Das Gedicht "Denn sieh: Sie werden leben" von Rainer Maria Rilke im Kontext mit dem "Stundenbuch"

Eine kurze Analyse


Ausarbeitung, 2020

7 Seiten

Chris K. (Autor:in)


Leseprobe

Inhalt

Die Interpretation des Gedichts „Denn sieh sie werden leben“
Die Unvergänglichkeit und Persistenz
Das Stundenbuch
Der Aufbau des Gedichtes unterstützt seinen Inhalt

Quellen

Die Interpretation des Gedichts „Denn sieh sie werden leben“

Die folgende Analyse wurde in Eigenleistung angefertigt. Auf Basis der primären Bildhaftigkeit (erste Bildebene) beschreibt das Gedicht eine Ansprache an Menschen, welche „im Regen standen“ (V.6). Diese Menschen werden in der Zukunft bessere Lebensverhältnisse haben. Diese Verhältnisse sehen folgendermaßen aus: Sie werden zum einen nicht von der Zeit bezwungen werden (V.2), vielmehr werden sie wie Waldbeeren wachsen (V.3). Zu diesen Personen wird „alle Ernte“ kommen (V.7). Darüber hinaus werden diese Personen auch zeitlich überdauern und gerade dann sich erheben, wenn die Hände anderer Völker müde sind (V.9f.). Diese zeitliche Überwindung, die in den Schlussversen beschrieben ist, wird aus den ersten Versen aufgegriffen. Diese Verse weisen verschiedene Substantive auf, wie „Zeit“ (V.2), „Ernten“ (V.7), „Frucht“ (V.8), „Hände“ (V.11) und „Völker“ (V.13) und damit dezente Verweise zur Religion und zu Gott. Schließlich sind es die Ernte, die Frucht und die Hände welche schöpferisch in der Bibel beschrieben werden. Diese inhaltlichen Ausführungen auf der primären Ebene sind von einer heiteren Vokalität geprägt. Es lebt sozusagen von „e“ und „i“-Lauten. Bereits in Vers 1 werden hier „e“-Laute aneinandergereiht. In Vers drei werden diese beispielsweise mit „a“- und „i“- Lauten kombiniert und erzeugen so eine hohe, positive Stimmung, welche die in die Zukunft gerichtete, positive Sprechweise der Sprechinstanz unterstreichen. Das jambische Versmaß unterstützt trabend diesen Sprachduktus und die positive Sprachmelodie.

Die für ein Gedicht typische direkte Kommunikationssituation zeigt sich bereits in den ersten Worten: „Denn sieh:“ (Vers 1). Der Leser, oder jene Person, an welche sich die Sprechinstanz wendet, wird direkt angesprochen. Dabei wird auf das folgende Gedicht und sein Inhalt hingewiesen. Das Gedicht wird dann in einer erzählenden Form weitererzählt. Die Sprechinstanz wendet sich folglich mit diesem Gedicht an ein Gegenüber. Die Ausführung des Gedichts geschieht emotional und expressiv. Letzteres drückt sich durch einen sehr subjektiven Duktus aus. Dieser beschreibt beispielsweise die Meinung der Sprechinstanz über jene, welche „im Regen standen“ (V.6), die in einer wünschenswerten Zukunft „tausendfach“ (V.8) „ernten“ (V.7) werden. Die Emotionalität drückt sich auch über die appellative Ansprache aus, in welcher beschrieben wird, dass für obig beschriebene Personengruppen in Zukunft alles besser werde. Diese Emotionalität wird durch viele Adjektive untermauert: „tausendfach“ (V.8), „ausgeruhte“ (V.11), oder „müde“ (V.13).

Die Unvergänglichkeit und Persistenz

Das Gedicht ist quasi Ortlos. Allerdings kann die Zeit als Ort verstanden werden, in welchem die Sprechinstanz jene die im Regen stehen verortet. Als Hauptmotiv des Gedichtes lässt sich somit die Unvergänglichkeit und Persistenz bestimmen. Diese Persistenz besitzen jene die im Regen stehen, welche den Ständen gegenübergestellt werden. Doch wen spricht die Sprechinstanz an, wenn sie bereits zu Anfang meint: „Denn sieh“ (V.1)? Die Sprechinstanz „bezieht sich wohl entweder auf den unablässig umkreisten Gott oder einfach zurück auf den Sprechenden, das lyrische Ich, das sich mit sich selber unterredet – und da beide im Stunden-Buch ohnehin schwer voneinander zu trennen sind, so mag es bei so mystischer Mehrdeutigkeit bleiben“ (vgl. Grimm 2011: 101). Betrachtet man das Gedicht genauer, werden die Personen, welchen im Gedicht eine bessere Zukunft versprochen wird, nur in einer Versgruppe beschrieben, den Versen 5 bis 6. Es sind jene, „die niemals sich entfernten und still im Regen standen ohne Dach.“ Diesen Worten zu Folge handelt es sich um Menschen, die leiden, denen es nicht gut geht. „Rilke spricht von den Armen, die in den Evangelien begegnen, und zugleich von den Mühseligen und Beladenen der Gegenwart, die nichts zu Essen und kein Dach über dem Kopf haben“ (vgl. Grimm 2011: 101).

Auch das Gegenmotiv zur Armut, die Reichen werden beschrieben: „Reiche, deren Sinn verrinnt.“ (Vers 10). Allerdings besitzen Rilkes Gedichte oft eine Mehrdeutigkeit der Interpretation. So lässt sich das Wort „Reiche“ mehrdeutig interpretieren. Zum einen könnten historische, flächige Reiche, zum anderen die monetär Reichen gemeint sein. Allerdings gehören beide, die „Reichen“ und die „Völker“ (Vers 13) im Stundenbuch zusammen und werden an einen Ort gebunden: die Großstadt (vgl. Grimm 2011: 103). Das Gedicht öffnet verschiedene Fragen. Haben die Armen eine volle Fülle von Überzeitlichkeit? Woher kommt der Reichtum zu den Armen, nachdem sie so passiv waren? (vgl. Grimm 2011: 104f.). „Und wieso dürfen gerade ihre Hände ,ausgeruhte‘ (V.13) heißen und sei es auch nur im Vergleich, während die der anderen […] seltsamerweise ,müde sind‘ (V.13) und keineswegs im übertragenen Sinne?“ (vgl. Grimm 2011: 105). „Wären etwa die Armen bloße Schmarotzer, die Reichen und Herrschenden hingegen die in Wahrheit Tätigen?“ (vgl. Grimm 2011: 105). Diese Fragen stellt Rilke und lässt Rilke bewusst offen. Die Unvereinbarkeit der Sicht auf die Armut kennzeichnet dieses Gedicht. Die Armen sind allgegenwärtig und inexistent zugleich. Der Poetische Ort der Armen ist dabei die Natur, der soziologische Ort die Großstadt (vgl. Grimm 2011: 106f.). „Die wahre Botschaft seines Gedichts, in dem sich die Gesellschaftsgebundenheit gerade des scheinbar Gesellschaftsfernsten enthüllt, heißt weder christliche Erlösung noch sozialistische Erhebung; sie zielt ebenso wenig aufs Eschaton wie auf die Utopie. Was Rilke so selig verkündet, ist die radikale, ja brutale und doch poetisch höchst wirkungsvolle Zementierung all dessen, was unseligerweise noch immer der Fall ist.“ (vgl. Grimm 2011: 107).

Das Stundenbuch

Das Gedicht ist im „Stundenbuch“ Rilkes erschienen. Auch dieses Buch ist von der Rilkschen Unstimmigkeit geprägt. Das Stunden-Buch besteht aus drei Büchern. Die Entstehungsgeschichte des Stundenbuchs sind von Rilkes Russlandreisen zusammen mit Lou Andreas-Salomé 1899 und 1900 geprägt. Ihr ist das Buch geprägt. Das Stunden-Buch ist eine Deutung des Lebens, der Versuch der Deutung des Todes, und damit zugleich religiöse Dichtung. In diesem Buch sollen sich religiös-erbauliche Intention mit einer klaren Strukturiertheit verbinden. Das Buch ist dreigeteilt. Die Gedichte enthalten viele Rilke-typische Instrumentarien, wie die Alliteration, oder Assonanzen, die Konjunktion und oder auch Substantivierungen. Das erste Buch innerhalb des „Stundenbuchs“ nennt sich Buch vom mönchischen Leben. Es entwirft die Fiktion eines Ikonenmalers, der seine Selbstbestimmung durch Gott erfährt. Es erschließt sich durch eine Ich-Du-Struktur. Dabei überträgt sich dies auf eine Subjekt-Gott-Konstellation. In den Duinese-Elegien ist dies parallel die Konstellation Subjekt-Engel. Das zweite Buch nimmt die Pilgerschaft aus christlicher Tradition in den Fokus. Die Motive des ersten Buches wie Baum, Wachsen, Sturm finden sich nun in der Metapher des Weges. Das dritte Stunden-Buch enthält das Gedicht „Denn sieh: sie werden leben und sich mehren“ vom 19. April 1903. Das dritte Buch nennt sich Das Buch von der Armut und dem Tode. Hier werden die Motive Städte und Tod miteinander verwoben. Dabei wird der Tod nicht als Gegensatz des Lebens betrachtet. Vielmehr bedeutet der Tod, dem Leben auszuweichen, das Leben zu verfehlen (vgl. Engel 2004: 216f).

Der Aufbau des Gedichtes unterstützt seinen Inhalt

Das Gedicht „Denn sieh: sie werden leben und sich mehren“ besteht aus drei Strophen mit jeweils vier, vier und fünf Versen. Das Versmaß unterstützt die Überzeitlichkeit und das Fortdauern der Armen des Gedichts: der Jambus. Durch diese alternierende, regelmäßige Versform wird trotz der beschriebenen tragischen Situation der Armen eine Regelmäßigkeit angedeutet. Kombiniert wird dies durch den ähnlich rhythmisierten Kreuzreim. Gleichzeitig besitzt das Gedicht eine hohe Musikalität in Form von Stilmitteln wie die Metapher. Die Alliteration findet sich einmal im Gedicht wieder, obwohl sie ein typisches rilksches Stilmittel ist: „und werden wachsen wie des Waldes Beeren.“ (V.3). Es zeigt sich durchgehend, dass das Gedicht zum einen eine Abweichung von einer standardisierten Wortreihenfolge aufweist, in Kombination damit, dass das Gedicht in jedem Vers ein Enjambement aufweist. Schon zu Beginn enthält das Gedicht eine direkte Ansprache, eine Apostrophe in Vers 1: „Denn sieh:“ (V.1). Direkt darauf folgt eine Anapher („und, und“ V. 2 und 3) welche in Kombination mit der Apostrophe die Intention und deren Kraft, dass es den Armen besser gehe unterstützt. Die Aufmerksamkeit auf das Problem ist gelenkt, nun kommt das rhythmische „und“ und listet jene Dinge auf, welche in Zukunft besser werden. Im gleichen Vers wird nach ähnlicher rhythmischer Art das Wort „werden“ in Form eines Polyptoton zwei Mal wiederholt um auch hier gleichzeitig zur Hoffnung auf eine bessere Zukunft, eine zeitunabhängige rhythmisierte Durchgängigkeit der Armen durch die Zeit zu symbolisieren. In der Folgestrophe reiht sich die Metapher „im Regen standen ohne Dach“ (V.6) an die Hyperbel „tausendfach“ (V.8). Zwei gegenteilige Welten treten hier aufeinander: die Welt im Regen und die tausendfache Frucht in der Zukunft. Die dritte Strophe ähnelt strukturell der ersten, indem sie eine Anapher mit Hilfe von „und“ in Vers 10 und 11 besitzt, jedoch wird hier niemand angesprochen, zudem hat diese Strophe eine weitere Zeile. Dieser letzte Vers besitzt nur vier Hebungen, während alle übrigen Verse des Gedichtes fünf besitzen. In diesem letzten Vers steht folgendes: „und aller Völker müde sind“ (V.13). Die Tatsache, dass dieser letzte Vers sozusagen als Zusatzleistung hinzugefügt wurde, gleichzeitig von den agitierenden, müden Völkern gesprochen wird, kann man nach eigener Einschätzung als eine erhöhte Ausdauerleistung der Armen Menschen deuten. Dies fasst also den Grund für die Überzeitlichkeit der Armen auf und schließt an den ersten Vers an: „sie werden leben und sich mehren.“ (V.1).

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Details

Titel
Das Gedicht "Denn sieh: Sie werden leben" von Rainer Maria Rilke im Kontext mit dem "Stundenbuch"
Untertitel
Eine kurze Analyse
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V950993
ISBN (eBook)
9783346292599
Sprache
Deutsch
Schlagworte
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Arbeit zitieren
Chris K. (Autor:in), 2020, Das Gedicht "Denn sieh: Sie werden leben" von Rainer Maria Rilke im Kontext mit dem "Stundenbuch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/950993

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