Demokratie in der Risikogesellschaft nach Ulrich Beck


Hausarbeit, 1998

14 Seiten, Note: 1,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Einbettung der Arbeiten Ulrich Becks in den sozialwissenschaftlichen Diskurs

3. Das Konzept der Risikogesellschaft
3.1 Der Begriff der reflexiven Moderne

4. Subpolitik
4.1 Arenen der Subpolitik
4.2 Akteure

5. Die Entgrenzung der Politik und ihre Folgen
5.1 Ausblicke auf mögliche Zukunftsszenarien
5.2 Die Erfindung des Politischen

1. Einleitung:

Bezugnehmend auf das Thema dieses Seminars „Ausgewählte politische Theorien“ werden in der vorliegenden Arbeit die Demokratietheorien Ulrich Becks analysiert. Es handelt sich hierbei nicht um eine reine Darstellung der Beck´schen Thesen, sondern darüber hinaus auch um deren Einbettung in den sozialwissenschaftlichen Diskurs, da dieses im Rahmen des Seminarreferats nicht geleistet wurde und auch zeitlich nicht geleistet werden konnte.

Unter Punkt 2. wird auf die Klassiker des politischen Denkens verwiesen, an denen Beck hinsichtlich der von ihm verwendeten Termini anknüpft. Darüber hinaus wird eine Einordnung seiner Thesen in die aktuelle politische Diskussion vorgenommen. In diesem Sinne wird aufgezeigt, inwieweit sich aktuelle politische Richtungen auf den Münchener Soziologen beziehen oder gar durch seine gedanklichen Anstöße erst bedingt wurden. Als konkretes Beispiel sei hier der Kommunitarismus genannt.

Darauf aufbauend erfolgt eine Darstellung des Konzeptes der Risikogesellschaft. Da die Risiken, wie Beck selbst sagt, „zum Motor der Selbstpolitisierung der industriegesellschaftlichen Moderne werden“(1986:300) und sich mit ihnen Begriff, Ort und Medien von Politik verändern, bildet diese Darstellung einen Ausgangspunkt für die Kapitel Subpolitik und Entgrenzung der Politik, in denen die veränderten Bedingungen und Formen der Politik analysiert werden. Für die vorliegende Arbeit wurden primär drei Originaltexte von Ulrich Beck herangezogen: „Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse“ (1996), „Die Erfindung des Politischen“ (1993) und „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ (1986). Hervorzuheben ist auch die Dissertation von Nikola Ebers „ Individualisierung bei Georg Simmel, Norbert Elias und Ulrich Beck. Eine vergleichende Analyse wissenschaftshistorisch ausgewählter Konzepte“, die wertvolle Hinweise zur terminologischen Einbettung Becks lieferte. Eine darüber hinausgehende Einbeziehung der Sekundärliteratur würde den Rahmen dieser Arbeit übersteigen.

2. Theoretische Einbettung der Arbeiten Ulrich Becks in den sozialwissenschaftlichen Diskurs

Innerhalb der politischen Theorie subsumiert Dieter Nohlen (1995:353) Beck unter vier Kategorien, die im Folgenden dargestellt werden.

Hinsichttlich seiner Aussagen zu den langfristigen und irreversiblen Transformationsprozessen der „Risikogesellschaft“ (vgl. Beck 1986), welche die bestehenden traditonellen Lebensbereiche durch moderne Strukturen ersetzen, wird Beck wird zu den neueren Modernisierungstheoretikern gezählt, die den ökologisch bedingten, potentiell selbstzerstörerischen Gehalt der westlichen Moderne betonen. Nohlen zählt Beck‘s Werk jedoch auch zu den Soziologischen Theorien der Politik (1995: 588), da er nicht die „konkreten Machtverhältnisse“ analysiert, sondern auf die Funktion und Struktur von Politik abzielt. Nohlen klassifiziert Beck darüber hinaus auch als Vertreter einer Sozialpsychologischen Thorie der Politik, die primär „auf der Basis unterschiedlicher Realitätsbezüge vorhandene oder/und für wünschenswert gehaltene ethische Prinzipien, Aufgaben, Einrichtungen und Vollzugsweisen der verbindlichen Regelung des menschlichen Zusammenlebens“ reflektiert (1995:569).

Sozialpsychologische Theorieelemente stellen bei Beck seine Erneuerungsbestrebungen der Demokratie, seine Forderung nach Einflußnahme auf die Massenmedien seitens der Bürger, aber auch die Erkenntnis der allgemeinen Politikverdrossenheit dar. Nohlen sieht in Beck schließlich auch einen Vertreter der Theorien des sozialen Wandels (1995:666), da die von ihm aufgestellten Theoreme langfristige gesellschaftliche Entwicklungen behandeln und diejenigen Determinanten herausarbeiten, welche den sozialen Wandel hervorrufen. Als Beispiel sei hier das soziale Phänomen der „Individualisierung“ (vgl. Beck 1993:149) genannt.

Über eine Zuordnung Becks innerhalb der politischen Theorie hinaus erscheint auch die Einordnung der von Beck verwendeten Termini der Individualisierung und der Modernisierung in den sozialwissenschaftlichen Diskurs notwendig. Wie Ebers (1995:264) in ihrer Dissertation betont, sieht Beck den Begriff der „Individualisierung“ nicht als Erfindung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, sondern führt besonders die Klassiker der Soziologie, von denen er Karl Marx, Max Weber, Emile Durkheim und Georg Simmel explizit benennt (vgl. Beck 1986a: 205f.), als Vordenker an. Diese haben unter anderem den Übergang in die Moderne als einen Prozeß der Individualisierung beschrieben.

Nach Beck ist die Phase der Individualisierung maßgeblich durch den Wegfall bisheriger industriegesellschaftlicher Vorgaben geprägt. Dies hat zur Folge, daß das einzelne Individuum sich seine Biographie selbst herstellen muß, während dies in der Industriemodern beispielsweise durch kirchliche oder milieugebunden Vorgaben erfolgte. Becks dezidierte Darstellung der gesamtgesellschaftlichen Individualisierungsprozesse ist diametral entgegengesetzt zu der des Kommunitarismus zu sehen, der sich hiervon abgrenzt wie Axel Honneth darstellt. Der Begriff der Gemeinschaft wird hier über bloße Rechtsbeziehungen hinaus als „eine gemeinsame Orientierung an ethischen Werten“ verstanden (vgl. Honneth in Zahlmann, Christel 1994:18). Honneth führt aus, daß diese Bewegung ihren Gehalt erst dadurch erhält, daß er „kritisch auf jenes Bündel von gesellschaftlichen Tendenzen zurückverweist, für das sich auch hierzulande, etwa bei Ulrich Beck, der Begriff der Individualisierung eingebürgert hat“ (1994:8).

Brock (1991:21) zieht Parallelen zwischenBecksModernisierungskonzept und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas. Beide Theorien seien darauf angelegt, dem Modernisierungsprozeß immanente Grenzen und Problembereiche zu thematisieren.

Mackensen (1988:7) und Joas (1988:4) unterstreichen, daß sowohl Habermas als auch Beck die Gegenwart für eine unvollendete Moderne halten.

3. Das Konzept der Risikogesellschaft

Umweltbedingte Risiken sind nicht erst das Produkt der späten achtziger Jahre, die seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl offensichtlich wurden. Laut Beck besteht ein gesellschaftliches Bewußtsein der potentiellen Selbstvernichtung durch die atomare und chemische Industrie seit den 70er Jahren. Angesichts dieser Risiken wird die ökologische Frage zum Ausgangspunkt einer Kritik an der Industriemoderne durch die Basisprämissen gesellschaftlichen Denkens und Handelns fragwürdig werden. Infolgedessen wird die Vorstellung eines grenzenlosen Wachstums und blinde Fortschrittsgläubigkeit hinterfragt. Der einzelne erkennt, daß diese Risiken aus der Gesellschaft heraus entstehen, also von Individuen und Gruppen zu verantworten sind und um des Fortschritts willen in Kauf genommen werden. Somit ist die Risikogesellschaft „wesentlich durch einen Mangel gekennzeichnt: der Unmöglichkeit externer Zurechenbarkeit von Gefahrenlagen“ (Beck 1986:300).

Angesichts dieser gesellschaftlichen Verhältnisse wird der Modernisierungsprozeß „ reflexiv “, d.h. sich selbst zum Thema und Problem (1986:26).

Ausgelöst durch die Aufgabe des Glaubens an den Staat, die Kirche oder an familiäre Hierarchien erhält der Begriff der Risikogesellschaft darüber hinaus soziale Relevanz. Im privaten Bereich löst er eine tiefgreifende Entwicklung aus, wie die Auflösung überkommener Rollenverständnisse und die Tendenz zu nichtehelichen Gemeinschaften zeigen. Gerade in der Privatheit ist eine Ablehnung der staatlichen Institutionen zu verzeichnen, da sie in der industriegesellschaftlichen Moderne viele der von ihnen ausgehenden gesellschaftsrelevanten Folgen nicht mehr kontrollieren können (vgl. Beck 1996:87). Für das Individuum resultiert hieraus die Chance und Last der Situationsdefinition. Das Leben mit den individuellen Risiken muß von den einzelnen selbst bewältigt, interpretiert und politisch umgesetzt werden. Die Risikogesellschaft erhält durch die Institutionenkrise eine Dimension von erheblichem sozialem und damit wiederum auch politischem Gehalt.

3.1 Der Begriff der reflexiven Moderne

Die reflexive Moderne ist maßgeblich durch den Zusammenbruch bisheriger Basisselbstverständlichkeiten geprägt. Dieser Transformationsprozeß gilt für fast alle Felder gesellschaftlichen Handelns. Bisher gängige Schemata und Kategorien wie die Links-Rechts- Aufteilung der politischen Parteien und der Ost-West-Konflikt gelten besonders seit 1989 nicht mehr. Anerkannte Institutionen wie Nato und Bundeswehr werden hinterfragt und entkernt (vgl. Beck 1996:19).

Neben der Unterteilung in einfache und reflexive Moderne verwendet Beck auch analog den Terminus der 1. und 2. Moderne, um die beiden Konzepte voneinander abzugrenzen. Der Unterschied der zwei Phasen der Moderne liegt darin, daß das eine Mal vorindustrielle Traditionen, das andere Mal die Gegebenheiten der Industriegesellschaft selbst zum Gegenstand der gesellschaftlichen Prozesse werden. Wie Beck betont, liegt der Schwerpunkt der 1. Moderne auf Männer- und Frauenrollen, Kleinfamilie, Technikglauben und der Anerkennung der Wissenschaft als Wahrheitsmonopol, während für die 2. Moderne erst Konzepte gefunden werden müssen (vgl. Beck 1996:23). Jenes Vakuum, welches charakteristisch ist für den Übergang von der industriellen bzw. einfachen in die reflexive Moderne, bezeichnet Beck als „Konflikt der zwei Modernen“ (Beck 1993:149). Dies meint, auf die einzelnen Individuen bezogen, eine Lebensführung, die sich nicht an traditionellen Vorgaben orientiert, sondern deren „Selbstverständlichkeiten“ erst neu erfunden werden müssen (1993:151). Beck definiert den Begriff der reflexiven Modernisierung als eine „zunächst un reflektiert, gleichsam mechanisch-eigendynamische Grundlagenveränderung der entfalteten Industriegesellschaft“, welch sich ungeplant im normalen Modernisierungsprozeß vollzieht und die bei konstanter politischer und wirtschaftlicher Ordnung auf eine „ Radikalisierung der Moderne“ zielt, „welche die Prämissen und Konturen der Industriegesellschaft auf löst und Wege in Modernen oder Gegenmodernen eröffnet“ (vgl. Beck 1996:29).

Innerhalb der soziologischen Modernisierungstheorien grenzt Beck seine Definition der reflexiven Moderne gegenüber Theorien der Postmodere und der Antimoderne ab. Die Theorie der reflexiven Moderne erhebt, so Beck, im Gegensatz zu postmodernen Modernisierungstheorien den „Anspruch der Aufklärung“ und bezieht die Ökologieproblematik in ihre Fragestellungen mit ein. Im Gegensatz zur Antimoderne lehnt sie die Moderne nicht prinzipiell ab, sondern verfolgt deren Weiterentwicklung (1996:26).

Im Rahmen der Modernisierungstheoretiker distanziert sich Beck thematisch von Spencer, Parsons und Luhmann, deren Erfahrungs- und Problemhorizont er noch weitgehend in der einfachen Moderne angesiedelt (Beck 1996:33) sieht, da sie die potentielle gesellschaftliche Selbstgefährdung nicht berücksichtigen.

Wie bereits in Abschnitt 2. dargestellt, benutzt Beck das Konzept der „reflexiven Modernisierung“ in Anlehnung an Max Weber. Beck führt hierzu aus, daß die Möglichkeit einer „Selbstrevision der Moderne“ (vgl. Beck 1986:135) bereits gedanklich, aber nicht explizit ausformuliert in Webers Schriften enthalten ist. Ähnlich wie Weber den Übergang des Menschen von der vorindustriellen in die industrielle Phase beschreibt, könnte man, so Beck, dessen Gedanken auch auf den Übergang der industriellen in die postindustrielle Gesellschaft und die darin implizierte Freisetzung der Individuen übertragen.

Mackensen (1988:7) geht demgegenüber davon aus, daß Beck den Begriff der „reflexiven Moderne“ in Anlehnung an Niklas Luhmann benutzt. Beck selbst greift zwar das von Luhmann geprägte Attribut „selbstreferentiell“ auf (Beck 1986:30), betont jedoch, daß das Konzept der „Selbstreferentialität“ auf einem Entweder-Oder-Prinzip basiere, welches die Ambivalenzen verkennt, die in der reflexiven Moderne aufbrechen (siehe hierzu Beck 1996:43).

Unter dem Einfluß des verstärkten Gefährdungspotentials der Risikogesellschaft findet ein gesellschaftlicher Wandel statt. Diese Veränderungen im Zuge der reflexiven Modernisierung bezeichnet Beck selbst als „Systemwandel des Politischen“ (1986:301). Dessen Auswirkungen manifestieren sich in zwei Bereichen, auf die im folgenden Teil dieser Arbeit eingegangen werden soll. Zum einen ist ein Machtverlust in den institutionalisierten Politikfeldern zu verzeichnen, der durch die Durchsetzung und Wahrnehmung von Bürgerrechten kompensiert wird (siehe hierzu den Abschnitt der Subpolitik). Zum anderen geht diese Entwicklung einher mit „sozialstrukturellen Veränderungen“ (1986:311), die durch den Übergang von der Nichtpolitik zur Subpolitik gekennzeichnet sind und zu einer Entgrenzung der Politik führen, deren mögliche Konsequenzen im abschließenden Teil dieser Arbeit behandelt werden.

4. Subpolitik

Wie Beck betont, besteht auf der Ebene der politischen Akteure eine starke Abgrenzung zwischen Subpolitik und Politik. Im Bereich der Subpolitik nehmen einzelne Berufsgruppen, Forschungsinstitute und Bürgerinitiativen auch außerhalb der offiziellen politischen Bühne an der Gesellschaftsgestaltung teil. Darüber hinaus unterscheidet sich Subpolitik von Politik dadurch, „daß nicht nur soziale und kollektive Akteure, sondern auch Individuen mit jenen und miteinander um die entstehende Gestaltungsmacht des Politischen konkurrieren“ (vgl. Beck 1993:162).

Entscheidend ist hierbei, daß bei gleichbleibenden Zuständigkeiten und Institutionen, die Gestaltungsmacht aus dem Bereich des Politischen abwandert in den Bereich der Subpolitik (1986:357). Politik findet nicht mehr ausschließlich in den Parlamenten und Parteien statt. Ein Stillstand in diesen „offiziellen“ Politikfeldern kann, so Beck, durchaus einhergehen mit einer aktiven politischen Selbstorganisation der Bürger auf allen möglichen Ebenen der Gesellschaft. Beck zitiert in diesem Zusammenhang Jürgen Habermas, der den „expressionistischen Politikbegriff“ geprägt hat (Beck 1993:156). Dieser Terminus umschreibt einen Politikbegriff, der nach Beck auchon des Politischen subsumiert Beck unter dem Begriff der Subpolitik.

5.1 Ausblicke auf m ö gliche Zunkunftsszenarien

Wie bereits in dieser Arbeit dargestellt wurde, verzeichnet Beck eine Verschiebung der Politik von den offiziellen Institutionen in den Bereich der Subpolitik. Im Anschluß daran skizziert er drei Varianten möglicher Zukunftsszenarien, die er als „Grauzonen“ einer Politikgestaltung bezeichnet (vgl. Beck 1986:358). Seine Theoreme einer möglichen, sich nicht gegenseitig ausschließenden politischen Zukunft lauten: Zur ü ck zur Industriegesellschaft, Demokratisierung des technologischen Wandels und differentielle Politik (1986:359). Die Lösung Zur ü ck zur Industriegesellschaft findet nach Beck´s Einschätzung breite Zustimmung in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Mit der Industrialisierung einhergehende Risiken werden nicht als Gefahr wahrgenommen, sondern im Zuge des allgemeinen Fortschritts als Herausforderungen gesehen. Das Basisinteresse bilden wirtschaftspolitische Prioritäten. Gerade in der, diesem System immanenten, Verharmlosung ökologischer Risiken sieht Beck ein soziales Gefährdungspotential, welches den Wunsch nach politischer Führerschaft forciert. Im Gegensatz hierzu orientiert sich das Konzept der Demokratisierung der technisch- ö konomischen Entwicklung an der Tradition der Moderne. Ausgangspunkt ist „die Einschätzung, daß im Neuerungsprozeß der Industriegesellschaft die demokratischen Selbstverfügungsmöglichkeiten institutionell halbiert wurden“ (1986:364). Dementsprechend bildet hier nicht der technisch-ökonomische Fortschritt den Impetus der Gesellschaftsveränderung. Gerade der technische Fortschritt wird im Zuge der Demokratisierung mittels parlamentarischer Kontrollen über betriebliche Technologieentwicklungen, dank Expertengutachten in sogenannten „Modernisierungsparlamenten“ oder unter Einbeziehung von Bürgergruppen in technologische Planungen kontrolliert (Beck 1986:365). Ein weiterer Grundgedanke ist die Einbeziehung der technisch-ökonomischen Subpolitik - Wirtschaft und Forschung - in die parlamentarische Verantwortung. Diese sollen sich in Basisentscheidungen vor dem Parlament rechtfertigen. Diesem Konzept liegt ein zentralistisches Demokratieverständnis zugrunde, welches Politik innerhalb der staatlichen Institutionen sieht.

Eine Abweichung hiervon wird als Versagen der Demokratie gewertet.

Dieser Zukunftsperspektive diametral entgegengesetzt ist das Prinzip der differentiellen Politik, deren Ausgangspunkt in der Entgrenzung von Politik liegt. Beck geht hier nicht mehr von nur einem Zentrum der Politik aus, sondern im Zeichen der reflexiven Moderne von flexiblen Politikfeldern. Bereits in der Indurstriemoderne enthaltene Ansätze von „Strukturdemokratisierung“, wie das Recht auf Pressefreiheit, werden im Bereich der Subpolitik weiter ausgebaut. Diese Entwicklung vollzieht sich in der „Nebenregierung der Privatheit“ (1986:369). Das einzelne Individuum wendet sich gegen tradierte Lebensmuster und verändert seine Form des Zusammenlebens ohne Gesetzesvorlagen, wie das Aufbrechen der Männer- und Frauenrollen zeigt. Somit ist Politik „nicht länger der einzige oder auch nur der zentrale Ort, an dem über die Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft entschieden wird“ (1986:371). Die zentrale Frage in Beck´s Analyse ist die der Kontrollmöglichkeit ökologischer Risiken seitens der Subpolitik. Laut Beck soll diese durch den Ausbau und die rechtliche Sicherung der Einflußmöglichkeiten der subpolitischen Akteure gewährleistet werden. Eine unabhängige Gerichtsbarkeit sowie eine starke und unabhängige Medienöffentlichkeit bilden für ihn die grundlegenden Gegenkontrollen. Angesichts einer möglichen diktatorischen Entartung der offiziellen Politik, plädiert Beck für die Möglichkeit der institutionell abgesicherten Selbstkritik (1986:372). Gerade in der innerbetrieblichen Auseinandersetzung um die Risiken eigener Produktionen und Entwicklungen, sieht Beck eine neue Aufgabe der Gewerkschaften. Er räumt ein, daß diese Regelungen zwar wünschenswert, momentan aber noch nicht absehbar sind.

5.2 Die Erfindung des Politischen

In seinem Werk Die Erfindung des Politischen (1993) bringt Beck die dargestellten Konzepte der reflexiven Moderne, der differentiellen Politik und der Entgrenzung der Politik des Politischen (1993) in einen Gesamtzusammenhang.

Ihren Ausgang nimmt die Erfindung des Politischen demnach in der Beilegung des Ost-West- Konflikts. Dieser signalisiert gleichzeitig das Ende einer Ordnung, die sich in einfache Feindbilder und „entweder-oder-Schemata“ einteilen läßt. An ihre Stelle tritt das Zeitalter des „und“, die Dualität politischer Konzeptionen. Der Kern der Theorie reflexiver Modernisierung sieht hier zwei mögliche Folgen voraus: zum einen sind dies Ansätze der Gegenmoderne, in der der Wunsch nach neuen Sicherheiten neofaschistische Tendenzen evoziert. Zum anderen aber, und hiervon handelt die Erfindung des Politischen, bietet sie die Möglichkeit, die Ziele und Gestaltungsformen der Gesellschaft und des Staates neu zu „erfinden“(vgl. Beck 1993:15f.). Gemeint ist nicht nur eine „regelausführende, sondern auch regelver ä ndernde Politik, nicht nur Politiker-Politik, auch Politik der Gesellschaft, nicht nur Machtpolitik, auch Gestaltungs politik, Kunst der Politik“ (1993:17f.).

Die politische Machtverschiebung von Parteien und Parlament zum Bürger, vollzieht sich zwar bei konstanten Institutionen, hinter den Politfassaden werden jedoch die Inhalte ausgetauscht. Hier setzt Becks Vorstellung des Verhandlungsstaates an, der den Handlungstaat ablöst (1993:216). Die Aufgabe des Staates beschränkt sich demnach primär auf die Verhandlungssteuerung der subpolitischen Akteure.

Auch in der Rechtsprechung plädiert Beck für eine weitgehende Auslagerung der Kompetenzen an die organisierte Subpolitik. Dem Staat verbleibt in der rechtlichen Gestaltung vorrangig die „zentrale Kontextsteuerung“ (1993:218).

Generell sollen sich die staatlichen Aufgaben auf die Bereiche beschränken, die die „Überlebensmaxime“ der Gesellschaft betreffen und in denen Verantwortung für die nachfolgenden Generationen übernommen wird. Dies betrifft den Bereich der Ökologie, in dem der Staat ein „prozessuales Monopol“ beansprucht (1993:218).

Der Staat muß legitimieren, daß ihm bestimmte Monopole nur auf Zeit zustehen und diese gegebenenfalls an die Gesellschaft abgeben.

Vor allem im militärischen Bereich hinterfragt Beck die bestehenden Institutionen. Beck rekurriert hier auf das von ihm geprägte Schlagwort der „militärisch halbierten Demokratie“ (1993:128). Dieser These zufolge ermächtigt das inszenierte Feindbild des Ost-West-Konflikts den Staat, Demokratie einzuschränken. Die Bekämpfung des Feindes, so Beck, hat oberste Priorität und wird mißbraucht, um demokratische Selbstverständlichkeiten außer Kraft zu setzen. In Anlehnung an diese These stellt Beck die generelle Notwendigkeit des Militärs in einem Staat zur Disposition.

Im Zeitalter des „und“ wird durch die Individualisierungsprozesse auch die Zuordnung zu den einzelnen Parteien immer schwieriger, da die traditionelle Parteienbindung entfällt. Das Individuum vereinigt mutiple Bilder in seiner Persönlichkeit, so daß die gängigen Rechts-Links- Schemata nicht mehr greifen. Der einzelne Bürger kann ein Befürworter des Umweltschutzes und ökologischer Parteien sein und zugleich aber in Fragen der Ausländerpolitik eine Auffassung vertreten, die dieser Partei zuwiderläuft. Die Vielzahl von Meinungen und Interessen führt zu einer Destabilisierung des Großparteiensystems, da diese nicht in ausreichendem Maße alle politischen Spektren abdecken. Ein möglicher Lösungsansatz ist, wie bereits dargestellt, der Weg über die direkte Einflußnahme in Bürgerinitiativen. Beck´s Konzept auf dem Weg in die „Bürgergesellschaft“ sieht darüber hinaus auch eine Verstärkung plebiszitärer Elemente vor, die nicht zwangsläufig verfassungsrechtlich per Volksentscheid herbeigeführt wird, sondern durch eine „Strukturdemokratisierung“ der Parteien (1993:225), Gewerkschaften und Unternehmensverbände. Als Beispiele zieht er den Vorschlag Claus Offes heran, auch Nichtparteimitglieder zur Wahl zu nominieren (1993:225). Beck selbst erachtet die Urwahl des Kanzlerkandidaten als eine denkbare plebiszitäre Mitbestimmung. Die Entkernung des Politischen findet hierbei bei konstanten Parteien statt, die jedoch mit neuen Inhalten gefüllt beziehungsweise erfunden werden müssen. Dies alles kann jedoch nur bei unabhängigen Medien geschehen. Primäres Ziel der Entgrenzung der Politik muß daher sein, den Parteieneinfluß auf die vierte Macht im Staat zu limitieren und sie der Kontrolle der Bürger zu unterstellen.

6. Zusammenfassung:

Fazit ziehen aus der „Entgrenzung der Politik“

>>Destabilisierung der Großparteien

>> Weg geht über Bürgerinitiativen

Beck stellt nur normative Forderungen auf, konkrete Umsetzungen bleiben offen Fenster öffnen : evtl. Kommunitarismus >> entweder ganz an den Anfang oder ganz an den Schluß

Vielleicht anbringen, daß die Initiative „mehr Demokratie für Hamburg“ im Beckschen Sinne wäre

Welche Fragen bleiben weiterhin offen?

> abklären, ob die Frage nach dem Funktionsverlust des Parlaments offen bleibt. Wird es dort einen Funktionsverlust geben?

Beck läßt viele Fragen offen, wenn es darum geht, wie soll die Öffentlichkeit die Medien kontrollieren. Was er aufstellt sind Postulate, jedoch nicht konkrete Schritte und Hilfestellungen für deren Umsetzung

Literaturverzeichnis:

Beck, U./Giddens, A./ Lash, S. (1996): Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Beck, U. (1993): Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung . Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Ebers, N. B. (1995):„Individualisierung“ bei Georg Simmel, Norbert Elias und Ulrich Beck. Eine vergleichende Analyse wissenschaftshistorisch ausgewählter Konzepte. Dissertation. Hamburg: Universität der Bundeswehr.

Joas, Hans (1990): Die Demokratisierung der Differenzierungsfrage. Die Krise des Fortschrittglaubens und die Kreativität des kollektiven Handelns, in: Soziale Welt, Jg. 41, S. 8-27

Mackensen, Rainer (1988): Die Postmoderne als negative Utopie (Rezension), in: Soziologische Revue, Jg. 11, S. 6-12.

Nohlen, D. u. Schultze, R.-O. [Hg.] (1995): Lexikon der Politik. Band 1. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung.

Zahlmann, C. [Hg.] (1994): Kommunitarismus in der Diskussion. Eine streitbare Einführung: Rotbuch Verlag.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Demokratie in der Risikogesellschaft nach Ulrich Beck
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Theoriekurs: Ausgewählte politische Theorien
Note
1,7
Autor
Jahr
1998
Seiten
14
Katalognummer
V95166
Dateigröße
356 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Risikogesellschaft, Ulrich, Beck, Theoriekurs, Ausgewählte, Theorien
Arbeit zitieren
Nicole Selzer (Autor), 1998, Demokratie in der Risikogesellschaft nach Ulrich Beck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95166

Kommentare

  • Gast am 7.11.2000

    Demokratie in der Risikogesellschaft.

    Ich habe Beck gelesen und wirklich Probleme gehabt das Buch zu verstehen. Jetzt habe ich zumindest einen Einblick, was er zum Ausdruck bringen will und habe die Thesen auch verstanden. Ich finde es ist eine sehr gelungene, sehr übersichtliche Arbeit.Durch die Aufgliederung der Themen fällt es auch nicht schwer den Text zu lesen. Sehr gelungen und gut verständlich.

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