Die Defizithypothese nach Bernstein und die Differenzkonzeption nach Labov


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
27 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Inhalt

I. Einführende Bemerkungen zum Thema der Arbeit

II. Von De Saussure zu den Anfängen der Soziolinguistik

III. Bernsteins Kode-Theorie
1. Die Anfänge: Von Sapir-Whorf zu Bernstein
2. Die Kodes
2.1. Der abstrakte Kode-Begriff
2.2. Restringierter und elaborierter Kode
2.2.1. Identifikationsmerkmale der Kodes
2.2.2. Die schichtenspezifische Bedeutung der Kodes
2.2.3. Die Bedeutung des Sozialisierungsprozesses
3. Kritik am Begriff der „Defizithypothese “ und dessen Implikationen

IV. Labovs Differenz-Konzeption
1. Inhaltliche und formale Kritik an der Defizithypothese
1.1. Inhaltliche Dimension:
Die funktionelle Relevanz
1.2. Formale Dimension
2. Defizithypothese und Differenzkonzeption im Vergleich

V. Rezeption in Italien

Bibliographie

I. Einführende Bemerkungen zum Thema der Arbeit

Die vorliegende Arbeit wird sich mit einem ganz entscheidenden Themenkomplex innerhalb der Soziolinguistik beschäftigen, nämlich dem des schichtenspezifischen Sprechens, oder genauer gesagt mit der Frage nach dem Zusammenhang sozialer und linguistischer Unterschiede. Dies wird geschehen vor allem vor dem Hintergrund der Kode-Theorie (vielfach auch als Defizit-Hypothese bezeichnet, vgl. hierzu Absatz III.) von Bernstein und der Differenzkonzeption von Labov. Nach einer kurzen ‚historischen‘ Einordnung derselben in den sprachwissenschaftlichen Gesamtzusammenhang, soll im Hauptteil der Arbeit versucht werden, einen möglichst strukturierten Überblick über den Inhalt der sehr komplexen Theorie Bernsteins und die kritische Stellungnahme Labovs dazu zu geben. Abschließend werden die beiden Konzeptionen auf ihre kulturraumspezifische Relevanz für Italien hin untersucht werden, sowohl aus historischer Sicht als auch hinsichtlich ihrer aktuellen Bedeutung.

Vorab sei jedoch noch angemerkt, daß Bernstein zwischen 1958 und 1972 etwa 30 Aufsätze veröffentlicht hat, die den Grundgedanken seiner Theorie wiedergeben. Eine Darstellung derselben wird jedoch dadurch erheblich erschwert, daß er von Publikation zu Publikation stets definitorische und konzeptionelle Modifizierungen vornimmt, ohne jedoch explizit aufzuzeigen, welchen Stellenwert diese im Vergleich zu früheren Formulierungen haben. Darüber hinaus wurden Bernsteins Arbeiten so viel diskutiert, fehlanalysiert und mißinterpretiert, „so [that] it is not always easy to determine whether he actually said what he is said to have said.“[1] Aus diesem Grund ist es eigentlich unmöglich, von einer einheitlichen Theorie zu sprechen;[2] Literatur zu diesem Thema greift meist nur eine der vielfältigen – zum Teil widersprüchlichen – Facetten heraus und liefert somit oftmals relativ einseitige Interpretationsansätze. Auch die vorliegende Arbeit erhebt keineswegs den Anspruch, die Komplexität der Konzeption in ihrer Gänze erfassen zu können. Ich werde im folgenden dennoch versuchen, die wichtigsten Aspekte zumindest anzusprechen und auch die gängigen (Fehl-)Interpretationen mit in die Diskussion einzubeziehen.

Was die hier besprochene Theorie von Labov angeht, so sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß es vor dem Hintergrund seiner Verdienste um die Beschreibung von Sprache eigentlich ganz und gar unangemessen ist, die Besprechung seiner Arbeiten auf die Differenzhypothese zu beschränken, die für seine Forschung als eher von minderer Bedeutung anzusehen ist, und ihn auf die Rolle eines Kritikers der Ansätze Bernsteins zu reduzieren. Da in der vorliegenden Arbeit jedoch der Aspekt der sprachlichen und sozialen Ungleichheit im Mittelpunkt der Betrachtung steht, wird diese Einschränkung dennoch vorgenommen und die Gewichtung ganz eindeutig auf Bernsteins Kode-Theorie gelegt werden.

II. Von De Saussure zu den Anfängen der Soziolinguistik

Zwar ist „der Zusammenhang zwischen Sprache und Gesellschaft und damit zwischen Linguistik und Soziologie keine neue Erkenntnis des Zwanzigsten Jahrhunderts, sondern in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen immer wieder thematisiert worden“[3], doch wurde die Sprachwissenschaft lange Zeit von den Konzeptionen Saussures und Chomskys geprägt und Sprache unabhängig von der außersprachlichen Wirklichkeit als abstraktes System untersucht. Im Vordergrund von De Saussures Forschung Anfang des letzten Jahrhunderts stand die Beschreibung des Sprachsystems - der sogenannten langue - das er als „de la nature homogène“ definiert, und somit die Vielfalt der Gebrauchsweisen einer Sprache aus dem Untersuchungsbereich der Linguistik ausschließt und diese hermetisch vom sozialen Kontext abgrenzt. Chomsky hat für die Entwicklung seiner GTG in den 50er Jahren die entscheidenden Elemente dieser strukturalistischen Sprachauffassung übernommen und die darin implizierte Idee von einer völlig homogenen Sprachgemeinschaft noch verschärft, indem er die Sprachkompetenz eines idealen Sprechers/Hörers zum Gegenstand seiner linguistischen Theorie macht.[4]

In den 60er und frühen 70er Jahren erfolgte dann - nicht zuletzt vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Veränderungen (und dem damit einhergehenden neuen, gesteigerten Ansehen der Linguistik als Gesellschaftswissenschaft)[5] - eine Art „Wiederentdeckung der Heterogenität der Sprache“[6]. Es setzten sich zwei entscheidende Erkenntnisse durch, nämlich zum einen „[che] non siamo in grado di osservare direttamente il sistema e le strutture linguistiche, [...] ma l’attività linguistica è direttamente osservabile“, zum anderen „[che] ogni lingua, al suo interno, è varia, conosce differenziazioni, è diversificata negli usi dei parlanti e si articola quindi in tante varietà di lingua [...]“.[7] Die soziale Bedeutung eben dieser Varietäten des Sprachsystems und des Sprachgebrauchs ist Gegenstand der zu dieser Zeit neu entstehenden Forschungsrichtung: der Soziolinguistik. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war der britische Soziologe Basil Bernstein. Er gehörte zu den ersten, die die Interdependenz von Sprache und Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellten, und seine Kode-Theorie, die die Problematik des Zusammenhangs zwischen sozialer und sprachlicher Ungleichheit behandelt, wird im allgemeinen als Beginn der soziolinguistischen Variationstheorie angesehen und hatte einen ganz entscheidenden Einfluß auf die Bildungspolitik der 70er Jahre. Im gleichen Atemzug mit Bernsteins Arbeiten wird zumeist auch der amerikanischen Linguist William Labov genannt, dessen Differenzkonzeption als wichtigste Kritik an Bernsteins Theorie gilt.

III. Bernsteins Kode-Theorie

1. Die Anfänge: Von Sapir-Whorf zu Bernstein

Als Bernstein zwischen 1954 und 1960 in einer Londoner Tagesschule unterrichtete, fiel ihm die große Diskrepanz auf, die zwischen der von der Schule verlangten Ausdrucksweise und der ‚natürlichen‘ Sprache der Schüler, die sie in Unterhaltungen untereinander verwendeten, herrschte. Um eine Erklärung für dieses Phänomen zu finden, welches bis zu diesem Zeitpunkt immer auf einen angeborenen IQ zurückgeführt worden war, führte Bernstein eine Reihe von Untersuchungen durch, in denen er die Ergebnisse verbaler und nicht-verbaler Intelligenztests verglich und als deren Fazit er schließlich die Behauptung aufstellte, daß Angehörige der Mittelschicht und der Unterschicht über unterschiedliche Planungsstrategien (linguistische Kodes) verfügten, durch die schichtenspezifische Sprechweisen erzeugt würden, und zwar unabhängig von der Intelligenz der Sprecher. Kinder der Unterschicht hätten vor allem in der Schule Schwierigkeiten, weil dort die Sprache der Mittelschicht vorherrsche.[8]

Inspiriert wurden Bernsteins Studien zu einem großen Teil von den Untersuchungen von Sapir und Whorf in den 20er Jahren und den Beobachtungen von Schatzmann und Strauß Mitte der 50er Jahre. Erstere stellen in ihrer Sprachdeterminismustheorie die Behauptung auf, Sprache determiniere das Denken, und sind somit die ersten, die von einem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Sprachverwendung und gesellschaftlicher Erfahrung ausgehen. Während dieses Verhältnis bei ihnen aber einseitig gesehen wird und Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachgemeinschaften konstatiert werden, betont Bernstein in seinen Arbeiten hingegen die Wechselseitigkeit der Beziehung von Sprache und Gesellschaft und übertragt die Beobachtungen auf soziale Barrieren innerhalb der Gesellschaft: „[Die Kode-Theorie geht davon aus], daß in verschiedenen sozialen Schichten innerhalb einer Gesellschaft unterschiedliche Formen sozialer Beziehungen realisiert werden, die unterschiedliche Sprechweisen (= Kodes) bewirken, die ihrerseits wiederum vermittels sprachlicher Sozialisationsprozesse auf die Sozialstruktur zurückwirken und diese stabilisieren.“[9]

Schatzmann und Strauß wiederum stellten den Aspekt des beschränkten Sprechvermögens bestimmter gesellschaftlicher Gruppen im Vergleich zu anderen in den Mittelpunkt ihrer Studien. Sie interviewten Unterschicht- und Mittelschichtangehörige unmittelbar nach einem Tornado und stellten fest, daß erstere ihre Eindrücke so reflektierten, als seien die Interviewer in der von ihnen erlebten Situation selber dabeigewesen, und ihre Art zu reden hinterließ bei den Zuhören den Eindruck, als erlebten die Befragten die Katastrophe noch einmal, anstatt den Interviewern ein verständliches Bild der Geschehnisse zu entwerfen, wohingegen die Mittelschichtsprecher eben dazu in der Lage waren. Schatzmann und Strauß interpretierten diese Untersuchungsergebnisse dahingehend, daß Sprecher der Unterschicht Bedeutungen nur implizit, die der Mittelschicht jedoch explizit übermitteln – ein Sachverhalt, der nicht unerheblichen Einfluß auf die Entwicklung von Bernsteins Kode-Unterscheidung gehabt hat und sich auch in seinen Aufsätzen expressis verbis wiederfindet.[10] Bernstein geht in seiner Theorie aber noch einen Schritt weiter, indem er zum einen den Sozialisierungsprozeß als Ursache für die schichtenspezifischen Unterschiede in seine Überlegung miteinbezieht und darüber hinaus deren Auswirkungen – in Form einer sogenannten Sprachbarriere – im gesamtgesellschaftlichen Kontext zum eigentlichen Zweck seiner Forschung macht.

[...]


[1] Ronald Wardhaugh, An Introduction to Sociolinguistics, Oxford, 1986, S.316

[2] Norbert Dittmar schlägt in seinem Buch: Soziolinguistik, Königsstein, 1980 aus eben diesem Grunde vor, ausschließlich die Termini „Hypothese“ oder „Konzeption“ zu verwenden, um die Inkonsistenz und Widersprüche in Bernsteins Arbeiten hervorzuheben.

[3] o.A., unter: www.gewi.kfunigraz.ac.at/ling/sozio/sozio.html, o.S., Abruf: 15.04.2002

[4] Kirsten Nabrings, Sprachliche Varietäten, Tübingen, 1981, S.10-11

[5] Angelika Linke/ Markus Nußbaumer/ Paul Portmann, Studienbuch Linguistik, Tübingen, ²1994, S.295

[6] Kirsten Nabrings, Sprachliche Varietäten, Tübingen, 1981, S.9

[7] Piera Molinelli, Sociolinguistica A – Appunti personali, S.3

unter: www. unibg.it/linguistica/sociolinguistica%202001%appelli.pdf, o.S., Abruf:02.05.2002

[8] Gisela Klann, „Sprachbarrieren: Die Geschichte einer Entdeckung oder die Entdeckung einer Geschichte?“, in:

Gibt es die Sprachbarriere noch?, Düsseldorf, 1979, S.34

[9] Helmut Glück (Hg.), Metzler Lexikon Sprache, Stuttgart, 2000

[10] Norbert Dittmar, Soziolinguistik, Königstein, 1980, S.1-4

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Defizithypothese nach Bernstein und die Differenzkonzeption nach Labov
Hochschule
Universität Passau  (Romanische Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Sociolinguistica
Note
1.3
Autor
Jahr
2002
Seiten
27
Katalognummer
V9511
ISBN (eBook)
9783638161985
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Defizithypothese, Bernstein, Differenzkonzeption, Labov, Sociolinguistica
Arbeit zitieren
Katja Linnartz (Autor), 2002, Die Defizithypothese nach Bernstein und die Differenzkonzeption nach Labov, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9511

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