Bereitschaft zur Übernahme der Pflege dementiell Erkrankter in Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund

Ein Vergleich der zweiten und dritten Generation


Masterarbeit, 2020

119 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abbildungsverzeichnis

II. Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einführung in die Problemstellung
1.2 Thema der Analyse
1.3 Vorgehensweise und Systematik

2 Theoretischer Rahmen
2.1 Häusliche- Pflege- Skala (Elmar Gräßel)
2.2 Akkulturationsorientierungen und heterogene Identitätsentwürfe am Beispiel jüdischer Migranten (Olga Goldenberg)

3 Methodisches Vorgehen
3.1 Studiendesign
3.2 Erhebungsverfahren
3.3 Datenauswertung
3.4 Datenschutz

4 Ältere Menschen mit türkischem Migrationshintergrund und Demenz und pflegende Angehörige der zweiten Generation in Deutschland
4.1 Demenz
4.1.1 Begriffsdefinition und Stadien
4.1.2 Formen
4.2 Dementiell Erkrankte mit türkischem Migrationshintergrund
4.3 Pflegende Angehörige von Demenzerkrankten mit türkischem Migrationshintergrund

5 Interview- Ergebnisse
5.1 Pflegende Angehörige der zweiten Generation mit türkischem Migrationshintergrund
5.1.1 Aktuelle Lage und Inanspruchnahme professioneller Unterstützungsangebote
5.1.2 Einschätzung der Bereitschaft der dritten Generation zur Pflegeübernahme
5.1.3 Alternative Formen von Pflege und Betreuung im eigenen Fall
5.1.4 Wünsche an das deutsche Gesundheits- und Sozialwesen
5.2 Dritte Generation mit türkischem Migrationshintergrund
5.2.1 Berufliche und private Berührungspunkte mit dementiell Erkrankten
5.2.2 Stellenwert traditioneller, familiärer und religiöser Normen und Werte
5.2.3 Bereitschaft zur Pflege von Angehörigen und Inanspruchnahme professioneller Hilfe
5.2.4 Alternative Formen von Pflege und Betreuung im eigenen Fall
5.2.5 Wünsche an das deutsche Gesundheits- und Sozialwesen
5.3 Experten mit türkischem Migrationshintergrund
5.3.1 Einschätzung der Situation pflegender Angehöriger der zweiten Generation türkischer Herkunft
5.3.2 Vergleich der Lebenswelten pflegender Angehöriger türkischer Herkunft und ohne Migrationshintergrund
5.3.3 Einschätzungen zur Veränderung traditioneller Familienstrukturen und zum Generationenwechsel
5.4 Identitätsentwürfe türkischer Migranten der zweiten und dritten Generation und Folgen für die Bereitschaft familiärer Pflegeübernahme

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Gender- Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Masterarbeit das Maskulinum bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen angewandt. Diese Form soll geschlechtsunab­hängig verstanden werden.

Danksagung

Dass ich mich heute dem Forschungsfeld Demenz und Migration widme, habe ich an erster Stelle meinem Großvater Hüseyin Akkus zu verdanken, der viele Jahre dement war und gegen Ende seines Lebens von der Situation nur noch befreit werden wollte. Ich wurde von klein auf mit dieser Krankheit konfrontiert und konnte die Veränderungen bei meinem Großvater nie verstehen. Viel­leicht wollte ich sie auch nicht verstehen.

Mein zweiter Dank gilt sowohl Frau Sümeyra Öztürk für die konstruktive Unterstützung und an Frau Ayse Kus, die mir in diesem Themenfeld den beruflichen Einstieg bei der Landesinitiative Demenz NRW, Demenz- Servicezentrum für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ermöglicht hat.

Weiterhin möchte ich mich bei Frau Prof. Dr. Ulrike Höhmann und Frau Heike Becker bedanken, die mich im Rahmen meiner Masterarbeit unterstützt haben und mir immer mit wertvollen Hin­weisen zur Seite standen.

Einen großen Dank möchte ich meiner Familie und meinen Interviewpartnern aussprechen, die mich in meiner Arbeit unterstützt und motiviert haben.

Abstract

Deutsch

Die ältere multikulturelle Bevölkerung der Bundesrepublik stellt das Gesundheits- und Sozialsys­tem vor unterschiedliche Herausforderungen. Besonders im Themenfeld Demenz steht man einer älter gewordenen Gastarbeitergeneration gegenüber. Dabei sind von Pflege und Demenz oft meh­rere Generationen betroffen, die Erkrankten selbst und ihre Kinder und Enkelkinder, die oftmals Versorgung und Pflege in der häuslichen Umgebung gewährleisten. Dieser Generationenvertrag wird von der zweiten Gastarbeitergeneration mit viel Hingabe bis hin zur Überforderung erfüllt. Mit dieser Arbeit soll die Frage behandelt werden, ob die dritte Gastarbeitergeneration, die Enkel­generation, diese familiäre Pflegeaufgabe wie ihre Vorgängergeneration als Hauptverantwortung ansieht. Die konkrete Forschungsfrage umfasst die Bereitschaft zur Übernahme der Pflege demen- tiell Erkrankter in Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund. Es wird ein Vergleich zwischen der zweiten und dritten Generation (exemplarisch an den Standorten Gelsenkirchen und Dinslaken) angestellt. Hierfür wurden insgesamt sechs Experteninterviews und neun leitfadenge­stützte problemzentrierte Interviews jeweils mit der Enkelgeneration (n=4) sowie pflegenden An­gehörigen der zweiten Generation (n=5) durchgeführt. Die Vergleichsanalyse basiert auf den ide­altypischen Akkulturationsstrategien nach John W. Berry, ergänzt um die von Olga Goldenberg festgelegten unterschiedlichen Akkulturationsorientierungen. Hierbei werden vier Aspekte näher beleuchtet: die von Olga Goldenberg festgelegten Kategorien der sprachlichen, kulturellen und religiösen Orientierung, ergänzt um die explorative Kategorie des familiären Pflegeverhaltens. Das Ergebnis ist eindeutig. Die dritte Generation ist sich der Herausforderung einer Demenz sehr be­wusst. Ihre bikulturelle Orientierung in Bezug auf das familiäre Pflegeverhalten führt dazu, dass sie, im Falle einer Demenz ihrer Vorgängergeneration, tendenziell schneller bereit sind als die zweite Generation, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Grundsätzlich ist die Bereitschaft zur Pflegeübernahme vorhanden, jedoch nicht unter den Umständen, die eigene Le­bensplanung in den Hintergrund zu stellen. Die Mehrheit der zweiten Generation ist auf Grund der herkunftsorientierten Akkulturation nicht bereit, die Pflege ihrer Vorgängergeneration in profes­sionelle Hände zu geben, sondern betrachtet die eigenen Ziele und Bedürfnisse als zweitrangig und übernimmt die Pflege - wenn auch mit Folgen für ihre eigene Gesundheit. Im Gegensatz zur ersten Gastarbeitergeneration ist die zweite Generation eher bereit, die eigene Versorgung von Fachkräften durchführen zu lassen, denn sie sind sich der Herausforderung der familiären Pflege bewusst und möchten ihren Kindern, der dritten Generation, diese Verantwortung nicht überlas­sen. Auf dieser Grundlage ist es empfehlenswert, die professionellen Angebote der Pflege schnellstmöglich auszubauen, denn die zweite Generation nähert sich altersbedingt dem Risiko einer Demenzerkrankung. Inwieweit diese Angebote kultursensibel ausgerichtet werden sollten, müsste in weiteren Forschungsarbeiten untersucht werden.

Englisch

The older multicultural population in Germany is presenting the health care and social system different challenges.

Especially when it comes to dementia and health care, we are faced with and older generation of foreign workers. Nursing care and dementia often affect several generations. The affected person and their children or grandchildren, ensure their health care in the home environment. This deal of generations is completely fulfilled by the second generation of the foreign workers, with a lot of abandonment and even excessive demand.

The intention of this thesis is to check the perspective of the third generation and the grandchildren, if taking care of their family members is considered as their main task, as was the case for their previous generation. The key research question includes the willingness to take care of dementia sufferers in their family with a Turkish migration background completed by a comparison between the second and the third generation (exemplified at the locations Gelsenkirchen and Dinslaken). For this comparison, six expert interviews and nine guideline-based interviews were realized each with the grandchildren (n=4) and with other family members of the second generation (n=5). For this comparative study of both successive generations are used the acculturation strategy according to John W. Berry, supplemented by Olga Goldenberg with her acculturation orientations.

Four aspects are examined, the linguistic, cultural and religious orientation specified by Olga Goldenberg completed by the explorative category of family care behavior. The results are clear. The third generation, who has the bicultural orientation, is very aware of the challenge on demen­tia. In the case of dementia, they are willing and more ready to seek professional support compared to the second generation.

Basically there is willingness to take care of their family, but not under the circumstances that their parents had to face. They are not ready to give up their own lives and to slide back their own live planning.

The majority of the second generation is not ready to hand over the care of the previous generation to professionals, because of the origin oriented acculturation. They take responsibility of care and consider their own live goals as secondary and not necessary. Even tough to their regret of own health.

In comparison to the first generation of foreign workers, the second generation is more willing to have professionals for their own health care, because they are aware of the family care and don‘t want to obligate their own children with this responsibility.

On this base, its recommendable to upgrade the offers as fast as possible, because the second gen­eration is approaching the risk of dementia. It needs further research to investigate how cultural adapted this offers should be.

Türkisch

Almanyanin ya§li ve gok kültürlü nüfusu, saglik ve sosyal sistemini ge§itli zorluklara sokmaktadir. Özellikle demans konusunda ya§li bir gögmen nesil ile karsi kar§iyayiz. Bakim ve demans genel- likle birgok nesli etkiler, hasta olan ki§inin kendisini ve ev ortaminda hastaya bakan cocuklarini yahut torunlarini. Bu bakima yönelik nesil sözle§mesi, ikinci nesil tarafindan büyük bir özveri ve agir bir sorumluluk ile yerine getirilir. Bu arastirmada ise incelenen konu sudur, ügüncü nesil bu aile bakim görevini, önceki nesilleri gibi ana sorumluluklari olarak görüp görmedikleri. Arastirma sorusu ise söyledir: Türk gögmen kökenli ailelerde demans hastalarinin bakimini üstlenme istegi, ikinci ve ügüncü nesil arasinda bir kar§ila§tirma (Gelsenkirchen ve Dinslaken gevresinde). Bunun igin toplam alti uzman görüsmesi ve bunun haricinde dokuz sorun merkezli görüsme ikinci (5 tane) ve ügüncü (4 tane) nesil ile gergeklestirildi. Iki nesili birbiriyle karsilastirabilmek igin, John W. Berry tarafindan gelistirilmis olan kültürlesme stratejileri uygulanmistir ve Olga Goldenberg tarafindan belirlenen farkli kültürlesme yönelimleri ile desteklenmistir. Bu farkli kültürlesme yönelimleri ise dilsel, kültürel, dinsel kategorileridir, bunlara aile bakimi kategorisi eklenmistir. Sonug agik. Ügüncü nesil, demans hastaligin zorlugunun farkinda. Aile bakimi yönünde iki kültürlü yönelimleri gösteriyorki, eger birgün aileden biri demans hastaligina yakalanirsa, ikinci nesilin aksine, ücüncü nesil daha gabuk profesyonel destek ve yardim almaya hazirlardir. Temel olarak bakimi üstlenmek istedikleri mevcuttur, fakat bu bakim igin kendi yasam planlarini arka plana atma istegi yoktur. ikinci nesilin gogu ise, köken odakli yönelimleriyle anne ve babalarinin bakimlarini profesyonel kisilere vermeye hazir degiller ve bunun igin kendi hayat amaglarini ve ihtiyaglarini arka plana atdiklari görülüyor. Saglik sorunlari ya§asalar bile, ikinci nesil, birinci nesile bakilarak, kendi ya§liliklarinda profesyonel ki§iler tarafindan bakilmak istiyorlar, günkü aile bakiminin zorlugunun farkindalar ve bu sorumlulugu kesinlikle ilerde kendi gocuklarina, yani ügüncü nesile yüklemek istemiyorlar. Ikinci nesil de ya§laniyor ve buda demans hastaligina ya- kalama riskini arttiriyor ve bu yüzden kisa süre iginde daha fazla hizmetlerin genisletilmesi önerilir. Bu hizmetlerin ise hangi ölgüde kültürel olmasi gerektigini daha sonraki arastirmalarda analize edilmesi gerekiyor.

I. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Darstellung positiver und negativer Items aus dem Fragebogen der HPS (Originalversion)

Abbildung 2: System der Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige

Abbildung 3: Acculturation Strategies

Abbildung 4: 4 Strategien der Akkulturation

Abbildung 5: Erforderliche Schritte für eine interkulturelle Organisationsentwicklung

II. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Interpretation des HPS- Summenwerts bei Demenz

Tabelle 2: Interpretation des HPS- Summenwerts bei allen anderen Erkrankungen

Tabelle 3: Zuordnung des deduktiv erstellen Kategoriensystems zu Orientierungsmustern

Tabelle 4: Ergänzenden Kategorien

Tabelle 5: Demenz- Stadien

Tabelle 6: Unterscheidung zwischen primäre und sekundäre Form einer Demenz

Tabelle 7: Soziodemographische und pflegerelevante Daten von pflegenden Angehörigen der zweiten Generation türkischer Herkunft

Tabelle 8: Negative Erfahrungen von pflegenden Angehörigen im Rahmen des Pflegesettings

Tabelle 9: Identitätsentwürfe der zweiten und dritten Generation türkischer Migranten

1 Einleitung

1.1 Einführung in die Problemstellung

Durch den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg stieg in Deutschland der Bedarf an Ar­beitskräften, unter anderem im landwirtschaftlichen Sektor und im Bergbau. Vor diesem Hinter­grund wurde ein Anwerbeabkommen von Gastarbeitern zwischen Deutschland und Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien, Portugal, Tunesien, dem ehemaligen Jugoslawien und im Jahr 1961 auch mit der Türkei unterzeichnet (vgl. Kaiser, C. 2009, S. 31). Da in den 1960er Jahren in der Türkei sowohl eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte als auch gesellschaftliche und wirtschaft­liche Umbrüche zu beobachten waren, bewarben sich viele Menschen für eine Stelle in Deutsch­land. Somit immigrierten die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland, innerhalb zwölf Jahren belief sich ihre Zahl auf ca. 900.000 (vgl. Luft, S. 2014). 1973 wurde bedingt durch die Ölkrise und die damit einhergehenden schlechten Wirtschaftslage ein Anwerbestopp verfügt (vgl. Hunn, K. 2006, S. 20). Bei den zugewanderten Menschen handelte es sich hauptsächlich um Schreiner, Maschinenschlosser, Bauern und Bauarbeiter (vgl. Bundeszentrale für politische Bil­dung o.J.). Diese Arbeitsmigranten verfolgten das Ziel, in Deutschland Geld zurückzulegen, im ihren Lebensabend wieder in der Heimat zu verbringen (vgl. Dibelius, O./ Uzarewicz, C. 2006, S. 46). Sie gingen nicht davon aus, dass sie in Deutschland eine neue Heimat finden und somit auf Dauer hier sesshaft würden. Der Ursprung dieser veränderten Entwicklung lag im Familiennach­zug. Die Kinder wurden eingeschult, viele absolvierten eine Ausbildung oder ein Studium und wurden anschließend selbst Eltern von schulpflichtigen Kindern. Somit entwickelte sich aus die­sen Gastarbeiterfamilien eine langfristige Kultur in Deutschland. Heute leben deutschlandweit ca. 20,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund1 und von diesen sind heute ca. zwei Millio­nen 65 Jahre und älter (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2019; Destatis Statistisches Bundesamt 2019, S. 22 f.). Personen, die einen türkischen Migrationshintergrund aufweisen, bil­den mit ca. 2,8 Millionen die größte Migrantengruppe (vgl. Keser, G. 2018, S. 8; Yilmaz- Aslan, Y. 2018, S. 238). Die Gastarbeitergeneration hat bereits das Ruhestandsalter erreicht. Mit Blick auf das Thema der vorliegenden Arbeit ist daher festzustellen, dass auch bei dieser Ziel­gruppe die Pflegebedürftigkeit2 zunimmt. Die Anzahl der Pflegebedürftigen lag gemäß des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) zum Jahresende 2017 bei ca. 3,4 Millionen, darunter ca. 8,2 % mit Migrationshintergrund (vgl. Destatis Statistisches Bundesamt 2018). Im Verhältnis zu der autochthonen Bevölkerung weisen die Migranten generell einen schlechteren Gesundheitszu­stand auf, wobei sie zum Zeitpunkt ihrer Anwerbung im Gegensatz zur gleichaltrigen Mehrheits­gesellschaft einen überdurchschnittlich guten Gesundheitszustand hatten (vgl. Ulusoy, N. / Gräßel, E. 2013, S. 57). Demnach tritt eine Pflegebedürftigkeit bei ihnen mit ca. 62 Jahren etwa zehn Jahre früher ein als bei der autochthonen Bevölkerung (vgl. Tezcan- Güntekin, H. / Razum, O. 2017, S. 73 f.). Diese Abweichung führen Olivia Dibelius und Charlotte Uzarewicz auf soziale und ökono­mische Ursachen zurück, wie zum Beispiel eine niedrige Altersrente und der einhergehenden fi­nanziellen Notlagen, schlechtere Wohn- und Arbeitsbedingungen oder ein niedriges Bildungsni­veau im Verhältnis zur autochthonen Bevölkerung (vgl. Dibelius, O./ Uzarewicz, C. 2006, S. 45 f.; Stock, S. et al. 2018, S. 404). Einer der häufigsten Ursachen für eine Pflegebedürftigkeit stellt Demenz dar (vgl. Zentrum für Qualität in der Pflege 2019).

Demenz nimmt in unserer Gesellschaft einen immer höheren Stellenwert ein und ist darüber hinaus ein multikulturelles Problem für alle Beteiligten. Gegenwärtig leben in Deutschland ca. 1,7 Milli­onen dementiell erkrankte Menschen. Jährlich kommen mehr als 300.000 weitere Erkrankte hinzu. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt ca. 2 % (vgl. Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz 2018). Es wird prognostiziert, dass die Anzahl der dementiell Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf ca. 3 Millionen ansteigen wird (vgl. Bundesministerium für Bildung und For­schung 2017). Zwar liegen keine validen Angaben zur Prävalenz von Demenzerkrankten mit ei­nem Migrationshintergrund vor, ihre Anzahl wird aber auf ca. 120.000 geschätzt (vgl. Mogar, M. / von Kutzleben, M. 2015, S. 465; Stock, S. et al. 2018, S. 404). Auch bei dieser Zielgruppe ist die Tendenz steigend. Am stärksten sind Nordrhein- Westfalen, Baden- Württemberg und Bayern mit einem deutlichen Anstieg von dementiell erkrankten Migranten betroffen, da in diesen drei Bun­desländern die meisten Migranten leben (vgl. Monsees, J. et al. 2019, S. 658; Yilmaz- Aslan, Y. 2018, S. 238).

1.2 Thema der Analyse

Dementiell Erkrankte mit Migrationshintergrund werden fast immer (zu ca. 98 %) zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt. Diese stellen meist die wichtigste Ressource im Pflegesetting für die älteren Migranten dar (vgl. Tezcan-Güntekin, H. / Breckenkamp, J. 2017, S. 19). Dabei ist die familiale Orientierung, vor allem in der türkischen Community, durch eine starke emotionale Nähe und intergenerationale Beziehungen gekennzeichnet (vgl. Milewski, N. 2013, S. 4). Zudem kann festgehalten werden, dass im Wesentlichen die Frauen (Töchter, Schwiegertöchter, ggf. Enkel­töchter) die Pflege ihrer erkrankten Angehörigen übernehmen. Die Männer dagegen stehen eher im Hintergrund, weil ihnen pflegerische Aspekte wie Intimpflege oder Unterstützung beim Toi­lettengang vermeintlich nicht zugemutet werden können (vgl. Mogar, M. / von Kutzleben, M. 2015, S. 469). Dafür übernehmen sie mehr organisatorische und administrative Aufgaben, wie zum Beispiel die Erledigung von Bankgeschäften oder Einkäufen und die Begleitung bei Arzt­oder Behördenbesuchen. Die pflegenden Angehörigen vertreten unterschiedliche Gründe für die Pflegeübernahme. Sie kommen mitunter an ihre psychischen und physischen Grenzen und werden mit zunehmender Zeit selbst zu versteckten Patienten (vgl. Kücük 2010, S. 335 f.). Relevant wird daher die Nutzung von Unterstützungs- und Entlastungsangeboten, die jedoch von vielen aufgrund der bestehenden migrationsspezifischen Zugangsbarrieren nicht in Anspruch genommen werden (vgl. Wengler, A. 2013, S. 92 ff.). Ein differenzierter Einblick in die Lebenswelten der Erkrankten und der pflegenden Angehörigen mit einem (türkischen) Migrationshintergrund wird im vierten Kapitel gegeben. Bislang wurden bereits einige Untersuchungen über die Lebenswelten und -lagen sowohl der dementiell Erkrankten als auch ihrer pflegenden Angehörigen der zweiten Generation mit türkischem Migrationshintergrund durchgeführt. Auch die zweite Generation wird älter und auch bei dieser Personengruppe steigt die Wahrscheinlichkeit, mit zunehmendem Alter an einer Demenz zu erkranken. Wie bereits oben erwähnt, werden die Versorgung und Betreuung von Mit­gliedern der ersten Gastarbeitergeneration, die heute unter einer Demenz leiden, hauptsächlich durch ihre Kinder (zweite Generation) sichergestellt. Doch wie ist die Bereitschaft zur Pflegeüber­nahme der Eltern in der dritten Generation mit türkischem Migrationshintergrund? Wären diese im Verhältnis zu ihrer Vorgängergeneration eher bereit loszulassen? Oder sehen auch sie die Pfle­geübernahme als zentrale Familienaufgabe an und sind bereit, ihren eigenen Lebensweg anzupas­sen? Es gibt Hypothesen über eine geringere Bereitschaft der Pflegeübernahme, die vermutlich mit jeder Generation weiter sinken wird. Einer dieser Studien ist Reimer Gronemeyer et al.3 - 'Die fremde Seele ist ein dunkler Wald', Medlin Mogar / Milena von Kutzleben - 'Demenz in Familien mit türkischem Migrationshintergrund' oder von Liane Schenk / Monika Habermann - 'Migration und Alter', in der dieser Themenschwerpunkt jedoch nur am Rande thematisiert wird. Jedoch ist dieses Feld wissenschaftlich kaum untersucht. An dieser Lücke setzt die vorliegende Arbeit an und soll mit neuen Erkenntnissen gefüllt werden.

Mit der vorliegenden Ausarbeitung wird die Intention verfolgt, auf der einen Seite einen tieferen Einblick in die Lebenswelten der pflegenden Angehörigen von dementiell Erkrankten zu verschaf­fen, um so die Notlagen und Bedürfnisse dieser Zielgruppe näher zu beleuchten. Auf der anderen Seite soll sie Erkenntnisse für die Bereitschaft zur Pflegeübernahme der dritten Generationen tür­kischer Herkunft aufzeigen. Wenn die dritte Generation bereit ist, die pflegerische Versorgung der Eltern in professionelle Hände zu geben, unabhängig davon, ob diese dann stationär oder ambulant erfolgt, kann diese Arbeit Impulse für neue Handlungsfelder geben. Es müssten dann mehr Ange­bote entwickelt bzw. vorhandene ausgebaut werden. Wie dann die Initiierung und Umsetzung sol­cher Angebote erfolgt und welche Akteure miteinbezogen werden müssen, sollte in weiteren For­schungen untersucht werden.

1.3 Vorgehensweise und Systematik

Als theoretische Grundlage für die Untersuchung der Forschungsfrage fungiert sowohl das Mess­instrument der 'Häuslichen- Pflege- Skala' von Elmar Gräßel als auch Akkulturationsstrategien von John W. Berry sowie die von Olga Goldenberg erstellten sprachlichen, ethnischen und religi­ösen Kategorien am Beispiel jüdischer Migranten, ergänzt um die explorative Kategorie des 'fa­miliären Pflegeverhaltens'. Mithilfe der Gräßel- Skala sollen die Belastungen und Bedarfe von pflegenden Angehörigen der zweiten Generation in türkeistämmigen Familien erfasst werden. Das Modell nach Goldenberg dagegen soll aufzeigen, welche Identitätsentwürfe die interviewten Pro­banden im Rahmen dieser Arbeit aufweisen und inwieweit sie die Bereitschaft der Pflegeüber­nahme beeinflussen. Die methodische Vorgehensweise wird im dritten Kapitel dargelegt, wobei spezifisch auf Studiendesign, Erhebungsverfahren, Hinweise zum Datenschutz und auf die quali­tative Datenauswertung eingegangen wird. Das folgende Kapitel gibt einen differenzierten Ein­blick in die Demenz- Krankheit, um die Situation der zu betreuenden Angehörigen und den Kon­text der pflegerischen Anforderungen zu illustrieren. Vor diesem Hintergrund wird die aktuelle Situation der dementiell Erkrankten und ihrer pflegenden Angehörigen in der Bundesrepublik dar­gestellt. Dabei werden die migrationsspezifischen Zugangsbarrieren gesondert in Augenschein genommen. Sie bilden einen wesentlichen Unterschied zwischen den dementiell erkrankten Mig­ranten und der Mehrheitsbevölkerung. Im daran anschließenden Kapitel folgt der empirisch- me­thodische Teil der Arbeit, der in vier Unterkapitel gegliedert ist. Im ersten Unterkapitel werden die Interviewergebnisse mit pflegenden Angehörigen der zweiten Generation, im zweiten und dritten Unterkapitel die Ergebnisse der Interviews mit den Experten und mit der dritten Generation um­fassend analysiert. Folgende Schwerpunkte werden festgehalten:

- Aus Sicht der pflegenden Angehörigen:
- Aktuelle Situation und Nutzung professioneller Angebote
- Einschätzung einer familiären Pflegeübernahme vonseiten der dritten Generation
- Alternative Formen zur Pflege im eigenen Fall und Wünsche an das Gesundheits- und Sozialwesen

- Aus Sicht der dritten Generation:
- Berührungspunkte mit dementiell Erkrankten
- Stellenwert traditioneller, familiärer und religiöser Werte und Bereitschaft einer fami­liären Pflege
- Alternative Formen zur Pflege und Betreuung im eigenen Alter und Wünsche an das Gesundheits- und Sozialwesen

- Aus Sicht der Experten:
- Einschätzung der aktuellen Situation pflegender Angehöriger türkischer Herkunft
- Vergleich der Lebenswelten pflegender Angehöriger türkischer Herkunft und ohne Migrationshintergrund
- Einschätzung zur Veränderung traditioneller Familienstrukturen und zum Generatio­nenwechsel

Anschließend folgt ausgehend von den Interviewergebnissen im letzten Unterkapitel ein tabellari­scher Einblick in die verschiedenen Identitätsentwürfe aus Sicht der pflegenden Angehörigen der zweiten Generation und der dritten Generation. Somit soll untersucht werden, inwieweit die ver­schiedenen Identitätsentwürfe der Interviewpartner einen Einfluss auf das familiäre Pflegeverhal­ten haben. Die letzten beiden Kapitel umfassen zum einen den Ausblick auf mögliche Erkenntnisse und Zukunftsaussichten für Forschung, Praxis und Politik. Zum anderen eine Diskussion, welche die Betrachtung dieser vorliegenden Arbeit abrundet.

2 Theoretischer Rahmen

2.1 Häusliche- Pflege- Skala (Elmar Gräßel)

Für den analytischen Rahmen wurde ein induktiver Forschungsansatz gewählt, um die Situation von pflegenden Angehörigen zu erfragen. Im Rahmen der Literaturrecherche wurde die „Häusli­che- Pflege- Skala (HPS)“ von Elmar Gräßel als deduktiver Forschungsansatz festgelegt und aus­gewählte Aspekte der Skala wurden an die Ergebnisse der Interviews adaptiert. Diese Skala unter­sucht die individuellen Belastungen von pflegenden Angehörigen, die die Pflegetätigkeit mindes­tens seit einem halben Jahr ausführen. Wenn der zeitliche Umfang der Pflegetätigkeit weniger als sechs Monate umfasst, kommt es zu einer gesonderten Beurteilung der erhobenen Daten (vgl. Ha- semann, W. 2004, S. 14). In welchem Ausmaß die Belastungen von den Angehörigen erlebt wer­den und welche problemzentrierten Unterstützungsmaßnahmen und Strategien bei der Stressbe­wältigung angewendet werden können, wird im Folgenden näher beleuchtet.

Über 90 % der Pflegebedürftigen werden gemäß dem Pflegeversicherungsgesetz (SGB XI) im häuslichen Umfeld von Privatpersonen gepflegt und betreut, die mit dem Erkrankten in naher ver­wandtschaftlicher Beziehung stehen (vgl. Gräßel, E. / Behrndt, E. M. 2016, S. 169). Die Pflege­tätigkeiten umfassen die „[...] zu Hause anfallenden Hilfetätigkeiten, angefangen zum Beispiel von Transportdiensten über das Organisieren und Überwachen der Arzneimitteleinnahmen bis hin zu fundamentalen, körpernahen Pflegetätigkeiten wie Hilfe bei Mobilität oder der Toilettenbenut­zung“ (ebd., S. 170). Deutschlandweit wird die Pflege zu ca. 42 % von den Kindern bzw. Schwie­gerkindern und zu ca. 28 % von Ehepartnern übernommen (vgl. ebd., S. 170). Die Pflegenden sind durchschnittlich 59 Jahre alt und zu ca. 23 % noch erwerbstätig. Auffallend ist, dass es sich bei den Hauptpflegepersonen mehrheitlich um Frauen handelt (vgl. ebd.). Hier beläuft sich der Anteil innerhalb Deutschlands auf insgesamt 73 % (Europa: 76 %). Dabei leben ca. 70 % der Hauptpfle­gepersonen mit dem Pflegebedürftigen in einem gemeinsamen Haushalt bzw. in einem gemeinsa­men Haus. Vor dem Hintergrund dieser unmittelbaren Nähe haben die Pflegepersonen kaum Rück­zugsmöglichkeiten. Es kommt hinzu, dass sie mit der Herausforderung der Eingewöhnung und der Anpassung an die neue Situation (wie zum Beispiel sich veränderndes soziales oder berufliches Umfeld, Beziehungsgestaltung, pflegerische Anstrengungen etc.) konfrontiert sind. Diese Anpas­sungsprozesse bringen bei einer häuslichen Pflege ambivalente Erfahrungen mit sich. In proble­matischen Fällen wird aufgrund des fordernden und anspruchsvollen Pflegesettings von einer sub­jektiven Belastung und von Stress gesprochen, was sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit der Angehörigen auswirkt. Die Ermittlung einer solchen subjektiven Belastung kann zum Beispiel durch Selbstbeurteilungen der Angehörigen und im Rahmen von standardisierten Fragebögen realisiert werden (vgl. ebd., S. 172 f.). Neben mehreren entwickelten Messinstrumen­ten zur systematischen Erfassung von Belastungen, die sich konzeptionell (z.B. Differenzierung emotionaler sowie finanzieller Belastung) sowie qualitativ (z.B. Validität von ermittelten Werten, internationale Verwendbarkeit ) voneinander abgrenzen, wird in dieser Arbeit die „Häusliche- Pflege- Skala“ von Elmar Gräßel behandelt. Sie ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Im Fokus stehen unter anderem die psychischen und physischen Belastungen von pflegenden An­gehörigen dementiell Erkrankter (vgl. Gräßel, E. / Behrndt, E. M. 2016, S. 173; Hasemann, W. 2004, S. 14). Diese Skala basiert auf dem Stressmodell nach Lazarus und Folkmann (1984) und wurde in größeren Stichproben auf ihre Validität und Reliabilität untersucht. Neben dem Original mit 28 Items gibt es eine Kurzfassung mit zehn Items, die durch eigenständiges Ankreuzen (vor­formulierte Antworten: stimmt genau/ stimmt überwiegend/ stimmt wenig stimmt nicht) von pfle­genden Angehörigen beantwortet werden können, die im häuslichen Umfeld einen Angehörigen pflegen. Beide Fassungen stehen in insgesamt zwanzig verschiedenen Sprachen zur Verfügung, darunter auch in Türkisch. Die Kurzversion umfasst nur negative Items, die Originalversion dage­gen enthält elf positive und siebzehn negative Items. In der unteren Abbildung werden die positi­ven und negativen Items aus der Originalfassung zusammengefasst dargestellt, was als Grundlage zur Erfassung der aktuellen Situation (Belastungen, Überforderungen, Bedarfe etc.) pflegender Angehöriger der zweiten Generation in türkeistämmigen Familien dienen soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung positiver und negativer Items aus dem Fragebogen der HPS (Originalver­sion)

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Universitätsklinikum Erlangen o.J., Abrufdatum: 28. Juni 2020)

Sowohl die Kurz- als auch die Originalfassung sind dem Anhang 1 dieser Arbeit zu entnehmen (vgl. Universitätsklinikum Erlangen o.J.).

Bei der Interpretation des Summenwerts der HPS wird zwischen dementiell Erkrankten und Per­sonen mit anderen Erkrankungen differenziert. Diese Unterscheidung ist darauf zurückzuführen, dass das Belastungserleben von Angehörigen dementiell Erkrankter höher ist und mit früheren gesundheitlichen Folgen verbunden ist (vgl. Hasemann, W. 2004, S. 15 f.). Dies wird im Rahmen einer Online- Befragung von Forsa belegt (vgl. Müller, O, 2020, S. 12). Anhand einer im Auftrag des Wissenschaftlichen Instituts der AOK durchgeführten Befragung ist ersichtlich, dass sich ca. 37 % der pflegenden Angehörigen von dementiell Erkrankten stark belastet fühlen, während dieser Anteil bei Angehörigen, die Personen mit anderen Erkrankungen pflegen, ca. 26 % beträgt. So wurden, ausgehend von unterschiedlichen Studien im Hinblick auf gesundheitliche Belastungen pflegender Angehöriger jeweils drei Stufen für die beiden Bereiche festgelegt, die den folgenden Tabellen zu entnehmen sind:

Tabelle 1: Interpretation des HPS- Summenwerts bei Demenz

(Quelle: Universitätsklinikum Erlangen o.J., S. 6, Abrufdatum: 28. Juni 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Interpretation des HPS- Summenwerts bei allen anderen Erkrankungen

(Quelle: Universitätsklinikum Erlangen o.J., S. 7, Abrufdatum: 28. Juni 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie aus den Tabellen hervorgeht, werden vor dem Hintergrund der stärkeren gesundheitlichen Folgen bei einer Demenz die HPS- Summenwerte im Gegensatz zu den Werten bei anderen Er­krankungen niedriger angesetzt. Während dieser Summenwert bei der Belastungsstufe 'stark bis sehr stark' im Hinblick auf die Demenz den Wert von 46 umfasst, tritt diese Belastungsstufe bei allen anderen Erkrankungen erst bei einem Wert von 56 auf.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass mit einem zunehmenden subjektiven Belastungserle­ben das Risiko der psychischen, physischen, emotionalen, sozialen und finanziellen Probleme von Angehörigen deutlich ansteigt und ihre Lebensqualität4 insgesamt negativ beeinflusst wird (vgl. Hasemann, W. 2004, S. 14). Weitere Auswirkungen können beispielsweise erhöhte Aggressivität pflegender Angehöriger gegenüber ihren pflegebedürftigen Angehörigen oder schnellere Heim­einweisungen sein (vgl. Gräßel, E. / Behrndt, E. M. 2016, S. 174 f.). Solche Feststellungen machen sich besonders bei Angehörigen von Demenzerkrankten bemerkbar. Wie aus Tabellen 1und 2 er­sichtlich, ist die subjektive Belastung von Angehörigen, die einen dementiell Erkrankten pflegen mit ca. 41 % (14 % bei allen anderen Erkrankungen) stark bis sehr stark (vgl. ebd., S. 175). Rele­vant sind an dieser Stelle sogenannte Unterstützungs- und Entlastungsangebote für die pflegenden Angehörigen, um zum einen ihre physische und psychische Gesundheit zu stärken und damit zu einer Erhöhung der Lebensqualität beitragen zu können (vgl. ebd., S. 178). Eine beispielhafte Aufführung solcher Entlastungs- und Unterstützungsangebote kann der folgenden Abbildung ent­nommen werden:

Da den pflegebedürftigen Personen ein möglichst langer Verbleib in ihrer eigenen häuslichen Um­gebung ermöglicht werden soll, gibt es heute deutschlandweit zahlreiche der in der Abbildung aufgeführten Unterstützungs- und Entlastungsangebote für die pflegenden Angehörigen (vgl. Schwinger, A. et al. 2016, S. 190) . Ihr Spektrum reicht von der sozialemotionalen- und informa­tionellen Hilfe bis hin zu direkten Pflegeentlastungsangeboten. Allerdings werden die Hilfsange­bote trotz der bestehenden Überforderungen und Belastungen, abgesehen vom ambulanten Pfle­gedienst (ca. 33 %), nur selten bis gar nicht in Anspruch genommen (vgl. Gräßel, E. / Behrndt, E.- M. 2016, S. 179 ff.). Die Gründe für die Nichtinanspruchnahme können vielfältig sein. Zum Bei­spiel kann sie darauf zurückgeführt werden, dass keine flächendeckenden Angebote zur Verfügung stehen, dass die Angehörigen über die bestehenden Angebote nicht informiert sind, dass sie even­tuell Schwierigkeiten bei der Antragstellung haben oder aber keine fremden Personen in ihre Woh­nung lassen bzw. die Pflegebedürftigen von Fremden nicht gepflegt werden möchten. Um diese Hürden zu bewältigen, können adäquate Maßnahmen ergriffen werden. Nach Elmar Gräßel und Elisa- Marie Behrndt sollten bestehende Versorgungslücken durch eine regionale Verfügbarkeit der Angebote, aber auch durch die Finanzierungsmöglichkeiten der Entlastungsangebote verbes­sert werden (vgl. Gräßel, E. / Behrndt, E. M. 2016, S. 183). Auch könnte der Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung für diejenigen, die über die bestehenden Angebote nicht infor­miert sind, gewährleistet werden. Durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, wie zum Beispiel in Form von Social Media, Informationsbroschüren, niedrigschwelligen Veranstaltungsreihen zum Thema Alter und Pflege kann dies realisiert werden. So könnte man die Angehörigen aus verschie­denen Kulturkreisen auf diese Angebote aufmerksam machen und sie dazu motivieren, diese An­gebote zu nutzen. Auch legen Gräßel und Behrndt großen Wert darauf, dass verbesserte Rahmen­bedingungen des häuslichen Pflegeengagements geschaffen werden sollen, so dass zum einen die Pflege- und Erwerbsfähigkeit für Pflegende gut miteinander vereinbar sind und zum anderen die Männer, die in der Regel pflegerisch kaum aktiv sind, besser in das Pflegesetting einbezogen wer­den (vgl. ebd.). So könnte eine größere Geschlechtergerechtigkeit in der Pflege erreicht werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auch auf pflegenden Angehörigen, die einen Migrationshinter­grund aufweisen. Diese sollten stärker mit ihren Bedürfnissen und Bedarfen in den Mittelpunkt rücken. Es sollten vor dem Hintergrund der bestehenden migrationsspezifischen Barrieren (wie zum Beispiel Sprach- und Kommunikationsdefizite) Informations-, Beratungs- und Unterstüt­zungsangebote ausgebaut werden, welche kultursensibel5 ausgerichtet sind. (vgl. ebd., S. 184). Damit es ebenfalls in der Versorgung und Betreuung bei Menschen, die im ländlichen Raum leben, zu keinen ungleichen Leistungsallokationen kommt, sind die Einführung bzw. der Ausbau von internetbasierten Unterstützungsangeboten von hoher Bedeutung, um den Zugang auch zu dieser Zielgruppe zu gewährleisten.

2.2 Akkulturationsorientierungen und heterogene Identitätsentwürfe am Beispiel jüdischer Mig­ranten (Olga Goldenberg)

„Kulturelle Differenzen sowie die damit verwobenen Erlebnisse der Ander(s)heit und Fremdheit gehören zu einem Leben, das unsere Neugier wecken, wach halten und faszinierende Aussichten auf die Erweiterung des eigenen Horizonts und Handlungs- potentials eröffnen mag. “ (Straub, J. 2007, S. 110)

Migration kann eine besondere und kritische Bedeutung in den Lebensgeschichten jedes Individu­ums einnehmen. Die mit der Migration einhergehenden Erfahrungen können entweder als Res­source oder als Belastung empfunden werden (vgl. Goldenberg, O. 2011, S. 9). Deutschland hat seit 1950 eine lange Geschichte als Einwanderungsland. Heute leben ca. 20,8 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund aus verschiedenen Herkunftsländern in der Bundesrepublik, die aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland eingewandert sind und die kulturelle Vielfalt stärken. Es lässt sich festhalten, dass jede vierte in Deutschland lebende Person einen Migrations­hintergrund aufweist, wobei über die Hälfte (ca. 52 %) die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen (vgl. Destatis Statistisches Bundesamt 2019). Ein Migrationsprozess ist allgemein mit komplizier­ten und kumulativen Prozessen verbunden, der mit einer Veränderung des Lebensmittelpunkts verbunden ist und in Bezug auf verschiedene Aspekte (wie zum Beispiel Kultur, Sprache, Partizi­pation etc.) eine Neuorientierung und Anpassung im Einwanderungsland erfordert (vgl. Golden­berg, O. 2011, S. 47). Ein bekannter und häufig verwendeter Ansatz ist der John W. Berrys im Rahmen der Akkulturationsforschung6:

In seinem zweidimensionalen Akkulturationsmodell entwickelt Berry zwei grundsätzliche Fragen, aus denen sich die vier idealtypischen Akkulturationsstrategien ergeben. Zunächst wird danach gefragt, ob die Aufrechterhaltung von Beziehungen zur Aufnahmegesellschaft als wertvoll ange­sehen und in welchem Ausmaß diese von der Aufnahmegesellschaft zugelassen bzw. akzeptiert wird (vgl. Goldenberg, O. 2011, S. 54). Die zweite Frage zielt auf die Bedeutung der Bewahrung eigenkultureller Identität und Merkmale. Abhängig davon, inwieweit Migranten (individuell/ kol­lektiv) die Beibehaltung ihrer eigenen Herkunftsidentität oder eine Orientierung an der Mehrheitskultur anstreben, ergeben sich die in Abbildung 3 dargestellten Akkulturationsstrate­gien, die im Folgenden näher erläutert werden:

- Orientierung sowohl in der Aufnahme- wie auch in der Herkunftsgesellschaft
- Verknüpfung beider Kulturen
- Meist bei jungen Migranten mit höherer Bildung
- Abweisende Haltung gegenüber Mehrheitskultur, kein Kontakt zur Mehrheitskultur
- Gezielte Erhaltung eigenkultureller Identität
- Auflösung eigenkultureller Identität
- Einseitiger Anpassungsprozess an die fremde Mehrheitskultur
- Gefahr einer Überanpassung
- Kein Bezug auf die Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft
- Kulturelle Orientierungslosigkeit, Folge: Verhaltensunsicherheit, Resignation und Selbstzerstörung (Ausnahmezustand)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: 4 Strategien der Akkulturation

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Goldenberg, O. 2011, S. 54 ff.)

Welche Akkulturationsstrategien in der Migrantengesellschaft verfolgt werden, ist ganz individu­ell. Doch lassen sich Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Migranten in ihrer sozialen In­teraktion und der ethnischen Identität aufzeigen (vgl. Trebbe, J. 2007, S. 183). Mit jeder Genera­tion kommt es zu einer zunehmenden Auflösung der Bindungen zur Herkunftskultur (vgl. Golden­berg, O. 2011, S. 55). Diese Differenzierung kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt wer­den, wie Sprache, Religion, Persönlichkeit, Bildung, Kultur, Migrationserfahrung etc. (vgl. Maeh­ler, D. B. 2012, S. 45 und 79).

Im Rahmen der Untersuchung von Olga Goldenberg wurden die in den neuen Bundesländern wohnhaften jüngeren jüdischen Migranten aus der ehemaligen UdSSR anhand der von Goldenberg gebildeten Kategorien untersucht. Diese Kategorien umfassen die 'sprachlichen, ethnischen und religiösen' Aspekte und anhand dieser Kategorien hat Olga Goldenberg die Interviewpartner zu den ersten drei in der vierten Abbildung aufgeführten Orientierungsmustern (bikulturelle- und assimilative Orientierung sowie Herkunftsorientierung) zugeordnet (vgl. Goldenberg, O. 2011, S. 99).

Zur Verfolgung einer 'assimilativen Orientierung' der interviewten jüngeren Probanden lässt sich Folgendes festhalten: Die betreffenden Probanden identifizieren sich sehr stark mit der Aufnah­megesellschaft, womit eine Auflösung eigenkultureller Identität einhergeht. Auch eine Kontakt­aufnahme zu ihren eigenen Landsleuten besteht entweder gar nicht oder ist sehr begrenzt, was wiederum zu einer Verschlechterung der Herkunftssprache führt. Eine Ausnahme stellen hier die Familienangehörigen dar, zu denen der Kontakt aufrechterhalten wird. Die jugendlichen Migran­ten jüdischer Zugehörigkeit sehen Deutschland als ihre Heimat und übernehmen unter anderem die Wert- und Normvorstellungen dieser Gesellschaft. Sie beherrschen die deutsche Sprache und auch die Nutzung deutschsprachiger Medien wird priorisiert (vgl. ebd.).

Anders als bei einer 'assimilativen Orientierung' weisen die Befragten bei einer 'Herkunftsorien­tierung', trotz eines längeren Aufenthalts in Deutschland eine abweisende Haltung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft auf. Sie halten sich überwiegend in ihrer eigenen Community auf, unterhal­ten sich in der Muttersprache und beherrschen demnach die deutsche Sprache wenig bis gar nicht. Vorwiegend werden muttersprachliche Medien konsumiert. Die gezielte Erhaltung eigenkulturel­ler Identität kann auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden, wie zum Beispiel Ausgren­zungserfahrungen in der Aufnahmegesellschaft oder anhaltende Kommunikationsprobleme auf­grund mangelnder Deutschkenntnisse. Eine weitere Ursache liegt in den individuellen Beweggrün­den, die zum Beispiel unterschiedliche Mentalitäten und Interessen umfassen.

Die dem Idealtyp der 'bikulturellen Orientierung' zugeordneten Befragten orientieren sich sowohl an der Aufnahme- als auch an der Herkunftsgesellschaft. Dieser Idealtyp ist durch eine beachtliche Anzahl verschiedener Kombinationen und Variationen gekennzeichnet, in denen eindimensionale Zuordnungen abgelehnt werden (vgl. ebd., S 100). Es besteht ein ständiger Kontakt zu beiden Gesellschaftskulturen. Auch der Erhalt beider Sprachkenntnisse (Deutsch und Muttersprache) ist für diese Gruppe sehr relevant, was sich auch in der Mediennutzung niederschlägt.

Die in Deutschland lebenden jüngeren Migranten unterscheiden sich von ihren Eltern und Groß­eltern im Hinblick auf ihre soziale Interaktion sowie ihre ethnische Identität. Basierend auf empi­rischen Befunden lässt sich dieser Unterschied auch in Familien erkennen, die einen türkischen Migrationshintergrund haben und im Fokus dieser Arbeit stehen. Welche Akkulturationsstrategien werden von der zweiten und dritten Generation in den türkeistämmigen Familien verfolgt und in welchem Ausmaß wird der Kontakt zur Mehrheits- und zur Herkunftsgesellschaft angestrebt? Wie ist der Umgang mit der eigenen Kultur, Tradition und Religion und welche Auswirkungen haben diese Aspekte auf die familiäre Pflegeübernahme der dritten Generation? Auch in dieser Arbeit werden die ersten drei idealtypischen Akkulturationsstrategien nach John W. Berry für die Ver­gleichsanalyse der zwei aufeinanderfolgenden (zweite und dritte) Generationen berücksichtigt, er­gänzt um die von Olga Goldenberg gebildeten Kategorien der sprachlichen, kulturellen und reli­giösen Orientierungen als Grundlage. In der vorliegenden Arbeit wird zudem die explorative Ka­tegorie des 'familiären Pflegeverhaltens' entwickelt, um die formulierte Forschungsfrage adäquat zu beantworten. Die folgende Tabelle gibt einen Einblick in die Definition und die Ausprägungen dieser Kategorien und soll anschließend bei der Auswertung der Ergebnisse als Leitfaden dienen:

Tabelle 3: Zuordnung des deduktiv erstellen Kategoriensystems zu Orientierungsmustern

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Goldenberg, O. 2011; Nünning, A. 2009 ; religion-ethik.de o.J., Abrufdatum: 27. Juni 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3 Methodisches Vorgehen

3.1 Studiendesign

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird ein qualitatives Forschungsdesign ausgewählt, um in einem wissenschaftlich wenig untersuchten Feld Hypothesen aufzustellen und dadurch neue Er­kenntnisse zu gewinnen. Die fünf Postulate, stärkere Subjektbezogenheit, genaue und umfassende Beschreibung des Gegenstandsbereiches, beständige Interpretation der Forschungssubjekte, Un­tersuchung der Subjekte in ihrem natürlichen, alltäglichen Umfeld (nicht im Labor) und Generali­sierung der Ergebnisse als Verallgemeinerungsprozess sind das Grundgerüst des qualitativen Den­kens, worauf in dieser Arbeit ein besonderes Augenmerk gelegt wird (vgl. Mayring, P. 2002, S. 19-24). Der Fokus der Untersuchung liegt auf einer Einzelfallanalyse, um ein tieferes Verständnis in die individuellen Lebenswelten zu erhalten und jeweils die Interviewpartner mit ihrer Ganzheit­lichkeit, Komplexität und Realsituation in den Mittelpunkt zu stellen (vgl. ebd., S. 42 / Mayring, P. 2002, S. 41). Insgesamt wurden an beiden Standorten (Dinslaken und Gelsenkirchen) fünf leit­fadengestützte (halbstandardisierte) Interviews mit pflegenden Angehörigen der zweiten Genera­tion und vier mit der dritten Generation durchgeführt. Diese Interviewform ermöglicht den inter­viewten Personen einen Spielraum für Offenheit und Flexibilität, da es keine vorgegebenen Ant­wortkategorien gibt. Darüber hinaus wurden sechs Expertengespräche geführt. Alle Interviews wurden mithilfe eines Diktiergeräts aufgenommen. Die Fragen der jeweiligen Interviewleitfäden, welche dem Anhang 2 dieser Arbeit zu entnehmen sind, dienten als Sondierungsfragen. Sie wur­den in allen Interviews durch situationsbezogene Ad- hoc- Fragen ergänzt (vgl. Keser, G. 2019, S. 6). Ein dem Anhang beigefügter Interviewleitfaden wurde aufgrund zeitlicher Restriktion einer Interviewpartnerin um einige Fragen reduziert. Diese eliminierten Fragen umfassen in der Lang­version die erste, zweite, fünfte, den zweiten Teil der zehnten Frage sowie die elfte und zwölfte Frage. Im Vorgespräch wies die Interviewpartnerin darauf hin, dass einige Fragen durch wissen­schaftliche Literatur beantwortet werden können, so dass im Interview ihre Erfahrungen und Stu­dienergebnisse zum Thema im Fokus standen. Eine Frage mit Bezug auf die Versorgungsland­schaft der Standorte Gelsenkirchen und Dinslaken wurde eliminiert, da die Interviewpartnerin ih­ren Arbeitsmittelpunkt in Berlin hat. Hier handelt es sich um das Telefoninterview mit einer Hoch­schulprofessorin aus Berlin, die sich mit dem Themenfeld Demenz und Migration beschäftigt. Die Auswahl des Standorts Gelsenkirchen ist auf den hohen Anteil türkischer Migranten in dieser Stadt zurückzuführen. Insgesamt leben in dieser Stadt ca. 58.100 Ausländer (Bevölkerungszahl insge­samt ca. 264.300). Die größte Migrantengruppe bilden zum Zeitpunkt Juni 2020 die Türkeistäm­migen mit ca. 17.100 Personen (vgl. Stadt Gelsenkirchen 2020). Die Wahl von Dinslaken - 17 Lohberg liegt im hohen Anteil der damaligen Zuzüge türkischer Gastarbeiter in der Zeche begrün­det. Bei einer Bevölkerungszahl von ca. 6.000 Menschen in Lohberg in Dinslaken weisen heute ca. 40 % einen türkischen Migrationshintergrund auf (vgl. Herbst, L. 2017, S. 68).

3.2 Erhebungsverfahren

Die Erhebungsmethode ist das leitfadengestützte problemzentrierte Interview nach Andreas Wit- zel. Sie ist unter anderem durch die Zentrierung auf eine bestimmte Problemstellung gekennzeich­net (vgl. Mayring, P. 2002, S. 67). Als Grundlage für die Gestaltung der Interviewleitfäden diente die Studie von Reimer Gronemeyer et al. „Die fremde Seele ist ein dunkler Wald - Über den Umgang mit Demenz in Familien mit Migrationshintergrund“. Auf die Schwerpunkte dieser Stu­die wird in Kapitel 3.3 'Datenauswertung' eingegangen. Die Interviews sollten ausschließlich per­sönlich durchgeführt werden. Im Zuge der Corona- Pandemie konnten jedoch lediglich sieben In­terviews persönlich realisiert werden, die restlichen acht mussten am Telefon geführt werden. Die Rekrutierung der Experten erfolgte durch die in der Vergangenheit geknüpften beruflichen Kon­takte der Interviewerin. Bei zwei der Experten handelte es sich um die Geschäftsführungen kul­tursensibler ambulanter Pflegedienste in Gelsenkirchen und Dinslaken. Auch Mitarbeiterinnen dieser ambulanten Pflegedienste wurden befragt. Schließlich wurde eine Hochschulprofessorin aus Berlin interviewt. Die Kontakte zu den pflegenden Angehörigen wurden im privaten Bereich der Interviewerin (n=2) und zum Teil über die kultursensiblen Pflegedienste (n= 3) hergestellt. Der Zugang zu drei Interviewpartnern der dritten Generation (n= 4) erfolgte ebenfalls über die privaten Kontakte. Eine Interviewpartnerin konnte über den ambulanten Pflegedienst in Gelsen­kirchen gewonnen werden. Es sei besonders hervorgehoben, dass bei den Interviewpartnern je­weils eine Person aus der Gruppe der Experten, der pflegenden Angehörigen der zweiten und drit­ten Generation aus einer Familie stammen. So können verschiedene Perspektiven aus ein und der­selben Familie aufgezeigt werden.

Alle Interviewpartner weisen einen türkischen Migrationshintergrund auf. Die Durchführung der Interviews erfolgte im Zeitraum März bis Mai 2020. Die Interviewpartner werden im Vorgespräch gefragt, in welcher Sprache sie die Befragung durchführen möchten. Bis auf drei Interviewpartner (zwei pflegende Angehörige und eine Gesprächspartnerin der dritten Generation) wären alle in der Lage gewesen, die Fragen sowohl auf Türkisch als auch auf Deutsch zu beantworten. Somit wur­den die weiteren zwölf Interviews in deutscher Sprache durchgeführt. Sowohl bei einer Expertin wie auch bei einer pflegenden Angehörigen wurde die Durchführung der Interviews in zwei Spra­chen (türkisch und deutsch) realisiert und bei einer pflegenden Angehörigen dagegen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nur auf Türkisch. Diese wurden anschließend bei der Transkription ins Deutsche übersetzt. Zwölf Probanden waren weiblich, drei männlich. Der durchschnittliche Zeitumfang der Interviews betrug ca. eine Stunde, das kürzeste Interview dauerte ca. 27 min. (dritte Generation) und das längste ca. 80 min. (Experte). Die Gespräche fanden in einer offenen und freundlichen Atmosphäre statt.

3.3 Datenauswertung

Zur systematischen Bearbeitung und Auswertung des im Rahmen dieser Arbeit gewonnenen Ma­terials wurde die qualitativ strukturierte Inhaltsanalyse nach dem Konzept von Philipp Mayring angewendet. Diese Auswertungsmethode ermöglicht es, die Daten systematisch zu ordnen, zu ka­tegorisieren und schrittweise anhand des am Material entwickelten Kategoriensystems zu analy­sieren (vgl. Mayring, P. 2002, S. 114). Somit kann im Ergebnis eine Generalisierung realisiert werden, da unnötige Textstellen weggelassen und für das Untersuchungsergebnis relevante Text­stellen hervorgehoben werden.

Die Interviews wurden mit einem Diktiergerät aufgenommen. Anschließend wurden sie nach den von Udo Kuckartz aufgestellten Regeln transkribiert und in einer Word-Datei gesichert. Mithilfe der Computer Software MAXQDA wurden die wörtlich transkribierten Interviews mittels deduk­tiver Kategorienbildung, ergänzt um induktiv gebildete Kategorien aus dem Material der durchge­führten Interviews, nach Prinzipien der strukturierten qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Als Grundlage für die Kategorienbildung diente die Studie von Reimer Gronemeyer et al. (2017). In dieser Studie wurden Interviews mit pflegenden Angehörigen von dementiell Er­krankten verschiedener Migrantengruppen sowie mit Experten durchgeführt, um tiefere Einblicke in die Lebenswelten von pflegenden Angehörigen zu erhalten. Folgende Themenschwerpunkte standen im Zentrum der Untersuchung:

- Aktuelle Situation pflegender Angehöriger
- Kulturelle, traditionelle, religiöse und familiäre Rolle bei der Pflegeübernahme
- Wissen und Inanspruchnahme ambulanter und ggf. institutioneller Dienstleistungen (vgl. Gronemeyer, R. et al. 2017, S. 17). Diese Schwerpunkte werden in dieser Arbeit als Katego­rien bestimmt. Ausgehend von dieser Studie kann festgehalten werden, dass sich aufgrund verän­dernder struktureller Rahmenbedingungen mit jeder Generation ein Wandel hinsichtlich der Be­reitschaft der familiären Pflegeübernahme einstellt (vgl. ebd., S. 43 ff.). Um diesen Sachverhalt näher zu beleuchten, wurden weitere ergänzende Kategorien gebildet, die der folgenden Tabelle entnommen werden können:

Tabelle 4: Ergänzenden Kategorien

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Gronemeyer, R. et al. 2017, S. 43 ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.4 Datenschutz

Der Zugang sowohl zu den Experten wie auch zu zwei Personen der dritten Generation und zu einer pflegenden Angehörigen erfolgt zuerst durch eine telefonische Kontaktaufnahme. Mit den restlichen vier pflegenden Angehörigen und den weiteren zwei Personen der dritten Generation wurde über E- Mail und WhatsApp Kontakt aufgenommen. Zunächst wurden das Thema, die In­tention und die Vorgehensweise der Arbeit vorgestellt. Nach einer mündlichen Einwilligung der Partner wurde ein Folgetermin für das Interview vereinbart. Vor diesem Termin erhielten die Pro­banden den Interviewleitfaden und die Einverständniserklärung per E-Mail. In dieser Einverständ­niserklärung wurden die Teilnehmenden über das Thema und die Intention der Arbeit, über die Art und den Umfang der Erhebung und Auswertung, über die Freiwilligkeit der Teilnahme und 20 die Möglichkeit der Verweigerung bzw. des Widerrufs der Einwilligung bis zum Ende des Inter­views (keinerlei Nachteile) sowie über die Anonymisierung und sichere Aufbewahrung der erho­benen Daten informiert. Erst nach Eingang einer schriftlichen Einwilligung der Partner wurde das Interview durchgeführt und transkribiert. Die unterzeichneten Einverständniserklärungen wurden im privaten Schließfach aufbewahrt. Es wurde besonders darauf geachtet, dass die erhobenen per­sonen- und gesundheitsbezogenen Daten anonymisiert und pseudonymisiert werden, so dass Rückschlüsse auf die Identität der Probanden ausgeschlossen werden können. Auch die Tonband­aufnahmen wurden umgehend nach der wörtlichen Transkription gelöscht.

4 Ältere Menschen mit türkischem Migrationshintergrund und Demenz und pfle­gende Angehörige der zweiten Generation in Deutschland

4.1 Demenz

4.1.1 Begriffsdefinition und Stadien

Eine Demenz (lat.: „weg vom Geist, weg vom Verstand“) gehört zu den bedeutendsten neuro­psychiatrischen Krankheitsbildern im höheren Alter (vgl. Aichberger, M. C. 2013, S. 16). Sie ist der Oberbegriff für eine Reihe von mehr als fünfzig Krankheitsformen und beginnt grundsätzlich schleichend (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend o.J. / Alzheimer Forschung Initiative e.V. 2016, S. 13). Im Allgemeinen bezeichnet die Erkrankung eine Ver­schlechterung bis hin zum Verlust kognitiver Fähig- und Fertigkeiten, wie beispielsweise Gedächt­nis- und Merkfähigkeit, Auffassungs- und Urteilsvermögen, zeitliche und räumliche Orientierung sowie sprachliche Fähigkeiten (vgl. Landesinitiative Demenz Sachsen e.V. - Alzheimer Gesell­schaft 2020, S. 6). Mit zunehmendem Alter, in der Regel nach dem 65. Lebensjahr, steigt die Wahrscheinlichkeit an einer Demenz zu erkranken. Während die Prävalenzrate in der Altersgruppe zwischen 65 und 69 Jahren ca. 1 % beträgt, steigt sie in der Altersgruppe der über 90- Jährigen bis auf ca. 40 % (vgl. Grammes, J. / Kubiak, T. 2020, S. 106). Bei einer Demenz ist zu Beginn der Erkrankung das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Mit wachsender Schwere einer dementiellen Er­krankung nehmen die Gedächtnislücken immer mehr zu, sodass auch angeeignete Inhalte des Langzeitgedächtnisses verloren gehen (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2020). Dies wie­derum führt bei den Erkrankten zur Einschränkung einer selbstständigen Handlungsfähigkeit und Lebensführung, die ihre Lebensqualität langfristig negativ beeinflusst (vgl. Landesinitiative De­menz Sachsen e.V. - Alzheimer Gesellschaft 2020, S. 6). Aber nicht jede leichte kognitive Störung deutet auf eine Demenz hin. Wenn jedoch eine bestehende Vergesslichkeit zu einer enormen 21 Beeinträchtigung des Alltags führt und Zusammenhänge oder Abläufe nicht mehr rekonstruiert werden können, kann dies auf eine Demenz hindeuten (vgl. Alzheimer Forschung Initiative e.V. 2016, S. 9). Denn diese Anzeichen sind in der Regel untypisch für einen normalen Alterungspro­zess, weshalb ein Arzt für eine frühe Diagnose konsultiert werden sollte (vgl. Bell, V. / Troxel, D. 2007, S. 31). Die Demenzstadien werden anhand des Krankheitsverlaufes in insgesamt drei Schweregrade eingeteilt, die leichte-, mittlere und späte Phase. (vgl. Bundesministerium für Sozi­ales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz 2017). Tabelle 5 stellt diese drei Stadien dar:

Tabelle 5: Demenz- Stadien

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsu­mentenschutz 2017, Abrufdatum: 02. Juni 2020 / Alzheimer Forschung Initiative e.V. o.J., Abrufdatum: 01. Juni 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.1.2 Formen

Die Entstehung einer Demenz ist auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen, wobei prinzipiell zwischen einer primären und sekundären Demenz unterschieden wird, wie aus Tabelle 6 hervor­geht:

Tabelle 6: Unterscheidung zwischen primäre und sekundäre Form einer Demenz

(Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Landesinitiative Demenz Sachsen e.V. - Alzheimer Gesellschaft 2020, S. 7 ff. / Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein 2017, Abrufdatum: 01. Juni 2020 / Bun­desministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend o.J., Abrufdatum: 31. Mai 2020)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden wird eine Auswahl von auftretenden primären Demenzformen näher beleuchtet:

Alzheimer Demenz: Die Alzheimer Demenz ist die mit Abstand (ca. 60-70 %) häufigste Demenz­form. Die Betroffenen sind in der Regel 65 Jahre und älter. Somit ist das Alter der größte Risiko­faktor. Bei diesem Krankheitsbild sterben in einem langwierigen Prozess Nervenzellen und Ner­venzellverbindungen ab und eine typische Eiweißablagerung ist festzustellen (vgl. Bundesminis­terium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend o.J.; Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe Demenz o.J.). Weitere Anzeichen sind entsprechende und unterschiedlich stark ausgeprägte Störungen des Gedächtnisses- und der Orientierung, der Sprache, des Denk- und Ur­teilsvermögens und der Persönlichkeit (vgl. ebenda). Die genaue Ursache für Alzheimer ist immer noch ungeklärt und bislang ist keine Heilung bekannt (vgl. Alzheimer Forschung Initiative e.V. o. J.). Jedoch kann durch eine frühzeitige und richtige Therapie der Krankheitsprozess verzögert wer­den.

Vaskuläre Demenz: Diese Form stellt nach der Alzheimer- Demenz mit ca. 15% die zweihäufigste Demenzform dar. Infolge einer Durchblutungsstörung im Gehirn, die wiederum durch kleine Schlaganfälle und krankhafter Veränderungen der Gefäße verursacht wird, kommt es zum Abster­ben von Nervenzellen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend o.J.). Bei diesem Krankheitsbild stellen Herzrhythmusstörungen (6- bis 18- fach) und Bluthochdruck (4- bis 5- fach) die größten Risikofaktoren dar, gefolgt von Herzerkrankungen (2- bis 4-fach), Diabetes mellitus (2- bis 3- fach), Alkoholsucht (2- bis 3- fach), hohes Cholesterin (2- fach) sowie Übergewicht und Rauchen (jeweils 1- bis 2- fach) (vgl. ebenda). Die Symptome der vaskulären Demenz sind beispielsweise: Schwierigkeiten sowohl in der Sprache als auch in der Orientierung, Stimmungslabilität und Veränderungen der Persönlichkeit (vgl. Alzheimer Forschung Initiative e.V. o.J.). Der Verlauf einer vaskulären Demenz ist abhängig von der Häufigkeit und Schwere der jeweiligen Hirnschläge (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). Zu­sammenfassend lässt sich festhalten, dass die Anzeichen einer Alzheimer- und einer vaskulären Demenz zwar sehr ähnlich sind, bei der zuletzt genannten Form jedoch zusätzliche körperliche Störungen hinzukommen, wie zum Beispiel Taubheitsgefühle oder Lähmungserscheinungen (vgl. Kurz, A. o.J.)

Frontotemporale Demenz oder Pick- Krankheit (Morbus Pick): Bei dieser selteneren Form der Demenz (ca. 3 - 9 %) kommt es zum Absterben der Nervenzellen im Bereich der Stirn- und Schläfe. In der Regel tritt die frontotemporale Demenz bei Betroffenen im Durchschnitt zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr ein (vgl. Diehl- Schmid, J. o.J.). Hauptsymptome sind auffällige und unsoziale Verhaltensweisen wie zum Beispiel Teilnahmslosigkeit oder Enthemmung. Einige Be­troffene weisen auch eine Sprachstörung auf. Bei den Betroffenen liegen in der Anfangszeit jedoch keine kognitiven Beeinträchtigungen vor. Sie treten erst im fortschreitenden Krankheitsverlauf auf und sind wiederum nicht so stark ausgeprägt wie im Fall von Alzheimer (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend/ Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Selbsthilfe De­menz o.J.).

Lewy-Body-Demenz: Die Ursache für diese mit ca. 5 % seltenere Demenzform sind wie bei einer Alzheimer- Demenz abnorme Eiweißablagerungen im Gehirn. Auffällig bei dieser Form ist ihre Ähnlichkeit zur Alzheimer- und Parkinson- Krankheit, weswegen diese Formen in der Regel schwer voneinander zu unterscheiden sind (vgl. Alzheimer Schweiz o.J. / Kurz, A. o.J.). Die Be­troffenen leiden wie bei einer Alzheimer- Demenz zum Beispiel unter einer typischen kognitiven Beeinträchtigung, die bei der Lewy- Body- Demenz jedoch im täglichen oder wöchentlichen Ab­lauf schwanken (vgl. Alzheimer Forschung Initiative e.V. o.J.). Auch die Krankheitsanzeichen, wie eine instabile Körperhaltung mit einem einhergehenden Sturzrisiko, Muskelzittern und Mus­kelsteifheit etc., die für die Parkinson- Demenz charakteristisch sind, finden sich ebenfalls bei Betroffenen mit einer Lewy- Body- Demenz wieder (vgl. ebenda).

Parkinson - Krankheit, auch Morbus Parkinson (ca. 1,5 - 2 %): Die typischen Symptome einer Parkinson- Krankheit (auch Schüttellähmung genannt) umfassen unter anderen chronisch verlang­samte Bewegungen sowie eine gestörte Feinmotorik. Resultierend aus den bestehenden Bewe­gungsstörungen können die Erkrankten bewegungslos und starr erscheinen (vgl. Pantel, J. o.J.). Weitere Symptome sind Zittern (vor allem in Ruhe) sowie eine Muskelsteifigkeit der oberen und unteren Extremitäten. Die Patienten können neben einer körperlichen auch eine geistige Ein­schränkung aufweisen und sie haben ein erhöhtes Risiko, an einer Demenz zu erkranken (vgl. Makabe, T. / Waitz, M. 2019). Diese Krankheit kann verschiedene Ursachen haben und zum Bei­spiel durch Dopaminmangel im Gehirn oder durch andere neurologische Erkrankungen (zum Bei­spiel Lewy- Body- Demenz) ausgelöst werden (vgl. ebenda).

4.2 Dementiell Erkrankte mit türkischem Migrationshintergrund

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in Deutschland, der eine zunehmende Alte­rung der Bevölkerung zur Folge hat und eine große Herausforderung für das Gesundheits- und Sozialwesen darstellt, steigt der Anteil der pflegebedürftigen Personen kontinuierlich an (vgl. Se­ven, Ü. S. 2015, S. 58). Während im Jahr 2015 die Anzahl aller Pflegebedürftigen ca. 2,9 Millionen betrug, so war zum Jahresende 2017 eine Zunahme auf ca. 3,4 Millionen Pflegebedürftige festzu­halten (vgl. Destatis Statistisches Bundesamt 2018). Von diesen 3,4 Millionen pflegebedürftigen Personen haben ca. 8,2 % einen Migrationshintergrund, die wie die Mehrheitsgesellschaft der de­mografischen Alterung unterliegen (vgl. Tezcan- Güntekin, H. / Razum, O. 2015, S. 1564). Ihr Anteil nimmt überproportional zu und sie zählen zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungs­gruppe in Deutschland (vgl. Volkert, M. / Risch, R. 2017, S. 8). Die verschiedenen Migrantengruppen sind mit Blick auf ihre Religiosität, ihren Bildungsstand, ihre Migrationsge­schichte und ihr Wertesystem sehr heterogen (vgl. Thiel, A. 2013, S. 48). Einen differenzierten Einblick in die Heterogenität verschiedener Migrantengruppen bietet beispielsweise die Sinus­Studie über Migranten- Milieus in Deutschland7 (vgl. Kaiser, C. 2009, S. 35). Bei Menschen mit Migrationshintergrund tritt die Pflegebedürftigkeit in der Regel ca. zehn Jahre früher ein als bei der autochthonen Bevölkerung. Diese Gruppe weist zudem grundsätzlich höhere Pflegestufen auf. Während die Pflegebedürftigen mit einer Zuwanderungsbiografie im Jahr 2010 mit einem Anteil von ca. 15 % Pflegestufe 3 zugeteilt waren, umfasst dieser Anteil bei Pflegebedürftigen ohne Zu­wanderungsbiografie nur ca. 9 % (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2012, S. 3). Mig­ranten leiden häufiger an Diabetes mellitus (Typ 2), Adipositas sowie psychischen Störungen (zum Beispiel depressive Verstimmung) als die autochthone Bevölkerung (vgl. Schenk, L. 2020, S. 18). Im Hinblick auf die beantragten Pflegeleistungen bei der Pflegeversicherung wurde im Raum Westfalen- Lippe eine Vergleichsanalyse zwischen türkeistämmigen und nicht türkeistämmigen Menschen für den Zeitraum 2001 bis 2005 durchgeführt. In dieser Analyse wird festgehalten, dass türkeistämmige Pflegebedürftige zu 91 % Geldleistungen beantragt haben, während dieser Anteil bei der zweitgenannten Personengruppe 42 % beträgt (vgl. Tezcan- Güntekin, H. / Breckenkamp, J. 2017, S. 18). Die vollstationäre Pflege dagegen wird von nur 2 % in Anspruch genommen (bei nicht türkeistämmigen Pflegebedürftigen: 29 %). Die türkeistämmige Gastarbeitergeneration be­vorzugt die häusliche Pflege durch Angehörige.

[...]


1 Das Statistische Bundesamt definiert den Begriff wie folgt: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“ (Destatis Statistisches Bundesamt o. J.).

2 Der Gesetzgeber definiert eine Pflegebedürftigkeit nach § - 14 SGB XI wie folgt: „[...] sind Personen, die gesund­heitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedürfen. Es muss sich um Personen handeln, die körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchti­gungen oder gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbstständig kompensieren oder bewältigen können. Die Pflegebedürftigkeit muss auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, und mit mindestens der in § 15 festgelegten Schwere bestehen“ (SGB XI 2019).

3 Auf die inhaltlichen Schwerpunkte dieser Studie von Herr Grönemeyer, welche als Grundlage bei der Erstellung der Interviewleitfäden verwendet wurde, wird im Kapitel 3.3 näher eingegangen.

4 Nach dem Robert Koch Institut wird die gesundheitsbezogene Lebensqualität definiert als „[...], ein multidimensi­onales „Konstrukt“ aus physischen, psychischen und sozialen Dimensionen und schließt deutlich mehr ein als ledig­lich Aussagen zum individuellen Gesundheitszustand. Wesentliche Orientierung ist hierbei die subjektive Wahrneh­mung durch den Probanden“ (Robert Koch Institut 2011).

5 Kultursensible Angebote sollen sprachliche, kulturelle und traditionelle Bedürfnisse berücksichtigen.

6 „Die Akkulturation von Individuen und Gruppen setzt ein, wenn Menschen Orte verlassen, eine neue kulturelle Umwelt aufsuchen, ihr begegnen und sich mit dieser neuen Welt auf der Grundlage ihrer Herkunft und den Heraus­forderungen der neuen Umwelt auseinandersetzen“ (Zick, A. 2010, S. 19).

7 Bei der Sinus- Studie erfolgt eine detaillierte Betrachtung von insgesamt acht Migranten- Milieus nach sozialer Schicht und Grundorientierung.

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Bereitschaft zur Übernahme der Pflege dementiell Erkrankter in Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund
Untertitel
Ein Vergleich der zweiten und dritten Generation
Hochschule
Universität Witten/Herdecke
Note
1,5
Autor
Jahr
2020
Seiten
119
Katalognummer
V950845
ISBN (eBook)
9783346291660
ISBN (Buch)
9783346291677
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationshintergrund und Bereitschaft zur Pflegeübernahme, Vergleich zweiter und dritter Generation in türkeistämmigen Familien, Demenz und Migration, Kultursensibilität
Arbeit zitieren
Gamze Keser (Autor), 2020, Bereitschaft zur Übernahme der Pflege dementiell Erkrankter in Familien mit einem türkischen Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950845

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