Richard von Krafft-Ebing
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V950084
ISBN (eBook)
9783346290427
ISBN (Buch)
9783346290434
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reigen, arthur, schnitzler, kritik, sexualnorm, jahrhundertwende, vergleich, psychopathia, richard, krafft-ebing
Arbeit zitieren
Fabian Hupfeld (Autor), 2016, Die "Reigen" von Arthur Schnitzler als Kritik an der Sexualnorm um die Jahrhundertwende. Vergleich mit der „Psychopathia sexualis“ von Richard von Krafft-Ebing, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950084

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