Die "Haskala" als jüdische Aufklärung. Der Weg zur Emanzipation durch Bildung in Deutschland


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Forschungsstand

2. Begriffserklärung
2.1 Haskala
2.2 Maskilim

3. Jüdische Erziehung

4. Moses Mendelssohn

5. Chevrat Chinuch Ne’arim - Jüdische Freischule in Berlin

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das 18. Jahrhundert war ohne Frage eine Zeit der Veränderung. Das Leben der Juden war geschichtlich gesehen nicht immer einfach. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelang es ihnen jedoch erstmalig aus ihrer Isolation auszutreten. Ihr Leben war bis dato sehr von ihren jüdischen Traditionen geprägt. Doch in Berlin fanden sich zu dieser Zeit eine Gruppe von Masikilm zusammen, deren Gedanken freier und moderner waren. Ihr Ziel war es, sich selbst und ihren Glaubensgenoss*innen ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit beruht auf der These, dass die Juden Unabhängigkeit durch Bildung erlangten, beziehungsweise, wie die Haskala- Bewegung ihnen dazu verhalf sich in Deutschland emanzipieren zu können. Die jüdische Aufklärung, welche auch als Haskala bekannt ist, begann nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.1 Die Haskala ist sowohl als Aufklärung der Juden als Menschen sowie als Aufklärung der Juden als Juden anzusehen. Sie hatte zwei Adressaten, zum einen die nicht-jüdische, also die christliche Bevölkerung im jüdisch-christlichen Verhältnis und auf der anderen Seite, die jüdische Bevölkerung in der innerjüdischen Auseinandersetzung. Berlin und seine Bewohner*innen waren der Ausgangspunkt der jüdischen Aufklärung in Europa. Meist wird die Haskala im Zusammenhang mit den jüdischen Aufklärern, den Maskilim, zu einem intellektuellen Zirkel im Haus des Berliner Philosophen und Seidenmanufakturisten Moses Mendelssohn (1729- 1786), in den 1770er Jahren angesetzt. Die Haskala war eine nachgeholte, späte Aufklärung. Die englische, französische und deutsche Aufklärung war ihr intellektuell, politisch, kulturell, sozial und religiös Jahrzehnte voraus, was die Haskala unter zeitlichen und sozialen Druck setzte.2 Die Zeit zwischen etwa 1700 und 1770 gilt als Frühphase der jüdischen Aufklärung. Sie wurde von einer zahlenmäßig kleinen Gruppe getragen, welche vor allem Angehörige des sich im 18. Jahrhunderts formierenden neuen Bürgertums waren.3 Die Haskala breitete sich von Berlin als Ausgangspunkt, bis nach Wien, Prag, Galizien, Wilna, Odessa, Kopenhagen und Paris aus. Sie hatte als grundlegendes Merkmal die überragende Stellung der Vernunft, wobei der Mensch als Mittelpunkt aller Dinge gilt. Wichtig war das Diesseits, eine Auffassung, die den Bruch mit der herkömmlichen christlichen Vorstellung herbeiführt und die jene dualistische Eigenschaften des Christentums ausschaltet. Sie ist hinfällig, da der Mensch gut ist. Die Philosophie tritt an die Stelle der Theologie.4 Für das Judentum ist dieses Zeitalter von besonderer Bedeutung, da die bisher mittelalterliche Lebensform der jüdischen Gesellschaft zerbricht und die jüdischen Bürger*innen am politischen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen durften.5 Als Anfang der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Deutschland, kann man eine 1781 in Berlin erschienene Schrift betrachten, welche von dem preußischen Verwaltungsbeamten und politischen Schriftsteller Christian Wilhelm Dohm unter dem Titel „Ueber die buergerliche Verbesserung der Juden“ verfasst worden ist.6 Seine Schrift dokumentierte einen Wandel in der Wahrnehmung von Juden durch einen Nichtjuden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In dieser Schrift forderte er die Veränderung der Situation der Juden, um aus ihnen bessere Menschen und nützliche Bürger zu machen. Er schrieb in dieser nicht sonderlich positiv über die Juden, hielt sie aber, was zu diesen Zeiten neu war, für grundsätzlich verbesserungsfähig. „Wenn der Staat sie unter den gleichen Bedingungen leben lassen würde, wie die christlichen Bürger, eben dann könnten sie „zu besseren Menschen und nützlichen Bürgern“ werden.“7 Die Juden in Berlin- wie auch im restlichen Deutschland- lebten wie eine Art Gruppe von Staatenlosen, welche nur in bestimmten Bezirken wohnen durften. Diese Bezirke waren als Ghettos bekannt. Außerdem durften sie nur bestimmte Berufe ausüben, was dazu führte, dass sie isoliert von der restlichen Gesellschaft lebten. Es ist jedoch beizufügen, dass sie innerhalb dieser Ghettos ihren Kindern ein geistiges Leben vermittelten und dort auch nach ihrem eigenen, aber geordneten Rechtssystem lebten.8 Die Haskala-Bewegung war der Beginn einer gezielten Revolution, deren historische Bedeutung für die Juden vergleichbar mit der französischen Revolution für die europäische Geschichte anzusehen ist. Durch die amerikanische und französische Revolution wurden diese sich als Staatsbürger plötzlich voll emanzipiert.9 Aufgrund der Haskala, änderte sich dann auch für die Juden in Deutschland einiges, im Unterschied zu anderen Aufklärungsbewegungen konnte sie sich jedoch nicht allmählich entwickeln, sondern es war eine beschleunigte, kurze und deswegen radikale Aufklärung. Weil sie einige Jahrzehnte später war als die anderen Aufklärungsbewegungen, musste sie in kurzer Zeit viel schaffen und verlangte Änderungen in der jüdischen Welt.10 Zu den Änderungen gehörten: das Monopol auf die Führung der Gemeinde, Ausübung von Kritik und moralische Zurechtweisungen auf die Erziehung sowie auf die Gestaltung persönlicher Lebensbereiche wie Kleidung und auch gesellschaftliche Umgangsformen und auch die Beziehungen zwischen Männern und Frauen änderten sich. Aufgrund des innerjüdischen Diskurses in der jüdischen „Welt“, also in den Synagogen, den Gemeinderatsversammlungen, der Responsenliteratur und der Welt der Lehrhäuser, entstand eine neue jüdische Bibliothek.11 So kam es dazu, dass das bisher fast ausschließlich religiös geprägte Weltbild zerbrochen wurde und es langsam zu der Entwicklung kam, dass der Verstand und die Vernunft die prägende Herrschaft werden sollten. Zu den bekanntesten Vertreter*innen/ den Maskilim der ersten Generation der Haskala zählen der im Obigen bereits benannte Moses Mendelssohn sowie Naphtali Herz Wesseley. Ihr Ziel war die rechtliche Gleichstellung der aschkenasischen Juden/ Jüdinnen und ihre Integration in die Gesellschaft und christliche Mehrheitskultur.12 Ein zentraler Punkt war, dass sie Kritik an ihrer eigenen Religion ausgeübten. David Friedländer versuchte in diesem Zug das Judentum an sich selbst zu reformieren. Damit ihm das gelingen konnte, forderte er einen Bruch der traditionellen jüdischen Erziehung und Bildung als Voraussetzung für die bürgerliche Verbesserung der Juden.13

1.1. Forschungsstand

Die historische Bildungsforschung hat sich in den letzten vier Jahrzenten besonders der Geschichte der deutsch- jüdischen Aufklärung gewidmet. Deutschland zählt heute zu einem der führenden Forschungszentren der deutsch- jüdischen Geschichte. So widmete die Forschung sich den Hauptakteuren der jüdischen Aufklärung, ihren Zielintentionen und der Bedeutung von Kultur, Erziehung, Bildung sowie den Bildungsinstitutionen und ihren Bildungsprogrammen, der Erziehungspraxis einschließlich ihrer Lehr- und Lernkultur, ihren Bildungsmedien und den intellektuellen Milieus und ihrer Vereins- und Alltagskultur.14 Aufgrund der Forschungen, bekommt man einen weiten Einblick in die Epoche der jüdischen Aufklärung. In aktuellen bildungsgeschichtlichen Forschungen wird zunehmend die Verschränkungen von jüdischer und christlicher Kultur in den Blick genommen. Seit den 1970er Jahren wurden verstärkt historiographische Theoriediskussionen geführt und dadurch dazu beigetragen, dass es zu einer Schärfung des methodologischen ideologiekritischen Bewusstseins in der Pädagogik und der Geschichtswissenschaft kam. So findet man zahlreiche Darstellungen über die deutsch-jüdische Aufklärung in verschiedenen Bereichen. In der Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, der Pädagogik/Historischen Bildungsforschung, der Judaistik und auch in der Germanistik. Es ist zu erwähnen, dass die Pädagogik/ Historische Bildungsforschung auch an neueren Untersuchungen aus Nachbardisziplinen zur deutsch- jüdischen Aufklärung teilgenommen haben, es wurde aber eher interdisziplinär geforscht. Die deutsch- jüdische Aufklärung ist somit nicht als ein exklusives pädagogisches Forschungsfeld anzusehen. In der historischen Bildungsforschung wurde schon in früheren Jahren darauf hingewiesen, dass bildungsgeschichtliche, insbesondere bildungstheoretische Analysen, in geschichtswissenschaftlichen Darstellungen und damit auch innerhalb der historischen Bildungsforschung, der erreichte Forschungsstand ignoriert worden sei.15 Literarisch besonders genau ist das Leben des Moses Mendelssohn dokumentiert, seine Sichtweisen sowie sein Wirken. So kristallisiert sich mit den neuen Erkenntnissen eine zunehmend differenzierte Perspektive heraus, die seinen Einflussbereich relativierend ins Verhältnis setzt, zu allgemeinen europäischen, aber auch zu regionalen und lokalen Entwicklungen beziehungsweise Strömungen. Zudem gibt es zahlreiche Quellen über jüdische Schulgründungen in der Spätaufklärung und die erste jüdische Freischule in Berlin (1779- 1825), welche von besonderer Bedeutung war, da sie als erste moderne jüdische Schule Europas als Vorläufermodell für weitere jüdischen Reformschulen galt.16

2. Begriffserklärung

2.1 Haskala

Der Begriff Haskala, welcher die Bezeichnung für die jüdische Aufklärung ist, kommt aus dem Hebräischen und ist das Pendant zu dem deutschen Begriff der Aufklärung. Zudem kann unter dem Begriff eine Aufklärungsbewegung gezählt werden, deren Anhänger, Tätigkeiten, Diskurse und das Zeitalter an sich. So ist der Ausdruck Haskala sehr weit und hat unterschiedliche Verwendungen. Er gestaltet den Vergleich der jüdischen Aufklärungsbewegungen und die Bestimmung des Verhältnisses der Haskala zur europäischen Aufklärungsbewegung schwierig. Der Begriff Haskala ist im Gegensatz zu dem Begriff Aufklärung im 18. Jahrhundert kein neues Wort und wurde schon im antiken Midrasch, als auch bei jüdischen Philosophen des Mittelalters als ein Begriff für Vernünftigkeit und Einsicht verwendet und in der antiken Bedeutung war Haskala den in der rabbinischen Traditionsliteratur meist gut bewanderten jüdischen Aufklärern des 18. Jahrhunderts geläufig.17. Unter Midrasch versteht man eine Art der Auslegung, der religiösen Texte im rabbinischen Judentum. Ursprünglich kommt der Ausdruck Haskala von dem hebräischen Substantiv Sechel, welcher so viel wie Vernunft, oder auch Verstand bedeutet.18 Mendelssohn und Wessley benutzen den Begriff im 18. Jahrhundert in hebräischen Texten als ein Synonym für Philosophie, als Terminus für die Aufklärung. Es ist jedoch beizufügen, dass die jüdischen Aufklärer den Begriff zu ihren Zeiten für ihre Aufklärer- Bewegung nicht verwendet haben, obwohl er ihnen geläufig war. Juda Loeb Jeiteles verwendete ihn das erste Mal 1831 unter dem Aspekt der Aufklärung in der Wiener hebräischen Zeitschrift Bikkurej Halttim.19

2.2 Maskilim

Der Begriff Maskil, im Plural Maskilim lässt sich seit 1783 nachweisen. Maskilim ist eine Selbstbezeichnung der jüdischen Aufklärer.20 In der hebräischen Schrift Nachal HaBeso21, welche in Königsberg gedruckt wurde, findet man Nachweise der Existenz von einer Gruppe von Maskilim, welche von ihrem Selbstverständnis als jüdische Aufklärer anderen Juden gegenüber trat, um sie von ihrem Gedankengut und Leitmotiven zu überzeugen.22 Viele Mitglieder der Maskilim stammen ursprünglich aus Osteuropa und kamen dann nach Deutschland um Bestandteil der jüdischen Reformbewegung in Berlin zu werden. Die Maskilim berieten sich darüber, wie sie mit der jüdischen Aufklärung, die sich noch am Anfang befand, vorgehen sollten.23 An dieser Stelle sollten einige der bekanntesten Maskilim benannt werden. Zu ihnen zählten Naftali Hartwig Wesseley (1725-1805), Moses Mendelssohn (1729- 1786), Saul Ascher (1776-1822), Isaak Euchel (1756-1804), David Friedländer (1750-1834), Leopold Zunz (1794-1886) und Isaak Satanow (1733-1805).24

3. Jüdische Erziehung

In der Erziehung waren die Juden noch stärker von den Christen separiert, als in anderen Bereichen. Der Unterricht in den Schulen basierte stark auf religiösen Grundprinzipien der einzelnen Konfessionen, sodass es keine Vermischung, oder einen gemeinsamen Plan der Erziehungsmethoden gab.25 Einige christliche Aufklärer beschäftigten sich während der Aufklärung mit dem jüdischen Volk, doch die jüdische Erziehung stand für sie nicht im Vordergrund. Die Quellen, die sie nutzen, waren größtenteils judenfeindlich, was ihnen einen nur sehr einseitigen Blickwinkel verschaffte. Ein bekanntes Verbindungsglied in der Erziehungsgeschichte war der mit jüdischer Herkunft, protestantische Prediger und Philanthropinist Friedrich Gabriel Resewitz (1729- 1806) - er war einer der wichtigsten Theologen der Aufklärung seiner Zeit.26 Mendelssohn richtete 1756 einen seiner bekannten philosophischen Briefe an ihn.27 Die Philanthropisten hatten das Ziel der gemeinsamen Erziehung, der verschiedenen Konfessionen und vor allem die Verbannung des streng religiösen und didaktischem Geist aus der Schule. Sie hatten drei Grundlagen der Erziehung. Zu ihnen zählte die Philanthrophie, also die Befreiung von der Unterscheidung zwischen Religion und Nation. Die Kinderfreundlichkeit, wobei sie die Disziplin des guten Willens einführen wollten sowie die Einführung der Gehorsamkeit statt Autoritäten. Ihr letztes Prinzip war der Aufbau des Unterrichts auf den Grundsätzen von Wettstreit und Interesse. Die Betonung liegt hierbei auf einer leichten und zügigen Unterrichtsmethode, wie zum Beispiel die freie Rede in unbekannten Sprachen von Anbeginn des Unterrichts. Unter diesem Aspekt kamen Lernspiele zum Einsatz, die Einführung von öffentlichen Prüfungen und die Bekanntgabe der Zensur, es wurden Exkursionen unternommen und Lehrgärten und Werkstätten für Schüler eingerichtet, die Unterstützung durch Anschauungsmaterialien wie Museen, Naturalienkabinette und die Veröffentlichung von illustrierten Lehrbüchern.28 Die traditionelle Ausgangssituation der Ausbildung der jüdischen Kinder im 18. Jahrhundert war, dass Juden ihr Leben lang die Thora lernen und studieren, sodass das Lernen der Kinder keinen besonderen Platz in der Welt der Erwachsenen hatte.29 Ihre Ausbildung bestand grundsätzlich aus der religiösen Schule.30 Dort wurden zwar grundlegende Bildungsinhalte vermittelt, jedoch nur die, die für das tägliche Überleben zwingend notwendig waren. Außerdem gab es eine strikte Trennung des Unterrichtens von Mädchen und Jungen. Die Jungen durchlebten eine Jeschiwa- Ausbildung und die Mädchen wurden, aufgrund des Patriachats, von Zuhause unterrichtet und konnten in den meisten Fällen nicht lesen und schreiben. Zudem kam, dass die gängige Unterrichtssprache Jiddisch war, was für die Maskilim ein großes Problem darstellte, sich der deutschen Kultur anzunähern und sich damit zu emanzipieren.31 Die eigentliche Kindheit, wie wir sie in unserer heutigen Zeit kennen, existierte im 18. Jahrhundert für die jüdischen Kinder nicht wirklich, da vor allem die Jungen schon im Alter von drei Jahren in die traditionellen Gelehrsamkeit eingeführt wurden. Kindliches Spielen wurde nur an religiösen Feiertagen erlaubt und auch dann war die Beschäftigung mit dem Talmud ein zentraler Punkt des Zusammenkommens und des Spielens.32 Es ist jedoch anzumerken, dass die wohlhabenden „Hofjuden“ als Vorreiter galten, da sie ihren Kindern die Vermittlung von Fremdsprachen, durch Privatlehrer ermöglichten. Sie konnten sich durch ihre Bildung emanzipieren und wurden von der Gesellschaft nicht mehr als „richtige Juden“ empfunden wurden. Die Schattenseite war jedoch, dass stark religiöse Juden und Rabbiner, jene auch nicht mehr als „richtige“ Juden anerkannten.33 Diese sogenannten „Hofjuden“ entsprachen der Grundvorstellung der Maskilim, da sie es schaffen konnten, sich der christlichen Gesellschaft zu nähern. Sie entfernten sich dadurch allerdings von den traditionellen Juden, was ein Grund für mögliche Konflikte in den eigenen Reihen gewesen sein könnte.

4. Moses Mendelssohn

Moses Mendelssohn gilt als Wegbereiter der Haskala- Bewegung. Er war ein orthodoxer Jude und Philosoph und wurde am 6. September 1729 in Dessau geboren.34 Die Vorfahren seiner Mutter Bela Rachel Sara, welche 1756 gestorben ist, stammten aus Polen. In der Literatur ist ihr Leben jedoch nicht genauer dokumentiert.35 Sein Vater Menachem Heymann gehörte zu den gebildeteren Juden, da er als Lehrer und Toraschreiber in der Dessauer Gemeinde tätig war.36 Durch ihn erlernte Mendelssohn schon in jungen Jahren die hebräische Sprache und die Lehre der Tora, außerdem besuchte er im Alter von fünf Jahren die Thoraschule.37 Die im Obigen bereits erwähnte Kindheits-Problematik, erfuhr auch Moses Mendelssohn, denn in den traditionsbewussten familiären Kreisen, in denen er sich befand, wurde ihm von Anfang an das Bewusstsein vermittelt, nach den religiösen Regeln der Thora zu leben. Im Alter von 14 Jahren, im Jahre 1743 folgte Mendelssohn dem Oberrabbiner David Fränkel in die preußische Hauptstadt Berlin, mit dem Vorsatz, sich dem Studium der Bibel und Talmud zu widmen. In dieser Zeit erlernte er auch die deutsche Sprache. Dies machte er jedoch heimlich, da er sich dem Spott der Rabbiner nicht aussetzen wollte. Einige bekannte jüdische Persönlichkeiten unterstützten ihn bei seinem Vorhaben, sich eine weite Bandbreite an Bildung zu verschaffen: So lehrte ihm Israel Samoscz (1700- 1772) Grundlagen der Mathematik, Logik und der mittelalterlichen Philosophie.38 Durch den jüdischen Arzt Abraham Kirsch (1725-1803) erlernte er Latein.39 Sehr prägend war für ihn das Zusammentreffen mit seinem Lehrer Aron Salomon Gumpertz (1723-1769), der ihm nicht nur Englisch und Französisch beibrachte und sein Interesse für Leibniz und Wolff weckte, sondern ihn auch in die gehobenen Kreise Berlins einführte.40 An ihn ging auch sein erster öffentlicher Beitrag, in dem er sich gegen die gesellschaftliche Unterdrückung der Juden äußerte und auf die „natürlichen“ Menschenrechte verwies und damit die Gültigkeit des sich damals konstituierenden aufklärerischen Begriffs vom Menschen auch für die Juden einforderte.41 Zudem war es die erste deutschsprachige Äußerung eines Juden in der literarischen Öffentlichkeit überhaupt.42 Durch seinen Drang nach Bildung und die neuen Lebenssichtweisen, die sich dadurch für ihn entwickelten, wollte er aus dem Ghetto hinaus und konnte abstrahieren, dass die deutsche und die jüdische- talmuts-Geisteswelt nicht miteinander konform gingen.43 Im April 1763 lernte Mendelssohn den Züricher Geistlichen, Johann Kaspar Lavater (1741-1801) kennen, in den Folgejahren wechselten sie Briefverkehr aus, der weitgehend um theologische Fragen und Antworten ging. Nach Lavater stand das Christentum für Humanität und Wahrheit. Er hatte die Absicht den jungen Hebräer vom Christentum zu überzeugen, Mendelssohn hingegen blieb diplomatisch. Er sei und bleibe von seiner Religion genauso überzeugt, wie Lavater von seiner.44 Das Christentum wurde als Vernunftreligion betrachtet, Mendelssohn hingegen sah keinen Widerspruch zwischen Judentum und dem Vernunftprinzip. Nach weiterem Austausch, gab Mendelsohn zu, die Zugeständnisse des Christentums verstanden zu haben.45 Der Streit zwischen den beiden, setze Mendelssohn psychisch und physisch zu und dauerte noch bis ins Jahr 1771 an. Dieser Streit könnte ein Anstoß für Mendelssohn gewesen sein, sich mehr und tiefer mit der Geisteswelt des Judentums zu beschäftigen und sie aktiv mitzugestalten.46 Ab diesem Zeitpunkt widmete er sich nur noch dem Studium der Sprachen und der neueren Philosophie und verbannte aufgrund seiner neuen Erkenntnis sein bisheriges, jüdisches Leben. Eines seiner Ziele war es, die deutsche Kultur den Juden näherzubringen. Ihm war bewusst, dass die größte Barriere der beiden Kulturen, die sprachliche Barriere war. Die Deutschen sprachen deutsch, die Juden hingegen hebräisch oder Jiddisch. Ein Brief vom 29. Juni 1779 an den Schriftsteller August von Hennings dokumentiert die Idee Mendelssohns, das Pentateuch aus dem Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen um die Juden aufgeschlossener für die deutsche Kultur zu machen.47 Verwirrend ist jedoch, dass Mendelssohn auf der Gegenseite die deutsch- hebräische Übersetzung und die christlichen Übersetzer verachtete. Er fand es respektlos von den Christen, dass sie die Tradition ihrer Väter und die Thoratexte nicht respektierten.48 Er setzte seine Idee in die Realität um und die fertige Übersetzung des Pentateuchs mit Kommentaren wurde im Frühjahr 1783 fertiggestellt.49 Somit erschuf er ein Werk, welches einen nachhaltigen Einfluss auf die gesamte Geistesentwicklung seines Volkes hatte und näherte die Juden an die deutsche Sprache und somit auch an die deutsche Gesellschaft an.50 Nach Veröffentlichung der übersetzten Schrift verstummten viele Gegner Mendelssohns, zudem wurden sein Werk in den Schulunterricht mit aufgenommen. Allgemein ist das Übersetzte Pentateuch, als wichtiger Schritt in der Geschichte jüdisch- deutschen Aufklärung und der jüdischen Aufklärung generell anzusehen. So schrieb Julius Schoeps in seinem Werk Moses Mendelessohn: „Will man Mendelssohn Bedeutung in der hebräischen Literatur, seinen Einfluß auf die kulturelle Entwicklung der Juden, mit wenigen Worten kennzeichnen, so kann man sagen, daß er es war, der dem hebräischen Schrifttum nach Jahrhunderten der Abschließung und der Versteinerung einen universellen Inhalt wiedergab, daß er es war, der das Judentum vom Talmudismus befreite, ihm den Eintritt in die europäische Kultur ermöglichte.“51 Mendelssohn ist somit als eine zentrale Figur der geistigen Emanzipation der Juden anzusehen. Um die Emanzipation in die Wege zu leiten, musste erst eine Veränderung der äußeren Verhältnisse der Juden geschehen, dessen war sich Mendelssohn bewusst. Seine Absicht war, die jüdische Kultur mit der herrschenden europäischen Kultur zusammen zu bringen, um so die Juden bereit für die Emanzipation zu machen und die bürgerliche Gleichberechtigung zu erreichen. Dies wollte er erreichen, indem er jungen Juden die Möglichkeit auf eine bessere Bildung ermöglichte, um sich eben in die deutsche Kultur besser einzubringen. Dass Mendelssohn viel Pädagogisches beziehungsweise an Bildung gerichtetes Gedankengut in sich trug, lässt sich in seinen Schriften belegen. So schreibt er in seinem Werk „Jerusalem“: „Unter Bildung verstehe ich die Bemühung, beides, Gesinnungen und Handlungen so einzurichten, dass sie zur Glückseligkeit übereinstimmen; die Menschen erziehen und regieren.“52 Mendelssohn ist aufgrund seiner Ansichten, Taten und seines pädagogischen Denkens, als eine Art ausgebildeter Erzieher seiner Zeit anzusehen. Er verstarb am 4. Januar 1786.53 Nach seinem Tod griff David Friedländer seine Grundidee auf und gründete die erste „Jüdische Freyschule“ in Berlin, in welcher nach dem pädagogischen Programm Mendelssohn unterrichtet wurde.

[...]


1 Vgl. Ingrid Lohmann, Jüdische Erziehung und aufklärerische Schulreform. Analysen zum späten 18. Und frühen 19. Jahrhundert, Band 5, Münster 2002, S. 269.

2 Christoph Schulte, Die jüdische Aufklärung, München 2002, S.18.

3 Vgl. Lohmann, Jüdische Erziehung, S. 7.

4 Doris Schmid, Moses Mendelssohn. Jüdischer Aufklärer und Bildungsreformer. Eine Einführung, Norderstedt 2003, S. 12.

5 Vgl. Albert Lewkowitz, Das Judentum und die geistigen Strömungen der Neuzeit II. Die Aufklärung, Breslau 1929, S.7.

6 Andreas Reinke, Geschichte der Juden in Deutschland 1781-1933, 2012, S.13.

7 Kein vgl. Ebd. S.13.

8 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S.25.

9 Vgl. Schulte, Aufklärung, S.19.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Shmuel Feiner, Haskala- Jüdische Aufklärung. Geschichte einer kulturellen Revolution, Hildesheim, Zürich, New York 2007, S.14.

12 Vgl. ebd. S. 67.

13 Vgl. Angela Borgstedt, Das Zeitalter der Aufklärung, Darmstadt 2004, S.50.

14 Vgl. Ingrid Lohmann, Lerne Vernunft. Jüdische Erziehungsprogramme zwischen Tradition und Modernisierung. Quellentexte aus der Zeit der Haskala, Münster 1760-1811, S.11.

15 Ingrid Lohmann, die jüdische Freischule in Berlin- eine bildungstheoretische schulhistorische Analyse, Münster 2001a, S. 15.

16 Vgl. Lohmann, Erziehung, S.7.

17 Vgl. Schulte, Aufklärung, S.17.

18 Vgl. ebd.

19 Shmuel Feiner, Toward a Historical Definition of he Haskalah. New Perspectives on the Haskalah, London 2001, S. 189, 190.

20 Vgl. Schulte, Aufklärung, S.17.

21 Isaak Euchel, Nachal Habesor.Strom der guten Nachrichten, Königsberg 1783, S. 1-4.

22 vgl. Schulte, Aufkärung, S.18.

23 Ebd.

24 Vgl. ebd.

25 Vgl. Alfred Heubaum, Das Zeitalter der Standes- und Berufserziehung, Berlin 1905, S. 147-148.

26 Vgl. Bruno Strauss, Kommentar zu Mendelssohn, Moses: Briefwechsel I. Jubiläumsausgabe XI, Berlin 1932, S.404.

27 Vgl. Moritz Brasch, Schriften zur Psychologie, Aesthetik sowie zur Apologetik des Judentums, Hildesheim/ Olms 1968, S. 260-270.

28 Vgl. Lohmann, Erziehung, S.16.

29 Robert Jütte, Judentum und Aufklärung, Göttingen 2002, S.53.

30 Vgl. Schulte, Aufklärung, S. 24.

31 Eliay Mordechai, jüdische Erziehung in Deutschland im Zeitalter der Aufklärung und Emanzipation, Münster 2001, S.185.

32 Schmid, Mendelssohn, S.34.

33 Vgl. Jütte, Judentum, S. 30.

34 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S.31.

35 Otto Zarek, Moses Mendelssohn. Ein jüdisches Schicksal in Deutschland, Amsterdam 1936, S. 63.

36 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S.32.

37 Vgl. Zarek, Schicksal, S.63- 65.

38 Julius H. Schoeps, Moses Mendelssohn, Frankfurt am Main 1989, S.13.

39 Vgl. ebd. S.14.

40 Vgl ebd.

41 Lohmann, Jüdische Erziehung, S. 271.

42 Ebd..

43 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S. 37.

44 Vgl. Moses Mendelssohn, Gesammelte Schriften. Jubiläumsausgabe, Stuttgart- Bad Cannstatt 1971-1985, Band 7, S.8.

45 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S. 48.

46 Heinz Mosche Graupe, Die Entstehung des modernen Judentums. Geistesgeschichte der deutschen Juden 1650-1942, Hamburg² 1977, S. 101.

47 Vgl. Moses Mendelssohn, Gesammelte Schriften, S. 148f., Schoeps, Moses Mendelssohn, S.132.

48 Jacob Allerhand, das Judentum in der Aufklärung, Stuttgart- Bad Cannstatt 1980, S. 107.

49 Schmid, Mendelssohn, S.73.

50 Vgl. Kayserling Mayer, Moses Mendelssohn. Sein Leben und seine Werke. Nebst einem Anhange ungedruckter Briefe von und an Moses Mendelssohn, Hildesheim 1972, S.321f.

51 Kein vgl. Schoeps, Moses Mendelssohn, S. 135.

52 Kein vgl. Moses Mendelssohn, Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum, Nachdruck der Ausgabe Berlin 1783, Brüssel 1968, S.20.

53 Vgl. Schmid, Mendelssohn, S.111.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die "Haskala" als jüdische Aufklärung. Der Weg zur Emanzipation durch Bildung in Deutschland
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Proseminar: Das Jahrhundert der Aufklärung
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V950598
ISBN (eBook)
9783346290243
ISBN (Buch)
9783346290250
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haskala, Moses Mendelssohn, jüdische Aufklärung, jüdische Emanzipation, 18. Jahrhundert, europäische Aufklärung, deutsche Aufklärung, Maksilim, Chevrat Chnich Ne'arim, Jüdische Freischule, Jüdische Erziehung, Freischule, Aufklärungsbewegung, frühe Neuzeit, Judaistik
Arbeit zitieren
Louisa Borgolte (Autor), 2020, Die "Haskala" als jüdische Aufklärung. Der Weg zur Emanzipation durch Bildung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950598

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