"Nymphéas". Ein Vergleich der gleichnamigen Werke von Pierre Huyghe und Claude Monet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pierre Huyghes Nymphéas (2014)
2.1 Werkbeschreibung
2.2 Deutung
2.3 Problematik

3. Monets Nymphéas (1897-1926)
3.1 Werkbeschreibung
3.2 Deutung

4. Die Werke im direkten Vergleich
4.1 Der Begriff des Transplantats
4.2 Bedeutung und Funktion der Natur in den vorgestellten Werken

5. Fazit

Verzeichnisse

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Bildverzeichnis

1. Einleitung

„Er hat der Natur die Zügel angelegt, mit vergoldetem Zaumzeug zwar, aber in dem festen Willen, sie seiner künstlerischen Vision fügsam zu machen.“1

So beschreibt Horst Keller Monets Arbeiten am Giverny Garten, der später Vorbild für die Nymphéas Werkserie wurde. Genau diese Unterwerfung und Beherrschung der Natur durch den Menschen wird fast hundert Jahre später von Pierre Huyghe wieder aufgegriffen und ausgestellt. Huyghes Nymphéas Transplant (Abb.1) basiert auf Monets Nymphéas Gemälden (Abb.2) und thematisiert die Beziehung von Mensch und Natur durch den Verweis auf den künstlichen Giverny Garten. Da die Werke so eng verbunden sind, ist es ertragreich, diese in den direkten Vergleich zu stellen, um so Huyghes Intention hinter dem Nymphéas Transplant herauszuarbeiten. Dazu werden im folgenden Text beide Werke einzeln vorgestellt und dann auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede untersucht. Dabei wird vor allem der Begriff ´Transplantat´ genauer beleuchtet werden, da dieser, wie man am Werktitel unschwer erkennen kann, Fokus von Huyghes Werk ist. Es soll geklärt werden, was Huyghe mit seinem Werk transplantiert und wie erfolgreich dieser Versuch ist. Auch die Rolle der Natur in den Werken ist von großer Bedeutung und wird in einem eigenen Abschnitt erläutert werden. Huyghe bedient sich bei den meisten seiner Werke an natürlichen Elementen und nutzt diese, um seine „Fantasielandschaften“2 zu kreieren, in denen er selbst als Gärtner und Schöpfer agiert. Er nimmt aktiv teil an den transplantierten Ökosystemen seiner Werke und wird so Teil des Lebenskreislaufs der Lebewesen. Neben Nymphéas Transplant kann man dies zum Beispiel an A Forest of Lines (Abb.3) und Zoodram (Abb.4) sehen. Auch Monet agiert als Schöpfer und Herrscher in seinem Garten, welcher schlussendlich als Motiv und Inspiration für seine Werke dient. Dieser Schöpferaspekt, welcher stark, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, in beiden Werken hervorsticht, ist ein wichtiger Faktor für die Wirkung und Deutung der Werke und wird in dieser Arbeit öfter erwähnt werden.

2. Pierre Huyghes Nymphéas (2014)

2.1 Werkbeschreibung

Pierre Huyghes Nymphéas Transplant besteht aus drei Aquarien, die die Flora und Fauna des Giverny Teiches enthalten. Die lebendigen Ökosysteme zeigen wie Tiere und Pflanzen der Hydrosphäre zusammenleben und wirken.3 Das Werk entstand 2014 und baut auf Monets Seerosen Gemälden von 1914 bis 1918 auf, welche speziell den Giverny Teich abbilden.4 Die Becken stehen jeweils auf einem Betonsockel und werden von oben durch eine quadratische Lichtquelle beleuchtet (Abb.1). Dabei wechseln die Lichtverhältnisse und die Trübung des Glases während des Ausstellungszeitraums und geben so die Wetterverhältnisse in Giverny während Monets Aufenthalt dort wieder. Während eines Tages zeigen die Aquarien das Wetter von vier Jahren, nämlich 1914 bis 1918, der Schaffensphase von Monets Seerosen.5 In den Becken befinden sich der Sand und die Pflanzen aus dem Wassergarten, sowie einige Fische und Amphibien. Die Fische werden nicht weiter spezifiziert, bei den Amphibien handelt es sich um Axolotl, eine Lurchart.6 Huyghe sucht die tierischen Protagonisten für seine Werke nach Verhalten, Fähigkeiten und Aussehen aus.7 Obwohl in der Fachliteratur mehrfach betont wird, dass Flora und Fauna aus dem Giverny See stammen, muss dies an dieser Stelle stark bezweifelt werden. Axolotl leben in freier Wildbahn ausschließlich in Mexiko in recht warmem, gemäßigtem Klima.8 Selbst wenn diese 1914 in dem Giverny Teich angesiedelt worden wären, hätten sie dort wohl kaum einen Winter überstanden. Das Ökosystem des Giverny Teiches wurde also nicht nur zu Ausstellungszwecken transferiert, sondern es wurde auch in dieses eingegriffen und einzelne Komponenten hinzugefügt. Die Aquarien sind unterschiedlich stark besetzt (Abb.5). In einigen sind nur vereinzelte Pflanzen und zwei bis drei Tiere zu erkennen, in anderen wiederum ranken sich gruppenweise Unterwasserpflanzen. Monets Seerosen aus Giverny sind in jedem Becken vertreten. Keines der Becken ist jedoch stark besetzt. Die zeitweise Trübung des Glases lässt die Tiere schattenhaft durch das Werk gleiten (Abb.6). Dabei wirken diese beinahe prähistorisch.9 Das Wasser ist trüb gelblich. Die Becken sind großformatig und von allen Seiten einsehbar.

2.2 Deutung

Huyghes Werk bezieht sich zwar auf Monets Nymphéas (Abb.2), ist jedoch keinesfalls als bloße Re-Inszenierung dieses intendiert. Statt Monets Werk nachzuahmen, bedient sich Huyghe des Gewohnten und verändert es in großem Maße, sodass es zu etwas Neuem mutiert. Es ist wichtig anzumerken, dass eine Deutung des Werkes rein spekulativ ist, da Pierre Huyghe seine Werke absichtlich deutungsresistent lässt, um einen Raum des Nichtwissens, der Ungewissheit zu kreieren.10 Im Rahmen von Ausstellungen, wie der des Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, ´Reset MODERITY!´, ist natürlich dennoch eine Intention hinter der Werkgruppe und Ihrem Platz in der Ausstellung zu erkennen. Neben dem erweiterten Ausstellungskontext ist das Nymphéas Transplant für sich gesehen eine Verbildlichung der so genannten „critical zones“. Der dünnen planetaren Membran, in der alle Lebensformen enthalten sind.11 Huyghe fängt diese in einem künstlichen Raum ein und transplantiert sie in den musealen Kontext.12 Dabei ist ´künstlich´ in dem Zusammenhang dieser Arbeit alles menschengemachte und ´natürlich´ alles vom Menschen unabhängig und autonom wachsende. Das Wort natura stammt aus dem Lateinischen und bedeutet ´Geburt´, ´Geborgensein´ und ´Gesamtheit des Gewachsenen´, schließt also die gesamte Tier- und Pflanzenwelt mit ein.13

Das künstliche Ökosystem erinnert nicht nur durch seinen Namen und die Seerosen an Monets Werke, auch bauen beide auf einem unnatürlichen Aspekt auf: Huyghes Aquarien sind ebenso menschengemacht wie die künstlich angelegten Seen in Giverny, die Monet für seine Werke schaffen ließ.14 Jedoch unterscheiden sich die Werke auch stark. Monets Gemälde zeigen zum Großteil blaues, unbegrenztes Wasser, auf dem einzelne Seerosen schwimmen (Abb.2). Die Farben sind dabei meist hell, kräftig und klar, ganz im Stil des Impressionismus.15 Auch Monets lockerer Pinselstrich ist Produkt des impressionistischen Stils, der sich von der bisher vorrangig genutzten akademischen Malweise abhebt.16 Huyghes Gewässer sind jedoch deutlich durch eine Glaswand begrenzt und die impressionistischen Farben müssen einem gelblich braunen Farbschema weichen. Ursula Harter beschreibt in Ihrem Buch Aquaria in Kunst, Literatur & Wissenschaft das Aquarium als „Kind der Moderne“17, da es auf der Ästhetik des Vergänglichen und der Bewegung aufbaut. Auch die Verlebendigung der Skulptur und die großflächige Nutzung von Glas als Material sind für die Autorin deutliche Anzeichen für den Stil der Moderne.18 Damit bestätigt sie, dass das Aquarium als modernes Mittel gut geeignet ist, um dem Kontrast zum impressionistischen Gemälde zu verstärken.

Das Gewohnte unterläuft einem Reset, zu Deutsch ´Zurücksetzung´. Auch die Trübung des Glases trägt zu diesem Reset bei. Das dem Betrachter vertraute Bild wird pausiert und durch ein neues ersetzt, wie auch Nymphéas Transplant Monets Nymphéas im weitesten Sinne ersetzt. Die wechselnde Belichtung soll dabei außerdem noch die Zeitlichkeit von Werk und Welt verkörpern.19 Huyghe sieht den Betrachter nicht als einen essenziellen Bestandteil seiner Werke. Er bezeichnet diesen als bloßen Zeugen, der nur passiv betrachtet.20 Das Werk soll dem Betrachter bewusst machen, dass er nicht separiert von der Natur existiert, sondern ein Bestandteil dieser ist.21 Durch das Verbringen der Natur in den kulturellen Raum, wird die Symbiose von Natur und Kultur verbildlicht. Der Künstler kritisiert unser anthropozänes Weltbild, in dem sich der Mensch über der Natur einordnet, indem er die scheinbaren Gegensätze Natur und Kultur wieder vereint. Die Entfremdung von der Natur schreitet mit der technischen Entwicklung fort und spitzt sich durch diese weiter zu.22 Es wirkt vor diesem Hintergrund fast ironisch eine lebenstaugliche, natürlich wirkende Umgebung durch technische Mittel zu ermöglichen. Die Verschränkung von Menschengemachtem und Natürlichem wird hier perfekt demonstriert. Die Natur wird artifiziell und ist nun abhängig vom Menschen, hier dem Künstler. Diese Metapher der Gefangennahme und des Abhängigmachens bezieht sich wiederum auf die jetzige Situation zwischen Mensch und Umwelt: Während wir künstliche Naturräume wie Parks und Aquarien zur Erholung nutzen, zerstören wir große Teile unserer eigentlichen Umwelt.

Zuletzt soll nun noch der Begriff des ´Transplantates´ angesprochen werden: Ein Transplantat ist die Verpflanzung von etwas Fremden in einen anderen Organismus, meist mit der Intention dem Wirt-Organismus zu nutzen. Huyghes Werk ist auf mehreren Ebenen ein Transplantat. Es transplantiert die Natur ins Museum, Monets Impressionismus in die Moderne und lebendige Natur in eine menschengemachte Umgebung. Huyghe spielt darauf an, dass wir uns die Natur erst unterworfen haben und sie nun künstlich versorgen müssen, um sie am Leben zu erhalten, genau wie die Nymphéas Transplant Ökosysteme nun von Regulation und Intervention abhängig sind, wo sie vorher autonom existieren konnten.23 Genau wie ein Transplantat, dass durch medizinische Unterstützung daran gehindert werden muss, vom Wirt-Körper abgestoßen zu werden, benötigt das Nymphéas Werk Hilfe von unseren kulturellen Errungenschaften.

2.3 Problematik

Pierre Huyghes Werk zeigt die schädliche Haltung des Menschen gegenüber der Natur auf, kann aber auch selbst als Teil des Problems gesehen werden. Obwohl der Künstler das anthropozäne Weltbild und die Entfremdung von der Natur kritisiert, stellt er sich selbst über die Natur, indem er diese nach seinem Willen formt. Dabei ist nicht nur zu kritisieren, dass er die Autonomie der Akteure seines Werkes einschränkt, sondern auch das Tierwohl und Pflanzenwohl gefährdet.

Er gibt wenig Auskunft über die Akteure in seinen Werken. Mit Gewissheit sind in seinem Nymphéas Transplant Seerosen und Axolotl beheimatet.24 Über die Fische kann man nur sagen, dass es sich wohl um Gruppentiere vielleicht sogar Schwarmfische handelt. Dem Aussehen nach sind es Rotflossenbarben, Barbus orphoides, mit Gewissheit kann man dies aber nicht sagen (Abb.7 und Abb.8).25 Auf dieser Basis allein sind jedoch schon einige problematische Punkte zu erkennen. Zum einen leben Axolotl nicht im Giverny Teich, ob sie in diesem Ökosystem längere Zeit gesund leben können, ist somit unklar. Auch benötigen diese Tiere viel durch Pflanzen hervorgerufenen Schatten, den die spärlich bewachsenen Nymphéas Becken nicht bieten. Ein Axolotl Aquarium sollte nie direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt sein, um die Temperatur zwischen 12 und 20° zu halten. Die Ausstellungsräume sind somit viel zu hell für die Tiere und es ist unklar, ob ein Ventilator neben der Lichtquelle angebracht wurde, um die Temperatur zu regulieren. Neben der Bepflanzung und der Beleuchtung ist auch der Bodengrund der Becken völlig falsch. Axolotl brauchen speziellen Bodengrund aus runden Kieseln, da sie bei sandigem Untergrund zu viel von diesem unabsichtlich bei der Nahrungsaufnahme verschlucken. Auch sollte für jedes Tier ein geeignetes Versteck vorhanden sein, um den Stresslevel der Tiere zu senken. Dies ist ebenfalls in kaum einem der Becken möglich, da außer vereinzelten Teilen von Baumrinde keine Versteckmöglichkeiten vorhanden sind.26 Man kann sich also selbst erschließen, dass die Tiere in einem freistehenden, beleuchteten Becken ohne Versteckmöglichkeiten nicht ideal gehalten werden. Ohne die genaue Anzahl der Tiere zu kennen, ist der Vorwurf der Gefährdung des Tierwohls vor diesem Hintergrund durchaus begründet. Axolotl sollten außerdem nicht mit anderen Tieren zusammen gehalten werden, da sie diese sonst angreifen und ihre Flossen von größeren Fischen angefressen werden.27 Wenn sich der Künstler bei diesem Werk mit Fachleuten beraten hat, wie er es bei vielen seiner Werke tat,28 ist es doch verwunderlich, dass das Ökosystem so unpassend für die amphibischen Bewohner angepasst wurde.

Auch für die Fische ist die mangelhafte Bepflanzung problematische, da auch sie Versteckmöglichkeiten benötigen. Für Barben ist eine Bepflanzung der Seiten und der Rückwand zu empfehlen, was im Nymphéas Transplant missachtet wurde (Abb.9).29 Im Giverny Teich ist eine solch spärliche Bepflanzung unproblematisch, da die Ufer und die Tiefe des Gewässers bereits Schatten und Schutz bieten. In einem hell erleuchteten Ausstellungsraum mit zahlreichen Besuchern, die an das Becken herantreten, reicht die geringe Zahl Seerosenstängel jedoch keinesfalls aus. Auch ist fraglich, ob diese Tiere im Giverny Teich leben, da Rotflossenbarben aus Afrika stammen und eine Wassertemperatur von 22 bis 25° benötigen.30 Die Aquarien sind des Weiteren noch zu klein für die Fische. Für diese Fischart wird eine Mindestlänge von 2 m empfohlen, da die Tiere mit bis zu 25 cm doch recht groß werden.31 Die Becken in der Ausstellung erreichen aber kaum 1,40 m in der Länge.32 Die Tiere befinden sich höchstwahrscheinlich durchgehend in einem gestressten Zustand, was ihre Lebenserwartung und Lebensqualität stark mindert. Sollte es sich wirklich um Barben handeln, ist eine Haltung mit Axolotl sehr zu kritisieren, da die Fische eine weit höhere Wassertemperatur als die Lurche benötigen. Dass die Flora und Fauna also wirklich aus den Giverny Teichen stammt, ist stark zu bezweifeln. Ob das Werk seine Intention trotzdem noch erfüllen kann und ein Transplant von Monets Nymphéas darstellt, ist Ermessenssache.

Zuletzt ist noch aufzuzeigen, dass die Tiere in Huyghes Werken zwar kein Skript vorgegeben bekommen und mehr oder weniger, je nach Tierart, ungestört vom Betrachter leben, jedoch bleiben sie Bestandteil der menschengemachten Ausstellung, was ihre Autonomie stark einschränkt. Diese unausgeglichene Beziehung zwischen Mensch und Tier wird von Huyghe aber nicht weiter thematisiert, obwohl seine Werke genau auf die Beherrschung der Natur durch den Menschen anspielen und diese kritisieren. Das Missachten der Autonomität der Tiere und Pflanzen in einem Werk, das die Dominanz der menschlichen Art bemängelt, ist entweder sehr paradox, ja fast hypokritisch, oder sehr passend.

3. Monets Nymphéas (1897-1926)

3.1 Werkbeschreibung

Claude Monets Nymphéas entstanden zwischen 1897 und 1926, die meisten Werke der Serie werden dabei zwischen 1914 und 1918 verortet.33 Abgebildet in den um die 250 impressionistischen Ölgemälden sind die Seerosen, französisch Nymphéas, des Giverny Wassergartens.34 Die Werkgruppe besteht aus großflächigen Bildern mit mehrschichtigen Farbauftrag, bei dem die einzelnen Töne ineinander übergehen.35 Der See nimmt bei vielen Gemälden die gesamte Bildfläche ein und wirkt somit grenzenlos, da er nicht durch Horizontlinie, Ufer oder Wege eingefasst wird.36 Monet ließ diesen 1893 für seine Arbeiten in der Gemeinde Giverny schaffen.37 Es handelt sich nicht um ein natürliches Gewässer. Der Künstler importierte Tiere und Pflanzen aus aller Welt in die kleine französische Gemeinde, um Teich und Garten nach seinen Vorstellungen zu formen.38 1893/94 bestellte er große Mengen Seerosen zu hohen Preisen39, die Fokus seiner Werke werden sollten. Er ließ sogar die naheliegende Straße teeren, damit der Schotter und Staub nicht die Wasseroberfläche des Sees stören.40 Monet wird nachgesagt, dass er sich persönlich um den Garten kümmerte und dort auch oft seine Gäste empfing.41

Ein repräsentatives Werk für die Werkserie ist eines der schlicht Nymphéas betitelten, welches zwischen 1896 und 1897 entstand (Abb.2). Das Werk misst 73 x 100 cm und befindet sich im Musée Marmottan-Monet in Paris. Es setzt den Fokus direkt auf die zwei hellen Seerosen im Bildmittelpunkt. Durch den Farbkontrast heben sich diese stark vom grün-blauen Hintergrund ab. Das Werk wird von Grün und Blautönen dominiert und soll den See am Abend darstellen. Monet legte bei dieser Werkserie den Schwerpunkt auf die Auswirkung der Lichtverhältnisse auf das Motiv.42 So malte er oft die gleiche Szene zu verschiedenen Tageszeiten, um den Kontrast zwischen den Werken hervorzuheben. Dies kann man besonders gut bei zwei Werken von 1917 erkennen (Abb.10 und Abb.11), die beide den Namen Le Bassin aux Nymphéas tragen. Das erste Werk zeigt die Szene in goldgelblichem Licht, was das das Motiv wärmer und homogener wirken lässt (Abb.10). Das zweite Werk zeigt die Szene in kühlen Blau- und Grüntönen, die das Werk dynamischer wirken lassen (Abb.11). Die meisten Werke der Serie ähneln eher dem zweiten Werk und sind in kräftigen Blautönen gehalten. Die Anzahl der gelblichen Bilder ist hingegen begrenzt. Diese sind oft weniger detailliert und die Farben gehen fließender ineinander über (Abb.10 und Abb.12). Huyghe wird sich für sein Werk vor allem an diesen orientiert haben, was man an der trüb-gelblichen Gestaltung der Aquarien erkennen kann.

Monets Inspiration für den Garten in Giverny und daraus resultierend die Werkserie Nymphéas waren japanische Farbholzschnitte.43 Die japanische Kultur gelang um 1854, nach der erzwungenen Öffnung Japans zur Welt durch die Vereinigten Staaten von Amerika, in der westlichen Welt an Ansehen und wurde von vielen Künstlern in deren Werke übernommen. Der ´Japonismus´, wie man diese Begeisterung für die japanische Kunst und Kultur nennt, führte zu verschiedenen Adaptionen und Symbiosen der europäischen und japanischen Kunst.44 Monet selbst besaß eine nicht unerhebliche Sammlung japanischer Holzschnitte, auf die er bei seinen Arbeiten zurückgriff.45 Symbole wie die japanische Brücke und die Seerosen übernahm der Künstler direkt aus der fernöstlichen Kultur.46 Die Seerosen sind enge Verwandte des Lotus, welcher ein wichtiges Symbol im Buddhismus ist, es ist jedoch unklar ob Monet dies wusste oder es für seine Werke von Bedeutung war.47 Monets Inspiration für die Seerosen waren dabei Malereien auf Trennwänden japanischer Häuser.48 Obwohl sich der Künstler an Symbolen der japanischen Kunst bediente, übernahm er nicht deren Stil, sondern schuf impressionistische Werke mit japanischem Beiklang. Linienführung und vor allem Farbpalette sind zwar sehr ähnlich zur damaligen japanischen Kunst, die mehrschichtige, dicken Farbschichten sind jedoch eindeutig Teil der impressionistischen Kunst.49 Auch Monet transplantierte also einen anderen Kunststil in den Stil seiner Zeit und wandelte ihn zu etwas Neuem um.

3.2 Deutung

Wie bereits angesprochen liegt die Intention hinter der Werkserie darin, die Bedeutung der Lichtverhältnisse für die Wirkung eines Motives hervorzuheben. Während die gelblastigen Werke warm wirken und sommerliche Motive oder Abendstimmung wiedergeben wirken die blautönigen Werke lebendiger und lenken den Blick des Betrachters schneller auf die Seerosen, welche sich in den blauen Werken stärker vom Hintergrund abheben. Obwohl der Fokus bei allen Werken auf den Pflanzen liegt, stechen diese durch den Farbkontrast in den blauen Werken stärker hervor. Monet zwingt den Betrachter durch die große Zahl der Werke dazu, die Unterschiede zwischen diesen zu erkennen und die unterschiedlichen Lichtverhältnisse wahrzunehmen. Der Künstler konzentriert sich allein auf das Licht, in den Werken sind kaum Standortwechsel zu erkennen.50 Dies kann man bereits bei vorherigen Werkendes Künstlers erkennen, wie zum Beispiel bei Meules, zu Deutsch ´Heuhaufen´, welche um 1890 entstanden und ebenfalls das gleiche Motiv zu verschiedenen Tages und Jahreszeiten darstellt, um so die verschiedenen Lichtverhältnisse festzuhalten (Abb.13 und Abb.14).51 Wegen dieser Fokussierung auf die Lichtverhältnisse wird Monet treffenderweise auch „Maler des Lichts“52 genannt.

Der Künstler kontrolliert jedoch nicht nur die Lichtverhältnisse in seinen Werken, sondern auch den Garten, den diese wiedergeben. Obwohl es wohl nicht die Intention des Künstlers war, die Beherrschung der Natur in seiner Werkserie darzustellen, wird dies doch sehr deutlich, wenn man die Hintergründe dieser genauer beleuchtet. Durch die künstliche Anlegung des Gartens und kontinuierliche Kontrolle und Eingreifens in die Natur, zeigen die Werke, wie die Kunst nicht länger die Natur nachahmt, sondern die Natur der Kunst angepasst wird. Der Garten wird von Autoren wie Paolo Bianchi nicht grundlos als „sinnlicher Ausdruck der gezähmten Natur“53 bezeichnet. Alles was vorher autonom wuchs und wucherte wurde den ästhetischen Ansprüchen des Künstlers angepasst und ist diesem nun untergeben. Es entsteht eine „geordnete Schönheit“54 die sich durch die importierten Pflanzen stark von der umliegenden Natur abhebt. Monet kopierte die Natur in seinen Werken nicht nur, sondern griff aktiv in diese ein, um sie nach seinem Willen zu formen. Hier wird die Ähnlichkeit zu Huyghe als Schöpfer und Beherrscher der Natur oder zumindest eines Teils dieser deutlich. Der Künstler agiert nicht länger passiv als Beobachter der Natur, sondern befehligt diese nach seinen Wünschen.

[...]


1 Keller 2001, S. 11.

2 Van Horn 2011, Pierre Huyghe: The Moment of Suspension.

3 Vgl. Latour, Reset MODERNITY! 2016.

4 Vgl. Zhang 2008, S. 3.

5 Vgl. Latour, Reset MODERNITY! 2016.

6 Vgl. Zhang 2008, S. 3.

7 Vgl. Van Horn 2011.

8 Vgl. Reiß 2020, S. 18.

9 Vgl. Zhang 2008, S. 3.

10 Vgl. Vikram, Pierre Huyghe, 2015.

11 Vgl. Usher 2019, S. 143.

12 Vgl. Bernhardt, Monets Seerosen, 2016.

13 Vgl. Bianchi 1999, S. 240.

14 Vgl. Geelhaar 1986, S. 133.

15 Vgl. Broude 1990, S. 9.

16 Vgl. Frascina 1993, S. 8.

17 Ursula Harter 2014, S. 7.

18 Vgl. Ursula Harter 2014, S. 7.

19 Vgl. Bernhardt, Monets Seerosen, 2016.

20 Vgl. Van Horn 2011.

21 Vgl. Dickel 2016, S. 66.

22 Vgl. Grönert 2016, S. 10.

23 Vgl. Leivestad 2016.

24 Vgl. Zhang 2008, S. 3.

25 Vgl. FishTankLab, Barbus orphoides.

26 Vgl. Aquaterratec, Axolotl Haltung.

27 Vgl. exotische-haustiere, Axolotl Haltung.

28 Vgl. Angne 2014, S. III.

29 Vgl. FishTankLab, Barbus orphoides.

30 Vgl. FishTankLab, Barbus orphoides.

31 Vgl. FishTankLab, Barbus orphoides.

32 Vgl. Latour, Reset Modernity! 2016, S. 47.

33 Vgl. Fondation Monet, Giverny.

34 Vgl. How 2016, S. 5.

35 Vgl. Frascina 1993, S. 214.

36 Vgl. Stoll 1986, S. 130.

37 Vgl. Geelhaar 1986, S. 133.

38 Vgl. Geelhaar 1986, S. 133.

39 Vgl. Becker 2014, S. 60.

40 Vgl. Becker 2014, S. 61.

41 Vgl. Fondation Monet, Giverny.

42 Vgl. Keller 2001, S. 58.

43 Vgl. Green 2001, S. 16.

44 Vgl. Gianfreda 2014, S. 13.

45 Vgl. Gianfreda 2014, S. 51.

46 Vgl. Keller 2001, S. 121.

47 Vgl. Green 2001, S. 51.

48 Vgl. Green 2001, S. 49.

49 Vgl. Maeder 2017, S. 54.

50 Vgl. Keller 2001, S. 58.

51 Vgl. Keller 2001, S. 57.

52 Keller 2001, S. 114.

53 Bianchi 1999, S. 59.

54 Keller 2001, S. 92.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
"Nymphéas". Ein Vergleich der gleichnamigen Werke von Pierre Huyghe und Claude Monet
Hochschule
Universität Hamburg  (Geisteswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V951259
ISBN (eBook)
9783346291707
ISBN (Buch)
9783346291714
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nympheas, Monet, Pierre Huyghe, Claude Monet, Nymphéas
Arbeit zitieren
Aileen Ramm (Autor), 2019, "Nymphéas". Ein Vergleich der gleichnamigen Werke von Pierre Huyghe und Claude Monet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/951259

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