Totalitarismusdiskussion und die DDR


Hausarbeit, 1997
12 Seiten, Note: 1

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Gliederung

1. Einleitung

2. Entwicklung des Totalitarismusbegriffes
2.1 Entstehung
2.2 Das 6-Punkte-Syndrom Friedrichs
2.3 Die weitere Entwicklung

3. Kritik - neue Chancen heute?

4. Die DDR - ein totalitärer Staat?

5. Zur Funktion der Totalitarismustheorie

6. Schlußbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit seinem Auftauchen unterlag der Begriff des Totalita-rismus ständigen Schwankungen. Seine Bedeutung wechselte je nachdem von welcher Seite oder zu welchem Zeitpunkt er be- nutzt wurde. Und auch heute wieder, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in der DDR und Osteuropa, ist das Konzept des Totalitarismus Brennpunkt wissenschaftlicher aber auch öffentlicher Auseinandersetzung. Vor allem für die Bewälti-gung der DDR-Vergangenheit aber auch des Nationalsozialis-mus scheint die Totalitarismustheorie hier Antworten zu ge- ben. Trotzdem besteht in der Diskussion noch lange keine Einigkeit, da sie behindert wurde durch ideologische Gra-benkämpfe, unwissenschaftliche Methodik und Dogmatismus.

Diese Arbeit soll einen kurzen Überblick über die Entwick-lung der Totalitarismustheorie zeigen. Von einer allgemei-nen Darstellung und Kritik soll dann die Frage beleuchtet werden, welche Anwendbarkeit diese Theorie für die Ge-schichte der DDR besitzt und welche Funktion sie in der politischen Auseinandersetzung im wiedervereinten Deutsch-land erfüllt.

Im ersten Teil der Arbeit geht es um die Entwicklung des Totalitarismusbegriffes. Ausgehend von seiner Entstehung wird etwas tiefer auf das 6-Punkte Syndrom von Carl J. Friedrich eingegangen, da es auch heute noch von Bedeutung ist. Nach der weiteren Entwicklung bis heute folgen einige allgemeine kritische Anmerkungen. Im vierten Teil wird das Problem der totalitären DDR behandelt. Im fünften Abschnitt geht es um die Funktion der Totalitarismustheorie im poli-tischen Alltag der Bundesrepublik. Zum Schluß wird noch einmal zusammenfassend Stellung genommen.

2. Entwicklung des Totalitarismusbegriffes

2.1 Entstehung

Der Ursprung des Begriffs Totalitarismus liegt in Italien. Einige frühe Kritiker des Faschismus (G. Amendola, Lelio Basso, F. Turati, H. Heller) waren es, die Anfang der zwanziger Jahre Mussolini vorwarfen, einen "stato totalita-rio", einen totalen Staat anzustreben. Mussolini wies die-sen Vorwurf keineswegs von sich, sondern bekannte sich 1925 mit folgenden Worten zu diesem totalen Staatsverständnis: "Alles für den Staat, nichts außerhalb des Staats, nichts gegen den Staat."

Die Form der gewaltsamen Gleichschaltung des Staates und der terroristischen Machtausübung der Faschisten in Italien ähnelte den Praktiken der Kommunisten in der Sowjetunion derart, daß Beobachter schon in den zwanziger Jahren damit begannen, die beiden Regime miteinander zu vergleichen. Nach 1933 wurden schließlich die Nationalsozialisten in die vergleichende Analyse einbezogen; zum einen bekannten sie sich selbst zum totalen Staat, zum anderen erschien die nationalsozialistische Machtergreifung und der Prozeß der Gleichschaltung des Dritten Reiches wie eine Kopie des Vorgehens der italienischen Faschisten. Ungeachtet der gegensätzlichen ideologischen Ziele der Diktaturen in Ita-lien, Deutschland und in Rußland gingen Wissenschaftler in den dreißiger Jahren dazu über, diese Staaten als totalitä-re Herrschaftssysteme zu charakterisieren.

Auf dem ersten wissenschaftlichen Symposium über den "tota-litären Staat" 1939 beschrieb Carlton J.H. Hayes die Züge des neuen Phänomens des Totalitarismus in folgenden Merkma- len: er monopolisiere Gewalt, stütze sich auf die Massen, bediene sich neuer Mittel der Propaganda, übe eine große Faszinationskraft durch seinen Missionsglauben aus, ferner habe er ein neuartiges System von Methoden und Techniken entwickelt, benutze Macht nicht nur als Mittel zum Zweck und stelle eine Revolte gegen die historische Kultur des Westen dar.

Doch 1941 ging diese erste Phase der Totalitarismusdiskus-sion abrupt zu Ende. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion, hatte sich die "freie Welt" mit Stalin verbün-det. Zu dieser Zeit erschien es nicht opportun, den Verbün-deten als totalitär zu bezeichnen und mit dem gemeinsamen Feind gleichzusetzen. Fortan konzentrierte sich die Tota- litarismusforschung auf den Nationalsozialismus.

2.2 Das 6-Punkte-Syndrom Friedrichs

Nach 1945, als das Zweckbündnis zwischen der Sowjetunion und den Westalliierten mit dem Kalten Krieg zerbrach, fie-len die Rücksichtnahmen weg, und die vergleichende Totali- tarismusforschung blühte geradezu auf. Carl Joachim Frie-drich nahm damals mit seinem klassifikatorischen Sechspunk-tesyndrom einen zentralen Platz ein, und noch heute hat seine Theorie einen großen Einfluß.

Friedrich und sein damaliger Mitarbeiter Zbigniew Brzezin-ski behaupteten, daß die totalitäre Diktatur historisch eine Neuerung und sui generis sei. Sie schlußfolgerten, daß faschistische und kommunistische totalitäre Diktaturen sich im Grunde ähnlich sind oder einander jedenfalls mehr glei-chen als irgend einem anderen Regierungssystem, einschließ-lich älterer Formen der Autokratie. Totalitäre Regime sind, im Sinne von Organisation und Verfahrensweise - das heißt, im Sinne von Struktur, Institution und Herrschafts-prozessen - im Grunde gleichartig. Sie sind aber nicht ganz gleichartig. So gibt es Unterschiede in ihren anerkannten Zielen und Absichten sowie in ihren historischen Vorausse-tzungen. Trotzdem stuft Friedrich sie als genügend gleich-artig ein, um sie in eine Klasse einordnen und nicht nur konstitutionellen Systemen, sondern auch älteren Typen der Autokratie gegenüberstellen zu können.

Das "Syndrom" oder Schema in wechselseitiger Beziehung stehender Merkmale besteht aus einer Ideologie, einer ein-zigen Partei, die charackteristischer Weise von einem ein-zelnen geführt wird, einer terroristischen Polizei, einem Monopol der Kommunikationsmittel, einem Waffenmonopol und einer zentral gelenkten Wirtschaft. diese sechs Grundzüge bilden eine Gruppe von miteinander verflochtenen und sich gegenseitig stützenden Eigenschaften, wie das bei "organi-schen" Systemen üblich ist. Sie sollten daher nicht iso-liert betrachtet zum Brennpunkt von Vergleichen gemacht werden.

Die totalitären Diktaturen besitzen alle folgendes:

1. Eine Ideologie, die alle lebenswichtigen Aspekte umfaßt und an die sich jeder zumindest paasiv zu halten habe.

Die Ideologie ist auf einen idealen Endzustand der Mensch-heit ausgerichtet. Sie gründet auf einer radikalen Ableh-nung der bestehenden Gesellschaft und der Eroberung der Welt für eine neue.

2. Eine einzige Massenpartei, von dem "Diktator" geführt, in der ein fester Stamm der Ideologie leidenschaftlich und ohne Vorbehalte anhängt und bereit ist, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Übernahme in jeder Weise zu fördern. Die Partei ist hierarchisch, oligarisch organisiert und der Staatsbürokratie entweder untergeordnet oder völlig damit verflochten.

3. Ein Terrorsystem, auf physischer und psychischer Grundlage, das durch Partei- und Geheimdienst-Kontrolle verwirklicht wird. Der Terror richtet sich nicht nur gegen erwiesene "Feinde" des Regimes, sondern auch gegen mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Klassen der Bevölke-rung.

4. Ein nahezu vollständiges Monopol der Kontrolle aller Mittel wirksamer Massenkommunikation, wie Presse, Funk und Film, in den Händen von Partei und Staat.

5. Ein nahezu vollständiges Monopol der wirksamen Anwendung aller Kampfwaffen.

6. Eine zentrale Überwachung und Lenkung der gesamten Wirt-schaft durch die bürokratische Koordinierung vorher unab-hängiger Rechtskörperschaften.

2.3. Die weitere Entwicklung

Die Hochzeit der Totalitarismusforschung hielt bis 1956 (Beginn der Entstalinisierung) an. Neben Friedrich widmeten sich auch viele andere Autoren diesem Thema. Erwähnenswert wäre hier noch Hannah Arendts. In ihrem Standardwerk "Ele-mente und Ursprünge totaler Herrschaft" wird der Terror zum konstitutiven Merkmal des Totalitarismus.

Seit Beginn der sechziger Jahre wird die klassische Totali-tarismustheorie immer mehr in Frage gestellt. Wichtige De-finitionskriterien zur Analyse kommunistischer Systeme der nachstalinistischen Zeit scheinen nicht mehr zu taugen. Vor allem der entscheidend zurückgegangene Terror in der Ära Chruschtschow bringt die klassische Theorie ins Wanken. Das Erkenntnisinteresse verschiebt sich von der Ausdifferen-zierung einer Idealtypologie zu stärker empirisch ausge-richteten Untersuchungen.

Als Ende der sechziger Jahre die Entspannungspolitik zwi-schen den Großmächten zu greifen begann und die kulturrevo-lutionäre Bewegung der 68er sich entfaltete, geriet die vergleichende Totalitarismusforschung mal wieder in Verges-senheit. Es herrschte die Auffassung vor, das Totalitaris-muskonzept sei überlebt. Wer daran festhielt, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, er plädiere für eine "Politik gegen die Entspannung".

Gleichwohl erlebte das Totalitarismuskonzept in den achtzi-ger Jahren aufgrund verschiedener Faktoren eine Renaissan-ce, so u.a. durch die Verhärtung der Fronten zwischen den Großmächten, die offenkundige Reformunfähigkeit der kommu-nistischen Systeme, die Begrenztheit anderer wissenschaft-licher Ansätze und nicht zuletzt auch durch Dissidenten aus dem Ostblock. (Solschenizyns Archipel Gulag)

1986 kam es in der Bundesrepublik zu dem von Ernst Nolte ausgelösten Historikerstreit. Er stellte den "Bolschewis-mus" als den ursprünglichen Schuldigen für die politischen Massenverbrechen hin.Der Faschismus war für ihn nur die reaktive Kraft, der defensive Gegner, der sich selbst erst im Abwehrkampf die Hände schmutzig gemacht habe.

3. Kritik - neue Chancen heute?

Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Osteuro-pas steht die oft schon totgesagte Totalitarismustheorie wieder vor einem ungeahnten Aufschwung. Trotzdem zeichnet sich aber immer noch keine Einigung über die Bedeutung des Begiffs ab. Vielmehr ist eine ganze Reihe unterschiedlicher Ansätze entstanden.

Die Konzeption des Totalitarismus war schon immer gefangen im Spannungsfeld zwischen normativer Betrachtung und empi-rischer Analyse. Vor allem das ständige Auf und Ab zeigt den großen Einfluß des jeweils vorhandenen Zeitgeistes. Im Kalten Krieg wurde die Totalitarismus-Konzeption für ideo-logische Zwecke instrumentalisiert, um den Gegner zu ver-teufeln und ein wirksames Feindbild aufzubauen. In Deutsch-land diente sie in der Nachkriegszeit zur Entlastung der am Faschismus mitwirkenden gesellschaftlichen Eliten und zur Reintegration in die Gesellschaft der Bundesrepublik. Zu Zeiten der Entspannung aber wurde das Thema tabuisiert und man wurde teilweise blind für die vielen Verbrechen, die - obwohl sicherlich abgemildert - immer noch existierten.

Insbesondere der Wandel in der nachstalinistischen Zeit brachte die klassische Totalitarismustheorie ins Wanken. Trotzdem versuchte man hartnäckig an der Konzeption fest-zuhalten. So war Friedrichs Korrektur an seinem Kriterien-katalog Gegenstand heftiger Kritik. Friedrich hatte ange-sichts der Entwicklungen der nachstalinistischen Ära eine Neubewertung der Wesenszüge vorgenommen. Der Begriff "phy-sischer Massenterror" wurde durch "voll entwickelte Geheim-polizei" ersetzt. Nun konnten auch die nachstalinisti-schen Systeme mit in den Vergleich einbezogen werden. Die ursprünglichen Idealtypen totalitärer Diktaturen Stalins und Hitlers wurden nun als extreme Abweichungen bezeich-net. Lothar Fritze schreibt dazu: "Die von Friedrich vor-genommene Neufassung des Begriffs der totalitären Diktatur ist gemessen an der politischen Grunderfahrung des Totali-tarismus inakzeptabel. Friedrich hat - freilich wider Wil-len - eine Konzeption der totalitären Diktatur entworfen und später weiterentwickelt, deren begriffliche Unschärfe zur Chaotisierung der heutigen Totalitarismusdiskussion wirkungsvoll beiträgt." und weiter "Die versuchte Weiter- entwicklung seiner Konzeption endet damit in ihrer Selbst-auflösung."

Die Entstehung und Modifizierung der Totalitarismustheorie ist eng an die gesellschaftspolitische Entwicklung geknüpft. Die Hoffnung auf bessere Chancen für eine vor-behaltlose ideologie- und propagandafreie Aufarbeitung nach der Wende 1989 scheint mir sehr fragwürdig. Denn die Totalitarismustheorie ist Form eines komplexen politischen Inhalts, der die Legitimation bestehender Verhältnisse und die Ausgrenzung von (politischen) Extremen zum Ziel hat.

Und dies hat sich nach dem Wegfall der Mauer nicht geän-dert. Ganz im Gegenteil wird nun versucht, nach dem Verlust der alten Feindbilder mit Hilfe der Totalitarismustheorie neue Feindbilder zu schaffen. Diese richten sich gegen äußere Feinde, wie beispielsweise die neue Bedrohung durch den islamischen Fundamentalismus oder gegen innere Feinde wie die Totalitarismuskeule gegen die PDS im Superwahljahr 1994.

4. Die DDR - ein totalitärer Staat?

Nach dem Zusammenbruch des "real existierenden" Sozialismus scheint die Totalitarismustheorie ihren größten Sieg zu feiern. Obwohl die Anhänger des Konzeptes den Zusammenbruch nicht vorhersagten, fällt es auch schwer, diesen auf Grund-lage der Totalitarismustheorie zu erklären. Trotzdem und trotz aller methodischen Probleme sieht man im Großen und Ganzen das Konzept des Totalitarismus als bestätigt an.

Sogar eine grundlegende Kritik ist so gut wie verschwunden.

Nach dem Zusammenbruch der DDR erlebt nun auch im wieder-vereinigten Deutschland die Totalitarismusdiskussion eine erstaunliche Renaissance. Nachdem die Enquete-Kommission feststellte, daß das SED-Regime schon von den Grundlagen her totalitär gewesen sei, wird nun unvermindert daran festgehalten, daß mit dem Mauerfall ein totalitäres System namens DDR sein Ende fand. Es geht aber nicht nur um die Frage ob die DDR totalitär war oder nicht. Denn nun kann die DDR auch mit anderen totalitären Systemen verglichen werden. "Jetzt werden keineswegs mehr nur Hitler und Stalin, sondern ganz ernsthaft Hitler und Honecker, Auschwitz und Bautzen, die DDR mit dem Dritten Reich verglichen und gleichgesetzt. Die - zweifellos notwendige - Aufarbeitung der Geschichte der DDR geschieht im ständigen Vergleich mit der des Dritten Reiches."

Wenn man nun der Frage nachgeht ob die DDR totalitär gewe-sen ist oder nicht, hängt alles davon ab, welcher Kriteri-enkatalog benutzt wird. Gerade aber die unterschiedlichen Sichtweisen zum Totalitarismus erschweren eine eindeutige Zuordnung. Benutzt man den klassischen Sechs-Punkte-Katalog Friedrichs, so läßt sich die DDR auf den ersten Blick als totalitär identifizieren. So gab es mit dem Marxismus-Leni-nismus eine Ideologie mit Verfassungsrang und mit der SED eine Partei mit dem Anspruch auf das Herrschaftsmonopol, geführt von Ulbricht und später Honecker. Mit dem Staats-sicherheitsdienst existierte eine Polizei, die ihre Ziele mit terroristischen Mitteln verfolgte, desweiteren die Nationale Volksarmee als Ausdruck des Gewaltmonopols der SED. Die Medien waren zentral kontrolliert und auch die Wirtschaft wurde bis in kleinste zentral gelenkt.

Bei genauerer Betrachtung bestehen jedoch Zweifel an dieser schnellen Zuordnung. So gab es durchaus die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, und die Blockparteien besaßen ein gewisses Maß an Eigenständigkeit. Es wird auch schwierig, den Terror durchgängig nachzuweisen. Phasen intensiven Ter-rors werden von Ankündigungen verstärkter Rechtssicherheit abgelöst. Auch das militärische Gewaltmonopol der SED er-weist sich als problematisch, da immer mehr sowjetische als deutsche Soldaten im Gebiet der DDR stationiert waren und die NVA im Rahmen des Warschauer Paktes sowjetischem Ober-befehl unterstand. Aber vor allem das Kommunikationsmonopol ist stark anzuzweifeln, da es ständig von westdeutschen Fernsehprogrammen unterlaufen wurde. Auch die zentral ge-lenkte Wirtschaft kann heute kaum noch als "totalitär" be-zeichnet werden, wenn auch "kommandowirtschaftliche" Muster unübersehbar sind.

Jesse stützt sich bei seiner Analyse auf die Typologiever-suche von Juan J. Linz. Für ihn unterscheiden sich totali-täre Diktaturen von autoritären nach dem Grad des politi-schen Pluralismus, nach dem Grad der ideologischen Ausrich-tung und nach dem Grad der gelenkten politischen Mobilisa-tion. Jesse nimmt als vierten Grad den der politischen Repression hinzu. Er problematisierte den vielfach v012

5. Zur Funktion der Totalitarismustheorie

Wie man sieht, gibt es doch ernstzunehmende Kritik an der Theorie einer totalitären DDR. Doch es stellt sich die Frage, warum trotzdem mit aller Kraft an dieser Theorie festgehalten wird. Meiner Ansicht nach liegt es an der starken Funktionalität der Totalitarismustheorie. Ursprüngliches Ziel war der Vergleich zwischen "rechten" und "linken" Diktaturen, hauptsächlich bezogen auf Hitler-deutschland und die Sowjetunion Stalins in Abgrenzung zu den westlichen Demokratien. Dem Wandel in der Zeit nach Stalin begegnete man mit einer Modifizierung der Totalita-rismustheorie und nun reihte sich auch die DDR in die Riege der totalitären Regime ein. Von vornherein stand dabei fest, daß die Systeme gleichartig sind, jedenfalls mehr oder weniger genug jedoch, um sie in einer Klasse unter einem Begriff zusammenzufassen. Obwohl gegen einen wissen-schaftlichen Vergleich nichts einzuwenden ist, so öffnet doch die Totalitarismustheorie einer Gleichsetzung von "rechten" und "linken" Diktaturen Tür und Tor. Und es scheint fast so, daß dies das eigentliche Ziel der Totali- tarismustheorie ist. Denn auch heute wird mit der Gleich-setzung von rechts und links Politik gemacht.

Auf Ausstellungen, bei denen der Widerstandskämpfer gedacht wird, stehen Widerständler gegen das Naziregime und Opposi-tionelle aus der DDR nebeneinander. Auch werden Gedenkstät-ten umfunktioniert, um gleichzeitig den Opfern linker wie rechter Diktaturen zu gedenken - mit der Begründung, daß es den Opfern egal sein könne, ob sie unter rotem oder braunen Terror litten. Doch was den Leidenden egal sein kann, darf der Wissenschaft nicht egal sein. Hier wird bewußt ein Stück Geschichte verfälscht, wie auch in Lehrbüchern, in denen gleich nach dem Kapitel des Dritten Reiches das Kapi-tel der totalitären DDR folgt, deren Geschichte sich auf den 17. Juni, Mauerbau und Stasi verkürzt.

Die Totalitarismustheorie spielt in der heutigen öffentli-chen politischen Auseinandersetzung eine wichtige Rolle. Zum einen soll ein Schlußstrich unter der nicht sehr rühm-lichen Vergangenheit gezogen werden. Zum anderen wird die Totalitarismustheorie gegen linke Kräfte und ihre Ansprüche instrumentalisiert. Sogar der Wohlfahrtsstaat wird jetzt schon von konservativen Kreisen als totalitär bezeichnet und abgelehnt. Bei Jesse kommt die Funktionalität ganz klar zum Ausdruck:"Das Totalitarismuskonzept ist auch als Schlüsselbegriff für das Legitimationsverständnis des demo-kratischen Verfassungsstaates unverzichtbar. Wer seiner Delegitimierung vorbauen will, muß ... [einer] Eliminierung des Ansatzes entgegensteuern." Auf Grundlage normativer Werturteile wird hier dogmatisch jede Kritik abgewiesen und hartnäckig am eigenen Konzept festgehalten.

6. Schlußbemerkung

Wie die Geschichte der Totalitarismustheorie mit ihren Schwankungen zeigt, war der Totalitarismus immer ein Kampf-begriff und ist es auch heute geblieben. Und gerade dies macht die heutige Diskussion und eine wissenschaftliche wertfreie Arbeit so schwierig. Denn das Totalitarismuskon-zept besitzt einen starken normativen Charakter und dessen sollte man sich bewußt sein.

Doch was ist nun heute von diesem Konzept zu halten - im allgemeinen und insbesondere für die DDR. Meiner Ansicht nach wäre es besser gewesen, das "Zeitalter des Totalita-rismus" mit dem Tode Hitlers und Stalins enden zu lassen und für die Nachfolgesysteme neue Begriffe zu finden. Die Ausdehnung des Konzeptes trug maßgeblich zur Unschärfe bei und behinderte mit der Gleichsetztung eine exakte ge-schichtliche Aufarbeitung.

Doch das Festhalten an der Totalitarismustheorie hatte durchaus seine Gründe, die aber weniger wissenschaftlicher Natur waren. "Zweck der intensiven Verbreitung der "totali- tarismus"-theoretischen Denkmuster und der Kritik am "Tota-litarismus" war, die Gesellschaft immun zu machen gegen die Verlockung der Herrschaft von Kommunisten"

Und auch heute nach dem Wegfall des alten Feindes erfüllt die Totalitarismustheorie ihre Aufgaben. Zum einen wird auf ihrer Grundlage Geschichte interpretiert, desweiteren wird in der politischen Auseinandersetzung mit dem "rechts gleich links" Argument Politik gemacht. Die Totalitarismus-theorie eignet sich auch bestens zur Schaffung neurer und zur Bewahrung alter Feindbilder und sie ist unverzichtbar für das Legitimationsverständnis westlicher Demokratien, insbesonder Deutschlands.

Die Kennzeichnung der DDR als totalitären Staat würde ich abgesehen von der unmittelbaren Nachkriegszeit, also von den Lebzeiten Stalins, ablehnen. Die Gefahr einer Gleich-setzung und die Konzentration auf die Gemeinsamkeiten mit gleichzeitigem Verlust der doch bestehenden starken Unter-schiede stehen gegen die Totalitarismustheorie. Sinnvoller wäre es, die DDR als nicht-totalitäres System im Rahmen einer vergleichenden Diktarturforschung zu beschreiben.

7. Literaturverzeichnis

BALLESTREM, Karl G.: Aporien der Totalitarismus-Theorie, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): a.a.O., S.237-251

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FRIEDRICH, Carl J./BRZEZINSKI, Zbigniew: Die allgemeinen Merkmale der totalitären Diktatur, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.), a.a.O. S.225-236

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HOFFMANN, Christa: Stunden Null? Vergangenheitsbewältigung in Deutschland 1945 und 1989, Bonn, 1992

JESSE, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert : eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn, 1996

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SCHÖNGARTH, Michael: Die Totalitarismusdiskussion in der Bundesrepublik 1990 bis 1995, Köln, 1996

SYWOTTEK, Arnold: "Stalinismus" und "Totalitarismus" in der DDR-Geschichte, in: Deutsche Studien 30(1993)117/118, S.25-28

WIPPERMANN, Wolfgang: Ist Rot gleich Braun? Totarlitar-ismus - Theorien und ihre Renaissance, in: Evangelische Kommentare, 28(1995)7, S.386-388

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Totalitarismusdiskussion und die DDR
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Veranstaltung
Vorlesung Vergleich polititscher Systeme, Institut für Politikwissenschaft
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
12
Katalognummer
V95176
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kritik und Anregungen gerne an mich
Schlagworte
Totalitarismusdiskussion, Vorlesung, Vergleich, Systeme, Institut, Politikwissenschaft
Arbeit zitieren
Andreas Fiedler (Autor), 1997, Totalitarismusdiskussion und die DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/95176

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