Internationalisierung von Produktion und nationale Arbeiterorganisationen - Veränderung und Aussicht sozialer Konsequenzen unter der Einbindung Marxscher Theorien.


Seminararbeit, 1996

34 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inszenierung oder Realität
2.1 Die Entwicklungen in der Produktion
2.2 Die Kontroverse

3. Die Organisation der Gewerkschaften
3.1 Die gewerkschaftliche Politik
3.2 Standpunkte zur Internationalisierung

4. Die Einbindung Marxscher Theorien
4.1 Der Arbeitsprozeß
4.2 Der Akkumulationsprozeß
4.3 Der tendenzielle Fall der Profitrate

5. Schluß

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll anschließen an die vorherrschenden Diskussionen über die zunehmende Internationalisierung der Wirtschaft, wobei der Schwerpunkt in einer Untersuchung der veränderten Bedingungen von Arbeitnehmerinteressen liegen soll.

Waren in der Vergangenheit die weltumspannenden Möglichkeiten eine Pleonexie der Finanzwelt, so vollzieht sich diese Tendenz immer mehr innerhalb der Produktions- und Arbeitsorganisation. Durch die Innovationen der Halbleitertechnik und mit der darauf aufbauenden Kommunikation durch Datenfernübertragung, konnte mit Beginn der achtziger Jahre in der Warenherstellung eine schrittweise Trennung von Entwurf, Verwaltung und Produktion im globalem Maße organisiert werden. Arbeitsqualtiäten- und -quantitäten können so teilweise billiger ersetzt oder reproduziert werden. Standardisierte Routinearbeiten und dienstleistende Intelligenz verlieren in großen Bereichen ihre rein nationale Zuordnung, weil nicht mehr nur fertige Endprodukte zwischen den nationalen Barrieren hin- und hergeschoben werden, sondern insbesondere deren Komponenten. Zudem gewinnt der interne Austausch von Informationen, Teilfertigungen, Daten jeder Art zwischen den transnationalen Firmen an sich an Bedeutung, da diese mittlerweile (ihre Zahl beträgt ca. 40.000) zwei Drittel des Welthandels bestreiten.

Es sollte deshalb die Vermutung nahe liegen, daß diese neuen Formen der produktionellen und technologischen Entwicklungen auf jeden Fall andere nationalpolitisch gewerkschaftliche Bedingungen hervorrufen. Unterliegen betriebliche Strukturen innerhalb der Warenproduktion den neuen Bedingungen, bringen diese in Ihrer letzten Konsequenz auch eine Veränderung der traditionellen Arbeiterorganisation (in dieser Arbeit Gewerkschaften im speziellen) mit sich. Wenn dies so ist und nicht nur dispositive Arbeit im Rahmen von Weltwirtschaft flexibilisiert werden kann, muß dies bedeuten, daß sich die individuelle Klassenorganisation und der Organisationsgrad von Arbeitnehmern verändern wird. Die Auflösung traditioneller Industriebereiche und die Stagnation innerhalb der Massenproduktion in der Bundesrepublik Deutschland sind eine zusätzliche gewerkschaftliche Herausforderung zur sogenannten 3. Revolution der Wirtschaft (Elektronische Datenverarbeitung und ihre Folgen).

Es stellt sich in diesem Themenkreis heraus, daß eher eine große Kontroverse um die politischen und sozialen Auswirkungen auf den Nationalstaat mit all seinen Institutionen im Vordergrund steht, als die rein ökonomische Interpretation eines Aufstieges internationalistischer Firmen. Da die Internationalisierung von Produktion mit ihren Auswirkungen in manchen sozialwissenschaftlichen Bereichen als populäre Inzenierung gilt, wird in dieser Arbeit mit einer Bestandsaufnahme zur globalwirtschaftlichen Situation begonnen.

Darauf aufbauend und zum zentralen Themenschwerpunkt kommend, soll untersucht werden, ob dieser vorgegebene Pfad der Entwicklungen ein Element neuer Gewerkschaftspolitik sein muß, oder ob diese Verhältnisse die traditionellen Gewerkschaftsfunktionen ihrer gesellschaftlichen Wirkung berauben. In Frage steht somit, werden die herkömmlichen Handlungsmuster und Antwortenkataloge der Gewerkschaften durch diese Problematik sinnlos und die Gewerkschaften damit zu volkswirtschaftlichen Beifahrern, oder sind diese mit einer aktuellen gewerkschaftspolitischen Korrektur zu regulieren. In Bezug darauf wird auf die Selbstdarstellung der Gewerkschaften und auf Aufsätze gewerkschaftlich gesinnter Autoren eingegangen.

Im letzten Kapitel werden in Anlehnung an das Seminar Teilbereiche aus der Marxschen Lehre erarbeitet, um der im Seminar gestellten Frage nachzugehen, ob wirklich nur der Charme seiner Arbeiten blieb oder ob denen von Marx angeführten inhärenten Wirkungen des Kapitalismus nicht doch ein Anteil an der momentanen Krise zugebilligt werden kann. Dabei sollen jedoch nicht Beweise einer 'Theorie-Empirie'-Bestätigung erklärt werden, getragen durch Daten oder Zeitreihenuntersuchungen kapitaltheoretischer Art, sondern es soll zu einer kritischen Auseinandersetzung theoretischer Erklärungsansätze angeregt und beitragen werden. Wenn nämlich Analogien nachgezeichnet werden können, sollten diese zu einer sehr viel ausgedehnteren und umfassenderen Untersuchung anleiten. Die Kapitel sind wegen ihrer besonderen Stellung innerhalb der Marxschen Lehre und wegen der logisch-systematischen Schwerpunkte in Beziehung zu dem genannten Themenkreis ausgewählt worden.

2. Inszenierung oder Realität

2.1 Die Entwicklungen in der Produktion

Um den sozialwissenschaftlichen Charakter der Arbeit nicht zu strapazieren, wird auf eine Beweisführung von Globalität innerhalb der Finanzwelt in diesem Kapitel verzichtet. In der heutigen Zeit dürfte eine Anzweiflung der Renditejagd mit Lichtgeschwindigkeit (H.P. Martin/H. Schumann) wohl auch hinfällig sein. In diesem Kapitel soll auf die Entwicklungen der Arbeits- und Warenproduktion seit Beginn der achtziger Jahre eingegangen werden. Dabei soll aber nicht rein statistisches Datenmaterial verwertet werden, sondern die neuzeitlichen Veränderungen gegenüber der alten Massenproduktion im groben aufgezeigt werden.

Noch vor Jahrzehnten besaßen die meisten Erzeugnisse, wie ihre Unternehmen, eine nationale Zuordnung. Auch wenn Hilfsmittel oder Rohstoffe aus anderen Ländern kamen, wurde in einer zentralisierten Fabrik ein national genau zu definierendes Produkt gefertigt. Bekannt waren amerikanische Wagen, Maschinen aus Deutschland, Kleidung aus Italien, elektronische Kleinstprodukte aus Japan, etc.

Die Konsequenzen der Handelsfreiheit legen heute andere Fakten zutage als man sie bisher kannte. "Seit vier Jahrzehnten wächst der weltweite Austausch von Gütern und Dienstleistungen schneller als die Produktion. Seit 1985 übersteigt das Wachstum des Handelsvolumens die Zunahme der Wirtschaftsleistung sogar um das Doppelte. 1995 wurde bereits ein Fünftel aller Güter und Dienstleistungen, die weltweit statistisch erfaßt werden, grenzüberschreitend gehandelt." Fast 40.000 Unternehmen sind heute transnationale Konzerne, die über ein weltweites Netz von Tochtergesellschaften, Beteiligungsverhältnissen oder Schwesterfirmen verfügen, wie zum Beispiel der Maschinenhersteller ABB (Asea Brown Boveri), der mit 1.000 Tochtergesellschaften in über 40 Ländern vertreten ist.

In einer Veröffentlichung der australischen Zeitung Workers News wird in einem Artikel zu diesem Thema folgendes festgestellt: "General Motors Holden, for example, was the Australian branch of an international or multinational corporation. But it functioned as a national producer. It produced what used to be called in the advertising blurbs "Australia´s own car", just as in Germany it produced the Opel. Products were by and large manufactured and finished within a single national economy, with the labour for their production derived from within that country. That is no longer the case." Weiter wird ausgeführt, wie auch General Motors seit mehreren Jahren als international agierendes Unternehmen alle Teilbereiche der Produktion standardisiert hat, d.h. Konstruktion, Teilfertigung, Design, Marketing und Zusammenbau werden international koordiniert und nicht mehr einem "Headquarter" überlassen.

Die Arbeitsorganisation der Firma General Motors hat sich genauso wie die der Firma Ford mit ihrem Weltauto Mondeo den neuen Marktmöglichkeiten angepaßt. Überhaupt sind die Automobilkonzerne in Allianzen, Joint-Ventures und Fusionen mit an der Spitze der Entwicklung. So kaufte der Volkswagen Konzern den osteuropäischen Marktführer Škoda und den spanischen Seat Konzern, BMW übernahm Rover, Ford übernimmt die Leitung von Mazda und Chrysler läßt sich Kleinwagen von Mitsubishi bauen. Gleichzeitig baute VW mit Ford ein gemeinsames Werk für Großraumlimousinen in der Nähe von Lissabon: der unter gemeinsamer Regie hergestellte Wagen heißt bei Ford Galaxy und bei VW Sharan. Der "japanische" Wagen Nissan Bluebird wird zu achtzig Prozent in Europa hergestellt und der "amerikanische" Wagen Ford Probe wurde schon vor der Management-Übernahme in der Mazda-Fabrik in Flat Rock (Michigan) zusammengebaut.

Wie schon in der Einleitung erwähnt, muß man herausstellen, daß als markantes Merkmal der internationalen wirtschaftlichen Entwicklung nicht der Handel mit Fertigprodukten extrem zugenommen hat, sondern der Austausch von Dienstleistungen und Materialkomponenten, die am billigsten Standort produziert werden, um zu einem Produkt zusammen geführt zu werden. Wenn ein Amerikaner einen Pontiac Le Mans von General Motors kauft, weiß er nicht, daß er der Finanzier eines Fahrzeuges ist, daß Montagearbeiten, hochtechnologische Komponenten, Konstruktion und Styling, Marketing und elektronische Kleinteile aus acht verschiedenen Staaten vereinigt.

Mit ziemlicher Gewißheit konnte man diese Tatsachen bis vor kurzer Zeit noch im Bereich der "Low-Tech-Jobs" ansiedeln, d.h. im Bereich an- oder ungelernter Arbeit der Elektroindustrie, Spielzeugherstellung und Kleinteilfertigung. Jedoch hat sich auch dort das Verhältnis stark verschoben. Bereits 1988 gab es weltweit 17.000 international geleaste Telefonstandleitungen. Diese transportierten "[...] Konstruktionsentwürfe, Videobilder und Daten zwischen Problem-Lösern, Identifizierern und Mittelsmännern, die auf verschiedenen Kontinenten zusammenarbeiten, in Sekundenschnelle hin und her." Diese Know-How- Partnerschaften sind eine wichtige Schnittstelle der momentanen Entwicklung. Wie die Rechtsform der Beteiligung oder Übernahme und Fusion auch sein mag, diese Frage ist nur nominell. Der gravierende Unterschied zu den Zuständen früher Zeiten ist der, daß es keinen nationalen Champion mehr gibt, d.h. die beginnenden Formen der internationalen Kommunikation und die materielle Wertezusammenführung kennen keine geographischen Bindungen.

Besonders im Banken- und Softwarebereich vollzog sich diese Entwicklung in den letzten Jahren rasant. Indiens Regierung stellte großen Interessenten in Bangaloor eine voll erschlossene Sonderzone mit Großraumlaboren und Infrastruktur bis hin zur Satellitenverbindung kostenfrei zur Verfügung. 120.000 indische Informatiker erledigen heutzutage Software-Lösungen für Texas Instruments, Toshiba, Microsoft, Siemens, Motorola, Compaq und neuerdings auch für die Mercedes Benz Forschungsabteilung. Die Angestellten dieser Firmen sprechen hervorragend Englisch und sind gut ausgebildet. Die Lohnkosten betragen dabei aber nur ein Drittel von denen europäischer Angestellter oder wie Hannes Krummer, der Sprecher von Swissair, es ausdrückte (Swissair läßt im Nachtrhythmus ihre gesamte Buchungssoftware in Indien aktualisieren): "Für den Preis eines Schweizers können wir drei Inder einstellen."

Die Firma Compaq Computers, die heute zu einer der marktführenden Firmen im PC-Bereicht gehört (diese Firma wurde 1983 gegründet und verzeichnete acht Jahre später bereits einen Umsatz von 3 Milliarden Dollar), verdankt ihren Aufstieg nur der Zusammenführung von Einzelkomponenten. Selbst besitzt diese Firma gar keine Produktion. Die Firma Seagate Technology in Kalifornien, marktführend im Bereich der Festplattenlaufwerke, hatte 1990 40.000 Beschäftigte, 27.000 davon in Südostasien. Die Firma Sun Microsystems (entwickelte das Java-Script Programm; marktführend im Internet Bereich) hat weltweit 16.000 Angestellte und wurde in den neunziger Jahren gegründet.

Der Datentransfer hat für die Unternehmen unglaubliche Ressourcen hinsichtlich der Ausnutzung von international abrufbarer dispositiver Arbeit eröffnet. General Motors kauft zum Beispiel die Hälfte der Konstruktions- und Designdienste bei über 800 verschiedenen Firmen ein und läßt diese via Datenautobahn in ihr Hauptquartier in Detroit senden. Aber auch in der Arbeit am Fließband sind diese Auswirkungen zu spüren. Siemens hat seine Chipherstellung Mitte der neunziger Jahre gänzlich in den asiatischen Raum verlegt. In Malaysia arbeiten für Siemens ca. 600 Frauen für 3 Dollar am Tag, und dies ist auch in Malaysia ein Hungerlohn, da es den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn darstellt. Die Frauen werden zu Dreijahresverträgen verpflichtet und müssen bei ihrer Unterbringung in einer Schlafkanserne ihren Personalausweis an den örtlichen Siemens-Chef abgeben, damit sie Ihren Arbeitsplatz nicht einfach verlassen können.

Der Sportschuhhersteller Nike hat gar keine eigene Fertigung mehr und läßt von über 120.000 Arbeitern im gesamten indonesischen Raum fertigen, für einen Tagelohn von unter 3 Dollar.

Insgesamt hat sich der Gesamtumsatz industrieller Auslandsgesellschaften deutscher Unternehmen zwischen 1980 und 1993 fast verdreifacht: von 172 Milliarden auf 440 Milliarden DM. Die 1,7 Millionen Arbeitnehmer die dort beschäftigt sind, entsprechen fast einem Drittel der Industriebeschäftigten in Deutschland.

Solche Beispiele ließen sich endlos weiterführen und die Zitierung der genannten Quellen wäre wohl eher müßig. Die Auflistung zeigt, daß es einen bis Heute immer noch nicht abgeschlossenen Prozeß gibt, der in vielen Bereichen eine Frage nach einem "innerhalb" und "außerhalb" des Unternehmens nicht mehr zuläßt, sondern nur nach den verschiedenen Entfernungen vom unternehmerischen Mittelpunkt fragt.

2.2 Die Kontroverse

"Die Geschichte ist richtig. Aber sie stimmt nicht. Es ist zuwenig Angst darin." Das Zitat des berühmten Schriftstellers Raymond Chandler erinnert unwillkürlich an die momentanen Debatten zur Globalisierungsthematik. Bezüglich der vermutlichen Einflüsse der genannten Entwicklungen, trifft man in der Politik, Ökonomie und anderen Wissenschaftsbereichen auf weit auseinandergehende Meinungen. Denn was ist der Kern der Auseinandersetzung um publizistische Überhöhung oder reale Entwicklung? Die Antwort kommt dabei eher aus der Frage, was ist, wenn es gänzlich stimmt. Denn dann müßte man bei Bejahung der Frage (unter den Bedingungen einer national-orientierten Politik) polemisch sagen, der Kapitalist hat den Klassenkampf neu beschworen und ist Sieger nach Punkten. Bei der Unterstellung einer völlig neuen Beweglichkeit von produktioneller Standortoptimierung unterliegt man einem Dekret, daß wirtschafts- und sozialpolitische Handlungsspielräume, im Arbeiter/Angestellteninteresse, kaum zuläßt und unter den beigehaltenen Formen keine politischen Alternativen bieten würde.

So ist z.B. Ulrich Dolata, Wirtschaftswissenschaftler aus Bremen, der Meinung: "Gegen die verbreitete Vorstellung, die Unternehmen könnten heutzutage ihre Forschung und Produktion in großem Umfang über Nacht in jeden beliebigen Winkel der Welt verlagern und mit Abwanderungsdrohungen der Politik und Gesellschaft ihre Bedingungen diktieren, spricht erstens, daß die Internationalisierung ein langfristiger, sich eher stetig entwickelnder als dramatisch beschleunigender Prozeß ist, der sich zweitens, nicht nur aus deutscher Sicht, nach wie vor auf die Länder der jeweiligen Region konzentriert." Er führt an, daß ein schlagkräftiger Beweis dafür die Tatsache ist, daß lediglich 6 % der industriellen Auslandsproduktionen in sogenannten Niedriglohnländern stattfindet. Zudem sind die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen eher "intraeuropäisch" als "transatlantisch". 54 % aller Direktinvestitionen erfolgen innerhalb Europas, gefolgt von 28 % in Nordamerika. Tatsächlich stimmen diese Ausführungen, wenn er behauptet, daß die meisten Investitionen bis jetzt noch nicht in die Dritt-Welt-Länder gingen. Den der Platitüde folgend die Lohnkosten sind nur ausschlaggebend für die Investitions- und Standortwahl eines Unternehmens, könnte man davon ausgehen, daß die Bundesrepublik bereits kein potentieller Industriestandort mehr sei und der produktionelle Arbeitsbereich in Deutschland Geschichte wäre. Mehrere Faktoren wie Marktnähe, Infrastruktur, Bildungsniveau der Arbeiter, gesetzlich-nationale Eigenarten, Transferkosten der Produkte, Marktkenntnisse, etc., spielen bei der Standortwahl eine wichtige Rolle. Obendrein kommen noch zwei weitere Fragen für die Rentabilität von Direktinvestitionen zum tragen, nämlich erstens, in welchem Land sind die ins Ausland abfließenden Erträge zu versteuern und zweitens, wird eine zusätzliche Quellensteuer auf ins Ausland abfließende Erträge umgangen?

Die wichtigsten Ziele deutscher Unternehmen sind Großbritannien, Spanien und die USA, so der Ökonom Michael Wortmann vom Berliner Forschungsinstitut für Außenwirtschaft. Der Grund liegt für ihn im folgenden: die Unternehmen treffen auf gut ausgebildete Kräfte, die zudem teilweise einen Bruchteil deutscher Arbeitnehmer kosten (z. B. liegt bei 20 % aller amerikanischen Arbeitnehmer der Jahresverdienst unter der Armutsgrenze von 10.062 $), im innereuropäischen Raum spielt die Marktnähe eine besondere Rolle, gleichzeitig haben die anderen Nachbarländer Bedingungen geschaffen, bei dem es kaum mehr notwendig wird, in den fernen asiatischen Raum zu gehen, es sei denn, er ist auch strategischer Verkaufspunkt.

Eine Ausnahme bilden dabei aber die Produzierung von Massenwaren, die keine oder nur eine angelernte Ausbildung benötigen und dabei die Lohnkosten übermäßig ins Gewicht der Herstellung fallen lassen.

So schreibt der Spiegel in einer Ausgabe vom 21.4.97: "Großbritannien hat sich zum Lieblingsland ausländischer Investoren entwickelt. Fast ein Drittel aller Gelder, die ausländische Unternehmen in der EU investieren, werden mittlerweile auf der britischen Insel angelegt. 129 Milliarden Dollar waren es zwischen 1990 und 1995, sechsmal mehr als in Deutschland. [...] Kein anderes europäisches Land baute so rigoros Sozialstandards ab, senkte Löhne, entmachtete die Gewerkschaften.[...] Kein Gesetz verpflichtet Unternehmer mehr Mindestlöhne zu zahlen, Kündigungsfristen schrumpften auf wenige Tage, bis vor einem Jahr war nicht einmal die Wochenarbeitszeit beschränkt. Jeder dritte Brite muß auch nachts arbeiten, fast jeder zweite ist auch am Wochenende im Betrieb." Gleiche Bedingungen gelten für die USA, in denen die Bruttolöhne für fast drei Viertel der arbeitenden Bevölkerung um 19% auf nur noch 258,00 Dollar oder umgerechnet 380,00 DM die Woche gefallen sind.

Innerhalb der Thematik wird von einem Großteil von Wissenschaftlern und Redakteuren davon ausgegangen, daß das Schlagwort Globalisierung immer wieder strapaziert werde, nicht weil der Industriestandort Deutschland konkurrenzunfähig sei, sondern weil dies Erpressungsmittel für die derzeitig gewünschte Politik sei. So schreibt Karl-Georg Zinn in den Gewerkschaftlichen Monatsheften: "Globalisierung ist hingegen zu einem Angstwort aufgebaut worden und dient als ideologische Keule, um die arbeitende Bevölkerung zu disziplinieren und die auf die zivilgesellschaftliche Sozialstaatskultur angewiesenen Menschen zum stummen Verzichten zu motivieren." Der Grundtenor dieses Artikels liegt darin, daß die Globalisierungsdebatte ein hervorgerufenes Symptom politisch gewollter Diskussionen ist und nicht auf einer verstärkten und objektiven Intensivierung internationalisierter, produktioneller Wirtschaftabläufe basiert. Wie er schreibt, handelt es sich nicht um qualitative Veränderungen, sondern um einen sogenannten "Wahrnehmungswandel".

Diese faktische Wahrnehmung erfolge in der Art, daß den Leuten bewußt werde, daß Wirtschaft zwar einer verschärften Konkurrenz ausgesetzt sei, aber dies sei die Folge von nationaler Wirtschaftsabschwächung und nicht von Globalisierung was wiederum zu der Thematik führt. Diese Schlußfolgerung erscheint einem jedoch wie die Frage "Was war zuerst da," Die Gesamtauseinandersetzung kann gar nicht Ursache isolierter Erscheinungen von Politik oder von Wirtschaft sein, sondern läßt sich nur aus den gesamten nationalen wie internationalen ökonomischen Bedingungen der letzten Jahrzehnte deuten. Die Begrifflichkeit zu deduzieren auf einen mentalen Akt, heißt den wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Inhalten jede Form von neuer Qualität abzusprechen.

Geht man also so vor und behauptet die Globalisierung von Wirtschaft (und hier insbesondere der produktionellen) gäbe es gar nicht. Es gibt also keine allgemeine Tendenz zu "wohlfeileren" Produktionsmethoden, die an einem Punkt stark zentrifugale Kräfte zum Wirken bringen oder wenn doch, sehr gemäßigt und kontrolliert. Wohlstand und Beschäftigung stehen also in sehr geringem Verhältnis zum Jenseits des Nationalstaates und die Verwirklichung von Arbeits- und Sozialpolitik ist immer noch ein kontrolliert-regelbares Politisches des Inneren. Wenn Globalisierung nur die besondere Form des durch politische Fehlerhaftigkeit verursachten Zustandes ist, bedeutet das im Endeffekt, daß die Lösung der Frage nicht systemimmanent, sondern politikimmanent ist (Politik in der Auffassung von berechnenden, zielgerichteten Handlungen und Verhalten von Personen zur Gestaltung öffentlichen Lebens). Anders gesagt, Kapitalismus ist regulierbar und braucht kein "Manchesterkapitalismus" zu sein und stellt das Wirtschaftssystem nur im bestehenden Moment in Frage und kann demnach regulativ zu einer humaneren Welt gebracht werden. Sprich keine systematische Entwicklung, sondern eine menschliche Handlungsweise ist die Ursache der Misere.

Diese Auffassung vertretet auch Prof. Dr. Michael Schneider, der in der bereits erwähnten Ausgabe der Gewerkschaftlichen Monatshefte 3/97 schreibt: "Doch handelt es sich hierbei keineswegs um ein 'Naturgesetz', wie die marktradikalen Ideologen der Globalisierung behaupten, sondern um ein von Menschen gemachtes Gesetz. Die Globalisierung wurde vorbereitet und begleitet vom Aufstieg einer wirtschafts-politischen Heilslehre, die in ihrer Dogmatik, Unbelehrbarkeit und Indolenz durchaus mit dem Fundamentalismus religiöser Sekten und Glaubenslehren vergleichbar ist und die eine Heerschar von Wirtschaftsberatern fortwährend in die Politik trägt: die des Neoliberalismus und des Monetarismus." Die Lehre des Monetarismus besagt im wesentlichen: Der Markt ist gut und staatliche Eingriffe sind schlecht. Der Umkehrschluß seiner Äußerungen sollte demnach bedeuten: Der Markt braucht staatliche Regelungen.

Dieser Auffassung ist ebenfalls der Wirtschaftspublizist Claus Noé. In DIE ZEIT schreibt er: "Anders gesagt: Nicht die nackte Herrschaft der Märkte führt zur freien Gesellschaft, sondern der freiheitliche Staat muß auch die Märkte so weit beherrschen, daß die Gesellschaft frei und gerecht bleibt. Marktwirtschaft wird zum Kapitalismus pur, wenn der Wettbewerb nicht immer wieder mit sozialer Kooperation austariert wird. Das kann der Einzelne nicht, dazu braucht man den Staat." Und weiter: "Die Politik muß verhindern, daß die europäische Zivilgesellschaft zu einer Art EU-Kapitalgesellschaft, die Kulturnation zur Aktiengesellschaft degeneriert und die globalen Produktionsbedingungen der staatenlosen Marktkräfte die gesellschaftlichen Bedingungen in Europa bestimmen."

Welche Motive werden damit offenbart, wenn so vehement nach dem Staat als Regulator gerufen wird, obwohl die Konstitution des Staates, wie sie einmal vollzogen worden ist, längst ihre historische Grundlegung verloren hat? Nämlich nicht nur politische Funktion einer bestimmten Form der Territorialnation zu sein, sondern auch im Kontext gesetzt wurde mit einer bestimmten Phase der nationalen technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Es erscheint wie eine klassische Meinung seit Adam Smith, daß dem Eigennutz zu Gunsten des Gemeinwohls Grenzen gesetzt werden sollten: behuf des Staates. Der Nationalstaat mit seiner Politik setzte zwar in klassischer Tradition die Bedingungen der Märkte um, aber nicht der Staat allein war der Garant nationaler Sozialkompromisse, sondern insbesondere das Kräfteverhältnis und Arrangement sozialer Schichten, wo der Staat zwar immer intervenieren konnte, jedoch nie wirklich die Kommandeursmütze aufhatte.

Den wer kann es abstreiten, daß augenscheinlich seit dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten das Verhältnis der Sozialpartnerschaft eine extreme Kehrtwende widerfahren hat. Händeringend sucht man nach Lösungsansätzen zur Wiederherstellung des alten Konsens, denn Programm und Praxis der Ein-System-Welt beginnen den Schleier der Verelendungstheorie zu durchlöchern. Zur Zeit des Kalten Krieges wurde dieser vehement bestritten und das Erzübel, nämlich die Verteilungswirkung des Kapitalismus, verläßt heutzutage die erträglichen Grenzen.

3. Die Organisation der Gewerkschaften

3.1 Die gewerkschaftliche Politik

"Sie [Die Arbeiterklasse im tägl. Kampf um Verbesserung des Lohnstandards/ Anm. d. Verf.] sollte nicht vergessen, daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen; daß sie zwar die Abwärtsbewegungen verlangsamt, nicht aber ihre Richtung ändert; daß sie Palliativmittel anwendet, die das Übel nicht kurieren. Sie sollte daher nicht ausschließlich in diesem unvermeidlichem Kleinkrieg aufgehen, der aus den nie enden wollenden Gewalttaten des Kapitals oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich hervorgeht. Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind." Diese mahnende Empfehlung gab Karl Marx 1865 in einem Vortrag vor dem Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation, der das Thema "Lohn, Preis und Profit" behandelte.

Obwohl die Gewerkschaftsbewegung sich nie als strikt revolutionäres Organ konstituiert hat und mit der sozialdemokratischen Transformation Schritt hielt (Die Bewegung ist alles - das Endziel nichts/Bernstein), schrieb man noch im Münchner Programm von 1949 (Gründungskonferenz des DGB) eine sozialistische Wirtschaft und industrielle Verstaatlichung auf die eigene Fahne. Dort hieß es beim 3. Punkt der Grundsatzforderungen: "Überführung der Schlüsselindustrien in Gemeineigentum, insbesondere des Bergbaus, der Eisen- und Stahlindustrie, der Großchemie, der Energiewirtschaft, der wichtigsten Verkehrseinrichtungen und der Kreditindustrie."

Im Jahr 1963 wurde diese Forderung gestrichen.

Diese Frage der Tagesinteressen und des Fernziels wurde 1963 völlig bereinigt. Die wirtschaftspolitischen Grundsätze enthielten ab dann keine konkreten und in sich geschlossenen Vorstellungen der Wirtschaftsordnung mehr. Gemeineigentum an Schlüsselindustrien wurde in der von den Gewerkschaften angestrebten Wirtschaftspolitik nur das letzte Mittel in einem langen Katalog von Kontrollmaßnahmen. Schon auf dem 6. Gewerkschaftstag der IG Bau-Steine-Erden 1963 erklärte Georg Leber, daß die Konzeption eines 'Ordnungsfaktors', die Rolle des Sozialpartners, von Staat und Arbeitgebern anerkannt wird und die Wirtschafts- und Sozialordnung von den Gewerkschaften als vorgegeben bejaht wird. Die Durchsetzung von aktuellen Bedürfnissen sicherte den Gewerkschaften Erfolge und mit der allgemeinen Prosperität der fünfziger und sechziger Jahre dachte man diese Losungen der Tagespolitik bis auf ewig durchführen zu können.

Man reduzierte die gewerkschaftliche Arbeit auf sogenannte konzertierte Aktionen. Die Aktionsprogramme waren im wesentlichen eine Fortschreibung von schon 1965 erhobenen Forderungen:

1. Kürzere Arbeitszeit und längerer Urlaub
2. Höhere Löhne und Gehälter
3. Gerechtere Vermögensverteilung
4. Verbesserung der Steuer- und Finanzpolitik, etc.

Diese Sozialpartnerschaft sollte zwar nicht alle sozialgegensätzlichen Positionen negieren, aber die "sachliche" Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Partner, sollte im Sinne des ü bergeordneten Gemeininteresses gelöst werden. Mit der frühen Übereinkunft, die Lohnrate an die produktionelle und seit neuestem sogar an die betriebliche wirtschaftliche Entwicklung zu koppeln, ist das Szenario eigentlich perfekt, nämlich "[...] Juniorpartner ihrer jeweiligen Volkswirtschaften, nationalen Branchenkapitale oder Ihrer heimischen transnationalen Firmen zu werden. In diesem Sinne haben wir es heute vielfach mit zwischengewerkschaftlicher Konkurrenz um Standorte, Produktion und Beschäftigung statt mit internationaler Solidarität zu tun."

In den vergangenen Jahren wurden die Resultate der Lohnkämpfe eher als eine Art Automatismus von den Mitgliedern aufgefaßt, der erzeugt wird durch eine sich immer fortschreitende technologische Gesellschaft, die sich um ihres Selbstwillens arrangiert, als die Erfolge einer Kampforganisation. Um so ernüchternder ist die Registrierung, daß diese Mechanismen unter den beibehaltenen Methoden nicht mehr greifen: Die 15 DGB- Gewerkschaften verloren auch 1996 3,7 % oder 348.000 Mitglieder. Damit 2,8 Millionen weniger als noch 1990. Die gesellschaftlichen Resultate der Verbesserung von Arbeitswelt, des Kampfes um eine Steigerung der Lohnrate, der Hebung und des Ausbaus sozialer Standards sind auf jeden Fall ein Verdienst der Gewerkschaften, aber nicht ohne die gesamtgeschichtlichen Begleiterscheinungen der Nachkriegsjahre zu verstehen: die ideologischen Zwänge und ökonomischen Zusgeständnisse aus dem Vorhandensein eines anderen Systems, der rasante Anstieg der wirtschaftlichen Entwicklung, die öffentliche Aufforderung durch Geschichte und Tradition als Gegenmacht im Kapitalismus zu agieren und die Anerkennung einer Notwendigkeit zur Konsensfindung im gesellschaftlichen Gesamtinteresse. Aber gerade diese Faktoren und ihre jeweilige Doppelrolle einer kapitalistischen Widerstandskraft verlieren ihre Basis. Die Restrukturierungsprozesse in der Wirtschaft stellen die Gewerkschaften vor neue Aufgaben, die neuer inhaltlicher Antworten bedürfen, denn der "Weg in die Dienstleistungsgesellschaft ist keineswegs ein Weg aus dem Kapitalismus, wohl aber ein Weg aus der Dominanz der Beschäftigung im industriellen Sektor mit seinen besonderen Formen der körperlichen Arbeit und des Produzentenstolzes, an denen sich gewerkschaftliche Politikformen noch zu eng festmachen."

Die Ausbreitung von Automatisierung und Computer ließen zwar die Pro-Kopf- Produktion um das drei- bis vierfache ansteigen, aber "zum ersten Mal in der westeuropäischen Wirtschaftsgeschichte stieg dann auch während des langen Konjunkturzyklus von 1983 bis 1990 die Arbeitslosigkeit im Aufschwung an und konnte seither nicht mehr abgebaut werden."

3.2 Standpunkte zur Internationalisierung

Leider gibt es keine geschlossene Veröffentlichung des DGB oder einer Einzelgewerkschaft, die explizit diese gesamte Thematik beinhaltet. Jedoch wird aus dem aktuellem Grundsatzprogramm und einigen Veröffentlichungen zum Standort Deutschland die Position deutlich: Diskursartige Konsensfindung und staatliche Regulierung im nationalen und internationalen Maßstab.

Im Grundsatzprogramm vom November 1996 akzeptiert der DGB die Strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft. Da heißt es unter Punkt 2 Wandel der Arbeit: "Zunehmend läßt sich Wertschöpfung losgelöst von herkömmlichen Arbeitsstätten realisieren. In Datennetzen operierende Unternehmen begünstigen die Verlagerung von Arbeit und eine weitere Globalisierung der Arbeitsmärkte. Ohne rechtzeitige Gestaltung ist absehbar, daß dieser technische wie kulturelle Veränderungsprozeß das Normalarbeitsverhältnis in Frage stellt, den sozialen Charakter der Arbeit aufzulösen droht und den beschäftigungspolitischen Problemdruck verschärft."

Unter dem Punkt 5 Markt und Staat, Mitbestimmung und Gestaltung werden die Inhalte der gewerkschaftlichen Antwort auf diese neuen Problemstellungen beantwortet: "Betriebswirtschaftliche Rationalität und gesamtwirtschaftliche Vernunft, Markt und Staat und gesellschaftliche Regulation dürfen deshalb in Zukunftsentwürfen keine unüberwindbaren Gegensätze sein. Die sozial regulierte Marktwirtschaft bedeutet gegenüber einem ungebändigten Kapitalismus einen großen Fortschritt. Die soziale Marktwirtschaft hat einen hohen materiellen Wohlstand bewirkt."

Das hat sie durchaus, aber man muß korrekterweise nachtragen, auch Sie hat Massenarbeitslosigkeit, Verschwendung von Ressourcen und soziale Gleichheit nicht hergestellt, wie an anderer Stelle vom DGB auch eingeschoben wird.

Weiterhin heißt es unter Punkt 6 Für eine gerechte Weltwirtschaftsordnung: "Wie im nationalen Bereich der Markt reguliert werden muß, so ist dies auch für die internationalen Marktbeziehungen unabdingbar. [...] Keine Volkswirtschaft kann es sich auf Dauer leisten, ihre Grenzen für Produkte aus Ländern zu öffnen, die sich ihre Wettbewerbsvorteile durch Umwelt- und Sozialdumping verschaffen."

Als Rahmenbedingungen für die Durchsetzung reformistischer Ziele innerhalb des Kapitalismus sehen die Gewerkschaften die effizientere Nutzung von Organisations-, Produktions- und Dienstleistungskonzepten. Dadurch soll durch Erhaltung des Ausbildungsniveaus und des Ausbaus technologischer Märkte neue Beschäftigungsfelder entstehen.

Die reformistischen Hauptausrichtungen haben sich inhaltlich nicht weiter geändert, wie sie auch in vorherigen Kapiteln schon benannt wurden.

Ähnlich wie der DGB formuliert Dr. Josef Hilbert vom Institut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen den neu zu erwartenden Maßnahmenkatalog innerhalb des Gewerkschaftsbereiches. In einer Ringvorlesung mit dem Thema "Gewerkschaften in der Diskussion: Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft" vertritt er zentral folgende Punkte:

- nicht nur die Frage nach dem Preis eines Produktes ist entscheidend, sondern auch die Art der intelligenten Problemlösungen (Stichwort: Innovation)
- die Eigenorganisation der Betriebe und des betrieblichen Managements muß den High-Tech-Bedingungen angepaßt werden, Gewerkschaften sollen daran Anteil haben
- es muß sich darauf eingestellt werden, daß traditionelle Schwerpunkte der Tarifpolitik, wie z.B. die Lohnpolitik, an Spielraum verlieren
- die Förderung von Zukunftsbranchen darf nicht als das Zurückfahren alter Branchen verstanden werden
- ein 'Euro-Brain-Trust', zusammengesetzt aus Politikern, Gewerkschaftlern,

Wissenschaftlern und führenden Leuten der Wirtschaft, soll angedacht werden, um realistische Ziele und Perspektiven für eine neue Industriestrategie zu entwickeln.

Die Hauptargumentationslinie der Gewerkschaften ist jedoch die Widerlegung der Lohnkostendebatte. Wie in mehreren Artikel, so auch in einer eigens dazu herausgebrachten Publikation des DGB, wird auf das Gutachten des Ifo-Institutes vom Mai 1996 eingegangen (der Auftrag dazu kam vom Bundesministerium für Wirtschaft), um die irreführende Argumentation der Arbeitgeberseite vom "Hochlohnland Deutschland" zu widerlegen.

Vom Ifo-Institut wurden die Lohnstückkosten als Basiskriterium für einen internationalen Vergleichsmaßstab herangezogen. Lohnstückkosten sind die Kosten, die reell anfallen je Erwerbstätigem, bezogen auf seine Arbeitsproduktivität. Damit keine Verzehrungen auftreten konnten, z.B. durch Wechselkurse, hat man die Bewertung der Lohnstückkosten durch Einheitswerte der jeweiligen Landeswährung vorgenommen. In Kürze zusammengefaßt liest man als Ergebnis daraus wie folgt: "Die Daten (Tabelle 2) zeigen, daß westdeutsche reale Lohnstückkosten im internationalen Vergleich weder übermäßig hoch sind, noch daß sie seit 1980 stark gestiegen sind. [...] Das durchschnittliche Realeinkommen je Arbeitnehmer - die zweite Komponente der Lohnstückkosten - ist nirgendwo schwächer gestiegen als in Deutschland [...] Die Daten bestätigen die These von den maß vollen deutschen Gewerkschaften und belegen, daß hohe Stundenlöhne bei kurzen effektiven Arbeitszeiten durch die Produktivität gerechtfertigt sind. [...] Klagen über zu hohe Arbeitskosten sind demnach nur in eingeschränktem Maße berechtigt und zu einem großen Teil interessenpolitisch motiviert." Bis auf den letzten Satz muß man schon zweimal lesen um zu glauben, daß dies eine gewerkschaftliche Eigenpublikation ist.

Die These vom Hochlohnland bestätigt sich also nicht in einem Vergleich der G 5 Staaten (Japan, USA, UK, Deutschland, Frankreich), die den gegebenen Untersuchungshorizont bildeten. Es wird aber weiter darauf eingegangen, welches die Motivationen der Unternehmen sind, um im Ausland tätig zu werden. Die drei wichtigsten Kriterien waren nach einer Befragung deutscher Unternehmen die Punkte Markterschließung, Marktsicherung und Marktwachstum. An vierter Stelle kamen die Lohnkosten. "Die Ergebnisse der Befragung lassen erkennen, daß Unternehmen im Ausland Direktinvestitionen vornehmen, weil sie die Märkte der Empfängerländer für ergiebig halten. [...]

An der Spitze der Motivskala steht also der Absatz von Waren oder Dienstleistungen im Ausland. Das heißt offenbar auch, daß durch Exporte nur eine unzureichende Markterschließung gelingen kann."

Daß dies die Beweggründe für Aktivitäten im Ausland sind, kann nicht verwundern und wird modernen (wie alten) Handlungsstrategien gerecht. Im Kostenblock jedoch, und das ist eine Prämisse, die herausgestellt werden sollte, stehen die Lohnkosten an erster Stelle.

4. Die Einbindung Marxscher Theorien

4.1 Der Arbeitsprozeß

In den folgenden Kapiteln sollen die grundlegenden Ausführungen marxscher Konzeptionen der Wertbildung und des Arbeitsprozeßes erarbeitet werden. Die Preisbildung der Ware und der Charakter des kapitalistischen Austauschprozeßes werden hier nur kurz behandelt, finden aber soweit eindeutige Darlegung. Die Bewertungen der marxschen Ausführungen hinsichtlich des Arbeitskontextes werden in den folgenden Kapiteln beschränkt. Diese werden im letzten Kapitel abschließend durchgeführt. Unabhängig davon, welche Arbeitsmittel verwendet werden, um Gebrauchswerte herzustellen, ist Arbeit ein Prozeß zwischen Mensch und Natur. Diese Tatsache ist vom gesellschaftlichen Entwicklungsstand der Fertigung unabhängig. Im Arbeitsprozeß wird durch zweckmäßige menschliche Tätigkeit ein Arbeitsprodukt verändert; indem auf die Herstellung von Gebrauchswerten gezielt wird. Jedoch widerfährt dem Gebrauchswert im Kapitalismus nur ein Produzieren, wenn er Träger eines Tauschwertes ist. Denn nicht die Produktion von Gebrauchswerten ist das Motiv der kapitalistischen Produktion, sondern das von Tauschwerten. Um den produktionellen Arbeitsprozeß zu organisieren, kauft der Kapitalist die Arbeitskraft wie alle anderen Elemente (Hilfsmittel, Rohstoffe, Anlagen, etc.) ein, um sie zu kombinieren. Das bestimmte Verhältnis, worin diese Waren in der Gesellschaft ausgetauscht werden, bestimmt ihren Wert, oder, in Geld ausgedrückt, ihren Preis. Wie jede Ware überhaupt, wird auch die Arbeitskraft zu einer ihres Wertes angemessen Summe vom Kapitalisten gekauft.

Der Preis des Arbeitslohnes ist die Summe einer bestimmten Ware, der Arbeitskraft. Die Produktionskosten der Arbeitskraft sind "die Kosten, die erheischt werden, um den Arbeiter als Arbeiter zu erhalten und um ihn zum Arbeiter auszubilden." Die Produktionskosten der Arbeitskraft umschließen also nach Marx, je nach kulturellem und gesellschaftlichem Stand, die Existenz- und Fortpflanzungskosten des Arbeiters. Die Preise dieser Existenzmittel sind die Basis (oder das Minimum) der Bildung des Arbeitslohnes. Für Marx ergibt sich der wertbildende Charakter von Waren im Gegensatz zur allgemein-bürgerlichen Ökonomie (fixe Kosten + variable Kosten + undefinierter Gewinnaufschlag) einzig aus dem wesentlichen Bestandteil: "Nur der Äquivalenzausdruck verschiedenartiger Waren bringt den spezifischen Charakter der wertbildenden Arbeit zum Vorschein, indem er die in den verschiedenartigen Waren steckenden, verschiedenartigen Arbeiten tatsächlich auf ihr Gemeinsames reduziert, auf menschliche Arbeit überhaupt." Dies bedeutet, daß alle Waren ihren Wertcharakter dadurch erhalten, daß sie bestimmte Masse "festgeronnener, gesellschaftlich- durchschnittlicher Arbeitszeit" sind. Grundsätzlich gilt "[...], daß der Wert jeder Ware bestimmt ist durch das Quantum der in ihrem Gebrauchswert materialisierten Arbeit, durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit."

Marx stellt im ersten Kapitel des Kapitals (Ware und Geld) heraus, daß aus Tauschverfahren von Äquivalenten keine Mehrsumme entspringen kann und die Werte von Waren nur dadurch austauschbar sind, da sie Ausdruck eines wenn auch unterscheidbaren Gleichen sind, nämlich der in Ihr vergegenständlichen Arbeitskraft. Daraus ergibt sich, daß sich unter der Aneignung von gesellschaftlich durchschnittlicher Arbeitskraft - ein Kunststück vollzieht. Die herauszustellende Eigentümlichkeit der Arbeitskraft besteht darin etwas besonderes zu sein, nämlich Quelle von Wert zu sein; und nicht nur von Wert, sondern im Besonderen von Mehrwert. Woher entspringt nun dieser?

Der Geldbesitzer, der die Arbeitskraft kauft, ist in dem seligen Zustand, die Ware für einen ganzen Arbeitstag anzueignen. "Der Umstand, daß die tägliche Erhaltung der Arbeitskraft nur einen halben Arbeitstag kostet, obgleich die Arbeitskraft einen ganzen Tag wirken, arbeiten kann, daß der Wert, den ihr Gebrauch während eines Tags schafft, doppelt so groß ist als ihr eigner Tageswert, ist ein besonderes Glück für den Käufer, aber durchaus kein Unrecht gegen den Verkäufer."

Marx unterteilt die Exploitation des Mehrwertes in absoluten und relativen Mehrwert. Unter dem absolutem Mehrwert versteht Marx die Verlängerung des Arbeitstages und unter dem relativem Mehrwert die Verbesserung der Produktion. Der erste Abschnitt des Arbeitsprozeßes, in dem der Arbeiter den durch neu geschaffenen Wert das vorgeschossene variable Kapital ersetzt, ist der Anteil der notwendigen Arbeitszeit (Wertbildungsprozeß). Der zweite Abschnitt, in der der Arbeiter über diese Ersetzung hinausarbeitet, wird als Surplusarbeit benannt, sprich Mehrarbeit (Verwertungsprozeß).

Um die Wirkungen des kapitalistischen Produktionsprozesses klarer darzustellen, geht Marx immer von den gesellschaftlich-durchschnittlichen Spezifika aus. Wenn er also von Arbeit, Arbeitskraft oder Arbeitszeit, Produktionsbedingungen, etc. spricht, so meint er immer die gesellschaftlichen Durchschnitte die für die Herstellung einer Ware benötigt werden. Auch, daß die Durchschnittsumme der vom Arbeiter benötigten Lebensmittel das Arbeitsquantum von 6 Stunden oder ein halber Arbeitstag sind, wird unterstellt. Diese Filter ermöglichen überhaupt erst die Vorgänge begreiflich zu machen, denn im speziellen Einzelfalle können die Verhältnisse ganz anders aussehen. Die Sezierung der unterschiedlichen betrieblichen Eigentümlichkeiten des Kapitalismus wäre ein nicht zu schaffendes Unterfangen. Wichtig ist aber, daß nur die gesellschaftlich durchschnittliche Arbeitszeit wertbildend ist. Ob Kanonenrohrbauer, Architekt oder Schmied, der Mehrwert kommt nur aus einem quantitativen Überschuß der Mehrarbeit. Gilt die Arbeit, als höhere, kompliziertere Arbeit gegenüber der gesellschaftlichen Durchschnittsarbeit, ist dies die Äußerung einer Arbeitskraft, worin höhere Bildungskosten eingehen, deren Produktion mehr Arbeitszeit kostet. Diese hat daher einen höheren Wert als die einfache Arbeitskraft.

"Die zweite Periode des Arbeitsprozesses, die der Arbeiter über die Grenzen der notwendigen Arbeit hinaus schanzt, kostet ihm zwar Arbeit, Verausgabung von Arbeitskraft, bildet aber keinen Wert für ihn. Sie bildet Mehrwert, der den Kapitalisten anlacht. Diesen Teil des Arbeitstags nenne ich Surplusarbeitszeit, und die in Ihr verausgabte Arbeit: Mehrarbeit (surplus labor).So entscheidend es für die Erkenntnis des Wertes überhaupt, ihn als bloße Gerinnung von Arbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Arbeit, so entschieden ist es für die Erkenntnis des Mehrwerts, ihn als bloße Gerinnung von Surplusarbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Mehrarbeit zu begreifen."

Es ist daher eine Gesetzmäßigkeit, daß die Masse des produzierten Werts und Mehrwertes sich erhöht, je größer die Masse der in Bewegung gesetzten Arbeit ist. Um diese Ausstoßmasse zu erhöhen, muß er jedoch unter den gleichbleibenden Bedingungen die Anzahl der Arbeiter vermehren oder den Arbeitstag verlängern. Die Erhöhung der Mehrwertproduktion wird jedoch begrenzt durch die arbeitsfähige Bevölkerungsanzahl die beschäftigt werden könnte. Darum ist der Kapitalist enorm angestrengt, keine Minute Arbeit verstreichen zu lassen und die Zeit des Arbeitstages auszudehnen.

Der Kampf der Gewerkschaften für eine Verringerung der Arbeitsstunden ist somit, unter gleichbleibenden technologischen Bedingungen, einer der Dolchstöße gegen die Kapitalistenklasse. Denn die notwendige Arbeitszeit kann immer nur einen geringfügigeren Anteil am Arbeitstag bilden, um die Mehrarbeit im proportionalem Verhältnis nicht auf ein Minderes fallen zu lassen. Der Arbeitstag kann sich somit nie auf ein Minimum verkürzen. Deshalb sind in Tagen eines Sinken der Mehrarbeit auch die kleinen Pausen, sei es nur Toilettengang, "Mausereien von Minuten" und damit die kleinen Diebstähle am Kapital. Marx weist aber auch darauf hin, daß die Verlängerung des Arbeitstages wie jeder andere Mehreinsatz den Menschen verschleißt und damit Zugunsten der Reproduktion eine minimale Tendenz des Kapitalisten zu einem Normalarbeitstag besteht. Der Mensch benötigt wie jeder andere Bestandteil der kapitalistischen Produktion Erholung, um sich selbst wieder Reproduzieren zu können. Dies durchdacht, könnte man meinen, Marx unterstelle dem Fabrikanten eine "Tendenz der Einsicht zur Schonung". Oder anders gesagt, die Verkürzung des Arbeitstages ist ein Kampf, aber ein bis zu bestimmten Grenzen (besonders hinsichtlich produktioneller Verbesserung) hinnehmbares Übel für das Kapital und somit ein minder schmerzendes Entgegenkommen. Der Kampf für Arbeitszeitverkürzung neben seinem sozialem Gehalt, wäre ja dann ebenfalls ein Mischverhältnis aus kapitalistischer rationaler Erkenntnis über Verschleißkosten der Arbeiterschaft und die Schwierigkeiten neuerlicher Bereitstellung, sowie der Kampf um Reduzierung der Lohnrate. Wie die Geschichte der Arbeiterbewegung aber bezeugen kann, ist das Kapital eher Rücksichtslos gegen die Gesundheit des Arbeiters, wenn es nicht durch gesellschaftliche Aktion dazu gezwungen wird. Daher bleibt die Erkämpfung des Normalarbeitstages ein hauptsächliches Resultat des fortwährenden Kampfes zwischen Kapital und Arbeiter.

Im Kapitel über den relativen Mehrwert und die Erhöhung der Exploationsrate schreibt Marx folgend: "Bei gegebener Länge des Arbeitstages muß die Verlängerung der Mehrarbeit aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit entspringen, nicht umgekehrt die Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit aus der Verlängerung der Mehrarbeit." Dies wird erreicht durch eine Erhöhung der Produktivkraft, so daß die aufgewendete Zeit für die benötigten Lebensmittel dadurch verkürzt wird. Damit aber das Quantum Mehrarbeit, also die Zeit die der Arbeiter über die Reproduktion seiner Subsistenzmittel arbeitet, trotz fallen der Arbeitszeit eine Zunahme verspricht, muß noch etwas anderes eintreten. "Es muß daher eine Revolution in den Produktionsbedingungen seiner Arbeit eintreten, d.h. in seiner Produktionsweise und daher im Arbeitsprozeß selbst. Unter Erhöhung der Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleineres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt, ein größeres Quantum Gebrauchswert zu produzieren."

In einer Zeit der Fabrikation von Maschinen durch Maschinen erscheint einem diese Weise nicht fremd. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsmethoden hat sich wohl temporär nie so häufig selbst umgeschlagen wie in der momentanen Zeit. Mit all diesen Erneuerungen hat der Kapitalist jedoch nicht die Verkürzung der notwendigen Arbeit im Sinn, sondern die Reduzierung dieser soll den Anteil der Mehrarbeit erhöhen. Für den Einzelkapitalisten ergibt sich aus diesem Vorgang, daß er den Anteil der Arbeitszeit an seinem Produkt reduziert. "Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h., er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit." Er kann somit sein Produkt über seinem individuellem Wert verkaufen. Die Reduzierung der anteiligen Arbeitszeit stellt ihn jedoch vor die Situation, daß sich seine Ausbringungsmenge erhöht (nehmen wir an, sich verdoppelt), deshalb bedarf er eines doppelten Absatzes oder eines zweifach so großen Marktes. Diesem Dilemma zu entgehen, sieht der einzelne Unternehmer sich somit gezwungen, die Waren über ihren individuellen aber unter ihrem gesellschaftlichen Wert zu verkaufen. Sobald aber die neuen Produktionsbedingungen Verallgemeinerung widerfahren, verliert der Kapitalist nach Marx den Extramehrwert. "Dasselbe Gesetz der Wertbestimmung durch die Arbeitszeit, das dem Kapitalisten mit der neuen Methode in der Form fühlbar wird, daß er seine Ware unter ihrem gesellschaftlichen Wert verkaufen muß, treibt seine Mitbewerber als Zwangsgesetz der Konkurrenz zur Einführung der neuen Produktionsweise."

Diese ökonomischen Zwänge bedeuten aber, daß der Anteil der Arbeitskraft immer mehr abnimmt und sich dann das Gesetz durchsetzt, daß der neue Mehrwert nicht aus den freigesetzten Arbeitskräften entspringt, sondern aus denjenigen, die er an den neuen Maschinen arbeiten läßt.

4.2 Der Akkumulationsprozeß

"Um zu akkumulieren, muß man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber, ohne Wunder zu tun, kann man nur solche Dinge in Kapital verwandeln, die im Arbeitsprozeß verwendbar sind, d.h. Produktionsmittel, und des ferneren Dinge, von denen der Arbeiter sich erhalten kann, d.h. Lebensmittel. Folglich muß ein Teil der jährlichen Mehrarbeit verwandt worden sein zur Herstellung zusätzlicher Produktions- und Lebensmittel, im Überschuß über das Quantum, das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderlich war. Mit einem Wort: der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält." Diese Feststellung unterscheidet den Kapitalisten vom Schatzbildner. Das Credo des Kapitalismus ist nämlich nicht einfach Gewinn, sondern Rentabilität, d.h. immer wiederkehrender Ertrag. Die Reproduzierbarkeit der Einkunft, unter der Einbeziehung von Lohnarbeitern, ist die neue Stufenleiter in der Ausbeutung und auch deren historische Rechtfertigung. Würde die Beschäftigung des 'abhängig Beschäftigten' nur auf die Einbringung von notwendiger Arbeit und auf den Anteil verkonsumierender Mehrarbeit durch den Kapitalisten hinauslaufen, würde sich das Geschäft auf eine Nullsumme belaufen und der kapitalistische Akt bedürfte keiner Mühe. Kapitalistische Akkumulation würde nicht stattfinden und die ganze Tat wäre einfache Reproduktion. Nur die Kontinuität und der Nichtverzehr eines anteiligen Mehrwertes erklimmt die Stufen akkumulierten Kapitals.

"Das Verhältnis des Austausches zwischen Kapitalist und Arbeiter wird also nur ein dem Zirkulationsprozeß angehöriger Schein, bloße Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystifiziert. Der beständige Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ist die Form. Der Inhalt ist, daß der Kapitalist einen Teil der bereits vergegenständlichten Arbeit, die er sich unaufhörlich ohne Äquivalent aneignet, stets wieder gegen größeres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt." Die Akkumulationsbedürfnisse des Kapitals gleichen einer Spirale. Durch Veränderung der Märkte, technologisch neuen Ressourcen, Entwicklung neuer Bedürfnisse u.s.w. wird nach einem immer größerem Heer von Arbeitern verlangt. Jedoch entsteht dadurch keine Kompensation aller Arbeitskräfte. Die verbesserte Produktion erlebt in dem Sinne keine Arbeitskräftekompensation, da die durch eine Rationalisierung erheischte Verbesserung der Fertigung (bei gleichem Quantum der Warenherstellung), die Arbeitszunahme in einem Ungleichgewicht zur Arbeitsabnahme sinken läßt. Würden die durch technologische Veränderung hervorgerufenen Arbeitsfelder die freigesetzte Arbeit ersetzen, dann hätte der Kapitalismus ein Hauptproblem gelöst: die Arbeitslosigkeit. Die Deutung der 20:80 Gesellschaft würde somit überhaupt nicht aufkommen.

Dennoch führt die kapitalistische Akkumulation zur Vermehrung der Arbeiterschicht. Denn dieser Prozeß kann sich mehr oder weniger rasch ausdehnen und die Nachfrage nach Arbeitskraft den Nachschub überflügeln, denn "Akkumulation des Kapitals ist also Vermehrung des Proletariats."

Tritt dieser Fall ein und die Nachfrage nach Arbeitskraft besteht im höherem Maße, aber nur beschränktem Angebot, kann dies volkswirtschaftlich gesehen eine Steigerung der Löhne zur Folge haben. Da aber die Mehrwertrate und die Akkumulationstendenz ihren Ursprung aus der Verwertung der Arbeitskraft bezeugen, kann der Anstieg der Löhne nur bis zu diesem Punkt reichen, bis zu dem das eigene System nicht gefährdet ist. Der fortwährende Wiederverkauf der Arbeitskraft und eine zu erzielende Revenue aus dem Arbeitsprozeß muß für den Kapitalisten immer gewährleistet sein. Ist dem nicht so, gibt es nach Marx zwei Möglichkeiten: erstens, daß die Erhöhung nicht stört, da der Akkumulationsprozeß nicht gehindert wird, weil "[...] Ein großes Kapital wächst selbst bei kleinerem Profit im allgemeinem rascher als ein kleines Kapital bei großem Profit."

Oder die Akkumulation nimmt ab, da die Proportion zwischen Kapital und ausgebeuteter Arbeitskraft auf ein verschwindendes Niveau sinkt. "Der Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses beseitigt also selbst die Hindernisse, die er vorübergehend schafft. Der Arbeitspreis fällt wieder auf ein den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals entsprechendes Niveau, [...]."

Die Bewegungen der Akkumulationstendenzen bestimmen somit auch die Skalierung der Arbeitslöhne. Marx belegt damit, daß der Kapitalismus einen inharenten Selbstreinigungsprozeß besitzt, der dem System nie wirklich gefährlich werden kann. Wie in dem Abschnitt über den Arbeitsprozeß schon erwähnt, unterliegt der Kapitalist einem ökonomischen Zwangsgesetz, um die technologisch-maschinelle Zusammensetzung seines Kapitals immer weiter zu verbessern. Er versucht mit diesen Kompositionen, die Produktivkraft der Arbeit effektiver zu gestalten und damit die Reproduktion von Mehrwert zu erhöhen. Um im Wechselspiel mit seinen Konkurrenten mithalten zu können, wird dies ein zyklischer Prozeß, der einen Anteil des gewonnenen Kapitals immer wieder in den Produktionsprozeß einfließen läßt. "Jede Akkumulation wird das Mittel neuer Akkumulation. Sie erweitert mit der vermehrten Masse des als Kapital funktionierenden Reichtums seine Konzentration in den Händen individueller Kapitalisten, daher die Grundlage der Produktion auf großer Stufenleiter und der spezifischen kapitalistischen Produktionsmethoden." Aber nicht nur dieses Nachtgespenst des Kapitalismus geht dabei um, sondern in dem Maße wie sich Produktion, Akkumulation und Konzentration umherlaufen, folgt auch die Entwicklung der Zentralisation.

Dabei braucht eine individuelle Zentralisation überhaupt nicht unterstellt sein, sondern kann durchaus auch durch Zusammenziehung von kleineren Einzelkapitalien entstehen (z.B. Kreditanstalten, Investmentfonds, etc.). Durch Inanspruchnahme von Krediten und Attraktion von Kapitalmassen wird den agierenden Unternehmen ermöglicht, immer neue Stufenleitern einer verbesserten Produktion zu erklimmen. "Und während die Zentralisation so die Wirkungen der Akkumulation steigert und beschleunigt, erweitert und beschleunigt sie gleichzeitig die Umwälzungen in der technischen Zusammensetzung des Kapitals, die dessen konstanten Teil vermehren auf Kosten seines variablen Teils und damit die relative Nachfrage nach Arbeit vermindern."

Die Umwälzungen finden dabei so rasch statt, das eine beständige 'Reservearmee' von Arbeitern vor den Toren der Fabriken wartet. "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralische Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf der Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital reproduziert. [...] Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus: Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation."

Was könnte am Ende des 20. Jahrhundert aktueller klingen als diese beschriebenen Ausschreitungen? 358 Milliardäre auf der Welt sind zusammengenommen genau so reich wie fast die Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich 2,5 Milliarden Menschen. Von den anderen Ausprägungen ganz zu schweigen.

4.3 Der tendenzielle Fall der Profitrate

Dieses Kapitel steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem vorhergegangenem. Wie oben beschrieben worden ist, war es ein Inhalt der Akkumulationstendenz, eine relative Abnahme des variablen Kapitals gegenüber dem Gesamtkapital hervorzurufen. Es hat sich gezeigt, daß die fortwährende produktionelle Verbesserung zu der Tatsache führt, daß immer weniger Arbeiter immer mehr Roh- und Hilfsstoffe in Bewegung setzen. Nun ist dies unter dem Zwangsgesetz der Konkurrenz kein Einzelphänomen, sondern durch Verallgemeinerung der Produktionsmethoden kennzeichnend für die gesellschaftliche Gesamtproduktion. In der kaufmännischen Berechnung hat dies laut Marx folgende Wirkung: "Diese [spezifisch kapitalistische Produktionsmethode/d.Verf.] erzeugt mit der fortschreitenden relativen Abnahme des variablen Kapitals gegen das konstante eine steigend höhere organische Zusammensetzung des Gesamtkapitals, deren unmittelbare Folge ist, daß die Rate des Mehrwerts bei gleichbleibendem und selbst bei steigendem Exploitationsgrad der Arbeit sich in einer beständig sinkenden allgemeinen Profitrate ausdrückt. (Es wird sich weiter zeigen, warum dies Sinken nicht in dieser absoluten Form, sondern mehr in Tendenz zum progressiven Fall hervortritt.) Die progressive Tendenz der allgemeinen Profitrate zum Sinken ist also nur ein der kapitalistischen Produktionsweise eigentümlicher Ausdruck für die fortschreitende Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft der Arbeit." Obwohl die Kapitalmasse wächst, bringt sich nur noch ein verminderter Anteil dieser ein, um den variablen Teil des Kapitals zu erhöhen, d.h. die lebendige Arbeit nimmt im Verhältnis zum Gesamtkapital immer mehr ab. Unter der Annahme einer konstanten Bevölkerungsgröße und immer tieferer Diversifikation von Produktion bedeutet dies, daß das Verhältnis nicht sinkt, weil die lebendige Arbeit fällt, sondern weil der konstante Bestandteil des Kapitals immer größer wird. Resultat und Bedingung des Kapitalismus ist es also, durch fortwährende produktionelle Veränderung und Akkumulation die Gesamtmasse der konstanten Produkionskomponenten ansteigen zu lassen, aber im selben Zuge den Anteil lebendiger Arbeit durch Eliminierung des Menschen aus dem Arbeitsprozeß fallen zu lassen.

Da kapitalistische Akkumulation aber nur stattfindet, wenn ein Teil des variablen Kapitals in den Produktionsprozeß zurückgeführt wird, muß der Anteil des Gesamtkapitals proportional in viel größerem Maße wachsen als der Anteil des variablen Kapitals. Denn es muß ja nicht nur den schon vorhandenen Bestandteil variablen Kapitals ersetzen, sondern muß noch die Reserve enthalten neue lebendige Arbeitskraft anzukaufen. "Es folgt hieraus, daß, je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt, eine immer größere Kapitalmenge nötig ist, um dieselbe und mehr noch eine wachsende Arbeitskraft zu beschäftigen."

Wie schon erwähnt, dehnt die kapitalistische Produktion die Herstellung der Waren aus, d.h. die Ausbringungsmenge wird durch die produktionellen Veränderungen erhöht. In diesem Steigen der Anzahl der Produkte nimmt bei der Erweiterung des benötigten Marktes die Profitmasse demnach zu, da die Summe der Preise im proportionalem Verhältnis zur Warenmasse steht. Im Verhältnis zum Produkt jedoch nimmt sie ab, da der in ihr gebundene Bestandteil des fixen Kapitals steigt und die anteilige lebendige Arbeit, der Mehrwert schaffende Teil, abnimmt.

Denn ein vermindertes Quantum lebendiger Arbeit steht einem höherem Quantum Waren gegenüber. Gleichzeitig ist es eine kapitalistische Eigentümlichkeit, daß bei ansteigender Produktivität der Arbeit der Preis der Waren fällt (in der bürgerlichen Ökonomie annäherndes unter dem 'Gesetz der Massenproduktion') . Und all dies, Fallen der Profitmasse bezogen auf die einzelne Ware, Preisverfall, Wachsen der Profitmasse bei gleichzeitigem Fall der Profitrate auf die Warensumme, obwohl die Warensumme ansteigt, wird "[...] dann so aufgefaßt, daß der Kapitalist aus freiem Belieben weniger Profit auf die einzelne Ware schlägt, aber sich entschädigt durch die größere Anzahl Waren, die er produziert." Wie in der Warenproduktion alles auf den Kopf gestellt ist, so ist auch dies im Kopfe des kaufmännischen Interpreten verkehrt herum. Wie am Anfang dieses Kapitels schon erwähnt, ist der tendenzielle Fall der Profitrate nur ein bestimmter Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise. Es ist eine Tendenz und kein gradlinig verlaufendes Gesetz, denn es gibt auch Tendenzen, die dieser entgegenlaufen. Zum einen bestehen sie, wie schon im Kapitel 4.1 beschrieben, im Kampf um die Exploitation der Arbeitskraft, sprich Verlängerung des Arbeitstages oder Verbesserung der Produktion und damit verbundene Erhöhung der Mehrwertrate. Ebenfalls die Versuchung den Lohn zu senken bei gleichbleibenden Faktoren und die Schaffung einer relativen Überbevölkerung. Die eventuelle Stockung des Kapitals oder die immense Produktionsverbesserung schaffen zwar keine reelle Überbevölkerung, aber eine Situation in der die Zahl der bereitstehenden Arbeiter vermehrt wird.

"Es werden nicht zuviel Produktionsmittel produziert, um den arbeitsfähigen Teil der Bevölkerung zu beschäftigen. Umgekehrt. Es wird erstens ein zu großer Teil der Bevölkerung produziert, der tatsächlich nicht arbeitsfähig, der durch seine Umstände auf Ausbeutung der Arbeit andrer angewiesen ist oder auf Arbeiten, die nur innerhalb einer miserablen Produktionsweise als solche gelten können." Diese Überbevölkerung wird ständig erzeugt, sei es weil überschüssiges Kapital nicht angewandt wird oder der Exploitationsgrad der Arbeit zu niedrig ausfallen würde. Und zum Schluß gibt es noch eine Tendenz die den tendenziellen Fall der Profitrate hemmt: Der auswärtige Handel.

Gerade wenn überschüssiges Kapital vorhanden ist oder der Exploitationsgrad der Arbeit zu niedrig ist, wird Kapital ins Ausland geschickt. Dadurch erreicht man ein Produzieren und Konsumieren der Länder die anders entwickelt sind, ganz wie es den kapitalistischen Ländern paßt. "Wird Kapital in Ausland geschickt, so geschieht es nicht, weil es absolut nicht im Inland beschäftigt werden könnte. Es geschieht, weil es zu höherer Profitrate im Auslande beschäftigt werden kann." Bei der Produktion entsteht ja aber auch erst der eine Akt des kapitalistischen Ablaufs. Die Produktion des Mehrwertes, die Beinhaltung dieser Surplusarbeitszeit, ist mit der Herstellung von Waren ja erst vergegenständlicht in derselben. Mit der Realisierung des Verkaufs wird erst der variable und konstante Kostenteil wieder zurückgewonnen. Geschieht dies nicht oder nur zum Teil zu den Preisen der Produktionskosten, kann die Exploitation des Mehrwerts nicht wieder in die Anlegung variablen Kapitals genutzt werden. Sollte die Konsumtionskraft der nationalbeschränkten Bevölkerung nicht der Warenmasse entsprechen, setzt der kapitale Agent auf die Expansion des Marktes, um die antagonistischen Distributionsverhältnisse zu umgehen.

"Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußeren Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen." Anders herum, werden die Waren im kapitalistischen Sinne unterentwickeltem Land produziert, vielleicht auch mit minderer produktioneller Tätigkeit, aber mit hohem Anteil eines Exploitationsgrades der Arbeit, wirkt diese Methode wie die Einführung einer neuen Produktionsmethode. Der Kapitalist kann die Waren in seinem Land zum Marktpreis verkaufen, hat aber einen 'Extramehrwert' in den Waren vergegenständlicht durch die höhere Ausbeutungsrate. Zwingt er das unterentwickelte Land zur Konsumtion, kann er die Waren aufgrund seiner produktionell besseren und kostengünstigeren Herstellung zu einem Marktpreis verkaufen, der über dem in seinem Land erzielten Preis liegen würde. Das Resultat wäre dasselbe. Die qualitativ höhere Arbeit, die nicht bezahlt wurde, würde als diese verkauft. Marx schreibt im Kapitel Über den auswärtigen Handel im Abschluß: "Und so hat sich dann im allgemeinen gezeigt, daß dieselben Ursachen, die das Fallen der allgemeinen Profitrate hervorbringen, Gegenwirkungen hervorrufen, die diesen Fall hemmen, verlangsamen und teilweise paralysieren. Sie heben das Gesetz nicht auf, schwächen aber seine Wirkung ab.

Ohne das wäre nicht das Fallen der allgemeinen Profitrate unbegreiflich, sondern umgekehrt die relative Langsamkeit dieses Falls."

5. Schluß

"Kaufleute sind vaterlandslose Gesellen. Nicht einmal der Platz, auf dem sie stehen, bindet sie so sehr wie der Ort, an dem sie ihren Gewinn machen," sagte einmal Thomas Jefferson (1806). Im Gegensatz zu anderen Ideologien schert sich Kapitalismus nicht um Glaube und Rasse seiner Anhänger, solange sie einen Beitrag zum Betriebserfolg leisten. Jedoch haben Gewerkschaften und Unternehmer trotz aller Internationalisierung eine Schwierigkeit zu überwinden: den Nationalstaat. Er ist historische Bedingung ihrer Organisation und Garant einer feststehenden Ordnung. Obwohl es Weltwirtschaft auch schon vor hundert Jahren gab, entstand hinsichtlich Nation und der heutigen Form von Globalisierung der Widerspruch, daß Nation besteht und gleichzeitig dessen extremes Gegenteil heranwuchs. Die Hauptauseinandersetzung dreht sich gerade um die gegenseitige Einflußnahme dieser beiden Bestandteile. Unter den gegebenen Tatsachen gibt es kein Entrinnen aus diesen unternehmerischen und organisatorischen Relevanzen. Die veränderten Marktbedingungen werden somit jede Nation um Sozialkürzungen, Lohnsenkungen und unternehmerische Steuervorteile an einem Wettlauf teilnehmen lassen. Der unglaublich schnelle Wandel der Kommunikation und der ohrenbetäubende gleichschaltende Mediendonner sind die großen Brocken an denen die alte Gesellschaft angeblich nicht vorbeikommen will. Unter diesen Umständen ist die mißliche Lage entstanden, daß es kein kollektives Verlangen nach einer humaneren gesellschaftlichen Identität und einer korrekten sozialen gemeingesellschaftlichen Ordnung gibt, wie sie einst durchaus vorherrschte. Entscheidend ist, wie das eigene Leben gemeistert wird, streng nach dem Motto "...individuell kann ich am besten allein sein".

Aber man kann nicht sprechen von Es ist... oder Es war..., denn wir begegnen einem bis heute unabgeschlossenem Prozeß. Begonnen hat die politische Eruption mit der Auflösung der Warschauer-Pakt Staaten. Haben 1989 noch die Sektkorken geknallt über den Zusammenbruch der Ostblockstaaten und insbesondere der UdSSR, kommt es einem heute vor, als sammle man die Schnapsleichen einer berauschenden Ballnacht ein.

Internationalisierung bietet aber nicht nur betriebliche Vorteile, sondern ermöglicht in einer gespaltenen Welt auch einen konfliktfreien Geschäftsablauf. Denn in einer Nation oder einem weltlichem Teilbereich ohne sozialistische, sozialdemokratische Tradition der Arbeiterbewegung läßt sich die Ungleichheit viel besser verdecken und der oberflächliche Rechtfertigungskampf, das Fortbestehen des Systems als geschichtsgegeben anzusehen, braucht gar nicht gefürchtet zu werden. Denn Globalisierung bedeutet nicht die Aufhebung von sozialen Unterschieden, die auf der Welt herrschen, sondern diese werden gerade ausgenutzt.

Seit Hegel ist es alte Tradition, eine Sichtweise von Subjekt und Objekt zu bilden; das Subjekt kann sich nur durch das andere vergewissern - durch die Erkenntnis auf und zu seiner objektiven Welt selbst. Ob die Geschichte dem gerecht wird, kann an dieser Stelle nicht gelöst werden. Ebensowenig wie die Frage, ob der soziologisch definierte Arbeiter, der in der technologischen Arbeitswelt gerade in alle Bestandteile aufgelöst wird, der Garant einer determinierten Zukunft ist. Fest steht aber, daß es eine Wirkung von gesetzten Grundwerten und die Existenz von befürworteten Institutionen gibt. Unterstellt werden sollte, daß bei Vergehen gegen diese, Bedrohung empfunden werden müßte. Aufklärung sollte insoweit Tiefenwirkung zeigen, daß an einem bestimmten Punkt die Gemeinschaft gegen die Veränderungen, die sie immer weiter ins Abseits drängen, revoltiert. Wie Globalisierung wirkt auf die Kräfteverhältnisse, wird der gordische Knoten sein, den es zu zerschlagen gilt. In einer Zeit, in der Arbeiter definitiv kein Vaterland mehr haben, kann es keine nationale Lösung geben. Wenn die Flexibilisierung weiter zunimmt, würde dies unter einem nationalem Konzept nur Anpassung und Hinnahme bedeuten. Die angeführten Aussagen der Gewerkschaften bezeugen eine Verhaltensweise, die unvermindert anknüpft an die vergangenen Jahre des gewerkschaftlichen Kampfes. Die neuen Herausforderungen bedürfen aber neuer Aussagen. Bezüglich der geführten Lohnstückkosten-Debatte würden die Aussagen aus Kapitel 4.1 eigentlich ein von Marx vorkalkuliertes Faktum bezeugen. Denn die Argumentation erläutert uns ja gerade, daß der verausgabte Anteil Arbeitszeit je Arbeitnehmer an der ausgebrachten Produktion immer noch "konkurrenzfähig" ist, oder nach Marx gesagt, der Anteil der notwendigen und Mehrarbeit je Arbeitsprodukt immer noch hohe Rentabilität aufweist. Der Standort Deutschland also immer noch interessant ist und wenn wir das Zitat des Ifo-Institutes wiederholen: "[...] hohe Stundenlöhne bei kurzen effektiven Arbeitszeiten durch die Produktion gerechtfertigt sind [...]". Im Zusammenhang gesehen sind dies nur neue Lippenbekenntnisse eines von Marx vorhergesehenen Systems. Daß dies so ist, erscheint somit nicht als Widerspruch zu seinen Aussagen.

Bezüglich der Marxschen Kapitel ist hinzuzufügen: Alle angeführten Inhalte könnten einen Antrieb zur Globalisierungstendenz darstellen. Verständlicherweise ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich gewesen, einen internationalen empirischen Nachweis über die Rentabilität von Produktionsinvestitionen zu erbringen [sic!]; würde dies gelingen und die Tendenz des Falles der Profitrate bezeugen, wäre eine Evidenz eher anzunehmen. Die Wichtigkeit dieser Gesetzmäßigkeit liegt aber nicht einfach in der empirischen Bestätigung, denn die Profitrate könnte ja auch bei einem Ergebnis gefallen sein, ohne daß die von Marx angeführten Ursachen zutreffen. Das besondere ist ja, daß es sich laut Marx um einen eigentümlichen Ausdruck, d.h. eine bestimmte Form der kapitalistischen Produktionsweise handelt. Dieses Gesetz erhält seine Richtigkeit durch die formallogische Zusammensetzung, durch welche die Gesetzgebung entwickelt worden ist. Denn Produktivitätssteigerung, Produktionsweise und fortschreitende Entwicklung der Produktionskräfte sind die Characteristiken der Produktionsmethode 'Große Industrie'. Der tendenzielle Fall der Profitrate stimmt insoweit nur, wenn Kapitel 4.1 stimmt. Wenn also nur der Faktor Arbeit der Wertschöpfende Teil ist und der wachsende Anteil der lebendigen Arbeit bei immer größerer Zusammensetzung des Kapitals beständig abnimmt.

Die Akkumulationstendenz ist jedoch zu offensichtlich. Die marktbeherrschenden Unternehmen, die die ganze Welt mit einem bestimmten Produkt umspannen und gemessen an ihrer unternehmerischen Größe ins Unermeßliche wachsen, gehören schon zur Realität. Daß Akkumulation ebenfalls auf der einen Seite Reichtum und auf der anderen Armut erzeugt, ist ein schlagender Beweis für die Korrektheit seiner wissenschaftlichen Arbeiten.

Nur ein anderes Beispiel: Etwa eine halbe Million Einwohner der USA besitzen heute ein Drittel des gesamten Privatvermögens der USA. 1990 lagen die Durchschnittslöhne amerikanischer Arbeiter inflationsbereinigt niedriger als in irgendeinem Jahr seit 1965. Gleichzeitig stiegen die Einkommen der Topverdiener von 1977 bis 1990 um 220 % oder jährlich um 12 %. Schon 1979 erhielten Top-Manager circa das vierzigfache eines einfachen Arbeiters; 1997 betrug das Verhältnis 1:120.

Die große Kraftzentrale, die die Finanzierungen und Investitionen unweigerlich ermöglicht, sind die überdehnten Finanzmärkte, die in ihrer Hast nach Profit täglich die unglaubliche Summe von 1.500.000.000.000 US-Dollar um den Globus schicken. Sie ermöglichen die Basis, um mit der Wettbewerbsspirale mitzuhalten. Seit 1985 hat sich der Wertpapierhandel verzehnfacht. Wird dem tendenziellen Fall der Profitrate Evidenz unterstellt, erklärt sich die globale Bestrebung nach den menschlichen Ressourcen, die 12 Stunden für 3 US-Dollar arbeiten. Denn nur so kann eine Mehrwertrate gehalten werden, die eine Reinvestition von variablem und fixem Kapital erlaubt. Denn wenn die Profitrate sinkt und die Kapitalien zur Technologieverbesserung immer mehr steigen, kann die Summe daraus nur einer verschärften Exploitation des Menschen entspringen. Obwohl die Finanztransaktionen von der realen Warenwirtschaft völlig losgelöst existieren, müßen die Profitmassen aus der Exploitation von Arbeit entspringen. Denn Geld kann nicht einfach mehr Geld erzeugen oder wie es heißt 'Geld bekommt Kinder'. Was täglich um den Globus saust, sind ja nur schon erbrachte Kaptialien, und das Spiel dreht sich doch unentwegt darum, wer "knöpft" heute wem was ab. Die Kapitalistenklasse übervorteilt sich an ihren eigenen Auswüchsen und des einen Profit ist des anderen Verlust.

Viele 'Linke' betonen in den heutigen Tagen die Evidenz der Marxschen Theorien, sei es die Akkumulation von Kapital, die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und sozialem Ausgleich, technologische Entwicklung und Eliminierung des Menschen aus dem Arbeitsprozeß, die Verschwendung von geologischen Ressourcen, ist der Arbeiter wirklich das Subjekt in der Geschichte [im Kapitalismus ist er es laut Marx gerade objektiv ], aber keiner schreit aufgrund der Globalisierung voll Inbrunst heraus:

Proletarier aller Länder, vereinigt euch. Obwohl dies doch die naheliegendste Losung wäre. Immer noch.

Literaturverzeichnis

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Limmer, Hans: Die deutsche Gewerkschaftbewegung, Olzog Verlag, München 1981

Martin, Hans-Peter/Schumann,Harald: Die Globalisierungsfalle, Rowohlt, Reinbeck 1996 Marx, Karl: Lohn, Preis und Profit, Dietz Verlag, Berlin 1973

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Zinn, Karl-Georg: Globalisierung ist Mythenbildung, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, Ausgabe 4/97, Bundesvorstand des DGB, Düsseldorf 1997

34 von 34 Seiten

Details

Titel
Internationalisierung von Produktion und nationale Arbeiterorganisationen - Veränderung und Aussicht sozialer Konsequenzen unter der Einbindung Marxscher Theorien.
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Lohnarbeit am Ende des Jahrhunderts - Blieb nur der Charme der Marx´schen Analyse des Kapitalismus? Ein an Marx orientiertes Seminar: Von der Gültigkeit des Wertgesetztes und der kapitalistischen Akkumulation zu den sozialen Folgen
Autor
Jahr
1996
Seiten
34
Katalognummer
V95099
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
eine Arbeit, die sich an expliziten Kapiteln des Kapitals orientiert und dabei Analogien zu der rasanten Entwicklung der internationalen wirtschaftlichen Entwicklung zieht. Bleibt am Ende des Jahrhunderts nur der Charme der marxschen Analysen?
Schlagworte
Internationalisierung, Produktion, Arbeiterorganisationen, Veränderung, Aussicht, Konsequenzen, Einbindung, Marxscher, Theorien, Lohnarbeit, Ende, Jahrhunderts, Blieb, Charme, Marx´schen, Analyse, Kapitalismus, Marx, Seminar, Gültigkeit, Wertgesetztes, Akkumulation, Folgen
Arbeit zitieren
Markus Gaisenkersting (Autor), 1996, Internationalisierung von Produktion und nationale Arbeiterorganisationen - Veränderung und Aussicht sozialer Konsequenzen unter der Einbindung Marxscher Theorien., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95099

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